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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 11
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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X.

Aldebaran und der Alte von Weimar im Gespräch

Mein Kind,« sagte der Alte, »du hast mir da eine artige Geschichte des Lichtes und der Farben gegeben, und es tut mir leid, daß mir dein Märchen von den Lichtreiterchen nicht selbst in den Sinn gekommen ist.

Aber ihre unsichtbaren Knappen? Was sind denn das für dunkle Gesellen? Und wie hat man die zu deuten?«

»Großer Meister!« erwiderte Aldebaran in Elses Sehertraum. »Jede Zeit hat eine Brille, deren Hornbügel den Blicken Grenzen setzt, wie dem Bilde der Rahmen. Das Kommende erst sprengt die Grenzen. Die nach uns werden wissen, daß mit dem Licht auch Wärmestrahlen und magnetische Ströme in unser Auge dringen und daß diese drei zusammen erst das erzeugen, was wir Farben nennen. Ihr gemeinsamer Strahlenbüschel aus Licht, Wärme, Magnetischem (Elektrischem) gibt je nach ihrer verschiedenen Mischung das, was die Seele für Farben empfindet. Diese drei Zauberhändchen nehmen eben die Netzhaut für ein Klavier und hämmern durch- und miteinander auf den Tasten dieser Strahlenharfe, und was wirken sie in der Seele? Ein buntes Spiel! Sie drücken in Wirklichkeit wie auf einer Orgel nur die Tasten herunter mit ihren gemengten Fingerlein, und dann braust die Seele durch die Tasterlücken ihren Strom von Farben und wirft die Wellen zurück an die Stelle ihrer Bewegungsquelle.

Nun will ich dir den letzten Schleier lüften vom Geheimnis des Lichtes und der Farbe.

Der Quell der Farben ist die Dreifarbigkeit des Menschenblutes selbst.

Wir Menschen haben alle Farben in uns selbst; die Natur hat keine, sie bekommt sie erst durch die drei bunten Scheiben, die in unseren Adern enthalten sind. Rot ist des Blutes Zustrom, in dem alle winzigen Gasbällchen kreisen, die sich in der Lunge vollgesogen haben mit dem Feuergas der Luft. – Blau ist das Blut des Abstroms, die Farbe der Kugelscheibchen, die aus den Werkstätten des Lebens das Kohlengas zum Wechsel in der Lunge mit den dunklen Adern dahintragen. – Gelb ist der Strom der Blutwellen selbst, die beide tragen, das sogenannte Blutwasser. In den Schlagadern fließt der rote Saft vom Herzen zum Auge, in den Saugadern das Blaue zum Herzen zurück, beider Strombett hat Bernsteinfarbe im Blutwasser. Du begreifst, daß du mit dieser Dreieinigkeit die Bausteine zu allen Farben hast.«

Else zeichnete auf ein ihr vom Alten gern gereichtes Blatt Pergament folgende Figur:

»Mischungen von Rot und Gelb geben Orange, von Rot und Blau Violett, von Gelb und Blau Grün. Da hast du aus den drei Urfarben die sechs Grundfarben leicht entwickelt. Du siehst schnell ein, daß also im Blute alle Farben durch Mischungen seiner drei Elemente zu erhalten sind. Nur fehlen Weiß und Schwarz. Wie sie entstehen, sage ich dir zuerst. Denke dir das Blut wie einen zarten Vorhang mit gläsernen Wänden, alles ganz dünn und durchsichtig, vor der Klaviatur der Netzhaut ausgespannt; dieser Vorhang, in dem stets eine seine Blutschicht kreist, wird mit dem edlen Saft der Geheimnisse von allen Seiten gespeist vom Zustrom roten Aderblutes und immer fließt dunkler Saft nach allen Seiten durch die Saugadern ab. Beide Ströme durchflechten sich aufs innigste und ihre Strombahnen reichen sich die Hand in feinsten Stromschnellen, die genau nur so breit sind, um ein Blutscheibchen nach dem andern, wie zu Geldrollen aufgereiht, hindurchzulassen.

Nun ist im Auge ein wunderbarer Tastapparat, eine kleine Doppelorgel für Licht, die alle Nüancen der drei Mischungen von Strahlen, Licht, Warme und Magnetismusbündeln aufs feinste registriert und damit die Stromschnellen am Rande des Vorhanges vor der Schaubühne unseres Auges bedient. Strömt das Sehbare in der Anordnung von Sonnenstrahlen, d. h. in Geraderichtung aller Arten Lichtreiterchen mit ihren Knappen in schönster Ordnung heran, so werden alle Gefäße, Zustrom und Abfluß von Rot und Blau gesperrt, ja durch Zusammensetzung der kleinsten Haargefäße selbst verschwindet auch das Gelb, und das, was gleichsam beim Niederdrücken aller Tasten, bei höchstem Reiz der Fangnetze der Sehhaut zur Seele gemeldet wird, ist: weiß, das grelle Licht, das Blendende, die Zusammenziehung, die starre Leere, das mächtig Reizende. Und diese Helle wirft das Auge zurück auf jene Stelle, woher die Lichterchen so wohlgeordnet herangesprengt kamen. Ein weißer Fleck ist also eine Fläche, die in ihrem Widerspiegel auf dem Vorhang der Scheibchen des Lichtes alle Farbenquellen des Blutes, blau, rot, gelb absperrt und gleichsam die leere Durchsichtigkeit des unbemalten Vorhanges uns zu Gemüt führt. Umgekehrt, wenn aller Reiz entfernt ist und alle Schleusen weit geöffnet sind, so wirkt das dicht gehäufte und gestaute Blut der blauen Venen, in denen sich die blauen Scheiben prall durcheinanderballen, wie schwarz. Schwarz ist also die Lähmung, die Stauung, die höchste Dichtung und Überschichtung aller Farbelemente des zarten Blutvorhanges. Es ist die gänzliche Entspannung aller Zugregister, die Stockung des Blutes, die absolute Ruhe, die Finsternis, die Seele ohne jede Reizempfindung. Und wieder wirft das Auge aus dieser Brille der dunklen Ruhe ihre Schatten nach der Quelle dieser Reizlosigkeit, und jene Stelle ohne Licht erscheint uns schwarz. Das Helle, Grelle, Weiße ruft den Schleusenwächtern (Nerven) zu: ›Sperrt alle Ströme ab, das Licht kann töten!‹ Und das Schwarze, Finstere ruft: ›Macht alle Schleusen auf und staut die Flut für künftige Schnellen, ruht euch aus!‹ Läßt aber der Schleusenwächter ein bißchen hinein von dem Flüßchen ohne Schiffchen, weder rote noch blaue Wimpelträger, so strömt es bernsteinhelle, und die Seele fühlt ein Gelb und wirft es auf die Rufer am Strom, und wir sehen nun die Blümlein gelb, die um die Ufer stehen. Und sind sie rot, so rufen sie: ›Schleusenwächter, laß rote Schiffchen fahren!‹ und sind es blaue Winden, so rufen sie: ›der Adern blaue Fähnchen will ich sehen!‹ – Du verstehst mich jetzt ganz, hoffe ich, du Mann mit den hellsten Augen! Es ist also doch, wie du es meintest. Das Blaue bedeutet den ersten Schritt des Dunkeln in das Reich der lichteren Schatten. Und gelb ist doch der erste Schritt des hellen Weißen in das Trübe des Schattenhaften. Es scheint der unbedeckte Himmel blau, weil das eisige, ewige Schwarz des Weltenraumes, der dunklen Fahne der Ewigkeit, vom matten Licht der lebenduldenden Atmosphäre ins wärmere Blau gedämpft wird, und das Unerträgliche des absoluten Sonnenweißes, die Pfeile des Apoll, mildert die gleiche Hülle unserer schleierwallenden Mutter Erde zum goldig Gelben.

Das werden dir, der du zuerst zu diesem Urphänomen kräftig vorgedrungen bist, du Liebling des Lichtes, einst alle die bestätigen, die lange nach uns beiden in die Lüfte steigen wie Adler. Des Himmels Blau wird immer schwärzer, die Sonne immer weißer, je mehr sie vorwärts dringen. – Noch mehr gedämpft, erscheint das Gelb der Sonne orangerot und schließlich wohl, wenn sie am Rand des Horizontes steht, in Purpurviolett. Denn bedenke, daß stets die dichtere Schicht auch die Harmonie der drei Strahlenbündel ›Licht, Wärme, Magnetismus‹ mehr zueinander verändert. Das Violett hat die kältesten und das Gelb die wärmsten Strahlen, Weiß hat die meisten hellen, Blauschwarz die wenigsten Lichtstrahlen. Jenseits sind die meisten elektrischen Strahlen und reichen übers Violett hinaus. Die drei Arten verlaufen zwar nicht in denselben Linien, sondern in parallelen, aber voneinander gerückten Abständen.

Zum Zug an den Orgeltasten gehört aber immer eine Mischung der drei Arten Lichtfingerchen: der strahligen, der wärmenden, der elektrischen – und je nach ihrer Gemeinschaft im Einzelfalle ziehen sie die entsprechende Taste, die alle feinsten Nüancen der Farbe erklingen läßt mit den Millionen Tönen vom Rot bis Blau und zum Purpur!«

»Wie wohl, du liebes Demoisellchen, tust du mir altem Fechter in der Arena des Lichtes, du unbegreiflich Tiefgedrungene, du rätselhaft Wissende – du, aus deren Seele gewiß ein Engel seine Fittiche hebt, um mich müden Lebenskämpfer weit hinwegzulocken. – Sind diese Fernblicke, die ich tun darf weit voraus in das Licht der Zeiten – Offenbarungen mir Sonntagskinde oder sind es Blendungen, Visionen, die mir den Weg verkürzen wollen? – Ich fühle mich beglückt; so war ich doch auf rechter Fährte?«

»Gewiß,« sagte Else. »Du sahst das Urerscheinen, das Wesentliche am Vorgang des Lichtes in deinem trübenden Schatten.«

»So sind Farben moderierte Schatten?«

»Ja. Denn Schatten an sich ist Fernsein von Licht, von Wärme und von magnetischen Strömen. Treten aber bei einigem Lichtmangel Wärmestrahlen und magnetische Flüsse zugleich zum Auge, so spielt die Orgel farbige Schattentöne, der Vorhang des Blutes ruft gefärbte Dunkelheiten oder beschattete Lichter auf das Netz der Sehnerven.«

»So hätte der alte Brite doch unrecht – der Sonne Licht ist nicht wie mit Bajazzolappen zusammengeflickt aus allen Farben der Elemente, die dort oben brennen, sondern – du bist, himmlisches Licht, wie ich ahndete, rein und ungetrübt und weiß; frei von allem Schattenhaften und ohne Menschenzier strahlt dein priesterlich Gewand! – Aber wie könnte man seinen Irrtum erweisen?«

»Auf viele Art. Er zwang das Licht zu einem dünnen Strahl zusammen durch einen Spalt in dunklem Zimmer und setzte vor den hellen Strahl seinen gläsernen Sargdeckel, das Prisma, das auch die Lampenkronen ziert. Wie diese gab es nun, auf einem Schirm aufgefangen, das schöne, regenbogengleiche Farbenband vom Rot, Gelb, Grün, Blau und Orange und Cyanenblau dazwischen. –

Nun sagte er: folglich besteht das weiße Sonnenlicht aus den geschauten Farben, sie setzten es im Strahl also erst zusammen. Das weiße Licht bestünde daher aus farbigem Gemenge. – Das war mehrfach falsch und voreilig geschlossen! Denn, wenn die Welle des Meeres sich am Gestade zu Schaum bricht – kann man da sagen, daß die Flut aus lauter Schaum besteht? Als sie sich brach am Felsen oder Strand und weiß versprühte, da mischte sie sich in ihrem Tropfentanz mit Luft, denn Schaum ist Wasser, das mit Luft sich mengt. Zwar gibt auch Schaum zu Schaum wieder Wasser, aber es hat zuvor etwas erduldet, ist mit fremdem Element, der Luft, gepeitscht, und – abgestanden, teilen beide sich: die Wassertröpfchen werden Flut, die Luft entweicht. Wasser besteht aus Tröpfchen, nicht aus Schaum. So ist das helle Licht, durch die Sargwände des Kristalles gedrängt, durchs Netz des Glases in sich verschoben. Anders als zuvor mengen sich die drei Elemente der Lichtreiterschar, die Wärme-, magnetischen und Ätherstrahlen, und weil sie nun in anderer Folge auf den Schirm fallen, trifft unser Auge von dort auch eine sehr verschiedene Reizung. Wir fühlen das veränderte Gemenge und ihre verschobene Reiterordnung in anderer Tönung als zuvor, und unsere Strahlenharfe spielt Rot bis Blau auf jene Fläche zurück: aus einem Ton wird nun die Tonleiter erkennbar, wie ja auch der eine Klang seine Obertöne, die Terz, die Quint, die Septime, die Quarte, Sexte und Sekunde in höheren Lagen enthält.«

Da fragte der Alte: »Wer aber leitet dies sinnreiche Schleusenspiel, das uns so recht die Wunder der kleinen Mittel zu dem Größten in der Hand der Allmutter Natur zeigt.«

Else sagte, immer noch vom Traum umfangen: »Der leitet es, der leidet, der mitfühlt, der Mitleidsnerv Sympathikus, der allen Betrieben vorsteht. Ritze deine Haut am Vorderarm mit einem Fingernagel. Sie erblaßt in langem Strich, weil der Reiznerv allen Adern sich zusammenzuziehen befiehlt. Aber nicht lange, so ist der Streifen rot. Der Nerv liebt die Extreme, die Gegensätze. Wie er eben alles verengt im Stromgebiet, so läßt er nachher alle Schleusen sich öffnen. Das ist nicht anders im Auge. Hier meistert auch der Reizvermittler und mengt, je nach dem Rufe der lichten, warmen oder magnetischen Strahlen, die Scheiben des Blutes und seinen Saft in vielfacher Weise. Dazu hat er unzählige Klingelzüge und Register und seine kleine Lichtorgel ist kunstvoller als das Riesenorgelwerk der Kirche von St. Peter in Rom, vor dem du einst so staunend standest!«

»Ach!« rief der Alte bewundernd aus, »jetzt löst sich auch das Geheimnis der Gegenwirkung der Farben. Hab' ich einmal recht ins Rot geschaut, so behalte ich ein grünes Nachbild im Auge, weil dein Schleusenwächter nun hernach die Gegenregister zieht, um den Ausgleich zur Ruhe vorzubereiten. So fordert Weiß ein schwarzes Nachbild, schwarz ein weißes, Blau Orange, Violett Gelb. Das also ist das Geheimnis. Wie göttlich einfach, Kindern offenbar, ist doch die letzte Wahrheit! Zeigte uns ein Gott seine Wunder, würde nicht jeder rufen: wie schlicht, wie augenfällig? – Ich staune, und wie Schuppen fällt es von den Augen!«

»Ja«, traumechote Else, »und auch das Farbenblinde offenbart sich nun. Bei diesen Armen zieht der Leidende am falschen Ende, grün, wenn rotes ist, und rot, wenn grünes leuchtet. So färben kranke Säfte, farbenarme Scheiben alles ganz verändert. Das Grün der Galle und ihr beigemengtes Gelb, der Mangel an rotem Blut, zu viel der weißen Blutscheiben bei den Bleichen – das alles gibt ein abgeändert Farbenspiel. Nun wirst du mir wohl glauben, daß Tiere ganz andere Farben sehen als wir, und daß es Wesen gibt, wie Ameisen, die sich am Dunkel ihre Wege tasten, wie wir am Hellen. Das Prisma steckt im Auge. Lichtwellen, Ätherwellen, alles, wie sie gemengt sind und gemischt, so wirken sie als eine ganze Schar von Engelsfingern das wunderbarste Farbenspiel.

Das Prisma zeigt uns nicht den Ursprung des Lichtes aus Farben, sondern es zeigt uns, daß das farblose Licht zum farbigen Schatten wird durch Bewegungsschwankungen in der Kolonne der drei Lichtreiterscharen und durch verschiedene Arbeit des Schleusenwärters Sympathikus. – Würde der große Brite es wohl anerkennen, wenn man behauptet: aus sieben Irrtümern besteht die Wahrheit? Und doch hat er so geschlossen.«

Hier lachte der Alte grimmig in sich hinein.

»Wohl kann man alle Prismafarben wieder zur Einfarbigkeit vereinen. Bis jetzt ist es nur bis zum Grau gelungen, und unsterblich ist dein Wort: daß zehn graue Esel noch keinen Schimmel geben! Doch es wird gelingen; durch Sammellinsen zurückgeordnet wird das bunte Band ein wirklich Weiß ergeben – nun ja, durch neue Sammlung können warme, magnetische und Lichtreiterchen wieder wohlgereiht werden zu ihrer Anfangsstellung, und mit hellem Panzer reiten die zuvor zerstreuten Kürassiere zum Tor hinaus.

Der kluge Engländer hat einen seltenen Fall, der in der Natur nicht häufig ist und Ausnahmen bildet, wie der Regenbogen, der auch nie von Bestand ist, allzu vorschnell ins Allgemeine übertragen. Wie du ihm tüchtig eingeheizt: er hat den reinen Sonnensohn, den Strahl, gequält, gepeinigt und vexiert, drum hat er ihn und Tausende nach ihm zum Besten gehabt und in ein Labyrinth von Irrtümern gelockt. Er machte im Prisma Kapriolen, und diese Kapriolen hielten sie für seine gewöhnliche Gangart. Du hast recht! Die übereinander gelagerten Bildchen der Sonnenscheibe, ihr Schattenrand, geben Prismafarben. Sein Strahl gab nicht des Spaltes Bild, wie er meinte, sondern Sonnenscheibenbilder, die sich deckten.«

»Nun atme ich mit tiefen Zügen der Wahrheit frische Luft! Jetzt ist mir alles klar. Dein blaues Auge, Wunderkind, zeigt mir seine dunkle Tiefe ins Bläuliche durch die helle Irisscheibe erhellt; mein Auge, das man bräunlich nennt, hat seine Farbe durch eine Mischung des roten Blutes mit ihrem grünlich gelben Unterton auf dunklem Grunde; ist der kristallhelle Inhalt des Auges leicht getrübt, so scheint ein Auge rot, weil die rote Aderhaut hindurchleuchtet, und das alles nur, weil jede Mengung von Wärmestrahlen und Lichtbündeln und magnetischen Strömen in anderer Art auf der feinen Harfe meiner Augen spielt. So hat der Brite doch aus einem herausgerissenen Fetzen nicht den bunten Vorhang des Lebens deuten können!«

»Doch mußt du ihm nicht seine Arbeit schmälern. Irrtümer von Riesen im Geiste sind immer fruchtbarer als die Weisheiten der Zwerge!

Ich weiß, in der Rechenkunst und Mathematik warst du kein Held, auf der Schulbank nicht und nicht als Minister; wohl, weil dir die berauschende Ahnung des Unerforschlichen, die stille Ehrfurcht im Glauben immer mehr galt als der Beweis; aber du hast nicht erkannt, welche unendlich tiefen Gesetze dein Gegner selbst am irregeleiteten Strahl entdeckte. Sie werden nun, beispielsweise sei es dir verraten, dazu führen, daß Menschen aus dem Prisma einst berechnen können, welche Flammen aus fernsten Sternen leuchten und wie sie gebaut sind, ja, diese Berechnungen werden zu unerhörten Auffindungen neuer Elemente des Lebens führen, und schon jetzt mußt du ihm im Innern etwas abbitten.«

Der Alte sprach: »Somit tu' ich es! Aber wie ist es um die mir so verschlossene Mathematik?«

»Die Mathematik«, sagte Else, »ist eine ungeheure Waffe, sie hat nur einen Fehler; ihre allzu große Korrektheit. Sie ist allzu richtig und zu logisch für irdische Verhältnisse und kalt. Beinahe logischer als der liebe Gott, der darum auch manchmal über sie lächelt, genau wie du! Sie ist das Knochengerüst aller Begebenheiten, ein Skelett selbst der Melodie und der Lichtreigen. Hier hat dir immer ein wenig gefehlt. Und das ist der Grund, warum du auch niemals eigentlich was von Musik verstandest! Das wird man dir einst tüchtig aufnutzen! Du hast einen Zwergen von Berlin über den Titanen von Bonn gestellt!«

»Mein himmlisch Kind,« meinte der Alte, »diese Rüge sei in mein Herz tief eingegraben! – Nun noch das Eine. Du bist müd. Die Augen ziehen ihre Engleinflügel vor ihr helles Scheibchen, aber laß mich nun noch das eine wissen. Wie stehen Töne zu Farben?«

»Sie sind beides Ätherkinder; die winzigen Mücklein des Lichtes mit Silberflügeln kommen kreisend auf und ab, die Töne gehen wie Schifflein geradeaus. Die Töne stoßen an das Wehr der Stille mit gerade gerichteten Schnäbelchen, die Lichtgeisterchen kommen in geschwungenen Wellenlinien angeflogen. Jene schießen auf Scheiben, diese umkreisen flatternd die Glöcklein des Lichtes im Auge. Aber es gibt doch wunderbare Verwandtschaften und Gegensätze.

Man wird Menschen finden, die Töne als Farben und Farben als Töne empfinden, weil sie sich auf den Wegbahnen zur Seele kreuzen; beiden ist so etwas wie die unsichtbaren Gesellen zuerteilt, den Tönen heimliche Obertöne, den Farben unsichtbare Wärmestrahlen und elektrische Ladungen. Je reicher beide Segler der Lüfte an Passagieren sind, desto schöner ist ihr Erscheinen, desto willkommener ihre Ankunft an der Insel der Seele.

Man kann die größten unter uns einteilen in Propheten des Auges und in Verkünder heimlicher, säuselnder Zusammenhänge vom Webstuhlgleiten der Wunder, die nur das Ohr vernimmt. Du bist ein Mensch des Auges, arbeitsamer Mann, Licht war dein liebstes Handwerkszeug. Es war dir allzeit dankbar, Liebling der Götter; sie führten dir die Hand, es in dem größten aller deiner Werke, der Lehre von der Farbe, in der du nahe bis zu seiner Wiege vordrangst, zu besingen und laut zu preisen!

Nun wird mir sehr traurig zumute! Du mußt, was ich dir mit Willen eines Geistes, der die Zukunft kennt, sagen durfte, schwer erkaufen. Du kannst sie nicht mehr verwerten, die vorgeschauten Bausteine des Wissens, und mußt verzichten, dich zu rechtfertigen! Ihr irrtet beide etwas, du und der Brite, obwohl ihr beide nahe daran wart, der Natur gerade in das Auge zu schauen: ihr kanntet beide eben die Sonnenreiterchen und ihre unsichtbaren Knappen noch nicht! –

Mach' dich auf den Weg! Es war deine letzte Reise. Lebe wohl, erhabener Wanderer, Lichtkämpfer, Göttersohn – lebe wohl!« – –

Groß, ohne Furcht, aber voller wehmütiger Ergriffenheit über diese Weissagung, war des Meisters von Weimar Helles Auge auf Elselein gerichtet. Die war erwacht aus ihrem Gespensterschlaf und lief mit ausgestreckten Armen auf ihn zu. Der Alte neigte sich und küßte sie dreimal auf den Mund. Else war es, als beuge sich etwas Göttliches zu ihr herab. Dann ging er sinnend, mehr gebückt als bei seiner Ankunft, am Waldrande dahin.

Elselein stand am Zaun und winkte unaufhörlich mit ihrem bunten Tüchlein. Als er, noch einmal rückblickend, um die Biegung des Weges verschwand, sank sie – sie wußte nicht warum – schluchzend in die Knie. Aldebaran aber trat leise zu ihr heran, kühlte ihre Stirn und sprach:

»Viele Mädchen- und Frauenaugen haben um ihn geweint. Vergessen konnte ihn keine, er kommt nicht wieder. In wenigen Tagen ruft ihn der da droben.« –

Als sie zur Laube zurückgingen, fanden sie auf dem Tisch das große Blatt pergamentenen Papiers. Auf seiner Rückseite stand mit festen, großen, deutschen Lettern geschrieben:

»Bliebe ewig mir zur Seiten,
Solchen Kindes froh' Geleit –
Schwalbe der Unsterblichkeiten,
Heroldin der Ewigkeit!«

Aldebaran aber sagte Else noch vieles über Licht und Farben, und zeichnete ihr nebenstehendes Bildchen auf das Pergamentblatt.

Gesperrte Schleusen
Rote Blutkörperchen
Gestaute Schleusen
Blaues Venenblut
Nur Blutwasser wird hindurchgelassen, Gelb Blutwasser und Schlagaderblut, Orange
Gemengt aus:
Venenblut und Schalgaderblut, Violett
Blutwasser und Venenblut,
Grün
Schwarz, gemengt aus allen dreien Weiß, wenn erst alle abgesperrt sind
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