Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Washington Irving >

Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel.

Musa's Brief an den Kalifen. – Zweiter Zug des Tarek el Tuerto.

Als Musa die von Tarek el Tuerto mitgebrachte Kunde vernahm und die Beute sah, welche er gesammelt hatte, schrieb er einen Brief an den Kalifen Walid Almanzor, in welchem er das verrätherische Anerbieten des Grafen Julian und die Wahrscheinlichkeit darlegte, mittelst seines Beistandes einen erfolgreichen Einfall in Spanien zu machen.

»Ein neues Land,« sagte er, »breitet sich vor unsern entzückten Augen aus und lädt uns ein, es in Besitz zu nehmen; ein Land, ähnlich Syrien an Fruchtbarkeit des Bodens und ewiger Klarheit des Himmels; Yemen oder dem glücklichen Arabien an seiner erquickenden Temperatur; Indien an seinen Blumen und Gewürzen; Cathay an seinen kostbaren Mineralien, und Aden an der Vortrefflichkeit seiner Buchten und Häfen! Auch ist es bevölkert und reich; denn es zählt viele prachtvolle Städte und majestätische Denkmäler der alten Kunst. Was sollte dieses glorreiche Land hindern, ein Erbe der Gläubigen zu werden? Wir sind bereits Sieger der Stämme der Barbaren, von Zab, von Derar, von Zaara, von Masamuda und Sus, und die siegreichen Fahnen des Islam flattern auf den Thürmen von Tangier. Aber ein Meer, vier Stunden breit, trennt uns von den gegenüber liegenden Küsten. Ein Wort von meinem Gebieter, und die Eroberer von Afrika überströmen Andalusien mit ihren Legionen, befreien es von der Herrschaft der Ungläubigen und unterwerfen es den Gesetzen des Koran.Conde, part. I. cap. 8.Der Verf.

Der Kalife frohlockte über den Inhalt dieses Briefes.

»Gott ist groß,« rief er aus, »und Mahomet ist sein Prophet! Der Gesandte Gottes hat es geweissagt, sein Gesetz würde sich verbreiten bis zu den entlegensten Theilen der Welt und durch das Schwert in neue und unbekannte Länder gebracht werden. Sieh, ein neues Land eröffnet sich den Siegen der Gläubigen. Es ist Allah's Wille, und seinem erhabenen Rathschluß ist man Gehorsam schuldig.«

Der Kalif schickte demnach eine Botschaft an Musa und ermächtigte ihn, die Eroberung zu unternehmen.

Nun begannen große Vorbereitungen; zahlreiche Schiffe wurden zu Tangier zusammengebracht und ausgerüstet, um auf ihnen das Heer der Araber über die Meerenge zu bringen. Zwölftausend Mann wurden zu diesem Zuge auserlesen, größtentheils leichte arabische Truppen, im Kriege geübt und an Gefahren und rasche Unternehmungen gewöhnt. Unter diesen befand sich eine große Zahl Reiter, mit schnellen arabischen Pferden versehen. Das Ganze wurde dem Befehle des alten Kriegers, Tarek's el Tuerto oder des Einäugigen untergeordnet, auf welchen Musa das unbedingteste Vertrauen, wie auf sein zweites Ich, setzte. Tarek übernahm den Oberbefehl mit Freude; sein ganzes kriegerisches Feuer erwachte bei dem Gedanken, ein solches Heer unter seinem ausschließlichen Befehl und ein solches Land zu besiegen zu haben; und er beschloß bei sich, nie anders denn als Sieger zurückzukehren.

Er wählte eine finstere Nacht, um seine Truppen über die Meerenge des Herkules zu führen; und als der Tag anbrach, begannen sie die Landung, bevor die Umgegend Zeit hatte, sich gegen den Feind zu erheben. Eine kleine Anzahl Christen sammelte sich an der Küste und widersetzte sich der Landung; sie wurden aber leicht in die Flucht geschlagen. Tarek stand am Gestade des Meeres und harrte, bis das letzte Häuflein an das Land gesetzt, und alle Pferde, Waffen und Kriegsvorräthe an die Küste gebracht waren, worauf er Befehl gab, die Schiffe in Brand zu stecken. Die Moslemen bebten vor Schrecken, als sie sahen, wie ihre Schiffe sich in Rauch und Flammen hüllten und in die Tiefe des Meeres versanken.

»Wie werden wir entrinnen,« riefen sie, »wenn das Kriegsglück uns nicht begünstigt?«

»Für den Feigen gibt es kein Mittel zu entrinnen!« sagte Tarek, »und der Tapfere denkt nicht daran; euch bleibt nichts übrig, als zu siegen.«

»Aber wie werden wir ohne Schiffe jemals in unsere Heimath zurückkehren können?«

»Eure Heimath,« sagte Tarek, »liegt vor euch; aber ihr müßt sie euch mit euern Schwertern erkämpfen.« –

Wahrend Tarek noch mit seinen Begleitern redete, entdeckte man, erzählt einer der alten Chronikenschreiber, in der Ferne ein christliches Weib, das ein weißes Fähnchen an einem Rohre zum Zeichen des Friedens schwenkte.

»Señor,« sagte sie, »ich bin ein altes Weib, und es sind nun volle sechszig Jahre dahin gegangen, seit ich, als ich in einer Winternacht am Heerde wachte, meinen Vater, einen ungewöhnlich alten Mann, eine Prophezeihung lesen hörte, welche von einem frommen Mönche geschrieben sein sollte, und Folgendes war der Inhalt der Prophezeihung: es würde eine Zeit kommen, wo unser Land von einem Volk aus Afrika von fremder Tracht und fremder Zunge und einem fremden Glauben überfallen und erobert werden würde. Die Schaaren sollten von einem starken und tapfern Häuptlinge geführt werden, welchen man an diesen Zeichen erkennen würde: auf seiner Schulter sollte sein ein haariges Maal, und sein rechter Arm sollte viel länger sein, als der linke, und zwar von einer solchen Länge, daß er sein Knie mit seiner Hand bedecken könne, ohne sich zu bücken.«

Tarek hörte der Alten mit großer Aufmerksamkeit zu, und als sie geendigt hatte, entblößte er seine Schulter und sieh, da war das Maal, grade wie sie es beschrieben hatte; auch fand man, daß sein rechter Arm in der That den linken an Länge übertraf, jedoch nicht in dem Grade, wie es in der Prophezeihung gesagt worden. Darauf erhoben die Araber ein lautes, stürmisches Jubelgeschrei und fühlten sich ihres Sieges vergewissert.Perdida de Espana, por Abulcasim Tarif abentarique. Lib. I. cap. VII.Der Verf.

Obgleich der vorsichtige Antonio Agapida diesen Umstand erwähnt, wie er in den alten Chroniken erzählt wird, schenkt er der angeblichen Prophezeihung doch keinen Glauben, sondern betrachtet das Ganze als eine von Tarek ausgedachte List, durch welche er den Muth seiner Truppen steigern wollte.

»Ohne Zweifel,« sagte er, »fand eine Verabredung zwischen der alten Sybille und dem verschlagenen Sohn Ismaels statt; denn diese ungläubigen Häuptlinge waren voller verdammlichen Erfindungen, um auf die abergläubische Phantasie ihrer Begleiter zu wirken und sie mit einem blinden Vertrauen in den Erfolg ihrer Waffen zu begeistern.«

Dem sei nun, wie ihm wolle, der alte Tarek benützte die Aufregung seiner Kriegerschaaren und führte sie weiter, um von einem festen Punkte Besitz zu nehmen, welcher gewissermaßen der Schlüssel zu der umliegenden Gegend war. Dies war ein hoher, in die See vorspringender und von derselben fast ganz umgebener Berg; die Landzunge, welche ihn mit dem festen Lande verband, war nur schmal. Er wurde der Fels von Calpe genannt und beherrschte den Eingang in das mittelländische Meer, gleich dem gegenüber liegenden Ceuta. Hier hatte in der alten Zeit Herkules einen seiner Pfeiler aufgerichtet, und die Stadt Heraklea war hier erbaut worden.

Als sich Tarek diesem Vorgebirge näherte, stellte sich ihm eine Schaar Christen entgegen, die in der Eile die Waffen ergriffen und sich unter den Fahnen eines gothischen Edeln von großer Macht und Bedeutsamkeit, dessen Besitzungen die gebirgigen Küsten des mittelländischen Meeres entlang lagen, gesammelt hatten. Der Name dieses christlichen Ritters war Theodomir, von den arabischen Geschichtschreibern wird er aber allgemein Tadmir genannt; er ist berühmt als der erste Kriegsführer, welcher sich dem Einfalle der Moslemen zu widersetzen versuchte. Er mogte ungefähr vierzig Jahre alt sein; er war kühn, rasch und verschlagen; und wenn alle gothischen Edeln sich eben so wachsam, thätig und klug in ihrer Vertheidigung benommen hätten, so würde die Fahne des Islams nimmermehr über das Land triumphirt haben.

Theodomir, oder richtiger Theudemir, hatte nur siebenzehnhundert Mann unter seinem Befehle, und diese waren nicht auf das Beste ausgerüstet; dennoch leistete er mit ihnen einen entschlossenen Widerstand gegen Tarek's Heer und vertheidigte den Paß zu dem Vorgebirge mit großer Tapferkeit. Er sah sich zuletzt genöthigt, sich zurückzuziehen, und Tarek schritt vor und pflanzte seine Fahnen auf dem Felsen von Calpe auf und befestigte ihn als eine starke Brustwehr und einen sichern Punkt, welcher den Eintritt in das Land schirmte und deckte. Zum Andenken seines ersten Sieges änderte er den Namen des Vorgebirges und hieß es Gibel Tarek oder den Berg des Tarek; im Laufe der Zeit aber ging der Name allmählig in den von Gibraltar über.

Nachdem der patriotische Kriegsführer Theudemir seine zerstreuten Kräfte wieder gesammelt hatte, lagerte er sich mit ihnen auf den Saum der Gebirge und rief das Land ringsum auf, sich unter seine Fahne zu reihen. Er sendete in aller Eile Boten an den König und theilte ihm in kurzen und graden Ausdrücken die Neuigkeit von dem Einfall mit, und bat ihn mit gleicher Offenheit um Beistand.

»Señor,« sagte er in seinem Schreiben, »die Schaaren Afrika's sind über uns gekommen; ob sie aber vom Himmel oder aus der Erde kommen, kann ich nicht sagen. Sie schienen aus den Wolken gefallen zu sein, denn sie haben keine Schiffe. Wir sind durch List überfallen, durch die Masse überwältigt und gezwungen worden, uns zurückzuziehen; und sie haben sich gegen uns auf unserm Gebiete befestigt. Sendet uns mit der größten Eile Unterstützung, oder vielmehr, kommt selbst zu unserm Beistande.«Conde, part. I. cap. 9.Der Verf.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.