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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XII.

Der Schneckenkönig und seine Königin

Nun war schon Jahr um Jahr verflossen, seit die gute Else ihren unsichtbaren Begleiter auf Geheiß der Wichtelkönige erhalten hatte. Langsam war ihr mit seinen unerschöpflichen Ausdeutungen und immer netzartiger sich verknüpfenden, von ihm spielend aufgedeckten Beziehungen zwischen den Dingen ein stilles, wundersames Gefühl von Glück ins kleine Herz geflossen: eine Seligkeit der Sicherheit im Leben ward ihr Teil, eine frohe Heiterkeit und ein Gefühl des Getragenseins, wie es wohl der im Äthermeer schwebende Vogel haben mag, oder wie sie selbst es manchmal schon im Traume durchkostet hatte. Trotzdem befiel sie bisweilen eine geheime Furcht, daß eines Tages Aldebaran von ihr gehen würde, und zuzeiten fragte sie ihn ein über das andere Mal, ob es eine Möglichkeit gäbe zu ihrer Trennung. Dann tröstete sie Aldebaran mit den prophetischen Worten: »Ich weiche nicht von dir – es sei denn, ich könnte dir ein großes Glück bescheren, vor dem du mich vergessen würdest.«

»Das wird nie geschehen, Luftpeterchen!«

»Wer weiß es!« erwiderte Aldebaran. »Wie ihr Menschen von zwei Schmerzen nur den größeren empfinden könnt, wie ein jauchzender Schrei einen Geigenton erstickt, so erstickt auch das höchste Glück vor der Glut eines noch höheren! Die Jahresringe am durchschnittenen Baum zeigen, daß immer der neue Frühling einmal ringsum die ganze Pflanzenseele eingeschlossen und sie völlig umfaßt hat. Sieh'! Hier liegt der Rumpf einer quer durchsägten Eiche, groß genug ist der Durchmesser, um einen Eßtisch daraus für eine kleine Familie zu schneiden. Nun zähle, wieviel Frühlinge dahinein ihre Brautringe versenkt haben, wie in eine schöne, hölzerne Merktafel, und immer kam ein neuer Frühling mit all seinem schwellenden Blühen und Verlangen, und immer eine neue Liebe, die die alte, wenn nicht begrub, so doch immer tiefer in die Schreine der Erinnerung rückte. So werde auch ich einst im Museum deiner Lebenssammlungen aufgebaut sein unter anderen Raritäten, vielleicht wie ein seltener Stein, aber stelle mich hübsch, Else, und gib mir einen guten Platz!«

Wenn Aldebaran so sprach, bekamen Elseleins Augen einen feuchten Glanz.

Dann rief Aldebaran:

»Elselein! Lach' schnelle,
Und sprich ein lustig Wort,
Es schwimmen mit der Welle
Dir sonst die Augen fort!« – –

»Aldebaran,« sagte Elselein nach einer Weile, »du sprachst vorhin von den Brautringen des Frühlings und von der Liebe, die er weckt. Was ist das eigentlich mit der Liebe?«

»Es gibt so viele Formen der Liebe, daß beinahe jedermann seine eigene hat, und weil nun alle nur von der eigenen sprechen, so ist es damit wie mit dem Turm zu Babel: man baut und dichtet, deutelt und spintisiert daran herum, aber der Turm wird nicht fertig, und die Leute reden aneinander vorbei. Ich habe dir einmal gesagt, als ich dir kündete, die Sonne sei eine Morgenglocke und du meintest: »Die tönt doch nicht?« – daß du sie schon einmal hören würdest. Wenn man liebt, so tönt die Sonne von tausend, tausend Opfertoden der Liebe, da ungezählte Sternenwesen hineinstürzen in ihr Feuerherz, das Rauschen dieser opferseligen Schwingen hört der Liebende allein und weiß, daß im Opfer die Heimat der Liebe ist!«

»Fordert denn die Liebe immer Opfer?«

»Ja, Elselein, Liebe ist Opferbereitschaft. Laß dir ein Geschichtchen erzählen:

Es war einmal ein Schneckenkönig, dem hatte sein Vater ein weites, weites Reich hinterlassen. Das blühte unter seinem Friedensszepter zu nie erlebter Herrlichkeit und Größe. Immer zahlreicher wurden die einzelnen Familien, ohne daß der Wohlstand sank, weil soviel Land des Königs Eigentum war, daß er nur die Auswanderung der Nahrungslosen in ein Nachbargebiet zu bestimmen und zu befehlen brauchte, wenn die Kräutermagazine und Futterspeicher einmal leer waren. Er übersah eben von seinem alten Weidenthron auf einem Hügel ganz leicht sein gewaltiges Reich. Als gerade einmal sein Geburtstag war, führte die Kriegerschar des Morgens ein gefangenes Schneckenmädchen vor seinen Thron. Sie war im nächtlichen Dunkel durch den Grenzzaun des Reiches gekrochen und hatte das Erstaunen der Zollwächter und Festungswachen erregt ob ihres ganz wundersamen Aussehens. Ihr Leib war schneeweiß, goldig ihre Fühlhörnerchen und kornblumenblau ihre Stieläugelein, perlmuttrig ihr kleines Rückenhaus. Als sie all die fremden und dunkelhäutigen Krieger vor sich sah, erschrak sie so, daß ihr kleines Häuschen bis oben in die zierliche Turmkuppel erbebte. Sie senkte flehend ihre Fühlerärmchen zu den Mannen empor und diese beschlossen, es dem König zu überlassen, wie sie weiter zu behandeln sei und was mit ihr zu geschehen habe. Schnecken sind böse Nachbarn, weil sie nie erlauben, daß eine andere Nation zwischen ihnen weidet; sie bestrafen das Überschreiten der Grenze mit dem Tode. Die Vorposten am Grenzzaun führten aber den Ankömmling (war es wirklich ein Schneck oder ein höheres Wesen?), ohne es anzurühren, zum Königsthron. Es war etwas an ihr, das den rauhen und einfachen Schilderhausschleppern Zurückhaltung einflößte. Der König richtete sich sehr erstaunt auf unter seinem Thronbaldachin, als er den Trupp heranrücken sah.

»Wer bist du? Und woher kommst du?«

»Ich bin eine Prinzessin, Haliotis, Sproß des Königshauses der Patelliden, und bin hier fremd. Meine Heimat ist sehr weit von hier, wo ewige Sonne ist. Sieh', das Zelt, das ich mit mir trage, kündet dir das Bild des leuchtenden Farbenbogens! Sei mir gnädig, König Arion.

Das Schicksal trug mich, von einem bebrillten Menschen behütet, bis hierher. Ich entfloh meinem Käfig vor zehn Tagereisen. Ich bin matt und elend vom Wandern, ein schreckliches Heimweh macht mich zittern, Frost klappert mit den Fensterscheiben meines Wohnhäuschens!«

Da fühlte der König Arion zum ersten Male die Liebe. Er glitt vom Thron, richtete sich steil auf und sagte:

»Haliotis! Hier wird deine Heimat sein. Denn ich mache dich zu meinem Weibe!«

Als Haliotis errötete und zögerte, sich ebenfalls aufzurichten – das ist die Liebesgebärde der Schnecken –, nahm König Arion ein paar Pfeile aus seinem Köcher und warf sie gegen das Perlmutterschild der Prinzessin im lustigen Her und Hin. Da klang im Gewinde ihres Häuschens, vom König Arion mit den Liebespfeilen wundervoll gespielt, das Lied von der alten Heimat der See, aus deren paradiesischen Palästen die Schnecken einst vertrieben wurden, deren Rauschen und Raunen, Singen und Klingen die Harfe ihrer Rückenkrönung für immer aufbewahrt. Kein Haus einer Schnecke ist ohne ein solches Glockenorgelspiel. Gott, der alles wohl geordnet hat, baute ja auch den Menschen ein winzig Schneckenhausgewinde, eine Spiralharfe tief ins Ohr, und ohne sie hätten sie keine Musik, und die süßen Worte der Liebe spielten nicht so berauschend das alte Lied vom Paradiese, das eben der Schneckenkönig der noch zaghaften Haliotis auf ihren Panzerschuppen mit kleinen Kalkpfeilchen und Kieselhämmerchen heruntermeisterte. Als die Prinzessin das alte Schlaflied der Furcht, den Liebesgesang, erklingen hörte, war sie besiegt und sank dem König in die Arme. Da wurde Hochzeit gehalten mit allem Prunk, – aber sonderbar, seit diesem Ehebündnis ging es bergab im Schneckenreich. Hungersnöte häuften sich, die Zahl der Schneckenkinderlein, die täglich geboren wurden, sank sehr schnell. Auch blieb die Königsfamilie ohne Prinzen oder Prinzeßchen. Ein dumpfer Bann der Sorge lag schwül über dem Lande. Der König sann und hielt Rat mit seinen Ministern und Thronnächsten. Keiner wollte recht heraus mit der offenen Bekundung des einzig Notwendigen, der bitteren, letzten Wahrheit. Da faßte der König sich ein Herz, und in einer Notstandssitzung sprach er das Wort, das keiner sich zu sagen getraut hatte: »Wir müssen eine neue Heimat suchen, wir müssen wandern!«

Da klangen Trompeten durchs Land, und allsobald ordnete sich der Zug, ein meilenlanger; der König und die Königin in der Mitte. Immer weiter führte der Weg, immer schlechter wurde es mit dem Volke der Schnecken. Feinde beunruhigten die Märsche. Die Nahrung am Weg reichte lange nicht, das zahllose Heer zu erhalten, der Hunger machte, wie immer, den Seuchen die Häuser auf, und siehe, bald glich das arg zusammengeschmolzene Volk nur einem einzigen großen Zuge von kranken Pilgern, die heilige Grabstätten suchen. Nur der König und die Königin, denen alle gefundenen Nahrungsvorräte zur weisen Verteilung vorgelegt wurden, blieben fest und stark im Glauben an eine bessere Zukunft. Aber schwer fiel es dem König Arion aufs Herz, als eines Tages gemeldet wurde, daß vorn an der Spitze des meilenweiten Zuges ein tiefer, tiefer Bach schäume, der nirgends eine Furt oder Brücke darböte. Das war schlimm. Ratlos standen die weisesten des Volkes und sahen keinen Ausweg. Da meldete sich ein wohlgestalteter Jüngling, ein Harfenspieler und Sänger, im Königszelt. Er kenne eine alte, weissagende Menschenhexe in den Bergen. Er getraue sich, zu ihr zu gehen und sie um Rat zu fragen, was das Schneckenvolk beginnen sollte, um dem sicheren Untergange zu entrinnen. Froh billigten der König und die Königin den Plan des jungen Dichterschnecks. Aber als seine Augen die der jungen Königin suchten, da übergoß Purpurröte ihr Antlitz: Er war ein Kind ihres Volkes, der ein Maskenhäuschen trug. Blitzschnell hatte beim Herantreten der Jüngling seine Maske um ein weniges gehoben: sie sah die Irisbogen ihrer Heimat unter dem übergestülpten Häuschen eines gefallenen Kriegers aufleuchten.

Wochen, Monate vergingen. Inzwischen war der Bote des armen Wandervolkes hinaufgeklommen in die Berge und kroch behutsam in das Haus der Hexe. Die saß am Herd und braute ihre Zaubertränke und murmelte etwas Fremdartiges den unter dem Kupferkessel hervorleckenden Flammen zu. Plötzlich sah sie die aufgerichtete Schneckengestalt am Boden demütig auf sie hinstarren.

»Nu, nu! – Was gibt's? – Kleiner, krauchender Wanderer und Blätterfreßsack! Was willst du bei der alten Mutter Nat-Ur, die sich immer bemüht und bald für eine Hexe verschrien, bald wie eine Heilige gepriesen wird. Hexe, wenn sie Unheil nicht verhindern kann, Engel, wenn alles gut abgeht. Aber sprich – was soll's, Söhnchen?«

Nun trug der Schneckenjüngling sein Anliegen vor. Die Alte kraute sich hinter den Ohren.

Endlich sagte sie: »Es gibt nur eins: macht es wie die Menschen! Sie bauen mit sich selber Brücken der Ewigkeit!«

»Was heißt das?« fragte wenig erbaut der Schneckenjüngling.

Da wurde aber einmal die Alte bös: »Naseweiser, hinaus mit dir, Frechling! Soll man euch alles um das Maul schmieren? Könnt ihr Kriecherseelen denn euer bißchen Gripps nicht anstrengen? Marsch! Hinaus, Bube, Fürwitz! Mir ringst du nicht mehr ab, als gerade nötig ist. Hinaus! Hinaus!«

Da krachte es in allen Fugen der Hütte und überall züngelten kleine Flammen auf, so daß der Schneck so schnell wie er konnte die Schwelle überkroch.

Bei seinem langen Rückmarsch überlegte er hin und her, was wohl das dunkle Wort zu sagen habe. Aber er kam, unfähig, es zu deuten, im Lager an und verkündete vor allem Volk das Wort der Wahrsagerin:

»Macht's wie die Menschen, sie bauen mit sich selber Brücken der Ewigkeit!«

Alle Gelehrten des Reiches zerbrachen sich umsonst ihre Köpfe. Niemand wußte dem dunklen Rat einen Sinn abzuringen. Das Volk stand verzweifelt am Ufer und starrte in die Fluten des hohnlachend talab rauschenden Baches, der ihnen den Weg für ewig sperrte. Die Edlen bemühten sich unaufhörlich, vergebens – niemand wußte, was zu tun sei.

Da, in einer schönen Sommernacht, stand die junge Königin im Mondschatten eines Lattichs und sah zu den ewigen Sternen. Im Gras wisperte ein kaum hörbares Säuseln, und sie sah ihren jungen Landsmann, den Träger der dunklen Botschaft, auf sich zueilen. Der beugte seine Knie und sagte:

»Königin! Ich hab's! Ich weiß den Sinn. Ich könnte es verschweigen. Es ist eine fürchterliche Wahrheit, aber ich will sie dir künden, weil ich dich liebe; ich bin deinesgleichen!«

»Sprich! Schnell! Ehe der König kommt.«

»Die Menschen sind die Erfinder der opfernden Liebe! Wenn sie etwas lieben, so erreichen sie es, wenn auch Tausende für diese Liebe sterben.

Sie lieben das Meer und trachten, es zu erobern. Tausende ertrinken, bis ein Gefährt entstehen wird, das Millionen ihres Geschlechtes sicher über Ozeane führt.

Sie lieben freie Luft in der Höhe. Sie lieben die Aussicht und das Schauen in die Ferne so sehr, daß sie sterben in Eis und Gletscherspalten, nur um den ersehnten Anblick einmal gehabt zu haben und Nachlebenden den Weg zu weisen.

Sie sehnen sich nach Polhöhe und Wüsteneinsamkeit. Sie lieben das Wissen so sehr, daß sie erfrieren im Eis oder ersticken im Glutensande, aber sie finden den Weg, ob es tausend Menschenleben kostet.

Sie lieben das Schweben in der Luft. Sie finden das Rätsel des Fluges, bauen Flügel, die sie tragen, und erobern die Höhe, wie alles, was sie gemeinsam wollen, ob viele ihrer Brüder darüber hinsterben. Und das ist herrlich. Würden nicht auch ohne diesen Opfermut dieselben Millionen einmal sterben, dann aber nutzlos und ungerühmt? Der Opfertod des Einzelnen ist ein Liebestod für die Nachkommenden, für die Ewigkeit!

Das ist der Sinn der Worte, die die große Ersinnerin Nat- Ur mir ins Gesicht geschleudert hat!

Was folgt daraus? Wir müssen sterben im Bach, damit die Überlebenden über unseren Leichen das Jenseits erreichen! Wenn nur wenige hinüberkommen, drüben ist Weideland und Heimat, drüben ist die Ewigkeit unseres Geschlechtes.«

Überwältigt von seiner flammenden Begeisterung sank ihm Haliotis an die Brust. Er aber sprach sein Lied von der Brücke der Ewigkeit noch einmal und weit ausführlicher im Rat des Volkes, und er entzündete einen solchen Sturm der Hingerissenheit mit seinem Sängermunde, daß eine blitzhafte Bewegung des Entschlusses und ein einziger Schrei: »So sei es!« durch die Reihen ging.

Dann schloß er begeistert: »Wenn alle sterben, seien der König und die Königin die letzten, die über uns das Land gewinnen!«

Sprach's und stürzte sich, sein falsches Schild abwerfend, aufleuchtend in allen Farben der schönen Ewigkeitsbrücke zwischen Himmel und Erde – als erster in die Flut. Vieltausend ohne Zögern ihm nach.

Als die vielen Schneckenleiber still und fest gerammt von den Körpern unzählig Geopferter im Bache sich stauten und eine begehbare Furt von lauter kleinen Kalk- und Kieselquadern bildeten, da schritten als letzte der König und die Königin stolz über die aus den treuen Leibern und Seelchen ihrer Untertanen gebildete Brücke zum Jenseitsufer –

Drüben aber gebar die Königin sehr bald vier Prinzen und drei Prinzeßchen, von denen das Erstgeborene ein Irisschildchen auf dem Rücken trug, was den König sehr nachdenklich machte. Die vermehrten sich bald in dem schönen Lande, und so wurde Haliotis die Stamm-Mutter aller Schnecken, die noch auf Erden sind. Denn jede Mutter kann die Mutter eines ganzen Volkes werden!

Das, Elselein – schloß Aldebaran – ist die eine große Form der Liebe: Die Liebe zum Bestand der gleichen Art, die viele Opfer fordert. Von der anderen, der Liebe von Herz zu Herz, spreche ich ein andermal, sie ist nur eine Maskerade jener höheren!«

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