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Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
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Fünftes Kapitel.

Die Geschichte der Florinda.

Die schöne Tochter des Grafen Julian wurde von der Königin Exilona mit großer Gunst aufgenommen und den Edelfräulein zugesellt, welche den Dienst bei ihr hatten. Sie lebte hier ehrenvoll und scheinbar sicher und von unschuldigen Freuden umgeben. Don Roderich hatte der Königin zu Liebe für ihre Erholung auf dem Lande einen Palast außerhalb Toledo an den Ufern des Tajo bauen lassen. Er war in dem üppigen Style des Morgenlandes ausgeziert und stand inmitten eines Gartens. Wohlriechendes Buschwerk und Blumen erfüllten die Luft mit süßen Düften, und in den Lustwäldchen klangen die Töne der Nachtigall, während der Strom der Bäche und Wasserfälle und das ferne Brausen des Tajo ihn an den heißen Sommertagen zu einem lieblichen Aufenthalt machten. Auch herrschte der Reiz der völligsten Abgeschlossenheit in dem ganzen Raume; denn die Gartenmauern waren hoch, und zahlreiche Wachen standen draußen, um jeden Zudringling fern zu halten.

In dieser reizenden Wohnung, welche eher für einen orientalischen Wollüstling, als für einen Gothenkönig paßte, pflegte Don Roderich einen großen Theil der Zeit hinzubringen, welche für die mühsamen Regierungsgeschäfte hätte verwendet werden sollen. Selbst jene Sicherheit, jener Friede, welche er durch die Vorsicht, mit der er die Mittel und Gewohnheiten des Krieges entfernte, seinem ganzen Reiche zu geben gewußt hatte, trugen dazu bei, einen unseligen Wechsel in seinem Charakter hervorzubringen. Die kühnen und heldenmäßigen Eigenschaften, welche ihm den Weg zum Throne gebahnt hatten, verloren sich allmählig in dem Schoose der Weichlichkeit. Von den Freuden eines müßigen und verweichlichten Hofes umgeben und durch das Beispiel seiner entarteten Edeln getäuscht, ließ er einer unglücklichen Sinnlichkeit den Zügel, welche während der tugendgeschmückten Tage seines Mißgeschicks in seinem Busen geschlummert hatte. Blose Liebe zu weiblicher Schönheit hatte ihn zuerst an Exilona gefesselt; dieselbe, durch üppigen Müßiggang noch genährte Leidenschaft verleitete ihn nun, eine Handlung zu begehen, welche für ihn und Spanien verhängnißvoll war. Wir theilen nachstehend die Geschichte seines Fehltrittes mit, wie wir sie in einer alten Geschichtserzählung aufgezeichnet finden.

In einem entlegenen Theile des Palastes war eine für die Königin bestimmte Wohnung erbaut worden. Sie glich einem östlichen Harem, war dem Zutritt der Männer verschlossen, und nur der König kam, obgleich selten, hierher. Sie hatte ihre eigenen Höfe, Gärten und Brunnen, wo die Königin sich mit ihren Fräulein zu ergötzen pflegte, wie sie es in dem argwöhnisch abgeschlossenen Palaste ihres Vaters zu thun gewöhnt war.

Eines heißen Tages begab sich der König, statt seine Siesta oder Mittagsschlafstunde zu halten, in diesen Theil des Palastes, um die Gesellschaft der Königin aufzusuchen. Als er durch eine kleine Kapelle gekommen war, zog ihn der Klang weiblicher Stimmen an ein mit Myrthen und Jasmin überhangenes Fenster. Es ging auf einen innern Garten oder Hof, welcher mit Orangebäumen besetzt war und in dessen Mitte man einen Marmorbrunnen sah, den ein mit Blumen emaillirter Grasrand umgab.

Es war in den heisesten Stunden eines Sommertages, wo in dem sonnewarmen Spanien die Landschaft vor dem Auge zittert und die ganze Natur nach Ruhe lechzt, den Grashüpfer ausgenommen, der dem im Schatten entschlafenden Hirten sein träumerisches Lied vorsingt.

Um den Brunnen waren viele Fräulein der Königin, welche, der geheiligten Abgeschlossenheit dieses Teils des Palastes vertrauend, in dieser kühlen Einsamkeit der Ruhe pflegten, zu welcher Stunde und Jahreszeit aufforderten. Einige lagen schlafend auf dem blumigen Rasen, andere saßen auf dem Rande des Brunnens und plauderten und lachten, während sie die Füße in seinem frischen Wasser badeten. König Roderich sah zarte, mit dem Marmor an Weiße wetteifernde Glieder in den klaren Wellen glänzen.

Unter den Fräulein war eine, die mit der Königin von den Küsten der Barbarei herübergekommen war. Ihre Hautfarbe hatte den dunkeln Widerschein Mauritaniens, aber sie war klar und durchsichtig, und das hohe, reiche Rosenroth brach aus dem lieblichen Braun hervor. Ihre Augen waren schwarz und voller Feuer, und schossen Flammen mit den langen seidenen Wimpern.

Ein muthwilliger Streit über die gegenseitige Schönheit der spanischen und maurischen Formen erhob sich unter den Mädchen; aber das mauritanische Mädchen enthüllte Glieder von üppigem Ebenmaas, welche jeder Nebenbuhlerschaft zu trotzen schienen.

Die spanischen Schönheiten waren im Begriff, dem Siege zu entsagen, als sie sich der jungen Florinda, der Tochter des Grafen Julian, erinnerten, die, einem Sommerschlummer hingegeben, auf dem rasigen Ufer lag. Die sanfte Gluth der Jugend und Gesundheit war über ihre Wangen ausgegossen; ihre mit langen Wimpern besetzten Augenlieder bedeckten kaum die schlafenden Sterne; die frischen Rubinlippen waren sanft geöffnet und ließen eben noch einen Schimmer von ihren elfenbeinernen Zähnen sehen, während ihre unschuldige Brust sich unter dem Leibchen hob und senkte, wie das sanfte Aufwallen und Sinken einer ruhigen Welle. Es war eine athmende Zartheit und Schönheit in der schlafenden Jungfrau, welche, gleich den Blumen umher, Süßigkeit auszuhauchen schien.

»Seht,« riefen ihre Gefährtinnen frohlockend, »seht hier die Streiterin für spanische Schönheit!«

In ihrem muthwilligen Eifer hatten sie die unschuldige Florinda halb entkleidet, ehe sie es gewahr geworden. Sie erwachte jedoch noch zeitlich genug, um ihren geschäftigen Händen zu entfliehen; aber der König hatte genug von ihren Reizen gesehen, um überzeugt zu sein, daß die vollendetsten Schönheiten Mauritaniens nicht mit ihr wetteifern konnten.

Von diesem Tage an war Roderich's Herz von einer unglücklichen Leidenschaft entflammt. Mit glühender Begierde schaute er auf die schöne Florinda und suchte in ihren Blicken zu lesen, ob Leichtsinn oder Ueppigkeit in ihrem Busen wohne; aber das Auge des Fräuleins sank stets vor seinen Blicken zu Boden und blieb in jungfräulicher Bescheidenheit auf die Erde geheftet.

Vergebens bemühte er sich, des heiligen Vertrauens, das Graf Julian auf ihn setzte, und des Versprechens zu gedenken, das er ihm gegeben hatte, über seine Tochter mit der Sorgfalt eines Vaters zu wachen; sein Herz wurde von sinnlichem Begehr heimgesucht, und das Bewußtsein seiner Macht hatte ihn in Bezug auf seiner Wünsche Erfüllung selbstsüchtig gemacht.

Als er eines Abends in dem Garten war, wo die Königin sich mit ihren Fräulein ergötzte, und zu dem Brunnen kam, wo er die unschuldigen Jungfrauen mit ihrem Spiele beschäftigt gesehen hatte, konnte er die Leidenschaft nicht länger zurückhalten, die in seinem Busen wüthete. Er setzte sich an den Brunnen und rief Florinda zu sich, daß sie ihm einen Dorn auszöge, welcher sich in seiner Hand festgesetzt. Die Jungfrau kniete zu seinen Füßen nieder, und die Berührung ihrer zarten Finger zuckte ihm durch seine Adern. Auch fielen, während sie knieete, ihre duftigen Locken in reichen Ringen um ihren schönen Kopf, ihr schuldloser Busen klopfte unter dem hochrothen Leibchen, und ihr schüchternes Erröthen vermehrte den Glanz ihrer Reize.

Nachdem sie des Königs Hand vergeblich untersucht hatte, blickte sie mit unschuldiger Verwirrung in sein Antlitz empor.

»Señor,« sagte sie, »ich kann weder Dorn, noch ein anderes Zeichen von einer Wunde finden.«

Don Roderich ergriff ihre Hand und preßte sie an sein Herz. – »Hier ist der Dorn, holde Florinda,« sagte er; »hier ist er, und du allein kannst ihn ausziehen.«

»Mein edler Herr!« rief das erröthende und erstaunte Mädchen.

»Florinda,« sagte Don Roderich, »liebst du mich?«

»Señor,« sagte sie, »mein Vater lehrte mich, Euch lieben und verehren. Er vertraute mich Eurer Sorgfalt, daß Ihr Vaterstelle bei mir verträtet, wenn er in weiter Ferne wäre und Eurer Majestät mit Leben und Treue diente. Möge Gott Eure Majestät geneigt machen, mich stets als Vater zu schirmen.«

Bei diesen Worten senkte das Mädchen ihre Augen auf den Boden und blieb auf ihren Knieen; aber ihr Antlitz war todtenbleich geworden und sie zitterte, während sie dakniete.

»Florinda,« sagte der König, »entweder verstehst du mich nicht, oder du willst mich nicht verstehen. Du sollst mich nicht als Vater, nicht als König lieben, sondern als einen, der dich anbetet. Warum erschrickst du? Niemand soll unsere Liebe erfahren; und überdies entehrt die Liebe eines Monarchen nicht, wie die eines gemeinen Mannes – Reichthum und Ehre sind in ihrem Gefolge. Ich werde dich zu Rang und Ehren erbeben und dich über die stolzesten Frauen meines Hofes stellen. Auch dein Vater soll mit Würden und Gnadenbezeigungen mehr als irgend ein Edler meines Königreichs bedacht werden.«

Florinda's sanftes Auge funkelte bei diesen Worten.

»Señor,« sagte sie, »der Familie, welcher ich entstamme, kann durch so erniedrigende Mittel keine Würde erwachsen; mein Vater würde eher sterben, als er durch die Schande seines Kindes Rang und Macht erkaufte. Aber ich sehe wohl,« fuhr sie fort, »daß Eure Majestät nur in dieser Weise spricht, um mich auf die Probe zu stellen. Ihr habt mich wohl für leicht und einfältig und für unwürdig gehalten, der Königin zu dienen. Ich bitte Eure Majestät, mir zu vergeben, daß ich Euern Scherz für Ernst genommen habe.«

Auf diese Weise suchte das beunruhigte Kind den Werbungen des Monarchen zu entgehen; aber ihre Wange war noch weiß und ihre Lippe zitterte, während sie redete.

Der König drückte ihre Hand mit Inbrunst an seine Lippen.

»Ich will verderben,« sagte er, »wenn meine Worte beabsichtigen, dich auf die Probe zu stellen. Mein Herz, mein Königreich stehen dir zu Befehl. Sei nur mein, und du sollst als unbeschränkte Gebieterin über mich und mein Reich herrschen.«

Das Fräulein erhob sich vom Boden, wo sie bisher gekniet hatte, und ihr ganzes Antlitz flammte von tugendhaftem Unwillen.

»Mein Gebieter,« sagte sie, »ich bin Euch unterthan und in Eurer Gewalt; nehmt mein Leben, wenn es Euch so gefällt; nichts aber wird mich verleiten, ein Verbrechen zu begehen, das ein Verrath gegen die Königin, eine Schande für meinen Vater, der Tod meiner Mutter und mein Verderben wäre.«

Nach diesen Worten verließ sie den Garten, und dem König flößte ihre erzürnte Tugend für einen Augenblick zu viel Achtung ein, als daß er sich ihrem Weggehen widersetzt hätte.

Wir gehen kurz über die folgenden Begebenheiten in der Geschichte Florinda's weg, da die Chronikenschreiber und Dichter viel davon gesagt und gesungen haben; die nüchternen Blätter der Geschichte sollten sich überhaupt von Scenen rein halten, welche eine üppige Phantasie zu entflammen im Stande sind, und sie Gedichten und Romanen und ähnlichen stark gewürzten Werken der Phantasie und Erholung überlassen.

Wir sagen daher nur, daß Don Roderich seine Bewerbungen bei der schönen Florinda fortsetzte, indem der Widerstand des tugendhaften Fräuleins seine Leidenschaft mehr und mehr entflammte. Er kam endlich so weit, daß er vergaß, was er der hülflosen Schönheit, was er seiner eignen Ritterehre und seinem königlichen Versprechen schuldig war, und er triumphirte durch niedrige und unmännliche Gewalt über ihre Schwäche.

Manche wollen freilich behaupten, die unglückliche Florinda habe den Anträgen des Monarchen ein williges Ohr geliehen, und in vielen alten Chroniken und geschichtlichen Balladen, welche die unglücklichen Begebenheiten Spaniens von Geschlecht zu Geschlecht überlieferten, ist ihr Name mit übler Nachrede behandelt worden. Sie scheint aber in Wahrheit ein schuldloses Opfer gewesen zu sein, die, so weit ein schwaches Weib dieses vermag, den Lüsten und Ränken des Monarchen, dessen Willensverfügung höchstes Gesetz war, zu widerstehen suchte und ihre Schande mit einem Schmerz beweinte, der gewahren ließ, wie theuer sie ihre Ehre hielt.

In dem ersten Sturme ihres Schmerzes schrieb sie ihrem Vater einen Brief, welcher mit ihren Thränen getränkt und in ihrer tiefen Erregung fast ohne allen Zusammenhang war.

»Wollte Gott, mein Vater,« sagte sie, »die Erde hätte sich geöffnet und mich verschlungen, ehe ich gezwungen worden, diese Zeilen zuschreiben. Ich erröthe, dir zu sagen, was dir nicht passend verschwiegen werden kann. Ach, mein Vater, du hast dein Lamm der Hut der Löwen anvertraut. Deine Tochter wurde entehrt, die königliche Wiege der Gothen befleckt und unser Geschlecht geschändet und beschimpft. Eile, mein Vater, dein Kind aus der Gewalt des Schänders zu retten und die Ehre deines Hauses zu rächen.«

Als Florinda diese Zeilen geschrieben hatte, berief sie einen jungen Knappen, welcher als Page in den Diensten ihres Vaters gestanden hatte, zu sich.

»Sattle dein Roß,« sagte sie zu dem Knappen, »und wenn du nach der Ehre eines Ritters strebst oder die Gunst einer edeln Frau zu erlangen hoffst; wenn du Treue gegen deinen Gebieter und Ergebenheit gegen seine Tochter fühlst: so eile, meine Botschaft zu bestellen. Raste nicht, halte nicht an, schone deinen Sporn nicht, sondern eile Tag und Nacht weiter, bis du die Küsten des Meeres erreicht hast; nimm den ersten Kahn und eile mit Ruder und Segel nach Ceuta und ruhe nicht eher, als bis du diesen Brief dem Grafen, meinem Vater, gegeben hast.«

Der Jüngling steckte den Brief in seine Brust.

»Vertraut mir, Fräulein,« sagte er, »ich werde weder anhalten, noch mein Roß von dem Wege abwenden, noch einen Blick rücklings werfen, bis ich Graf Julian erreicht habe.«

Er bestieg sein schnelles Roß, flog mit ihm über die Brücke und ließ bald das grüne Thal des Tajo hinter sich.

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