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Erzgebirgische Geschichten. Erster Band

Elfrid von Taura: Erzgebirgische Geschichten. Erster Band - Kapitel 19
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authorElfrid von Taura
titleErzgebirgische Geschichten. Erster Band
publisherCarl Rümpler
year1858
correctorJosef Muehlgasner
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5.

Nie war der Gimpelkönig seinen Angehörigen milder erschienen, als am heutigen Tage. Nicht ein einzigesmal ließ er sich als Topfgucker betreffen, nicht ein einzigesmal keifte er um ein Nichts. Der wackern Hausfrau widerfuhr das Unglück, daß »der Götzen« in der Röhre anbrannte – wenn es nun nichts setzt, dachte sie, so geht ein Wunder vor! Aber der gestrenge Hausherr verlor kein Wort darum, er setzte sich zu Tische und verschlang seinen Götzen sammt der verbrannten Rinde in schweigsamer Hast. Das frohe Staunen der Frau und Kinder war groß.

Eben so groß, aber minder froh war Hannchens Staunen, als nach dem Essen der Alte sie ersuchte, sich fertig zu machen, daß sie mit ihm auf den Vogelherd gehen könne. Was sollte sie auf dem Vogelherd? Sollte sie an einem Geschäft sich betheiligen, das ihr Heinrich sie als ein Unrecht verabscheuen gelehrt? Sie machte Ausflüchte, aber umsonst; sie mußte sich entschließen, und ihre Mutter, von Lobel gestimmt, forderte sie selbst auf, diesmal dem Vater zu willfahren. »Nimm Dein Handkörbchen mit!« befahl er beim Fortgehen, und dem nachkommend, trat sie an seiner Seite den Gang an. Aber statt nach dem Gemeindeholz, wo der väterliche Vogelherd stand, ging es nach dem Hammerwalde. »Dort ist ja nicht Dein Vogelherd!« sagte sie stehen bleibend.

»Komm nur!« erwiederte er, »wir machen einen Umweg; dort giebt's viel Beeren, die mir fehlen, die wollen wir mitnehmen.« Und sie schritten weiter. »Hannel!« sagte er bald darauf im sanftesten Tone, dessen er den Seinen gegenüber nur fähig war, »Hannel, Du mußt mir einen Gefallen thun – wer weiß, ob ich Dir nicht auch einen thun kann.«

Hannchen, die einer solchen Sprache aus dem Munde ihres Erzeugers gar nicht mehr gewohnt war, fühlte sich ganz gerührt dadurch und sagte: »Ich bin Dir ja immer folgsam gewesen – nur wegen des Kunz-Karl-Fried war mir's unmöglich. Dir zu gehorchen – ach, Vater! dringe mir doch diesen Menschen nicht weiter auf! ich will auch Alles thun, was Du nur willst.«

»Gut, Du sollst Deinen Willen haben, wenn Du den Kunz nun einmal nicht leiden kannst – aber laß mich nun auch meinen Willen haben.«

»Nun?« fragte Hannchen mit erleichtertem Herzen.

»Geh – hm – je nun – Du sollst mit Deinem Körbchen hinübergehen nach des Sacher Heinrichs Vogelherd – siehst Du, dort in der Telle liegt er – Dort wirst Du viel Lockbeeren finden – davon sollst Du mir ein Körbchen voll holen.«

»Die Beeren sind aber ja nicht unser.«

»Das weiß ich wohl – sie sind dem Sacher – aber ich muß die Beeren haben – wenn Du mir sie nicht holst, so nehm' ich mein Wort zurück und Du mußt den Kunz-Karl-Fried doch heirathen!«

Hannchen schrak zusammen. Sie hatte als einfaches gebirgisches Landmädchen keinen rechten Begriff von der Ausdehnung der väterlichen Gewalt, daher zitterte sie bei dem Gedanken, daß ihr Vater sie wohl am Ende ebenso gut zu einer Heirath mit dem ihr verhaßten Bewerber zwingen, als er seine Einwilligung zur Verbindung mit dem Geliebten verweigern konnte. In der Angst ihres Herzens gehorchte sie ohne Weiteres. Ihr Vater versicherte, daß sie nicht zu fürchten brauche, erwischt zu werden, da der Eigner des Herdes erst vor einer Stunde heimgegangen sei, schärfte ihr noch Rußbuttenlobels Anweisungen ein und entließ sie mit den Worten: »Ich verberge mich hier im Gebüsch und erwarte Dich.«

Die Entfernung des Sacherschen Vogelherdes von besagtem Gebüsch betrug nur zehn Minuten, in spätestens einer halben Stunde mußte Hannchen mit dem Raube zurück sein. Allein es vergingen Dreiviertelstunden und die Abgesandte ließ sich nicht wiedersehen. Der Alte harrte in fieberhafter Aufregung – an dem glücklichen Erfolge des Unternehmens hing sein Ruf, seine Ruhe, das Glück seiner Tage, wie er wähnte. Von Minute zu Minute steigerte sich diese Erregung. Er trat von Zeit zu Zeit aus seinem Versteck und spähete nach der Gegend des Vogelherdes hinüber – aber Hannchen zeigte sich nicht. Endlich übermannte ihn die Unruhe seines Herzens – es litt ihn nicht mehr auf dem Platze – er mußte sehen, was aus dem Mädchen geworden. Er zog sich in dem Gebüsche, das den Hammerwald säumte, langsam und vorsichtig nach dem Vogelherde hin. Jeden Augenblick, wenn ein Vogel im Gebüsch sich regte, glaubte er, die Tochter käme, aber er fand sich allemal getäuscht. So gelangte er in die Nähe des Herdes. Keine Spur von einem Menschen rings zu sehen. Er kroch auf allen Vieren nah an die Einfriedigung – es war so still hier wie auf dem Friedhofe. Nur dann und wann drang das Pfeifen eines Lockvogels aus der Reisighütte des Vogelherdes. Sollte Hannchen etwa da drinnen und eingeschlafen sein? Er schlich sich hinan – es war, als vernähme er ein Flüstern und Murmeln – er bog einige Zweige zurück, um ein Guckloch zu erhalten – Himmel! welch ein Schauspiel öffnete sich da seinen Blicken! Da saß sie, die Pflichtvergessene, in den Armen ihres Buhlen; vor ihr stand das Körbchen, halb gefüllt mit Beertrauben, während eine Menge dergleichen auf Heinrichs Schooß lag. Andere hielt er in seiner Linken – aber was that er damit? Er zählte die Beeren daran – »fünfundzwanzig,« schloß er halblaut – »also weiter, mein Kind! fünfundzwanzig Küsse als Lösegeld!« – Und die Gefangene? Da hält sie das Mäulchen hin und zahlt, zahlt so prompt, wie es nur auf der Wechselbank geschehen kann. Fünfundzwanzig baare Küsse zählt der erstaunte Vater, dann sieht er, wie die Zahlerin die Traube lächelnd nimmt und sie in das Körbchen wirft – mithin hat sie alle Trauben, die darin liegen, mit solcher Münze ausgelöst! Und weiter muß er sehen, wie Heinrich schon wieder eine andere Traube ergriffen hat und daran zählt – also soll es so fortgehen, bis alle Beeren ins Körbchen gewandert sind? Welch Vaterauge könnte das mit ansehen?

»Was ist das?« ruft Meister Unger in die Scene hinein und steht einen Augenblick später zürnend vor dem auseinandergeprallten Paare. Wehe! welch' ein Wetter wird nun über die Erschrockenen hereinbrechen? – Doch horch! welch ein Tönen dringt an das Ohr des Ergrimmten und schmeichelt sich weich und lieblich in seine innerste Seele hinein? »Kommt a Vogerl g'flogen«, singt der Steiermärker zur Seite seines Herrn – wie bezaubert steht der Gimpelkönig da, und lauscht und lauscht, vergißt Vaterzorn und Kindesungehorsam und hat nur Augen und Ohren für den kleinen Sänger. Und wie dem ersten Stücklein gar das andere folgt:

»Hörst du nicht die Vöglein singen
Abends von der Donau her,
Wie sie dir die Botschaft bringen
Daß mein Herz nicht läßt von dir!«

da wird er so gerührt, so von Entzücken hingerissen, daß es ein Blinder wahrnehmen möchte, geschweige denn die scharfsichtige Liebe. Kaum hatte der Steiermärker ausgesungen, so ergriff Heinrich den Käfig und reichte ihn dem Lauschenden mit den Worten: »Nehmen Sie den Vogel, Meister Unger; er war längst für Sie bestimmt und alle meine Vögel sollen Sie haben – seien Sie nur wieder gut mit mir!« Und Hannchen warf sich an die Vaterbrust und bat mit für den Geliebten und für sich selbst: »Du siehst, ich that Deinen Willen, aber ich wurde ertappt, und da ich Dir für mein Leben gern die Beeren verschaffen wollte, an denen Dir so viel gelegen schien, so unterwarf ich mich der Bedingung, unter welcher ich sie allein retten konnte: ich löste sie aus.«

»Und das ist Dir gewiß nicht sauer geworden, Du Taubenschnabel!« fiel ihr der Alte ins Wort. Dann wendete er sich an Heinrich: »Er will mir den Steiermärker wirklich lassen?« fragte er.

»Den Steiermärker sammt meinem ganzen Reichthum an Gimpeln.«

»Und was will Er dafür haben?«

»Für Geld sind mir die Vögel nicht feil – schenken Sie mir Ihre Freundschaft!«

Das war für den Gimpelkönig zu viel. Er fühlte, wie schwer er den jungen Mann gekränkt hatte – und doch schenkte derselbe ihm jetzt den unschätzbaren Steiermärker solche Großmuth hätte einen Botokuden rühren müssen – er richtete sich in die Höhe und sagte: »Von einem fremden Menschen kann ich kein Geschenk nehmen, Meister Sacher.«

»O so lassen Sie das Fremdsein zwischen uns aufhören – machen Sie mich zu einem Gliede Ihrer Familie – zu Ihrem Sohne!«

Hannchen umschlang mit dem Bittenden zugleich den mit seinem Ausspruch Zögernden – da trat das bis jetzt versteckt gebliebene Rußbuttenlobel leise hinter ihn, intonirte, und der Steiermärker sang: »Hörst Du nicht die Vöglein singen.« Da war von einem längern Widerstande gegen die Bitten der Liebenden keine Rede.

»Wenn Ihr denn durchaus nicht voneinander lassen könnt, so habt Euch in Gottes Namen!« sprach der Alte, drängte die Glücklichen von sich weg und schloß dafür den Vogelbauer mit dem Steiermärker in seine Arme.

»Wann soll ich Euch denn die andern dreißig Vögel bringen, Meister Unger?« fragte Rußbuttenlobel vortretend.

»Ihr auch da, Lobel?« rief der Gefragte.

»Ja,« sagte Lobel; »ich hatte Lunten, daß hier 'was Polizeiwidriges im Werke wäre, und da gehörte ich auf den Plan. Ich bin nur froh, daß Alles so abgelaufen ist, denn es ist ein traurig Amt, der Gerechtigkeit in die Hände zu arbeiten, viel lieber schanz' ich der Geistlichkeit 'was zu.«

Den andern Tag erfuhr ganz Wellersgrün und auch die Neuhahner Mühle durch die getreue Dorfpost die unerwartete Kunde von der Aussöhnung der Meister Gottfried und Heinrich und des Letzteren Verlobung mit Hannchen. Der Verlobung folgte bald die Hochzeit, und als Heinrich im Besitze seines Schatzes war, ließ er nicht nur seinen Vogelherd wieder eingehen, sondern bekämpfte auch aufs Neue, jedoch mit mehr Behutsamkeit und Mäßigung, als jenen Sonntag, die Leidenschaft seiner Heimathgenossen für den Vogelfang. Der Schwiegervater wurde leichter, als sich erwarten ließ, durch die Großvaterfreuden bekehrt, und wenn ihm auch der Steiermärker, so lange er lebte, schon als Vermittler dieser Freuden lieb und werth blieb, so war sein Vogelherd doch bei der Taufe seines fünften Enkels bereits verfallen, und es kam ihm fast wie eine alte Sage vor, daß es einst in Wellersgrün einen Gimpelkönig gegeben und daß dieser Niemand anders gewesen als er selbst.

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