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Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
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Die Erzählung von der Unterjochung Spaniens.

In dieser Erzählung gründen sich die meisten Thatsachen hinsichtlich des Einfalls der Araber in Spanien auf die Autorität arabischer Schriftsteller, welchen die genauesten Mittel, sich zu unterrichten, zu Gebot standen. Die auf die Spanier bezüglichen Mittheilungen sind aus spanischen Chroniken genommen. Es muß bemerkt werden, daß die arabischen Nachrichten meistens das Ansehen der Wahrheit haben, und daß die Begebenheiten, wie sie sie erzählen, von dem gewöhnlichen Gange des Alltagslebens nicht abweichen. Die spanischen Nachrichten dagegen sind reich an Wunderbarem; denn es gab keine größern Romanziers, als die mönchischen Chronikenschreiber.

Der Verf.

 

Erstes Kapitel.

Bestürzung des Landes. – Benehmen der Sieger. – Botschaften zwischen Tarek und Musa.

Die Niederlage des Königs Roderich und seines Heeres an den Ufern des Guadalate öffnete das ganze südliche Spanien dem Einfalle der Moslemen. Das ganze Land floh vor ihnen; Dörfer und Weiler wurden augenblicklich verlassen; die Bewohner luden ihre Greise und Kranke, ihre Weiber und Kinder und ihre kostbarsten Habseligkeiten auf Maul- und andere Last-Thiere, trieben ihre Heerden vor sich her und begaben sich in ferne Theile des Landes, auf die Vesten der Berge und in solche Städte, welche noch Mauern und Bollwerk hatten. Viele blieben, müde und kraftlos, auf dem Wege liegen und fielen in die Hände des Feindes; Andere verließen, sobald sie in der Ferne eines Turbans oder einer moslemitischen Fahne ansichtig wurden oder das Schmettern einer Trompete hörten, ihre Heerden und beschleunigten ihre Flucht mit ihren Familien. Wenn ihre Verfolger sie einholten, warfen sie ihr Hausgeräth und, was ihnen zur Last war, von sich und priesen sich glücklich, wenn sie nackt und blos flüchten und irgend einen Versteck erreichen konnten. Auf diese Weise waren die Straßen mit zerstreut wandernden Heerden und den mannichfachsten Gegenständen bedeckt.

Man konnte die Araber jedoch einer muthwilligen Grausamkeit und Verwüstung nicht anklagen; im Gegentheil, sie benahmen sich mit einer Mäßigung, welche man bei weit gebildeteren Siegern nur selten antraf. Obgleich Tarek el Tuerto ein Mann von der Klinge war und alle seine Gedanken einen kriegerischen Charakter hatten, gab er doch Beweise eines wunderbaren Scharfsinns und großer Ueberlegung. Mit strenger Hand hielt er die räuberischen Sitten seiner Schaaren im Zaum. Es war ihnen unter Androhung schwerer Strafe verboten, friedliche und unbefestigte Städte oder unbewaffnete und widerstandslose Leute, welche ruhig in ihren Häusern blieben, zu belästigen. Es war nirgends erlaubt, Beute zu machen, als auf dem Schlachtfeld, in den Lagern versprengter Feinde oder in Städten, welche mit dem Schwert weggenommen worden.

Tarek hatte selten nöthig, seine Strenge geltend zu machen; denn man gehorchte seinen Befehlen eher aus Liebe, als aus Furcht, weil er der Abgott des Heeres war. Man bewunderte seinen rastlosen, kühnen Geist, den nichts beunruhigen und niederdrängen konnte.

Seine abgemagerte, knochige Gestalt, sein feuriges Auge, sein mit Schrammen bedecktes Gesicht paßte ganz zu der Kühnheit seiner Thaten; und wenn er auf seinem dampfenden Rosse saß und mit der zuckenden Lanze oder dem blitzenden Säbel über das Schlachtfeld dahin flog, begrüßten ihn seine Araber mit dem Jubel der Begeisterung.

Was ihn jedoch seinen Mauren noch theurer machte, war seine heldenmüthige Verachtung jeder Gefahr. Er hatte keine Leidenschaft, als die, zu siegen; der Ruhm war der einzige Lohn, um den er buhlte. Die Schätze, welche ihm der Sieg zuführte, die Beute, welche er machte, vertheilte er ehrlich unter seine Leute, und seinen eigenen Antheil verschleuderte er mit der unbesorgtesten Großmuth.

Während Tarek seine Siegesbahn durch Andalusien fortsetzte, wurden Musa Ben Nosair die Nachrichten von seinem erstaunenswerthen Siege an den Ufern des Guadalate überbracht. Bote auf Bote kamen bei Musa an und wetteiferten unter sich, wer die Thaten des Siegers und die Größe des Gewinnes am meisten erhöbe.

»Tarek« sagten sie »hat die ganze Macht der Ungläubigen in einer einzigen mächtigen Schlacht zertrümmert; ihr König ist erschlagen; Tausende und Zehntausende ihrer Krieger sind geblieben; das ganze Land ist unserer Gnade anheim gegeben; und Stadt um Stadt überliefert sich den siegreichen Waffen Tarek's.«

Das Herz des Musa Ben Nosair sank trüb bei diesen Nachrichten, und statt sich des Sieges der Fahne des Propheten zu freuen, bebte er vor eifersüchtigem Bangen, die Triumphe Tarek's in Spanien würden seine eigenen Siege in Afrika in Schatten stellen.

Er schickte Eilboten an den Kalifen Walid Almanzor ab und benachrichtigte ihn von diesen neuen Siegen und Eroberungen, nahm aber den ganzen Ruhm für sich in Anspruch und erwähnte der Dienste Tarek's gar nicht, oder gedachte seiner wenigstens nur beiläufig als eines untergeordneten Befehlshabers.

»Die Schlachten« sagte er, »waren schrecklich, wie am Tage des Gerichts; durch Allah's Beistand aber haben wir den Sieg erfochten.«

Er rüstete sich nun in aller Eile, um nach Spanien überzusetzen und den Befehl über das siegreiche Heer selbst zu übernehmen. Vorher übersandte er Tarek ein Schreiben, um ihn inmitten seiner Laufbahn aufzuhalten:

»Wo dich dieser Brief auch treffen mag« – sagte er, »ich befehle dir, mit deinem Heere Halt zu machen und meine Ankunft zu erwarten. Deine Macht ist der Unterjochung des Landes nicht gewachsen, und du kannst durch ein zu rasches Wagniß Alles auf das Spiel setzen. Ich werde schleunigst und mit einer Truppenverstärkung zu dir stoßen, welche ein so großes Unternehmen fordert.«

Dieser Brief traf den alten Tarek in der vollen Begeisterung seiner glücklichen Siege, als er einige der reichsten Theile Andalusiens überzogen und eben die Nachricht von der Uebergabe der Stadt Ecija erhalten hatte. Als er das Schreiben las, stieg ihm das Blut in die sonneverbrannten Wangen, und das Feuer glühte in seinen Augen; denn er durchblickte Musa's Beweggründe. Er unterdrückte jedoch seinen Zorn und wendete sich mit einem bittern Ausdruck erzwungener Fassung zu seinen Hauptleuten.

»Sattelt eure Rosse ab« sagte er »und steckt eure Lanzen in den Boden, schlagt eure Zelte auf und pflegt der Ruhe; denn wir müssen der Ankunft des Walid harren, der uns ein mächtiges Heer zuführt, uns in unserm Siege zu unterstützen.«

Die arabischen Krieger brachen bei diesen Worten in ein lautes Murren aus.

»Wozu bedürfen wir der Hülfe« riefen sie, »wenn das ganze Land vor uns flieht? Und welchen bessern Befehlshaber können wir erhalten, um uns zum Siege zu führen, als Tarek?«

Auch Graf Julian, der anwesend war, beeilte sich, ihm seinen verrätherischen Rath zu geben.

»Warum sollen wir« rief er »in diesem kostbaren Augenblicke Halt machen? Das große Heer der Gothen ist besiegt, und ihre Edlen sind getödtet oder zerstreut. Verfolgt den Sieg, den ihr erfochten, ehe das Land sich von seinem Schrecken erholen kann. Bemächtigt Euch der Provinzen, faßt festen Sitz in den Städten, macht Euch zum Herrn der Hauptstadt, und Euer Sieg ist vollständig.Condre, I. c. p. I. cap. 10.Der Verf.

Alle arabischen Häuptlinge, welchen jede Unterbrechung in dem Laufe ihres Sieges zuwider war, sprachen sich beifällig für Don Julian's Rath aus. Tarek ließ sich leicht zu dem überreden, was der Wunsch seines Herzens war. Er achtete daher des Schreibens Musa's nicht weiter, sondern schickte sich an, seine Siege zu verfolgen.

Zu diesem Zwecke ließ er seine Gesammtmacht zu einer Musterung auf der Ebene von Ecija zusammen kommen. Ein Theil der Truppen hatte Pferde, welche sie noch aus Afrika mitgebracht; den übrigen gab er Rosse, die er den Christen abgenommen hatte. Er wiederholte seine allgemeinen Befehle gegen muthwillige Kränkung der Eingebornen und gegen die Plünderung solcher Plätze, die keinen Widerstand darböten. Auch wurde ihnen untersagt, sich mit Beute oder selbst mit Lebensmitteln zu sehr zu beladen; sie sollten, hieß es, ihren Zug durch das Land in aller Eile fortsetzen und alle festen Plätze und Bollwerke desselben wegnehmen.

Er theilte sein Heer nun in drei für sich bestehende Züge. Den ersten stellte er unter den Befehl des griechischen Renegaten, Magued el Rumi's, eines Mannes von verzweifeltem Muthe, und sandte ihn gegen die alte Stadt Cordova. Den zweiten schickte er gegen die Stadt Malaga; diese führte Zayd Ben Kesadi, von dem Bischof Oppas unterstützt. An der Spitze des dritten stand Tarek selbst, und mit diesem beschloß er, eine ausgedehnte Streiferei durch das Königreich zu machen.Chron. de Espana, de Alonzo el Gabio, p. III. c. 1.Der Verf.

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