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Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 26
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
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Viertes Kapitel.

Vertheidigung des Klosters St. Georg durch Pelistes.

Drei lange und ängstliche Monate vertheidigte der gute Ritter Pelistes und sein wackeres Häuflein ihren heiligen Zufluchtsort gegen die wiederholten Angriffe der Ungläubigen. Die Fahne des wahren Glaubens wehte stets von dem höchsten Thurme, und während der Nacht brannten Fackeln dort, als Signale, welche das Land umher von der Noth der Belagerten unterrichten sollten. Der Wächter dieses Thurmes heftete ein sorgfältiges Auge auf das Land umher; denn in jeder Staubwolke, die aufstieg, hoffte man, die schimmernden Helme christlicher Krieger zu entdecken. Allein das Land war und blieb einsam und verlassen, oder, wenn man jemals ein menschliches Wesen entdeckte, so war es ein arabischer Reiter, welcher über die Ebene des Guadalquivir so furchtlos dahin jagte, als wenn er auf seiner heimischen Wüste wäre.

Allmählich gingen die Vorräthe des Klosters aus, und die Ritter mußten ihre Rosse eines nach dem andern schlachten, um nicht zu verhungern. Ohne zu murren, erduldeten sie das verheerende Elend der Hungersnoth und zeigten ihrem Anführer stets lächelnde Mienen. Pelistes aber las ihre Leiden in ihren bleichen, abgezehrten Gesichtern und fühlte mehr für sie, als für sich selbst. Es that ihm im tiefsten Herzen weh, daß so viele Biederkeit und Tapferkeit nur zu Knechtschaft oder Tod führen sollte, und er beschloß, einen verzweifelten Versuch zu ihrer Rettung zu wagen. Eines Tages rief er sie in dem Hofe des Klosters zusammen und entdeckte ihnen seinen Vorsatz.

»Kameraden und Waffenbrüder,« sagte er, »es ist vergeblich, tapfern Leuten die Gefahr zu verhehlen. Unsere Lage ist eine verzweifelte; unsere Landsleute kennen sie entweder nicht, oder bekümmern sich nicht darum, oder haben die Mittel nicht, uns zu helfen. Es gibt für uns nur ein Rettungsmittel: es ist voller Gefahr, und ich nehme, als euer Anführer, das Recht, ihr Trotz zu bieten, für mich in Anspruch.«

»Morgen mit dem Anbruche des Tages verlasse ich das Kloster und begebe mich in dem Augenblicke an die Thoren der Stadt, wo sie geöffnet werden. Niemand wird auf einen einzelnen Reiter Verdacht werfen; man wird mich für einen jener abtrünnigen Christen halten, welche sich auf verächtliche Weise dem Feinde zugesellt haben. Wenn es mir gelingt, aus der Stadt zu kommen, werde ich nach Toledo eilen, um dort Hülfe zu suchen. Was auch geschehen mag, ich werde in weniger als zwanzig Tagen zurück sein. Richtet ein wachsames Auge auf den nächsten Berg. Wenn ihr auf seinem Gipfel fünf Lichter seht, so seid gewiß, daß ich mit Hülfe zur Hand bin, und rüstet euch, die Stadt anzugreifen, während ich die Thore stürme. Sollte es mir nicht gelingen, Beistand zu erlangen, so werde ich zurückkehren, um mit euch zu sterben.«

Als er geendigt hatte, erboten sich die Krieger, einer um den andern, das Abenteuer zu bestehen, und widersetzten sich lebhaft seinem Entschlusse, sich selbst solcher Gefahr preiszugeben; er war aber in seinem Vorsatz unerschütterlich.

Am nächsten Morgen vor Tagesanbruch wurde sein Roß gezäumt in den Klosterhof geführt, und Pelistes erschien in voller Rüstung. Er versammelte seine Getreuen in der Kirche und betete eine Zeitlang mit ihnen vor dem Altar der Mutter Gottes. Dann erhob er sich und sprach, in ihre Mitte tretend:

»Gott weiß es allein, meine Gefährten, ob wir fortan noch ein Vaterland haben! Haben wir keine Heimath mehr, so wäre es besser, wir lägen in unsern Gräbern. Redlich und treu seid ihr gegen mich gewesen und treu wart ihr gegen meinen Sohn, selbst bis zur Stunde seines Todes; und es schmerzt mich, daß ich kein anderes Mittel habe, meine Liebe zu euch darzuthun, als indem ich mein werthloses Leben daran setze, um euch zu befreien. Das Einzige fordere ich, ehe ich euch verlasse, von euch, daß ihr mir feierlich versprecht, euch als tapfere Männer und als christliche Ritter bis zu dem Aeußersten zu vertheidigen und nie euerm Glauben zu entsagen oder euch der Gnade des Abtrünnigen Magued oder des Verräthers Julian zu ergeben.«

Sie gaben sämmtlich ihr Wort zum Pfand und schworen einen feierlichen Eid, es zu halten, vor dem Altare.

Pelistes umarmte nun einen nach dem andern und gab ihnen seinen Segen, und indem er dies that, blutete sein Herz; denn sein Gefühl gegen sie war nicht sowohl das eines Waffenbruders und Anführers, als das eines Vaters; und er nahm Abschied von ihnen, als ging er in seinen Tod. Die Ritter ihrer Seits umdrängten ihn schweigend, küßten ihm die Hand und den Saum seines Waffenrockes, und viele der Unerschütterlichsten vergossen heise Thränen.

Das Grau der Morgendämmerung säumte den östlichen Himmel; da nahm Pelistes seine Lanze in die Hand, schlang seinen Schild um den Hals, bestieg sein Roß und ritt still aus einem geheimen Thörchen des Klosters hinaus. Langsam zog er die leeren Straßen entlang und der Hufschlag seines Pferdes hallte in dieser schweigsamen Stunde in der Ferne wieder; aber Niemand argwöhnte, daß der Kriegsmann, der so allein und still durch eine bewaffnete Stadt ritt, ein Feind sein könne.

Er erreichte das Thor in dem Augenblicke, wo es geöffnet wurde. Eine Streifpartie, die zum Raube ausgeritten, zog eben mit Ochsen und Rindern und Lastthieren in die Stadt zurück, und Pelistes kam unbeachtet durch das Gedräng. Sobald er den Kriegsleuten, welche das Thor bewachten, aus den Augen war, beschleunigte er seines Pferdes Schritt, trieb es dann zum vollen Galopp an und war so glücklich, das Gebirg zu erreichen. Hier hielt er an und stieg an einem einsamen Pachthof ab, um sein keuchendes Thier ausruhen zu lassen. Kaum aber hatte er den Fuß auf die Erde gesetzt, so hörte er aus der Ferne den Hufschlag eines Verfolgenden und sah einen Reiter sein Roß bergan spornen.

Rasch warf er sich wieder auf sein Pferd, ging von dem Wege ab und jagte über die zerrissenen Felsböden dahin. Die tiefe, ausgetrocknete Rinne eines Waldbaches setzte seiner Eile Schranken, und sein Pferd, das an dem Rande strauchelte, stürzte mit seinem Reiter in die Tiefe.

Pelistes ward durch den Fall schmerzlich verwundet, und sein ganzes Gesicht war im Blut gebadet. Auch sein Pferd hatte Schaden genommen und war nicht im Stande, sich auf den Füßen zu halten, so daß alle Hoffnung, zu entrinnen, verschwand. Der Feind kam näher, und es zeigte sich, daß derselbe der abtrünnige Feldherr, Magued der Grieche, war, welcher ihn, als er aus den Thoren der Stadt ritt, bemerkt und allein verfolgt hatte.

»Willkommen, Señor Alcayde,« rief er aus; »willkommen und glücklich eingeholt. Uebergebt Euch mir als Gefangenen!«

Pelistes antwortete nicht, sondern zog sein Schwert, nahm sein Schild vor und stellte sich in Vertheidigungsstand. Obgleich Magued ein Glaubensabtrünniger und ein roher Kriegsmann war, besaß er doch einige Funken von ritterlichem Edelmuthe. Da er seinen Gegner unberitten sah, verschmähte er es, davon Vortheil ziehen zu wollen, sondern stieg ab und band sein Pferd an einen Baum.

Der Kampf, welcher nun folgte, war verzweifelt und unsicher; denn selten waren zwei Krieger auf einander gestoßen, welche sich an Stärke und Tapferkeit so sehr gleich kamen. Ihre Schilder wurden zu Stücken gehauen, der Boden mit den Trümmern ihrer Rüstung und mit ihrem Blute bedeckt. Sie ruhten mehrere Male aus, um Athem zu schöpfen, und betrachteten sich gegenseitig mit Erstaunen und Bewunderung. Allein Pelistes, der vorher durch seinen Fall verwundet worden, war in dem Kampfe sehr im Nachtheil. Der Renegat bemerkte es und suchte, ihn nicht zu tödten, sondern lebendig gefangen zu nehmen. Indem er den Kampfplatz stets änderte, ermüdete er seinen Gegner, welchen sein Blutverlust mehr und mehr schwächte.

Endlich schien Pelistes seine ganze ihm noch übrige Kraft zu sammeln, um einen entscheidenden Streich zu führen; er wurde geschickt abgewehrt, und Jener stürzte zu Boden. Der Renegat sprang herzu, setzte seinen Fuß auf sein Schwert und die Spitze seines Säbels an seine Kehle und forderte ihn auf, um Gnade für sein Leben zu bitten; Pelistes lag aber ohne Besinnung, wie todt, da.

Magued lös'te jetzt den Helm seines besiegten Feindes und setzte sich auf ein Felsstück neben ihm, um Athem zu schöpfen. In dieser Lage wurden die beiden Krieger von einigen maurischen Reitern gefunden, welche über die Spuren dieses wilden und blutigen Kampfes sehr erstaunt waren.

Da sie bemerkten, daß in dem christlichen Ritter noch Leben sei, setzten sie ihn auf eines ihrer Pferde, halfen Magued wieder auf sein Roß und zogen der Stadt langsam entgegen. Als der Zug an dem Kloster vorüber kam, schauten die Ritter heraus und sahen ihren Anführer, der blutend und als Gefangener dahin geführt wurde. Wüthend über diesen Anblick, stürzten sie zu seiner Befreiung heraus, wurden aber von der Uebermacht zurückgetrieben und bis an das Thor der Kirche gedrängt. Der Feind drang sich in dem Gewirre des Kampfes mit ein, und man focht von Flügel zu Flügel, von Altar zu Altar und in den Höfen und Gängen des Klosters. Der größere Theil der Ritter starb den Tod der Ehre, mit dem Schwert in der Hand; die übrigen wurden durch Wunden unfähig zum Kampfe und mußten sich ergeben. Das Kloster, das noch vor Kurzem ihre Veste, wurde nun ihr Gefängniß, und in den späteren Zeiten erhielt es, zur Verewigung dieses Ereignisses, den bedeutsamen Namen: »St. Georg zu den Gefangenen.«

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