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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 14
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIII.

Im Reich der Zwerge

In dem etwa eine Stunde vom Försterhaus fernab gelegenen Dörfchen, an einem großen Binnensee, den nur ein winzig schmaler Dünenstreifen von seiner Urmutter, dem Meere, trennt, lebte ein einfaches Schifferpaar, das einen Sohn hatte, Franz Ziemens mit Namen. Mehrere Jahre älter als Else, und ebenfalls unter Piepkorns Doppelszepter von Violinbogen und Rohrstock, freilich in einer höheren Klasse unterrichtet, war er ihr häufig auf dem Weg zur Schule oder bei Wanderungen am Strande begegnet. Das war ein helläugiger, lebensfroher Junge, der einzige, der sich in den Zeiten von Elses großer Abgeschlossenheit und Einsamkeit manchmal aus ehrlichem Mitleid mit dem kleinen Försterkinde ein wenig befaßt hatte. Aber, – so sonderbar sind echte Kinder –, als nun Else zu so hohem Ruhm heranwuchs und ihre Eltern zu Reichtum und Ansehen kamen, tat er so, als wenn sie ihn gar nichts mehr angehe und zog es am Ende immer mehr vor, mit Vaters Reusen und Schleppnetzen, Segelboot und Fischkasten sich zu tun zu machen, als sich um Wald und Försters Kind zu kümmern. Freilich, der Strand vor der Försterei war verlockend schön. Schroff fielen die lehmigen Abhänge hinab zur See, oben umrahmt mit unterwühlten und herniederrutschenden Wiesenplatten, aus deren Unterfläche Kraut-, Strauch- und Baumwurzeln hervorsahen. Hier und da lag ein von Sandsturz und Wind entwurzelter Kieferriese wie mit gebrochenem Genick, das Lockenhaupt tief in den Sand gebohrt und die gelähmten, aus dem Erdreich gerissenen Wurzelbeine frei in die Luft streckend, schräg über die Böschung. Vor derselben dehnte sich so breit wie sonst nirgends am Inselgestade der schneeweiße Dünensand aus, ein meilenweit langer Küstenstreifen, über den die große Wäscherin See ihre feinsten, sonntäglichen Spitzenschleier ausschüttelte und kräuseln ließ. Ganz in der Ferne, bei einer Biegung der Küste, schob sich der Wald kulissenartig vor, und wie der hohe Bug eines gelben Riesenschiffes sank der ferne Abhang scharf schneidend in die Flut. Hier hatte sich eines Tages dennoch Franz herumgetrieben, um wieder einmal von dem behaglichen Sessel eines Böschungseinschnittes aus auf die »grote Glasklock« – wie sein Vater das Meer nannte – zu schauen. Der Junge hatte ein inniges und tiefes Gemüt, war einer, der gerne die Blicke in die weite Ferne sandte wie zwei Boten der Sehnsucht, die ihm rückkehrend beinahe greifbare Geschichten und Wunder von fernen Ländern und Menschen zuraunen konnten. So ermüdet von der Stille, die nur das langsam schlürfende Tick-Tack der Wellenuhr unterbrach, und eingezwungen in den einsamen Halbschlaf der Natur, sank sein hübsch gelockter Kopf ins Gras, freilich in anderer Richtung als sein großer Bruder Baum da neben ihm; aber die Beine pendelten in der Luft überm Abhang und über dem Kopf im Grase.

Oben an der Böschung kam gerade Else mit Aldebaran gegangen. »Schau', Peterchen,« sagte sie, »der Franz! Was ist das? Er blutet ja an der Stirn!«

»Er riß sich am Heckendorn! Das gibt uns Gelegenheit, einmal direkt in den Tempel eines wohlgefügten Leibes bis zu den tiefsten Altären des Lebens vorzudringen. Ich werde dir ein großes Wunder zeigen. Fürchte nichts und gib mir die Hand!«

Else fühlte sich merkwürdig von allen Seiten her schrumpfen. Sie hatte gerade noch Zeit, zu denken, wie »ein alter Apfel« und darüber ein bißchen zu lachen. – In demselben Augenblick fühlte sie sich selbst kaum so groß wie eine Walnuß. Aldebaran hockte, nicht größer wie ein Pfennigmännchen, neben ihr. Dabei war sie sonst ganz dieselbe Else mit allen Sinnen und Gedanken, im gewöhnlichen Beieinander. Noch ein fühlbarer Ruck – und sie beide schrumpften zu Stecknadelkopfumfang und so noch mit einigen einschachtelnden Sätzen weiter ins Gebiet der Winzigkeit. Der letzte Sprung trug sie auf die Stirn des nun riesengroß daliegenden Knaben, worüber Else ebenfalls laut lachen mußte, denn sie dachte: »So müssen Flöhe hüpfen.« Aber das »Laute« war so wisperstill, wie sie noch nie etwas gehört hatte, doch waren ihre gegenseitigen Äußerungen ganz im Bereich der Wahrnehmbarkeit. Nun schienen sie genügend klein, denn die Wunde des Knaben, die sie jetzt mit Aldebarans Führung betrat, kam Else wie eine tiefe Schlucht vor, die auf beiden Seiten mit langen Linien netzartiger, grauer Adern durchzogen war. Von den mit rötlichem Tau benetzten Wänden hing überall Gestrüpp, in dessen Falten und Buchten eigentümliche rote, weiße und violette Scheiben oder Schildchen – von derselben bescheidenen Größe wie die einsamen Wanderer – in dieser Schlucht lagerten. Doch – genauer besehen – begann eine und die andere der weißen Kugeln sich mit drolligen Beinen gegen den Grund der Grube hinabzuwälzen und eine Arbeit zu verrichten, die ganz so aussah wie ein Brücken- oder Schachtbau mit Querhölzern und Verbindungspfeilern.

»Mach' nur nicht solch verblüfftes Gesicht, Else! Du bist im Reich des einem unbewaffneten Menschenauge völlig Unsichtbaren. Wir sind im Boden einer Wunde. Die weißen Gesellen, das sind die Handwerker, Strompolizisten, Zementierer, Kanalbauer, Schleusenwächter, Zimmermännchen. Jeder verrichtet sein Handwerk nach Bedürfnis; das sind die sogenannten weißen Blutkörperchen. Eben klettert da wieder eins aus einem offenen Tunnel hier rechts in der Wand, vorsichtig mit seinen Fühlerbeinchen tastend. Schau', wie wundersam diese Beinchen sind; sie können sie nach Belieben aus ihrem Bauch an jeder Stelle hervorstrecken und wieder hineinziehen. Da sie nun eigentlich ringsherum, oben und unten, nichts als ein rundes Bäuchlein sind, so haben sie, wenn sie wollen, Beine wie die Igelstacheln; sie strecken sie aber niemals alle zu gleicher Zeit heraus! Wenn wir uns ins Innere dieses Grundes, in dem wir herumpatschen wie auf weichem Faserstoffteppich, begeben wollen, müssen wir uns an einen dieser kleinen Müllersknechte halten – sieh' nur, was die alles in ihrem Säcklein tragen! Da ist im fast durchsichtigen Innern eine kleine, wie Phosphor leuchtende Laterne. Das sind die gefangenen Sonnenstrahlen des Feurigen, Else, die er sich einst um den Finger spann und – du erinnerst dich, wie sie sich winzig klein machten, wie er sie dann in Staubhüllen fing – jetzt siehst du sie von Angesicht zu Angesicht! Studiere sie genau! Wenn du je etwas vom Leben verstehen willst, mußt du sie immer wieder zu Rate ziehen. Sie sind die Urahnen des Seins, die eigentlichen Adams und Evas, Aphroditen, Undinen und Melusinen der Natur. Auf sie sind die meisten Sagen und Märchen aller Völker zu beziehen! So oft wir ihnen auch noch begegnen in diesem Knabenleib wie in der Welt draußen, man kann sich gar nicht sattsehen an ihrem stillen, schwerfälligen Krabbeln, mit dem sie so unendlich Großes zu Wege gebracht haben. In diesen kleinen Gefängnissen des Sonnenstrahles dort mitten in ihrem Leibe liegt jedes Rätsel des Lebens. Sieh', wie die Phosphorrädchen schnurren, Kurbeln sich drehen, Herzenssternchen zucken und der helle Leib leuchtet wie ein Morgentautröpfchen in der Sonne! Bemerkst du die kleineren Kerntrümmerchen in ihnen? Die haben sie ohne Mund gefressen, genau wie jenes dort, das am Ausgang dieser Mundhöhle ein winzig Steinchen mit seinen Spinnenbeinen ergreift, es dann in seinem Rucksack, der wie Mutters große Markttasche unzählige Nebentaschen und Fächer hat, aufnimmt. Jetzt ist der Transport gelungen. Es ladet das Steinchen auf die Oberfläche ab: es sind, wie du siehst, auch Straßenkehrer in dieser Armee der kleinen, weißen Polizisten. Die andern Kernchen, die sie tragen neben ihrem eigenen kleinen Feuerofen und Glutmaschinchen, sind Saaten, die sie fernher aus dem Magen dieses Knaben heranholen. Merk' es gut, Else, diese Trümmerchen stammen von Tier- und Pflanzennahrung und sind die befreiten Ursaatkörner unzähliger Lebewesen nach mannigfacher Wanderung! – Jetzt schau', wie dort im Grunde der Höhle eine ganze Schar der weißen Säemänner des Lebens dicht nebeneinander schreitet und von Zeit zu Zeit ihre Körnchen auf die zerrissenen Wurzelbalken der Wundwände streut! Ja, ja, sie säen! Diese ausgestoßenen Körnchen sind kleine Schlüsselchen, die passen in einige Lücken der festen Adernzüge der Wände, und nun wirst du ein Wunder allererster Größe erleben. Die Gewölbe dieser Höhle bestehen alle aus nahen Verwandten der Wanderburschen selbst. Es sind Milliarden kleiner, lebendiger Scheibchen, Kästchen, Sternchen und Linsen in jeder nur denkbaren Abweichung um die Grundform eines kreisförmigen Leibes, die alle im Innersten ebenfalls ein ganz langsam gehendes Uhrwerk aus ähnlich gefangenen Sonnenstrahlen haben wie ihre weißen Brüder. Sie liegen nur fest gekittet durch eine Art Verholzung nebeneinander. Das, was sie ausgeschieden haben an Saft und Gallerte, wurde fest und machte so aus allen haftenden Kästchen ein dichtes Gewebe, aus Geweben Mauern und aus Reihen von solchen Mauern Organe. So ist auch der Mensch eigentlich nichts als eine ungeheure Stadt, die aus den Mauern dieser fest genagelten und gekitteten kleinen Bauzellen nach einem einheitlichen Plane des Unsichtbaren zusammengesetzt ist, wie uns das gleich durch eine Fahrt in diesem Wunderbau, den Menschen ›Jüngling‹ nennen, offenbar werden wird. Nur ein Wort noch über die festen, zum Teil durch den Dorn zerrissenen und auseinander gefaserten Seitengewebe unserer Wundhöhle. Du siehst, die weißen Segler da streuen immer noch ihre kleine Phosphorsaat, sie rüttelt immer noch an dem kleinen Schlößchen der Zellkästchen. Jetzt wachen die Schläfer allmählich auf. Sieh'! Hier und da hebt sich einer, streckt, verlängert, ja verdoppelt sich; sie gebären, sie vermehren sich! Das alles hat der kleine Sonnenschlüssel bewirkt, von dem ich dir noch manches Lebenskunststückchen später zeigen kann. Hier haben also die weißen Baumeister Reparaturdienste getan. Was mit Bernsteinfaserstoff zu leimen ging, der von den Wänden träuft, haben sie hochgehoben und verkittet zum Teil mit ihren eigenen Leibern. Die jungen Sprößlinge der aufgewachten Schlafzellen der Wände schieben sie und legen sie in die rechte Richtung, bis Seile von einer Front der Höhle zur anderen gespannt sind, und jetzt schrumpfen die Zwischenfasern und rollen sich auf, das gibt einen Zug an beiden Wänden – komm' schnell weg, Else, wir klettern höher, sie mauern uns sonst hier noch ein in diese Wundernetze, die die Doktoren Narben nennen.

Jetzt müssen wir einen Augenblick unsere kleinen weißen Freunde verlassen. Es gibt hier noch mehr Dinge zu schauen in diesem Labyrinth der Wunder. Du mußt nur immer bedenken, du bist Zeuge eines Vorganges der Ausbesserungskunst der Natur und, wie man ins Innere eines Hauses am besten sehen kann, wenn seine schadhaften Stellen repariert werden, so siehst du das Handwerkszeug der waltenden Fürsorge dann am besten, wenn sie beim Legen neuer Balken, Ziehen neuer Wände, Neumauern und Zementieren beobachtet wird.

Also denke dir: dieser Spalt, in dem wir stehen, sei die Fahrstrecke eines Blitzes, der in diesen Erdschacht schlug. Er riß alles auseinander, und die aufgerissenen Wände zeigen zerbrochene Balken, zerrissenes Baugewebe. Oben siehst du noch die Pallisadenzäune des äußeren Hautbelags. Zellkästchen, die eins neben dem anderen regelmäßig aneinander gereiht sind wie Schilderhaus an Schilderhaus. Von oben gesehen bilden sie ein Kästchenmeer von ungezählten kleinen Bienenwaben, deren sechseckige Gestalt wir noch sehr oft finden werden bei unserer Reise, die wir demnächst anzutreten haben. Aber mit dem Gebälk und Faserwerk zerrissen auch wundersame Röhren, in denen der Flüssigkeitsbedarf des ganzen Gebäudes kreist. Betrachte auch jene sonderbaren weißen Fadenbündel, von denen du gewiß schon eins oder das andere hast aufzucken sehen mit grünlicher Flamme. Die ersteren der Röhren sind Blutkanäle, nur siehst du hier ein Kleines, nicht rot gefüllt, sondern goldgelb, wie mit flüssigem dünnen Bernstein; doch mit der goldenen Flüssigkeit rollen, wie du siehst, immerfort gelbrote Scheiben aus den aufgerissenen Kanalröhren. Du kannst sie zählen auf beiden Seiten, einer Öffnung rechts entspricht immer eine solche links. Da, wo die Röhren zerborsten sind, quillt eben der gelbe Blutleim hervor; an der Luft wird er trocken zu Harzkitt, und dieser Kitt ist es, der jede Wunde vorläufig vereinigt, bis die Arbeit der weißen Balkenleger und der Reservearmee der aufgeweckten Mauersteinchen beginnt. Du mußt dir nur immer klarmachen, daß alles, was du hier siehst auf dieser unserer Entdeckungsreise, stets eine Beziehung zu den ersten kleinen Mauersteinchen, den Zellen, aus denen alles entstanden ist, haben muß. Entweder sie sind einzeln und frei beweglich, wie unsere bleichen Zauberkugeln, die überall die Stadt durchwandern wie eine Wohltatspolizei, oder aber sie sind fest zu Gebäuden aller Ordnungen zusammengefügt. Dabei sondern sie Zwischensaft ab, der einmal flüssig wie im Blut ist, ein andermal fest wie im Fasergewebe, glasig im knorpligen und kalkig wie im Knochengewebe. So sind auch die Röhren, in welchen der flüssige Zwischensaft der rotgelben Scheiben fließt, zusammengesetzt, wie Kinder von Kanonenröhren sagen: Gott nahm ein Loch und legte feste Zellen in Gewebsform herum, das heißt: die anfangs wie ein System von geschlossenen Schläuchen gruppierten Gewebe wurden hohl, in dem die innersten Zellen sich allseitig an den Rand zurückzogen und an ihre Stelle eben die eingewanderten weißen Rohrleger traten, die das Rollbett für ihre rothäutigen Brüder und für die gelbe Bernsteinflut herstellten. Die weißen Fäden aber, die du herabhängen und manchmal aufleuchten siehst, sind die Klingelzüge des Hauses! Kennst du noch, Else, das Märchen von den Glockenläutergesellen, das ich dir einst erzählte? Hier siehst du die Glockenstränge und kannst sie in die Hand nehmen! Unzerrissen können sie dem Knaben jedes Krabbeln einer Fliege über seine Stirn zur großen Sammelstelle der Meldungen leiten und ihn von dem Geschehnis Kunde geben. Erfahrung und Erinnerung, die beiden Trabanten der Phantasie, hätten ihn denken lassen: ›Fliege‹, und sein Wille zur Abwehr hätte seinen Arm nach der Stirn gehoben. Da hast du das ganze Kettenkonzert: Empfindung, Erfahrung, Phantasie, Gedanke, Erkennen, Wille, Handlung. Das Glockenspiel selbst werden wir uns nun auch bald ansehen, um zu erfahren, wie wunderbar es in seiner Kuppel aufgehängt ist. Wenn du jetzt an einem solchen zerfetzten Glockenseilgewirre reißen würdest, so würde das eine dem Knaben ganz außer der Erfahrung und Gewohnheit liegende Konfusion von Glockenzeichen bringen und er würde Unbehagen spüren mit dem dunklen Gefühl von etwas Zerstörtem: das ist das Alarmgeläut des Schmerzes. Aber wir wollen einmal bei unsern Hohlräumen, die das Blut führen, bleiben, und dabei will ich dir verraten, daß das Blut mit seinen Wellen ebenfalls solch eine Art Glockenstuhl der Höhe hat, wie die Glockenseile der Seele es in dem Gehirn besitzen, sie haben einen an großen, gewaltigen Arkadenröhren aufgesammelten Flutenthron: das Herz! Wie von der Seele Läutstränge ziehen durch den ganzen Leib, – sieh' die zerfaserten Reste eines solchen Stranges in dieser Höhle der Zerstörung –, so ziehen auch Töchterröhren von dem zuckenden Becher des strömenden Lebens nach allen Seiten, Netze von gleichfalls zuckenden Röhren aus, welche den höhlenrauschenden Saft segenspendend bis in die entferntesten Winkel der großen Stadt des Leibes wallen lassen. Nun will ich dir auch sagen, was die kleinen runden, rot-gelben Scheiben ohne solchen Phosphorkern, wie ihn die weißen haben, bedeuten; es sind Gastransporteure, Träger des Feuergases des Lebens, des ausgehauchten Segensstromes der Pflanzen, den diese kleinen Scheibchen in sich immer von neuem aufnehmen. Sie lassen sich in der Lunge von dem Geiste der die Erde umgebenden Atmosphäre aufblasen wie die kleinen roten Sehnsuchtstauben eurer Kinderherzen: die unsterblichen roten Gasballons mit dem Faden in den Händchen eurer kleinen Gespielen. Sie sind die eigentümlichen Färber des Blutes, glühend in dem Lichte eines in ihnen kreisenden flüssigen Kristallsaftes, der in dem eingesogenen Feuergas der Luft ganz stille brennt und zündet, sie geben in ihrer unendlichen Zahl, im Gelb des Beinsteinsaftes schimmernd oder rollend wie leuchtende Räder, dem Zaubersaft seinen heiligen Flammenpurpur, sein dampfend Rot. Sieh'! An einigen Stellen schimmern sie schon bläulich: sie sind entgast, und ein anderer kälterer Strom von Kohlengas geht in ihnen um! Die anderen kommen wie kleine Sonnenscheiben vom Gasherd der Lungen angerannt und bringen Atemluft allen ihren kleinen Brüderchen, die angesiedelt sind auf festem Grund, und zurück rollen sie durch das Herz wie lauter kleine, kühlere violette Wolkenschäfchen vom Kranz der untergehenden Sonne! Auch hier das ewige Gesetz der Farbe: Das Wärmere hell, das Kältere bläulich! Und im Blute seine Urnatur zum Dreiklang: ›Rot, Gelb, Blau‹ geeint!

Jetzt aber, Else, genug der Worte. Jetzt müssen wir reisen! Das Tor jenes größeren Blutkanals beginnt sich schon mit Bernsteinkitt zu schließen. Klimme mit mir empor, ich rufe zwei weiße Pferdchen – die Allerweltskerlchen können schier alles – herbei. Sitz' auf! Sie müssen uns erst emportragen wie Maulesel, und dann wie mit Muschelschiffchen auf zur Grotte des Herzens, zu dem Glockenstuhl der Seele, und wer weiß, wohin noch sonst!«

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