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Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 39
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
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Siebenzehntes Kapitel.

Abdalasis' und Exilona's Schicksal. – Musa's Tod.

Der Besitz kühlte Abdalasis' Leidenschaft nicht ab, sondern erhöhte nur ihre Gewalt; er wurde in seine Gemahlin blind verliebt und zog sie bei allen Dingen zu Rath; ja, da er allen Gefallen an dem Rathe des weisen Ayub verloren hatte, wurde er selbst in Regierungsangelegenheiten von dem Rathe der Exilona geleitet. Diese schöne Frau war unglücklicher Weise ein Mal Königin gewesen und konnte des Verlustes ihres königlichen Glanzes nur mit Leidwesen gedenken. Sie sah, daß Abdalasis große Gewalt in dem Lande hatte, – größere selbst, als die gothischen Könige besessen; allein es schien ihr, als wenn dieser Gewalt der wahre Glanz fehlte, so lange das äußere Zeichen der königlichen Würde ihre Stirne nicht umwand.

Als sie eines Tages in dem Palast zu Sevilla in traulicher Einsamkeit waren, und Abdalasis' Herz sich der Zärtlichkeit hingab, redete sie ihn mit innigen, aber schüchternen Worten an.

»Wird mein Gemahl nicht zürnen,« begann sie, »wenn ich mit einer unwillkommenen Bitte nahe?«

Abdalasis betrachtete sie lächelnd.

»Was kannst du von mir verlangen, Exilona,« sagte er, »dessen Gewährung mich nicht glücklich machte?«

Exilona zeigte ihm nun eine goldene, von Kleinodien strahlende Krone, welche dem Könige Don Roderich gehört hatte, und sagte:

»Sieh, deine Macht ist die eines Königs; erscheine auch äußerlich als solcher. Es ist Majestät und Glorie in einer Krone; sie gibt der Macht Weihe und Heiligkeit.«

Sie setzte nun die Krone auf sein Haupt und hielt ihm einen Spiegel vor, auf daß er die Majestät seiner Erscheinung schauen möge. Abdalasis schalt sie zärtlich und legte die Krone weg; Exilona aber bestand auf ihrer Bitte.

»Nie,« sprach sie, »war ein König in Spanien, der nicht eine Krone getragen hätte.«

So ließ sich denn Abdalasis durch die Schmeicheleien und Liebkosungen seiner Gemahlin täuschen und mit der Krone und dem Scepter und den übrigen königlichen Insignien bekleiden.Chron. gen. de Alonzo el Gabio, p. 3. – J. Mariana, De Reb. Hisp. lib. VI. c. 27. – Conde, p. I. cap. 19.Der Verf.

Alte und umsichtige Geschichtschreiber behaupten, Abdalasis habe blos in dem Innern seines Palastes die Abzeichen der Königswürde getragen und nur, um das Auge seiner jugendlichen Gemahlin zu erfreuen. Wann war aber jemals ein Geheimniß innerhalb der Mauern eines Palastes geblieben? Bald verbreitete sich das Gerücht, Abdalasis habe sich mit den Insignien der alten gothischen Könige geschmückt, und der lebhafteste Verdacht wurde rege. Bereits waren die Moslemen eifersüchtig auf den mächtigen Einfluß dieses schönen Weibes, und man behauptete jetzt mit Zuversicht, Abdalasis sei, durch ihre Ueberredungen gewonnen, heimlich zur christlichen Religion übergetreten.

Abdalasis' Feinde, sie, deren Habgier und Raubsucht in dem Wohlwollen seiner Regierung ein mächtiges Hinderniß sah, ergriffen diese Gelegenheit, ihn zu verderben. Sie sandten Briefe nach Damaskus, klagten ihn des Abfalls vom Glauben an und beschuldigten ihn der Absicht, sich in Folge des Rechtes seiner Gemahlin Exilona, als Wittwe des letzten gothischen Königs, des Thrones zu bemächtigen. Man setzte hinzu, die Christen seien gerüstet, unter seine Fahnen zu eilen, da dies das einzige Mittel sei, in ihrem Lande wieder das Uebergewicht zu erlangen.

Diese Nachrichten kamen gerade nach der Thronbesteigung des blutgierigen Soliman und während der ärgsten Verfolgung des unglücklichen Musa nach Damaskus. Der Kalife wartete nicht auf Beweise, welche diese Anklagen hätten stützen können. Er sandte augenblicklich geheime Befehle ab, Abdalasis zu morden und dasselbe Loos seine zwei Brüder, welche Statthalterstellen in Afrika hatten, theilen zu lassen, als das sicherste Mittel, die Verschwörung dieser ehrgeizigen Familie zu nichte zu machen.

Der Befehl, Abdalasis zu tödten, wurde an Abhilbar Ben Obeidah und Zeyd Ben Nabegat gesandt, welche Beide innige Freunde Musa's waren und mit seinem Sohne als Freunde und Waffengenossen gelebt hatten. Als sie das unglückliche Pergament lasen, fiel die Rolle aus ihren zitternden Händen.

»Kann eine solche Feindschaft gegen die Familie Musa's bestehen?« riefen sie: »ist dies der Lohn für solche große und glänzende Dienste?«

Die Ritter standen eine Zeit lang starr vor Schrecken und Bestürzung. Der Befehl war aber bestimmt, und es blieb ihnen keine Wahl. »Allah ist groß,« sagten sie, »und gebietet uns, unserm Kalifen zu gehorchen.« So schickten sie sich an, den blutigen Befehl mit der blinden Treue der Moslemen zu vollstrecken.

Es war nothwendig, mit Vorsicht zu Werk zu gehen. Der offene und großmüthige Charakter des jungen Emirs hatte ihm die Herzen der Mehrzahl der Krieger gewonnen, und seine Pracht gefiel den Rittern, welche seine Wache ausmachten; man mußte daher fürchten, jeder Versuch gegen sein Leben würde einen blutigen Widerstand finden. Der gemeine Haufe war aber erbittert gegen ihn, weil er dessen Raubsucht gezügelt hatte, und weil sie glaubten, er sei in seinem Herzen ein Glaubensabtrünniger, der es heimlich darauf anlege, sie an die Christen zu verrathen. Während daher die beiden Ritter sorgfältige Anordnungen trafen, um jede Bewegung von Seiten der Krieger zu hindern, ließen sie die blinde Wuth des Pöbels los, indem sie den unglücklichen Befehl bekannt machten. Augenblicklich gerieth die Stadt in Gährung, und es entstand ein wilder Wetteifer, wer der Erste wäre, den Befehl des Kalifen zu vollstrecken.

Abdalasis war zu dieser Zeit, nicht fern von Sevilla, auf dem Lande, in einem Palaste, welcher eine entzückende Aussicht auf die fruchtbare Ebene des Guadalquivir darbot. Hierher pflegte er sich aus dem wirren Tumult des Hofes zu flüchten, und hier brachte er seine Zeit in Lustwäldern und an rieselnden Bächen und in der süßen Stille der Gärten mit Exilona hin.

Es war in der Morgenstunde, zur Zeit des Frühgebets, als der wüthende Pöbel diesen Sommerpalast erreichte. Abdalasis brachte eben in einer kleinen Moschee, welche er für das umwohnende Landvolk hatte bauen lassen, sein Morgengebet dar. Exilona war in einer Kapelle in dem Innern des Palastes, wo ihr Beichtvater, ein frommer Mönch, die Messe las. Beide wurden in ihrer Andacht überrascht und von den Pöbelschaaren herausgeschleppt. Einige Wachen, welche in dem Palaste aufgestellt waren, würden wackern Widerstand geleistet haben; allein der Anblick des schriftlichen Befehls des Kalifen entwaffnete sie.

Die Gefangenen wurden im Triumphe nach Sevilla geführt. Alle wohlthätigen Tugenden Abdalasis' waren vergessen, und Exilona's Reize vermogten nicht im Geringsten, die Herzen der rohen Masse zu besänftigen. Die thierische Gier, Blut zu vergießen, welche der menschlichen Natur anzukleben scheint, war erwacht, und wehe den Opfern, wenn diese Gier durch Religionshaß angefeuert wird! Das edle Paar, mit aller Anmuth der Jugend und Schönheit geschmückt, wurde zu einem Blutgerüste auf den großen Platz zu Sevilla geschleppt und inmitten des Jubels und der Verwünschungen einer bethörten Menge enthauptet. Ihre Leichen blieben auf dem Boden liegen und würden von den Hunden zerrissen worden sein, wären sie nicht bei Nachtzeit durch irgend eine freundliche Hand weggebracht und in einem der Höfe ihres früheren Palastes ärmlich begraben worden.

So endigten Liebe und Leben von Abdalasis und Exilona im Jahre nach der Geburt Christi siebenhundertvierzehn. Ihre Namen wurden als die von Märtyrern des christlichen Glaubens heilig gehalten; Viele aber erkennen in ihrem frühzeitigen Tode eine Lehre gegen Ehrgeiz und eitlen Ruhm, da sie die wirkliche Macht und begründete Gewalt dem glänzenden Spielwerk einer Krone geopfert hatten.

Abdalasis' Haupt wurde einbalsamirt, in einem Schreine verschlossen und dem grausamen Soliman nach Syrien geschickt. Der Bote, welcher es trug, holte den Kalifen auf einer Pilgerfahrt nach Mekka ein. Musa war unter den Höflingen seines Gefolges, da man ihn aus dem Gefängnisse befreit hatte. Als der Tyrann den Schrein öffnete und dessen Inhalt sah, funkelten seine Augen vor boshafter Freude.

Er rief den unglücklichen Vater an seine Seite und sagte: »Musa, kennst du dieses Haupt?«

Der Greis erkannte die Züge seines geliebten Sohnes, und wandte sein Antlitz erschreckt ab.

»Ja, ich erkenne es wohl!« versetzte er, »und Gottes Zorn treffe den, der einen bessern Mann, als er selbst ist, zu Grund gerichtet hat.«

Ohne ein anderes Wort hören zu lassen, begab er sich, eine Beute der verzehrenden Schwermuth, auf den Berg Deran. Bald darauf erhielt er Kunde von dem Tode seiner zwei Söhne, welche er als Statthalter des westlichen Afrika's zurückgelassen hatte, und die als Opfer des eifersüchtigen Argwohns des Kalifen gefallen waren. Sein vorgerücktes Alter konnte diesen wiederholten Schlägen nicht widerstehen; er vermogte den gänzlichen Untergang seines vor Kurzem noch so glänzenden Stammes nicht zu überleben und sank in sein Grab, kummerbeladen und gebrochenen Herzens.

Das war das beklagenswerthe Ende des Eroberers von Spanien, dessen große Thaten nicht hinreichten, um in den Augen seines Gebieters eine Schwäche zu sühnen, welcher jeder Ruhmsüchtige unterworfen ist, und dessen Siege zuletzt Verfolgung über ihn und frühzeitigen Tod über seine Kinder brachten.

Hier endigt die Erzählung von der Unterjochung Spaniens.

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