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Erzählungen an Bord

Alfons Paquet: Erzählungen an Bord - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorAlfons Paquet
titleErzählungen an Bord
publisherDrei Masken Verlag
printrunZehnte Auflage
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150716
projectid42dc1654
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Wir erwarten das Vlissinger Boot

Ich weiß nicht mehr, wie eigentlich jenes kleine Dorf an der englischen Küste heißt, in dem ich damals übernachtete. Ich weiß nicht einmal mehr den Namen des kleinen sauberen Matrosenwirtshauses, in das mich mein Führer brachte, wofür ich ihm aus Dankbarkeit einen Schilling gab, denn es war mir ein finsterer, unheimlicher Weg gewesen, auf dem er mir, ohne ein Wort zu sagen, vorgegangen war. Ich war damals fünfzehn Jahre alt.

Ich war um halb zehn Uhr abends vom Holbornviadukt mit dem Kontinentalzuge bis Queenboro gefahren, um am nächsten Morgen meine Mutter zu erwarten, die um halb sechs mit dem Vlissinger Boot ankommen wollte. Wir hielten kurz nach elf an der Strandstation. Die Reisenden alle, die der Zug beförderte, wollten mit dem Schiffe fort, das gegen Mitternacht nach Holland abging. Ich war der einzige Passagier des menschengefüllten Zuges, der nicht an Bord trat; ich stand seitwärts, das Schiff brüllte aus seinen beiden Sirenen, ich sah mit einer gewissen Unruhe zu, wie die Leute samt ihrem Gepäck in das schwimmende Hotel befördert wurden und wie es endlich abdampfte und sein Licht in die dunkle See hinaustrug.

Es war auf der Brücke dunkel geworden. Ich dachte, ich sei allein geblieben, zog meinen Mantel aus, rollte ihn zusammen und legte mich den langen Weg unter einen Schuppen neben den Kranen, um den Morgen zu erwarten. Ich hätte es sicher durchgeführt, denn es war Sommer. Aber da kamen noch vier Arbeiter aus dem Zollhause, und ehe sie die Laternen auslöschten, bemerkten sie mich. Ich fragte, ob ich hier schlafen dürfe. Der Aufseher konnte es nicht erlauben. Er empfahl mir, nach Queenboro zu gehen oder in das kleine Dorf, dessen Namen ich vergessen habe. Keiner seiner Leute aber wohnte in dem drei Viertelstunden entfernten Städtchen Queenboro, alle hatten ihre Hütte in der Nähe der Station; nur einer wohnte in dem Dorf, und der nahm mich mit. Wir kletterten über das Bahngleis, überstiegen zwei Zäune, kamen auf eine weitgeschwungene, schmale Landzunge, an deren beiden Seiten das Wasser war, und hier ging er etwa zehn Minuten, ohne sich nach mir umzusehen, in der Finsternis vor mir her und lieferte mich am Ende in dem kleinen, noch hell erleuchteten Gasthause ab, dessen Besitzer er empfahl, mich beizeiten zu wecken, da ich zum Frühboot wolle. Dann setzte er sich zu ein paar Männern an den Tisch und fing an, seinen Schilling zu vertrinken. Mich brachte der Hausknecht sofort in ein Zimmer im ersten Stock. Als wir vor der Türe standen, klopfte er erst an, und jemand rief: ›Herein‹.

In der Mitte des Zimmers standen zwei hohe weiße Betten aufgedeckt; auf dem einen saß ein älterer, bärtiger Mann, der sich beim Kerzenlicht die Beinkleider auszog. Ich sagte schüchtern: ›Guten Abend.‹ Er sah mich etwas verwundert an und erwiderte meinen Gruß.

Der Hausknecht sagte: ›Hier ist noch ein Herr, der auch zum Boot will. Gute Nacht!‹ und machte die Tür hinter sich zu.

Der Fremde ließ sich im Ausziehen durch mich nicht stören. Ich legte möglichst geräuschlos Hut und Mantel ab, setzte meine Stiefel vor die Tür und kleidete mich in dem großen Sessel, der neben meinem Bette stand, aus. Als ich damit fertig war, holte ich das Neue Testament aus der Tasche und begann ein paar Verse daraus zu lesen, wie es damals vor dem Schlafengehen meine Gewohnheit war.

Der fremde Mann hatte sich unterdessen ins Bett gelegt. Er wartete, bis ich das Buch beiseite gesteckt hatte und in mein Bett schlüpfte, dann blies er die Kerze aus. Es war stockfinster. Ich konnte zuerst nicht einmal das Fenster entdecken, es war dicht verhangen.

Mein Lager war weich und behaglich. Ich war müde, konnte aber nicht einschlafen. Vielleicht eine halbe Stunde lag ich still mit offenen Augen, dann fing ich an, mich herumzuwerfen. Von meinem Nachbar hörte ich nur die schweren, unregelmäßigen Atemzüge, die mich vermuten ließen, daß er auch nicht schlief.

Auf einmal fragte er gedämpft und langsam: ›Sie können wohl auch nicht schlafen, Herr, nicht wahr?‹

Ich erschrak doch und hörte mein Herz laut klopfen. Ich antwortete ebenso gedämpft: ›Nein, ich bin wach.‹

›Sie wollen jemand mit dem Frühboot erwarten?‹

›Meine Mutter.‹

Er gab keine Antwort.

Nach einer Weile sagte ich: ›Sie kommt aus Deutschland; sie weiß hier nicht Bescheid, versteht die Sprache nicht, könnte in das falsche Ende des Zuges einsteigen.‹

›Das ists‹, erwiderte er.

›Sie weiß nichts davon, daß ich dort warte‹, fuhr ich fort. Ich war froh, ein paar Worte sprechen zu können, und sein Antworten machte mich zutraulich. ›Ich will sie überraschen.‹

›Es wird sie freuen.‹

Dann schwiegen wir beide eine Zeitlang. Endlich wälzte er sich im Bett herum und seufzte ›ach ja‹, richtete sich halb auf und ließ sich wieder zurückfallen.

›Ich warte auf meinen Bruder‹, sagte er langsam. ›Ich brauchte ja nicht hierherzufahren, um ihn abzuholen, aber es ist mal so. Ich habe keine Ruhe. Ich war schon heute abend auf der Landungsbrücke, aber mit dem vorigen Boote kam er nicht. Ob er überhaupt mit dem nächsten kommt. Über Vlissingen fährt er ganz bestimmt. Ich sage mir, er muß doch kommen.‹

Pause. Wir lagen völlig ruhig.

Nun fuhr er fort: ›Er hat mir einen Brief geschrieben, nämlich, er ist sehr krank. Gott, er ist der einzige Mensch, den ich habe. Er wohnt in Rotterdam, ist Kaufmann. Vor vier Wochen, so schreibt er, ist er krank geworden, und seine Frau, eine Französin, hat ihn verlassen. Ich versteh' das nicht, ich versteh' das nicht, er ist so ein einzig guter Mensch. ›Ich muß dich noch einmal sprechen, ehe ich sterbe, aber du sollst nicht zu mir herüberkommen, ich komme zu dir. Es wird mir schon besser werden, wenn ich erst unsere Küste wiedersehe‹, schreibt er. – Ich bin ein Junggeselle, bin nur einmal zu meinem Vergnügen nach Boulogne gefahren, ich verstehe nichts vom Ausland. Sie sind ja vom Festland; sagen Sie, ist es da wirklich so schlimm?‹

›Schlimm? Ich wüßte nicht.‹

›Diese verschiedenen Völker und Religionen. Nun denken Sie. Er, ein richtiger Cockney, geht nach Holland und heiratet eine Französin. Solch ein Unsinn! Nein, es ist unbegreiflich von ihm gewesen, ich sagte es immer. Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen.‹

Ich fand es auch unbegreiflich, und schwieg.

Er kramte unter seinem Kopfkissen. In seiner Hand knisterte ein Papier.

›Entschuldigen Sie, ich muß den Brief noch einmal lesen. Oder wollen Sie schlafen?‹

›O nein, ich könnte kein Auge zutun.‹

›So mache ich Licht.‹

Er schlug Licht, richtete sich auf, breitete den Brief vor sich aus und stellte die Kerze auf seine Bettdecke.

›Ich lese es vor; ich kann mir manches absolut nicht erklären.‹

Ich nickte; ich war neugierig und hatte nur die Befürchtung, daß ich's wohl auch nicht erklären könne.

Er las mit halber Stimme vor, indem er das Schreiben an die Kerze hielt und sich oft verbesserte:

»Mein lieber Martin. (Das ist nämlich mein Rufname.) Martin, ich muß Dir einen recht traurigen Brief schreiben, nachdem Du nun so lange Zeit keinen von mir bekommen hast. (Nämlich, ich habe ihm letztes Jahr zwei oder drei Briefe geschrieben, die er alle nicht beantwortet hat. Also:) Denn ich hatte keine Sekunde Ruhe dazu, und an alldem trägt Sylvaine die Schuld (das ist diese Französin), dies bodenlos verlogene, heuchlerische und niederträchtige Weib, ich kann keine andere Bezeichnung gebrauchen (es muß eine wahre Teufelin sein), die mich bis zu dieser Stunde ewig hintergangen hat und mich nun, da ihr meine Krankheit lästig zu werden droht, mir nichts dir nichts verlassen hat. Jetzt kann ich Dir erst schreiben, mein treuer Martin. Und wenn ich unterwegs sterben sollte, ich bleibe keine halbe Stunde mehr in dieser Wohnung. Ich gehe nachher ins Hotel und übermorgen für immer von hier fort. Mein altes Leiden hat sich seit einem Monat sehr verschlimmert, ich fühle mich gealtert und niedergeschlagen. Ich muß Dich noch einmal sprechen, ehe ich sterbe, aber ich will nicht, daß Du hierher kommst, ich komme zu Dir. Vielleicht wird mir schon besser, wenn ich erst unsere weiße Küste wiedersehe. Ich fahre über Vlissingen, am Mittwoch. Erwarte Deinen Bruder Philipp.‹

›Ich begreife es einfach nicht‹, schloß er, indem er in die Flamme starrte und sie endlich ausblies.

›Sagen Sie selbst: ist das nicht, um an seinem Verstand zu zweifeln?‹

Er sprang aus dem Bett, suchte das Fenster und machte es weit auf. Der Tag graute schon, ein kalter Wind blies ins Zimmer. Der Mann stand da im Hemd und starrte auf das Meer hinaus.

›Jetzt ist er unterwegs, der arme Kerl. Wieviel Uhr mag's sein? Das Schiff ist noch nirgends zu sehen, und schrecklich kalt muß es auf dem Wasser sein.‹

Er schloß das Fenster und legte sich wieder.

›Entschuldigen Sie; ich sah Sie vorhin im Testament lesen. Bei Gott, es scheint mir die einzige Rettung zu sein, wenn man von Kind an fromm und gläubig ist und nicht jedes Gelüst an sich herantreten läßt und nicht überall hin will. Ich meine gerade meinen Bruder. Könnte ich für ihn beten! Ich bin so fürchterlich beunruhigt.‹

Er hüllte sich bis an den Hals in die Decke und klapperte mit den Zähnen.

Ich hörte es teilnahmlos. Die Augen waren mir schwer geworden. Endlich schlief ich ein.

Ein paar Stunden später, als wir geweckt wurden, sprangen wir beide rasch aus den Betten und zogen uns in größter Aufregung an, denn wir sahen durchs Fenster in der Ferne zwei Dampfschiffe, von denen eines sicher das erwartete war.

Wir gingen sehr rasch am Strande entlang dem Bahnhof zu, der die Landungsstelle verdeckte. Der schmale Pfad vom vorigen Abend zeigte sich nun in einer weiten, salzig riechenden Fläche von Muschelsand; wir liefen und purzelten dann eine glatte grüne Anhöhe hinan, auf der Schafe weideten, umgingen die Zäune und konnten an einer freien Stelle wahrnehmen, daß ein Dampfer soeben an der Brücke hielt.

Wir rannten über den Bahndamm und kletterten an der Steinrampe des Bahnhofes in die Höhe, kurz vor der zischenden Maschine. Der Zug füllte sich bereits. Ich kümmerte mich nicht mehr um meinen Begleiter und suchte nur nach meiner Mutter. Endlich entdeckte ich sie wirklich in der Zollhalle, wie sie sich tapfer mit dem Matrosen zu verständigen suchte, der ihre Tasche trug. Ich weidete mich einen Moment an ihrem Anblick, dann hielt sie mich in den Armen und vergoß Tränen der Freude.

Wir bestiegen gleich darauf den Zug. Jeden Augenblick konnte er abfahren.

Mein Schlafgenosse war der einzige, der nicht einstieg. Man mahnte ihn dazu, aber er ging nur mit tief bekümmerter Miene auf dem Bahnsteig hin und her und sah in jedes Fenster.

Er blieb zurück. Ich winkte ihm noch einmal, als wir aus der Halle fuhren. Er schüttelte traurig den Kopf und wandte sich rasch um, er hielt die Hand vors Gesicht. – Adieu, du guter, armer Kerl.«

 

Lange noch, nachdem der Fremde gegangen war, stand der Leutnant auf Deck und sah hinaus auf die fernen Lichter des Hafens und den vom Widerschein der Stadt geröteten Wolkenhimmel der Nacht. Was in jenem Menschen dahinging, das klang in ihm fort wie ein heimliches Tönen aus dem Lande, das er hier mit seinen kleinen Schiffen bewachte, wie eine Melodie der Erde, jenen vernehmbar, die auf ihren Elementen Brüder sind.

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