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Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
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Siebentes Kapitel.

Musa Ben Nosair. – Sein Eintritt in Spanien und die Einnahme von Carmona.

Wir lassen nun den kühnen Tarek eine Zeitlang seine siegreichen Züge von Stadt zu Stadt fortsetzen und wenden unsere Blicke auf Musa Ben Nosair, den berühmten Emir von Almagreb, den Oberbefehlshaber der moslemitischen Heere im Westen. Als dieser eifersüchtige Feldherr sein Schreiben abgesandt, welches Tarek befahl, Halt zu machen und seine Ankunft abzuwarten, rüstete er Alles zu, um mit einer mächtigen Verstärkung in Spanien einzutreffen und den Oberbefehl des siegreichen Heeres zu übernehmen. Seinen ältesten Sohn, Abdalasis, hatte er zu Cärvan zurückgelassen und ihm die Statthalterschaft über Almagreb oder Westafrika übergeben. Dieser Abdalasis war in der Blüthe der Jugend und wegen seiner Großmuth und der einnehmenden Leutseligkeit, die seinen Muth verschönte, von den Kriegern ungemein geliebt.

Musa Ben Nosair setzte mit einem auserlesenen Heere von zehntausend Reitern und achttausend Fußgängern, Arabern und Afrikanern, über die Meerenge des Herkules. Seine zwei Söhne, Meruan und Abdelola, und zahllose arabische Edle aus dem Stamme Koreish begleiteten ihn. Er stieg mit seinen glänzenden Legionen auf der Küste von Andalusien an's Land und ließ seine Zelte am Guadiana aufschlagen.

Hier erhielt er die erste Kunde, daß der ungestüme Tarek gegen seine Befehle ungehorsam gewesen und, ohne seine Ankunft zu erwarten, seinen Zug fortgesetzt und die edelsten Provinzen und Städte des Königreichs mit seiner leichten arabischen Reiterei durchstreift und unterjocht habe.

Musa's argwöhnischer Geist wurde durch diese Nachrichten nur noch erbitterter. Er betrachtete fortan Tarek nicht mehr als seinen Freund und Mithelfer, sondern als einen neidischen Nebenbuhler, als den entschiedensten Feind seines Ruhms; und er beschloß, ihn zu verderben. Sein erster Gedanke war jedoch, sich einen Theil an der wirklichen Eroberung des Landes zu sichern, bevor es gänzlich unterjocht wäre.

Er wählte zu diesem Zwecke unter seinen christlichen Gefangenen einige Führer und brach auf, um sich solche Theile des Landes zu unterwerfen, welche von Tarek noch nicht besucht worden waren. Der erste Platz, welchen er angriff, war die alte Stadt Carmona. Sie war nicht von bedeutendem Umfange, wurde aber durch hohe Mauern und feste Thürme vertheidigt; auch hatten sich viele der Flüchtlinge des großen Heeres, das bei Xerez geschlagen worden war, in diese Stadt geworfen.

Die Gothen hatten sich um diese Zeit von ihrem ersten Schrecken erholt; allmählig hatten sie sich an den Anblick der sarazenischen Schaaren gewöhnt, und ihr angeborner Muth war durch die Gefahr neu belebt worden.

Kurz nachdem die Araber ihre Zelte vor den Mauern von Carmona aufgeschlagen hatten, machte ein auserlesenes Häuflein von Rittern eines Morgens vor Anbruch des Tages einen plötzlichen Ausfall, überrumpelte den nichts ahnenden Feind, tödtete dreihundert Mann in den Zelten und zog sich wieder in die Stadt zurück; sie ließen zwanzig der Ihrigen, mit ehrenvollen Wunden bedeckt, und zwar in dem Mittelpunkte des feindlichen Lagers, todt zurück.

Am nächsten Tag machten sie wieder einen Ausfall und stürzten sich auf einen andern Theil des Lagers; die Araber waren aber dies Mal auf ihrer Hut und stellten ihnen überlegene Streitkräfte entgegen. Nachdem sie eine Zeitlang tapfer gefochten, wurden sie in Unordnung gebracht und flüchteten in voller Eile nach der Stadt, während die Araber ihnen auf den Fersen folgten. Die Wachen drinnen fürchteten, die Thore zu öffnen, um nicht mit ihren Freunden einen Strom von Feinden in die Stadt zu lassen. Als die Fliehenden sich auf diese Weise ausgeschlossen sahen, beschlossen sie, wie brave Krieger zu fallen, ehe sie sich übergäben. Sie wendeten daher plötzlich ihre Pferde, öffneten sich einen Weg mitten durch die Schaar ihrer Feinde, schlugen sich wieder bis zu dem Lager durch und wütheten in demselben mit verzweifelter Wildheit, bis sie, nachdem sie dem Feinde gegen achthundert Mann getödtet, sämmtlich niedergehauen wurden.Abulcasim, Perdida de Espana, lib. I. cap. 13.Der Verf.

Musa befahl nun, die Stadt durch Sturm zu nehmen. Die Moslemen griffen sie von allen Seiten an, fanden aber tapfern Widerstand. Es regnete Steine, Pfeile und siedendes Pech auf sie, wodurch viele ihren Tod fanden; andere, welche Sturmleitern angelegt hatten, wurden kopfüber von den Zinnen herab gestürzt. Der Alcayde Galo vertheidigte, nur von zwei Kriegern unterstützt, einen Thurm und einen Theil der Mauer, und tödtete und verwundete mit einer Armbrust mehr als achtzig feindliche Krieger. Der Angriff hatte über einen halben Tag gedauert, als die Moslemen mit einem Verluste von fünfzehnhundert Mann zurückgedrängt wurden.

Musa war erstaunt und erbittert, vor einer so kleinen Stadt auf einen solchen verzweifelten Widerstand zu stoßen; denn Carmona war einer der wenigen Plätze, wo während dieser denkwürdigen Eroberung die Tapferkeit der Gothen sich in ihrem ganzen alten Glanze zeigte.

Während das Heer der Moslemen vor der Stadt lag, stießen zu ihm der Renegat Magued und der Verräther Graf Julian nebst tausend Reitern, größtentheils abtrünnige Christen, elende Verräther ihres Vaterlandes und in ihrem kriegerischen Thun wilder noch, als die Araber der Wüste. Um sich bei Musa in Gunst zu setzen und seine Anhänglichkeit an die Sache des Islam darzuthun, übernahm es der Graf, durch eine arge Kriegslist diese tapfere Stadt in die Hände der Mauren zu liefern.

Eines Abends in der Dämmerstunde kamen eine Anzahl Christen, die als Handelsleute gekleidet waren, an einem der Thore an und hatten einen Zug Maulthiere, die mit Waffen und manchfachem Kriegsgeräthe beladen waren, bei sich.

»Oeffnet das Thor schnell!« riefen sie: »wir bringen Vorrath für die Besatzung; aber die Araber haben uns entdeckt und sind uns auf den Fersen.«

Das Thor wurde geöffnet, die Handelsleute zogen mit ihren Lastthieren ein und wurden freudig empfangen. Speise und Trank wurde ihnen vorgestellt, und nachdem sie sich erfrischt hatten, begaben sie sich in die ihnen angewiesenen Wohnungen.

Diese angeblichen Handelsleute waren Graf Julian und eine Anzahl seiner Getreuen. In der Mitternachtsstunde stahlen sie sich still heraus, sammelten sich an einem verabredeten Platze und zogen dem sogenannten Thore von Cordova zu. Hier fielen sie plötzlich über die nichts ahnenden Wachen her, ließen sie über die Klinge springen, öffneten das Thor und ließen eine große Abtheilung arabischer Krieger herein.

Der Klang von Trompeten und Trommeln und der Hufschlag der Rosse weckten die armen Bewohner aus dem Schlafe. Die Araber jagten durch alle Gassen; ein furchtbares Blutbad begann, worin Niemand verschont wurde, als solche weibliche Wesen, die jung und schön waren und den Harems der Sieger zur Zierde zu dienen hoffen ließen. Die Ankunft Musa's machte der Plünderung und dem Gemetzel ein Ende, und er gestand denen, die noch am Leben waren, günstige Bedingungen zu.

So fiel die tapfere kleine Stadt Carmona, nachdem sie den offenen Angriffen der Ungläubigen den edelsten Widerstand geleistet, als ein Opfer der Verrätherei abtrünniger Christen.Chron. gen. de Espana, por Alonso el Sabio, p. III. c. 1.Der Verf.

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