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Erzgebirgische Geschichten. Erster Band

Elfrid von Taura: Erzgebirgische Geschichten. Erster Band - Kapitel 7
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authorElfrid von Taura
titleErzgebirgische Geschichten. Erster Band
publisherCarl Rümpler
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correctorJosef Muehlgasner
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II. Die Fundgrube Vater Abraham

I.

Die Bergleute des Reviers hatten Lohntag. Die Auslohnung war vorbei, und das muntere Bergvolk stand in Gruppen längs der Rathhausseite des großen Marktplatzes oder schlenderte durch die zwei Budenreihen des Krammarktes. Denn seit undenklichen Zeiten war in der freien Bergstadt dafür gesorgt, daß die Bergleute, deren Viele stundenweit herkamen, sich eines Theiles der schwergewonnenen Groschen auf leichte Art wieder entäußern konnten. Und wie man Fischreußen vor die Abflußöffnungen der Gewässer legt, so baute man die Buden gerade in die Verlängerung der Gasse, in welcher das Berg- und Zehntamt lag. Da mußten selbst diejenigen hindurch, welche Lust hatten, einen Theil ihres Lohnes in der Sparcasse niederzulegen, die seit einem Jahrzehent bestand, so daß gar manches für die Sparcasse bestimmte Fischlein dort hängen blieb. Das konnte freilich nur von dem unbeweibten Bergvolke gelten, denn der beweibte und dann sicher auch mit Kindern gesegnete Knappe konnte höchstens mit Hülfe eines Heckethalers sich an der Sparkasse betheiligen. Gönnt der sich doch nicht einmal ein billiges Frühstück in der Garküche, aus welcher es so bratenhaft duftet – an das gegenüberliegende »süße Löchel«, die Conditorei, ist gar nicht zu denken, sondern er verzehrt höchstens in den Brodbänken ein »Dreierstöllchen« mit einer halben Knackwurst, nachdem er die Hälfte für seine »Alte«, vorausgesetzt, daß sie noch jung ist, im Kittel geborgen.

Von jungen Burschen sah man in den Brodbänken höchstens den Bergner Ferdinand vom Vater Abraham. Heute war er da. Ein hochgewachsener, blonder, frischer Gesell, mit intelligenten Zügen. Der leinene Kittel kohlschwarz, Fahrleder und Gürtel schön lackirt, auch das Schuhwerk blank gewichst. Unter der Bänkenthür stand er und blickte mit seinen hellen, blauen Augen nach der gegenüberliegenden Conditorei, aber wohl eher nach dem lockigen Kopfe einer Dame, die dort an einem Fenster an der Seite eines Bergherrn stand, als nach den gaumenkitzelnden Dingen des Schaufensters. Dicht neben den Brodbänken befand sich der Laden eines Gelbgießers, an welchen sich die Gewölbe eines Tuchmachers und eines Zinngießers reihten. Diesen drei Geschäftsleuten schien der Lohntag keine Weizenblüthe zu sein; standen sie doch schon seit einer halben Stunde vor dem Gelbgießerladen und klagten über den flauen Geschäftsgang. Plötzlich aber wurde ihre Aufmerksamkeit nach der Conditorei hinübergelenkt, aus welcher eine hochgewachsene Dame mit einer Schaar junger Dämchen in orgelpfeifenähnlicher Größenabstufung hervorquoll.

»Da kommt die Staatsglucke vom Vater Abraham mit ihren Küchlein!« rief der Tuchmacher; »acht Stück, und was für eine Prachtrace! Und richtig – der Liebhaber der Aeltesten, der neue Herr Obereinfahrer, ist auch dabei; der wird wohl die ganze Schaar tractirt haben.«

»Soll mich wundern, ob aus dem Freier auch ein Nehmer wird,« sagte der Zinngießer; »der Herr Obereinfahrer ist ein Feiner; reich und von Adel, wie er ist, denkt er wohl höher hinaus, als zu der armen Schichtmeisterstochter, die Nichts hat, als was sie auf dem Leibe trägt.«

»Ja, wenn das nur noch ihr Eigenthum wäre,« fiel der Tuchmacher ein; »ich will mein Contobuch vom Schinder verbrennen lassen, wenn von all den Fahnen und Behängen, worin das schöne Fräulein prangt, nicht über Dreiviertel in verschiedenen Contobüchern ungelöscht stehen.«

»Oho!« nahm der Gelbgießer das Wort; »macht's nur nicht so gefährlich! Dazu ist mein Schichtmeister Frenzel denn doch ein viel zu wackerer Mann, als daß er solche Schuldenwirthschaft dulden sollte. Es ist wahr, die Schichtmeisterin trägt die Nase ein wenig hoch und macht am Ende mehr aus sich und ihren Töchtern, als dahinter steckt; aber sie ist doch eine tüchtige Hauswirthin, und man findet nirgends eine so ausgesuchte Ordnung und Sauberkeit, wie bei ihr zu Hause.«

»Ei, das ist doch nicht etwa ihr Verdienst!« sagte der Tuchmacher. »Ihr als Gewerke vom Vater Abraham solltet doch wissen, wer da eigentlich die Hauswirthin ist, obgleich sie nur für das Aschenbrödel gilt. Das ist die Kleine, die Stieftochter der großen Dame dort, die Einzige von des Schichtmeisters erster Frau.«

»Die kenn' ich ja gar nicht,« erwiederte der Gelbgießer.

»Natürlich,« erklärte der Tuchmacher; »sowie sich ein Besuch auf dem Vater Abraham zeigt, muß sich Aschenbrödel in der Küche verkriechen. Sie würde schön ankommen, wollte sie sich als schwarze Henne unter den bunten Küchlein der Frau Mama zeigen. Aber sie ist es, die eigentlich das ganze Haus erhält, denn das müßt Ihr doch selbst zugeben, daß die Schichtmeisterin, wenn sie eine Wirthin sein wollte, nicht mehr Staat treiben würde, wie eine Bergmeisterin!«

»Nun, wer weiß,« unterbrach der Zinngießer den Sprecher, »wer weiß, ob sich der Schichtmeister nicht besser steht wie unser Bergmeister. Der Vater Abraham hat schönes Erz, und wer kann einen Schichtmeister, der auf seiner Grube wohnt, so genau –«; hier stockte der Redner; ein Blick auf das Gesicht des Gelbgießers machte ihn verstummen. Doch dieser rief schnell: »Was wolltet Ihr sagen, Nachbar Paul? Redet weiter, was meint Ihr? Bedenkt, daß ich Kuxinhaber vom Vater Abraham bin, und mich das sehr nahe angeht, was Ihr da auf der Zunge hattet!«

»Ich hab's verschluckt und vergessen,« sagte der Zinngießer; »Ihr wißt ja, Nachbar Mickley, es kommt Einem manchmal ein überzwercher Gedanke in den Mund. Ich weiß nichts, will nichts wissen und glaube, daß der Schichtmeister Frenzel ein wackerer Mann ist, wie Ihr selbst ihn nanntet.«

»Bis jetzt,« erwiederte der Gelbgießer, »hat seine Gewerkschaft alle Ursach' gehabt, mit ihm zufrieden zu sein, und er gilt allgemein als der tüchtigste Grubenbeamte im ganzen Revier. Aber es ist eine böse Zeit, man darf fast seinem Bruder nicht mehr trauen, und was Ihr da angedeutet, will ich mir hinter die Ohren schreiben.«

»Aber Nachbar Mickley,« sagte der Zinngießer fast ängstlich, »seid doch nicht so wunderlich! Ich habe gar nichts angedeutet, gar nichts. Euer Schichtmeister ist gewiß ein wackerer Mann, kein Mensch kann wider ihn auftreten, auch der Nachbar Kunz nicht. Gewiß, Nachbar Kunz, behauptet Ihr nicht im Ernst, daß es mit den Schichtmeistersleuten so übel stehe, wie Ihr vorhin sagtet.«

»Oh! was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt,« versetzte der Tuchmacher, »wollt Ihr einen kleinen Beweis für meine Worte sehen, so schaut in mein Contobuch, da steht noch ein alter Rest von zehn Thalern, um den ich schon zehnmal umsonst gemahnt habe. Aber jetzt ist meine Geduld zu Ende, und wenn ich morgen mein Geld nicht habe, geht's vor Gericht!«

Das ganze Gespräch war von dem jungen Bergmann, der unter der Brodbänkenthür stand, mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt worden. Mehrmals hatte sein Gesicht den Ausdruck heftigen Unwillens angenommen, und bei den letzten Worten des Tuchmachers geschah dies wieder. Er fuhr hastig in seinen Kittel und zog ein Perlbeutelchen hervor, dessen Inhalt er überzählte. Ach! es war viel, viel zu wenig, um die Schuld seines Vorgesetzten zu decken. Er besann sich aber nicht lange; er steckte seine Börse wieder ein und eilte nach der Spar-Casse. Der Geschäftsführer derselben wunderte sich nicht wenig, daß sein treuester Sparkunde heute Geld entnehmen wollte, statt welches einzulegen; aber es half nichts, er mußte dem drängenden Häuer acht blanke Thaler auszahlen. Mit diesem Zuschuß zu seinem heutigen Lohn verfügte dieser sich nach dem Gewölbe des Gelbgießers, wo die drei Bürger noch immer beisammen standen und jetzt neue Glossen über die Schichtmeisterin machten, die mit ihren zwei ältesten Töchtern in einen Goldschmiedsladen getreten war.

»Ist hier nicht der Meister Kunz?« fragte Ferdinand, zu dem Kleeblatt tretend, nachdem er nicht unterlassen hatte, sein Glückauf! zu bieten.

»Der bin ich,« antwortete der Tuchmacher, »was steht zu Diensten? Ich seh's Ihm an. Er bringt Handgeld – nun Er soll heute einen guten Handel machen.«

»Ich komme blos im Auftrage meines Schichtmeisters,« sagte Ferdinand; »soll Ihnen die zehn Thaler auszahlen, die er noch schuldig ist.«

»So?« versetzte der Tuchmacher; »nun, das ist auch Handgeld, – doch ein Ehrenmann der Herr Schichtmeister; aber es hätte ja noch Zeit gehabt, bis der Herr Schichtmeister wieder etwas gebraucht hätte. Komm Er, ich will Ihm gleich die Quittung schreiben.« Und er nahm den Häuer mit in sein Gewölbe.

»Da habt Ihr's!« sagte der Zinngießer zu dem Gelbgießer: »da hat der Nachbar Kunz auch raisonnirt über den schlechten Zahler; nun ist er doch ein Ehrenmann, und Ihr müßt Euch keinen Floh ins Ohr setzen lassen. Ich für meine Person weiß nichts Unlauteres von Euerm Schichtmeister und alle Welt nennt ihn einen tüchtigen Mann. Ich habe nichts gesagt, behüt' Euch Gott!«

Damit entfernte sich der Zinngießer und ging in die Garküche nach seinem Morgentöpfchen. Der Gelbgießer blieb unter seinem Laden stehen und schaute nach dem des Tuchmachers. Nach einer Weile kam Ferdinand daraus wieder zum Vorschein. »Nochmals meinen gehorsamsten Dank an den Herrn Schichtmeister!« rief ihm der Tuchmacher nach, »und ich lasse mich und mein neu assortirtes Lager bestens empfehlen.«

Ferdinand steckte lächelnd seine Quittung zu dem Rest seiner Baarschaft und wollte sich auf den Heimweg machen. Als er aber an das Gewölbe des Gelbgießers kam, hielt dieser ihn auf und nöthigte ihn hinein. Er holte aus einem Wandschrank einen Teller mit Knackwurst und Brodschnitten, eine Flasche und ein Gläschen, schenkte ein und bat den jungen Häuer, zuzulangen. Dieser nahm ein Brodschnittchen, verschmähte aber den Inhalt des Gläschens, weil er nie Branntwein trinke. Der Gelbgießer nannte dies eine Sonderbarkeit und wollte ihn zu dem echten »Eibenstocker« nöthigen. Aber Ferdinand beharrte bei seiner Weigerung, und als der Gelbgießer einen Grund dafür wissen wollte, sagte er: »Ich halte das Branntweintrinken für eins der Hauptübel der Menschheit.«

»Ja, wenn man den Branntwein säuft,« fiel Meister Mickley ein; »aber ein Gläschen zum Imbiß dient zur Gesundheit.«

»Halten Sie zur Güte, Meister!« erwiederte Ferdinand; »unser Herr Markscheider, der alle Dinge der Natur kennt, soweit Menschen sie erforscht haben, hat uns in der Bergschule klar bewiesen, daß der Branntwein, in was immer für einem Verhältniß genommen, nie von Nutzen für die menschliche Natur sein könne; daß er aber in einiger Menge genossen immer verderblich wirke. Die Säufer, die unter das Vieh herabgesunken sind, haben auch Anfangs nur Gläschen getrunken. Doch selbst der mäßigste Genuß bleibt eine Sünde gegen Gott und Menschen, weil er immer die Mitschuld trägt, daß das, was Gott den Menschen zur Nahrung bestimmt hat, so gut wie unter die Füße getreten wird. Lieber Meister, Sie dulden gewiß nicht, daß auch nur ein Bröcklein Brod in Ihrem Hause muthwillig weggeworfen werde; aber in jedem Glase Schnapps werden ein paar Loth Brod zu nichte gemacht. Bedenken Sie, Meister, wie viel tausend Scheffel Korn und Kartoffeln nur in unserm lieben Gebirge jährlich zu Branntwein verbrannt werden – das ist Brod für viele tausend Menschen. Wahrlich, wenn man sich's recht überlegt, so darf es Einen nicht wundern, wenn der liebe Gott über den Greuel einmal ergrimmt und uns ganz entzieht, was wir so schmählich mißbrauchen.«

»Er ist ja ein halber Pastor!« rief der Gelbgießer aus; »na, so lassen wir den Schnapps! Also Er ist auf der Bergschule – sagte Er nicht?«

»Ich wohne bei meiner Mutter in Pobersdorf und fahre auf dem Vater Abraham an, besuche aber die Bergschule seit zwei Jahren.«

»Und da kommt Er alle Tage anderthalb Stunden weit herein in die Stunden? Das macht jeden Tag drei Stunden Wegs um eine Stunde Unterricht!«

»Was kann es helfen,« erwiederte Ferdinand, »in der Stadt ist theuer leben, dazu reicht das Häuerlohn nicht aus.«

»Und von der Grube wohnt Er auch eine Stunde entfernt; da hat Er täglich einen Marsch von 5 Stunden zu machen. Dazu kommt die saure Grubenschicht von 8 Stunden, das thut 13 Stunden täglich, mit der Schule 14 – da bleibt Ihm ja gar keine Zeit zu einem Ueberwerk!«

»Freilich nicht; – nun, ich richte mich mit meiner Mutter ein, und da wir eigne Herberg haben und eine Kuh im Stall, so kommen wir schon aus. Freilich, der Fleischtopf steht bei uns immer weit vom Feuer, aber dafür hat's uns noch kein Jahr an den lieben Kartoffeln gefehlt. Uebrigens leb' ich mit meinen Kameraden in der guten Hoffnung, daß unsere Herren Gewerken uns bald auch zu einem wenig Fleisch helfen werden, da der Vater Abraham neuerdings so höflich geworden.«

»Höflich?« versetzte Meister Mickley, – »es geht wahrlich an mit der Höflichkeit. Es ist wahr, es hat in den letzten Quartalen einige Ausbeute gesetzt; aber lieber Freund, Er bedenkt wohl nicht, daß wir Gewerken viele Jahre nicht einen Heller von unsern Kuxen gehabt, ja gar einmal Zubuße gezahlt haben.«

»Aber die ist doch gewiß längst reichlich wieder erstattet, und nach meiner Ansicht muß es in der letzten Zeit eine ansehnliche Ausbeute gesetzt haben.«

Der Gelbgießer sah den Sprecher scharf an; dann ging er an sein Schreibpult und brachte ein Schreiben zum Vorschein, welches er dem Knappen vorlegen wollte, aber erst noch einmal zurückzog, indem er den jungen Mann fixirend fragte: »Wie hoch schätzt Er ungefähr die Ausbeute vom Vater Abraham auf das letzte Quartal? Ich will einmal sehen, ob Er schon einen tüchtigen Steiger abgäbe, wenn unser alter Meier bergfertig würde. Er muß wissen, daß ich vier Kuxe baue und im Ausschusse der Gewerken sitze, also ein Wörtlein mitzureden habe, wenn es eine Stelle auf dem Abraham zu besetzen giebt. Ich will einmal sehen, ob Er schon ein wenig Erz zu taxiren versteht. Laß Er hören!«

Der Jüngling sah vor sich nieder. Er mußte sich des Gesprächs der drei Bürger erinnern, namentlich der halben Aeußerung des Zinngießers, die zuerst seinen Unwillen erregt hatte. Offenbar wollte der Gelbgießer ihn aushorchen, und er war im Begriff, eine kurze Antwort zu geben; doch lag auch wieder etwas so Herzliches im Tone des Fragenden, daß Ferdinand das rauhe Wort nicht über die Lippen brachte. Zudem war seine Ehrliebe erregt und, was mehr sagen wollte, ihm eine Aussicht gezeigt worden, die sein höchstes Lebensglück zum Hintergrund hatte. Nach einigem Nachsinnen sagte er: »Mit dem Erzschätzen ohne genaue Probe ist es immer ein unsicheres Ding, – aber nach meinem Dafürhalten kann die Ausbeute im letzten Quartal nicht unter 1300 Species betragen haben.«

»Die Ausbeute?« rief der Gelbgießer. »Er meint wohl den Gesammtwerth des gewonnenen Erzes?«

»Nein, den reinen Ertrag, nach Abzug der Gewinnungskosten und des Zehntens.«

Jetzt schlug der Gelbgießer das Buch auf und hielt es dem Häuer vor das Gesicht: »Da les' Er, was unter Quartal Crucis notirt ist.«

Der Jüngling las die Notiz und schüttelte mit dem Kopfe. »Da hätte ich mich stark verrechnet,« sagte er, das Buch zurückgebend; »blos 5 Species aus den Kux, das thut für alle 128 Kuxe 640 Species, also noch nicht die Hälfte der von mir vermutheten Summe. So stark sollte sich einer, der Steiger werden will, freilich nicht verrechnen!«

»Ob Er sich aber auch nur verrechnet hat?« sagte der Meister. »Er scheint mir einen offenen Kopf zu haben – vielleicht hat Er doch recht gerechnet – he?«

»Sie überzeugen mich ja hier vom Gegentheil,« antwortete Ferdinand.

»Aber die Differenz kann wohl an etwas ganz Anderem liegen, als an Seiner Berechnung? Sei er aufrichtig, junger Freund, es soll Sein Schade nicht sein. – Hat Er keine Vermuthung, auf welche Art die schöne Ausbeute, welche Er der Gewerkschaft zugeschätzt hat, auf weniger als die Hälfte geschwunden sein kann?«

Der Jüngling stand rasch auf. »Meister Mickley!« sagte er, »ich habe Ihnen gleich gesagt, daß Erzschätzen nach dem bloßen Augenschein etwas sehr Unsicheres sei; und wenn Sie anderer Meinung sind, so denken Sie, daß ich noch lange in die Bergschule gehen muß, eh' ich reif bin zum Steiger!«

»Ei, nur nicht so heftig, lieber junger Mann!« bat Mickley, ihn bei der Hand nehmend; »nehm' Er nur wieder Platz, und hör' Er, was ich ihm sagen will.«

Ferdinand aber gab vor, daß er zu Hause nothwendig zu thun habe.

»Nun, so besuch' Er mich ein ander Mal, komm Er doch immer, wenn Er die Bergschule besucht; die ist alle Nachmittage zwischen 3 und 4, da kann Er bei mir sich an einer Tasse Kaffee erquicken; und wenn Er Zeichnenmaterial braucht, das kann Er bei mir auch haben, braucht's nicht in der Buchhandlung zu holen. Wart' Er, ich will Ihm einmal etwas zeigen!« Und er schob sich hinter seinen Ladentisch und brachte verschiedene Reißzeuge zum Vorschein. »Ist Er schon mit einem Reißzeuge versehen?« fragte er.

»Ich habe mich mit einem Zirkel und einem selbstgemachten Transporteur behelfen müssen,« sagte Ferdinand; »ein gutes Reißzeug war mir zu kostspielig.«

Der Gelbgießer öffnete das größte der mit schwarzem Maroquin überzogenen Kästchen und legte es mit seinen aus rothem Sammet hervorblitzenden feinen Instrumenten dem jungen Häuer vor. Dieser wurde von dem Anblick unwiderstehlich gefesselt. Ein so kostbares Reißzeug hatte er selbst bei seinem Markscheider nicht gesehen. Stumm stand er darüber gebeugt und wagte kaum Athem zu holen, damit sein Hauch das funkelnde Metall nicht erblinden mache.

»Ist das wohl vollständig?« fragte Mickley; »gefällt es Ihm?«

»Wem wollte das nicht gefallen?« sagte Ferdinand; »wer die edle Mathematik treibt, der muß daran seine Freude haben. Aber es gehört wohl ein guter Beutel dazu, einen solchen Schatz zu besitzen?«

»Manchmal hilft auch ein gutes, ehrliches Gesicht dazu,« sagte der Bürger. »Ich weiß nicht, Er hat mir´s angethan. Ich will Ihm was sagen: Das Ding steht seit Jahren hier, und kein Mensch kauft es. Alles behilft sich mit billigen Kästen, den Zimmer- und Maurermeistern kommt's nicht darauf an, ob der Transporteur keinen Grad richtig zeigt, oder das Winkelmaß auf 89 Grad steht statt auf 90, und den Bergschülern fehlt's am Besten. Ich will aber das Ding einmal los sein, ehe es verrostet. Nehm´ Er es als eine kleine Aufmunterung zu rechtem Fleiße, damit wir wieder einen tüchtigen Steiger bekommen, wenn der alte Meier bergfertig wird.«

Ferdinand wollte zwar ein so kostbares Geschenk nicht nehmen, aber der Gelbgießer wußte es ihm aufzureden. Als wär´ er in den Besitz eines Königreichs gekommen, so froh verließ er das Gewölbe. Draußen stieß er auf Brunhild, die älteste Tochter seines Schichtmeisters aus dessen zweiter Ehe. Er bot dem schönen, eleganten Mädchen sein Glückauf und wollte vorübergehen; aber sie hielt ihn freundlich an. »Haben Sie meinen Vater nicht gesehen, Herr Bergner?« fragte sie. »Oh, zum Herrn fehlt mir viel, Fräulein Brunhild,« erwiederte er, »Ihren Vater vermuth' ich beim Herrn Markscheider.« »Gut, ich danke,« sagte sie, »und nicht wahr, Sie thun mir einen Gefallen?« – »Zwei für einen,« sagte er, »befehlen Sie nur!« – »Sie machen sich wohl aus einem kleinen Umweg nichts, wenn er über den Vater Abraham führt?« sprach sie mit einem feinen Lächeln, »wollen Sie nicht unserer Hedwig sagen, sie möchte der Mutter ihr neues Barégekleid schicken und nicht auf die Eltern mit dem Essen warten; wir sind Alle zu Landgraf's zu Tisch und zu einer Soiree bei Neuhoff´s geladen; es kann Mitternacht werden, eh´ die Eltern heimkommen. Grüßen Sie die gute Hedwig von mir – und hier, wollten Sie ihr wohl das Stückchen Apfeltorte von mir bringen?«

Ferdinand übernahm den Auftrag mit herzlicher Freude, und das schöne Mädchen nahm freundlich Abschied. »Die hat doch ein Herz,« sagte der Häuer ihr nachblickend; »das hat sie von ihrem Vater, und die Mutter hat es nicht verwüsten können. Gott segne sie!« – Nun lenkte er seinen Schritt dem Thore zu.

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