Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Elfrid von Taura >

Erzgebirgische Geschichten. Erster Band

Elfrid von Taura: Erzgebirgische Geschichten. Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/taura/erzgebi1/erzgebi1.xml
typenovelette
authorElfrid von Taura
titleErzgebirgische Geschichten. Erster Band
publisherCarl Rümpler
year1858
correctorJosef Muehlgasner
senderwww.gaga.net
created20130118
projectidc9c19ca5
Schließen

Navigation:

I. Bretschneiderfritz

1.

Hoch auf dem Plateau des Erzgebirges, in der nordöstlichen Nachbarschaft des Keilberges, erhebt sich, weit nach Mitternacht und Morgen sichtbar, die rautenförmige Basaltkegelgruppe des Bärenstein, Scheibenberg, Pöhlberg und Haßberg. Es ist ein Raum von wenig Geviertstunden, den sie umschließt, aber ein Raum voll landschaftlicher und menschlicher Contraste. Die üppigsten Wiesengründe wechseln mit kahlen Bergkuppen und hochgethürmten Felsen, die herrlichsten Tannenwälder mit den traurigsten Torfmooren, die belebtesten, von bienenfleißigen Menschen wimmelnden Gegenden mit menschenleeren Wüstungen und die abgeschliffensten, auf der Höhe der Civilisation stehenden Stadtbewohner mit Gemeinden, die noch um Jahrzehente hinter jenen zurück sind. Tiefer als die Kluft, welche die Gegensätze der Bildung scheidet, kann das tiefe Thal nicht sein, welches die ganze Fläche in zwei Hälften scheidet, eine östliche und westliche. Aber von welchen Gegensätzen wüßte der Bach zu erzählen, der das Thal bald sanft, bald wild durchströmt, wenn wir ihn fragen wollten! Es genügt hier zu wissen, daß er in seinem obern Lauf die Grenze zweier Staaten und zweier Kirchengebiete bildet, daß er anfangs durch ein flaches Wiesenthal, dann durch ein enges, tiefes, felsiges Waldthal und endlich durch das tiefe und weite Thal von Königswald fließt. Da wo der schöne Bach die Grenze eines der augenfälligsten landwirthschaftlichen Contraste überschreitet, an der untern Oeffnung des erwähnten Waldthales, bespült er den Garten einer Försterei und treibt unterhalb derselben eine Mahl- und Sägmühle, oder, wie man hierzuland sagt, Bretmühle.

Es wird mir weh ums Herz, so oft ich an diese Bretmühle denke. Denn immer muß ich da auch an den armen Bretschneiderfritz denken, der einst dort lebte und, wiewohl er fast nie aus dem Thal gekommen, mehr erlebte als manches Menschenkind, das die halbe Welt am Wanderstabe durchmessen.

Wenn ich so um zwanzig Jahre in meiner Erinnerung zurückgehe, was war da der Bretschneiderfritz von Königswald für ein Mann! Alt und Jung hatte ihn gern und ehrte ihn als Einen, der sein Fach verstand und auch noch etwas mehr, der dabei ein rechtschaffen Stück Geld verdiente und »lebte und leben ließ.« Zwar der Förster drüben über dem Bach war nicht ganz gleicher Meinung mit den Königswaldern, denn er hatte den Fritz im Verdacht, daß er um die schönen Stämme und Klötze wisse, die von Zeit zu Zeit aus dem Theile des Reviers verschwanden, welcher mit dem Pöhlwasser zunächst der Bretmühle »raint«. Er konnte jedoch nichts auf ihn bringen, und so blieb Fritzens Ansehen bei den Königswaldern ungeschmälert. Er war kein Jüngling mehr, denn er hatte bereits in den Zwanzigern nichts mehr zu suchen, doch war er noch immer ein Junggeselle. Nicht als ob es ihm an Gelegenheit zum »Freien« gefehlt hätte! In Königswald mangelt es so wenig als anderwärts an heirathslustigen Jungfern, und da der Fritz ein »feiner Bursch« war, so hätte mehr als eine und nicht die schlechteste mit beiden Händen zugegriffen, wen er gesagt hätte: »Nimm mich!« Aber unser Fritz war ein wenig wählerisch und zuletzt gab es nur Eine in Königswald, der er Herz und Hand schenken mochte, das war Kordel, die Mündel seines Brodherrn, des Müllers.

Da hatte es nun so seinen besondern Haken, daß Fritz mit seinem Werben nicht recht vom Flecke kam. Nicht als ob er dem Mädchen nicht angestanden hätte, im Gegentheil, sie hatte deß vor ihren Freundinnen gar keinen Hehl, daß sie den Fritz gern habe; aber dieser war so bis über die Ohren in sie verliebt, daß er nicht wußte, wie er an sie kommen sollte. Das Mädchen hatte so sein eigenes Köpfchen, was sie von allen schönen Königswalderinnen unterschied: wie sie immer etwas Apartes vor diesen haben mußte, sei es nun an ihren Kleidern oder in der Art, wie sie das üppige kastanienbraune Haar scheitelte und aufsteckte, so wollte sie auch von den Männern anders genommen sein, wie jene, namentlich wollte sie dem Mann ihrer Wahl keinen Schritt entgegengehen, woran es die andern jungen Königswalderinnen keineswegs fehlen ließen. Dem Bretschneiderfritz machte Kordel's zurückhaltendes Wesen viel Herzensnoth, und in dieser verfiel er auf einen Weg, auf den er am allerwenigsten hätte verfallen sollen: er entdeckte sich dem Müller und bat ihn um seine Fürsprache. Der Müller sagte ihm ihre Hand ohne Weiteres zu, gerade als ob er als Vormund nur so mir nichts dir nichts über ein freies Menschenwesen hätte verfügen dürfen. Es war ihm indeß mit seiner Zusage gar nicht so ernst, wie er that, wenigstens schob er ihre Erfüllung auf die lange Bank, und das war Fritzens Unglück.

In Königswald hieß es schon lange, daß Fritz und Kordel auf dem Punkte ständen, ein Paar zu werden; da fehlte es denn wie gewöhnlich nicht an spitziger Neckerei, noch an neidischer Afterrede. Wäre das Gerücht wahr gewesen, so hätte sich Kordel aus Beidem nichts gemacht, aber da die Sache noch im weiten Felde stand, Fritz noch kein Sterbenswörtchen von Liebe und Heirath zu ihr gesagt hatte, so verdroß es sie, so »in der Leute Mäuler herumzugehen«, und sie wurde dem Fritz fast böse, daß er das Gerücht vom Brautstand veranlaßt und doch nicht wahr machte. Als es ihr gar zu bunt ward, meinte sie, sie wolle dem Gerede bald ein Ende machen; es müsse ja der Fritz nicht sein; es gäbe der Bursche noch genug in der Welt, und der erste Beste, der sie haben wolle, und der ihr gefalle, solle sie heimholen. – »Ja« – mußte sie aber dann lächelnd einwenden – »wenn nur erst Einer käme, so »fein wie der Fritz« oder »noch a Bissel feiner.« – »Je nun« – raisonnirte der Trotzkopf, sich stolz in die Höhe werfend, weiter – »wer weiß, es kann morgen Einer kommen.«

Es war eines Sonntags, als sie aus der Kirche kam, wo sie dieses Selbstgespräch hielt, und sie war dazu durch die Neckerei ihrer Freundinnen auf dem Kirchhof veranlaßt worden. Ihr Weg führte sie an ihrem von den Eltern ererbten Häuschen vorüber, welches jetzt eine alte Muhme bewohnte, die als Sibylle von Königswald bei allen jungen Mädchen, verliebten Burschen, wie lottospielenden Weibern und Männern des Ortes in hohem Ansehen stand. Kordel fand sich bei den letzten Worten ihres Selbstgesprächs gerade vor ihrem Besitzthum; was war bei der Richtung ihrer Gedanken natürlicher, als daß sie hineinging, die »Muhme Beate« zu fragen, was für ein Mann ihr beschieden wäre. Die Alte empfing ihre jugendliche Hauswirthin mit zuvorkommender Dienstwilligkeit – ihr sibyllinisches Buch aus zweiunddreißig Blättern lag auf dem Tisch, eh' Kordel ihren Wunsch noch ausgesprochen hatte. Richtig! da war es ja ganz offenbar: ihr war »ein junger, schöner Herr in einem grünen Rock« beschieden, nicht aus Königswald, sondern weit, weit her – aus Leipzig oder Dresden, wo nicht gar aus Bautzen;« er war bereits unterwegs und eh' drei Tage vergingen, konnte sie ihn schon gesehen haben.

Es soll mich wundern, wenn Kordel an diesem Abend so geschwind eingeschlafen ist, wie sonst, und wenn sie nicht von dem Grünrock geträumt hat. Der Montag verging, ohne daß er ihr den Verheißenen vor die Augen brachte, so oft sie auch zum Fenster hinaussah oder sich im Hofe, im Garten und auf der Wiese zu thun machte. Aber sonderbar – Abends beim Essen erzählte der Müller, daß beim Förster drüben ein neuer Gehülfe angekommen sei, ein »kreuzfideler Kauz«, mit dem er auf dem Weiperter Blechhammer einen so vergnügten Nachmittag zugebracht habe, wie lange keinen. Kordel wurde roth bis in den Nacken, und diese Nacht träumte sie wirklich von einem Grünrock.

Am andern Morgen litt es sie nicht im Hause; kaum hatte sie ihren Kaffee getrunken, so nahm sie Sense und »Wetzkitze« und eilte auf die Wiese, die der Pöhlbach vom Garten des Försters trennte, dort zu mähen. Denn der Müller hielt sie nicht zum Staat in seinem Hause, sondern ließ sie ihr Brod ordentlich verdienen. Sie hatte kaum zwei Schwaden nieder, da horch! – so etwas hatte sie noch nie gehört, – aus dem offenen Giebelfenster des Forsthauses sang eine Tenorstimme, gegen welche die des Kantors nur heiseres Gekrächze war, das schöne Lied: »Es blies ein Jäger wohl in sein Horn – trarah – trarah – trarah etc.« Das Mädchen vergaß gar das Mähen über den wunderholden Tönen, und die Empfindungen, welche Text und Melodie athmen, strömten in solchen Schauern durch ihre Brust, daß diese das fesselnde Mieder zu zersprengen drohte.

Auch den Bretschneider lockte der ungewohnte Sang an sein Fensterlein, das nach dieser Seite herausgeht, und wie ihm wurde, als er sein Lieb nur fünfzig Schritte von dem Forsthause auf ihre Sense gelehnt in Zuhören versunken sah, das will ich Niemand sagen. Aber es sollt' ihm noch schlimmer werden. Denn das Lied war kaum zu Ende und Kordel hatte kaum die Sense wieder in Bewegung gesetzt, da kommt ein schlanker grünrockiger Gesell mit fliegenden schwarzen Locken zum Forsthause heraus, setzt wie ein Hirsch über den Bach und ist wie der Blitz an Kordel's Seite.

»Guten Morgen, Jungfer Nachbarin!« grüßte der Wildfang. – »So schöne Gelegenheit, Unterricht in der Landwirthschaft zu erhalten, finde ich im Leben nicht wieder; da muß ich gleich Stunde nehmen. Ich bitte!« Und damit nimmt er die Sense aus der Hand des erglühenden und bebenden Mädchens.

»Ach, verzeihen Sie!« fährt er zu sprechen fort. – »Ich habe Sie erschreckt – dictiren Sie mir welche Strafe Sie wollen, und zürnen Sie mir nicht!«

»Geben Sie mir meine Sense!« stammelte das verlegene Kind.

»Warten Sie nur einen Augenblick versetzte der kecke Mensch. – »Wenn Sie mir böse sind, so muß ich Ihren Vater, das fidele Haus, rufen, daß er meinen Advocaten bei Ihnen mache.«

»Der Müller ist nicht mein Vater«, versetzte sie, »sondern nur mein Vormund.«

»So vertritt mein alter Freund von gestern also doch Vaterstelle bei Ihnen. Wie ist es, muß ich mir seinen Beistand erbitten, oder verzeihen Sie mir so?«

»Ich habe ja nichts zu verzeihen.«

»Wohlan, Ihre Hand! O welche allerliebste kleine Hand! Man sollte nicht meinen, daß sie solche Arbeit verrichten könnte.«

»O Sie sollen gleich sehen, ob sie's kann; geben Sie mir nur die Sense!«

Er behielt sie jedoch und schickte sich an, eine Schwade zu hauen.

»Um Gotteswillen!« schrie das Mädchen, ihm in den Arm fallend, »so hauen Sie sich ja die Zehen weg.« Und nun nahm sie die Sense und zeigte ihm, wie man sie führen müsse.

Dem Allen mußte der gute Bretschneider von seiner Bretmühle aus zusehen, und ihm war, als ob die kreischende Säge hinter ihm mitten durch sein Herz schnitt. Jetzt – das sah er ein – war es die höchste Zeit, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, sonst war es für ihn verloren. Er eilte stracks hinüber in die Mühle, um mit seinem Herrn ein ernstes Wort über die Heirathsangelegenheit zu reden. Leider war der Müller ausgegangen und Fritz mußte sich gedulden bis Mittag. Als er wieder über den Hof ging, begegnete ihm die von der Wiese zurückkommende Kordel. Er sah sie mit einem traurigen und doch so innigen Blick an, daß er ihr durch die Seele drang. Jetzt hätte er dreist sein und sein ganzes Herz vor ihr bloß legen sollen; gewiß, sie hätte ihm nicht widerstanden, und wenn sie einmal Ja gesagt, da wäre sie ihm auch treu geblieben, und es wäre ganz anders geworden mit dem armen Fritz – aber auch mit ihr. Allein er seufzte blos, und ging zu seiner Säge – mit der konnte er um die Wette seufzen.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.