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Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 35
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
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Dreizehntes Kapitel.

Zwist unter den arabischen Feldherrn. – Sie werden aufgefordert, vor dem Kalifen zu Damaskus zu erscheinen. – Tarek's Empfang.

Das Herz des Musa Ben Nosair schwoll nun in Stolz; denn er glaubte, seinem Ruhme nichts mehr hinzufügen zu können. Seiner Herrschaft war ein Gebiet unterworfen, mit welchem sich der Ehrgeiz des stolzesten Monarchen hätte begnügen können; denn das ganze westliche Afrika und die neu eroberte Halbinsel Spaniens waren ihm unterthan, und er war in den gesammten Ländern des Islam berühmt als der große Eroberer des Westen. Allein plötzliche Demüthigung harrte seiner in dem Augenblicke seines höchsten Triumphes.

Der scheinbaren Versöhnung zwischen Musa und Tarek ungeachtet, bestand fortdauernd unter ihnen eine tiefe und unversöhnliche Feindschaft, und jeder von ihnen hatte geschäftige Anhänger, welche durch ihre Zwistigkeiten Unheil in dem Heere anzustiften bemüht waren. Von beiden Parteien wurden unaufhörlich Briefe nach Damaskus gesendet, worin sie die Verdienste ihres Anführers in den Himmel erhoben und seinen Nebenbuhler herabsetzten. Nach diesen Berichten war Tarek rasch, eigensinnig und verschwenderisch und brachte der Disciplin des Heeres die größten Nachtheile, indem er die Krieger zuweilen mit der größten Strenge behandelte, zuweilen aber der Ausschweifung und Ueppigkeit freien Lauf ließ. Musa wurde als klug, scharfsichtig, würdevoll und folgerecht in seinem Verfahren gelobt. Tarek's Freunde schilderten ihn andrer Seits als tapfer, edel und hochsinnig; als gewissenhaft in der Vertheilung der Beute, von welcher er seinem Gebieter den gebührenden Antheil aufbewahre, das Uebrige aber edelmüthig unter die Krieger vertheile und so ihren Eifer für den Dienst erhöhe. »Musa im Gegentheil,« sagten sie, »ist habsüchtig und unersättlich; er erhebt unerschwingbare Kontributionen und sammelt unermeßliche Schätze, bewahrt sie aber alle in seinen eigenen Koffern.«

Der Kalife ward endlich dieser Klagen müde und fürchtete, durch die Zwistigkeiten der nebenbuhlerischen Feldherrn mögte die gute Sache des Islam gefährdet werden. Er erließ daher ein Schreiben, in welchem er ihnen befahl, ihre Stellen in die Hände passender Männer zu geben und unverweilt zu Damaskus vor ihm zu erscheinen.

Der Art war der Willkomm, welcher Musa bei seiner Rückkehr von der Unterwerfung des nördlichen Spaniens erwartete.

Der Schlag war hart für einen Mann von Musa's Stolz und Ehrgeiz; aber er schickte sich augenblicklich an zu gehorchen. Er kehrte nach Cordova zurück und sammelte unterwegs alle Schätze, welche er in den verschiedenen Städten aufbewahrt hatte. Zu Cordova ließ er alle die ausgezeichnetsten Häuptlinge und die Führer der Partei der abtrünnigen Christen zusammenkommen und bestimmte sie, seinem Sohne Abdalasis als Emir, oder Statthalter von Spanien, den Eid der Treue zu leisten. Er gab seinem Lieblingssohne viele weise Rathschläge hinsichtlich seines Benehmens und ließ seinen Neffen Ayub bei ihm, einen Mann, welcher bei den Moslemen wegen seiner Weisheit und Umsicht in hohen Ehren stand; er mahnte Abdalasis, diesen bei allen Gelegenheiten zu Rath zu ziehen und als seinen ersten und treuesten Rathgeber zu betrachten. An seine Anhänger richtete er eine Abschiedsrede, welche voll freudiger Zuversicht war; er versicherte sie, er werde bald zurückkehren, mit neuen Gunstbezeigungen und Ehren von seinem Gebieter überhäuft, und dann im Stande sein, sie für ihre treuen Dienste zu belohnen.

Als Musa von Cordova abreis'te, um sich nach Damaskus zu begeben, glich sein Aufzug ganz und gar dem Prunkzug eines morgenländischen Gewalthabers; denn er hatte zahlreiche, prachtvoll gewaffnete und geschmückte Wachen und Diener um sich, nebst vierhundert Geiseln – junge Ritter aus den edelsten Familien der Gothen – und einer großen Anzahl von Gefangenen beiderlei Geschlechtes, welche wegen ihrer Schönheit auserlesen und als Geschenke für den Kalifen bestimmt waren. Diesen folgte ein großer Zug von Lastthieren, welche mit der Beute Spaniens beladen waren; denn er nahm alle Schätze, welche er während seiner Eroberungen gesammelt, und den Antheil, welchen er für seinen Gebieter abgesondert bewahrt hatte, mit sich. Mit dieser Menge von Siegeszeichen, mit diesem Reichthum an Beute, wodurch die Herrlichkeit des von ihm eroberten Landes recht an das Licht trat, hoffte er zuversichtlich, die Verläumdungen seiner Feinde zum Schweigen zu bringen.

Als er durch das Thal des Guadalquivir zog, wandte er sich oft um und schaute gedankenvoll auf Cordova zurück. Nachdem er eine Stunde geritten war und im Begriffe stand, die Stadt aus den Augen zu verlieren, hielt er auf der Höhe eines Hügels sein Pferd an und blickte lange Zeit auf ihre Paläste und Thürme.

»O Cordova!« rief er aus; »groß und glorreich bist du unter den Städten und reich an allen Wonnen! Mit welchem Schmerz und Kummer scheide ich von dir! denn ich weiß gewiß, es würde die Zahl meiner Tage verlängern, wenn ich in deinen freundlichen Mauern wohnen könnte.«

Nachdem er diese Worte gesprochen, setzte er, wie der arabische Chronikenschreiber erzählt, seine Reise fort; aber seine Augen waren zu Boden geheftet, und häufige Seufzer verriethen die Schwere seines Herzens.

Er schiffte sich zu Cadix ein und landete mit seinem ganzen Gefolge und seinem Gepäcke an der Küste von Afrika, um die nöthigen Anordnungen in Bezug auf seine Statthalterschaft in diesem Lande zu treffen. Er vertheilte seine Herrschaft unter seine Söhne Abdelola und Meruan, deren erstern er in Tangier, den andern in Cairvan ließ. Nachdem er, wie er glaubte, auf diese Weise seiner Familie Macht und Wohlfahrt gesichert hatte, indem er alle seine Söhne als seine Stellvertreter in den von ihm eroberten Ländern zurückließ, reis'te er nach Syrien ab und nahm die kostbare Beute des Westen mit sich.

Während Musa in dieser Art über seine Befehlshaberstellen verfügte und unter der Last der Schätze langsam gen Osten zog, zeigte sich der alte Tarek bei weitem rascher und eifriger, der Aufforderung des Kalifen zu entsprechen. Er wußte, wie wichtig es da, wo Klagen gehört werden sollten, sei, zuerst vor dem Richter zu erscheinen; überdies war er zu jeder Zeit und Stunde fertig und gerüstet zum Aufbruch, und hatte nichts, das ihn in seiner Eile hemmte. Die Beute, welche er seinen Eroberungen verdankte, hatte er entweder unter seine Krieger vertheilt, oder an Musa abgeliefert, oder mit seiner gewohnten verschwenderische Freigebigkeit verschleudert. Mit einem kleinen Gefolge langgedienter Krieger erschien er in Syrien, und hatte keine andere Trophäen vorzuzeigen, als seine zerschlagene Rüstung und einen mit Narben bedeckten Körper. Mit Begeisterung aber wurde er von der Menge empfangen, welche zusammenströmte, um einen jener Eroberer des Westen zu sehen, von deren wundervollen Thaten jede Zunge sprach. Sie hatte ihre Freude an seinem hageren kriegerischen Aussehen, seinen harten, sonneverbrannten Zügen und seinem schadhaften Auge zumal.

»Heil und Segen,« rief die Menge, »dem Schwerte des Islam, dem Schrecken der Ungläubigen. Seht das wahre Vorbild eines Kriegers, welcher die Schätze verachtet und nichts sucht, als Ruhm.«

Der Kalife empfing Tarek el Tuerto mit vieler Huld und verlangte von ihm Berichte über seine Siege. Tarek theilte eine kriegermäßige Erzählung von seinem Thun mit, offen und gradezu, ohne geheuchelte Bescheidenheit und auch ohne eitle Ruhmsucht.

»Gebieter der Gläubigen,« sagte er, »ich bringe dir weder Silber, noch Gold, noch kostbare Steine, noch Gefangene; denn die Beute, welche ich nicht unter meine Soldaten vertheilte, übergab ich Musa, als meinem Befehlshaber. Welcher Art mein Benehmen gewesen, werden die ehrenhaften Krieger meines Heeres dir erzählen; ja, laß unsere Feinde, die Christen, fragen, ob ich mich jemals feig, oder grausam oder habgierig gezeigt habe.«

»Welche Art Volk sind diese Christen?« fragte der Kalife.

»Die Spanier,« sagte Tarek, »sind in ihren Vesten Löwen, in ihren Sätteln Adler, aber blose Weiber, wenn sie zu Fuß sind. Werden sie geschlagen, eilen sie, wie Ziegen, in ihre Gebirge zurück; denn wie diese, brauchen sie auf die Pfade, welche sie betreten, nicht zu achten.«

»Und erzähle mir von den Mauren der Berberei!«

»Sie gleichen den Arabern in dem Ungestüm und der Gewandtheit ihres Angriffs und in ihrer Kenntniß von den Kriegslisten; sie gleichen ihnen auch an Gesichtszügen, an Tapferkeit und Gastfreiheit; aber sie sind das treuloseste Volk auf der weiten Erde und achten nimmer auf ein gegebenes Versprechen oder ein verpfändetes Wort.«

»Und das Volk von Afrank – was sagst du von ihm?«

»Es ist unermeßlich an Zahl, rasch in seinem Angriff, ungestüm in der Schlacht, aber in der Flucht unordentlich und besinnungslos.«

»Und wie erging es dir unter diesen Völkern – haben sie dich zuweilen besiegt und geschlagen?«

»Nie, bei Allah!« rief Tarek el Tuerto mit edler Wärme, »nie hat eine meiner Fahnen das Schlachtfeld flüchtig verlassen. Obgleich der Feind doppelt so stark war, haben meine Moslemen nie den Kampf gemieden.«

Der Kalife hatte seine Freude an der kriegerischen Gradheit des alten Tarek und erzeigte ihm große Ehre; und wo der alte Krieger erschien, war er der Abgott des Volkes.

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