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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 15
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIV.

Reise durch den Wunderstrom

Nun saßen Aldebaran und Elselein wie zwei richtige Zwergreiterchen auf den bereitwilligst sich beugenden kleinen hellen Kamelen, und vom Druck der beiden ins Reich des Kleinsten Reisenden bildeten sich ordentliche Sättel mit Höckerchen auf ihrem weichen Rücken.

»Halt' dich nur daran fest, klein Elselein! Es geht manchmal sehr schnell, wenn unsere Flußpferdchen nicht ans Ufer steigen, sondern im Strom bleiben! Und fürcht' dich nicht – wenn's not tut, sind wir in zehn Sekunden wieder im Freien!« Nachdem sich die Reiterlein steil in die Höhe gearbeitet hatten, standen sie vor einem Tunnel. Ihre Pferdchen durchkrochen die weiche Goldgallerte, die sich im Tunneleingang gebildet hatte, und – plötzlich gab's einen Ruck, daß Elselein fast der Atem verging, so sausten die beiden gurgelnd angesogen vom Strom des sie umrollenden Blutgemenges dahin. Else hatte kaum Zeit, einen Blick auf die Ufer zu werfen, und sah nur ihre glatten Flächen, die wie schön zementierte Halbbogen oben und unten den Strom umfaßten.

»Pass' auf! Else! Halt' dich fest.«

Da rollten sie, begleitet von unzähligen violetten Blutscheiben, um eine scharfe Ecke, und gleich darauf gab's ein Strudeln, daß Else Hören und Sehen verging, so wurden sie herumgewirbelt, angestoßen, abgeprallt und wieder hochgerissen.

»Wir sind in der Herzgrotte, wir kommen bald in eine ähnliche zurück! Hier herrscht zu viel Kohlengas, dir wird das Atmen schwer!« Sie kamen nach vielen Windungen des immer schmäleren Stroms in eine so enge Stromschnelle, daß außer ihnen beiden kein anderes Scheibchen darin Platz hatte, da sagte Aldebaran:

»Rößlein! Nicht solche Eile –
Verweile hier im Ätherschloß!
Zeig' uns der luftigen Geister Troß!«

Da klommen die beiden Pferdchen ans Ufer, und durch eine Kellerlukenöffnung, bei deren Passage sich beide tief bücken mußten, ritten sie in eine helle Riesenkuppel ein, mit wunderbaren, feinen, kristallnen, durchscheinenden Teppichen behangen; ein Mosaik von sechs-, fünf- und viereckigen glashellen Steinchen mit lauter kleinen Glühlämpchen darin. Die ließen den feinen Netzstrom des hellroten Blutes durchscheinen, so zierlich und schön, daß es aussah, als sei die Morgensonne mit Stickereigespinst gefenstert. Weit war die Ätherkuppel und hell von all den kleinen Flämmchen, die in Glassärgchen aus Kristall sprühten und blitzten, daß es eine Lust war. Ein frischer Wind, erquickend und rein, wie die Luft nach einem Gewitter, fuhr in milden einzelnen Stößen von dem Kuppeldach her aus einem großen Schlot und strich in sanften Wirbeln die hellen Glaswände entlang. Da war es wundersam zu sehen, wie ein Steinchen der Wand eins nach dem anderen seine Klappe öffnete, schnell ein Blutscheibchen fast bis zum Sticken blau in seiner Höhlung erscheinen und nun den Odem des Lebensgases in sich aufnehmen ließ. Da wurde es rot und röter, blähte sich und schwoll, schob sich zurück und machte dem folgenden Platz. Ei! Wie lieblich sah das aus, als aus den hundert kleinen Ofenklappen bald hier bald da ein kleines Mündchen nach dem anderen sein bläuliches Blaßgesicht hervorstreckte, um sich in Feuer zu saugen und dann wieder zu verschwinden. Ein lieblicher Steinchenhimmel, an dessen Spiel Else sich gar nicht satt sehen konnte!

»Nun denke, Elselein! Millionen solcher Kristallschlösserchen sind hier um uns herum, eins neben dem anderen wie Trauben angeordnet um ihre Rispenstengel. In jedes Stielchen, um das die kleinen Kügelchen gruppiert sind, mündet ein Luftschacht, der nach oben durch Aufnahme neuer Stromäste immer weiter wird. Viele solcher münden schließlich in einen Schlot, den ihr Luftröhre nennt, und der am Ende eine große Orgelpfeife hat, über deren Zungen das den kleinen violetten Kohlenschippern abgenommene Gas zum Strom vereint dahinfährt, und ihrer winzigen und so bescheidenen Arbeit dankt ihr im letzten Sinne Wort und Lied und Leben; denn ohne dieses Spiel vom Tausch der Himmelsluft gegen die Schlackengase der kleinen Grubenarbeiter, die mit uns geschwommen kamen aus allen Tiefen des Leibes dieses Knaben, müßte er, wie ihr alle, jämmerlich ersticken. Hier kannst du sehen, daß er lebt und ruhig tief im Schlafe atmet. Den Wind, der hier so labend kreist, treiben seines Odems Züge. Aber nun komm'! Wir wollen neue Wunder schauen!«

Die kleinen Wagen rollten heran, und durch eine andere Brücke fuhren sie in einen neuen Strom. Nun war alles erfüllt von feuerroten Scheibchen, die sie fröhlich begleiteten. Kurz darauf kam wieder ein großes Strudeln, Karussellreiten und Schleudern, daß Else schon Furcht beschleichen wollte; aber Aldebaran lenkte sein Reiterschifflein dem Ufer zu. In einer leidlich stillen Bucht landeten sie.

»Schau' einmal um dich, Else,« sprach er, »wir sind in der Wundergrotte des Herzens! Sieh', vor dir, unter, über dir dieses glühende Meer von Blut, ein roter, wogender Himmel, in dem Kometen kreisen! Und sieh' das Zucken des Firmamentes! Wie dann der Himmel enger wird und enger, die Lichter dicht zusammengedrängt zu einer einzigen, glühenden Feuermasse! Nun spritzt alles wieder auseinander wie ein Aufflug von Millionen feuriger Tauben! Jeder Stoß schleudert die Kinder der Flammen weit in die fernsten Ströme, und jede Dehnung dieses Firmamentes saugt alle Arbeiter aus tiefsten Schächten wieder zurück zu den Kristallkuppeln, die wir soeben sahen. Neu beladen mit lebensweckendem Odem, fliegen sie dann zurück als Boten der Luft, der Gesundheit und himmlischen Harmonie!

Hier ist der Antrieb aller Räder dieses göttlichen Uhrwerks, hier ist der Sekunden-Pendelschlag, hier ist der Rhythmus des Alls! Hier künden sechzig Glockenschläge der Minute Heiligtum, hier schlägt die Ewigkeit ihre Lider zuckend auf und zu, hier sind die letzten Echolaute vom Weltallstampfen des Riesen Zeit! Dies Herz, dessen Wellenrauschen du in dieser Grotte hörst, es ist der Inbegriff vom Leben. So pulst der Sonne Kern, der Kern der Nebel aus Millionen Sonnen, so schreitet ein Hirt im Takte über die vielen, vielen Milchstraßen, dessen Sterne seine Lämmer sind! Das ist das Nachbild des geschwungenen Rades, das die Planeten dreht in ewiger Bahn um Sonnen und Riesensonnen und diese um das Herz der Welt, um Gott!

Nicht umsonst mißt der Mensch des Menschen Wert nach seinem Herzen, es ist das Maß seiner Kraft, seines Alters, seines lahmen oder schnellen Willens zum Guten, das Maß seiner Freude, seines Leides, seiner Sehnsucht, seiner Liebe! Du bist im Herzen dieses Knaben, das vielleicht noch einmal Wundersames zu bedeuten hat im Spiel des Lebens: hier bist du am Born aller seiner Taten, an der Quelle seines glühenden Willens!

Komm' weiter! Else! Wir wollen uns noch andere Schmieden und Werkstätten des Lebens anschauen!

Wir fahren jetzt wieder hinaus aus der Herzensgrotte und, wenn ich richtig steure, sind wir bald in einer großen Fabrik aller der kleinen Saftbehälter und Kristallscheibchen, die wir im Ätherschloß der Atmungsbläschen schon bei der Arbeit sahen.«

Sie bogen in den Aderstrom der Milz. War das ein Gesumme und Geschwirre, Gehämmere und Gefeile, wie von tausend kleinen Spinnrädchen, Ambossen und Schraubböcken, auf denen Millionen der kleinen roten Blutschiffchen hergestellt wurden. Wieder waren die weißen Arbeiter die Wunderträger aller Leistungen. Aus großen Vorratskammern holten sie das Rohmaterial herbei, das unten in tiefen Schächten, von unterirdischen kleinen Müllerknechten in ein richtiges Verhältnis aller Einzelteile gebracht war und nahmen mehrere Klümpchen der anfangs ganz farblosen Masse an sich. Es war possierlich anzusehen, wenn sie den Brei wie Bäckergesellen rund formten und zu Kuchenscheibchen zuschnitten und schließlich zu Paaren in die Färberei trieben. Da waren große Kessel, in denen die Trümmer alter, ausgedienter Blutscheiben hineingeworfen wurden wie altes Eisen!

»Aus ihnen wird aber doch ein wunderbarer Stoff destilliert, der – du wirst staunen, Else – von den Pflanzen stammt; er ist dem Körnergrün gleich und verschwistert, das in den Geheimkammern von Blatt, Stiel und Stengel, Gras und Algenschleiern aufgespeichert ist. Auch bei Pflanzen wechselt diese Körnchenmasse, das wunderbare Gold des Lebens, oft seine Farben, und es wird dich somit freuen, zu hören, daß die Farbe der Rose aus demselben Stoff ist wie euer Herzblut.

Die roten Scheibchen, die du hier verarbeitet und aufgerollt siehst wie zierliche Geldrollen, es sind lauter kleine Rosenblätter, getüncht mit aufgelöstem, edelstem Kristallsaft, der eben bei Pflanzen und Tier und Mensch das Spiel der gewechselten Lebenslust, den Tausch von Feuergas der Höhe und den Schlackendunsten der Tiefe leitet. Sieh'! Einiges von dieser Wundermasse dort in den Kesseln ist erstarrt zu wirklichem Kristall: das sind Blutdiamanten, Rubine aus Rosenschmelzen des Lebens. Aber, um dir einen kleinen Hinweis auf Späteres zu geben, wisse, alle diese Vorräte von Materialien des Aufbaues aus diesem großen Lebensmagazin, diesem Speicher der Rohstoffe und ihrer ersten Verarbeitung, sie stammen im letzten Sinne alle aus der Welt der Lebewesen insgesamt. Sie sind auch nicht dieses Knaben Eigentum, sie gehören der Welt, dem ganzen Leben. Der Knabe, wie du und jedes Lebendige, ist ein Labyrinth, nur ein Durchgangstor, eine Wunderbrücke für die große, allgemeine Idee vom Leben! Was hier verarbeitet wird zu Knabenblut, ist das Blut der einstigen Pflanzen wie der Tiere, die er mit sich vermischen mußte, um zu leben, denn alle Massen des Lebens sind im ewigen Kreislauf und als Summe unwandelbar von gleicher Größe, wie auch die Kraft eine Einheit ist, in welcher Maske sie auch erscheint! Das mache ich dir wohl noch alles klarer: merke nur, diese Schollenberge alten Schutts von zerbröckelten Lebenssternen, die unsere kleine Schmiede da zu lauter Goldstückchen des Lebens umprägen, kommen von Pflanze und Tier, vom stetigen Opfermahl aller Lebewesen, die sich ewig mischen müssen, um die gewaltige Idee vom aufsteigenden Leben zu Gott in Äonen zu erfüllen! –

Wir fahren nun ein Stückchen weiter aus diesem Palast der Arbeit und kommen schon in einen neuen Wunderbetrieb.

Wir sind im Magen des Knaben, Else! Schau', wie dicht hier unser Strom umstellt ist von lauter weißen Transportschiffchen, gleich denen, die uns tragen! Laß uns hindurch bis auf die freie Fläche dieses großen Betriebs des Lebens. Hier ist die eigentliche Mühle der eingeschütteten Lebenskörner, hier der Braukessel, in dem die Sud der Rohsäfte zerrieben, geschlemmt, erweicht und durchgedampft wird. Hier ist viel Gelehrsamkeit und Weisheit, Else, und die klügsten Chemiker können sich nicht ausdenken, was hier unsere kleinen weißen Sklaven fertigbringen! Schau' einmal diese unendliche Masse von kleinen Springbrunnen, die sie hier gebaut haben, deren aller Öffnung zum Mageninhalt gerichtet ist und aus denen ein kristallheller Brodelsaft emporsteigt. Den drücken sie aus kleinen, winzigen Schwämmchen aus, mit denen die ganze Wand aller der kleinen Springnäpfchen tapeziert ist wie jene Wände im Ätherschloß der Lungen mit glashellen Mosaiksteinchen. Solche Sprudelnäpfchen gibt's hier Millionen; der ganze Magen trägt sie, und überall quellen kleine Tautröpfchen hervor.

Es ist das Geheimnis dieses Saftes, daß er an die großen Trümmerstücke der Nahrung herangebracht, diese zum feinsten Staubzerfall bringt, so daß ihr innerstes Gespinst zutage kommt. Diese mit Mauerbrecherstangen, Dietrichen und Heberwerk größter Findigkeit bewehrten Säfte, die du belebte Flüssigkeiten nennen könntest, sind die einzige Erklärung für ein solches Wunder der Verdauung, wie es die langsame Auflösung eines ganzen, mit Haut, Borsten und Knochenhauern verschluckten Wildschweines im Leib der Riesenschlange bedeutet.

Mit diesem Wundersaft wird jede Mauer aus anderen Zellen, die die Nahrung enthält, gesprengt wie mit Pulverkraft, zerhämmert wie mit Millionen kleiner Hacken von unsichtbaren Bergarbeitern und gemischt und gemengt, geschüttelt und gespalten, bis einesteils die Stoffe sich im Feinsten lösen, so daß die Säfte von den großen Löschblätterrohren des Darmes leicht angesogen werden können, aber auch jedem Steinchen der fremden eingeführten Gewebstrümmer sein Feuerkernchen entrissen wird. Denn das ist das Ziel des eigentlichen Wechsels der Stoffe, darum dies scheinbare, fürchterliche Sichzerreißen und Zerfleischen, dies Verschlingen und Vernichten: es ist die einzige Möglichkeit zu den kleinen Lebensformen, den Kernen der Zellen und ihrem Wundernetz vorzudringen – ein grandioser Versuch zur Befreiung und Erlösung der in Zellkernsmauern verzauberten kleinen Sonnenprinzessin, das viele Märchen so lieblich besingen. Darum diese Mühl-, Bohr- und Sprengarbeit der verätzenden und umzüngelnden Säfte. Darum die Millionen kleiner Transportschiffchen, dicht gedrängt um die Taubrunnen der Drüsen und eingepfercht in die Maschen der Zäune in den Magenwänden. Sie harren alle der Befrachtung mit kleinen Lebenskügelchen der Zellen aus Tier- und Pflanzenleib, um dann mit ihrer Fracht aus fremden Zellgestaden in den Strom der Heimat einzufahren und alle Wiesen, alle Felder, alle Wälder mit Neusaat zu bestreuen. Das sieh' dir gut an, Else, du stehst hier an einem Lichtspalt, durch den du schnell erhaschen kannst, was hinterm Zaun des Lebens geschieht, und du erkennst, welcher Kunstgriffe die kluge Zauberin Natur sich bedient, um den armen Menschenköpfen ein X für ein U zu machen!

Aber weiter, Else! Wir steuern einer großen Farbenmühle zu, wo das Rot des Blutes und seine Säfte in Grün und Gelb und Braun und Schwarz umgetüncht und neue Kräfte des Wunderstromes entfaltet werden. Sieh' dieses Wunderfarbennetz, als hätten Millionen goldner Bienen in diese Palisaden von Sechsecken ihre Maurerärmchen getaucht! Denk' an Mutters alte Flaschenbürste, wo jedes Bürstenbündel eine solche Säule sechseckiger Zellen bilden würde und jeder Bürstenstiel ein Strombett wäre wie dieses, in dem wir schwimmen; denke dir Millionen solcher Bürstenstrahlen auf kleinstem Raum durcheinandergepreßt und doch alle durch einen Zentralstrom miteinander in Verbindung – so hast du ein Bild der Leber, dieses Wunderpalastes aus lauter Zellzylindern, in dem der Saft der Bitterkeit und des Griesgrams gebraut und ausgesiedet wird aus der roten Gallerte des Blutes wie sein dunkelgrüner Schatten. Das ist der Saft der Finsternis, der Betrübnis, des Unmutes: er springt im Zorn und spritzt im Ärger; er ist ein Rest der Tinten jener Wasserbewohner, die, von Feinden verfolgt, die Fluten trüben mit schwarzen Wellen, um das Schlachtfeld künstlich zu verdunkeln, die Sicherheit der Nacht hervorzuzaubern und das Auge des Verfolgers mit Flor zu umhüllen. Ich sage ein Rest, eine Andeutung dieser im Wassertierreich weit verbreiteten Fechterkunst mit Hinterlist und Trug, denn von allem, was es außerhalb der hochgestiegenen Menschenart gibt, findet sich im Leibe deiner Brüder und in dem deinen eine Andeutung, ein Modell, ein Ähnlichkeitsspiegel: das sind die Medaillen der Erinnerung, die der Lebensfeldzug prägte in jeder neu eroberten Höhe eine neue: das sind die Meilensteine am Weg, den das zur Höhe klimmende Leben durchmaß. Dieser grünlich-dunkle Saft, von dem ein wenig dem Blut beigemischt, das Gallige erzeugt, ist aber auch ein Segenssaft wie jener des Magens, um in den großen Schlamm- und Saugröhren der Eingeweide die aufgenommenen Bausteine an Heiz- und Wärmematerialien bis aufs letzte auszunutzen. So spaltet er die sonst unverdaulichen Fette, um ihren Transport für die sieben mageren Tage oder Wochen in die großen Scheuern und Kornspeicher und die Füllung der Fettpolster unter der Haut vorzubereiten. Denn Menschlein! Ihr habt die Reservebackentaschen der Affen, die ihr so gern verspottet, auch bei euch, ihr polstert damit nicht nur das Innere eurer Wangen wie Stabstrompeter, wenn sie blasen, sondern ihr füllt damit die Trauben eures Leibesfettes und gebt, immer zwei Fliegen mit einer Klappe schlagend, zugleich euren Runzeln und Grübchen die glättende Schöne, die Bildhauerlinie der weichen Form und faltenlosen Geschwungenheit!

Nun zeige ich dir, Elselein, noch schnell die großen Wasserwerke der Nieren, wo zusammen mit dem Mühlrad Herz der ganze Strom des Blutes zerrieben und zerlegt, gewaschen und gereinigt wird. Sieh'! Elselein, dort die großen hellen Schusterglocken mit den Rosenknäueln darin: das sind weite Strudelsperren, wo der Saft seiner schädlichen Beimengungen aus dem Brei der Nahrung und dem Staub der Gewebsheizungen entledigt wird: durch Peitschen, Schütteln, Filtern und Pressen. Hier ist die eigentliche Stätte der Schuttvernichtung und Schlackenlösung, durch deren Passage die Druckpumpe des Herzens entlastet wird.

Vieles, Elselein! – das meiste – müssen wir unbewundert liegen lassen in diesem Paradies der Zellmosaiken, in diesem Lande der Zwergengeheimnisse, die es fertig bringen, Riesen aufzubauen. Der Knabe muß bald erwachen; vielleicht finden wir einmal wieder Gelegenheit, irgendeinem Lebewesen unter seine Haut zu schlüpfen, aber eins mußt du gesehen haben, solange der Franz noch schlummert: es ist die Krone der Geheimnisse, der Thron der Menschenseele, ihr Glockenstuhl und sein leises Läutewerk!«

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