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Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
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Zwölftes Kapitel.

Die Schlacht von Calpe. – Ataulph's Schicksal.

Die grauen Spitzen des Felsen von Calpe erglänzten von den ersten Morgenstrahlen, als das christliche Heer aus seinem Lager rückte. Der Prinz Ataulph ritt von Schaar zu Schaar und feuerte seine Krieger zum Kampfe an.

»Nimmer dürfen wir unsere Schwerter in die Scheide stecken,« sagte er, »so lange einer dieser Ungläubigen in dem Lande weilt. Sie sind auf jenem felsigen Berge eingeschlossen; wir müssen sie in ihrem klippigen Verstecke aufsuchen. Wir haben einen langen Tag vor uns; laßt die Sonne bei ihrem Niedergange auf Keinen aus ihrem Heere scheinen, der nicht flieht, gefangen oder todt ist.«

Mit Jubelruf wurden des Prinzen Worte aufgenommen, und das Heer rückte gegen das Vorgebirg an. Als sie dahinzogen, hörten sie den Schall von Cymbeln und das Schmettern von Trompeten, und die Felsenbrust des Berges glänzte von Helmen, Speeren und Säbeln; denn die Araber, durch Tarek's Worte von Neuem mit Vertrauen erfüllt, stürzten mit fliegenden Fahnen dem Kampfe entgegen.

Der kühne arabische Feldherr stand auf einem Felsen, als seine Schaaren vorbeizogen; er hatte seinen Schild auf den Rücken geworfen und schwang in der Hand einen zweispitzigen Speer. Er rief die vielen Häuptlinge bei ihren Namen und ermahnte sie, ihre Angriffe gegen die christlichen Anführer und vorzüglich gegen Ataulph zu richten. »Ist der Häuptling gefallen,« sagte er, »so werden seine Leute wie der Morgennebel vor uns verschwinden.«

Die gothischen Edeln waren an dem Glanze ihrer Waffen leicht zu erkennen; besonders aber zeichnete sich Prinz Ataulph vor allen übrigen durch die jugendliche Anmuth und das Majestätische seiner Erscheinung und die Pracht seiner Rüstung aus. Er ritt einen stolzen arabischen Streithengst, mit einer reichen goldgestickten Decke von rothem Sammt behangen. Sein Waffenrock war von gleicher Farbe und gleicher Verzierung, und die Federn, welche auf seinem polirten Helme weheten, waren vom reinsten Weiß. Zehn berittene, prachtvoll gekleidete Pagen folgten ihm in die Schlacht; ihr Amt bestand aber nicht sowohl darin, zu fechten, als ihrem Gebieter stets zur Hand zu sein und ihm sein Roß oder Waffen zu bringen, wenn er winkte.

Die christlichen Truppen waren, obgleich weder in den Waffen geübt, noch an Ordnung und Kriegszucht gewöhnt, voll angebornen Muthes; denn der alte Kriegergeist ihrer gothischen Vorfahren glühte noch in ihrer Brust. Unter des Prinzen Truppen waren zwei Abtheilungen Fußvolk; er stellte diese jedoch in das Hintertreffen; »denn,« sagte er, »Gott verhüte, daß das Fußvolk den Ehrenplatz in der Schlacht haben sollte, wenn ich über so viele tapfere Reiterei zu verfügen habe.«

Als die Heere sich aber näher kamen, ergab es sich, daß das Vordertreffen der Araber aus Fußvolk bestand. Die Reiterei hielt demzufolge die Pferde an und begehrte, das Fußvolk sollte vorrücken und dieses Gesindel zerstreuen; denn sie glaubten, es sei unter ihrer Würde, mit einem unberittenen Feinde zu kämpfen. Der Prinz befahl ihnen aber anzugreifen, worauf sie ihren Pferden die Sporen gaben und auf den Feind stürzten.

Die Araber hielten den Anprall männlich aus und empfingen die Rosse mit den Spitzen ihrer Lanzen. Viele Reiter stürzten von den Bolzen der Armbruste oder den Dolchen der Moslemen. Den Reitern aber gelang es, in die Mitte der Schaar zu brechen und sie in Verwirrung zu bringen, wobei sie Viele mit ihren Schwertern zusammenhieben, Andere mit ihren Speeren durchbohrten und Andere unter den Hufen ihrer Pferde zertraten. In diesem Augenblicke wurden sie von einer Schaar spanischer Reiter, den abtrünnigen Anhängern des Grafen Julian, angegriffen. Sie stürzten sich wild und ungestüm auf ihre Landsleute, welche durch den Kampf mit dem Fußvolk in Unordnung gekommen waren, und mancher wackere christliche Ritter fiel unter dem Schwerte eines unnatürlichen Feindes.

Der erste dieser abtrünnigen Krieger war der seinem Glauben untreu gewordene Ritter, welchen Theudemir in dem Zelte Tarek's herausgefordert hatte. Mit gewaltigem Arme und boshafter Wuth führte er ringsum Hiebe; denn nichts ist furchtbarer, als der Haß eines Glaubensabtrünnigen. Inmitten seines Weges gewahrte ihn der kühne Theudemir, welcher sein Roß dem Feinde entgegen spornte.

»Verräther.« rief er, »ich habe mein Gelübde gehalten. Keinen Feind hat diese Lanze berührt, die bestimmt ist, deiner treulosen Seele einen Ausgang zu bereiten.«

Der Abtrünnige war, bevor er an seinem Glauben treulos wurde, wegen seiner Tapferkeit berühmt gewesen; aber die Schuld saugt des stärksten Herzens Muth aus. Als er Theudemir auf sich stürzen sah, hätte er sich gern gewendet und wäre geflohen. Nur der Stolz hielt ihn zurück; und obgleich man seine Geschicklichkeit im Handhaben des Säbels allgemein bewundert hatte, verlor er alle Gewandtheit in der Vertheidigung gegen seinen Gegner. Bei'm ersten Angriff stieß ihm Theudemir seine Lanze durch die Brust. Er stürzte zu Boden, knirschte, wahrend er sich im Staub wälzte, mit den Zähnen, verhauchte aber seinen Geist, ohne einen Laut von sich zu geben.

Die Schlacht wurde jetzt allgemein und währte mit wechselndem Erfolge den ganzen Morgen. Tarek's Kriegslist begann aber, ihre Wirkung zu äußern. Die christlichen Heerführer und die ansehnlichsten Ritter zogen vor Allen die Blicke der Araber auf sich, und übermächtige Schaaren griffen sie einzeln an. Sie fochten verzweifelt und thaten Wunder der Tapferkeit, fielen aber, einer nach dem andern, unter tausend Wunden. Dennoch schwankte der Sieg unentschieden einen großen Theil des Tags hindurch, und als die scheidende Sonne durch die Staubwolken glänzte, war es, als wenn die streitenden Heere in Rauch und Feuer gehüllt wären.

Prinz Ataulph sah, daß das Kriegsglück gegen ihn war. Er ritt über das Schlachtfeld und rief die Namen seiner tapfersten Ritter aus. Allein nur wenige antworteten auf seinen Ruf; die übrigen lagen zusammengehauen auf dem Schlachtfeld. Mit dieser Handvoll Krieger bemühte er sich, den Sieg wieder auf seine Seite zu rufen, als er von Tenderos, einem Anhänger des Grafen Julian, an der Spitze einer Schaar abtrünniger Christen, angegriffen wurde. Beim Anblick dieses neuen Gegners sprühten die Augen des Prinzen Feuer; denn Tenderos war in dem Hause seines Vaters auferzogen worden.

»Du thust wohl, Verräther,« rief er ihm zu, »daß du den Sohn deines Gebieters, der dich nährte, angreifst, du, der sein Vaterland und seinen Gott verrathen hat.«

Bei diesen Worten ergriff er eine der Lanzen, die seine Pagen trugen, und stürmte wüthend auf den Abtrünnigen ein; inmitten des Laufes aber stieß Tenderos auf ihn, und des Prinzen Lanze flog zersplittert zu Boden. Ataulph faßte nun seine Keule, welche an seinem Sattelbogen hing, und ein Gefecht, dessen Ausgang sehr ungewiß war, erfolgte. Tenderos war von mächtigem Körperbau und in der Handhabung seiner Waffen überlegen; aber der Fluch des Verraths schien seinen Arm zu lähmen. Er brachte Ataulph eine leichte Wunde zwischen den Schienen seiner Rüstung bei; aber der Prinz versetzte ihm einen Schlag mit seiner Keule, welcher ihm durch Helm und Schädel ging und sein Gehirn zerschmetterte. Tenderos stürzte zu Boden, und seine Rüstung rasselte wild, als er fiel.

In demselben Augenblick durchbohrte ein Wurfspieß, den ein Araber daher geschleudert hatte, Ataulph's Pferd, das unter ihm zusammenstürzte. Der Prinz ergriff die Zügel von Tenderos' Streitroß; aber das treue Thier, welches in ihm den Feind seines getödteten Herrn zu erkennen schien, wich scheu zurück und bäumte sich und ließ ihn nicht aufsitzen. Der Prinz bediente sich seiner jedoch als eines Schildes, um sich gegen den Andrang der Feinde zu schützen, während er sich mit seinem Schwerte gegen die vertheidigte, welche er vor sich hatte. Tarek Ben Zejad kam auf den Schauplatz des Kampfes und hielt einen Augenblick an, die außerordentliche Tapferkeit des Prinzen bewundernd. Als er jedoch erwog, daß sein Fall ein Todesstreich für sein Heer sein würde, spornte er sein Pferd auf ihn ein und versetzte ihm mit seinem Säbel eine schwere Wunde.

Bevor er seinen Hieb wiederholen konnte, führte Theudemir eine Schaar christlicher Ritter zu seiner Rettung herbei, und Tarek wurde durch das Ungestüm des Gefechtes von seiner Beute getrennt. Mit Wunden bedeckt und durch den Blutverlust erschöpft, sank der Prinz zu Boden. Ein treuer Page zog ihn unter den Hufen der Pferde hervor und führte ihn, unterstützt von einem bejahrten Krieger, einem alten Vasallen Ataulph's, eine kurze Strecke abseiten des Schlachtfelds, an den Rand einer kleinen Quelle, welche aus dem Felsen rieselte. Sie stillten das aus seinen Wunden fließende Blut und wuschen ihm den Staub von dem Angesicht und legten ihn an der Quelle nieder. Der Page saß zu seinen Häupten und hielt seinen Kopf auf seinen Knieen; der alte Kriegsmann stand zu seinen Füßen, das Antlitz gesenkt und die Augen mit Schmerz gefüllt. Der Prinz kam allmählig zu sich und öffnete seine Angen.

»Wie steht es mit der Schlacht?« sagte er.

»Der Kampf ist heiß,« versetzte der Kriegsmann, »aber der Sieg kann immer noch unser werden.«

Der Prinz fühlte, daß sein Tod nahe war, und hieß sie, ihm auf seine Kniee zu helfen. Sie hoben ihn auf, und er betete eine kleine Weile mit glühender Andacht, bis er, im Gefühle seiner stets wachsenden Schwäche, dem alten Krieger winkte, sich neben ihn auf den Fels zu setzen. So beichtete er, immer noch auf seinen Knien liegend, diesem alten Kriegsmanne seine Sünden; denn es war kein Priester oder Mönch zur Hand, welcher in dieser letzten Stunde dieses Amt bei ihm hätte verrichten können. Als dies geschehen war, sank er wieder auf die Erde und drückte seine Lippen darauf, gleichsam als wollte er seinem geliebten Heimathlande ein herzliches Lebewohl sagen. Der Page wollte nun sein Haupt aufheben, fand aber, daß sein Gebieter den Geist aufgegeben hatte.

Ein Haufen arabischer Krieger, welche zu der Quelle kamen, um ihren Durst zu löschen, schlugen dem Prinzen das Haupt ab, trugen es im Triumphe zu Tarek und riefen: »Seht hier das Haupt des christlichen Heerführers!«

Tarek befahl sogleich, das Haupt mit dem Waffenrock des Prinzen auf die Spitze einer Lanze zu stecken und es unter dem Klange der Trompeten, Pauken und Cymbeln auf dem Schlachtfelde umher zu tragen.

Als die Christen den Waffenrock sahen und die Züge des Prinzen erkannten, bebten sie vor Schrecken, und Herz und Hand verloren ihre Kraft. Vergeblich bemühte sich Theudemir, sie zu sammeln; sie warfen ihre Waffen weg und flohen; und sie flohen immerdar, und der Feind verfolgte sie immerdar und hieb sie zusammen, bis die Dunkelheit der Nacht kam. Jetzt kehrten die Moslemen zurück und plünderten das christliche Lager, wo sie reiche Beute fanden.

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