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Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 31
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
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Neuntes Kapitel.

Musa belagert die Stadt Merida.

Musa's Heer bestand nun aus ungefähr achtzehntausend Reitern; nur weniges Fußvolk nahm er mit sich; denn dieses ließ er als Besatzung in den weggenommenen Städten. Er fand bei seinem Eintritt in Lusitanien keinen Widerstand. Eine Stadt legte nach der andern ihre Schlüssel zu seinen Füßen nieder und bat, in friedliche Dienstbarkeit aufgenommen zu werden. Nur eine einzige Stadt rüstete sich zu tapferem Widerstande – das alte Merida, ein Ort von großem Umfang, wunderbarer Stärke und zahllosem Reichthum.

Ein edler Gothe, Namens Sacarus, war Befehlshaber der Stadt – ein Mann von ausgezeichneter Klugheit, Vaterlandsliebe und Tapferkeit. Als er von dem Herannahen der Eindringlinge hörte, versammelte er innerhalb der Mauern die ganze Bevölkerung des umliegenden Landes, mit ihren Pferden und Maulthieren, ihren Heerden und ihrer besten Habe. Damit er sich einen bedeutenden Vorrath von Brod sichere, füllte er die Magazine mit Getraide und ließ auf den Kirchen Windmühlen errichten. Nachdem dies geschehen war, verwüstete er die Umgegend weit und breit, so daß ein Belagerungs-Heer sich auf einer Wüste lagern mußte.

Als Musa diese prachtvolle Stadt zu Gesicht bekam, stand er in Bewunderung verloren. Er schaute eine Zeit lang schweigend auf diese mächtigen Mauern, auf diese stolzen Thürme, ihre große Ausdehnung und auf die stattlichen Paläste und Kirchen, welche sie schmückten.

»Gewiß,« rief er zuletzt aus, »gewiß haben alle Nationen der Erde ihre Macht und Geschicklichkeit vereinigt, um diese Stadt zu verschönern und zu vergrößern. Alla Achbar! Glücklich der, welcher den Ruhm haben wird, ihrer Herr zu werden!«

Da er einsah, daß ein so bevölkerter und so stark befestigter Platz einen langen und fruchtbaren Widerstand leisten würde, sandte er Boten nach Afrika an seinen Sohn Abdalasis, um alle die Truppen, welche in den festen Plätzen Mauritaniens entbehrt werden konnten, zu sammeln, zu ihm zu eilen und sein Heer zu verstärken.

Während Musa's Truppen ihre Zelte aufschlugen, brachten ihm Flüchtlinge aus der Stadt die Kunde, eine auserlesene Schaar habe im Sinn, um Mitternacht einen Ausfall zu machen und sein Lager zu überraschen. Der arabische Befehlshaber nahm Augenblicks seine Maasregeln, sie mit einer Ueberraschung von seiner Seite zu empfangen. Nachdem er seinen Plan entworfen und den vornehmsten Führern seines Heeres mitgetheilt hatte, befahl er, man solle den ganzen Tag hindurch dem Lager das Ansehn nachlässiger Verwirrung und Unordnung geben. Die Außenposten waren nur schlecht bewacht; da und dort wurden Feuer angezündet, als schicke man sich zu fröhlichen Gelagen an; überall schallten die Töne der Musik und das Gelächter fröhlicher Schmausenden, und das ganze Lager schien in sorgloser Sicherheit sich zu ergötzen und in der Beute des Landes zu schwelgen. Als die Nacht heranrückte, erlosch ein Feuer nach dem andern, und ein tiefes Schweigen folgte, als wenn die sämmtliche Mannschaft nach dem Festgelag in schweren Schlaf gefallen wäre.

Mittlerweile zogen einzelne Truppenabtheilungen still und heimlich aus, um die Außenposten zu verstärken. Der Renegat Magued legte sich mit einem zahlreichen Kriegerhaufen in einen tiefen Steinbruch, an welchem die Christen vorüber mußten, in Hinterhalt. Nachdem diese Vorbereitungen getroffen waren, erwarteten sie in athemlosem Schweigen die Ankunft des Feindes.

Um Mitternacht versammelte sich die erlesene Schaar, welche den Ausfall wagen wollte, und der Oberbefehl wurde dem Grafen Tendero, einem gothischen Ritter von erprobter Tapferkeit, anvertraut. Nachdem sie eine feierliche Messe gehört und den Segen des Geistlichen empfangen hatten, zogen sie in möglichster Stille aus dem Thore. Man ließ sie unbelästigt an dem Hinterhalte in dem Steinbruche vorüber. Als sie sich dem Lager der Moslemen näherten, schien Alles still und ruhig; denn das Fußvolk war in Hohlwegen und Schluchten versteckt, und jeder arabische Reiter lag bewaffnet neben seinem Rosse. Die Wachen auf den Außenposten warteten, bis die Christen ihnen ganz nahe waren, und flüchteten sich dann in scheinbarer Bestürzung.

Graf Tendero gab das Zeichen zum Angriff, und die Christen stürzten voller Zuversicht voran. In einem Augenblick brach auf allen Seiten ein Sturm von wirbelnden Trommeln, schmetternden Trompeten und grellem Kriegsgeschrei los. Ein Heer schien aus der Erde heraufzusteigen; Reiterschaaren griffen sie donnernd von vornen an, während der Steinbruch Legionen bewaffneter Krieger in ihrem Rücken ausströmte.

Das Getöse des furchtbaren Kampfes, der statt fand, wurde auf den Mauern der Stadt gehört und durch Jubelruf beantwortet; denn die Christen waren der Meinung, es käme von dem Schrecken und der Verwirrung des arabischen Lagers. Nach kurzer Weile jedoch wurden sie durch diejenigen enttäuscht, welche, todtenbleich vor Schrecken und mit Wunden bedeckt, aus dem Gefechte entflohen.

»Die Hölle selbst« riefen sie »ist auf der Seite der Ungläubigen; die Erde speit Krieger aus und Rosse, um ihnen beizustehen. Wir haben nicht mit Menschen, sondern mit Teufeln gefochten.«

In diesem schrecklichen Gemetzel wurde der größere Theil der auserlesenen Truppen, welche bei dem Ausfalle waren, in Stücke gehauen; denn das Gewitter des Kampfes, welches so plötzlich über sie hereingebrochen war, hatte sie verwirrt. Graf Tendero focht mit verzweifeltem Muthe und fiel, mit Wunden bedeckt. Sein Körper wurde am nächsten Morgen unter den Erschlagenen liegend und mit vielen Lanzenstichen durchbohrt gefunden. Der Renegat Magued schlug ihm das Haupt ab und band es an den Schweif seines Pferdes und begab sich mit dieser barbarischen Trophäe zu dem Zelte Musa's; allein die Feindschaft des arabischen Feldherrn war von minder bösartiger Natur. Seinem Befehle zufolge mußte das Haupt und der Körper auf eine Bahre gelegt und mit geziemender Achtung behandelt werden.

In dem Laufe des Tages kam ein Zug von Priestern und Mönchen aus der Stadt an; sie baten um Erlaubniß, die Leiche des Grafen aufsuchen zu dürfen. Musa übergab ihnen dieselbe und fügte viele kriegsmännische Lobeserhebungen über die Tapferkeit dieses guten Ritters hinzu. Die Geistlichen bedeckten sie mit einem Tuche von Goldstoff und trugen sie in düstrer Prozession in die Stadt zurück, wo sie mit lautem Wehklagen empfangen wurde.

Die Belagerung wurde nun mit großem Eifer betrieben, und wiederholte Angriffe wurden gemacht – allein vergeblich. Musa überzeugte sich endlich, daß die Mauern zu hoch waren, um sie ersteigen, und die Thore zu stark, um sie ohne die Hülfe von Maschinen erbrechen zu können; und er ließ von den Angriffen ab, bis die nöthigen Werkzeuge hergerichtet werden konnten. Der Befehlshaber der Stadt vermuthete nach diesem Aufhören der kriegerischen Thätigkeit, der Feind schmeichle sich, den Platz durch Hungersnoth in die Enge zu treiben. Er ließ demzufolge große Körbe mit Brod über die Mauern der Stadt werfen und sandte Boten an Musa, welche ihn benachrichtigten, wenn es seinem Heere an Brod fehle, so würde er es damit versehen, da er in seinen Speichern hinreichendes Getraide für eine zehnjährige Belagerung habe.Bleda, Chronica, lib. I, cap. 11.Der Verf.

Die Bürger aber hatten den kühnen und ungezähmten Geist ihres Befehlshabers durchaus nicht. Als sie bemerkten, daß die Moslemen furchtbare Maschinen zur Zerstörung ihrer Mauern bauten, verloren sie allen Muth, umringten den Befehlshaber mit Geschrei und Wehklagen und zwangen ihn, Leute auszusenden, welche wegen der Uebergabe unterhandeln sollten.

Mit Beben und Zagen erschienen diese Abgesandten vor Musa; denn sie konnten nur einen grausamen und furchtbaren Krieger in dem Manne vermuthen, welcher das Land mit solchem Schrecken erfüllt hatte: zu ihrem großen Erstaunen erblickten sie aber einen alten, ehrwürdigen Mann mit weißem Haar, einem schneeigen Bart und blassem, abgemagertem Gesichte. Er hatte die vergangene Nacht schlaflos hingebracht und war den ganzen Tag in den Umgebungen der Stadt gewesen; er war daher durch Wachen und Ermüdung erschöpft, und sein Gewand war mit Staub bedeckt.

»Welch ein Teufel von einem Menschen ist dies,« sagten die Abgesandten leise unter sich, »daß er an dem Rande des Grabes eine solche Belagerung unternimmt! Laßt uns unsre Stadt nach unsern besten Kräften vertheidigen; wir halten es gewiß länger aus, als das Leben dieses Graubarts währt.«

Sie kehrten daher in die Stadt zurück und höhnten eines Eindringlings, der geeigneter schien, sich auf eine Krücke zu stützen, als eine Lanze zu handhaben. Und die Bedingungen, welche Musa anbot, und die man sonst für ehrenvoll erachtet hätte, wurden von den Bewohnern der Stadt höhnisch zurückgewiesen. Wenige Tage enttäuschten sie aber in ihrer schlecht berechneten Zuversicht.

Abdalasis, der Sohn Musa's, kam an der Spitze eines Verstärkungs-Heeres aus Afrika; er brachte sieben tausend Reiter und eine Unzahl Bogenschützen aus den Barbaresken-Staaten mit; es war ein prachtvolles Schauspiel, ihn mit diesem Heere in das Lager ziehen zu sehen. Die Ankunft dieses jungen Kriegers wurde mit dem größten und lautesten Jubel begrüßt, so sehr hatte er sich durch die Gradheit, Offenheit, die Anmuth und das Edle seines Benehmens die Herzen der Araber gewonnen. Sogleich nach seiner Ankunft wurde ein großer Sturm gegen die Stadt unternommen, und da viele der großen Sturmmaschinen vollendet waren, wurden sie auf Rädern heran gebracht und begannen, gegen die Stadt zu donnern.

Der wankelmüthige Pöbel wurde von Neuem von Schrecken ergriffen; abermals umringten sie den Befehlshaber der Stadt mit Geschrei und Wehklagen und zwangen ihn, eine zweite Gesandtschaft an den arabischen Feldherrn zu senden, um nochmals wegen der Uebergabe zu unterhandeln. Als die Abgesandten vor Musa erschienen, konnten sie ihren Augen kaum trauen uns waren ungewiß, ob dies der welke, weißköpfige alte Mann sei, von welchem sie neulich so wegwerfend gesprochen hatten. Sein Haupthaar und sein Bart waren mit einem röthlichen Braun gefärbt; seine Züge waren durch Ruhe erfrischt, und der Unwille färbte seine Wange; überhaupt erschien er als ein Mann in der reifen Kraft seines Lebens. Die Abgeordneten waren von Schauer durchbebt.

»Gewiß,« sagten sie leise unter sich, »dies ist entweder der Teufel oder ein Zauberer, welcher sich nach Belieben alt und jung machen kann.«

Musa empfing sie stolz.

»Fort!« sagte er, »fort von hier, und sagt denen, die euch senden, daß ich ihnen dieselben Bedingungen zugestehe, welche ich ihnen schon ein Mal angeboten habe, sofern sich nämlich die Stadt augenblicklich ergibt; aber ich schwöre es bei dem Haupte des Propheten, zögert man nur im geringsten, so soll Keiner, der da athmet in der Stadt, von mir Gnade erhalten.«

Blaß und niedergeschlagen kehrten die Abgesandten in die Stadt zurück.

»Beeilt euch.« sagten sie; »beeilt euch und nehmt jede Bedingung an, welche man euch stellt; was nützt es, gegen Männer zu fechten, welche sich nach Gefallen verjüngen können? Seht, neulich verließen wir den Anführer den Ungläubigen als einen alten schwachen Mann, und heute haben wir ihn jung und kräftig wieder gefunden.«Conde, p. I. cap. 13. Ambrosio de Morales. – Wir wollen nicht unbemerkt lassen, daß in der auf Befehl Alonso's des Weisen verfaßten Chronik dieses Begebniß als bei der Belagerung von Sevilla vorgefallen erzählt wird. – Der Verf.

Die Stadt wurde demzufolge unverweilt übergeben, und Musa hielt seinen siegreichen Einzug. Seine Bedingungen waren gnädig. Diejenigen, welche bleiben wollten, wurden in ihren Rechten, Besitzungen und in ihrem Glauben geschützt; er nahm nur das Eigenthum derer, welche die Stadt verließen oder im Kampfe gefallen waren; auch nahm er alle Waffen und Pferde, so wie die Kostbarkeiten und Schätze der Kirchen für sich in Anspruch. Unter der Beute, welche auf diese Weise aus heiligen Orten herrührte, war ein Becher, der aus einer einzigen Perle gefertigt worden und den ein ehemaliger König von Spanien aus dem Tempel von Jerusalem mitgebracht hatte, als er von Nebucadnezar zerstört worden war. Diesen kostbaren Becher bot Musa dem Kalifen als Geschenk dar, und er wurde in der ersten Moschee der Stadt Damaskus aufbewahrt.Marmol, Descript. de Africa. T. I, l. 2. – Der Verf.

Musa wußte selbst in dem Feinde das Verdienst zu schätzen. Als Sacarus, der Befehlshaber von Merida, vor ihm erschien, zollte er dem Muth und der Geschicklichkeit, welche er bei der Vertheidigung der Stadt gezeigt hatte, hohes Lob, nahm seinen eigenen Säbel, welcher von großem Werthe war, und gürtete ihm denselben um. »Trage ihn,« sagte er, »als einen armen Beweis meiner Bewunderung für dich; ein Krieger von solcher Tugend und Tapferkeit ist bei weitem höherer Ehren würdig.«

Gern hätte er ihn überredet, in seine Dienste zu treten, oder als einer der ersten Vasallen des Kalifen in der Stadt zu bleiben; aber der hochsinnige Sacarus verschmähte es, sein Haupt unter das Joch der Eroberer zu beugen; auch vermogte er es nicht über sich, ruhig in seiner Heimath zu leben, so lange sie unter der Herrschaft der Ungläubigen seufzte. Er sammelte alle die, welche es vorzogen, ihn in die Verbannung zu begleiten, um sich und schiffte sich ein, um ein Land aufzusuchen, wo er in Frieden und in freier Ausübung seiner Religion leben könnte. Auf welchem Gestade »die Pilger des Oceans« landeten, ist nie bekannt geworden; die Sage läßt uns jedoch vermuthen, es sei auf irgend einer unbekannten Insel, fern in dem Schoose des atlantischen Meeres, gewesen.Abulcasim, Perdida de Espana, lib. I. cap. 13. – Der Verf.

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