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Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
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Die Höhle des Herkules.

Da die Erzählung von dem Zauberthurm eine der verbreitetsten sowohl, als auch der am wenigsten glaubwürdigen Punkte in der Geschichte Don Roderich's ist, so scheint es rathsam, sie durch den Bericht von einem andern Wunder der Stadt Toledo zu stützen und zu befestigen.

Diese alte Stadt, welche ihr Dasein beinahe aus den Zeiten der Sündfluth herschreibt und als ihren Gründer Tubal, den Sohn Japhet's und Enkel Noah's, anführt,Galazar, Historia Granad. Cardinal. Prolog. vol. I. pl. 1.Der Verf. hat vielen Generationen und einer wechselnden Menge von Völkerstämmen als fester Kriegspunkt gedient. Sie trägt Spuren des Scharfsinns und der Erfindungskunst ihrer mannichfaltigen Besitzer und zeigt eine Fülle von Geheimnissen und Vorwürfen, welche die Alterthumsforscher in Zweifel und Verwirrung zu setzen vermögen.

Sie ist auf einem hohen Bergvorsprung erbaut, an dessen Fuß die Wellen des Tajo grollend vorüberbrausen, und wird von steilen, zerrissenen Höhen beherrscht. Die Höhen sind voller Klüfte und Grotten; und der Bergvorsprung selbst, auf welchem die Stadt erbaut wurde, zeigt Spuren von Gewölben und unterirdischen Wohnungen, welche gelegentlich unter den Trümmern alter Häuser oder unter Kirchen und Klöstern entdeckt worden sind.

Nach den Annahmen Vieler waren dies die Wohnungen oder Zufluchtsörter der ursprünglichen Bewohner des Landes; denn, Plinius zufolge, war es Sitte der Alten, in hohen, felsigen Gegenden Höhlen zu graben und in ihnen zu wohnen, um so den Fluthen auszuweichen; und eine solche Vorsicht, sagt der würdige Don Pedro de Roxas in seiner Geschichte von Toledo, war bei den ersten Toledanern natürlich genug, in Betracht, daß sie ihre Stadt kurz nach der Sündfluth gründeten, während das Andenken daran ihrem Gedächtnisse noch neu war.

Andere haben angenommen, diese geheimen Grotten und Gewölbe seien Verstecke der Einwohner und ihrer Schätze gewesen, während Krieg und Gewalt in dem Lande wütheten, oder rohe Tempel zur Verrichtung religiöser Ceremonien in den Zeiten der Verfolgung.

Ferner fehlt es nicht an andern, sehr ernsten Schriftstellern, welche ihnen einen weit düsterern Ursprung zuschreiben. In jenen Höhlen, sagen sie, wurden die teuflischen Mysterien der Zauberei gelehrt; in ihnen wurden jene höllischen Festlichkeiten und Zauberkünste vorgenommen, welche in den Augen Gottes und der Menschen schrecklich sind.

»Die Geschichte,« sagte der gute Don Pedro de Roxas, »ist voll von Berichten, daß die Magier ihre Zaubereien und ihre abergläubischen Gebräuche in tiefen Höhlen und geheimnißvollen Plätzen verrichteten; denn da diese Teufelskunst schon seit dem ersten Ursprung des Christenthums verboten war, suchten sie stets verborgene Orte auf, um sich derselben hinzugeben.«

In den Zeiten der Mauren wurde diese Kunst, wie man berichtet, gleich Astronomie, Mathematik und Philosophie, öffentlich auf ihren Universitäten gelehrt, und nirgends geschah dies mit größerem Erfolg, als in der Stadt Toledo. Daher hatte diese Stadt stets eine düstere Berühmtheit wegen magischer Weisheit, so daß die Franzosen, und mit ihnen andere Nationen, die Zauberkunst auch Toledanische Kunst ( arte Toledana) nannten.

Allein unter allen Wundern dieser alten, malerischen, romantischen und zauberischen Stadt übertrifft in neuern Zeiten keines die Höhle des Herkules, sofern wir nämlich der Nachricht des Don Pedro de Roxas Glauben beimessen. Der Eingang zu dieser Höhle befindet sich in der Kirche von San Gines, welche fast in dem höchsten Theile der Stadt liegt. Massive Thore führen in das Innere; diese Thore öffnen sich in den Mauern der Kirche, werden aber stets streng verschlossen gehalten. Die Höhle läuft unter der Stadt und unter dem Bette des Tajo fast drei Meilen jenseits des Flusses fort. An vielen Stellen ist die Bauart bewundernswerth; sie besteht hier aus kleinen, zierlich behauenen Steinen und wird von Säulen und Bogen getragen.

In dem Jahre fünfzehnhundert sechs und vierzig erhielt der Erzbischof und Kardinal Martinez Silizeo Nachricht von dieser Höhle, und da er neugierig war, sie zu untersuchen, befahl er, den Eingang aufzuräumen. Eine Anzahl Leute, mit Lebensmitteln, Laternen und Stricken versehen, gingen nun in das Innere, und nachdem sie eine halbe Stunde vorgeschritten waren, kamen sie zu einer Stelle, wo sie auf eine Art Kapelle oder Tempel mit einem Tische oder Altar stießen und wo viele Bronzestatuen in Nischen oder auf Fußgestellen umherstanden.

Während sie diesen geheimnißvollen Schauplatz der alten Gottesverehrung oder der Zauberei betrachteten, stürzte eine der Statuen mit einem Getöse, welches in der Höhle dumpf wiederhallte und die Herzen der Abenteurer mit Furcht und Schrecken erfüllte. Als sie sich von ihrer Angst erholt hatten, schritten sie weiter, wurden aber bald wieder durch ein Rauschen und Brüllen erschreckt, das zunahm, je weiter sie vordrangen. Dies rührte von einem wüthenden und schäumenden Bache her, dessen schwarzes Wasser zu tief und breit und reißend war, als daß sie es hätten überschreiten können. Ihre Herzen waren jetzt so erstarrt, daß sie unvermögend waren, einen andern Weg zu suchen, auf welchem sie weiter hätten gelangen können; sie kehrten also um und verließen eiligen Schrittes die Höhle.

Die Nacht brach schon an, als sie aus der Höhle kamen, und die Angst, welche sie ausgestanden hatten, und die kalte, dumpfige Luft der Tiefe, gegen welche sie um so empfindlicher waren, als man sich im hohen Sommer befand, hatte sie so angegriffen, daß sie sich sämmtlich krank fühlten, und mehrere von ihnen starben. Die Geschichte berichtet nicht, ob der Erzbischof entmuthigt wurde, seine Nachforschungen fortzusetzen und seine Neugierde zu befriedigen.

Alonso Telle de Meneses erzählt in seiner Weltgeschichte: nicht lange vor seiner Zeit habe ein Knabe von Toledo, dem sein Herr mit einer scharfen Strafe bedroht, die Flucht ergriffen und sich in diese Höhle versteckt. Da er glaubte, sein Verfolger sei ihm auf den Fersen, achtete er weder der Dunkelheit, noch der Kälte der Höhle, sondern tappte auf das Gerathewohl vorwärts, bis er drei Stunden von der Stadt in's Freie kam.

Nach einer andern, sehr beliebten Sage von dieser Höhle, welche unter dem gemeinen Volke gäng und gebe ist, liegen große, von den Römern zurückgelassene Schätze Goldes in ihren fernen Schlupfwinkeln verborgen. Wer diesen kostbaren Hort heben will, muß durch viele Wölbungen oder Grotten gehen, in deren jeder etwas eigenthümlich Schreckhaftes ist, und welche alle unter der Hut eines wilden Hundes stehen, der den Schlüssel zu sämmtlichen Thüren habe und Tag und Nacht Wache hält. Wenn sich Jemand nähert, zeigt er seine Zähne und erhebt ein scheusliches Geheul; noch kein goldgieriger Abenteurer hat aber bis jetzt den Muth gehabt, einen Kampf mit diesem schrecklichen Cerberus zu wagen.

Der unerschrockenste Bewerber, dessen man gedenkt, war ein armer Mann, welcher Alles, was er besessen, verloren und eine Frau und eine große Menge Kinder – diese mächtigen Hebel zu verzweifelten Unternehmungen – zu Haus hatte. Als er von den Schätzen in der Höhle hörte, beschloß er, sich allein in die Tiefe derselben zu wagen und den Hort zu heben. Demnach ging er hinein und irrte, vor Schrecken außer sich, viele Stunden darin umher. Oft war er nahe daran, umzukehren, aber der Gedanke an seine Frau und seine Kinder trieb ihn vorwärts.

Endlich erreichte er die Stelle, wo, nach den Berichten, der Schatz versteckt sein mußte. Er sah jedoch, zu seiner großen Bestürzung, daß der Boden der Höhle hier mit Menschenknochen ganz bedeckt lag – ohne Zweifel die Reste von Abenteurern, gleich ihm, welche hier in Stücke zerrissen worden waren.

Nun verließ ihn sein ganzer Muth; er kehrte um und suchte wieder aus der Höhle zu kommen. Schauer häuften sich um ihn, als er floh. Er sah scheusliche Phantome rund um sich glänzen und flüstern, und hörte in dem Wiederhall seiner Fußtritte den Klang von Schritten, die ihn verfolgten. Von Schrecken ganz überwältigt, erreichte er seine Wohnung; mehrere Stunden vergingen, bevor er sich so weit erholt hatte, daß er seine Erzählung vorbringen konnte, und am nächsten Tage starb er.

Der scharfsinnige Don Antonio de Roxas hält die Nachricht von dem verborgenen Schatze für märchenhaft, das Abenteuer dieses unglücklichen Mannes aber für sehr möglich, da er von Goldgier oder vielmehr von der Hoffnung, seinem verzweifelten Loose abzuhelfen, geführt worden sein konnte. Auch erklärt er seinen Tod kurz nach seiner Rückkehr für etwas sehr Wahrscheinliches, weil die Dunkelheit der Grotte, ihre Kälte, sein Schrecken bei'm Anblick der Gebeine, die Angst, dem geglaubten Hunde zu begegnen, sich vereinigt hatten, auf einen Mann zu wirken, welcher seine kräftigsten Jahre bereits hinter sich hatte, und dessen Körper durch Armuth und knappe Nahrung sehr geschwächt war, so daß er eine leichte Beute des Todes wurde.

Viele haben geglaubt, diese Höhle sei ursprünglich bestimmt gewesen, der Stadt als ein Weg zu Ausfällen oder als Zuflucht zu dienen, wenn sie eingenommen würde, – eine Ansicht, welche als wahrscheinlich angenommen wird, da die Höhle sehr geräumig und ausgedehnt ist.

Der gelehrte Galazar de Mendoza führt es jedoch in der Geschichte des großen spanischen Kardinals als eine hergestellte Thatsache an, daß Tubal, Japhet's Sohn und Noah's Enkel, die Höhle zuerst in den Fels habe hauen lassen, und daß später Herkules, der Egyptier, welcher, nachdem er seinen Pfeiler in der Meerenge von Gibraltar aufgerichtet, seine Wohnung hier aufgeschlagen, sie ausgebessert und bedeutend vergrößert habe. Auch unterrichtete er hier, der Sage nach, seine Begleiter in der Magie und lehrte sie jene übernatürlichen Künste, mittelst deren er seine mächtigen Thaten vollbrachte.

Andere glauben, sie sei ein dem Herkules geweihter Tempel gewesen, wie dies, dem Pomponius Mela zufolge, mit der großen Höhle in dem Felsen von Gibraltar der Fall war; gewiß ist es, daß sie stets den Namen »die Höhle des Herkules« getragen hat.

Auch fehlt es nicht an Männern, welche behauptet haben, sie sei ein Werk, welches aus den Zeiten der Römer herstamme, und ihre Bestimmung sei gewesen, als Kloake oder Kanal für die Stadt zu dienen; eine solche gemeine Ansicht wird der Leser jedoch, nachdem er von den edlern Zwecken, welchen diese wunderbare Höhle geweiht war, gehört hat, mit der Wegwerfung behandeln, die sie verdient.

Aus allen diesen Umständen, welche wir aus gelehrten und geachteten Schriftstellern hier angeführt haben, ist es wohl für Jeden einleuchtend, daß Toledo eine an Wundern sehr fruchtbare Stadt ist, und daß der Zauberthurm des Herkules sich einer festern Grundlage erfreut, als die meisten Gebäude von ähnlicher Bedeutsamkeit in der alten Geschichte.

Der Verfasser dieser Blätter wagt es, das Ergebniß seiner persönlichen Untersuchungen in Bezug auf die in Frage stehende weitberühmte Höhle hier anzufügen.

In Gesellschaft einer kleinen Schaar von Alterthumsjägern, unter welchen sich ein berühmter britischer MalerHerr D. Wilkin. – Der Verf. und ein englischer EdelmannLord Mahon. – Der Verf. befand, welcher sich seitdem selbst durch Untersuchungen über die Geschichte Spaniens ausgezeichnet hat, durchstreifte ich im Jahre 1826 die Stadt Toledo; wir richteten unsere Schritte der Kirche von San Gines entgegen und erkundigten uns nach der Thüre zu der geheimen Höhle. Der Sakristan war ein zungenfertiger und mittheilsamer Mann, der in Bezug auf Alles, was er wußte, gar nicht sehr haushälterisch oder geizig zu Werke ging oder bei Herzählung aller zu seiner Kirche gehörigen Wunder mundfaul war. Er erzählte jedoch, er habe gehört, unmittelbar unter dem Eingang in die Kirche sei ein gemauerter Bogen, wahrscheinlich der obere Theil irgend eines unterirdischen Thores; allein Alles sei zugeworfen und ein Pflaster darüber gelegt worden; so daß die Frage, ob dieser Eingang in die magische Höhle oder in den Zauberthurm führt, ein Geheimniß bleibt und bleiben wird, bis ein König oder ein Erzbischof wieder Muth und Gewalt hat, den Zauber zu sprengen.

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