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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 16
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XV.

Vom Glockenstuhl der Seele

Jetzt geht's hinauf, Elselein, hoch in den Turm des Lebens, wie wir schon einmal so hinaufgeklettert sind in die schlanke Kuppel eures Dorfkirchleins, das oben das goldene Kreuz ziert! Wie hast du dort staunend und in leiser Scheu mitbebend um dich gesehen, als die Riesenklöppel auf- und niederfuhren, wenn Piepkorns Knaben tief unten fleißig an den Strängen emporsprangen. Wie hast du ehrfurchtsvoll die Andachtsstätte bewundert, wo das erschütterte Metall seine Wehmut und seine Sklavenqual über die Fluren niederstöhnte und an Menschenohren pochte: »Wacht auf zu Gott und betet!« Aber jetzt will ich dir eine andere Krönung königlicher Lebenstempel zeigen und mit dir ins Innere einer stolzen Kuppel fahren, wo leicht und willig eine Schar von Glöckchen klingt, deren stille Harmonie erhabener und tausendmal mächtiger ist, als jeder Glocke Schellenwerk aus Erdenstoff und seien sie aus Gold oder Silber und besetzt mit Edelsteinen oder einem Band von Kronen! Denn wir steigen auf zum Glockenstuhl der Gedanken!

Schon sind wir in den Vorhallen. Sieh', diese mächtigen Pfeiler, weißlich hohe Säulen, gerifft und gerillt, zwischen denen wir uns emporwinden! Es sind Bündel jener feinen Seilchen, die du in der zerrissenen Stirnwunde von den Wundhöhlen hängen sahst; sie sammeln brüderliche Zweige rechts und links, aus allen Gliedern, allen Teilen, allen Provinzen dieses Riesenreiches und ziehen empor zu einem langen, langen Säulenschaft. Außen ist alabasterne Helle, innen wundersame Marmorfärbung, die im Querschnitt dieses Riesenschaftes das Bildnis eines braungoldenen Schmetterlings mit ausgespreizten Flügeln zeichnet.

Kennst du die Fruchtbonbons für Leckermäulchen, Else? Die kleinen, runden, roten und grünen Säulchen mit dem Blümchen, dem Sternchen im Kerne umhüllt von glashellen Zuckerröhrchen? Es ist ein Bild des Querschnittes des Rückenmarkes, dieser Zentralsäule unseres Riesendomes, dessen Höhe wir erklimmen müssen. Ach, überall, wo Leben ist, da ist auch Schönheit: die Natur schreibt kleine Schrift und Riesenlettern mit gleichem Griffelschwung, und zwischen ihren Zeilen liegen noch verborgen Tausende schöner Möglichkeiten und stille Andeutungen unausdenkbarer, noch verhaltener Trunkenheiten von Form, Linie und Farbe! In den Schwingen dieser Schmetterlingssäule, dem Rückenmark, schwebt alles Gefühl in tausend Strähnen leitender Bahnen vom Fühlkörperchen der Fingerbeere, die sanft die Orgeltaste niederdrückt, von allen Bündeln, die die schattengeborenen Reize im Innern des Leibes aus den Wurzeln der Eingeweide einfangen. In ihnen sind Wellenzüge eingebettet, die Warm und Kalt, Stich und Stoß, Streicheln und Liebkosen, das Strömen der Luft, das Feuchte und das Feurige, der Dinge Form und Härtegrad hinaufrollen bis in die Kuppel des Gebäudes! Hier oben schwingt die letzte, unsichtbare Glocke, die alle Meldungen an sich nimmt und verzaubert in schwebende Reigen – die Seele! – Vorn und rückwärts am Mark sind zwei große Läutebündel von Glied zu Glied der großen Marksäule der Meldungen eingelassen: die Meldungen gleiten hin und her vom Stamm zur Krone, von der Krone zum Stamme! Hier finden wir wiederum eine Erinnerung an eine von der Natur langsam erworbene Bildnerkunst, die sie nie wieder vergißt. Das Mark ist eingeteilt wie ihr sie tief verbergender Ringpanzer, die Wirbelsäule, in einzelne, fast kreisrunde Abschnitte, die sich wiederholen wie beim Wurm. Jedes solches Ringelglied der großen Stammsäule der Empfindungen und der Leitungen beherrscht ein ganz bestimmtes Gebiet wie ganz ähnlich des Landrats Stube mit ihren dort ausgeheckten Befehlen den ganzen Kreis. Wie jeder Kreis zum andern kommt und die Provinz zu Provinzen und diese den Staat bilden, so addiert sich auch im Gebiet des großen Läutewerks der Seele alles aus einzelnen Abschnitten zum großen Bienenstock der Empfindungen wundersam vereinigt empor. Zu ihm strebt der große Wunderbaum, der ja auch einst aller Säulen Urbild war – der Stamm mit unzählbaren Schilfröhren, Rohrhalmen, Stricken mit goldenen Eimerchen und Tausträngen von den Wurzeln zum Stamm sich sammelnd und in der Krone die Arme tausendfach gespalten in das Reich der Höhe ausbreitend. Das ist genau auch das Bild des Rückenmarkes, das sich zum Mark des Schädels ausbreitet zu Zweigen tausendfach! Wie alle letzten Zweiglein Mütterchen tragen, die wohl silberfein klingen im Winde hin und her, so tragen auch die letzten Äste dieses Nervenbaumes das zitternde Heer aller Glöcklein der letzten Wahrnehmungen, die zwar kein Wind bewegt, die aber dennoch auf das Wundersamste zum Schwingen gebracht werden. Da ist ein Etwas lebendig, wovon auch die Wissendsten unter euch gerade nur eine leise Ahnung erhalten haben. Es ist ein Wallen einer Erschütterung, die sich in den kleinen Drähtchen fortschiebt wie eine Kette von Stößen.

Wir wollen einmal in der Oberwelt ein einfaches Experiment machen: da legen wir zehn Geldstückchen in eine Reihe nebeneinander zu gerader Linie geformt, so daß sie sich ohne Lücke berühren, eins das andere gerade streifend. Nun rücken wir das rechte ein wenig ab aus der Kompanie und schnellen es flach auf dem Tisch gegen seinen Nachbarn, so daß es einen Stoß gibt. Was geschieht? Alle Geldstückchen bleiben liegen an Ort und Stelle, nur das letzte links fliegt über die Tischdecke ein gut Stück fort aus der Linie. Da hat sich eine Bewegungswelle durch Stoß gebildet. Solche freilich anders gerichtete Wellen erregt auch das Gefühl an den kleinen Tastern deiner Haut, noch andere auf und nieder schwingende Wellen umkreisen kleine Lichtscheibchen in deinem Auge, andere stoßen an die Schneckenharfe deines Ohrs, noch andere prallen an die Riechkolben deiner Nasenplatten und so fort, so viel Sinne du hast, so viel von einem, solchen Wechselstößen angepaßtem Fangnetz ist eingehängt, wie ein Sternchenhimmel in die Organe, die dich leiten sollen auf Schritt und Tritt und mit Gedanken auf Gedanken! Und alle diese kleinen Stöße rollen weiter wie kleinste Kegelkugeln durch die Zweigbahnen in größere Stämme, durch diese in Bündel und diese zur großen Säule und in ihnen empor zum Glockenstuhl, um hier, jedes Kegelkügelchen in seiner Weise, anzuprallen: das eine rollend, das andere hüpfend, das dritte bohrend, das vierte strichelnd oder bogenschießend. Diese kleinen Silberkügelchen der Bewegung sind es eben, die die Blättchen an den Nervenästen klingen lassen, und aus der Art ihrer Erzitterung könnten wir, nahe herangelangt, wohl entscheiden, woher die Glöcklein läuten, ob die Augen-, Ohr-, Geschmack- oder Hautklöppelchen auf ihnen herumpoltern und sogar verschiedene Tonhöhen und Klangfarben hervorbringen. Nicht anders verfährt ja die Seele, diese große unsichtbare Sammlerin der Klänge, die erst der Symphonie Sinn und Deutbarkeit gibt! Von ihr wollen wir aber später sprechen! Ich muß dir nur noch einiges zeigen an ihren Apparaten.

Wir sind jetzt höher und höher gekommen den Verästelungen des Nervenstammes entlang, die ja nur zum Unterschied von wirklichen Bäumen wie Halme stehen, die zusammengeschnürt sind und – jetzt sind wir hineingelangt in die Kronen der Halme, ins Gebiet der dicht nebeneinander festgefügten Ähren.

Da schau'! Wie gerade solch eine Seelenähre, von der es wohl viele Millionen in dieser uns umgebenden Glockenwelt gibt, von Korn zu Korn erzittert, glüht und leuchtet! Ein Strom einer so schnell zitternden Bewegung, daß die einzelnen Glöcklein ein bißchen wie Phosphorglühen zeigen, schoß vom Ästchen einer Ähre in alle kleinen Seitenglocken hinein. Sie klingen und singen, glühen auf und verlöschen, und, o wundersames Funkenspiel, von Ähre zu Ähre zuckt zündend der Strahl! Welch ein Ringeln von Lichtnattern schöner Farbenkreise! Welch Übersprühen! Wie reichen sich die Glieder die Geisterhände, wie spielen goldene Weberschiffchen und all die schönen Lichtspindlein hin und her! Und sieh'! Jedesmal, wenn solch ein sich ringelnder Strom von Ast zu Ast, von Ähre zu Ähre schwingt, genau als wenn ein kleiner Goldfasan von Blätterlücke zu Blätterlücke hüpft, dann schließt sich vorher der Strom von Blut, der sonst so schön die goldenen Ähren umgreift und wie ein leuchtender Nebel durch Ast und Zweige weht. Jedesmal, bevor das Glockenspiel leuchtet und die Feuerkränzlein tönen, schwindet der leuchtende Nebel von Blut, und du kannst deutlich sehen, daß nur dort die Feuerblitzchen sich berühren, wo der Nebel weicht und dem Kettlein der Erzitterungen den Weg weist. Das heißt: die aufgenommenen Schwingungen der kleinen Auffaserungen im Geäst machen alle kleinen Blättchen, in die ihre Ästchen enden, zwar erzittern, aber die Erzitterung pflanzt sich nur fort, wenn die Gardine der Ähre von Ähre scheidenden Nebelwellen des Blutes fortgezogen ist. Das aber besorgt im letzten Sinne ein uralter Glockenmeister, der ist älter als der ganze Glockenstuhl; er hat ihn erst selbst erfunden zu seiner Bequemlichkeit, das ist der Nervenmeister. Überall' im Leibe, der tausend, tausend Arme hat, mit denen er alle Ströme umfaßt, alle Organe durchwurzelt, das Herz durchzieht mit Spinneweben und so eigentlich der Stromdirektor aller Blutwellen genannt werden kann, der Mitleidsnerv, Urvater Sympathikus. Du siehst Abkömmlinge seiner kleinen Fäuste überall um die Blutnetzchen sich ringeln, welche die Zitterähren, die Schilfblütchenbündel rings umfassen. Er, dieser alte Turmwächter des Glockenstuhls, Kellermeister und Kämmerer zugleich in allen Tiefen des Lebens ist es, der dies Spiel von Glockenklingen und Schalldämpfern mit Ein- und Ausschalten der unzähligen Glühlämpchen von Alters her besorgt. Er ist der Herr des Schlafes und Traumes; denn, wenn die Sonne sinkt, so zieht er seine dichten roten Vorhänge und Polster über die kleinen tönenden und leuchtenden Glocken, und nur hier und da geht ein Summen durch den Uhrenglockenwald, leise und geisterhaft, als wenn ein Sordino den Schall der Geigensaiten fern und seelenhaft macht: dann träumt die Seele. Steigt aber das Sonnenlicht hell empor, so rückt er auf einmal alle Vorhänge fort und zu neuem Leben und Erwachen zucken tausend Flämmchen in dem Ährenfeld auf: die Wahrnehmungen beginnen! Der weite Mantel dieses Herrn der Reizbarkeit, des Urvaters aller Empfindungen ruht tief im Leibe, im Sonnengeflecht und dessen Fädchen umspinnen alle Blutadern, das Herz und alle Werkstätten der Drüsen; unter seinem Szepter arbeiten alle die kleinen Heinzelmännchen, und von ihm beziehen sie alle ihre Aufträge! Er reguliert die Ordnung der Einzelmeldungen von allen Sinnesströmungen und läßt hübsch geordnet einen Meldereiter blitzschnell dem andern folgen! Er ist der Ingenieur, der alle die tausend Maschinchen überwacht, aus denen auch die Gespinste der Gedanken werden. Denn Empfinden, Elselein, ist noch lange nicht Gedanke, es muß erst gesichtet werden und gesiebt, und nur durch Vergleich mit schon einmal erklungenem Glockenschall, durch aufmerksames Abwägen ihrer Gegensätze werden ganze Gruppen von Empfindungswellen gehäuft und gestaut zu Stromschnellen, die gewissermaßen Reservekraft bereit haben und auch ohne Meldungen von außen für sich allein die Glocken der Seelenähren spielen lassen können. Dann flutet wohl der Strom der Akkorde wie selbsttätig dahin, und die Phantasie, diese dem Traum vermählte Königin, schreitet meist sinnend, aber auch manchmal geneigt, gewaltige Erschütterungen des ganzen Instrumentes in des Menschen Schöpferhaupt zu erzeugen. Diese Macht, die sich aus dem Spiel der aufgespeicherten Ströme ableiten läßt, ist es aber auch, die dem Ausdruck verleiht, was die Menschen Willen nennen. Merke dir, Else, es gibt nur ein Organ des Willens: das ist das Muskelsystem! Zusammengesetzt aus lauter kleinen Kettengliedern und zu Bündeln und groben Wülsten zusammengekittet, sind die Urelemente hier in den Muskeln umgebaut in kleine, elektrische Pulverfäßchen, die vom Glockenthron her entzündet, eins nach dem anderen seine Sprengkraft entladen. Wie ein Baum durch Saugkraft die Energie gewinnt, Hunderte von Eimern Wasser an einem Tag frei durch den Raum empor zu heben, und wie diese Kraft auch nur erreicht wird durch die Zusammenfügung von kleinsten Pumpen, dem Porensaugen kleiner, schwammiger Eimer, so kann auch diese Kettenexplosion der Millionen kleiner Muskelbomben blitzschnell die Faust eines Athleten in Bewegung setzen. Der Schwerthieb, wie der Schlag der Hacke verdankt Gewalt und Segen nur diesem elektrischen Explodieren unzähliger kleiner Muskelbatterien. Das, was diese Entladungen veranlaßt, ist eben der Strom aus gestauter Schleusenkraft, den ihr Willen nennt. Die Muskelschläuche um die kleinen Stromröhren, welche wir beide ebenso vielfach befahren haben, tragen auch solche dehnbaren Kästchen, sie können Ströme schließen und Schleusen öffnen und dann fliegt unter des Sonnengeflechtes leitender Hand die zündende Flut in jene Gebiete, welche den Arm zu heben, die Hand zu führen geeignet sind. Denn ebenso viele Millionen Stränge und Glockenläuterseilchen, wie zum Glockenstuhl aufsteigen, ebenso viele Klingelzüge, meist in denselben Säulen des Aufstieges gelagert, führen auch zu den Maschinen des Leibes, so auch zu Muskeln und Gelenken. Da sorgt denn wundersam der alte Schleusenmeister, daß immer alle Seitenströme wohl gesperrt sind und nur auf der freigelassenen Strombahn saust die Botschaft des Willens, Handlung heischend, Segen wirkend, Unheil zündend. Freilich gibt es viele Tätigkeiten der kleinen und großen Leibesmaschinen, die rollen und schnurren, brauen und explodieren, ohne daß ein Wille dabei mitzusprechen hat. Das Herz, die Atmung arbeitet ja von selbst, und Magen, Darm und alle Drüsen lassen ihre Arbeit kaum jemals stillestehen, auch nicht, wenn der Wille schläft. Auch macht ihr viele Bewegungen willenlos und ohne jede Aufmerksamkeit, wie ja ein Neugeborenes saugt, wenn du ihm das Fingerchen in den Mund steckst. Solches Zeigerlaufen und Abrollen von Federspannungen der Kurbeln, Uhren und Triebräderchen des Leibes hat der alte Uhrmacher überall eingerichtet zu einer selbständigen Tätigkeit. Es stürzt von fest ummauerten Wasserfällen stets so viel Kraft vom heranrollenden Meer der Außenwelt, um alle diese willensunbehelligten Trittbretter und Triebräder dauernd in Betrieb zu erhalten und manche im Laufe der Zeiten immer wiederkehrenden Ketten von Apparatverknüpfungen untereinander stellen sich angerufen von den Glocken des Alarms ganz von selbst so, daß sich Schleusen öffnen und immer dieselben gewohnheitsmäßigen und geeigneten Mühlräder ins Kreisen kommen. So treibt das Herz und die Lunge im letzten Sinn die Sonne, denn Wärme, Licht und jene dunklen Strahlen, die sie entsendet, haben alle ständig freien Eintritt ins Tor des Lebens und das, was der Mensch will, ist ja die Folge einer erst sehr spät geborenen Krönung des Glockenspieles, dessen Gesamtarbeit ihr Vernunft nennt. Es ist die Seele allein, welche wollen kann und unterlassen!

Sieh'! Else, es blitzen Feuerströme durch die Kuppel, Stränge glühen und Stromschnellen schießen, die Muskeln laden sollen – der Knabe erwacht. Wir müssen eilen.«

Sie saßen wieder auf ihrem weißen Flußpferdchen, in wenigen Sekunden durchschossen sie noch einmal die Grotte des Herzens und den großen Strom zum Haupt des Knaben und gelangten an die Schlucht, aus der sie eingestiegen waren in das Bergwerk der Wunder.

Sie glitten von seiner Stirn ins Gras. Else fühlte sich wachsen und größer werden, und als der Knabe die Augen aufschlug, stand sie in alter Menschenlieblichkeit neben ihm, natürlich auch Aldebaran in seiner früheren und nur Else sichtbaren Götterschönheit. »Guten Tag, Franz,« sagte sie.

Der rieb sich die Augen, erwiderte den Gruß und sprach, sie lange aufmerksam betrachtend: »Das ist sonderbar, Else. Ich habe eben ganz tolles Zeug von dir geträumt, mir war, als hättest du in mir rumort und herumgespukt! Dummes Zeug! Schnakischer Traum!«

So ging er dahin. Von dieser Zeit ab aber war es ihm, als trüge er in Herz und Sinn ein kleines Bild, eine Spur von Else, die nicht von ihm weichen wollte, wo er auch ging und stand. – –

Auf dem Nachhauseweg sagte Else: »Aldebaran, das war die schönste Fahrt, die wir bisher gemacht. Das mußt du mir noch alles mehrmals ausdeuten, denn, offen gestanden, es war schwerer als Vieles, was du mir bisher erzählt. Aber im Ganzen hab' ich's doch begriffen und hätte nie geglaubt, daß ein Menschenleib so viele Wunderwerke in sich birgt. Aber eins muß ich dich doch noch fragen. Du hast auch von der Seele gesprochen, warum hast du sie mir nicht gezeigt?«

Ernst sagte Aldebaran: »Das ist die letzte Frage, die es gibt, Else, und schwer ist, Menschen darauf eine sie ganz befriedigende Antwort zu geben.

Betrittst du ein Gotteshaus mit seinen steinerstarrten Säulen, die ihre Palmen hoch zur edlen Wölbung breiten – verlangst du dann daneben und darin den Glauben und die Frömmigkeit zu schauen von Angesicht, die den Bau erschaffen? Kannst du den stillen Geist aller derer leibhaftig in die Schranken fordern, welche die Gottesfurcht geschaffen und ihren Tempel gebaut haben? Ist es zu erwarten, daß jene reine Idee leiblich erscheint, die solche Kirchen auch viel früher sah in ihrer Seele, ehe sie erstand? Wie kannst du da hoffen, daß du jenen ungeheuren Bildnergeist, der auch den Tempel jenes Leibes vorgedacht hat und schuf, in irgendeinem seiner Altäre hockend, würdest erblicken können? Das, was ihr Seele nennt, schwebt ohne Menschenwesenheit, schwebt und waltet, schifft und gleitet durch jenen hohen Glockenstuhl der Gedanken ohne Leiblichkeit und ohne Greifbarkeit. Etwas, was ungeteilt und überall ist, eine Einheit, die keine Trennung duldet von ihrem Ganzen, könnt ihr nicht mit leiblichen Augen zu schauen verlangen. Das Unendliche kann nirgend endlich und umgrenzbar sein! Ist doch euer Gedanke schon körperlos; er ist der nur der Seele hörbare Zusammenklang aller der kleinen Turmglöckchen, die du einzeln schwingen sahst! Du kannst schon eines anderen Gedanken niemals sehen, niemals vor dich legen und darstellen, wie dieses Glockenschwingen sich umsetzt und verwandelt in einen Zauberklang, der unsterblich sein muß, weil er ohne Leib und Wesen ist. Die Seele ist da, sie durchwirkt in Millionen Strahlen die Welt, den Leib mit Bildnerkraft, ist überall am Werke, aber diese Kraft ist nicht zu schaun, wie ja auch nicht die Schwerkraft, ihr fühlt sie nur, wenn sie am Gegenständlichen brandet. Das ist der schwerste Gedanke, den man Menschenköpfen zumuten kann. Aber haben sie sich nicht daran gewöhnt, das festeste, was sie kennen, die Mutter Erde, welche augenfällig so ruhig unter unseren Füßen verharrt, in rasender Fahrt um die Sonne und in wilden Kreisen sich um sich selbst drehend zu denken? Nur mit Gedanken ist Seele und ihr Vater Gott zu fassen, und wo eure Glöcklein aufhören müssen zu schwingen, da dichtet sich der Gedanke zum stillen Traum vom Glauben und das Begreifen wird zu wortlosem Gebet!

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