Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Washington Irving >

Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel.

Don Roderich's Erscheinen – seine Regierung.

Wehe dem Herrscher, welcher durch die Schwäche oder Verderbtheit des Volkes zu regieren hofft! Grade die Maasregeln, welche Witiza anwendete, um seine Macht dauernd zu begründen, machten seinen Sturz gewiß. Während unter dem Einflusse seiner ausschweifenden Herrschaft die ganze Nation in Lasterhaftigkeit und Verweichlichung versank und die Sehne des Krieges abgespannt war, wurde der junge Roderich, Theudofred's Sohn, in der herben, aber heilsamen Schule des Mißgeschicks zur Thatkraft erzogen. Er lernte die Waffen handhaben, wurde durch Uebungen mannigfacher Art gewandt und kräftig, lernte allen Gefahren trotzen und härtete sich gegen Hunger, Schlaf und die Rauheit der Jahreszeiten ab.

Seine Verdienste und sein Unglück gewannen ihm unter den Römern viele Freunde; und als er, zu kräftigem Alter herangewachsen, es unternahm, die an seinem Vater und seinen Verwandten verübten Unbilden zu rächen, eilte ein Heer braver und kühner Krieger unter seine Fahnen. Mit diesen erschien er plötzlich in Spanien. Die Freunde seiner Familie und die Mißvergnügten aller Stände beeilten sich, ihm sich anzuschließen. In Sturmeseile und ohne Widerstand schritt er in dem unbewaffneten und entnervten Lande vorwärts.

Witiza erkannte zu spät das Unglück, das er sich selbst bereitet hatte. Er hob in der Hast ein Heer aus und begab sich mit schlecht ausgerüsteten und an Kriegszucht nicht gewöhnten Truppen in das Feld, wurde aber mit leichter Mühe geschlagen und gefangen genommen; das ganze Königreich unterwarf sich Don Roderich.

Die alte Stadt Toledo, die königliche Residenz der gothischen Monarchen, war der Schauplatz großer Feierlichkeiten und festlicher Ceremonien bei der Krönung des Siegers. Die Geschichtschreiber können sich nicht darüber vereinigen, ob er, der Sitte der Gothen gemäß, durch Wahl zur Regierung gelangt, oder ob er kraft des Rechts der Eroberung dieselbe an sich riß; alle stimmen aber darin überein, daß die Nation sich seinem Scepter gern unterwarf und unter ihrem neuen Herrscher auf Glück und Wohlgedeihen hoffte. Sein Aeußeres, sein Charakter schienen diese Erwartung zu rechtfertigen. Er war in dem Glanze der Jugend, und seine Erscheinung majestätisch. Sein Herz war kühn und unternehmend und schwoll von stolzen Hoffnungen. Er besaß einen Scharfsinn, welcher die Gedanken der Menschen durchdrang, und einen edeln Geist, der alle Herzen an sich riß. Der Art ist das Gemälde, welches alte Schriftsteller von Don Roderich entwerfen, als er mit der vollen Kraft der strengen und einfachen Tugenden, welche er in dem Unglück und in der Verbannung sich erworben, und von dem Siege einer frommen Rache belebt und erglühend, den gothischen Thron bestieg.

Das Glück ist jedoch der wahre Prüfstein des menschlichen Herzens. Roderich sah sich kaum im Besitze der Krone, so erwachte die Liebe zur Herrschaft und der Argwohn der Gewalt in seiner Brust. Seine erste Maasregel betraf Witiza, welcher in Ketten vor ihn gebracht wurde. Roderich schaute auf den gefangenen König mitleidlosen Auges, nur der Unbilden und Grausamkeiten desselben gegen seinen Vater gedenkend. »Das Wehe, das er über Andere gebracht, soll über sein eigenes Haupt kommen,« sagte er; »wie er an Theudofred gehandelt hat, soll auch ihm geschehen.« So wurden Witiza die Augen ausgebohrt, und man warf ihn in denselben Kerker zu Cordova, in welchem Theudofred geschmachtet hatte. Hier brachte er in ewiger Dunkelheit, eine Beute des Elends und des bösen Gewissens, die wenigen ihm noch gegönnten Lebenstage hin.

Roderich warf nun ein unruhiges und argwöhnisches Auge auf Evan und Siseburt, Witiza's zwei Söhne. Da er fürchtete, sie mögten eine geheime Verschwörung anzetteln, verbannte er sie aus dem Königreiche. Sie flüchteten sich auf die spanischen Besitzungen in Afrika, wo Requila, der Statthalter von Tanger, sie aus Dankbarkeit für die Gunstbezeigungen, die er von ihrem verstorbenen Vater empfangen hatte, aufnahm und schützte. Hier blieben sie, um über den Verfall ihres Glückes zu brüten und über das künftige Wehe Spaniens Plane entwerfen zu helfen.

Ihr Oheim Oppas, Bischof von Sevilla, welchen Witiza zum Theilnehmer an dem erzbischöflichen Stuhle von Toledo gemacht hatte, würde dem Argwohne des Königs ohne Zweifel nicht entgangen sein; aber er war ein Mann von ungemein verschlagenem Charakter und großer äußerer Frömmigkeit und gewann sich die Huld des Monarchen. Es wurde ihm daher erlaubt, seine kirchliche Stelle zu Sevilla beizubehalten; das Bisthum von Toledo aber wurde dem ehrwürdigen Urbino anvertraut, und Witiza's Gesetz, welches das Gelübde der Ehelosigkeit der Geistlichen aufhob, zurückgenommen.

Roderich's Argwohn, die Krone sei nicht gesichert auf seinem Haupte, erwachte bald von Neuem, und seine Maasregeln waren rasch und streng. Da er erfahren hatte, daß die Kommandanten gewisser Schlösser und Vesten in Kastilien und Andalusien sich gegen ihn verschworen, ließ er sie tödten und ihre festen Plätze schleifen. Er fuhr nun fort, die verderbliche Politik seines Vorgängers nachzuahmen, ließ Mauern und Thürme niederreißen und das Volk entwaffnen, und wollte jede Empörung so im Keime ersticken. Nur wenigen Städten erlaubte er, ihre Befestigungen beizubehalten; aber diese wurden Alcayden (Festungsbefehlshabern) anvertraut, deren Treue er ganz gewiß war. Der größere Theil des Königreichs ward ohne Vertheidigung gelassen. Die Edeln, deren Mannhaftigkeit während des neuen Kriegsgetümmels auf kurze Zeit erwacht war, sanken in den ruhmlosen Zustand der Unthätigkeit zurück, welcher sie während Witiza's Herrschaft so sehr entwürdigt hatte; sie brachten ihre Zeit mit Schmausereien zu und tanzten zu den Tönen weichlichen, üppigen Gesanges.Mariana, Hist. Esp. lib. VI. cap. 21.Der Verf. Es war kaum möglich, in diesen müßigen Schlemmern und glatten Wollüstlingen die Abkommen der strengen, enthaltsamen Krieger des eisigen Nordens zu erkennen, welche Fluten und Gebirgen, Hitze und Kälte getrotzt und, durch eine halbe Welt in Waffen, sich den Weg zu Sieg und Herrschaft erfochten hatten.

Es ist wahr, sie umgaben ihren Monarchen mit dem Schimmer kriegerischen Prunkes. Nichts ging über den Glanz ihrer Waffen, die von getriebener Arbeit und in Feuer vergoldet, mit Juwelen, Gold und seltenen Zierrathen geschmückt waren. Nichts konnte zierlicher und glanzreicher sein, als ihr Aeußeres; Federn, Fahnen und seidenes Gepränge allum, wenn man die kostbaren Zubereitungen zu Turnieren und Lanzenstechen und Hoffesten sah; aber die eiserne Seele des Krieges fehlte.

Wie selten lernt man aus dem Unglücke Anderer, weise zu sein! Roderich hatte Witiza's Geschick vor Augen und gab sich denselben verderblichen Irrthümern hin und war bestimmt, in gleicher Weise sich den Weg zu seinem Verderben zu bahnen.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.