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Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Washington Irving: Erzählungen von der Eroberung Spaniens - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen von der Eroberung Spaniens
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1836
year1836
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleErzählungen von der Eroberung Spaniens
created20050709
sendergerd.bouillon
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Neuntes Kapitel.

Geheimer Besuch des Grafen Julian im Lager der Araber. – Erster Zug des Tarek el Tuerto.

Als Graf Julian seine Familie zu Ceuta, wo eine ihm ergebene Kriegerschaar zur Besatzung diente, in Sicherheit gebracht hatte, nahm er eine kleine Anzahl von Getreuen, auf die er sich unbedingt verlassen konnte, und begab sich heimlich in das Lager des arabischen Emirs, Musa Ben Nosair's. Das Lager breitete sich in einem jener idyllischen Thäler aus, welche sich an dem Fuße der mauritanischen Höhen hinziehen, über denen die große Kette des Atlas in der Ferne riesenhaft aufsteigt. In dem bunten Heere, welches hier versammelt war, erblickte man Krieger eines jeden Stammes und jeder Nation, die sich durch Bündnisse oder in Folge der Eroberung der Sache des Islam angeschlossen hatten. Man sah hier die, welche Musa aus den fruchtbaren Gegenden Aegyptens durch die Wüsten von Barca gefolgt waren, und die, welche, zu den sonnegebräunten Stämmen Mauritaniens gehörend, sich seiner Fahne angeschlossen hatten. Man sah hier Sarazenen und Tartaren, Syrier und Kopten und schwarze Mauren, reichgekleidete Krieger aus den civilisirten Städten des Morgenlandes und die ärmlichen, räuberischen Söhne der Wüste. Der größere Theil des Heeres bestand jedoch aus Arabern; sie unterschieden sich aber bedeutend von den ersten rohen Horden, welche sich der Fahne Mahomet's zugesellten. Fast ein hundertjähriger fortwährender Kampf mit den kultivirten Nationen des Orients hatte sie zu vollendeten Kriegern umgeschaffen; und ihr gelegentlicher Aufenthalt in den üppigen Ländern und volkreichen Städten hatte sie mit den Sitten und Künsten des civilisirten Lebens bekannt gemacht. Dennoch waren die umschweifenden, rastlosen und räuberischen Sitten der echten Söhne Ismaels, jedem Wechsel von Klima, jedem Wechsel der Lage zum Trotze, noch vorherrschend.

Graf Julian fand den arabischen Eroberer Musa einigermaßen von orientalischer Pracht und Herrlichkeit umgeben. Er war in vorgerücktem Alter, aber eine edle Erscheinung; seine Jahre verbarg er dadurch, daß er sein Haupt- und Barthaar mit Henna färbte.

Als der Graf vor ihn trat, nahm er die Miene kriegerischer Offenheit und Entschlossenheit an.

»Bisher,« sagte er, »sind wir stets Feinde gewesen; ich komme aber in friedlicher Absicht zu dir, und es hängt nur von dir ab, mich zu dem ergebensten deiner Freunde zu machen. Ich habe fortan weder Vaterland noch König. Roderich der Gothe ist ein Kronräuber und mein Todfeind. Er hat meine Ehre an dem empfindlichsten Theile verwundet, und mein Vaterland bietet mir keine Genugthuung. Hilf mir zur Rache, und ich liefere dir ganz Spanien in deine Hände, – ein Land, das an Fruchtbarkeit und Reichthum alle die gepriesenen Regionen weit übertrifft, welche du in Tingitanien erobert hast.«

Musa's Herz klopfte hoch vor Freude, als er diese Worte hörte; denn er war ein hochfliegender und ehrgeiziger Eroberer, und hatte bei seinen Zügen durch das westliche Afrika oft ein begehrliches Auge auf die Gebirge Spaniens geworfen, wenn er sie jenseits der Wasser der Meerenge schimmern sah. Dennoch besaß er die ganze Vorsicht eines bejahrten Kriegers, und fürchtete sich, ohne die Genehmigung seines GebietersDies war der Kalife Walid Ben Abdelmelek (Almanzor). – Der Uebers. ein so wichtiges Unternehmen einzugehen und seine Waffen in einen andern Welttheil zu tragen.

Nachdem er vom Grafen Julian über die Einzelnheiten seines Planes gehörig unterrichtet war, und die Mittel kannte, welche ihm zu dessen Ausführung zu Gebote standen, machte er seine vertrauten Räthe und Hauptleute mit dem Ganzen bekannt und fragte sie um ihren Rath.

»Die Worte des Grafen Julian,« sagte er, »können falsch sein und auf eine Täuschung hinausgehen; vielleicht besitzt er auch die Macht nicht, seine Versprechungen zu erfüllen. Das Ganze kann ein vorgeblicher Verrath sein, um uns in unser Verderben zu locken. Es ist natürlicher, daß er an uns zum Verräther wird, als an seinem Vaterlande.«

Unter den Häuptlingen, welche unter Musa's Befehl standen, war ein ärmlicher, schwarzer, mit Narben bedeckter Veteran, – ein echter Araber, der seine größte Lust im Umherstreifen und in verzweifelten Abenteuern fand und sich um nichts in der Welt bekümmerte, als um sein Roß, seine Lanze und seinen Säbel. Er war ein Eingeborner von Damascus und hieß Tarek Ben Zejad. Da er eines seiner Augen verloren hatte, nannten ihn die Spanier gewöhnlich »Tarek el Tuerto« oder »Tarek der Einäugige.«

Das heise Blut dieses alten Ismaeliten war im höchsten Aufruhr, als er von einem neuen Reiche hörte, das überfallen, und von ausgedehnten Länderstrichen, welche unterjocht werden sollten; und er fürchtete sehr, durch Musa's vorsichtiges Zaudern mögte der ruhmwürdige Preis eines solchen Unternehmens verloren gehen.

»Nach deinen Worten,« sagte er, »bist du ungewiß über die Wahrheit der Aussagen dieses christlichen Ritters; es ist aber leicht, sich über deren Zuverlässigkeit zu vergewissern. Gib mir vier Schiffe und eine Handvoll Menschen, und ich ziehe mit diesem Grafen Julian, durchstreife die christliche Küste und bringe dir Nachricht von dem Lande und des Mannes Mitteln, es in deine Gewalt zu bringen.«

Die Worte des alten Kriegers gefielen Musa Ben Nosair, und er gab seine Zustimmung, und Tarek reisete, von dem Verräther JulianJulian der Ungläubige. Dies ist die Bezeichnung, welche die arabischen Geschichtschreiber dem Grafen gewöhnlich geben. – Der Uebers. geführt, mit vier Gallionen und fünfhundert Mann ab.Benter, Chron. genealog. de Espana. lib. I. cap. 28. – Marmol. descript. de Africa. lib. II. cap. 10.Der Verf.

Dieser erste Zug der Araber gegen Spanien fand, einigen Geschichtschreibern zufolge, in dem Jahre des Herrn siebenhundert und zwölf statt; andere aber stimmen damit nicht überein, wie denn freilich fast in keinem einzigen Punkte dieser frühern Geschichtsepoche Spaniens eine Uebereinstimmung zwischen den Erzählern vorherrscht. Das Jahr, welchem die urtheilsfähigen Chronisten sich zuneigen, ist das von siebenhundert und zehn, in dem Juliusmonat. Es scheint auch aus einigen bewährten Schriftstellern hervorzugehen, daß die Schiffe Tarek's unter dem angenommenen Charakter von Handelsboten die Küsten von Andalusien und Lusitanien entlang kreuzten; und dies ist nicht ganz unwahrscheinlich, da sie das Land nur einstweilen auskundschaften und sich mit den Landungsplätzen bekannt machen wollten. Wo sie landeten, sendete Graf Julian Boten aus, welche den Auftrag hatten, seine Freunde und Anhänger an einem bestimmten Platze zu versammeln. Sie trafen heimlich zu Gezira Alhadra, das heißt: die grüne InselDas heutige Algesiras. Nach den besten Autoritäten war der 28. April 711 der Tag der Landung; ihnen zufolge war Graf Julian, ehe er mit Tarek und dessen Truppen über die Meerenge setzte, allein mit den Seinigen auf die spanische Küste gesendet worden und hatte, um den Arabern einen Beweis seiner Anhänglichkeit zu geben, geplündert und gemordet und reiche Beute und viele Gefangene zurückgebracht. – Der Uebers., zusammen, wo sie in Gegenwart Tarek Ben Zejad's eine Unterredung mit dem Grafen Julian hatten. Hier gaben sie von Neuem die Versicherung, sich unter seiner Fahne zu sammeln, sobald diese offen entfaltet würde, und stellten ihre mannichfachen Vorbereitungen zum Beginne der Empörung dar. Tarek überzeugte sich aus Allem, was er hier gesehen und gehört hatte, daß Graf Julian ihn weder in Bezug auf seine Gesinnungen, noch auf seine Mittel getäuscht hatte. Seinem Charakter als Araber nachgehend, machte er einen Einfall in das Land, sammelte große Beute, führte viele Gefangene hinweg und brachte seinen Raub im Triumphe zu Musa als einen Vorgeschmack der Reichthümer, welche eine Eroberung des christlichen Landes zu bieten versprach.Conde, Hist. Dom. Arab. part. 1. cap. 8.Der Verf.

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