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Erzgebirgische Geschichten. Erster Band

Elfrid von Taura: Erzgebirgische Geschichten. Erster Band - Kapitel 8
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authorElfrid von Taura
titleErzgebirgische Geschichten. Erster Band
publisherCarl Rümpler
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correctorJosef Muehlgasner
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II.

Brunhild fand ihren Vater wirklich bei dem Markscheider. Sie theilte ihm mit, welche Einladungen an ihn und die Seinigen ergangen waren, und bat ihn, augenblicklich mit ihr zu kommen. Er ging mit ihr. »Wo ist denn die Mutter?« fragte er vor der Thür.

»Bei dem Goldschmied,« antwortete sie.

»Schon wieder?« fragte er trübe.

»Sei nur nicht bös,« sagte Brunhild, »ich wollte es nicht haben; aber Du weißt, wie die Mutter ist, und vielleicht hat sie heute nicht ganz Unrecht, ich habe Dir noch nicht gesagt, daß die Frau Baronin zum Besuch hierher kommt und bei Neuhoff's absteigt.«

»Heute?« fragte der Schichtmeister; »und da sollen wir wohl am Abend in Gesellschaft der Baronin sein?«

»Ja, und auch schon bei Landgraf's mit ihr speisen.«

»Also die Frau Baronin kommt? Sie will uns kennen lernen,« sagte der Schichtmeister erheitert, »so komm denn!«

Bei dem Goldschmied angekommen und von diesem in sein Wohnzimmer geführt, wurde der Schichtmeister von seiner Frau auf die Seite gezogen. »Hast Du schon gehört, lieber Schatz, welche Ehre, welches Glück uns erwartet?« redete sie ihn an. Und als er bejahte, sagte sie: »Denke Dir, das ist Alles so von dem Baron veranstaltet; der liebe, goldne Mann erwartet den günstigsten Eindruck von der Begegnung unsers Kindes mit seiner Mutter, und hofft morgen schon ihr Jawort zu erhalten. Du kannst Dir meine Seligkeit denken, Schatz, denk' einmal, in einem Vierteljahr ist unser Kind vielleicht Frau Baronin – gnädige Frau! Aber Du weißt, man muß das Eisen schmieden, wenn es glüht, und nur den Dummen kommt das Glück im Schlafe. Es versteht sich, daß wir vor der Frau Baronin anständig erscheinen müssen. Glücklicherweise sind unsere Mädchen, als hätten sie es geahnt, in den letzten Tagen fleißig hinter ihrer Garderobe her gewesen, und mein neues Barègekleid macht sich auch. Aber zu den noblen Gewändern gehört auch ein nobler Schmuck, wenigstens für Brunhild. Ich bin daher gleich hierher gegangen und habe uns einige sehr einfache, aber noble Sachen ausgesucht; Du weißt, ich verstehe mich auf dergleichen. Aber denke Dir, der Goldschmied will uns nur auf einen Wechsel von Dir weitern Credit geben. Vergebens tröstete ich ihn auf das nahe Ende meines Erbschaftsprocesses; er besteht auf dem Wechsel. Nun, Du weißt doch besser als er, wie es um den Proceß steht, daß wir ihn in erster Instanz gewonnen, und daß nach der Versicherung unsers Advocaten das Erkenntniß der zweiten Instanz bald erfolgen und unser Erbe in spätestens drei Monaten in unsern Händen sein muß. Du hast hoffentlich kein Bedenken gegen den Wechsel

»Allerdings, liebe Bertha, hab' ich das« erwiederte der Schichtmeister, »Alles, nur keinen Wechsel! Ich hoffe zwar auch, daß der Proceß bis dahin entschieden sein wird, aber es bleibt doch immer eine Möglichkeit, daß er sich noch sehr lange hinauszieht. Ich meine auch, der Schmuck sei nicht so nothwendig –«

»Nicht nothwendig?« fiel ihm die Frau ins Wort, und da der Goldschmied hinausgegangen war, so rief sie laut: »Brunhild! Klotilde! sagt, ob die Schmucksachen uns nicht nöthig sind, um vor der Frau Baronin zu bestehen?«

Brunhild sagte, sie wolle nichts bestimmen, aber so viel wisse sie, daß ihr Alexis nicht nach Schmuck bei ihr frage. – »Aber,« fiel Klotilde ein, »die Frau Baronin ist eine Banquierstochter, und diese Damen halten viel auf Geschmeide. Die Frau Magisterin sagte, der erste Eindruck einer Begegnung entscheide oft über die ganze Zukunft, und ich möchte der geschmeideliebenden Baronin nicht allzu einfach vor die Augen kommen, wenn ich ihre Schwiegertochter werden wollte!«

»Aus Dir spricht Welt, Mädchen,« rief die Mutter; »ja so ist es, wir müssen den ersten Eindruck wahren!«

Zögernd erklärte der Schichtmeister seine Bereitwilligkeit, den Schmuck gegen eine Obligation zu erstehen. »Ich zweifle nur, daß Herr Reichel darauf eingeht,« bemerkte die Frau, »doch versuche Dein Glück. Komm mit in den Laden!«

Sie gingen hinaus. Der Goldschmied hatte die ausgewählten Gegenstände schon bereit gelegt. Die Frauen überließen sich mit Entzücken der Betrachtung dieser nothwendigen Entbehrlichkeiten, indeß der Schichtmeister mit dem Goldschmied über die Art der Zahlungssicherstellung verhandelte. Herr Reichel wollte von der vorgeschlagenen Art der Zahlungssicherstellung nichts wissen; er bestand auf einem Wechsel nicht nur für die schon im Buch stehende, sondern auch für die neue Schuld. Der Schichtmeister konnte sich zu dem Wechsel nicht entschließen, und der ganze Handel drohte sich zu zerschlagen. Aber Töchter, die zur rechten Zeit bethauete Wimpern zeigen, und Mütter, die im rechten Augenblick das Vaterherz zu packen verstehen, werden meist siegreich aus einem Angriff auf väterliche Finanzscrupel hervorgehen. Klotilden, die als das leibhaftige Ebenbild der Mutter des Vaters Liebling war, perlten Tröpfchen über die rosigen Wangen, und sie ging mit dem Tuche vor den Augen ins Zimmer zurück. »Komm, Brunhild!« rief die Mutter zornig und zog sie jener nach. »Aber Bertha!« sagte der Schichtmeister folgend, »sei nur nicht so bös! Ich kann doch nicht anders.«

Die Beleidigte wendete sich von ihm ab und rief ihren Töchtern zu: »Jetzt kommt, Kinder! kommt gleich mit nach Hause! Es war sehr unrecht. Euch in Pension zu thun. Euer Vater will, Ihr sollt Häuersweiber werden wie das Gänseblümchen, die Hedwig. Kommt! Ihr setzt keinen Fuß wieder in die Pension, und Du, Brunhild, vergissest Deinen Alexis! Vielleicht findet sich auch noch ein Steiger für Dich – armes – unglückliches – Kind – und ihre Stimme erstarb in Schluchzen.

Da brach dem Schichtmeister das Herz. Er kratzte sich den Kopf – er besann sich – es galt, sich zur Zahlung von 400 Thalern nach Ablauf von drei Monaten verbindlich zu machen. – Die Erbschaft seiner Frau, so redete er sich in der Erregung des Herzens ein, die Erbschaft mußte bis dahin eingehen, und wenn nicht, so wäre darauf inzwischen schon ein Darlehn zu erlangen. – Er ging in den Laden zurück und unterzeichnete den schon ausgefüllten Wechsel. Seine Hand zitterte, aber doch war ihm leichter ums Herz, als er, den Kasten mit dem erstandenen Geschmeide in den Händen, zu seiner Frau trat.

Die vier Familienglieder verfügten sich nun zu der »Frau Magisterin«, bei welcher Brunhild und Klotilde sich jenen schimmernden Anstrich holten, der in gewissen Gesellschaftskreisen für die Blüthe der Erziehung gilt. Als sie nur wenig Minuten das Haus des Goldschmieds verlassen, trat bei diesem ein einzelner, auch bergmännischer Besuch ein. Ein langer, hagerer Graukopf mit dem Abzeichen eines Grubensteigers. Sein gefurchtes Gesicht ließ ihn älter erscheinen, als er war. Sein Glückauf! war nicht das helle, herzhafte, wie es gewöhnlich aus der Knappen Mund ertönt, es klang hohl und traurig. Der Goldschmied führte ihn in ein kleines Bureau, das hinten an den Laden stieß. Der Steiger brachte aus seinem Kittel ein Päckchen in Papier, das ihm der Goldschmied hastig abnahm und mit den Händen wog. »Es scheint leichtes Gut zu sein,« sagte er.

»Leicht?« versetzte der Steiger; »ich wette, daß Sie noch nie schwereres Erz in den Händen gehabt, sehen Sie es nur erst an!«

Der Goldschmied entfernte das Papier und vergaß einen Augenblick den Kunstgriff des Wucherers, das zu kaufende Gut mit Geringschätzung zu betrachten.

»Wie viel haben Sie von dieser Art?« fragte er.

»Zwei Centner,« antwortete der Steiger mit einem tiefen Seufzer.

»Freilich wenig,« sagte der Goldschmied; »wird sich kaum des Schmelzens verlohnen.«

»So sprechen Sie immer,« sagte der Steiger; »aber ich weiß so gut wie Sie, was in dem Erze steckt, und was sich herausschmelzen läßt.«

»Was verlangt Ihr für den Braß?« fragte der Goldschmied wieder.

»Ich hoffe damit den Wechsel meines Sohnes gedeckt zu haben – sonst will ich weiter nichts – ich will froh sein, wenn ich diesen Stein vom Herzen habe.«

Der Goldschmied wollte den Werth des Erzes herabsetzen, so daß der Wechsel nicht damit gedeckt erschien, aber der Steiger bestand auf seiner Forderung, und zuletzt versprach der Goldschmied, den Wechsel auszuliefern, sobald er das Erz in Empfang nähme. Der Steiger wollte es in der zweitnächsten Nacht zum Theil bringen und verabschiedete sich. »O, mein Sohn! mein Sohn!« murmelte er unter der Thür, »wenn Du wüßtest, wohin Dein Uebermuth Deinen alten Vater gebracht hat!« Eine Thräne quoll aus seinem Auge – langsam stieg er die Stufen vor dem Laden hinab. Plötzlich fand er sich angeredet. Aufblickend sah er den Gelbgießer Mickley vor sich stehen.

»Ihr noch in der Stadt?« fragte dieser, »und kommt vom Goldschmied?« Der Steiger erschrak. »Ich war – ich hatte – mein Sohn schickte mich hierher –« stotterte er.

»So?« versetzte Mickley; »ist der Herr auch wieder einmal zu Platze? Er ist nun endlich einmal Doctor geworden und geht mit einer vornehmen Heirath um – he?«

»Wie er thut, ja; und da er so gut mit dem Herrn Obereinfahrer steht, so mag wohl was d'ran sein.«

»Ach ja, es ist ja die Schwester vom Herrn Baron, um die er freit; – da gratulir' ich zur vornehmen Freundschaft, Alter!«

»Danke, Meister Mickley, eine brave, bürgerliche Schwiegertochter wäre mir lieber. –«

»Ihr seid ein braver Mann, Steiger,« sagte der Gelbgießer, ihm auf die Schulter klopfend, »ich weiß, Ihr habt's nicht wie Eure Schichtmeisterin darauf angelegt, in vornehme Freundschaft zu kommen. Hättet Ihr doch in Eurer Demuth Euren Sohn gar nicht studiren lassen; aber gute Freunde haben Euch überredet. Daß er nun aus der Art geschlagen, ist somit nicht Eure Schuld.«

»Dort kommt er gerade,« sagte der Steiger, »dort aus dem Posthause; der Herr Obereinfahrer und eine Dame sind bei ihm – sie kommen hierher, wir wollen doch ein wenig auf die Seite gehen.«

»Ei warum nicht gar! Es sind Menschen wie wir auch. Ich möchte Euern Sohn 'mal in der Nähe sehen.«

Jene Drei waren bald in die Nähe der Beiden gekommen; der Steiger salutirte seinem Vorgesetzten, der Bürger grüßte höflich; der Obereinfahrer erwiederte freundlich die Grüße, aber der Doctor, anscheinend in tiefem Gespräch mit der Dame, der eine Zofe und ein Lakai mit Gepäck folgten, ging, ohne nur den Kopf nach seinem Vater zu wenden, stolz vorüber.

»War das Euer Sohn?« fragte der Gelbgießer nach einer Weile. Der Steiger bejahete es mit einem Seufzer.

»Und er sah Euch nicht einmal an!« sagte jener, »und grüßte nicht einmal! Er verleugnet seinen Vater, er schämt sich seiner Herkunft! Armer, alter Mann!«

Der ehrsame Bürger nahm Abschied von dem Greis, und dieser wankte dem Thore zu.

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