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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XI.

Der Weltallsdenker zu Königsberg

»Nun zu den Sternen!« sagte Aldebaran.

»Nun soll dir, die du oft gefragt, was dort auf dunkler Wiese wohl für Blumen blühen, die tags erblassen und jeden hellen Abend einen neuen Frühling des Lichtes heraufführen, die Antwort werden! Sind es Leuchten am Pfad, den ewige Geister schreiten? Sind es edelsteinbesetzte Diademe, die Götterstirnen zieren? Sind es helle Scheiben vor einem Meer von Feuer, das in unermessenen Fernen hinter dunkler Wand glüht? – Wer seid ihr, Steine? O, wieviel Menschenseelen fragen jeden Abend hinein in diese Wüste aus leuchtendem Sand, in diesen Flammenstaub am dunklen blauen Mantel der Unendlichkeit und können nicht glauben, daß sie alle, die an ihrem Himmel wandeln und wie eine ewige Heimat grüßen, Geschwister sind von Sonne, Mond und dieser festen Erde! So starr, so still, so trostvoll in ihrer Ruhe, und doch das alles in rasender Fahrt, im Wirbelsturm von Massenglut und Wolkenfeuer! Ein Mückenschwarm und Bienenvolk viel ungesehener dunkler Leiber, die alle goldene Kronen tragen, Bilder des Winzigsten und Allgewaltigsten zugleich – du Flammenalphabet vom Buch der Ewigkeit: was kündest du?– – –

Vor noch nicht gar so langer Zeit saß in seinem stillen Gelehrtenstübchen zu Königsberg bei spärlich leuchtendem Licht ein hagerer, noch wenig ergrauter Mann. Ein Lehrer der Jugend, die ihn nicht verstand, aber ob seines milden und rechtlichen Wesens und aus vorahnender Ehrfurcht liebte, war er seinen Genossen der Hochschule ein Mann, der vermutlich sein Fach verstehe, schlicht und recht, wie jeder der ihren eben auch, nicht mehr und nicht weniger. Doch dieser Mann war ein Auserwählter. Er war ein Genius und Prophet der menschlichen Vernunft und ein Gesetzgeber der Gedanken, wie ihn die Erde schwerlich wieder sehen wird. So eingespannt in das Uhrwerk der Alltäglichkeit und doch erfüllt vom Feuer und Bewußtsein prometheischer Gedankenkraft, hielt er die ungleichen Rosse seines irdischen Streitwagens in der Arena der Gedanken doch mit der redlichsten Energie einer ziemenden Bescheidenheit und mit eisernen Zügeln im Gleichtakt. Freilich, je mehr er sah, daß seine Worte, welche Ewigkeitskeime ausstreuten, vorbeiwehten an den Ohren seiner Zunftgenossen und Schüler, ergriff ihn ein tiefer Unmut und die schlimmste Prüfung eines Einsamen im Geist: der langsam herankriechende Wurm des Zweifels an dem eigenen Wert – eine Qual der Edlen, bei der so einer wohl Gebäude zusammenkrachen und Gebirge wanken fühlt. – Da sah er einst ganz verlassen und in sich schwer bedrückt von seinem Dachfensterchen hinauf in die Sterne. Wie schon so vielen, zitterten sie auch ihm mit ihrem stillen Lichtgesang ein Wiegenlied der Schmerzen zu; er aber erwies sich ihnen dankbar in einer ganz eigenen Weise. Er wollte ihnen ein Lied singen, einen Heldengesang ihrer Heimat und ihrer königlichen Geburt. Das sollte auch zugleich ihm selbst und aller Welt eine Probe sein, ob es denn wahr sei, daß Gott und Natur ihm hellere Augen gegeben habe als so vielen. Er wollte sehen, ob ihm, der hoch von seinem Können dachte – weil er es viel Höherem verdanke – nicht möglich sei, das Rätsel der Sternenwelt zu lösen, was niemandem bisher gelungen.

Ein Apfel hatte dem großen Engländer die Erdanziehung und das Gesetz der Bewegung der Sterne zugerufen – diese goldenen Nüsse da droben sollten ihm schon noch tiefere Wunder künden! Da war er dazu gekommen, über die Sterne zu denken und alte Folianten zu wälzen und, ohne je der Zunft der Sternkundigen zuzugehören, ihre bisherigen Errungenschaften unter sein Denkerauge zu rücken. Tief saß er so mit dem wilden Wunsch, Unerhörtes zu ersinnen, vor seinen Büchern. Nur ab und zu, wenn fast Verzweiflung ihn erfaßte vor dem Chaos der einzelnen Beobachtungen und dem Wirrwarr der Meinungen, fragte er die Sterne selbst um Rat, und ehern pochte dann die Faust einer gigantischen Sehnsucht an das dunkle Tor der Weltenburg, die durch unzählige, fest verschlossene Schlüssellöcherchen dennoch vom hellen Leben hinter ihr verkündete. Vergeblich! Es sprang kein Schloß und keine Brücke fiel.

Da sank er wie in Schüttelkrämpfen umhergeschleudert in dies papierne Meer von Irrtümern und Narrheiten und schlug sich Stirn und Brust.

»Zwölf!« rief da die Glocke der alten Schloßkirche ihm zu. »Geh schlafen, Alter! Es bleibt, so wie es ist. Ich lasse sie gehn, die Zeit, laß du auch den Raum da droben, laß ihn gehn!«

»Nein!« schrie er in unbeugsamem, wildem Trotz.– –

Da sprang die Türe auf und vor ihm stand ein schwarzes Riesenweib, umwallt von Nebelschleiern und mit einer Sternenkrone geschmückt.

»Ich bin die Unendlichkeit!« sprach eine Stimme, dunkel wie Glockenklang und weich wie Sammet der Nacht.

»Folge mir! Mir ward der Auftrag, dich durch mein Reich zu tragen. Laß deine Hülle hier! Nur deine Seele kann mich begleiten.«

Da fühlte der alte Mann deutlich, wie er sich selber von seinem Leibe löste. Er sah sich selbst dort über Pergamenten gebückt, ganz leiblich, starr und unbeweglich sitzen und doch fühlte er sich dieser Erscheinung, sie neugierig musternd, gegenüber, so daß er unwillkürlich an sich heruntertastete. Er sah sich nicht, er fühlte sich nicht an. Hier, wo er stand und dachte, genau wie stets, war er nun seelisch, leiblich nicht. Seine Hülle sah er dort am Tische gleichsam über den Folianten festgebannt. »Das also ist Seele,« dachte er, »leiblos und doch ein Leibgefühl, unsichtbar und doch mit allem Empfinden von sich selbst.«

»Hülle dich mit ein in meinen Mantel! An meinem Gürtel halt' dich an! – So ist es recht! Du sollst das Weltall sehen!«

Frei, ohne daß ein Hindernis, ein Raum, ein Gegenständliches bestand, durchschwebte er mit dem Engel der Unendlichkeit die Zimmerdecke, das Dach und lag eine Weile staunend über den Lichtern der Stadt, die er unter sich sah. Und immer hatte er deutlich das Gefühl von sich und seiner unbeschädigten Persönlichkeit. Er sprach zu sich, doch hörte er sich nicht, und doch antwortete der Engel ihm verständlich, wenngleich er ihn gleichfalls nicht eigentlich hörte. Es war, als vernähmen sie ihre Gedanken und keiner von beiden bedürfe dazu der Worte. So floß es ihm im Schweben zu:

»Wir fahren mit der Geschwindigkeit des Gedankens. Auch seine Flugschnelle wechselt und gehorcht dem reinen Willen. Wir können in eines Lidschlages Frist am Sirius sein, und sind schon wieder zurück.«

Es war kein Traum, sie hatten soeben ein unendliches Lichtmeer aufblitzen sehen, als wäre alles in Weißglut, und doch schwebten sie schon wieder über dem alten Königsberg. –

»Du bist jetzt nur Gedanke. Du bist überall, wo du sein willst. Du bist wie Äther – allgegenwärtig. – Sieh, was der Küster dort in der Schloßkirche treibt!«

Schaudernd fühlte sich der stille Gelehrte augenblicklich in den Grabgrüften des Domes und sah den Küster mit Laterne und Hacke, kniend in den Gewölben, nach alten Schätzen graben. – Doch schon war er wieder in des Engels wallendem Mantel.

»Staune nicht! Du bist nur Wille. Dem ätherischen Willen ist nichts undurchdringlich, nichts unerreichbar. Wir steigen jetzt empor. Sieh', wie die Wolken unter uns sich legen wie große Ballen Schaum! Bläuliche Terrassen bilden sie, die abwärts führen in ein dunkles Meer. Die Spitze dort, die mondbeleuchtet wie eine Inselklippe in dies Meer hineinragt, das ist der Montblanc; ein Stückchen gegen Osten: sieh', des Himalaja goldene Zacken! Hier ist schon Sonnentag! Sieh', flammenden Rosenkranz um sie, wie erstarrender Wellenschaum, der das Felsengestade umarmt! Immer höher! Jetzt würden Menschen sagen, »wie dünn die Luft wird«. Jetzt ist nur Licht um uns. Tief da unten die Erde, wie in einer Schachtel mit geschüttelten Federn. Wie weiß die Sonne wird und scheinbar kleiner ihre Scheibe! – So schwarz die Finsternis im Raum!«

»Wo ist des Himmels Blau?«

»In den Augen deiner Brüder dort unten. Farben sind Gaukelspiel ihrer Augen! Noch höher: jetzt müßten Menschen sterben. Ein feiner Lichtdunst, kalt und eisig. Jetzt schon kristallen.« Ein Ruck! »Die Atmosphäre ist durchbrochen. Wie anders hier die Sternenwelt, in allen Größen glühen bunte Leuchten. Jetzt siehst du erst die wahren Diademe. Die Atmosphäre lügt und schafft Masken. Der Äther nur ist wahr. Nun übersiehst du vieles schon. Die helle weiße Scheibe ist die Sonne. Ist eures Planetenrades Achse. Doch dieses Rades geheime Speichen sind besetzt mit vielen hundert lichten, vielen dunklen Nägeln. Sieh', meist in einer Ebene! Die größeren kennst du schon! Schau' ihres wilden Ganges Wettlauf an! Sieh'! Jenen Fernen dort. Neptun! Schlägt seinen Rundbogen um die Sonne in 165 Jahren, Uranus, Saturn, Jupiter, Mars, Erde, Venus und Merkur, der Reihe durch, in 84, der Saturn in 29 Jahren, und so fort. Die Erde in einem Jahr und Merkur viermal in einem Jahr! Und mitten in ihren Bahnen die Sonne, die sie alle jetzt umgehen wie viele Zeiger auf einem unendlichen Zifferblatt, die mit Diamanten besetzt sind. Sieh' auch die vielen dunklen Körper, die die leuchtenden Brüder begleiten! Es sind schwarze Weltenlappen, die den hellen Zeltern nachgaloppieren. Und sieh'! Ein grelles Aufleuchten von Sichelform und Halbscheiben, sie tauchen aus einem Meer von Dunkelheit, das sich um die Planeten ringelt! Es ist ein Rad das Ganze, wenn du in Gedanken Speichen ziehst.

Wir sehen diesem Rad – es gibt solcher unzählige – von oben her auf die Speichen! Komm' jetzt zurück an seinen Rand, wir wollen seitwärts schweben. Was siehst du jetzt? Eine Linsenform von Licht mit einem hellen Kern!

Du siehst dasselbe Rad von vorne laufen!

Nun denke tausend, tausend Räder in jeder Stellung um eine Mittelnabe kreisend in allen Richtungen, die es gibt, fern voneinander, nur sich hier und da benachbart – und alle sich drehend um eine Zentralglut, einen Bruderstern gleich eurer Sonne, auch einem Kern nur, der seine goldbesetzte Schleuder rings um sein Glutenhaupt schwingt, so weißt du auch, wie ungezählte Welten sind von solcher Art! – Komm' weiter in dem Glanz von Licht – durch Millionen Speichen schlüpfen wir, durch viele, viele Räder frei hindurch, die alle rollen und gemeinsam den Wagen tragen, auf dem die Gottheit schlummert. Komm' ihm voran! Denn, wohin des Ewigen Gefährt steuert, da jauchzen neue Räder freilaufend mit ihm, Sonnen, goldene Naben und Planeten, der Sternbesatz der Speichen! Und rollt und rollt weiter! Alles säet sein Traum: Ordnung, Schönheit, Leben in tausend Formen! – – Jetzt sollst du eine Welt entstehen sehen, ganz ähnlich eurer Erdenwelt, sollst mit anschauen, wie solch ein Rad sich um eine Sonne bildet!

Sieh'! Scheinbar leer und kalt ist jener weite Raum. Milliarden Jahrmillionen wogt doch schon in ihm der unsichtbare Äther. Äther ist Weltallsodem, der dem wandelnden Gott voranrast.

Vom Odem deines Erdenmundes selbst geht ja ein Nebelschleier, so du im Winter durch das Feld wandelst. Und sollte nicht von seinem Odem eine Welt von jauchzenden Kristallen entstehen? Er schaut ihn an, den hellen Reif der Ewigkeit, – Blick ist Gedanke, Gedanke Traum, Idee und Plan! Und schon ist Äther, der Bildungsstoff von allem vor seinem Odem! Er ordnet sich im ersten Aushauch seines Willens. Da bilden sich im unendlichen Raum Verdichtungen.«

»Verdichtungen? Woher?«

»Des Äthers erste Ordnung ist Kristall. Kristall ist die glitzernde Bildungsleiter des Lebendigen, auf seinen Sprossen steigt das Leben! Zu Gas und flüssiger Glut streckt sich das Kristallene in himmlischem Gefüge. Wo sich Kristallkerne bilden, stürzt sich der Äther herzu wie Wirbelwind. Ein Wirbel ist an dieser Stelle dort, schau hin!

Im Innern glüht ein Diamant. Die Äthermassen lassen die himmlischen Kristalle glühen. Aufprall und Gegenstoß, Preßdruck in ungeheuren Massenstürmen. Der Glutkristall fängt an zu kreisen. Er reißt die ganze Umwelt mit in seinen Strudel. Die kleineren Kristalle aus dem Äthermeer stürzen ihm brausend angezogen ins Herz und schüren seines Herdes Glut. Sieh' jetzt schon den ungeheuren Feuerball mit immer tollerem Rasen kreisen, wohl in Sekunden hunderttausend Meilen! Denk', wie das schwingt und nach seinem Umkreis trägere Mengen abzuschleudern strebt! Da fliegen goldene Glutenbälle wirklich ab.

Und kreisen doch noch um den Kern, des Zwergenkinder sie doch bleiben. Drei Speichen gleichsam hat dieses Rad und drei Planeten zieren sie, noch viele werden folgen, alle in derselben Ebene. Von Söhnen, Töchtern schwingen Enkel ab. Hier sind es Ringe vieler Enkel auf einmal.

Dort drei, vier Monde auf einmal, und dort ein Söhnchen ohne Mond. Und alles schwingt am Rad in gleichem Sinne, nur wo im ungeheuren Anprall einmal ein neuer Tochterball der Schwester Monde trifft und sie zur Umkehr zwingt, da kreist wohl einmal auch ein Mond im Gegenlauf auf Zeiten von nur hunderttausend Jahren um seine Mutter.

Nun sieh' von vorne solches Rad! Und wieder ist's die Strahlenlinse.

Der Äthermassen Schönheitsdrang, sich gruppenweise zum Kristall zu formen, sich zum Kerngedichte zu verengen und so das runde Leben aus dem toten Einerlei und dem starren Nichts zu wecken – das ist der erste Anstoß aller Sternenwelten, aller, aller Räder Antrieb. Er stammt von Gottes Odem und ist Ursprung aller Nebelschleier, aller Linsen und Spiralen, aller der Milliarden Feuerseelen, die Strahlen leuchtender Milchflut und glühende Wellen bilden. Doch jedes Körnchen bleibt im Rad für sich, wenn auch Kristallsplitter und abgerissene Feuerkugeln noch umherirren, unsicher, welchem Rad sie zugehören, weil viele sie in ihren Busen locken (ihr Menschen nennt sie dann Kometen) – wenn auch dunkle Schwärme solcher Bröckel vom Schweife manches Spiralnebels ausgeschleudert werden, sie sind doch Stäubchen nur, die emporstrudeln und fortrasen, wenn die unzählbaren Räder des Gotteswagens dahinrollen. Sie prallen an ihrer Radreifen Atmosphäre und siehe: Sternschnuppen, Lichtblitze zerstäubter und entzündeter Gase, Nordlichtflammen und magnetisches Meerleuchten der Weltmeere bilden Kronenschmuck und Diademe, Halsbänder und Sonnenhaupt und Planetenköpfe! – – –

Noch mitten durch der Sonne Glutball ging die Reise, die Randfackeln der Königin aus Gasausbrüchen sah er leuchten, die dichten Metalldämpfe, die ihr Tribut an das Dunkle sind – und alles schien belebt von fackelnden, züngelnden, schwebenden, handelnden, leidenden Feuerseelen – durch manchen Planeten ging's mitten hindurch, er sah Himmel mit vier Monden, Sternennächte mit einem Regenbogenring von gefärbtem Mondlichtseidenband, einem breiten Mondesgurt um den Leib eines anderen Planeten. Er sah die Mondlandschaft der Erde als letzten Rest erkalteter Sonnenenkel eisig starr mit marmornen Amphitheatern liegen, mit aufgerissenen Löchern seines Leibes, Gebirge, die wie Mauern Schatten geben, sah Meteorfelsblöcke in den Leib des Mondes schießen, daß sein Blut hochspritzte wie ein Brei und sah des längst Gestorbenen fahle Wunde klaffen –

Plötzlich stand er wieder mitten in seinem Stäbchen, sah sich noch immer über den Sternbüchern gebückt. Da hieß ihn der Geist der Unendlichkeit still sein irdisches Gehäuse suchen – dann war der Gewaltige verschwunden, und in demselben Augenblick schlug der Grübler die Augen auf – blickte verwirrt um sich, rieb sich die Stirn, sah dann lange zum glitzernden Mantel der Nacht empor. Nach tiefem Sinnen schritt er zu seinem Schreibtisch, nahm eine Schwanenfeder und schrieb auf ein großes Blatt in festen Lettern die Überschrift zu einem der größten Menschenwerke, das er unverzüglich fertigstellte:

»Theorie des Himmels und Versuch von der Verfassung und dem Ursprung des ganzen Weltgebäudes.«

Nicht lange, da hielt der große Preußenkönig dieses Werk seines Königsbergers in der Hand, las die demütigen Worte der gedruckten Widmung und den prophetischen Titel und – warf das Buch lächelnd in den Papierkorb. Fünfzig Jahre später erst wurde es erkannt als einer der größten Triumphe des Menschengeistes.

»Ihr Menschen seht nicht die Genies, die unter euch dahinwandeln wie Euresgleichen. Sie werden verdunkelt von dem Schwarm der Alltäglichen und Mittelmäßigen, und der Erfolg gehört dem, der dem lärmenden Augenblick genügt, der Ruhm aber dem, der sich um Ewiges gemüht!« – –

»Nun eins noch,« sagte Else, »laß mich fragen, Aldebaran! Wie kann man sich die Ewigkeit denken?«

»Darauf will ich dir mit den Worten eines alten Sternsehers antworten, der sagte:

»Denke dir ein Tintenfaß im Quadrat, jede Seite so groß wie von hier bis zum Monde, und eine Gänsekielfeder, die einen Liter Tinte faßt, und schreibe damit soviel Zahlen hintereinander, wie du schreiben kannst, bis das Tintenfaß leer ist, dann multipliziere die Zahl, die du bekommen, mit einer kleinen Trillion, dann hast du – immer noch keine Ahnung von der Unendlichkeit!

Und der Gigantin Zwillingsschwester, Else, ist die Ewigkeit!«

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