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Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
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Die Erzählung von Don Roderich.

Viele in dieser Sage enthaltenen Thatsachen sind aus einer alten Chronik genommen, welche in zierlicher und veralteter spanischer Handschrift geschrieben und angeblich eine Uebersetzung aus der arabischen Geschichte des Mauren Rasis ist, die Mohammed, ein moslemitischer Schriftsteller, und Gil Parez, ein spanischer Priester, gefertigt haben. Man betrachtet sie als eine literarische Mosaik-Arbeit, aus arabischen und spanischen Chroniken zusammengesetzt; die meisten spanischen Geschichtschreiber haben jedoch aus diesem Werke ihre Einzelnheiten in Bezug auf die Schicksale Don Roderich's entnommen.

Der Verf.

 

Erstes Kapitel.

Von den alten Bewohnern Spaniens. – Von Witiza des Gottlosen schlimmer Regierung.

Spanien, oder, wie es in den alten Zeiten genannt wurde, Iberien, war ein von den frühesten Perioden her durch Eindringlinge vielfach bedrängtes Land. Die Celten, die Griechen, die Phönizier, die Karthaginenser brachen wechselsweise oder zu gleicher Zeit in seine Gebiete ein, trieben die eingebornen Iberier aus ihren heimischen Sitzen und gründeten Kolonien und bauten Städte in dem eroberten Lande. Später fiel es in die nach Allem greifende Gewalt Rom's und war eine Zeitlang eine unterjochte Provinz; und als dies riesenhafte Reich in Trümmer zerfiel, überströmten die Sueven, die Alanen und die Vandalen, diese Barbaren des Nordens, das arme Land, verwüsteten es und theilten seine Gebiete unter sich.

Ihre Herrschaft war nicht von langer Dauer. Im fünften Jahrhundert unternahmen die Gothen, welche damals Rom's Verbündete waren, die Eroberung Iberiens, und nach einem dreijährigen verzweifelten Kampfe blieben sie Sieger. Sie trieben die barbarischen Horden, ihre Vorgänger, vor sich her, verbanden sich durch Zwischenheirathen und verschmolzen sich mit den alten Eingebornen des Landes und bildeten ein mächtiges, glänzendes Reich, welches die Iberische Halbinsel, das alte Narbonesische, später Gallia gothica oder Gothisches Gallien genannt, und einen Theil der afrikanischen Küste, Tingitania geheißen, in sich begriff. Durch diese Mischung der Gothen und Iberier wurde gewissermaßen auch ein neuer Volksstamm erzeugt. Einer Verbindung kriegerischer Stämme entsprungen und inmitten des Waffengetöses gesäugt und herangewachsen, waren die Gothischen Spanier, wenn man sie so nennen darf, ein kriegerisches, ruheloses, aber hochsinniges und heldenmüthiges Volk. Ihre einfache, enthaltsame Lebensweise, ihre Verachtung körperlicher Mühseligkeiten und Leiden und ihre Liebe zu kühnen Unternehmungen machten sie ganz für das Kriegerleben geeignet. Auch waren sie dem Kriege so zugethan, daß sie, wenn es ihnen an Feinden von außen fehlte, mit denen sie sich messen konnten, sich unter einander bekämpften, und wenn sie im Handgemenge waren, konnten, wie ein alter Chronikenschreiber sagt, selbst die Donnerschläge und Blitze des Himmels sie nicht trennen.Florian de Ocampo. lib. III. cap. 12. – Justin. Abrev Trog. Pomp, lib. XLIV. Bleda, Chronica. lib. II. cap. 3.Der Verf.

Zwei und ein halbes Jahrhundert hindurch blieb die Herrschaft der Gothen unerschüttert, und fünf und zwanzig Könige hatten während dieser Zeit in ununterbrochener Reihenfolge den Thron inne. Die Krone war der Wahl eines Rathes von Palatinen (Kronbeamten), der aus den Bischöfen und Edeln zusammengesetzt war, anheim gegeben; während diese Palatine dem neu gewählten Herrscher Treue schworen, verpflichteten sie ihn seinerseits durch einen Eid zu treuer Erfüllung seiner Pflichten. Sie wählten unter dem Volke, und ihre Wahl war nur einer einzigen Bedingung unterworfen – der König mußte reinen Gothischen Geblütes sein. Obgleich aber die Krone, dem Grundsatze nach, wählbar war, wurde sie durch den Gebrauch allmählich erblich, und die Macht der Könige stieg so, daß sie fast eine unbeschränkte war. Der König war Oberbefehlshaber der Heere; die Verleihung aller Stellen des Königreichs war in seinen Händen; er rief die Nationalberathungen zusammen und lös'te sie auf; er gab Gesetze und nahm sie zurück, wie er es für gut fand; und da er auch in Kirchensachen unbeschränkte Gewalt ausübte, herrschte er selbst über das Gewissen seiner Unterthanen.

Die Gothen waren, zur Zeit ihres Einfalls, dem Arianismus auf das Eifrigste zugethan; nach einiger Zeit aber gingen sie zu der katholischen Lehre über, welche durch die eingebornen Spanier in vielfacher Hinsicht von den grellen abergläubischen Ansichten der Kirche von Rom fern gehalten worden war; und diese Glaubenseinheit trug mehr als alles Andere dazu bei, daß diese zwei Stämme in einen verschmolzen und sich verbanden. Die Bischöfe, so wie die übrigen Geistlichen, befleißigten sich eines musterhaften Lebens und halfen den Einfluß der Gesetze erhöhen und das Ansehen der Regierung erhalten. Die Früchte einer regelmäßigen und gesicherten Verwaltung äußerten sich in dem Erblühen des Ackerbaues, des Handels und der Künste des Friedens, so wie in erhöhtem Reichthum, Luxus und geistiger Bildung; aber man bemerkte auch den allmähligen Verfall der einfachen, kräftigen und kriegerischen Sitten, welche die Nation in ihren halb barbarischen Zeiten ausgezeichnet hatten.

Dieser Art war der Zustand Spaniens, als in dem Jahre der christlichen Zeitrechnung 701 Witiza zum Könige der Gothen erwählt wurde. Der Anfang seiner Regierung erfüllte Spanien mit der Hoffnung glücklicher Tage. Er half Beschwerden aller Art ab, ermäßigte die Abgaben seiner Unterthanen und verband in der Handhabung der Gesetze Kraft und Milde auf eine seltene Weise. Nach kurzer Weile warf er aber die Maske ab und zeigte sich ganz seinem Charakter gemäß – grausam und üppig.

Zwei seiner Verwandten, Söhne des vorigen Königs, weckten seinen Argwohn in Bezug auf die Sicherheit seines Thrones. Einen derselben, Namens Favila, Herzog von Cantabrien, ließ er umbringen und hätte seinen Sohn Palavo dasselbe Schicksal theilen lassen, hätte er des Jünglings, den die Vorsehung zum künftigen Heile Spaniens aufbewahrt hatte, habhaft werden können. Der andere Gegenstand seines Argwohns war Theudofred, welcher vom Hofe entfernt lebte. Witiza's ungestüme Gewalt erreichte ihn sogar in seiner Zurückgezogenheit. Die Augen wurden ihm ausgebohrt, und man mauerte ihn in einem Schlosse zu Cordova ein. Roderich, Theudofred's junger Sohn, entfloh nach Italien, wo er bei den Römern Schutz fand.

Als Witiza sich nun auf dem Throne sicher glaubte, ließ er seinen ausschweifenden Leidenschaften freien Zügel und erhielt bald, in Folge seiner Tyrannei und Sinnlichkeit, den Namen Witiza der Gottlose. Die alte gothische Enthaltsamkeit verachtend und sich dem Beispiele der Sekte Mahomet's zuneigend, welche seinem lüsternen Temperament mehr zusagte, erlaubte er sich die Verbindung mit mehreren Weibern und Beischläferinnen und ermuthigte auch seine Unterthanen, dasselbe zu thun; er suchte sogar für seine Ausschweifungen die Genehmigung der Kirche zu erhalten, indem er ein Gesetz ergehen ließ, demzufolge die Geistlichen ihres Gelübdes der Ehelosigkeit entbunden und ihnen erlaubt wurde, sich zu verheirathen und Liebschaften zu unterhalten.

Der Pabst Constantin drohte, ihn abzusetzen und in den Bann zu thun, wenn er dieses ruchlose Gesetz nicht aufhöbe; allein Witiza bot ihm Trotz und drohte, wie sein gothischer Vorgänger Alarich, ihn in der ewigen Stadt mit seinem Heere anzugreifen und die dort angehäuften Schätze als Beute wegzuführen.Chron. von Luitprand. 709. – Aborca, Anales de Aragon (el Mahometismo.) fol. 5.Der Verf. »Wir wollen,« sagte er, »Unsere Fräulein mit den Juwelen Rom's schmücken und Unsere Koffer aus der Münze des h. Petrus füllen.«

Ein Theil der Geistlichkeit widersetzte sich dem neuerungssüchtigen Geiste des Monarchen und war von der Kanzel herab bemüht, das Volk zu den reinen Lehren ihres Glaubens zurückzuführen; aber sie wurden ihrer geistlichen Aemter entsetzt und als aufrührerische Unruhestifter verbannt. Die Kirche von Toledo bewies sich fortwährend widerspenstig: der Erzbischof Sindared war allerdings nicht sehr abgeneigt, sich in die Verderbniß der Zeiten zu fügen und zu finden; aber die Domherrn kämpften unerschrocken gegen die neuen Gesetze des Monarchen und vertheidigten das von ihnen abgelegte Gelübde der Keuschheit mannhaft. »Da sich die Kirche von Toledo Unserem Willen nicht fügen will,« sagte Witiza, »so soll sie zwei Männer haben.« Indem er das sagte, bestimmte er seinen eigenen Bruder Oppas, der damals Erzbischof von Sevilla war, mit Sindared auf dem bischöflichen Stuhle von Toledo zu sitzen, und machte ihn zum Primas von Spanien. Er war ein Priester nach seinem Herzen und unterstützte ihn in all seinem schmählichen sittenlosen Treiben.

Vergebens drohte der römische Stuhl mit seinen Blitzen; Witiza sagte dem römischen Pabste den Gehorsam gänzlich auf und bedrohte alle die mit dem Tode, welche den päbstlichen Befehlen nachkommen würden. »Wir werden es nie zugeben,« sagte er, »daß ein fremder Priester mit dreifacher Krone über Unser Land zu herrschen die Anmaßung habe.«

Die Juden waren unter der vorhergehenden Regierung aus dem Lande verbannt worden; Witiza jedoch erlaubte ihnen zurückzukehren und ertheilte sogar ihren Synagogen Privilegien, deren er die Kirchen beraubt hatte. Seit den Tagen, an welchen die Kinder Israels bei ihren Vorbereitungen zu der denkwürdigen Flucht aus Egypten die goldenen Kleinodien und die silbernen Kostbarkeiten von ihren Nachbarn borgten, fehlte es ihnen nie an Gold und Silber und kostbaren Steinen, um damit Handel und Wandel zu treiben. Sie waren daher bei dieser Gelegenheit in den Stand gesetzt, mit Säcken voll Geld und Körben funkelnder Edelsteine, dem reichen Gewinne ihres morgenländischen Verkehrs, den Schutz des Monarchen zu bezahlen.

Das Königreich erfreute sich damals der Ruhe von außen; aber im Inneren gewahrte man Symptome des Mißvergnügens. Witiza erschrak; er erinnerte sich des alten unruhigen Geistes der Nation und ihrer Neigung zu innern Zwistigkeiten. Durch geheime Befehle, die er nach allen Richtungen ergehen ließ, machte er daher die Mehrzahl der Städte wehrlos und zerstörte die Schlösser und Vesten, welche als Vereinigungspunkte für die Parteien hätten dienen können. Auch das Volk entwaffnete er und verwandelte die kriegerischen Waffen in Friedensgeräthe. Es schien in der That, als wenn das tausendjährige Reich über das Land kommen sollte; denn aus dem Schwert machte man eine Pflugschaar und aus dem Speer ein Baum-Messer.

Während auf diese Weise das alte kriegerische Feuer der Nation vertilgt wurde, zerstörte man ihre Moralität nicht minder. Die Altäre waren verlassen, die Kirchen geschlossen; Unordnung und Lüderlichkeit herrschten überall in dem Lande, so daß, den alten Chronikenschreibern zufolge, in der Zwischenzeit weniger kurzer Jahre »Witiza der Gottlose ganz Spanien sündigen gelehrt hatte.«

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