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Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
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Sechszehntes Kapitel.

Verrätherische Botschaft des Grafen Julian.

Tarek Ben Zejad hatte mit Staunen und Ueberraschung die Tapferkeit der christlichen Ritter in den letzten Gefechten und Scharmützeln, so wie die Zahl und unverkennbare Ergebenheit der Schaaren gesehen, welche dem König auf das Schlachtfeld gefolgt waren. Die zuversichtliche Aufforderung des Don Roderich vermehrte sein Erstaunen. Als der Herold sich entfernt hatte, wandte er ein Auge voller Argwohn auf den Grafen Julian.

»Du hast mir,« sagte er, »deine Landsleute als in Weichlichkeit versunken und jedem edeln Streben unzugänglich geschildert; ich sehe aber, daß sie mit dem Muthe und der Kraft der Löwen fechten. Du hast deinen König als von seinen Unterthanen verabscheut und von geheimem Verrath umringt geschildert; aber ich sehe, daß seine Zelte die Hügel und Thäler in Weiß kleiden, während in jeder Stunde Tausende zu seinen Fahnen strömen. Wehe dir, wenn du trügerisch an uns gehandelt oder uns durch verrätherische Worte getäuscht hast.«

Don Julian begab sich sehr beunruhigten Herzens in sein Zelt, und die Furcht überkam ihn, der Bischof Oppas mögte falsches Spiel mit ihm getrieben haben; denn es ist das Loos der Verräther, daß sie stets einander mißtrauen. Er ließ denselben Pagen rufen, welcher ihm den Brief von Florinda, der ihm die Geschichte ihrer Entehrung enthüllte, gebracht hatte.

»Du weißt, mein treuer Page,« sagte er, »daß ich dich in meinem Hause erzogen und vor allen deinen Gefährten geliebt habe. Wenn du Treue und Liebe zu deinem Herrn in deinem Herzen hegst, so ist jetzt die Zeit gekommen, ihm zu dienen. Eile sogleich in das christliche Lager und suche das Zelt des Bischofs Oppas zu erreichen. Sollte Jemand deiner ansichtig werden und fragen, wer du seist, so sage ihm, du gehörtest zu dem Hause des Bischofs und überbrächtest ihm eine Botschaft von Cordova. Wenn du vor den Bischof gekommen bist, so zeige ihm diesen Ring, und er wird jeden verdächtigen Zeugen entfernen und dir sein Vertrauen zuwenden. Sage ihm dann, Graf Julian grüße ihn als seinen Bruder und frage ihn, wie die Schmach seiner Tochter Florinda ausgeglichen werden könne. Beachte seine Antwort wohl und bringe sie mir Wort für Wort wieder. Halte deine Lippen verschlossen, aber öffne deine Augen und deine Ohren und habe auf alles Bemerkenswerthe in dem Lager des Königs Acht. So rüste dich eilig zu deiner Botschaft – fort! fort.«

Der Page sattelte in aller Eile ein Barbaresken-Roß, flüchtig wie der Wind und von pechschwarzer Farbe, so daß es in der Nacht nicht leicht zu erkennen war. Er umgürtete sich mit einem Säbel und einem Dolch, schlang einen arabischen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen um und warf einen Schild über seine Schulter. Das Lager verlassend, suchte er die Ufer des Guadalate und eilte in tiefem Schweigen den Fluß entlang, welcher die fernen Feuer des christlichen Lagers wiederspiegelte. Als er an dem Platze vorbeikam, welcher die Scene des letzten Scharmützels gewesen, hörte er von Zeit zu Zeit das Stöhnen sterbender Krieger, welche in das Röhrigt an dem Ufer des Flusses gekrochen waren, und zuweilen schritt sein gutes Roß vorsichtig über die verstümmelten Leichen der Erschlagenen.

Der junge Page war nicht an den Anblick solcher Blutscenen gewöhnt, und sein Herz klopfte stürmisch in seiner Brust. Als er sich dem christlichen Lager näherte, riefen ihn die Wachen an; er antwortete der Anleitung des Grafen Julian gemäß, und wurde in das Zelt des Bischofs Oppas geführt.

Der Bischof hatte sich noch nicht zur Ruhe begeben. Als er des Grafen Julian Ring erkannte und die Worte hörte, welche der Page ausrichten sollte, überzeugte er sich, daß er vollkommenes Vertrauen in den Jüngling setzen könne.

»Eile zurück zu deinem Gebieter,« sagte er, »und laß ihn wissen, er möge mir vertrauen, und Alles werde gut gehen. Bis jetzt habe ich meine Schaaren dem Kampfe fern zu halten gewußt. Sie sind alle frisch, gut bewaffnet und in dem besten Stande. Der König hat mir, unterstützt von den Prinzen Evan und Siseburt, den Befehl über einen Flügel des Heeres anvertraut. Morgen in der Mittagsstunde, wenn beide Heere in der Hitze des Kampfes begriffen sind, werden wir mit unsern Mannen zu den Moslemen übergehen. Ich begehre jedoch, daß ein Vertrag mit Tarek Ben Zejad abgeschlossen werde, demzufolge mein Neffe als Herr über Spanien eingesetzt und nur dem Kalifen von Damaskus tributpflichtig werde.«

Mit dieser verrätherischen Botschaft entfernte sich der Page. Er führte sein schwarzes Roß an dem Zügel, um der Beachtung weniger ausgesetzt zu sein, als er an den verlöschenden Feuern des Lagers vorbeikam. Als er die letzten Außenposten erreichte, wo die Wachen schlaftrunken auf ihren Waffen ruhten, hörte man seinen Tritt und rief ihn an; allein er sprang leicht in seinen Sattel und gab seinem raschen Thiere die Sporen. Ein Pfeil schwirrte an seinem Ohre vorbei, und zwei andere drangen in den Schild, welchen er auf seinen Rücken geworfen hatte. Das Klappern leichter Hufe tönte hinter ihm; aber er hatte von den Arabern fechten und fliehen gelernt. Er riß einen Pfeil aus seinem Köcher, wandte sich um, erhob sich, während sein Renner in gestrecktem Galopp dahin flog, aus den Bügeln, legte den Pfeil auf und schnellte ihn gegen seinen Verfolger ab. Dem scharfen Zischen der Bogensehne folgte unmittelbar das Klirren einer Rüstung und ein tiefes Stöhnen, als der Reiter vom Pferd stürzte.

Der Page setzte seinen raschen Ritt ohne fernere Belästigung fort und erreichte vor dem Anbruche des Tages das Lager der Moslemen.

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