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Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 33
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
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Eilftes Kapitel.

Musa zieht gen Toledo. – Seine Zusammenkunft mit Tarek.

Als Musa Ben Nosair seinen Sohn Abdalasis abgesandt hatte, um Sevilla zu unterwerfen, reis'te er nach Toledo ab, um Tarek wegen seines Ungehorsams gegen seine Befehle zur Rede zu stellen; denn inmitten seiner eigenen Triumphe nagte die siegreiche Laufbahn dieses Heerführers an seiner Seele. Was vermag ein argwöhnisches und ehrgeiziges Herz zufrieden zu stellen? Auf dem Zuge Musa's durch das Land unterwarfen sich ihm Flecken und Städte ohne den geringsten Widerstand; er konnte den Reichthum des Landes und die edlen Kunstdenkmale, mit welchen es geschmückt war, nicht genug bewundern. Als er die in alten Zeiten von den Römern gebauten Brücken sah, erschienen sie ihm weniger als Werke von Menschen, denn von Genien. Allein alle diese bewundernswürdigen Gegenstände ließen es ihn nur um so schmerzlicher empfinden, daß er den ausschließlichen Ruhm nicht ansprechen konnte, dieses Land in Besitz genommen und sich unterworfen zu haben, und es erbitterte ihn um so heftiger gegen Tarek, weil dieser sich augenscheinlich bemüht hatte, die Eroberung als sein Werk erscheinen zu lassen.

Tarek hörte von seiner Annäherung; von der Mehrzahl seiner ausgezeichnetsten Siegsgefährten begleitet, eilte er ihm nach Talavera entgegen; in seinem Gefolge befand sich ein Zug von Pferden und Maulthieren, die mit Beute beladen waren, durch welche er sich die Gunst seines Oberfeldherrn zu sichern zuversichtlich hoffte. Ihr Zusammentreffen fand an den Ufern des reißenden Flusses Tiedar statt, welcher in den Bergen von Placencia entspringt und sich in den Tajo ergießt.

Musa hatte in frühern Tagen, als Tarek ihm als ein untergeordneter und unermüdlicher Heerführer diente, ihn wie sein zweites Ich geliebt und geachtet; jetzt aber, da er sich zu seinem Nebenbuhler aufgeworfen hatte, konnte er seine Eifersucht nicht verbergen. Wie der alte Tarek el Tuerto vor ihm erschien, sah er ihn einen Augenblick mit strenger und zürnender Miene an.

»Warum hast du meinen Befehlen zuwider gehandelt?« sagte er. »Ich hatte dir befohlen, meiner Ankunft und der Verstärkungen zu harren, welche ich mitbringen würde; du hast aber vorschnell das Land durchstreift und unsere Heere und unsere Angelegenheiten der größten Gefahr preis gegeben!«

»Ich habe so gehandelt,« erwiederte Tarek, »wie ich es für die Sache des Islam als das Beste erachtete, und indem ich so that, glaubte ich, Musa's Wünsche zu erfüllen. Was ich vollbracht habe, vollbrachte ich als Euer Diener. Seht, da ist Euer Antheil als Oberfeldherr an der Beute, welche ich gemacht habe.«

Bei diesen Worten ließ er unermeßliche Schätze von Gold und Silber, kostbare Stoffe und reiche Edelsteine herbeibringen und breitete sie vor Musa aus.

Der Zorn des arabischen Heerführers entflammte nur noch mehr bei dem Anblick dieser Beute; denn sie bewies, wie glänzend die Siege Tarek's gewesen waren; allein er unterdrückte für den Augenblick seinen Aerger, und sie zogen in düsterm Schweigen mit einander der alten Stadt Toledo entgegen.

Als sie die königliche Stadt betraten und in den alten Palast der gothischen Könige hinaufstiegen, und Musa darüber nachdachte, daß all dies ein Schauplatz des Triumphs für seinen Nebenbuhler gewesen, konnte er seinen Zorn nicht länger zügeln. Er forderte Tarek zu strenger Rechenschaft über alle Reichthümer, die er in Spanien gesammelt, und selbst über die Geschenke auf, welche er für den Kalifen zurückgelegt hatte; vor Allem ließ er sich seine Lieblingstrophäe, die magische Tafel des Königs Salomon, ausliefern. Als all dies geschehen war, tadelte er ihn abermals bitter wegen seines Ungehorsams gegen seine Befehle und wegen der Raschheit seines Benehmens.

»Welches blinde Vertrauen auf das Glück hast du gezeigt,« sagte er, »als du dich in ein so ausgedehntes Gebiet wagtest und mit deinem schwachen Heere so mächtige Städte angriffst! Welche Thorheit, einem verzweifelten Zufalle Alles anheim zu stellen, während du wußtest, daß ich mit einem Heere kommen würde, uns den Sieg zu sichern! Alle deine glücklichen Erfolge sind dem blosen Glücke anheim zu geben, nicht dem Scharfblick und der Feldherrngabe.«

Er ertheilte nun den übrigen Häuptlingen großes Lob wegen der Dienste, die sie der Sache des Islam geleistet; sie erwiederten jedoch kein Wort, und ihre Züge waren düster und unzufrieden; denn sie fühlten das Unrecht, welches ihrem geliebten Führer widerfuhr. Tarek angehend, so glühete zwar das Feuer in seinen Augen, aber er hielt seinen Zorn im Zaume.

»Ich habe mein Bestes gethan, um Gott und dem Kalifen zu dienen,« sagte er mit Nachdruck: »mein Gewissen spricht mich frei, und ich hoffe, so wird auch mein Gebieter thun.«

»Vielleicht thut er so,« antwortete Musa bitter: »mittlerweile aber kann ich seine Interessen keinem Waghals anvertrauen, welcher alle Befehle verachtet und dem Zufalle Alles anheim gibt. Ein solcher Feldherr ist nicht würdig, daß man ihm das Schicksal von Heeren anvertraut.«

So sprach er, entsetzte Tarek seiner Befehlshaberstelle und übertrug sie dem Renegaten Magued. Tarek el Tuerto behielt immerdar die Miene ernster Fassung bei. Sein einziges Wort war: »Der Kalife wird mir Gerechtigkeit widerfahren lassen!« Dieser lakonische Trotz steigerte Musa's Zorn so sehr, daß er ihn in ein Gefängniß zu werfen befahl und sogar sein Leben bedrohte.

Darauf hatte Magued el Rumi, obgleich er seine Beförderung der Ungnade Tarek's verdankte, die Großmuth, sich warm zu seinen Gunsten auszusprechen.

»Bedenkt,« sagte er zu Musa, »welches die Folgen dieser Strenge sein können. Tarek hat viele Freunde in dem Heere; auch seine Thaten waren ausgezeichnet und glänzend und berechtigen ihn zu den höchsten Ehren, zu dem größten Lobe, statt der Ungnade und der Gefangenschaft.«

Musa's Zorn war jedoch nicht zu besänftigen, und er hoffte, seine Maasregeln durch die Absendung einer Botschaft an den Kalifen zu rechtfertigen, bei welchem er Tarek des Ungehorsams anklagte und sein rasches, verwegenes Benehmen hervorhob. Der Erfolg bewies die Klugheit des von Magued gegebenen Rathes. Nach einiger Zeit erhielt Musa von dem Kalifen ein demüthigendes Schreiben, worin ihm befohlen wurde, Tarek den Befehl über die Truppen, »welche er so ruhmwürdig angeführt habe,« zurückzugeben und »eines der besten Schwerter des Islam« nicht nutzlos zu machen.Conde, p. I. cap. 15.Der Verf.

Auf diese Weise bringt der Neidische Demüthigungen und Vorwürfe über sich selbst, während er sich bemüht, einen verdienten Nebenbuhler herab zu setzen. Als die Kunde von der Gerechtigkeit, welche der Kalife dem alten Krieger angedeihen ließ, in das Lager kam, verbreitete sich unter den Schaaren allgemeine laute Freude, und in den lächelnden Zügen aller derer, welche Musa umgaben, las er den strengen Tadel über sein Verfahren. Er verbarg jedoch seine tiefe Demüthigung und gab sich den Anschein, als wenn er mit der größten Freude den Befehlen seines Gebieters nachkäme. Er befreite Tarek aus dem Gefängniß, lud ihn zu einem Festmahl an seine Tafel und gab ihm öffentlich den Oberbefehl über seine Schaaren zurück. Mit Jubel und Entzücken nahm das Heer seinen Liebling auf und feierte die Wiederversöhnung der beiden Feldherrn. Aber der Jubelruf der Krieger klang widerwärtig in Musa's Ohr.

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