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Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
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Sechstes Kapitel.

Don Roderich erhält eine außerordentliche Gesandtschaft.

Don Roderich's Herz war durch Sinnlichkeit noch nicht so verderbt, daß das Unrecht, dessen er sich gegen die unschuldige Florinda schuldig gemacht, und die Schande, welche er über ihr Haus gebracht, nicht schwer auf seinem Herzen gelastet hätte; eine Wolke begann sich auf seine sonst so klare und runzellose Stirn zu lagern.

Der Himmel deutete zu jener Zeit, sagen die alten spanischen Chroniken, auf eine wunderbare Weise den Zorn an, mit welchem er den Monarchen und sein Volk als Strafe für ihre Sünden heimzusuchen beabsichtigte, und wir dürfen, sagen dieselben strenggläubigen Geschichtserzähler, weder staunen noch ungläubig sein, wenn wir in den Blättern der nüchternen und bescheidenen Geschichte auf Zeichen und Wunder stoßen, welche über die Wahrscheinlichkeit des gewöhnlichen Lebens hinausgehen; denn die Revolutionen der Reiche und der Sturz mächtiger Könige sind furchtbare Ereignisse, welche die physische so gut wie die moralische Welt erschüttern und oft durch wundervolle Vorzeichen und Winke des Himmels angedeutet werden. Unter dergleichen einleitenden Bemerkungen gehen die vorsichtigen, aber leichtgläubigen Geschichtschreiber der ältern Zeiten zu einem wundervollen, prophetischen und zauberartigen Begebniß über, welches in der alten Geschichte mit dem Schicksale Don Roderich's zusammenhängt, welches aber neuere Zweifler gern als eine apokryphische Sage arabischen Ursprungs hinstellen.

Der Sage nach begab es sich also, daß ungefähr um diese Zeit, als Don Roderich eines Tags, von seinen Edeln umgeben, in der alten Stadt Toledo auf seinem Throne saß, zwei Männer von ehrwürdigem Aeußern in den Audienzsaal traten. Ihre schneeweißen Bärte gingen ihnen bis auf die Brust herab, und ihre grauen Haare waren mit Epheu umflochten. Sie waren in weiße Gewänder von fremdem oder altem Schnitte gekleidet, welche bis auf den Boden reichten, und trugen Gürtel, auf welchen die Zeichen des Thierkreises gewebt waren und an denen große Bündel von Schlüsseln aller Art und Gestalt hingen.

Nachdem sie sich dem Throne genähert und sich verbeugt hatten, sagte einer der alten Männer:

»Wisse, o König, daß in uralter Zeit Herkules von Lybien, der Starke genannt, nachdem er seinen Pfeiler an der Meerenge aufgerichtet hatte, in der Nähe dieser alten Stadt Toledo einen Thurm erbaute. Er baute denselben wunderbar stark und vollendete ihn durch Zauberkunst, indem er ein furchtbares Geheimniß in demselben einschloß, welches nimmer ohne Gefahr und Unheil zu durchdringen ist. Um dieses schreckliche Geheimniß zu schirmen, schloß er den Eingang zu dem Gebäude mit einem mächtigen Eisenthore, an welches er ein großes Schloß von Stahl legte; auch gab er Befehl, daß jeder König, welcher auf ihn folgen würde, ein anderes Schloß an das Thor legen solle; Wehe und Verderben aber kündigte er dem an, der je das Geheimniß des Thurms entdeckte.«

»Die Wache über das Portal war unseren Vorfahren anvertraut worden und blieb seit den Tagen des Herkules von Geschlecht zu Geschlecht bei unserer Familie. Viele Könige haben von Zeit zu Zeit das Thor öffnen lassen und haben in den Thurm zu treten versucht; sie mußten ihre Verwegenheit aber theuer büßen. Einige fielen auf der Schwelle todt nieder, andere wurden von Schrecken bewältigt, als sie die furchtbaren Klänge hörten, welche die Grundsäulen der Erde erschütterten, und beeilten sich, das Thor wieder zu schließen und seine tausend Schlösser daran zu hängen.«

»Auf diese Weise ist, seit den Zeiten des Herkules, noch kein Sterblicher in die inneren Gemächer des Gebäudes eingedrungen, und ein tiefes Geheimniß waltet fortwährend über diesem mächtigen Zauber. Dies ist, o König, alles, was wir zu berichten haben, und unser Auftrag geht dahin, dich zu bitten, zu dem Thurm zu kommen und dein Schloß an dem Portale zu befestigen, wie von allen deinen Vorgängern geschehen ist.«

Nachdem die alten Männer so gesprochen, verneigten sie sich tief und verließen den Audienzsaal.Perdida de Espana por Albucasim Tarif Abentarique, lib. I. cap. 6. – Chronica del Rey Don Rodrigo por el Moro Razis. lib. I. cap. 1. – Bleda, Chronica, cap. VII.Der Verf.

Don Roderich stand nach dem Weggehen der Greise eine Zeitlang in Gedanken verloren; er entließ dann seinen ganzen Hof, den ehrwürdigen Urbino ausgenommen, der damals Erzbischof von Toledo war. Der lange weiße Bart dieses Prälaten zeugte von seinem vorgerückten Alter, und seine überhängenden Augenbraunen verriethen, daß er ein Mann von verständigem Rathe war.

»Vater,« sagte der König, »ich hege den ernstlichen Wunsch, in die Geheimnisse dieses Thurmes einzudringen.«

Der würdige Prälat schüttelte sein altergraues Haupt.

»Hütet Euch, mein Sohn,« sagte er; »jene Geheimnisse sind dem Menschen zu seinem Besten verschlossen. Eure Vorgänger seit vielen Geschlechtern haben dieses Geheimniß geehrt, und ihre Macht, ihr Reich mehrte sich und gedieh. Die Bekanntschaft mit dem Geheimniß ist daher nicht wesentlich zu der Wohlfahrt Eures Königreichs erforderlich. Sucht also nicht einer raschen und unnützen Neugierde nachzugeben, welche unter so schrecklichen Drohungen verboten worden ist.«

»Welche Wichtigkeit haben,« rief der König, »die Drohungen Herkules', des Lybiers? War er nicht ein Heide? können seine Zauber gegen einen Bekenner unseres heiligen Glaubens etwas ausrichten? Ohne Zweifel umschließt jener Thurm reiche Schätze von Gold und Juwelen, welche in den Tagen der Vergangenheit dort aufgehäuft wurden, die Beute mächtiger Könige, die Reichthümer der heidnischen Welt. Meine Koffer sind erschöpft; ich brauche Zuschuß; und gewiß wäre es in den Augen des Himmels eine nicht zu verschmähende Handlung, diese Schätze, welche unter gottlosem, schwarzkünstlerischem Zauber liegen, an das Licht zu ziehen und sie religiösen Zwecken zu weihen.«

Der ehrwürdige Bischof fuhr fort, dem Könige abzurathen, aber Don Roderich achtete seines Rathes nicht, denn sein böser Stern riß ihn fort.

»Vater,« sagte er, »vergeblich versucht Ihr, mich von meinem Entschlusse abzubringen. Er ist unwiderruflich. Morgen werde ich das verborgene Geheimniß oder vielmehr die verborgenen Schätze dieses Thurmes erforschen.«

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