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Erzgebirgische Geschichten. Erster Band

Elfrid von Taura: Erzgebirgische Geschichten. Erster Band - Kapitel 6
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authorElfrid von Taura
titleErzgebirgische Geschichten. Erster Band
publisherCarl Rümpler
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5.

Der Leser muß nicht glauben, daß es das Vergehen des Bretschneiders war, was sie verachteten und weshalb sie ihn von ihren Thüren scheuchten, – o da waren wohl wenige unter den wohlehrsamen Begüterten von Königswald ganz rein geschoren, so Mancher hatte dann und wann ein Stämmchen aus dem königlichen Forst geholt, ohne daß das Stempeleisen des Forstmeisters es berührt hatte; aber sie hatten es fein schlau angefangen und waren glücklich mit ihrer Beute weggekommen. Vor der Welt waren sie ehrliche Leute, so meinten sie, daß sie es wirklich wären, und glaubten von ihrer Ehrlichkeit keinen bessern Beweis liefern zu können, als wenn sie jeden wegen einer unehrlichen Handlung Bestraften recht sichtlich verachteten.

Leser – glaubst du nicht, daß solche Erfahrungen in solcher Lage einen Menschen zur Verzweiflung treiben, oder doch »die Milch der frommen Denkart in gährend Drachengift verwandeln« können? Bei unserm Fritz war es nahe daran, daß das Eine oder Andere geschah, nur Kordel's immer gleiche Sanftmuth und Freundlichkeit verhinderte, daß das so reichlich in ihm erzeugte Gift nicht alsbald seinen ganzen edleren Menschen vernichtete. Aber daß er durch alle die fehlgeschlagenen Hoffnungen und vergeblichen Anstrengungen, ein ehrlich Unterkommen zu finden, täglich schwermüthiger gemacht wurde, konnte sie nicht hindern. Das schmerzte sie und begann dem Wurm, der an ihrer Gesundheit nagte, neue Nahrung zu geben. Endlich konnte sie nicht länger an sich halten und ein Gedanke, der gleich nach seinen ersten vergeblichen Gängen in ihr aufgetaucht war, brach sich unwiderstehlich Bahn.

»Fritz!« sprach sie etwas rascher als gewöhnlich, »Sie handeln unrecht an sich selbst. Was ärgern Sie sich so ab mit den unvernünftigen Leuten? Was sorgen und quälen Sie sich so um ein Unterkommen unter ihnen? Habe ich nicht genug für uns alle Drei? – Lassen Sie mich ausreden! – Ihre Hand! Sehen Sie den unschuldigen Wurm da – er hat keinen Vater – wer weiß, ob nicht bald auch keine Mutter.«

Hier wurde sie roth und stockte; Fritz aber fiel ihr in die Rede und bat sie, nicht solche Gedanken zu hegen.

»Man muß auf Alles gefaßt sein – ja, lieber Fritz! – mir ist, als werde ich nicht lange mehr für das arme Kind sorgen können. Dieser Husten – meine abnehmenden Kräfte – Fritz! soll ich, wenn der Herr mich abruft, das Kind als Waise zurücklassen?«

»O wäre ich nicht, was ich bin!« rief Fritz gramvoll aus, »so sagte ich, ich will sein Vater sein!«

»Ist es das und immer nur das?« erwiederte Kordel. »Wenn Sie mich auch nicht mehr lieben, wie einst, wenn ich auch nicht werth bin, Ihre Frau zu sein, so – ich flehe Sie an – werden Sie diesem verwaisten Wesen ein Vater!«

»Versteh' ich Sie recht?« stammelte Fritz von einem heiligen Freudenschauer durchbebt. »Wollen Sie mich?«

»Zum Vater meines Kindes machen,« sprach sie mit hohem Erröthen, seine Hand an ihr Herz drückend.

»Aber bedenken Sie, ich bin ein Ausgestoßener.«

»Und was bin ich? Wir tragen das gleiche Loos – die ehrbaren Leute stoßen mich wie Sie von sich – so lassen Sie uns gemeinsam tragen, was uns der Himmel aufgelegt hat! Zum Glück haben wir genug, um die hartherzige Gesellschaft allenfalls entbehren zu können. Wir können einen Handel anfangen – gewiß, Gott wird uns helfen, wenn wir zufrieden sind und fortan auf seinen Wegen wandeln. Wollen Sie?«

»Ob ich will? O du mein einziger Trost im Leben! Ich habe ja nie aufgehört, dich zu lieben und ich dachte mir es seit dem Augenblicke, da ich dein Unglück erfuhr, als das höchste Glück, für dich und dein Kind sorgen zu können. Wenn du mich nicht verschmähst, so will ich deinem Kinde ein treuer Vater sein.«

Da schlang Kordel weinend ihre Arme um seinen Hals – seine Thränen mischten sich mit den ihrigen, und der Engel, der den Schlummer des kleinen Knaben hütete, war Zeuge ihrer Verlobung.

Sechs Wochen später wurden sie getraut. Hochzeitgepränge, Schmaus und Tanz gab es freilich nicht dabei; ihr einziger Hochzeitsgast »bei einem Gericht Gerngesehen« war der Kadenlieb. Dem ging es bei den Königswalder Pharisäern natürlich auch nicht besser oder vielmehr noch schlimmer, als dem Bretschneiderfritz, aber er machte sich nicht viel aus den »Dickköpfen«, wie er sie nannte, und Arbeit und Brod mußte ihm der Müller schaffen.

Hätte Fritz nur einen Theil von dem leichten Sinn seines Schicksalsgenossen gehabt, so hätte er sich in seiner neuen Lage recht zufrieden fühlen mögen. Eine Zeitlang schien es auch, als ob er mit seinem Geschicke ausgesöhnt sei. Es gab vor und nach der Hochzeit vollauf für ihn zu thun: die Hafer- und Kartoffelnernte und andere Feldarbeit, verschiedene Reparaturen im Hause und an den Wirthschaftsgeräthen beschäftigten ihn mehrere Wochen lang recht gehörig, und da sein Weib immer mit einem Lächeln, einem zärtlichen Worte bei der Hand war, so vermißte er die Liebe und Achtung der Welt nicht. Dazu kam, daß Kordel sich merklich zu erholen schien, sie bekam ein frischeres Aussehen, als sie bisher gehabt hatte, und Fritz schöpfte daraus Hoffnung für ihre völlige Wiederherstellung. Auch die Zuneigung, womit der kleine Fritz sich an ihn gewöhnte, war eine Quelle der Freude und des Trostes für ihn. Als aber die Arbeit in Feld und Haus nachließ und der müssigen Stunden zu viele für ihn kamen, wollte ihn der alte Mißmuth wieder beschleichen. Es kränkte ihn doch, daß er sein Gewerbe nicht ausüben konnte; auch daß er unter polizeilicher Aufsicht stand, keine Ehrenrechte in Gemeinde und Staat besaß und von seinen Mitbürgern verachtet war, konnte er nicht verschmerzen. Er gerieth auf den Gedanken, sich selbst eine Bretmühle zu bauen, statt einen Handel anzulegen, und Kordel willigte mit Freuden ein. Sie kündigte ihr Kapital und machte ihm zu seinem Geburtstage, welcher im December fiel, ein Angebinde damit.

Fritz lebte wieder etwas auf, da er nun einen sicheren Weg zu Arbeit und Verdienst vor sich sah. Er suchte und fand bald einen geeigneten Platz zu einer Schneidemühle an einem wasserreichen Nebenbach des Pohlwassers. Da er aber mit dem Bau vor dem nächsten Frühjahr nicht beginnen konnte und auch zur Holzanfuhr die jetzige Zeit noch nicht günstig war, so trug er das Kapital, um es nicht nutzlos daliegen zu lassen, nach Annaberg zu einem Kaufmann, der zugleich Bankiergeschäfte trieb. Vierzehn Tage später erhielt er die Schreckensnachricht, daß der Kaufmann Bankerott gemacht habe und Fritzens Geld verloren sei.

Das war ein furchtbarer Schlag für unser Paar; Fritz wollte sich nicht darüber zufrieden geben und jammerte immerfort: »Das arme Kind! das arme Kind!« Kordel, die den Verlust eher zu verschmerzen schien, suchte ihn zu trösten, doch gelang es ihr nur unvollkommen. »Wer weiß, wie der liebe Gott auf andere Weise für das Kind sorgt,« sagte sie, wenn Fritz so wehklagte.

Sie hatte Recht – der liebe Gott sorgte bald für das Kind, daß es das Geld entbehren konnte – er nahm es zu sich; das Scharlachfieber raffte es weg.

Das war kurz nach Weihnachten, – am Aschermittwoch senkten sie neben der Hülle des Kindes die seiner Mutter ein. Die Auszehrung, welche ihr der Gram über die Treulosigkeit ihres Verführers, noch mehr aber über die Kränkungen, die sie von den Königswaldern erdulden mußte, zugezogen hatte, war nach dem Tode ihres Knaben plötzlich in ein entschiedeneres Stadium übergetreten. Ruhig und ergeben sah sie ihr Ende herannahen und sanft, wie sie in der letzten Zeit gelebt, schlummerte sie hinüber.

Mit ihr erlosch aller Glanz aus dem Leben des armen Fritz; er schleppte es fortan als eine finstere und bleierne Last mit sich herum. Seine Heimathgenossen fingen allgemach an, mit dem hart Geschlagenen einiges Mitleid zu fühlen, sie zeigten sich freundlicher gegen ihn und boten ihm Arbeit an, aber er mochte nichts mehr von ihnen wissen. Sie waren vornehmlich schuld an dem Tode seines Weibes – dies konnte er ihnen nicht verzeihen, wenn er ihnen auch die eigene Schmach verziehen hätte. Er schloß sich völlig von ihnen ab; außer dem Kadenlieb pflog er mit keinem lebendigen Menschen Umgang – sein Herz war bei den Todten und ihrer Wohnstätte galten seine Besuche. Ihm war am wohlsten, wenn er zwischen seinen Gräbern weilen, oder doch nahe bei der Kirchhofmauer so sitzen konnte, daß er die Kreuze darauf sah. Kordel's Kreuz war allezeit frisch bekränzt. Eine Ziege, die sie aufgezogen und so an sich gewöhnt hatte, daß sie ihr überall hin folgte wie ein Hund, trug diese Anhänglichkeit bald auf ihren trauernden Herrn über, sie war immer bei ihm, wenn er seines traurigen Kultus pflog. So hat er es zwei Sommer getrieben.

Am zweiten Jahrestage von Kordel's Tode brach in Königswald ein Feuer aus, welches bei dem starken Winde, der gerade wehte, für den größten Theil des Ortes verderblich zu werden drohte. Fritz eilte zum Löschen; es war das erste Mal, daß er sich wieder unter seine Mitbürger mischte, von denen es ihm keiner an entschlossener Thätigkeit gleich that, obschon die meisten tüchtig zugriffen. Leider war die Löschanstalt nicht im besten Stande und noch dazu schlecht geleitet. Fritz sah die Nothwendigkeit des Niederreißens zweier Gebäude ein, um das Fortschreiten der Flamme, die bereits ein zweites Haus ergriffen hatte, zu hemmen. Der Richter, welcher Feuer-Commissarius war, widersetzte sich Fritzens Rath und ordnete an, alle Thätigkeit auf das Löschen der brennenden Gebäude zu verwenden. Fritz, von der Nutzlosigkeit dieser Anstrengung überzeugt, rief nun die Hülfeleistenden auf, ihm mit dem erforderlichen Geräthe zu folgen und zum Niederreißen der bezeichneten Gebäude zu schreiten. Alle Einsichtigen folgten seinem Rufe; dadurch wurde der Richter in Wuth versetzt, er stürzte auf den Bretschneiderfritz los, packte ihn bei der Brust und schrie:

»Was will Er hier? Commandiren? Aufwiegeln? Weiß Er, was Er ist? Er hat gar kein Recht in der Gemeinde; nicht ein Wort hat Er zu sagen! Unter meiner Aufsicht steht Er, und ich kann Ihn ohne Weiteres ins Loch sperren lassen.«

Fritz erwiederte kein Wort – er vermochte keins hervorzubringen. Er wandte seinen Blick nach Oben und ging zu sehen, wo er sonst helfen konnte. Das zuerst in Brand gerathene Haus gehörte einer armen Wittwe. Sie hatte nur wenig von ihrer Habe zu retten vermocht, und Niemand getraute sich mehr in das über und über brennende Gebäude, um noch Etwas herauszuholen.

»Helft mir doch wenigstens meine Ziege retten!« rief die jammervolle Wittwe aus; »hört doch, wie das arme Thier schreit!« Damit wollte sie in das Haus; doch Fritz, der eben hinzutrat, ergriff sie, schleuderte sie zurück und eilte selbst in das Gebäude, eh' Andere ihn zurückzuhalten vermochten. Es mag Manchem tollkühn erscheinen, um einer Ziege willen ein Menschenleben zu wagen, aber Fritz wußte, was einem verlassenen Menschen solch' ein Stück Vieh sein kann, und die Wittwe war verlassen wie er – und was galt ihm sein Leben? Es gelang ihm wirklich, das Thier zu retten, ein Freudenruf entrang sich mancher beklommenen Brust, als er sich wieder unter der Thür zeigte. Schon war er fast aus dem Bereiche der fürchterlichen Gefahr, als plötzlich ein brennender Sparren niederstürzte und ihn zu Boden streckte. Der eben herbeigeeilte Kadenlieb trug ihn für todt in sein Haus; schnelle ärztliche Hülfe rief ihn jedoch wieder ins Leben. Der Arzt hoffte ihn zu retten, obschon seine Brust schwer verletzt war. Fritz wünschte blos, von den Menschen errettet zu sein und sein Wunsch ging in Erfüllung. Ein heftiger Blutsturz bahnte seiner Seele den Ausweg aus ihrem vergänglichen Gefäß. Der Kadenlieb, welcher nicht von seinem Bette wich und ihn wie ein Bruder pflegte, wurde sein Erbe.

Der macht' es gescheidt – als der Frühling ins Land kam, bepflanzt' er die Gräber seiner Freunde mit Veilchen und Immergrün, verkaufte Haus und Feld, gab dem Todtengräber ein Sümmchen, damit er die Gräber wohl pflege, und ging mit dem Rest nach Amerika.

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