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Erzgebirgische Geschichten. Erster Band

Elfrid von Taura: Erzgebirgische Geschichten. Erster Band - Kapitel 13
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authorElfrid von Taura
titleErzgebirgische Geschichten. Erster Band
publisherCarl Rümpler
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correctorJosef Muehlgasner
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VII.

Der Schichtmeister und seine Frau sollten sich sehr bald enttäuscht sehen. Am folgenden Morgen brachte der Postbote ein Schreiben von ihrem Sachwalter aus der Kreisstadt, dem das appellationsgerichtliche Erkenntniß in ihrer Sache beilag, und dieses Erkenntniß sprach der Gegenpartei die Erbschaft ungetheilt zu. Das war ein fürchterlicher Schlag. Zwar vertröstete der Sachwalter auf das drittinstanzliche Urtheil, welches gewiß das erste Erkenntniß wieder herstellen würde, – aber welche weit hinausgeschobene Aussicht war das, wie nutzlos für die Gefahr, in der man schwebte!

Brunhild, welcher aus den aufgeregten und verstörten Mienen ihrer Eltern eine Ahnung von dem Inhalte der Hiobspost aufging, nahm die Mutter auf die Seite und erbot sich, all' ihren Schmuck, selbst den bezahlten, zurückzugeben; die Mutter und Schwester sollten das Gleiche thun, um den Goldschmied zu befriedigen.

»Wo denkst Du hin, Kind?!« rief die Frau; »in einigen Tagen sollen wir zu Deinem Schwiegervater reisen, sollen uns dem freiherrlichen Hause präsentiren! Wie können wir so ärmlich auftreten, nachdem uns die gnädige Frau so geschmückt gesehen! Da müßte sie ja denken, wir hätten die Sachen blos geborgt gehabt. Nein, das geht nicht! Nur nicht ängstlich, meine Tochter! Es wird sich Alles machen. Der Goldschmied wird befriedigt, kümmere Dich um nichts!« Und sie ging zu ihrem Gatten, der bei ihrem Eintritte schnell ein paar Terzerole im Pulte verbarg. Sie bat ihn, mit in den Wald zu gehen, und er folgte ihr.

»Noth kennt kein Gebot!« begann sie unter den Bäumen, nachdem sie sich sorgfältig umgesehen. »Wir müssen uns in das Unvermeidliche schicken; – einmal ist nicht immer, – und den kargen Gewerken, die ihrem Schichtmeister längst hätten eine Gehaltzulage geben können, da der Vater Abraham so höflich geworden, geschieht nur Recht, wenn wir uns selber helfen.«

»Weib!« rief der Schichtmeister, – »wo denkst Du hin? Es hieße ja ewige Schande über uns Alle bringen, wenn ich solche Untreue verübte. Nein, lieber geh' ich ins Gefängniß, oder –«

»Und zerstörst das Glück Deiner Tochter, ja aller Deiner Kinder! Ich fürchte nicht, daß Du solch ein Rabenvater sein wirst. Brunhilds schönes Herz bräche auf der Stelle, zerrisse ihr Bund mit Alexis, – denn die Tochter eines Schuldgefangenen kann nicht mehr hoffen, Baronin von Brunn genannt zu werden.«

»O Gott! mein Gott! welche Qual!« klagte der Mann; »ich sehe keine Möglichkeit der Rettung. Ich bin gestern bei Pontius und Pilatus gewesen, um Geld zu erborgen, – verlorne Mühe! Alles zog sich hinter Ausflüchte zurück. Es steht schrecklich, schrecklich mit uns!«

»Nicht so schrecklich, als es Dir die Muthlosigkeit vorspiegelt,« versetzte die Frau, »Du wärest nicht der Erste, der sich auf die Art rettete, wie ich meine – ein paar Centner Erz sind bald auf die Seite geschafft.«

»Aber, Weib! wenn es herauskäme.«

»Ja, dafür muß man sorgen, daß es nicht herauskommt.«

»Wie wäre das möglich? Ja, wenn der alte gute Steiger Meier – –« er konnte nicht vollenden; ihm fiel die Warnung seines Vaters ein, und ein Schauer durchrieselte ihn.

»Du meinst, wenn der noch lebte, ließe sich eher etwas wagen, als unter den Späheraugen des neuen Steigers? Wolltest Du nicht so sagen?«

Der Schichtmeister seufzte tief auf. – »Bertha! brechen wir ab von dem Capitel!«

»Nein, Schatz! wir müssen ins Reine kommen, was geschehen soll. Geschehen muß etwas; wir sind es unsern Kindern schuldig, daß wir handeln. Es ist mein einziger Stolz, meine Kinder zu Glück und Ehre zu bringen. Es sind Deine Kinder, Fritz! die liebsten, schönsten Kinder der Gegend. Sie dürfen nicht in Dunkelheit und Elend verkommen! Auf, Mann! Vater!«

»Aber der Steiger – der Ferdinand – er hat seine Augen überall.«

»Der Spion! – Aber halt! – ich entsinne mich – wart' einmal, Mann! ich denke, wir werden den Aufpasser los.«

»Wie so?«

»Nun, laß mich nur machen! Ein Freund hat mir gestern etwas zugeflüstert. Ich gehe diesen Nachmittag wieder in die Stadt, um das Nähere zu erforschen.«

»Vater! Mutter!« rief jetzt eine Stimme vom Huthause her. Es war Brunhilds Stimme. Die Gatten folgten dem Rufe und trafen vor dem Hause den Zubußboten, der den Schichtmeister einlud, den Nachmittag um 4 Uhr in der Wohnung des Gelbgießers Mickley zu einer Berathung des Gewerkeausschusses sich einzufinden.

»Das paßt prächtig, da können wir zusammen gehen!« rief die Schichtmeisterin. – Und so geschah es.

Dem Schichtmeister wurde vom Ausschusse der Beschluß mitgetheilt, es solle ein Versuch gemacht werden, den alten Vater Abraham wieder zu befahren, und man wolle ihm diesen Versuch unter Zusicherung einer Gratification von 100 Thlrn. von der nächsten Quartalausbeute übertragen. Der Schichtmeister war überrascht, sich zu einem Wagstück erlesen zu sehen, das er früher widerrathen – und doch erschien es ihm wie ein vom Himmel selbst ihm gewiesener Ausweg aus den Verstrickungen der Schuld. »Lieber ehrenvoll im Berufe sterben, als der Schande verfallen!« dachte er, »und wenn ich als ein Opfer meiner Pflicht sterbe, wird meiner Familie der Antheil aller Guten – dann ist auch das Glück meiner Brunhild gewahrt!« Laut und fest erklärte er seine Bereitwilligkeit, den Auftrag auszuführen.

Der Ausschuß war theils verwundert, theils erfreut hierüber. Man rühmte den mannhaften Sinn, der noch immer unter dem Bergstande nicht erstorben wäre; doch unterließ man auch nicht, ihn auf die Gefahr aufmerksam zu machen, der er entgegenging, man erinnerte ihn an seine zahlreiche Familie und wie es ihm Niemand verargen werde, wenn er um der Seinen willen einem Jüngeren, Familienlosen, vielleicht dem Steiger Bergner, das gefahrvolle Unternehmen überließe. Aber er blieb bei seiner Erklärung und verließ am Ende mit leichterem Herzen als er gekommen, die Versammlung.

Der Schichtmeister fand seine Frau bei Klotilden. Sie war nicht so heiter gestimmt wie er, denn sie hatte den Doctor nicht daheim getroffen. Dieser hatte einen Ausflug gemacht, von dem er erst den dritten Tag zurückkehren würde. Der Schichtmeister theilte ihr, nachdem Klotilde entfernt worden, das auf seiner Seite Geschehene mit.

»Gott im Himmel!« rief die Frau entsetzt aus, »und darüber kannst Du froh sein Mann? Siehst Du denn nicht ein, daß das nur eine Falle ist, die sie Dir legen? Sie wollen Dich los sein und ihren Liebling, den Schleicher Ferdinand, an Deine Stelle bringen! Es ist eine Verschwörung gegen Dein Leben, – begreifst Du das nicht?«

»Du bist entsetzlich, Bertha! Die Herren haben mich wohl aus die Gefahr aufmerksam gemacht und wollten mir es gar nicht verargen, wenn ich eben dem Ferdinand das Wagstück überließe. Aber das duldet einmal meine bergmännische Ehre nicht, und dann ist es für mich der einzige Weg, mit Ehren aus dieser verzweifelten Lage zu kommen.«

»Nein! nein!« rief sie, ihm um den Hals fallend. »Ich lasse Dich nicht, Du darfst Dich nicht opfern, darfst Deine Kinder nicht zu Waisen machen!« Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke, – sie fuhr in die Höhe, ihre Augen funkelten, ihre Nasenflügel dehnten sich weit. »Ich hab's! ich hab's!« rief sie, »weißt Du was? Du versprichst dem Ferdinand die Hand der Hedwig, – und er stiege in die Hölle! Du mußt mir und Deinen Kindern bleiben, – der Ferdinand wird vor Wonne tanzen, wenn ihm plötzlich die Hand seines Herzblattes geboten wird. Kostet ihm das Wagstück das Leben, nun so stirbt ein lediger Mensch und er stirbt im Rausche des Glückes; kommt er davon, nun, so muß die Verlobung so lange geheim bleiben, bis Brunhild Baronin von Brunn ist!«

»Aber was wird dann aus mir? Wie entrinn' ich den Klauen des Wucherers?«

»Folge nur jetzt dem Fingerzeig des Himmels! das Uebrige findet sich.« Bei sich dachte sie: ist nur erst der Aufpasser vom Wetter erschlagen, so haben wir freies Spiel auf dem Vater Abraham; es fällt mir nicht ein, den gemeinen Menschen in die Familie aufzunehmen. Es ward ihr nicht leicht, den Gatten von seinem gefaßten Entschlusse abzubringen; aber endlich siegte der Gedanke, seiner halbverwaisten und arg zurückgesetzten ältesten Tochter sich endlich einmal väterlich gerecht erweisen zu können, über seine Bedenken; und er überließ sich wieder ganz dem Einflusse seiner Frau.

Ferdinand hatte sich inzwischen mit dem ganzen Feuer seines wißbegierigen Geistes über das Werk gemacht, das ihm von dem Obereinfahrer geschenkt worden war. Es war Müller-Pouillet's großes physikalisches Werk, für den armen Steiger ein außerordentlicher Schatz. Der Zufall hatte gewollt, daß ihm im ersten Durchblättern des Werkes die Beschreibung der von Humphry Davy erfundenen Sicherheitslampe in die Augen gefallen war, und in der Erinnerung an das letzte Gespräch mit Mickley ergriff er sogleich den Gedanken, eine solche Lampe nach Anleitung des Buches zu construiren. Er eilte in die Stadt und kaufte sich den dazu erforderlichen feinen Draht. Mochte nun der Schichtmeister selbst den Auftrag der Gewerken übernehmen oder ihm die Ausführung überlassen, jedenfalls sollte die Sicherheitslampe dabei ihre Dienste leisten.

Es war kurz vor dem Schichtwechsel, wo er, schon wieder aus der Stadt zurückgekehrt, mit Hedwig und ihrem Großvater auf der Hausbank saß und Beiden seine schöne Entdeckung mittheilte, als Hedwigs Eltern heimkehrten. Der Schichtmeister forderte ihn sogleich auf, mit ins Zimmer zu kommen, und fragte ihn hier, ob er Hedwigs Hand unter der Bedingung annehme, daß er sich der Versuchsfahrt in den alten Schacht unterziehe. Dem jungen Manne war, als thäte sich plötzlich der Himmel vor ihm auf. »Und wenn zehntausend Kobolde darin hausten, ich führe hinein!« rief er trunken vor Entzücken, – »aber ich nehme Sie beim Wort.«

»Hier meine Hand!« sagte der Schichtmeister. »Bertha, gieb ihm die Deine auch zur Bekräftigung, daß er unser Schwiegersohn werden soll, wenn –«

»Lassen Sie mich Hedwig mit dem Großvater holen und verloben Sie uns ordentlich,« bat Ferdinand und eilte hinaus. Thränen rollten über seine Wangen, als er zu den Beiden trat und sie, keines Wortes mächtig, auf- und mit in die Stube zog. Als Hedwig hier ihr Glück erfuhr, sank sie entzückt erst dem Vater, dann der Mutter an die Brust, dann in die Arme ihres Trauten. Das Verlöbniß ward unter der Bedingung vorläufiger Geheimhaltung geschlossen. Als Hedwig hinterher erfuhr, um welchen Preis ihr Glück erkauft worden, erschrak sie freilich; aber Ferdinand tröstete sie mit seiner Sicherheitslampe.

Die Versuchsfahrt wurde auf übermorgen festgesetzt. Bis dahin wollte der Schichtmeister alle nöthigen Vorbereitungen dazu treffen. Der Hutmann, welcher seine Schwiegertochter halb durchschaute, sorgte dafür, daß sie ihr Wort später nicht zurücknehmen konnte; obgleich das Schreiben bei ihm schwer ging, so ließ er sich's doch nicht verdrießen, sogleich ein Anerkenntniß des geschlossenen Verlöbnisses aufzusetzen und es von beiden Eltern unterschreiben zu lassen. Er sorgte auch dafür, daß die Zurüstungen zur Befahrung des alten Schachtes streng nach der Regel getroffen wurden. Haspel, Seil, Signalschnur und Glocke, Fahrstuhl, – Alles untersuchte er genau und ließ es wohl befestigen. Die zuverlässigsten Häuer wurden zur Dienstleistung bei dem Unternehmen ausgewählt.

Dieses selbst fand statt in Gegenwart des Ausschusses und einer bergamtlichen Commission, zu welcher der Obereinfahrer gehörte. Freudig, in seinem besten Grubenkleide, seine Sicherheitslampe in der Blende und mit Schlägel und Eisen bewaffnet, ging Ferdinand ans Werk. Der Kuß der Liebe hatte ihn dazu geweiht, ihm schien es gefeit. Den Zeugen war nicht wohl zu Muthe, als Ferdinand in den Stuhl stieg und die Haspeldreher an ihre Kurbeln griffen. Es gilt zwölf Schichten für einen Jeden von Euch!« rief ihnen der Gelbgießer zu. Es hätte dieses Versprechens nicht bedurft, denn die beiden Knappen hätten für ihren Steiger das Leben gelassen. Der Stuhl wurde über die Mündung gehoben und nun schwebte der kühne Schachtergründer frei über der grauenvollen Tiefe. Die Zuschauer erbleichten. – »Los!« rief Ferdinand, und der Haspel begann zu arbeiten. »Glückauf!« rief der Verschwindende, und das Tageslicht schloß sich über ihm. Athemlos stand Alles umher, nur das Schnurren des Seiles unterbrach die Stille. »Wißt Ihr was?« brach endlich der Gelbgießer das Schweigen gegen seine Ausschußgenossen, »ist Alles, wie wir hoffen, so wollen wir ein paar Hundert Thaler nicht ansehen, es ist bei Gott ein Stück Arbeit, an das Keiner von uns um manches Tausend gehen möchte! Wir wollen dem braven Manne ein Geschenk von 300 Thalern aussetzen und dem Schichtmeister die schon bewilligten 100 Thaler zur Ausstattung seiner ältesten Tochter lassen. Ich verlege die Summe und ziehe sie nach und nach von der Ausbeute ab.« Es war der rechte Moment, Alle zu einer solchen Verwilligung geneigt zu finden; Angesichts der grausen Gefahr hatte Keiner den Muth, sie zu verweigern. »Abgemacht also!« sagte Mickley, und ihm war, als könnte er das Weitere nun leichtern Herzens abwarten. Die ganze Verhandlung aber war von dem Schichtmeister vernommen worden, und er hätte sich in den Schacht stürzen mögen, daß er sich um den reichen Lohn gebracht, der ihn aus aller Bedrängniß retten konnte.

Langsam wand sich das Seil von seiner Walze; die Augen der Anwesenden waren bald auf diese, bald auf das Glöcklein gerichtet, welches mit der Signalschnur verbunden war, die sich von einer am Fahrstuhl angebrachten Rolle selbst abwickelte. Verabredeterweise sollte auf dreimaliges Läuten der Glocke hinter einander das Seil sogleich aufgewunden werden. Auf blos zweimaliges Läuten sollte man den Haspel nur in Ruhe stellen. Ring nach Ring verschwand von dem Haspel, das Glöcklein blieb unbewegt. Erst als das Seil bis auf wenige Ringe abgelaufen war, bewegte sich plötzlich die Schnur; Alles blickte auf die Glocke und lauschte, – einmal – zweimal; – »in die Ruhe!« commandirte der Schichtmeister mit dem Hutmann zugleich. »Er hat gleich die tiefste Strecke genommen,« sagte der Obereinfahrer, »und nun schütze ihn Gott vor schlagendem Wetter!«

Der Hutmann nahm seine Kappe ab und faltete die Hände; die Andern folgten seinem Beispiel, die ganze Versammlung war eine stille, betende Gemeinde. Aber Niemand von ihr hatte eine Ahnung von der einsamen Beterin, die draußen an einer Ecke der Halde hinter einem Fichtengebüsch knieete. Es war Hedwig, die nicht im Huthause hatte bleiben können, sondern von dem stürmisch bewegten Herzen in die Nähe des Ortes getrieben worden war, wo sich für sie Leben oder Tod entschied.

Es war das Leben, das der Ewige Hedwig beschieden hatte. Nach Verlauf einer furchtbaren Stunde ertönte die Glocke von Neuem, und dies Mal in drei Pulsen. Hedwig kannte das Zeichen; hochauf jubelte ihr Herz; ein Ausruf des heißesten Dankes zum Himmel empor, und auf sprang sie, keine falsche Scheu hielt sie zurück, sie mußte dabei sein, wenn der Geliebte das Tageslicht wieder begrüßte, ihr Glückauf durfte nicht fehlen, wenn die, die ihn nicht liebten wie sie, ihm das ihrige entgegenriefen. Und da stand sie nun unter der Thür der Kaue zur Seite des Gelbgießers, und der sah zum ersten Male das holde Geschöpf, das der höchste Preis für die That seines jungen Freundes sein sollte. Der ehrliche Bürger ahnte gleich, daß diese und keine Andere die Erwählte sei, und er nahm ihre Hand und flüsterte: »Der Herr hilft, – ich wünsche Glück zum Brautstand!« Lauter schnurrte das Seil, rüstiger drehten die Haspler, da halt! was war das? ein Angstschrei entrang sich Hedwigs Herzen, die Glocke klang, – aber nein; nur ein Zufall bewegte die Schnur und vorwärts geht das Drehen, – bald erglänzt der schwarze Schlund in einem goldenen Dämmer, – noch ein paar Windungen, da taucht der Schachthut, der Kopf empor. »Glückauf!« ruft hell und stark der glückliche Teufenfahrer; – »Glückauf! Glückauf!« rufen alle Männer, daß die alte Kaue erzittert und der Wald erdröhnt, – aber wo bleibt denn Dein Glückauf, Du süße, liebeglühende Maid? Ach! Deine Seligkeit ist viel zu groß, als daß sie laut werden dürfte vor den Menschen, und ohne zu wissen, wie es geschieht, sinkst Du an die Brust dessen, den Gott Dir neu und nun wohl auf immer geschenkt. Vergessen ist das Versprechen des Geheimnisses, rein vergessen; der Augenblick ist zu groß für kleinliche Rücksichten, und wenn Könige und Kaiser zugegen wären und der Großmogul Euer künftiger Schwager, Ihr müßt Euch umarmen und vor Gott und der Welt bekennen, daß Euch eine Liebe eint, die stärker, ist als der Tod. – Erst dann mögen die Herren der Commission und des Ausschusses den Bericht vernehmen. Der Bericht war kurz, aber wenn auch etwas grauenhaft, doch in bergmännischer Hinsicht befriedigend. Ferdinand hatte die Leichen der einst in der Grube Erschlagenen gefunden, aber auch den alten Gang; und eine Stufe, die er abgeschlagen, erwies sich als reichhaltiges Silbererz, das den neuen Angriff des alten Baues wohl verlohnte.

»Das ist Alles gut,« sagte der Obereinfahrer, der Ferdinands Geheimniß von der Sicherheitslampe kannte; »aber wir sind noch nicht versichert wegen der schlagenden Wetter.«

»Doch,« erklärte Ferdinand; »auch das hab' ich nicht ungeprüft gelassen. Ich hatte mich mit Wachszündern versehen, die ich bei der Einfahrt von Zeit zu Zeit anzündete und fallen ließ; an ihrem schönen Fortbrennen überzeugte ich mich, daß der Schacht weder schlagende noch erstickende Wetter hatte, und unten in der söhligen Strecke zog ich einen langen Schwefelfaden viele Lachter weit hinter, den zündete ich vorn an und ließ das Feuer hinter laufen; nicht ein Lüftchen rührte sich. Wahrscheinlich sind in der langen Zeit, daß Niemand unten gewesen, die freien Spalten, durch welche die Wetter früher eindrangen, verwachsen; denn auch die Erdrinde, die man für starr und todt hält, ist ja fortwährenden Veränderungen unterworfen.«

»Bravo!« sagte der Obereinfahrer; »so gratulire ich den Herren Gewerken vom Vater Abraham und empfehle diesen wackern, einsichtsvollen Steiger ihrer Gunst. Ich hoffe, wir werden uns von nun an öfter sehen, mein lieber Freund und – Schwager! Denn daß Sie das werden wollen, hab' ich so eben gesehen!« Damit reichte er dem glücklichen Ferdinand die Hand.

»Da siehst Du, was Deine Stiefmutter für eine Gans ist,« murmelte der Hutmann Hedwig zu, »der Herr Obereinfahrer freut sich, einen solchen Schwager zu haben.«

Das Mädchen drückte ihm in namenloser Seligkeit die Hand. Die Versammlung bewegte sich nun langsam dem Huthause zu.

Hier war inzwischen der Doctor Meier angekommen und befand sich mit der Hausfrau allein in eifrigem Gespräch, als eines der jüngeren Mädchen hereinsprang und rief: »Mutter! Mutter! sie kommen!« Die Frau eilte ans Fenster. Ein Blick hinaus machte sie erbleichen. »Er lebt, – er ist dabei!« rief sie, »und an seiner Seite die Dirne – und der Baron, – ich kriege den Tod!«

»Nur ruhig, meine Beste!« sagte der Doctor, »wenn Ihre Mine nicht wirkt, so wirkt die meinige. Verlassen Sie sich auf mich und treten Sie der Gesellschaft heiter entgegen!«

Gleich darauf trat die Gesellschaft ein.

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