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Es geistert

Maria Janitschek: Es geistert - Kapitel 2
Quellenangabe
authorMarie Janitschek
titleEs geistert
booktitleMeisterwerke der zeitgenössischen Novellistik. Erster Jahrgang. Band 1.
publisherVerlag von L. Frankenstein
editorLothar Schmidt
year1897
senderwww.gaga.net
created20180310
projectid52c24ca8
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I.

Maria Brettfall! Wer, der Tirol kennt, erinnert sich seiner nicht? Hoch oben auf einem bewaldeten Felskegel thront es am Eingang ins Zillerthal. Es soll an der Stelle, wo das Kirchlein steht, eine Prozession Andächtiger, die irgendwohin wallfahrten ging, verunglückt sein. Zum Andenken hat jemand das Gotteshaus hinsetzen lassen. Wo aber ein Kirchlein steht, soll auch ein Geistlicher sein. Einen Geistlichen zu bezahlen, verspürte aber die Straßer Gemeinde keine Lust; hatte sie doch schon genug fromme Abgaben an ihren eignen Pfarrverweser zu machen. So kam sie auf die schlaue Idee, nach Innsbruck den Patres Kapuziner den Antrag zu stellen, einen ihrer Laienbrüder hierher zu setzen. Messe brauche er ja keine zu lesen, »bloß a bißl Rosenkranz beten am Samstag und aufpassen, daß niemand die ex votis stiehlt,« die im Lauf der Zeit zu einer großen Menge angewachsen waren.

Der Guardian der Kapuziner zog aus seinem Ärmelumschlag die mächtige Schnupftabakdose und nahm eine Prise, die den zweitgrößten Nasenlöchern Tirols keine Unehre machte. (Die größten hat der Botenmarterl in der Pertisau.) Dann ließ er alle Laienbrüder vortreten, und beriet im stillen. Der eine ist Gärtner und unübertrefflich in der Spargelkultur, der andere fertigt Stiefel, in denen selbst die Ewigkeit sich den Absatz nicht schief träte, so fest sind sie; der dritte kann gar so viel schön betteln und bringt immer die gehäuftesten Säck' zurück; der vierte ist als der beste Salbenkocher weit und breit bekannt; der fünfte, ein gelernter Anstreicher, ein geradezu unentbehrliches Mitglied des Klosters. Der sechste genießt als berühmter Knödelbereiter eines großen Rufes. So fein und appetitlich, und doch nicht zu klein dabei, versteht niemand als er die Speckstücklein unter die gerösteten Semmelwürfel zu mischen. O der Knödltag (Dienstag) ist immer ein Freudentag bei den geistlichen Herren! Unter acht bis zehn Knödel (sie sind aber auch nicht größer als ein Katzenkopf) thut's keiner. Na und so fort. Jeder dieser jungen und rüstigen Brüder hat sein besonderes Fach, in dem er Meister ist, und Nützliches wirkt. Dem Guardian thut's leid, sich eines dieser braven Leute entäußern zu sollen. Und doch wieder möcht er den Zillerthalern ihre Bitte nicht abschlagen. Denn ihre Frauen sind sehr gebelustig und haben stets den fettesten Speck und die frischesten Eier zur Hand, wenn die Brüder einsammeln kommen. Da fliegt ihm ein Gedanke durch den Kopf. Heilige Jakobsleitersprießln!

»Ruft's den Blasius,« sagt er und wendet den Kopf etwas beiseite, daß niemand das schlaue Schmunzeln auf seinem gutmütig dicken Gesicht sieht. Und der Blasius kommt.

Er ist ein hochgewachsener, dunkeläugiger junger Mensch mit einem Anflug kohlschwarzen Bartes über dem kirschroten, großen Mund. Seine Nase ist, was man hierorts ›a Himmelfahrtsnasn‹ nennt, also ein etwas nach aufwärts gekehrtes Riechwerkzeug von friedlicher, kartoffelähnlicher Form. ›An der Nasn kennt ma's, daß er nit fertig backen is,‹ sagen die boshaften Confratres. Bruder Blasius ist nämlich ein Siebenmonatskind.

Er ist ›der gute Kerl‹ des Klosters, ›der Hansl, auf dem Holz ghackt wird,‹ der Prügelbube, ›die Latten, auf der alle hutschen,‹ der Gspaßmacher mit den bekannten melancholischen Augen. Er ist die stehende lustige Figur des Klosters. Im Lauf der Zeit hat er sich in die ihm gewaltsam aufgezwungene Rolle gefügt und ist mit Bewußtsein der Hausnarr.

Blasius gehört seinem Handwerk nach zu der ehrsamen Zunft der Schreiner. Das heißt, der Guardian hat ihn darin unterweisen lassen, wie er als einfältiger Bauernbusch ins Kloster kam. Er behält aber nie die Maße im Kopf, und hat zum Beispiel neulich für den dicken Pater Prior einen Stuhl gemacht, der schon beim ersten Draufsitzen unter ihm zusammenbrach.

»Was hast denn denkt, wiest zu den schweren Sitz die dünnen Haxen gemacht hast,« fragt zornschnaubend der Hochwürdige.

»Denkt? Nix.«

Blasius macht das vollendetste Schafsgesicht. Wie sich aber der Prior einen Augenblick umwendet, zuckt etwas um seinen Mund, wie ein heimtückisch Schelmenlächeln.

Und weil er ihnen zu unsolide Tischlerwaren lieferte, versuchten sie ihm die edle Kunst der Holzschnitzerei beizubringen. Das ging eher. Schon als Knabe hatte er aus Brot verschiedene Figuren geknetet. Jetzt schnitzte er in Holz, was ihm so durch den Kopf fuhr. Manchmal mußte man es als unbrauchbar verwerfen, manchmal konnte man die Figuren als Altarschmuck verwenden. Aber jedenfalls: Blasius war der entbehrlichste Bruder des Klosters, und deshalb –

»Blasius,« sagt der Guardian zu dem ehrerbietig vor ihm Stehenden, »was arbeitst augenblicklich?«

»Arbeiten? Ja Hochwürden Herr Guardian, augenblickli ...«

›Einfaltspinsel,‹ denkt der Guardian innerlich, laut aber sagt er möglichst sanft:

»Na, na, versteh mi recht. Augenblickli redst mit mir, das seh i wol, i mein, an was hast gearbeit, wie i di hab rufn lassen?«

»An aner armen Seel, die der Tuifi in die Höll abiziagn will.«

»Bist bald fertig damit?«

»I bin grad beim Tuifi sein Schwanzl.«

»Alsdann, mach's Schwanzl fertig, nacha pack deine Schuh und dei Wäschzeug zsam, d' Sonntagskutten kannst a mitnehmen. Du gehst als Oansiedler nach Maria Brettfall.«

Der Blasius vergißt vor Erstaunen den Mund zu schließen, steht starr und grad wie eine von ihm selbst verfertigte Figur, und wäre vermutlich noch lange so gestanden, wenn nicht der Guardian gesagt hätte:

»Geh jetzt an die Arbeit, gelobt sei Jesus Christus.«

Statt der gehörigen Antwort stammelt Blasius:

»Pfiat di Gott, schöne Zeit, pfiat enk Gott, Kalbsvögelen mit Ögröschsos, Stachelbeerensauce. pfiat enk Gott Dampfnudeln mit Zuckerstreu, na, Streuzucker, pfiat di Gott alles Liabe, Schöne! Wer wird mir armen Oansiedler kochn, waschn, wer d' Löcher in meiner Kuttn stopfn? Wer wird mi aufziagn und anziagn? D' Füchs wern meine Gäst sein, und d' Einsamkeit wird ma Spinnewebn in Mund wachsn lassn, i wer verrostn wie a Blechtrompetn, in die niemand mehr einiblast ...

»Herr, Herr, dein Wille geschehe, wenn's aber angeht, laß mir den meinigen! ...«

II.

Diesmal setzte der Ältere, nämlich der Herrgott, seinen Willen durch. Das Komische aber an der Sache war, daß, als Blasius an seinem Bestimmungsort angekommen war und die Gegend sah, in der er künftig wohnen und wirken sollte, ihm erschien, als habe er sich sehnlich hierher gewünscht.

Er lachte vor Befriedigung und nannte sich ›a feins Schlaucherl, das alleweil den Rahm von der Milch dawischt.‹ Bloß eins ärgerte ihn. Außer der Kapelle war nichts da, was einem Obdach ähnlich sah. Die nächsten Häuser lagen eine halbe Stunde weiter unten im Thal, überdies hätte es sich für einen braven Einsiedler nicht geschickt, alle Abende hinab zu steigen, um irgendwo in einem Bauernhof zu übernachten! So holte sich der Blasius eine Axt herbei, hieb einige Lärchen um, die zunächst der Kapelle standen, ließ sich durch die Boten, die wöchentlich nach Innsbruck einkaufen fahren, Nägel, Klammern und sonstiges Gerät bringen, was zum Bau eines Blockhauses notwendig ist, und begann zu hämmern und zu arbeiten.

Natürlich kamen sofort Neugierige herauf und umstanden den Frater, der bald singend, bald fluchend, bald Gebete murmelnd, Balken zu Balken fügte.

»Ja, zuaschaun und Maulaffen feil halten könnt's freili,« donnerte er unter die Gaffer, »greifts liaba mit an. D' Zillerthaler sein a Lumpenvolk, wern d' Auswärtign sagn, nit amol so viel Ehr wia an Totn derweisn's ihrn Oansiedler. An Totn baut ma a Kastl, wo drein er ruahn kann, in Lebendign laßt's ohne Dach und Fach.«

Das zog. Der Bürgermeister von Fügen, der sich just ein Haus hatte bauen lassen, dessen Rohbau soeben fertig war, schickte den einen seiner Maurer herauf. Der Glasertonerl erbot sich, ›a Fensterl‹ zu machen. Die blaue Kranzlwirtin hatte die Matratze noch, auf der ihr Seliger gestorben war. Der Lenzbauer schenkte ›a paar alte Truchen‹, und drei fromme Betschwestern von Jenbach stifteten gemeinschaftlich eine Riesenpfanne. So kam's, daß Frater Blasius nach einem Monat als wohlbestellter Hausherr und ›Oansiedler‹ dastand. Seine Blockhütte hatte einen Rauchfang, ein Fenster, einen gemauerten Herd in der Ecke. Um das Häuschen wurde ein kleiner Garten angelegt. Der Frater Gärtner aus Innsbruck schickte Blumensamen. Da es noch früh im Jahre war, konnte Blasius bei der Beschaffenheit der fetten Walderde hoffen, noch diesen Sommer etwas Blühendes um sich zu haben. Er machte auch das Gerüste zu einer Laube, und zog jungen Wein darum. Er schnitzte ein Treppchen mit einem Geländer, das höchst überflüssig Hütte und Kirche verband, aber herzig zum Ansehen war, und den Bauern sehr imponierte. Auch etliche Vogelbauer arbeitete er und fing Stieglitze, Zeisige und andere geflügelte Sänger hinein. Er zimmerte sich Tisch und Stühle zurecht, erbettelte sich Farbe, strich sie an, und malte Fratzen und Ungeheuer darauf, die bei den Wallfahrern Ausbrüche großer Heiterkeit erregten.

Am Abend kniete er im Kirchlein, die groben schwarzen Holzperlen seines Rosenkranzes zwischen den Fingern, und betete. Das Muttergottesbild, zu dessen beiden Seiten Krücken und wächserne Hände und Füße hingen, sah gutmütig verlegen auf ihn herab, als wollte es sagen: ›Blasius, i bedank mi auch recht schön für die Ehr. Sollst es nit umsonst thun, will a bei meim liabn Gott Vater a guates Wörtl für di einlegn.‹ Zuerst war nur die Kropf-Ahndl, das älteste Weib in der Umgebung, Blasius' Mitbeterin. Andächtig war sie schon gewesen, nur, weil sie stocktaub war, beging sie immer Verkehrtheiten. Mitten im Glauben Gott Vater, am Anfang des Rosenkranzes, sagte sie: Amend. Und wenn Blasius sich ärgerlich nach ihr umwandte, rief sie in Andacht versunken, und ihrer Sache sicher: Verschone uns, o Herr! Platzte er dann los: ›Halt's Maul, derrische Wabn, wannst nit richtig antworten kannst,‹ so nickte sie und lächelte, daß man die zahnlose Unschuld ihres Mundes bewundern konnte. Mit der Zeit gesellten sich ein paar alte Bauern dazu, und endlich auch etliche jüngere Weibs- und Mannsleute.

›Beten thuat er scho saggrisch schön,‹ sagten sie. ›Und so viel a laute Stimm hat er.‹

Und im Gefühl ihrer Dankbarkeit brachten sie ihm Mehl und Butter, Getreide, Käse und Speck herauf. Er, ganz Nietzscheaner in seiner Vorurteilslosigkeit, nahm alles was er erhielt, und ließ durchblicken, daß es noch ein Mehr gebe. Diese schlau berechnete Undankbarkeit spannte die guten Tolpatsche zu größeren Gaben an. Schließlich erhielt er von einem frommen Weibsen ein Zieglein, und vom weißen Ochsenwirt ein Fäßchen Wein.

Er mußte sich den Gurt seiner Kutte weiter schnallen.

Im Herbst hatte er seine Vorratskammer, eine große ausgemauerte Öffnung am Felsen neben der Kirche, mit Lebensmitteln gefüllt. Nun schlug er noch Holz, zerkleinerte es, und umgab mit den Scheiten das Häuschen. Das hielt warm und war bequem. Man brauchte nur mit der Hand hinauszulangen, um sofort ein warmes Stübchen zu haben.

Dann kamen Abende, an denen sich kein Beter im Kirchlein einfand. Herbstwinde umbrausten die Bergwände, dicke geballte Wolken flogen wie drohende Gesichte am Himmel hin, und die Sonne zögerte solange zu erscheinen, bis der frühe Abend anbrach. In solchen Stunden saß Blasius am Feuer seines Herdes und flocht Kränze und Guirlanden aus Tannengrün, mit denen er am Sonntag sein Kirchlein schmückte. Denn am Sonntag kamen sie trotz des schlechten Wetters zum Rosenkranzbeten herauf. Das stets neu und sinnig geschmückte Kirchlein zog mächtig an. Auch hatte er eine so ›rare‹ Art, mit den Leuten zu plaudern. Er sagte ihnen scherzend die gröbsten Wahrheiten und spaßte mit ihnen, als wären alle Hanswürste, und nur er der einzig Kluge. Das reizte sie, es gab Rede und Gegenrede, und schließlich verließen sie den ›Oansiedler‹ mit dem Gefühl, nicht nur für ihr Seelenheil etwas gethan, sondern auch sich gut unterhalten zu haben.

Einmal sagte der Peter vom Strombacherhof zu ihm:

»Mit Verlaub, Bruada Blasi; i hab in Innsbruck an Vetter bei d' Kaputziner. In Stoan Jockl. Selbiga hat ma amol geschrieb'n: Ös Straßer hat er geschrieb'n, kriagt's hiatzt an Oansiedl von uns. Von Kufstoan bis Meran, giebt's koan dümmern Kerl als den. Bei uns san ihm d' Küa ausm Weg ganga, weil's gefürcht ham, er möcht sie für Erdbeern anschaun, und an ihna z' schleckn anfangn. Gebt's acht, daß enkere Weibsleut nit z'vil mit ihm z'samm kema, sonst kennten leicht lauter junge Dodl bei enk wachsn. – Nix für unguat, Bruada Blasi, aber bis hiazt, hab i no nix Anbrenntes an enk gmirkt. Seids es eppa nur zu gwissn Zeitn, oder –«

Frater Blasius holte ein Krüglein Wein, stellte es zwischen beide, setzte sich dem Peter gegenüber und begann lakonisch:

»Die Oder is a Fluß. In dem Fluß is dei Weisheit dersoffen. Weiter hast nix gewißt, Peterl. Aber i will dir wieda außa helfen. Los zua. I bin a ledigs Kind. Mei Muatta war sechzehn Jahr wias mi kriagt hat. Es soll ihr grad ka Freud gwesn sein. Aber sie war a braves Weibsbild. Fortgebn hat's mi do nit. Vielleicht bin i ihr a so billiger kemma. Sie hat gewaschn für d' Leut. Natürli, wia i größa und größa worn bin, war i ihr überall im Weg. Da hat's mi halt umananda gschupft. Überall bin i z' viel gewen.

»Druck di Ferdl, links, und: druck di Ferdl, rechts. Du Lahmlakl, du Dodl, du Fakl, du Pappsack, du Tepp, so is 'n ganzen Tag gangen. Und nacha wieda: Druck di Ferdl. Jeder, der an mir verbei is, hat mir an schmierign Fratzn, an Gassenbua, an Trottl an Kopf gworfn. Schließlich is ma selba vorkemma, i wär a Aussatz an der Menschheit. Wann i irgendwo in aner Spieglscherbn mei ungwaschnes, gewöhnli von a paar Watschen, die i just kriagt hab, aufgschwollenes Gsicht gsegn hab, hab i gschwind d' Zungen außagreckt, oder sonstige Mandln gmacht, damit i nit über mei eigene Häßlichkeit hab röhrn müaßn. Was ma am meisten weh than hat, war das immer tappetere Ausgschau, das mei Nasn kriagt hat.

»Woaßt, bei d' kloan Kinder, san die Deckln auf ihre Hefaln no nit so fest zua wia bei d' Erwachsenen. Und die meinigen Nasenlöcher waren wia zwoa lustige Bründln, alleweil is was außakemma. Da is mei Muatta auf mi zuatanzt: Saubartl, elendiger, wirst dir nit dein Rauchfang putzn, und schwups, hab i oans unter der Nasn ghabt. D' Schläg habn ma nit viel than, aber das unter die Nasn puffn hat mi ganz elend gmacht. Mit der Zeit bin i nacha so hochnäsig worn, wiast mi kennst. Und wia kreuzunglücklicher i gwest bin, von koan Käferl liab ghabt, um so damischer hab is trieben.

»A jeda hat mi frei quäln und prügln können, bei niemand hab i a Zuflucht gfundn! Meiner Mutta ihr ständigs Wort war: recht gschiachts da. Andere Waffen hab i nit ghabt, so bin i halt a Hanswurst worn. Da habn d' Schulabuabn aufghört auf mi einzschlagn, und ham glacht über mi und meine Purzelbäum. – Wia i dreizehn alt war, is mei Muatta gstorben. Hiazt is erscht 's Elend recht angangen. I bin zu an Bauer als Knecht kemma. Mei, a so a grings schwaches. Knechtl wia i abgeben hab. Bloß Haut und Boandl. Natürli hab i mehr Prügel als z' essn kriagt. Und do hab i für mei Gringheit nix dafür kennen. Aber a Bauer, woaßt wohl selba, verzeicht eher die Dummheit als d' Schwäche. Na, auf die Schlauheit bin i bald kemma. I hab so dumm than, daß dem Alten der Steckn aus der Hand gfalln is, vor Lachn über mei Schafsgsicht. Und so bin i halt der Hanswurst bliebn, und no a bissl mehr worn. Freili, wann i abends halbtot vor lauter Schindn und Arbeitn in Kuastall kemma bin, wo mei Lagerstatt gstandn hat, hab i bet, daß mi unser Herrgott do bald von dera bittern Erden abruft. Muaßt wissn – aber warum trinkst nit, Bauer, auf dei Wohl, – muaßt wissn, um drei Uhr morgens außa, bis sechsi abends robotn, is a bissl z'viel für an halbwüchsign Buabn. Aber do, i hab's dermacht. Sieben Jahr lang hab i's dermacht. Mei Lohn war alle Jahr a paar Stiefel, zwoa Hemder, an Anzug, der eppa nit mehr als drei Gulden kost hat, dazu no sechs Thaler dazua. Wia i zwanzig Jahr alt war, bin i zu d' Kaputziner als Laienbruder eintretn. Dazumal war i ganz kloan und völlig schief. Erscht dort bin i grad worn und in d' Höh gangen. Ausgelacht ham's mi a, denn denk da, 's Hanswurschtln hab i nimmer ablegen können. Sis mei zweite Natur worn. Aber sixt es, Schlechtigkeit kann's alleweil kane sein, hat do unser Herrgott selba dem Käfer und der Spinnerin 's Verstelln beibracht, und wenn der Mensch sie tottretn will, streckns alle Haxn von sich, so daß er moant, sie wären scho krepiert, und weitergeht. Und manches Viech hat die Gab sei Farb zu verändern, wenn der Feind kommt, oder sich groß oder kloan z' machen, damit's der Gfahr entgeht. Das is die Wehr der Schwachen. Woaßt, weil mi d' Menschen so ghunzt und treten habn, bin i viel in die Einsamkeit außi gflücht. Und da, in der Gottesnatur hab i allerhand Sonderbares gsegn, manchs, was mit dem, was ma lernt, in Widerspruch steht. Na – auf dei Wohl, Strombacherbauer, trink aus.«

Der Bauer mit dem pfiffig schlauen Gesicht trank sein Glas leer und schüttelte den Kopf.

»Meiner Seel na, was du alles derzähln kannst –«

»Woaßt, i han das alls no niemand g'sagt, aber heunt, i woaß net warum, is ma so derzählerisch z' Mut ...«

»Zu d' Glücklichen g'hörst nit, aber zu die Dummen a nit. Hättst a Advokat wern kinna.«

»Daß di! So a Seelenverkäufer.«

»Na und hiazt, bist hiazt als Bruada z'friedn?«

Blasius antwortete nicht. Rasch stand er auf, um nochmals sein Krüglein zu füllen. Der Bauer kraute sich verlegen hinterm Ohr. Er hatte da in ein Menschenschicksal geblickt und wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Als Blasius ihm wieder gegenüber am Tisch saß, meinte er, seinen Kopf streichelnd: »Wer woas, zu was für an hohn Ansehen du's no bringst, Bruada Geistlicha, wünschen thua i dir's. Oan glücklichn Tag muaß do jeda in seinm Lebn g'habt ham.«

Blasius' dunkle Augen sahen in die rauschenden Baumwipfel hinaus.

»Den hab i a g'habt, Bauer. Wia i vor vier Jahren vom Englhof fortgangen bin, hab i an ganzen Tag lang in Freiherrn g'spielt. Es war grad Schützenfest bei uns. Aufn Stadtsaggen draußen is lustig zuagangen. D' vieln schön Buden, d' Ringelgspiel, – i glaub i hab an dem Tag a drittel von mein Lohn verthan. Trunkn und so. I war nit alloan. Der Xanderl hat mitgholfn und sei Baas, und nacha habns a jungs Madl bei sich ghabt, vom Walischen außa, bei Corvara woherum, woaßt ...«

Der Bauer fuhr erschrocken zusammen. Blasius hatte plötzlich den Kopf in seine auf dem Tische ruhenden Hände sinken lassen und schluchzte ... Draußen gab's einen großen Krach. Der Sturm war irgendwo in der Nähe in einen alten Baum gefahren und hatte ihn zum Fallen gebracht. Unter dem Vorwand nachzusehen, ob's ›d' alte Feichten hinterm Brünnl‹ sei, stahl sich der Strombacher hinaus.

Er ging aber nicht zum Brünnl, sondern geradewegs nach Hause. Während er vorwärts trottete, um so schnell als möglich daheim alles seiner Alten berichten zu können, schüttelte er verschiedentliche Male den Kopf, »A Dodl is er nit, aber anbrennt, stark anbrennt. Das is gwiß.«

III.

Und dann kam der Winter. Ganz plötzlich ohne viel Federlesens kam er und begann sein Regiment. Die hohe Nissel und die Bettelwurfgruppe, das Sonnwendjoch und der Keller und wie sie alle heißen die braven, plumpen Gesellen, sie zogen sich die frisch vom Himmel gefallenen weißen Mützen bis tief über die Ohren und thaten, als schliefen sie. Auch der Felsen von Maria Brettfall schimmerte rein und weiß. Desto schwärzer färbten sich von Tag zu Tag die Stubenwände des Einsiedlers. Er feuerte drauf los, ›damits die Vogelviecha nit z'kalt habn,‹ wie er sagte, wobei er sich mit zu den ›Vogelviechern‹ rechnete. Die Stieglitze, Zeisige und Amseln, jetzt, wo das Fenster immer geschlossen war, aus ihrem Käfig entlassen, saßen ihm auf Kopf und Schultern und wurden so frech, daß er keine auch die geringste Handlung mehr thun konnte, ohne vorher ihre lärmenden Vor- und Einwürfe in die Ohren geschrieen zu bekommen. Manchmal fuhr er fluchend in ihr Geschnatter hinein. Das half aber nur für eine Minute, dann ging ein doppelter Lärm los. Zum Rosenkranzbeten kam niemand mehr herauf. Auch am Sonntag nicht. Dezember und Januar hält sich der Bauer, wenn er nicht hinaus muß, ununterbrochen in der Stube auf. Zur Messe am Sonntag gingen sie wohl, aber zur ›Oansiedelmuatta Gottes wallfahrten‹ war später auch Zeit. Blasius schnitzte Teufel und Heilige, richtete einen Kreuzschnabel ab, daß »er's Pratzerl gab,« und betete täglich verschiedene Rosenkränze. Manchmal hantierte er auch mit Zwirn und Nadel herum und flickte seine ›Kutten‹ oder er machte sich ›Fleckerlpatschen‹, aus Stoffstreifen gefertigte Hausschuhe.

Zuweilen, besonders des Abends, saß er oft stundenlang die gefalteten Hände im Schoß, und starrte zum Fenster hinaus. Dann schliefen die kleinen Vögel alle, die Köpfchen unterm Flügel geborgen, und er war der allein Wachende, inmitten dieser großen, schweigenden Einsamkeit. Und dann ärgerte es ihn, daß der Himmel mit all den Seligen so fern, so weit war.

»Erst sterben muaß ma, ums richtige G'wicht zan Aufifliagn z' kriagn.«

O der Herrgott, war er nit a g'spaßiger Herr? Wenn er, der Blasius, der Herr Gott war, thät er's scho andersch. Aber, mein, so z'denken war ja a Todsünd. Sixt es, da pocht scho 's Holzwürml. Es mahnt di: bald is es aus mit dir, sei vorsichtig, Christenseel. –

Und der arme, vom Bösen Versuchte, erhob sich und ging auf und nieder. Und wann's aus wär, was weiter? Dann hätt die Sehnsucht a End, und d'Einsamkeit, die schreckliche, schöne, gfürchtete und do geliebte. Glich sie nit eigentli unserm Herr Gott selba? Heilige Maria, voll der Gnadn, bitt für unsere armen Sünden jetzt und in der Stund unseres Absterbens, amend! Na so hatte der Teufel ihn noch nie versucht, wie heute Abend. A braver Christenmensch soll nit denken, und er, er mußte alleweil nachstudieren.

»A Advakat häst wern solln.«

Blasius schlug das Kreuz, versuchte nochmals, ob der vorgezogene Riegel an der Thüre nicht nachgäbe, und legte sich auf die Matratze des Seligen von der blauen Kranzlwirtin zum Schlafen nieder.

»Besser schlafen, als denken, außakemma thut do nix nit dabei.«

Gegen Morgen weckte ihn ein seltsames Geräusch. Lange Zeit glaubte er, er träume, und lag ruhig weiter. Aber endlich sprang er mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette. Nein, das konnte kein Traum sein.

Auauauau, uieheeee, Muatta, Muattaaaa, Auauauau, uieheeeee, uieheeee, Muattaaa. –

Himmelsaggra!

Der Einsiedler besinnt sich nicht länger und reißt die Thüre auf: in ein graues Tuch gehüllt, und wie ein Bündel zusammengeschnürt, liegt ein kleiner Bub auf seiner Thürschwelle.

»Alle guaten Geister loben Gott den Herrn!«

Auauauau, uieheeeee, Muuuattaaaa – – – –

»Na, da legst di nieder. A so a Bescheerung.«

Blasius steht fassungslos einige Minuten, vor dem weinenden Bübchen, ohne es anzurühren, und sieht sich nach allen Seiten um. Aber keine ›Muatta‹ weit und breit zu erblicken. Die Fußspuren des menschlichen Wesens, das den Kleinen hierhergelegt, hat der dicht niederfallende Schnee wieder zugedeckt. Durch die offen stehende Thüre strömt Eisluft herein.

Uieheeeee ...

»Na, na ...«

Muattaaaa!

»Heilige Dreifaltigkeit, schrei nit immer Muatta, das macht mi rebellisch.«

Und mit zwei Fingern langt Blasius das Bündel herein und öffnet es. Und da steht ein kleiner krausköpfiger Bub vor ihm, etwa zwei oder auch dreijährig.

Von seiner Nase geht ein Eisbach nieder. Blasius hebt das Kind vorsichtig auf, wischt ihm mit einem Zipfel seines Skapuliers den Eisbach weg, und streichelt seine Wangen.

»Nit weinen, Buaberl.«

»Muatta!«

Wie Sonnenschein bricht es aus des Kleinen Augen. Er schlingt die Arme um Blasius' Hals.

»Muatta!«

»Du, des verbiet i mir aber. Na, wart a bissl. I will dir a Kaffederl kochen gehn.«

IV.

Die ersten drei Tage vergingen dem neuen Vater voll Unrast und Verwirrung. Alle Augenblicke sah er nach der Thüre, ob sie sich nicht öffnen und ihm die Aufklärung des Abenteuers bringen würde. Aber niemand kam herein als der Schnee, der in feinen Klümpchen durch die Ritzen und Spalten der grobgefügten Wände drang. Am vierten Tag begann sich Blasius' eine heimliche Freude zu bemächtigen. Wenn sich niemand nach dem kleinen Buben erkundigte! Es wäre doch fein gewesen, das kleine, zappelnde, lachende, lallende Menschenkind, wenigstens eine Zeitlang, bei sich behalten zu dürfen.

Es war auch »a gar zu a liaba Fratz.« A blonds Krausköpfl und dazua a paar schwarze Feuerradln von Augen, die nachdenklich und leidenschaftlich blicken konnten. Sei Goscherl war nit größer als a Herzkirschn, und Zahndl warn drin, wie lauter kloane, weiße Perlen. Ob er nur tauft war? Aber, wenn er's nit gewesen wär, hätt er auf Blasius' Frag: wie hoaßt? nit kurz und bündig antworten können:

»Dursl hoaß i.«

Dursl sollte Schorschl heißen, da war kein Zweifel. Georg war aber ein christlicher Heiliger, folglich war der Bub getauft.

Wie sehr Blasius sich auch bemühte, etwas über seine Verhältnisse zu erfahren, der Junge wußte nichts weiter, als abgebrochene Sätze zu stammeln, die immer in der ›Muatta‹ gipfelten, und wenig Klarheit besaßen. Wenn Blasius ihn fragte:

»Wo hast denn gwohnt, wer hat di denn hertragn?« so sagte er mit geheimnisvollem Gesichte:

»Himmelmami Bumerl bingen, Hotoloßl, Muatta Betzl holen ...« und dabei nickte der kleine Kerl ernsthaft mit dem Kopfe, als ob da ein Christenmensch klug daraus werden könnte.

Blasius fand, daß ein kleiner Bub sich viel netter abrichten ließ, als ein Kreuzschnabel und vernachlässigte seine alten über das neue Vöglein, das ohne Flügel zu ihm geflogen war. Er wurde wie eine junge Kindswärterin, war erfinderisch im Zurechtmachen verschiedener süßer Breie und lachte über das ganze Gesicht, wenn ›Schorschl‹ mit den Vögeln um die Wette einen rechten Höllenspektakel vollzog. Vor dem Schlafengehen knieten die beiden einträchtig nebeneinander und die Hände des Kleinen verschwanden in denen des Großen, der ihm vorbetete:

»Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drinn wohnen, als Jesus allein. So, und jetzt, daß d' stat liegst, Bua, und nit wieder 's ganze Bettzeug verstrampelst, wie d' vorige Nacht.«

Sie schliefen bei einander, und das blonde Krausköpfl schmiegte sich in seliger Unschuld an die Brust des schwarzen Fraters. Blasius, der sonst wie ein Sack dagelegen hatte, im gefühllosesten Schlafe, wachte jetzt alle Fingerlang in der Nacht auf und sah nach dem Kinde. ›Jessas und Josef,‹ seufzte er oft in angenehmer Verwunderung über den neuen Zustand, ›wer hätt jemals denkt, daß der Blasi no amol a Bruthenn wird, die's Kloane fein warm halt und si nit z' rührn traut, daß er's nit dadruckt. So kann koaner net wissn, zu was er's no bringt.‹

Eines Nachmittags klopfte es, und der Strombacher trat herein.

»Gelobt sei – Marand Josef, wo hast denn das her derwischt?«

Er vergaß die dicke, schneebedeckte Kapuze von den Ohren zu ziehen und starrte den kleinen Buben an.

»Na, so was! Wie bist denn zu den kemma?«

»Geistert hat's.«

»Was, auf amal?«

»Neuli in der Morgenfrüa macht's an Pumperer an der Stubenthür, i thua auf, da kommt der Bua hereingfahren und sagt: Servas!«

»In Ernst?«

»Ach. Sis viel natürlicha zuagangn. Setz di.«

»Aber woaßt, der Bua schaut ... wia ausm Gsicht gschnittn, schaut er dir ähnlich.«

»Wem?«

»Na, wem denn? Mir nit, dir.«

Blasius' Augen richteten sich kampflustig auf den Strombacher.

»Du Lalli du! der Bua is kaum zwoa Jahr alt, und i bin vieri im Kloster.«

»Na ... 's Kloster war do ka Hindernis, sollt i moanen.«

»Glaubst? Irrst di. I kenn d' Klosterbrüada ausm ff. Sie verachten ka Glas Wein nit, a schnupfen than's gern, an recht an hantign ders in d' Nasn beißt, gegen siebn Sonntag in der Wochn hättn's a nix, weils da nix z' arbeitn brauchn, und ratschn können, so viel ausm Maul außawill, aber – was d' Weiberleut angeht, is es einfach net wahr, daß sie gar a so drauf aus seind. Mein Gott, a bissl ins Kinn eini zwickn, oder d' Wangen tatscherln, aber mehr net, des kann i sagn, i der do vier Jahr lang alles mitangsegn hat. Und i scho gar. Mein! Wann hätt i denn mit an Frauenzimmer zsammkema solln? Mir Laienbrüder ham fast nie Ausgang, und wenn, dann dürfn ma nur außi, wenn ma a wichtige Besorgung z' machn haben, und müaßn glei wieder zruck sein.«

»Na sag ma nur –« der Strombacher erinnert sich jetzt durch die Bäche, die von seinem dicken Lodenzeug herabliefen, den Mantel abzulegen.

»Ja, i will dir alls derzähln, setz di nur endli und schaus Kind nit so fest an, sonst woants.«

»Herr Jesses, 's Kind woant, du guate Mutter du.«

Der Strombacher lachte brüllend auf. Blasius trat mit gerunzelter Stirne zum Herd, um Wein für den Gast warm zu machen. Dabei erzählte er den Hergang, wie er zu dem Jungen gekommen war.

›Schorschl‹ hielt sich krampfhaft an dem Skapulier seines Pflegevaters fest.

»Ja sag ma nur,« begann der Strombacher, als sie alle drei um den geschwärzten Holztisch herumsaßen, »was wirst denn thuan mit dem Kind? Anzoagn mußt's, sonst wirst wegn Hehlerei verklagt.«

»In Gotts Nam, des a no.« Blasius erblaßte. »Himmelsaggra, i hab's do nit vor der Thür derfriern lassen können« ...

»Na, na, aber hiazt muaßt es anzoagn.«

»Wo denn?«

»In Moarhofen bei der Behörd.«

»Mei arms Büaberl« – Blasius' Hände strichen zärtlich über die Wänglein des Kleinen, – »hasts am längsten guat ghobt. Wer woaß, wia's da gehn wird im Findelhaus.«

»Dursl bav Buberl,« antwortete der Knirps mit Selbstgefühl.

»Was hat er denn anghabt,« meinte der Strombacher, im Bewußtsein seines Talents zum Polizeispitzel, »eppa kann ma aus die Kleider feststellen, wem er ghört.«

»A ganz kloane graue Hosn mit grüane Näht, sicher sei erste, und a kloans rots Jankerl. Und der ganze Mensch is in a graues Tüachl einbunden gwesen.«

»A graues Tuach, aha, da hamm mer scho n' erschtn Fingerzoag.«

»Na hör amol, i möcht nit alle Weibsleut da herinnen beisammen haben, die graue Tüachln umhabn.«

»Na 's is gleich. Eppas deuts do an, und anzoagt muß er wern.«

»Na in Gotts Nam, wenn der ärgste Schnee weg is.«

»Da kannst no lang wartn.«

»Gewiß, des wär i a. Bis Lichtmessn gwiß. Aber wann du ihn anzoagn willst, steht nix im Weg.«

Der Strombacher schüttelte den Kopf.

»Beileib. Päppel ihn nur auf a bissl, wanns dir a Freud macht. I hab's dir nur guat gmoant mit mein Ratschlag. A dein Prior muaßts berichtn.«

»Moanst?« Blasius' Lippen preßten sich fest zusammen. »Meintzwegn. Woaßt leicht no wen?«

»Na.«

»I a net.«

Sie besprachen noch allerlei zusammen, während dessen der Strombacher den Kleinen unverwandt betrachtete.

»Woaßt,« sagte er nach einer Stunde sich erhebend, »eh ma ihn ins Findelhaus thuan, nimm i ihn zu mir.«

»Aha, dir hat er a gfalln.« Blasius' Gesicht färbte sich rot. »Da kann i ihn glei da bhaltn.«

»Na nit.«

»Warum nit?«

»Weils für a Oansiedl nit paßt, kloane Kinder um si z' habn. Pfiat di Gott, Frater.«

»Daß di der Deixl – gelobt sei Jesus Christus.«

Die Thür schloß sich hinter dem Bauern.

*

Gegen Neujahr trat furchtbare Kälte ein. Die beiden Zweisiedler, jetzt ganz von der Welt abgesperrt, schlossen sich immer inniger an einander an. Blasius hatte pflichtschuldigst seinem Obern gemeldet, daß sich ein kleiner Bub bei ihm eingestellt habe. Darauf hatte der Prior geantwortet: Dir is zwar alles zuzutrauen – aber – ich befehle Dir, hinfür solche frechen Witze zu lassen und unsere kostbare Zeit nicht durch derlei verrückte Meldungen in Anspruch zu nehmen.

Auch gut, sagte Blasius.

Dann nahm er Georg an den Ohren und tanzte mit ihm in der Stube herum unter dem Zetergeschrei sämtlicher Vögel.

Eines Nachts weckte Blasius den Kleinen. Sein übervolles, bangendes, zärtliches Herz ließ ihn nicht schlafen.

»Du Schorschl, wann d' Männer kommen und di wegnehmen wolln, gelt, nacha gehst nit mit ihnen und bleibst bei mir?«

»Bleibst bei mir,« lallte der Kleine und schlief wieder ein.

Und die andere Nacht erwachte er, von Blasius Arm emporgehoben.

»Du Schorschl, gelt, du hast mi lieb?«

»Hab,« nickte der kleine Bursche schlummertrunken.

Aber dann fiel Blasius ein, wie sündig er handelte. Erzog er das Kind nicht zum Widerspruch gegen die Obrigkeit? Zur Empörung gegen die Vorgesetzten? Er dachte lange über sich selbst und sein Vergehen nach, und da erkannte er auch, wie sehr er den Kleinen verhätschelte, wie schlecht er ihn auf seine gewiß strenge und wenig freundliche Zukunft vorbereitete.

Am andern Tag gab's wegen jeder Kleinigkeit Prügel. Georg begann ein ganz verschüchtertes Gesicht zu machen. Mittags aß Blasius sich satt und gab seinem Pflegesohn die Schüssel ›zan Ausschlecken.‹ Er wollte sein eigenes Herz mißhandeln und hart machen, indem er das Kind rauh behandelte. Aber der Kleine strich versöhnend mit seinen Händchen über Blasius' Skapulier. Da begann sein Ernst zu schmelzen. Er hob den Arm zu einem Schlag auf, kraute sich aber statt dessen hinterm Ohr.

»Von nun an will i 's alleweil so machen, statt daß i ihn streichl, hau i ihn – nit, wie er's wohl verdient hätt, der Kerl.«

»Sixt, Schorschl, sagte Blasius öfter, »jetzt hättst wieder Prügel haben sollen, aber i hau di nit. Das is für heunt dei Schleckerei.«

Und er kochte ihm keinen süßen Brei mehr und ließ ihn weniger mit der Ziege spielen, die im Bretterverschlag neben der Hütte meckerte.

Wenn der kleine Bursche sehr brav den ganzen Tag über war, durfte er am Abend zum Lohn ›in Mann machn,‹ das heißt sein Höschen für eine Stunde lang anziehen. Für gewöhnlich trug er einen grauen Kittel, den Blasius ihm aus dem Tuch zurechtgemacht hatte. Oder Blasius stellte sich mit drohender Gebärde des Morgens vor ihn hin. Georg, wie die meisten Landkinder, wusch sich nicht gern.

»Was willst lieber, Schläg kriegn, oder di waschn?«

Natürlich sagte der Knirps: »wassn.«

Und so wurde Blasius gemach ein sehr schlauer Erzieher. Aber seine Liebe zu dem Kleinen erstickte deshalb nicht. Im Gegenteil. Je weniger schön er ihm that, um so tiefer er seine Zärtlichkeit in sich verschloß, desto gewaltiger grub sich diese in ihm ein.

Er konnte sich nicht erklären, wie diese wunderbare, starke Neigung in sein einfältiges Bauernherz eingezogen war.

V.

Nach den ersten Januartagen ließ die größte Kälte nach. Der Schnee, der bis dahin fest gefroren und glasig die Wege und Stege bedeckt hatte, wurde weich und verlor seine blendende Weiße.

Der herbste Winter war vorbei.

Die Frau Bas durfte wieder der Frau Mahm einen Besuch machen, ohne befürchten zu müssen, ihre werte Nasenspitze zu erfrieren. Auch für das Seelenheil konnte man nun wieder mehr thun, ›a Wallfahrtl zu an Heilign‹ war nun schon zu wagen.

Eines Tages kamen etliche Pilger den Berg nach Maria Brettfall hinaufgeklettert.

»Daß enk,« brummte Blasius nichts weniger als erbaut, beim Anblick der frommen Waller. »Schorschl, zieh gschwind dei Hosen an, und putz dir d' Nas.«

Sie traten sich vor der Hütte den Schnee von den Füßen, klopften behutsam an und schoben sich einer nach dem andern durch die Thür. Zuletzt das Weib, das mit den drei Männern kam.

»Gelobt sei Jesus Christ.«

»In Ewigkeit, amend. Aldann! Stoffl, grüaß di, Esterhammer, du a, no und der Nazl mit seiner Ehfrau, setzt's enk nieder. Seid's wohl Rosenkranzbeten kemma, gelt's ja?«

Die vier Menschen standen wie niedergedonnert starr mit offnem Munde vor dem kleinen Burschen, der seine Toilette so schnell und flüchtig gemacht hatte, daß hinten ein vorwitziger Hemdzipfel herausguckte. Das war aber ein glücklicher Zufall, der die unheimliche Verwunderung der Bauern wieder in irdische Bahnen lenkte.

Wems Pfoad Hemd. außahängt, der konnte doch wahrhaftig kein ›Geist‹ sein.

Die Nazlbäuerin näherte sich, schüchtern einen Fuß vor den anderen setzend, dem kleinen Gespenst, und ihrem mütterlichen Instinkte folgend, schob sie ihm das Weiße, wohin es gehörte.

»Buaberl« – mit einem Seufzer der Erleichterung und des Stolzes über ihre Heldenthat, – »bist ja von Fleisch und Boan wie unseroans, Gott sei Dank, na, i hans ja glei gsagt, es kunt do lei andersch sein, als der Strombacher herum derzählt hat.«

»Was hat er denn derzählt?«

Blasius schenkte seinen Gästen Wein ein. Zweien in Gläser und zweien in kleine Töpfchen, denn er besaß nur zwei Gläser. Sie setzten sich alle nieder, und jetzt, da die Nazlbäuerin den Bann gebrochen hatte, erholten sie sich von ihrer Bangheit und gestanden, sie wären nicht des Rosenkranzes, sondern des ›Geistes‹ wegen heraufgekommen. Der Strombacher hätte erzählt, beim ›Oansiedl‹ hätt's unheimlich gespukt. Mitten in der Nacht sei ein kleiner Teufel beim Fenster hereingefahren und er sei noch zu sehen, denn der Frater könne ihn trotz aller Gebete nicht austreiben. Sie möchten nur in die Klause hinauf gehen und sich selbst überzeugen.

Blasius lachte, daß die Stube dröhnte und alle Vögel, Georg mit einbegriffen, einstimmten. Zum Rosenkranzbeten kam's nicht.

Als die Neugierigen vollständig befriedigt mit ›vom Ratschen‹ heißen Gesichtern aufbrachen, war jeder überzeugt, daß es keine Sünde und kein Unrecht sei, wenn der Einsiedler das kleine Geschöpf, das ›a Rabnmuatta ausgsetzt,‹ aus Mitleid bei sich beherberge, bis etwaige Nachfragen ergäben, wohin es gehöre.

»Der Gmoan anzeign thu i ihn nit,« sagte Blasius trotzig, »mei Obrigkeit is mei Prior, und den hab is mitteilt.«

Aber schon am nächsten Tage kamen wieder Besucher herauf, obgleich die vom vorigen Tage es herumgetragen hatten, daß der kleine Bub, ›koa Tuifi‹, sondern ein gewöhnlicher kleiner Hosen – sei. Georg wurde betastet, gestreichelt, gehoben und so oft gefragt: ›wia hoaßt?‹ bis er jedem Frager ins Gesicht brüllte: ›Dursl.‹

»A festa Bua,« sagten sie dann zufrieden nickend, »der bringt's amol zu eppes.«

Im ganzen Unterinnthal war die Geschichte, mit allen möglichen Zusätzen und Märchen geschmückt, herumgekommen.

So viel Eier und Speck hatte Blasius in seinem Leben noch nicht gesehen, wie die braven Leutchen ihm brachten.

Denn der Bauer ist stolz, er will nichts ›umasinst‹, nicht einmal den ›Tuifi als Hemadlenzl‹ will er umasinst sehen.

VI.

Eines Morgens kam der Scirocco über die Berge gesaust. Es war eigentlich noch viel zu früh im Jahre für diesen Herold des Lenzes. Aber der Scirocco, als Italiener, ist ein wilder Geselle, und läßt sich nicht bändigen, wenn er etwas will.

Da gab's denn Hochwasser, wohin man hörte.

Die Bächlein wurden zu Flüssen, die Flüsse zu Strömen. Die Ziller schwoll an und überflutete alle die kleinen Ortschaften, die in ihrem Bereich lagen. Der Inn trat aus, in Schwaz und Terfens fuhren sie auf der Landstraße in Kähnen. Da hatte denn niemand mehr Zeit nach Brettfall zu pilgern und seiner lieben Neugier genug zu thun. Es gab daheim zu viel zu schaffen. Blasius selbst hatte mit den Wassermassen zu kämpfen, die von den höher gelegenen Bergen auf sein kleines Brettfall herabströmten und die letzten Spuren Schnees wegwuschen.

Die Sonne brannte ordentlich, und Georg wollte hemdärmelig im Gärtchen spielen.

»Mei Bua, zieh nur dein Kittel wieder an,« sagte Blasius, »'s is no lang nit Frühjahr, das thuat nur a so, über ja und na habn mir wieder Schnee. Freili, lang liegn bleibt er hiazt nimmer, d' Hauptsach is verbei.«

Eines Nachmittags, – der Einsiedler und sein Adoptivkind saßen beim Herde, der erstere schnitzte ›a Mandl‹ für Georg, – öffnete sich die Thür weit. Einen Augenblick erschien niemand, und Blasius erhob sich mit einem leisen Schauer, dann kam langsam, die Hand auf die Brust gepreßt, eine Frau herein. Sie trug ein rotes Kopftuch, große, runde Goldringe in den Ohren und hatte ein Paar brennender schwarzer Augen. –

Als sie Georg am Herde erblickte, stieß sie einen Schrei aus, sprang zu ihm und hob ihn an ihre Brust. Blasius begann heftig zu zittern und lehnte sich erblassend an den Tisch. Da ließ sie das Kind niedergleiten, trat zu ihm und schlang ihre Arme um seinen Hals.

»Mei Ferdl, kennst mi nimmer, hast mi – na, lieb haben derfst mi nimmer, bist ja a gweichter Herr jetzt. Aber vergeben thuast ma, gelt? Sixt, die ganzen drei Jahr hab i 'n bei mir haben können. I hab a guate Frau ghabt, die hat nix dagegen gsagt. Vor an halben Jahr is sie gstorben, grad dazumal, wia du als Oansiedl daher kommen bist. I hab mi ja alleweil nach dir erkundigt, und alls über di erfahrn; d' Betschwestern wissen an jedn Kletzn Jede Kleinigkeit., der in Kloster vorgeht. Nein, hab i mir denkt, jetzt wird er's fein habn. Wann er nur in Buabn so lang behieltet, bis i wieder an Dienst hab, wo i 's Kind zu mir nehmen kann. Und mir war als saget unser Herrgott, ja Lena, du kriagst an solchn, sei nit verzagt, bring's Kind nur zu ihm. Der leibhaftige Vater wird's nit derfrieren lassn vor seiner Thür, und am erschtn Tag wost kannst, holst dir dein kloan Fratzn wieder. Und jetzt komm i, i bin guat unterbracht, i –«

»Lenal!« Der Mann sank vor ihr nieder und ergriff ihre Hände. »Bist du das Madl mit dem i auf'n Stadtsaggn Wein trunken hab, das Madl mit die wunderschön Augen, die i nimmermehr hab vergessen können?« ...

Sie lachte, während zwei heiße Thränen ihre abgehärmten Wangen herab liefen.

»Freili, Ferdl, bin i das Madl, kennst sie nit mehr, d' wunderschön Augen?«

Er sah forschend in ihr blasses Gesicht.

»Freili derkenn i 's wieder, muaßt viel gweint habn seit damals, Lenal.«

»Ja, Ferdl, das hab i than.«

»Lenal,« seine Arme umschlangen ihren Leib, »ka Tag is vergangen, wo i nit deiner denkt hab, warum bist denn damals so von mir gangen?«

»Wie denn? I? Du! I nit.«

»I? Es is a Schand daß i 's eingsteh: i woaß nimmer, was nacha wie du von mir gangen warst, mit mir gschegn is.«

»Na, der Xanderl hat di bei sich ausschlafn lassn, und am nächstn Tag bist in dei Kloster gangen. Du hast mir's ja gsagt: ›Morgen tritt i bei d' Kaputziner ein,‹ deswegen hab i a gar koan Versuch gmacht, di no a mol z' segn. I war fürchterli leichtsinni damals,« sie verbarg ihr erglühendes Gesicht in den Händen. »Aber du warst der erschte Mann, der ma gfalln hat. I hab di glei so viel liab habn müassn« ...

Er lachte unter seinen hervorstürzenden Thränen.

»'s war der erschte glückliche Tag in mein Leben. Immer mit Füßen getretn, immer hinterm Zaun stehn, derweil vor ein d' schönsten Frücht winkn, immer schuften und arbeitn und gschimpft wern, immer 's Knechtl spielen ... An dem Tag war i a Herr. 's schönste Madl hat mi anglacht und mi an liabn Buabn ghoaßn. D' Musik auf der Wiesen, der Wein und s' Bewußtsein, daß mit in nächsten Tag 's weltliche Lebn do a End hat, ... i woaß nit, das alles zsamm hat mi völlig berauscht gmacht« ...

»Mei Ferdl. A für mi war's der erste schöne Tag in meinm jungen Leben. I war kaum siebzehn. A arms Woaserl hab i scho als Kind vor lauter Arbeitn Schwielen an d' Händ g'habt. Von aner Freud, an Vergnügen war nie a Red bei mir. Sonntag mit meine Herrenleut in d' Kirch, nacha glei in d' Kuchl, in d' Scheun, aufs Feld, wo 's was zu thun geben hat. Später bin i von Corvara nach Innsbruck kema zan jungen Bauern. Aber als walsches Madl habn mi d' Manderleut nie nit groß geacht. Zan Spaßn ja, da hättn's mi scho mögn, dazua aber war i ma viel z' guat. So bin i alloan gangen, bis zu dem Tag –«

Ihre Hände legten sich sanft auf den niedergebeugten Kopf des Mannes.

»Aber Lenal, oans kann i nit begreifn ...«

»Was denn nit, Ferdl?«

»Den dort ...«

Er deutete auf Georg, der den Daumen im Munde vor ihnen stand und sie in stummer Verwunderung betrachtete.

»Wia so denn?«

»Aber ...« – er stockte –, »wem sei ... mei, mei Bua soll das sein?«

»Wem denn sonst seiner?« sagte sie aufflammend, »schau do sei G'sicht an, 's schreit ja vor Ähnlichkeit mit dir oder moanst –« er erhob sich und legte die Hand auf ihren Mund.

»Red nit weiter, ... sag ma nur ... mir ... mir ham do nix than ...« seine Hände zogen sie an seine Brust, »i moan ... du verstehst mi scho, gelt? s' war alles so unschuldig, was ma than ham ... Woaßt no wia ma uns wegg'stohln habn von die andern, und –«

»Ja, i woaß wohl. D' Luft is voll Leuchtkäferln g'wesn, und der Himmel voll Stern, und all's hat nach Blumen g'schmeckt, und ins Rauschen von Inn eini, hat d' Musik von drüben tönt, und der warmi Wind hat mir alleweil d' Haar in die Augen g'weht, daß i fast nix g'segn hab. Da hab i mi ins Gras ghockt und mein Kopf an dei Brust gloant ...«

»Und i hab die Leuchtkäferln für Sternln gehaltn, und glaubt, daß ma in Himmel sein.«

»Und nacha –«

»Hab i di küßt ...«

»Und nacha habn ma alle zwoa gweint –«

»Ja, das woaß i, aber warum woaß i nimmer ...«

»Und nacha hab i di wieder küßt –«

»Ja –«

»Und –«

»Und –«

Sie verstummten beide, nur ihre Lippen begegneten sich in einem langen, heißen Kusse.

Er war's zuerst, der den Kopf erhob.

»Wann's aber nix weiter is, des kann do ka Todsünd nit sein. I hab immer gmoant – na, i ... i ... hiazt siach i 's ein, i bin do a Dodl g'wesen ...«

Sie lachte mit ihrem glühenden Gesicht.

»Laß guat sein, bist a braver unschuldiger Mensch, scham di nit.«

»Aber Lenal, Lenal, wiast in Buabn kriagt hast, warum hast denn nit so lang an der Klosterglockn grissn, bis der ganze Konvent zsam grennt is. I wär ja außa kemma –«

»Mei, wie hätt i mi denn das z' thuan traun dürfn. I hab glaubt, du hätst in Beruf in dir, und von mir möchst eppa nix mehr wissn. A hab i mi so viel gschamt.«

»Lenal,« rief er jubelnd, »du mei heilige Frau du, und der, der ghört jetzt mei, mei für alle Zeit ...« Er packte den Buben und schwang ihn in die Höhe.

Die junge Frau machte ein ernstes Gesicht.

»Na, Ferdl, den trag i heunt mit mir ...«

»Was?«

»Na natürli, i hab dir ja gsagt, i hab hiazt a guate Stell.«

»Bist verruckt, Madl? Moanst, i bleib hiazt als Oansiedl weiter da hockn und bet Rosenkränz mit d' alten Weiber, daweil mei Kind und mei Weib draußen in der Welt umanonda ziachn?«

»Herr Gott, was willst denn thuan? Du hast es ja so fein da heroben?«

»Du Tschapperl du, was i thuan will? So schnell als mögli d' Kuttn abi und –« er ergriff die in der Nähe stehende Axt und schwang sie in die Höhe, »außi ins Leben, i wer ma scho 'n Weg bahnen, hiazt wo i woaß wofür.«

Am nächsten Tag schrieb er an den Guardian.

»Es is nit zan Aushaltn,« meinte er, »alleweil geisterts ärger. Zuerscht is a kloaner Bua einagschneit, und hiazt gar d' Muatta dazua. I hab ka Weil mehr da heroben. Entbindet mich meiner Gelübde, Hochwürden Herr Guardian, und erlaubt's mir, daß i mi selber einfind zur Verantwortung in Innsbruck, so lang wärn's wol d' Wallfahrer ohne Oansiedl dermochn.«

Er fuhr nach Innsbruck, erhielt Dispens und wurde aus dem Kloster entlassen.

Der rüstige Mensch, der jetzt an sich selbst glaubte und ein energisches Auftreten zeigte, weil er für andere notwendig geworden war, erhielt bald durch Verwendung des Guardians, der sich jetzt für ihn interessierte, eine gute Stellung als Pförtner am Haller Gymnasium. Er heiratete seine Lena und wurde glücklich mit ihr. Bloß einen strittigen Punkt gab's in ihrer Ehe.

Jeden Abend, bevor Georg schlafen geht, ruft Ferdinand:

»Schorschl, komm her.«

Wenn der kleine Bursche vor ihm steht, hebt er die Hand auf und zieht an der Nase seines Erstgebornen, mit einem leisen Druck nach unten. Dann kommt gewöhnlich die Mutter gelaufen.

»Aber, Ferdl, was thuast denn scho wieder. Woaßt nit, daß i das nit leidn mag?«

Und mit einem kräftigen Gegendruck richtet die mütterliche Hand die Nase ihres Bübchens wieder empor.

Man ist begierig – die Haller kennen die sonderbare Gewohnheit der Eltern, – ob die ›Nasn‹ des jungen Weltbürgers ›a Gurken- oder a Kartoffelform kriegt.‹

Man glaubt das letztere.

 

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