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Erzählungen an Bord

Alfons Paquet: Erzählungen an Bord - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
authorAlfons Paquet
titleErzählungen an Bord
publisherDrei Masken Verlag
printrunZehnte Auflage
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150716
projectid42dc1654
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Schwester Mathild

 

In einer jener Sektenkirchen, die seit dem Anfang des vorigen Jahrhunderts die große stille Bewegung des mittelalterlichen Täufertumes wiederholend über Deutschland und selbst über Rußland und Ungarn sich ausbreiten, wirkte der Missionsinspektor Danemann, der einst ein armer holsteinischer Bootszimmermannsgeselle, dann Jahrzehnte hindurch Prediger in kleinen Städten gewesen und endlich von der Konferenz der Brüder nach Berlin berufen worden war. Dort gewann er einflußreiche Freunde auch in den Kreisen, die nicht öffentlich zu seiner Gemeinschaft gezählt sein wollten, und wurde mit ihrer Hilfe zum Gründer zweier Anstalten, die bald vortrefflich nebeneinander bestanden. Die eine war ein Diakonissenheim, wo die Töchter der im ganzen Land verstreuten Gemeinden sich zu Pflegerinnen auszubilden Gelegenheit hatten; die andere eine Afrikamission, die zwar über bedeutendere Mittel als über einen steten kleinen Zustrom jugendlicher Menschen nicht verfügte, aber sich einer der alten großen Missionen anschloß und nun alljährlich einen oder zwei ihrer Sendlinge zur Schule schicken und später für den Dienst unter den Schwarzen hinausgeben konnte. Wer den Alten auf der Straße sah, sein breites, gesundes Gesicht mit dem übers Ohr gestrichenen weißen Haar und seinem aufrechten Gang, der mochte ihn für einen Seelsorger wohl überhaupt nicht halten, eher für einen Schiffsreeder, der sich aus einem kleinen Küstenort auf Besuch in die Hauptstadt begeben hätte. So hatte, gegen die Schneezeit seines Lebens hin, die Weite des Arbeitsfeldes und die erfolgreiche Kraft seiner Unternehmungen dem einfachen Manne einen Ausdruck wiedergegeben, der ihm vielleicht von seinen Vorfahren her, die freie Bauern und Schiffer gewesen sein mochten, im Blute lag und um den er in den Mannesjahren, die er in Armut, in geringem Stande und in einer gar bescheidenen Tätigkeit verbrachte, wohl manche innere Kämpfe und Niederlagen hatte erleiden müssen.

Dem Alten war von seiner Familie, die ihm gerade ein Jahrzehnt seines Lebens, das arbeitsreichste, mit zärtlichen Sorgen fast übermäßig angefüllt hatte, ein Sohn geblieben, der nun seit fünf Jahren schon dieser Mission als Arzt angehörte. Dem sechzigjährigen Mann verbargen sich seine Erinnerungen, verbarg sich auch das Gefühl von Vereinsamung, das ihn zuweilen beschleichen mochte, in seiner Tätigkeit, die ihn fast täglich mit neuen Dingen und Fragen zusammenführte und ihn frisch erhielt. Nur auf seinem Schreibtisch im Schlafzimmer standen die verblaßten Bilder einer von Leiden und stiller Schwärmerei verzehrten Frau und der kleinen Kinder, die um die Mutter her alle bis auf das älteste vor mehr als zwei Jahrzehnten schon ins Grab gesunken waren. Mit welchen Entbehrungen er seinen einzigen Jungen durchs Gymnasium gebracht und ihm, wobei wohlhabende Freunde halfen, den Besuch der Universität ermöglicht hatte, so waren doch alle jene Opfer noch gering im Vergleich zu dem Schmerz, als während seiner Studentenzeit der Sohn sich zwar stillschweigend, doch, zur Rede gestellt, mit einem von den heftigsten Anklagen erfüllten Ausbruch von der frommen Gläubigkeit des Vaters lossagte. Dem Vater, der zuerst in seinem Zorn mit Gewaltmaßregeln gegen den Abtrünnigen und Undankbaren seiner Bestürzung Herr zu werden suchte, war doch nichts übrig geblieben, als seiner Heftigkeit, vor der er selbst noch viel mehr als der Sohn erschrak, Einhalt zu tun und tief gedemütigt sich einzuschließen und im Gebet mit Gott zu ringen. Der junge Arzt hatte sich außerhalb eine Praxis gesucht. Da brachte ihn eine schwere Krankheit, die der seiner verstorbenen Mutter ähnlich war, dem Tode nah; seine Genesung, noch mehr aber seine plötzliche Bekehrung erschien allen, die davon erfuhren, wie ein Wunder und erregte das freudigste Aufsehen. Der Sohn warf sich dem Vater wieder in die Arme. Doch als ob er sich dieses Vorgangs in seinem Innern schäme, äußerte er fast zugleich den Entschluß, in die Dienste der Mission zu treten. Ein halbes Jahr später war es geschehen; er lebte jetzt auf einer der entlegensten Stationen in den afrikanischen Wäldern. Von seinen Reisen und von den Fortschritten der Arbeit schrieb er regelmäßige Berichte, deren Eintreffen zu den Ereignissen in dem gleichmäßig stillen Leben des Vaters gehörte und die diesem Leben als eine Art Tribute zugingen aus einer kleinen Ferne des Heidentums, die er dem Geiste untertan gemacht. Von den vielen Freunden des Alten und besonders von den Diakonissen, die ihm nicht ohne Pedanterie den Schein eines eigenen Hauswesens erhielten, wurden die Briefe aufgenommen wie von einer einzigen Familie, und auch den Fernerwohnenden wurden diese Schreiben, die bald zu einem Band des lebendigen und herzlichen Zusammenhaltes aller geworden waren, durch Umhersenden oft nach Monaten noch bekannt gemacht.

Vater Danemann hatte seine Wohnung im Süden Berlins, im zweiten Stockwerk eines großen neuen Hauses, das der Gemeinschaft gehörte und sich von den anderen Zinshäusern jener Stadtgegend nur dadurch unterschied, daß eine breit und niedrig gebaute Kapelle an die Stelle des üblichen Hintergebäudes gesetzt war. Das Vorderhaus war nur von Leuten bewohnt, die zur Gemeinschaft zählten; unten befand sich eine Buchhandlung der Mission, oben wohnten die Diakonissen und die Familie des jüngeren Predigers, der dem Alten als eine Art von Gehilfen nahestand und vielleicht einmal später sein Nachfolger werden konnte. So war das Haus zwar von außen durch keinerlei Anzeichen von den hohen, grauen, im Sommer durch rote und grüne Geraniumkränze in allen Balkonen geschmückten Häusern der Straße zu unterscheiden, nur seine friedfertigen Insassen mochten den näheren Kennern wie eine Insel in dem oft lärmenden und von kleinlichem Gezänk niemals ganz verschonten Leben der Straße erscheinen. Hier in seiner Wohnung traf der alte Mann an einem Sonntagmorgen, als er aus der Kapelle über den Hof und über die Hintertreppe heimgekehrt war, einen unerwarteten Besuch. Es war ein hagerer, gebräunter und offen blickender Herr, der sich als Ingenieur Backmeister vorstellte und einen Brief hervorzog, den der Alte am Papier des Umschlages, an der Dicke und an der Aufschrift sogleich als den schon mit Ungeduld erwarteten, diesmal verspäteten Brief seines Sohnes erkannte. Der Besucher berichtete, daß er den Doktor aus seiner Station, einem Dualadorf am Fuß des großen Gebirges, wohlbehalten und tätig angetroffen habe. Er verdanke ihm die Rettung von einem schweren Fieber und lagelange Gastfreundschaft. Der Ingenieur schilderte die näheren Umstände dieses Zusammentreffens, der Alte hörte ihm voll Freude zu, allmählich aber zitterte seine Hand so stark über dem Briefe, den er noch ungeöffnet vor sich hin auf den Tisch gelegt hatte, daß der Erzähler stockte, und, als sei ihm mit einem Male der Faden ausgegangen, den Alten bat, doch zuallererst den Brief zu lesen, er stünde zu seinem Bericht ja auch nachher noch zur Verfügung.

Den sonst gut beherrschten alten Mann hatte die Unruhe wirklich so sehr ergriffen, daß er die Aufforderung annahm. Sie bleiben doch zum Essen bei uns, lieber Herr; mit diesen Worten und mit aufgesetzter Brille verschwand er in sein nebenan gelegenes Zimmer. Die Verwunderung des Besuchers war nicht gering, als schon nach wenigen Minuten der Alte zurückkehrte und diesmal, zwar ohne allen Schein der noch soeben offenbarten Erregung, doch auch als habe er die ausgesprochene Einladung ganz vergessen, seinen Gast bat, am Abend, um sechs Uhr, wiederzukommen. Gewiß werde er die Freundlichkeit haben, dann ihm und einem kleinen Kreis der Hausgenossen Näheres von seinem Sohne Heinrich, dem Doktor, zu erzählen. Der Ingenieur war nur auf der Durchreise in Berlin. Er hatte nicht gedacht, daß etwas ihn hindern könnte, noch am Nachmittag dieses Sonntages nach Hamburg weiterzureisen, wo ihm, wegen Verschiffung von Eisenbahnmaterial, die besondere Eile erforderte, am selben Abend eine wichtige Unterredung schon in Gedanken bevorstand. Die Einladung kam ihm also recht in die Quere. Indessen, der Missionsarzt war sein Freund, für den Alten empfand er Ehrerbietung, er vermochte die Einladung nicht auszuschlagen. So ging er denn, nachdem er seine Zusage gegeben, zum nächsten Telegraphenamt, um Nachricht fortzusenden, daß man ihn erst am Montagmorgen erwarten möge, und begab sich in sein Hotel zurück, um nach dem Mittagessen dort auf dem Bette liegend die zuerst mit Nachdenken über die Einzelheiten einer Trägerkonstruktion und dann mit dem Lesen eines Detektivromans ausgefüllten Stunden zu verbringen. Dazwischen traf eine drahtliche Antwort ein, die ihn nicht nur über die verschobene Abreise ganz beruhigte, sondern sogar eine unerwartet günstige Wendung seiner geschäftlichen Aufgabe andeutete, die ihn nach Europa ohnehin nur auf ein paar Wochen geführt hatte. Seine schleunige Rückkehr nach Afrika und damit die schnelle Inangriffnahme der dort geplanten Bahnstrecke erschien ihm nach diesem Telegramm eines Kollegen wahrscheinlicher, als er noch vor wenigen Tagen gewagt hatte zu hoffen.

So erwartete er fast mit Behagen den Abend, und als er die jetzt in mehreren Zimmern erleuchtete Wohnung des Alten wieder betrat, begrüßte dieser seinen Gast mit schallender Stimme inmitten einer Gesellschaft, die den weitgereisten fremden Herrn mit einem schüchternen Respekt empfing. Sechs oder sieben Diakonissen in sauberen blauen Kleidern, in blütenweißen Hauben und Schürzen, füllten das geräumige Zimmer mit einem reinen Leuchten. Auch das Predigerpaar war zugegen, außerdem als stumme Person ein schmaler, rotbäckiger Jüngling, der ersichtlich dem Kaufmannsstande angehörte, und endlich ein hoch und dünn gewachsener, grämlich aussehender Mann mit schwarzem Bart und erdfarbenem Gesicht und goldenem Zwicker. Die Aufmerksamkeit, die der Gast erregte, schien immerhin den sonntäglichen Zug dieses Zusammenseins nicht weiter zu stören; einige der Schwestern beendeten soeben ein Quartett, und Herr Backmeister, der in einem roten Plüschsessel an der Seite des Alten seinen Platz eingenommen hatte, konnte sich Zeit nehmen, die singenden Frauen unauffällig zu betrachten. Der Teint, die Augen, die Hände verrieten bei den meisten die Herkunft aus dem dienenden Stande; nur die Oberin, die den Gesang am Klavier begleitete, machte eine Ausnahme, aber sie wiederum erschien mit ihrem strengen, altjüngferlichen Ausdruck weniger anziehend als die übrigen. Mit Erstaunen, ja mit einer rasch erwachten Sympathie hing das Auge des Fremden auf dem Antlitz einer dieser Schwestern, deren volle, etwas schwere Altstimme deutlich und doch nicht herrschend aus dem Viergesang herauszuhören war. Die Gestalt hatte selbst in der blauweißen Tracht noch etwas Bäuerliches. Es fesselte ihn ihr zwar breites, doch ebenmäßiges Gesicht, auf dem Gesundheit und Frohsinn sich zu einem jugendlichen und frommen Glanz vereinigten, so daß, wer es ansah, der Kranken gedenken mochte, denen ein so freundlicher Anblick einen Trost auf ihre Leiden schimmerte. Herr Backmeister meinte nachher zu hören, daß sie Schwester Mathild genannt wurde, mit der Aussprache dieses Namens, wie er im Schwäbischen üblich ist. Als der Gesang zu Ende war, brachte der Alte den Ingenieur in ein Gespräch und dann, während der Menschenkreis ringsum aufmunternd zuhörte, zum Erzählen. Er erzählte, wie er im tropischen Sommer, es war jetzt zwei Monate her, auf einer seiner Landreisen von den Dienern am Wege abgesetzt und in seinem Fieber verlassen worden war. Die Träger waren in ein entferntes Dorf gegangen, um Hilfe zu holen. Ein Zögling der Mission hatte ihn aufgefunden und dem Doktor zugeführt. Er beschrieb das Dorf, das Haus der Missionsniederlassung, das am Rande eines Flusses lag, das Zimmer und die Veranda, wo er dann als Genesender manchen Abend im Gespräch mit dem Arzt, der sein Freund geworden war, verbrachte, und gab auf die Fragen nach der Einteilung des Tages, nach der Nahrung, von der man lebte, nach den Gewohnheiten der Eingeborenen und den Arten des Reisens in jenem Lande geduldige Antworten, die von den Zuhörern mit einer naiven Verwunderung aufgenommen wurden; nur der Alte zeigte durch Zwischenbemerkungen, daß ihm jene Verhältnisse nach den Berichten seines Sohnes nichts Neues mehr waren. »Ja, wäre nicht,« schloß der Ingenieur, »als ich damals krank im Urwald lag, einer der Zöglinge Ihres Sohnes vorübergekommen, wer weiß, ob ich jetzt noch am Leben wäre und hier bei Ihnen säße. Ein anderer guter Zufall passierte mir heute: er bestand darin, daß Sie mich zum Abend einluden, statt mich zu Mittag bei Ihnen zu behalten. Wäre ich, wie ich vorhatte, heute um drei Uhr abgereist, so wäre ich umsonst nach Hamburg gefahren. Infolge eines Telegrammes, das mich um vier Uhr antraf, reise ich, statt nach Hamburg, heute nacht nach Düsseldorf und habe dadurch einen ganzen Tag gewonnen. Ich weiß ferner durch dieses Telegramm schon jetzt, daß ich spätestens in zwei Wochen nach Afrika zurückreisen werde. Auch das ist einer der angenehmen Zufälle, von denen wir manchmal im Leben profitieren.«

Diese Bemerkung des Ingenieurs, so nebenbei sie ihm durch den Kopf gegangen und zum besten gegeben war, brachte unter seinen Zuhörern eine Bewegung hervor, die er nicht erwartet hätte. Man schien Anstoß an ihr zu nehmen, ja man schien von ihr ernstlich betroffen. Der Alte tauschte mit der Oberin einen Blick; noch mehr aber erstaunte Herrn Backmeister das Auge der Schwester Mathild, das dem seinen in höchster Überraschung begegnete. Der Verlegenheit des Ingenieurs kam nach einem Augenblick des Schweigens nur der lange schwarzbärtige Herr zu Hilfe, der seinen Stuhl neben der Oberin innehatte. Man sah an einer Ähnlichkeit dieser beiden Gesichter, daß er ein Verwandter der Oberin sein müsse.

»Solche Zufälle«, sagte der Schwarzbärtige mit einer gedehnten, fast flötenden Stimme – und man konnte nicht merken, ob er nun etwas sagte, was eine Bestätigung oder Widerlegung der Ansicht des Ingenieurs sein sollte –, »solche Zufälle kann ich aus meiner Praxis als etwas Alltägliches anführen, wenn sie auch nicht immer zum Profit der Leute ausgingen. Ja. Oder – wie man will. Ein Jäger schießt hoch, die Kugel schlägt in einen Baum, prallt zurück und trifft einen Jagdteilnehmer in den Ellenbogen. Schadenersatz siebentausend Mark! – Ich bin Mathematiker der Unfallversicherung«, fügte er für den Ingenieur hinzu, und fuhr eifrig, fast stotternd, fort:

»Werden Sie mir den folgenden Fall glauben: Ein Sonntagsjäger in der Nähe von Ludwigsburg trifft statt einen Hasen einen Schimmel vor dem auf der Landstraße daherkommenden württembergischen Postwagen. Das Tier fällt, der Wagen stürzt einen Abhang hinunter. Die beiden Passagiere, ein katholischer Priester und eine Hebamme, verunglücken, der erstere bricht beide Füße, die Frau verstaucht sich einen Arm. Der Schütze hatte vierzehn Tage vorher eine Police von zwölf Mark bezahlt, also mußte die Versicherung die Entschädigung bezahlen, im ganzen sechstausend Mark. Dabei fuhr der Priester noch ohne Billett, aber er mußte auch entschädigt werden, er braucht nur das Fahrgeld nachzuzahlen. Ich weiß nicht, wie die Geschichte weiterging, aber wenn etwa in dem Dorf, wohin die Hebamme gerufen war, die Gebärende und ihr Kind stirbt, der Mann in seiner Verzweiflung sich aufhängt und die übrigen Kinder, unbeaufsichtigt, mit dem Feuer spielen, so daß schließlich das Haus, wenn nicht gar das ganze Dorf in Flammen aufgeht ... He?« – Hier hielt der Schwarzbärtige ein und sah sich triumphierend um. Niemand antwortete. Er fuhr befriedigt fort: »In einem Wirtshaus kommt auf der ausgetretenen Schwelle ein Gast zu Fall und bricht das Nasenbein. Die Versicherungsgesellschaft tritt für das Verschulden des Wirtes ein und zahlt sechzig Mark Entschädigung. Der Wirt läßt eine neue Schwelle anbringen, nun aber fallen innerhalb weniger Tage die Menschen über die ungewohnte neue Schwelle erst recht. Drei oder vier verletzen sich und klagen vor Gericht. Diesmal werden alle Entschädigungsansprüche abgewiesen, denn die Schwelle war neu, die Schuld an ihrem Unglück tragen die Leute diesmal selber.«

Dem alten Danemann konnte man allmählich anmerken, daß ihm diese sonderbare Abschweifung wenig behagte. »Sollen wir, verehrter Herr Starklos,« – so wandte er sich nun an jenen – »weil Sie uns diese Sachen berichten, nicht mehr glauben, daß Gottes Finger auch die scheinbar unbedeutenden Ereignisse unseres Lebens leitet, und sollten wir es verlernen, auf die kleinen Zeichen zu achten, mit denen er uns zum Heile führt?«

»Ich kenne nur unsinnige Zufälle, die Schaden anrichten,« sagte Herr Starklos mit einer Art Heftigkeit. Eine Röte, die dem Ingenieur bei einer solchen müßigen Erörterung unbegreiflich schien, stieg dem Manne in sein bleiches Gesicht, als er hinzusetzte: »Man täte besser, von solchen kleinen Zeichen nicht zu sprechen, die denen freilich immer zurechtkommen, die meinen, daß für sie der liebe Herrgott eine Extrawurst gebacken hat. Nur noch ein einziges kleines Beispiel. Eines, das ja wunderschön zum Guten ausging. Passen Sie auf. Abermals in einer Gastwirtschaft fällt beim Überschreiten einer Schwelle ein junger Mensch und verletzt sich; ich weiß nicht mehr, brach er sich den kleinen Finger, – kurz und gut, er erhielt Schadenersatz, einige hundert Mark. Diese Folge seines Sturzes hat ihm so gut gefallen, daß er eines Abends im Übermut äußert, nun werde er an derselben Stelle noch einmal hinfallen, man werde ihm dann nochmals eine so fette Entschädigung zahlen müssen. Richtig, der Mensch geht hin und stürzt zum zweitenmal an der nämlichen Stelle, aber so unglücklich, daß er das Rückgrat brach und ein Krüppel wurde. Seine Klage auf Entschädigung wurde abgewiesen, er hatte ja angekündigt, daß er sich hinfallen lassen würde.

Sie nennen vielleicht auch diese grausame Geschichte den Finger Gottes. Aber ich, ich hasse Zufälle überhaupt, das ist alles, was ich sage. Wenn alles in Ordnung vor sich geht, so darf es keine Zufälle geben. Freilich, es geht nicht alles in Ordnung, aber wir müssen streben, den Zufallskoeffizienten, mathematisch gesprochen, Sie verstehen mich – zu vermindern. Und dazu, Herr Pastor, gehört auch, daß wir nicht Zufälle und sinnlose Dinge schaffen, indem wir aus Kleinigkeiten himmlische Zeichen dichten, die doch nur wieder neue Zufälle brauchen, um nicht in Katastrophen auszugehen.«

»Wenn Sie etwas verteidigen wollten, so haben Sie es schlecht verteidigt«, antwortete Herr Danemann. »Es kommt auf den Geist an, der die Zufälle zusammensetzt. Und ob es der Geist des Guten, oder der Geist des Bösen ist, der in den sogenannten Zufällen waltet, das gibt sich, nach meinen Erfahrungen, gewöhnlich bald zu erkennen; nicht immer brauchen wir den Ausgang abzuwarten. Ich will Ihnen etwas gestehen. Es betrifft den heutigen Tag, es betrifft indirekt meinen Sohn und betrifft den lieben Gast, den wir heute abend in unserer Mitte sehen.« – Damit nickte er bedeutungsvoll zu dem erstaunten Ingenieur hinüber. – »Ich war seit einigen Tagen um meinen Sohn beunruhigt. Ihr wißt es selbst, ich sprach davon, daß sein Brief diesmal solange ausblieb. Ich habe heute morgen noch besonders zu Gott um eine Nachricht von meinem Sohn gebetet. Sollten unbekannte Schwierigkeiten meinem Sohn dort draußen in seiner Abgeschiedenheit begegnet sein? All meine Sorge und Unruhe brachte ich als Anliegen dar. Wenn du willst, Herr, so sende mir ein Zeichen, das mich beruhigt. Ich betrat meine Wohnung, ich hatte den Hut noch in der Hand, da stand dieser Bote vor mir und ich nahm aus seinen Händen den Brief von meinem Sohn entgegen, und eine Botschaft, die ich mir lange gewünscht habe, die mich bewegte bis zu Freudentränen. Vielleicht ist es jetzt nicht an der Zeit, davon zu sprechen. Aber dies Ereignis erinnerte mich nur an so manches andere in meinem Leben, wo ich nicht weniger überzeugend wie heute die über alles Bitten und Erwarten gütige Lenkung unseres himmlischen Vaters erfahren habe. Ich will Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, sie ereignete sich vor jetzt dreißig Jahren, es war in Westfalen, als ich noch dort wohnte, in einem Sommer.«

Der Mathematiker warf einen flehenden Blick auf die Oberin, die ihm aber nur mit einer kühlen, strengen Miene antwortete; dann, mit einem Kopfschütteln, sah er zur Schwester Mathild hinüber, die voll Erwartung an den Worten des Alten hing. Sie hatte den Kopf so gewendet, daß sie dem Blick des Schwarzbärtigen nicht begegnete. Ihr Ausdruck war von einer kindlichen Fraulichkeit, sie lächelte, und es zeichneten sich Grübchen in ihre Wangen. Der Ingenieur sah, wie der Schwarzbärtige seine fest ineinander gedrückten Hände verdrehte und sich zurücklehnte in einem resignierten Entschluß. Die Schwestern blickten erwartungsvoll.

 

»In der Zeit, als ich noch mit meiner Familie in Herford lebte,« so erzählte nun der alte Mann, »da wohnte in dem Bad Pyrmont das Ehepaar Rüter. Sie gehörten zur Gemeinde und waren unsere Freunde. Wir konnten einander nur selten besuchen. Sie hatten eines Tages mich und meine Frau eingeladen, zur Einweihung ihres neuen Hauses zu erscheinen. Es waren Erweckungszeiten; das Band der Liebe zwischen uns war innig, und wir konnten hoffen, in dem kleinen Ort dem Evangelium eine Tür zu öffnen. Wir armen Predigersleute hatten allerdings nicht das Geld, um die Reise im Postwagen zu machen; eine Eisenbahnverbindung gab es damals noch nicht. So blieb uns nichts übrig, als die zehn Wegstunden zu Fuß zurückzulegen. Meine Frau war schwach und kränklich. Ich fragte im Gebet den Herrn um Rat, und ich bekam wohl eine zusagende Antwort, aber kein Reisegeld. Wir machten uns auf den Weg, an einem Freitagmorgen. Wir waren kaum eine Viertelstunde draußen vor der Stadt, da holte uns ein herrschaftlicher Reisewagen ein. Der Kutscher fuhr leer; er fragte uns, wohin wir wollten, hieß uns einsteigen, nahm uns eine große Strecke Weges mit und war mit unserm herzlichen Dank zufrieden. Danach marschierten wir auf der Landstraße weiter unter den Apfelbäumen, am Nachmittag hielten wir eine Rast im Walde. Als es aber dunkel wurde und wir wieder eine Strecke gegangen waren, war meine Frau von der Wanderung so matt geworden, daß wir in Sorge der drei Stunden gedachten, die wir noch vor uns hatten. Diese Strecke war aber in unserem Reiseplan die wichtigste. Es war mit dem Freunde Rüter vereinbart, daß er uns an einem bestimmten Meilenstein erwarten würde, um uns durch den Wald und die Schluchten einen kürzeren Weg zu führen, und ich hatte ihm geschrieben, wir kämen dorthin am Freitagabend zu einer bestimmten Stunde. Was tun? Wir kehrten in einem Wirtshaus ein; der Postwagen, der nach Pyrmont fuhr, mußte hier in einer halben Stunde vorüberkommen. Mit diesem Wagen konnten wir fahren. Aber die Verabredung! Wenn wir nun wirklich unsere Fußwanderung fortsetzten und den Rüter doch nicht trafen? Das mochte ich mir gar nicht ausdenken; dann waren wir allein im Wald mitten in der Nacht. Es blieben schließlich nur noch Minuten übrig, um einen Entschluß zu fassen. Da trat ich in meiner Ungewißheit vor das Wirtshaus in den Schatten eines Baumes und rief zu Gott um seine Hilfe. Ich war kaum wieder in die Gaststube zurückgekehrt, als voll Aufregung ein Mann hereintrat und laut berichtete, daß im nahen Wald ein toller Hund herumlaufe, der schon andere Hunde gebissen habe. Über unsern Entschluß konnte nun kein Zweifel mehr sein! Einen Augenblick später fuhr auch schon der Postwagen vor und wir stiegen ein. Wir kamen um zehn Uhr abends nach Pyrmont und eilten zum Hause unserer Freunde, die uns gewiß erwarteten. Aber zu unserer Bestürzung fanden wir das Haus schon fest verschlossen; Türe und Fenster waren dunkel, unser Klopfen und Rufen blieb ohne Antwort. Ein Nachtwächter kam und löschte die Laterne aus, sonst war kein Mensch mehr in den dunklen, leeren Gassen. Ich kannte in dem Städtchen außer Rüter wohl noch einen uns wohlgesinnten Mann, einen Gerbermeister, wußte aber seinen Namen und auch seine Wohnung nicht. Da ging ich denn dem Nachtwächter nach und sagte ihm, soweit ich es selber beschreiben konnte, wen ich suchte. ›Sie meinen vielleicht den Lieringhoven‹, meinte der Nachtwächter, ›den Gerbermeister, der gehört ja zu den Frommen: er wohnt um die Ecke, in dem Haus mit dem eisernen Haken an der Tür.‹ Dorthin führte er uns und ließ uns stehen. Auch das Haus mit dem eisernen Haken an der Tür war dunkel und verschlossen wie die andern. Aber auf mein zaghaftes Klopfen öffnete sich oben sofort ein Fenster, ich rief hinauf, wer wir seien, da rief auch schon eine rauhe Stimme herunter: ich komme! Die Haustüre wurde aufgetan, und der Gerber, von der Petroleumlampe, die auf dem Treppenabsatz stand, beleuchtet, streckte uns die Hand entgegen. Er ließ uns gar nicht unsern späten Besuch erklären, sondern führte uns in die Stube, als ob er uns erwartet hätte, holte Brot und Wurst und eine Kanne Bier herbei und sah erfreut, wie wir unsern Hunger stillten und diesen wunderbaren Gruß der Liebe Gottes entgegennahmen. Dann erst ließ er uns erzählen; er selber aber sagte: ›In dem Augenblick, als ihr mich rieft, da lag ich auf meinen Knien. In einem Gefühl großer Einsamkeit und Verlassenheit betete ich zu Gott um einen fühlbaren Beweis seiner Gegenwart. Wie es nun draußen klopfte, da war es mir nicht anders, als wenn der Herr Jesus selber mich besuchte. Nun, Kinder, eßt und trinkt, dann ruht euch aus; mein Gebet ist erhört.‹ Er sah, wie müde wir waren, leuchtete uns zur Schlafkammer unterm Dach, am nächsten Morgen dann, nachdem wir noch mit ihm eine Suppe gegessen hatten, brachte er uns zu Rüters Haus. Mir schlug ein wenig das Herz wegen des versäumten Stelldicheins im Walde. Jetzt fanden wir Türen und Fenster offen und alt und jung schon fleißig bei der Arbeit. Als wir eintraten, erstaunten alle. Ich entschuldigte mich zuerst, daß wir die Verabredung nicht eingehalten hatten: aber unser Freund schien mich gar nicht zu verstehen. Er holte schließlich meinen Brief hervor und las ihn noch einmal. Denn er war gar nicht fortgewesen! Es stellte sich heraus, daß er ihn nicht genau gelesen hatte; er hatte geglaubt, wir kämen erst an diesem Abend! Nun war es an ihnen, besorgt zu fragen, wo wir denn über die Nacht geblieben wären; darauf konnte ihnen unser Freund, der Gerber, Auskunft geben. Ihr könnt euch denken, wie nun schon am frühen Morgen unsere Vorfreude auf das bevorstehende Fest begann! Doch wir sahen auch, daß es noch recht viel zu tun gab im Hause; darum legten wir gleich mit Hand an, meine Frau in der Küche, ich in der Stube. Ich half dem Sohne Arnold beim Kartoffelschälen und Messerputzen. Bei dieser stillen Arbeit begann ich mit ihm über sein Seelenheil zu reden. Da gestand er mir, was er den Eltern zu sagen sich bisher noch geschämt hatte, nämlich, daß auch er einer von denen war, die sich in diesem kleinen gesegneten Ort in den letzten Wochen dem Herrn Jesus zu Eigentum gegeben hatten, und ich durfte es sein, der den erfreuten Eltern ihren geretteten Sohn zuführte. Da es sein sehnlicher Wunsch war, sich der Gemeinschaft anzuschließen, so kamen wir überein, die Taufe noch am selben Tage zu vollziehen. Am Abend bei Mondschein gingen wir an ein stilles Wasser und vollzogen den Befehl des Herrn. Unser Fest am nächsten Tag war eines, wie wir es selten erlebt haben; unser Freund, der Gerber, war mit dabei, wir alle lobten Gott für seine Wunder an unserer mit Angst und Bangen begonnenen Reise. Hätte der Wagen außerhalb Herfords uns nicht aufgenommen, dann hätten wir die zweite Strecke mit der Post fahren müssen, wären aber den Rest des Weges zu Fuß gegangen und hätten uns ohne den erwarteten Führer gewiß im Walde verlaufen. Hätte sich der Kutscher, der uns mitnahm, die Fahrt bezahlen lassen, dann würden wir für unsere kurze Fahrt mit der Post kein Geld mehr übrig gehabt haben. Hätte Rüter den Brief richtig gelesen und an der Stelle im Wald bis in die Nacht hinein auf uns gewartet, wieviel unnütze Sorgen hätten wir ihm und den Seinigen gemacht! Wäre aber meine Frau zu Hause geblieben, oder wären wir einen Tag später gereist, gewiß wäre dann die Arbeit vor dem Fest nicht so rasch und munter vonstatten gegangen bis zu der Taufe am Sabbatabend. – So herrlich führen uns die Fingerzeige Gottes, wenn wir auf sie achten! Wohl uns, wenn wir ihm vertrauen, auch wenn er scheinbar unsere Wege durchkreuzt.« Damit hielt der Alte ein.

 

Der Ingenieur erwachte gleichsam; er kam sich zunächst noch vor wie eingelullt von dieser kleinen seltsamen Erzählung, deren Wahrhaftigkeit er keineswegs bezweifelte, erinnerte sie ihn doch an ähnliche Zusammentreffen in seinem eigenen Leben, wenn sie auch vor seiner Erfahrung gleichsam Bruchstücke geblieben waren. Er neigte von Natur nicht dazu, seinen gelegentlichen Gedanken über Gott und die Welt bis zu den Tiefen nachzulaufen, wo sie sich dann rasch an Glauben oder Aberglauben zu verlieren pflegen. Es regte sich in diesem Erwachen aber auch das Gefühl jenes Unbehagens, das einen überfällt, wenn man einer Logik sich gegenübergestellt sieht, der man landläufig nicht begegnet und die gewissermaßen in der öffentlichen Meinung ihre Sanktion noch nicht gefunden hat: irgendeinen verborgenen Grund könnte sie doch haben, dem strengen Polizeigesicht der Wissenschaft aus dem Wege zu gehen. So bestand denn sein Beifall in einem nicht ganz unterdrückten Räuspern.

Sein Blick fiel dabei auf den Schwarzbärtigen. Er erschrak fast. Nie hatte er in einem Menschenauge einen so tiefen Ausdruck der Qual gesehen; der Blick dieses Mannes war auf das von Glaubensheiterkeit fast überirdisch strahlende Frauengesicht der Schwester Mathild gerichtet. Ein nervöses Zucken bewegte die Achseln des Mannes, der sich, sobald der Blick des Ingenieurs auf ihn fiel, nun plötzlich in seiner vollen Länge erhob und unwirsch von kaum gebändigtem Ingrimm ein paar Worte hervorstieß, die dem Gast zum erstenmal verrieten, daß es sich in diesem Zimmer hier um mehr als um ein bloßes Spiel von Meinungen und Theorien handeln müsse: »Jetzt gute Nacht! Ich begreife, was hier vorgeht! Ich – ich sage nichts weiter! Ich – ich kann das nicht länger mit ansehen, Herr Prediger, verstehen Sie mich? Ich – ich räume das Feld. Gute Nacht!« Dabei raffte der Lange mit einer ungeschickten haschenden Bewegung seinen langen Gehrock an der Brust zusammen und verließ ohne eine weitere Erklärung das Zimmer. Das geschah so rasch, daß die Oberin, die ihm erschrocken nacheilte, trotz ihrer Hast aber keineswegs vergaß, die Tür ganz leise und gleichsam um Verzeihung bittend hinter sich zu schließen, ihn nicht mehr erreichte. Die Abschlußtür draußen fiel ins Schloß, man hörte noch einen Augenblick die sich entfernenden Schritte auf der Treppe.

Die Schwestern hatten sich erhoben. Der rotbäckige Jüngling war ebenfalls aufgestanden und plötzlich aus der Tür verschwunden. Zwei von den Schwestern begannen verlegen in dem Liederbuch zu blättern, das aufgeschlagen noch auf dem Klaviere lag. Aber da Vater Danemann kein Wort sagte, so verließen sie, wie einem Einfall folgend, das Zimmer. Gleich darauf gingen auch die andern hinaus unter dem Vorwand, daß es höchste Zeit sei, den Abendtisch zu decken. Nur der junge Prediger und seine Frau blieben auf ihrem Sofa sitzen. In der Ecke aber kauerte Schwester Mathild, mit dem Gesicht zur Wand, gleichsam, als wolle sie sich verbergen, doch leuchtend in ihrer weißen Haube und den über den Rücken gekreuzten Bändern der Schürze. Die ganze Gestalt schien erschüttert wie von einem Schluchzen.

»Sie treffen uns heute,« sagte der Alte und ergriff warm und fest die auf der Lehne des Sessels liegende Hand seines Gastes, »in einem Zustand, der Ihnen nicht begreiflich sein kann, solange Sie die Nachrichten nicht kennen, deren Überbringer Sie waren. Weine nicht, mein Kind«, fuhr er fort, zu Schwester Mathild gewendet, die bei diesen Worten ihr tränenüberströmtes Gesicht mit einem Lächeln ihm zuwandte. Er stand auf, zog sie empor und legte die Hand auf ihre Schulter. Dann sagte er: »Schwester Mathild Blum ist seit heute die Braut meines Sohnes, meine liebe Schwiegertochter. Meinem Sohn fehlt eine Heimat draußen in seinem schweren Beruf, Mathild will ihm diese Heimat bringen. Es ist jetzt fünf, sechs Wochen her, da fragte mich dieses Kind eines Abends nach einem Platz für sie im Dienst unserer Afrikamission. Wie war sie auf den Gedanken gekommen? Hat sie es nicht gut bei uns? Wie sollen wir sie hier entbehren, wo sie uns von allen die liebste und treueste ist? Warum will sie fort, und welchen Platz kann ich ihr denn draußen schaffen? Diese Fragen und so mancherlei Sorgen um Heinrich gingen in meinem Herzen nebeneinander her, noch ganz getrennt voneinander wie durch eine Wand. Ich war wie blind und wußte weder für die eine, noch für die andere dieser Fragen eine Lösung. Aber heute morgen ging es mir wie dem Gerber Lieringhoven, von dem ich vorhin erzählte; das Zeichen wartete schon auf mich; während ich noch darum bat, war der Bote schon gekommen! Ich öffnete den Brief, den Sie mir übergaben, in meinem Schlafzimmer; ich las nur einige Zeilen. Mein Sohn schrieb mir, es sei Zeit, nach einer Gefährtin für ihn Umschau zu halten; zum ersten Male berührte er solche ganz persönliche Dinge in einem seiner Briefe. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: dieses Mädchen, diese Waise ist es, die der Herr für deinen Sohn zum Weib bestimmt hat und für dich zur Tochter. Ich trat zu Ihnen hinaus, aber es hallte mir noch wie Donner in den Ohren. Als Sie gegangen waren, ließ ich dieses Kind zu mir rufen und gab ihr den Brief zu lesen. Das andere wissen Sie nun.«

Schwester Mathild faßte die Hand des alten Mannes und küßte sie. Dann ging sie aus dem Zimmer. Der Prediger und seine Frau lächelten ernsthaft und sagten nichts.

Inzwischen war im nebenan gelegenen Zimmer die Tafel gedeckt worden. Eine der Schwestern kam herein und bat zu Tisch. In zwei Reihen leuchteten die weißen Hauben. Der Prediger sprach das Tischgebet, es gab nur dünnen Tee und Butterbrot und ein wenig kaltes Fleisch, alles in jener Kargheit, die man in Berlin nicht selten trifft; das Mahl verlief wie in einer großen, wohlerzogenen Familie. Der Ingenieur fühlte sich vertraut und fremd zugleich in dieser ihm ungewohnten Umgebung; die Menschen und die Stimmungen in diesem Hause erschienen ihm so klar und doch so unergründlich. Merkwürdig erschien es ihm auch, daß die Schwestern alle in ihrer gleichmäßigen und gelassenen Heiterkeit weder besondere Freude, noch auch Bedauern über das Schicksal einer der Ihrigen zeigten. Schwester Mathild behielt, wie es schien, ihren gewohnten Platz am unteren Ende der Tafel, während den Platz an des Alten Seite die Oberin einnahm. Diese tat, als wäre nichts geschehen; ihr gescheites, von den Falten und Fältchen ihrer Jahre nur wenig entstelltes Gesicht verriet nicht die Gefühle, die sie bergen mochte. Als zum Schluß des Mahles die geschälten Apfelsinen ihren leichten säuerlichen Duft verbreiteten, bat der Alte seinen Gast, noch einiges aus dem Leben der Eingeborenen und der Europäer in Westafrika zu erzählen. So schilderte er denn aufs neue die finsteren, von versteckten Flüssen durchzogenen Wälder, die wenigen Stationen der Europäer an den Bergabhängen mit ihren weißen Häusern und die großen von Bananenhainen umgebenen Hüttendörfer der Schwarzen. Er schilderte die heißen, vom Quaken der Frösche erfüllten Nächte und den sternenklaren nächtlichen Himmel über der Wildnis. Unausgesprochen kam ihm dabei die Erinnerung an die Nacht vor seiner Abreise von der Niederlassung des Doktors, der in so vielen Eigentümlichkeiten dieses Alten Sohn war, wenn er auch durch einen kleinen geistigen Unterschied von ihm dem Ingenieur näherstehen mochte. Sie waren auf der Veranda des leicht gebauten Hauses gelegen, die Arme unter dem Kopfe verschränkt, und über ihnen standen die Sterne. Da verglichen sie beide ihr einsames Leben und berührten, mehr in Gedanken als in Worten, die herbste der Entsagungen, den Verzicht auf Frauenliebe. Am nächsten Morgen hatte ihm der Missionsarzt einen Brief mitgegeben, den er noch in derselben Nacht an seinen Vater geschrieben.

Als es über der Erzählung des Gastes halb neun Uhr geworden war, begannen die Schwestern den Tisch zu räumen und zogen sich zurück. Auch das Predigerpaar entfernte sich. Der Alte, jetzt mit Herrn Backmeister allein geblieben, bat den Gast um seine Adresse. Seinem Sohn werde er noch heute schreiben. Es wäre möglich, daß er dem Freunde seines Sohnes aber auch einen besonderen Gruß an ihn noch mitzugeben hätte. Dann werde er dem Ingenieur bald eine Nachricht geben, die ihn noch vor seiner Abreise erreiche. Vielleicht auch werde er ihn vor der Abfahrt des Schiffes in Hamburg besuchen, falls er in der Kürze der Zeit aus dem Westen Deutschlands nicht noch einmal nach Berlin kommen könne.

Der Ingenieur verabschiedete sich. Beinahe träumend ging er die von grünen Gaslampen beleuchtete Treppe des großen, stillen Mietshauses hinunter und sah noch immer vor sich das bäurisch schöne Weib und gedachte daneben des fernen, in seiner Einsamkeit sich fast verzehrenden Mannes. In einer tiefen Verwunderung gestand er sich, daß allerdings kein Wesen besser an die Seite des nur nach außen verschlossenen, innerlich so weichen Menschen passen würde, als dieses Mädchen, das bereit war, ohne Zaudern, ja in einer heiteren und christlichen Zuversicht sich einem Unbekannten darzubringen.

 

Herr Backmeister trat auf die fast leere Straße hinaus, an deren Ende das Licht einer quer vorüberfahrenden Elektrischen ihn an die notwendige rasche Rückkehr in das Hotel erinnerte und an den Schwall von Lichtern und Menschen in der inneren Stadt bei den Bahnhöfen, von wo aus er nach einer Stunde seine Reise fortsetzen mußte, schlafend, über dunkle, nächtliche Landschaft, – als aus dem Dunkel des nächsten Hausganges ein langer schwarzbärtiger Mensch ihm entgegentrat, mit dem Hute in der Hand.

Der Schwarzbärtige faßte den Ingenieur, der ihn zuerst nicht erkennend ärgerlich einen Schritt zur Seite trat, am Ärmel. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte er und wandte sich gegen das Licht der Straßenlaterne, so daß der Ingenieur ihn als Herrn Starklos wiedererkannte. »Ich weiß nicht, ob ich Sie noch einmal sehe. Ich habe hier auf Sie gewartet; der Vorfall, dessen Zeuge Sie waren, nötigt mich zu einer Erklärung. Es handelt sich um ein Menschenleben, kurz, es handelt sich um Schwester Mathild, die mich näher angeht, als Sie wissen konnten, und um mich selber handelt es sich schließlich auch.«

Die Lippen des Mannes zitterten von diesen Worten, die das lange Warten mühsam zurückgehalten hatte. Er setzte sich den Hut auf den Kopf, nahm ihn wieder ab und wischte seine Stirn mit der bloßen Hand; dann nahm er das Taschentuch hervor und trocknete, gleichsam erstaunt, den Hut auch von innen ab. Sie standen noch unter der Straßenlaterne. Dem Ingenieur schien das fahle, von dem Bart umrahmte Gesicht häßlich und rührend zugleich wie ein Stempel von Sorge und Gram. »Ich muß zum Bahnhof«, sagte der Ingenieur. »Wenn Sie mich aber eine Strecke begleiten wollen, so stehe ich zur Verfügung, obgleich ich durchaus nicht sehe, was ich für Sie tun kann.«

Damit ging er weiter. Der Lange schritt neben ihm her und sprach: »Mathild Blum ist mein Mündel, sie ist das Kind von armen Bauersleuten, die in der Nähe meiner schwäbischen Vaterstadt eine kleine Mühle hatten. Der Vater verunglückte, die Mutter ist ebenfalls früh gestorben, ich kannte die Eltern. Verwandte waren keine da, ich sorgte, daß das Kind zu ordentlichen Leuten kam, zuerst war sie noch in der Schule, dann in einer Stellung. Ich dachte mir, ich würde sie heiraten, wenn ich auch zwanzig Jahre älter bin. Hätt' ich's nur getan! Aber damals meinte ich noch, ich sei schon zu alt zum Heiraten, ich wollte ihr dafür wie ein Vater sein. Ich wurde nach Berlin versetzt. Meine Base ist die Oberin in dem Schwesternheim: ich sprach mit ihr, ob sie noch jemand in die Anstalt aufnehmen könnte, so kam sie hin. Die Mathild war glücklich darüber und ist nun schon seit zwei Jahren da. Ich weiß nicht, was es ist; aber das Wesen dort hat sie verwandelt, ich habe es ihr schließlich gesagt, daß ich rechten Undank von ihr erlebe. Da hat sie geweint, und ich habe wohl einsehen müssen, sie ist so brav und gut wie immer, aber eine andere ist sie doch geworden. Es sind halt die frommen Ideen. Sie war auch großjährig geworden, und warum hätte ich sie von dort wegnehmen sollen, und wohin? Nun, seit ein paar Wochen kommt die Rede auf, sie will zur Mission, nach Afrika! Ich hab' es ihr ausreden wollen, im Spaß und im Ernst, es hat nichts gebattet. Seit dem Tag hab' ich keine ruhige Stunde mehr gehabt. Und heut nun, als ich sie wieder einmal besuche und hoffe, sie redet nicht mehr vom Weggehen, erfahre ich von der Verlobung. Eine schöne Verlobung mit einem Mann, den man nie gesehen hat. Mit einem in Afrika! Und wenn's ein Doktor ist und der Sohn vom Missionsinspektor selber, – ein feines Gespinst ist das, eine Kuppelei, eine fromme Kuppelei und weiter nichts! Und ich soll mich noch auslachen lassen und mir erzählen lassen, daß das der Finger Gottes sei, wenn sie mir jetzt davonfliegt, wie – wie ein Schwan! Das hab' ich nicht verdient. Nichts will ich von ihr verlangen als nur, daß sie im Land bleibt, wo ich nach ihr sehen kann und ein bißchen für sie sorgen. Helfen Sie mir doch!«

Sie waren in die Hauptstraße eingebogen. Das Gerassel der Omnibusse und die Zahl der Lichter war immer größer geworden; der Ingenieur konnte die Klage des Mannes, der da an seiner Seite ging, nur noch mit Mühe verstehen. Er sah ihm aufmerksam und prüfend ins Gesicht. Ach, durch irgendeinen Ausdruck, der sich in die Miene des Schwarzbärtigen gemischt hatte, erschien er ihm plötzlich wie ein klagendes altes Weib.

»Wenn es nur noch mehr solcher Frauen gäbe, die hinausgingen«, sagte der Ingenieur da ganz laut und entschlossen seinen geheimsten Gedanken zu dem Manne hinüber.

»Dann hab' ich sie gesehn, dann hab' ich sie gesehn!« schrie der Lange auf. »Sie ist wie ein Schwan, wie ein Schwan, der davonfliegt«, murmelte er verzweifelt. »O, Sie kennen sie nicht! Was soll ich tun? Ich sehe sie nicht wieder, wenn sie so weit fortgeht, und ich bin doch der einzige Mensch auf der Welt, den sie hat mit Leib und Seele. Der andere hat sie nie gesehen und soll sie haben; ich bin der einzige, der sie wirklich liebt, und mir will man sie nehmen.« – »Aber wenn sie nicht will?« sagte der Ingenieur. »Sie will ja hinaus, das sehen Sie doch selbst. Sie haben doch kein Kind mehr vor sich.«

Der Schwarzbärtige fuhr sich mit der Hand vor die Augen. Hinter den Gläsern hervor rannen ihm Tränen über die hageren Wangen!

Dem Ingenieur wurde unsicher bei diesem Anblick; er fühlte, daß er der Szene ein Ende machen müsse. Er hätte dem Manne auf die Schulter klopfen, ihm gut zureden mögen. Hatten nicht auch an seinen Schläfen die Haare schon angefangen grau zu werden, war nicht auch sein Körper, so straff er ihn hielt, schon geschwächt von den Fiebern und den Entbehrungen der Jahre, die er in einem mörderischen Klima verbracht hatte, offenbarte nicht auch ihm zuweilen ein Spiegel das Leid seiner eingefallenen Züge? Auch er entbehrte, was dieser Mann entbehrte, sie waren Leidensgenossen. Aber sein Herz war nicht weich und verwöhnt wie dieses hier. Fast tat es ihm wohl, einen Menschen, der sich nicht beherrschen konnte, so leiden zu sehen. Diese Menschen im alten Europa! Diese Leutchen, die mit ihrem Gemüt in ein seltsames Gemisch von Daunen und von Stacheln eingebettet sind. Er begriff sie, aber er verachtete sie doch, was ihn dabei betraf.

»Es wird ja noch eine Weile dauern, bis die Schwester ihre Reise antritt«, sagte er fast höhnisch. »Afrika ist nicht aus der Welt; vierzehn Tage Reise, was ist das heute? Jeder Missionar bekommt seinen Heimatsurlaub; Sie werden sie später als junge Frau wiedersehn. Was soll ich Ihnen denn da noch helfen? Ich habe den Brief überbracht; was darin stand, wußte ich nicht. Außerdem, lieber Herr, glaube ich, daß die Verlobten ausgezeichnet zueinander passen. Der Doktor ist ein braver, guter Kerl. Es ist doch nicht das erstemal, daß Unbekannte einander heiraten. Das weiß auch der alte Danemann. Alle Achtung vor ihm. Mehr kann ich nicht sagen.«

Der Ingenieur winkte eine Droschke herbei. Der Schwarzbärtige, der mit seinen langen Schritten schon ein Stück voraus war, kehrte zurück. Er hatte seine Haltung wiedergefunden. Er reichte dem Einsteigenden steif wie Holz die Hand und entschuldigte sich wegen der Belästigung.

 

Die rasselnde Droschke, danach die Nachtfahrt in der Eisenbahn, eine angestrengte Tätigkeit während der nächsten Tage, die ihn in langen beruflichen Besprechungen und in Gesprächen halb unpersönlicher Art mit alt- und neubekannten Menschen zusammenbrachten, übertäubten vollends in Herrn Backmeister die Erinnerung an jenen Sonntag, die ihm nur wenige Tage vor seiner Ausreise durch einen Brief des alten Danemann wieder erweckt wurde. Der Brief enthielt die Frage an den Ingenieur, ob er bereit sei, die Braut seines Sohnes auf dem Schiffe, mit dem er zu fahren gedenke, hinaus zu geleiten. Es gab ein kurzes Hin und Her von Telegrammen. Auf dem Schiff in Hamburg sah er den Alten und die Braut des Freundes wieder, die ihre Schwesterntracht nun abgelegt hatte. Dasselbe Schiff erwartete an der Reede von T. an der afrikanischen Küste der junge Missionsarzt, der aus dem Innern zur Küste gekommen war, um die Frau abzuholen, die sein Vater ihm sandte. Die drei begaben sich sogleich zur Behörde, wo die Trauung vorgenommen wurde, dann verabschiedete sich der Ingenieur, um mit dem Schiff, das auf der Reede wartete, seine Reise fortzusetzen. Fast zwei Jahre vergingen, bis er sein Versprechen wahrmachen konnte, das junge Paar auf derselben Niederlassung zu besuchen, wo er einst krank gelegen und in jener Nacht vor seiner Heimreise das Gespräch unter Sternen gehabt hatte, dessen Folge der Brief gewesen war. Nun saßen sie zu dritt auf der Veranda. Wie damals leuchteten im unendlich weit und hoch gespannten Nachthimmel die Sterne, wie damals scholl vom Flusse her das Quaken der Frösche; unter den Wolken, die oben segelten, schien es fast, als zögen sie auf der dunklen Erde wie auf einem Schiffe die geheimnisvolle Bahn. Diese beiden Menschen waren glücklich. Doch, es war nur ein Jahr später, der Ingenieur saß mit anderen Männern, mit hell beschienenen, harten oder auch müden Gesichtern um den Tisch seines Klubs und las die Zeitung, da traf ihn die Nachricht, daß die junge Frau, dies tapfere Menschenkind, dessen einfachen Weg er liegen sah wie die Landschaft zu Füßen der hochfliegenden wilden Schwäne, an einem in jener Gegend gefährlichen Fieber gestorben sei. Er besuchte den Freund nicht wieder. Auch die beiden Männer in der Heimat hörten im Leben nicht mehr von ihm.

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