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Erzählungen an Bord

Alfons Paquet: Erzählungen an Bord - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorAlfons Paquet
titleErzählungen an Bord
publisherDrei Masken Verlag
printrunZehnte Auflage
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150716
projectid42dc1654
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Gemeindestunde

Denken Sie sich einen Sonntagnachmittag im Hochsommer, die stillen Straßen einer mittelgroßen Stadt, die Leute gehen spazieren, die Glocken läuten. In einem Hinterhaus an der Hauptstraße ist Sonntagnachmittagsversammlung. Ein dunkles Viereck Menschen stand in dem langen schmalen Saal und sang nach der Predigt schläfrig das Amen. Ich spielte das alte tremolierende Harmonium. Während meines üblichen Nachspiels setzte sich alles wieder. Im Katheder neben mir wartete der Prediger, bis ich fertig war; er hielt nervös hinter der großen Bibel sein Taschentuch bereit, um sich den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen und verkündete: ›Dem Nachmittagsgottesdienst folgt heut Gemeindestunde. Die Mitglieder, die älter sind als zwölf Jahre, werden gebeten, den Beratungen im Hause des Herrn vollzählig beizuwohnen.‹

Die Versammlung löste sich auf. Am Ausgang entstanden ein paar Gruppen. Schritte klopften die Hinterhausstiege hinunter und entfernten sich durch den Hof. Jetzt waren wohl die ersten aus dem Torweg auf der Straße, die von geputzten Menschen wimmelte, in der Sonne. Nach Mittag waren die Schützen mit Blechmusik hinausmarschiert. Vor der Stadt war das Fest; Eichenschatten, aufgeknöpfte Jacken, kühles Bier bis zum Umfallen. Ich klappte hart das Harmonium zu und setzte mich in eine der letzten Bänke, neben dem Schuster Mager. Unterdessen öffnete man ein paar Minuten lang die Fenster. Sie gingen nach dem Hof, der heiße Hauch der sommerlichen Stadt kam herein. Doch noch schwerer war die Luft, in der hier über hundert Menschen in großer Schwüle anderthalb Stunden geatmet hatten.

Man nahm die beiden zinnernen Sammelteller von dem Tischchen hinweg, das vor dem Katheder stand; man schob es ein wenig vor und stellte den Stuhl für den Ältesten dahinter. Das war mein Großvater. Noch nie hatte ich ihn so mit dem innersten Auge angesehen wie jetzt, da er an dem Tischchen seinen Platz einnahm. Sein graues Haupt- und Barthaar war frisch geschnitten. Sein breites rosiges Gesicht erschien etwas schlaffer als sonst. Der weit offene Kragen zeigte den etwas speckigen Hals. Das gab dem guten klugen Gesicht einen weibischen Ausdruck.

Der Schriftführer, Bruder Schachzabel – er war Artilleriesergeant – kam mit dem Protokollbuch und setzte sich an Großvaters Seite. Ein Stuhl rechts blieb frei.

Fast alle unsere vierundsiebzig Mitglieder saßen in den Bänken. Jedes wußte, wer nicht da war, und auch warum: Von den beiden Diakonen war Bruder Kleisinger, im gewöhnlichen Leben Damenschneider, auf einem Dorf in der Umgegend, um eine Versammlung zu leiten. Schwester Hilger war wegen ihrer kleinen Kinder zu Haus, doch ihr Mann, ein Gemüsehändler, war da. Vier Schwestern fehlten, weil sie heut keinen Ausgang hatten, das waren Dienstmädchen. Fräulein Hunrath fehlte: sie lag schon den dritten Monat im Altleutestift; und Schwester Meier fehlte, weil sie sie besuchte.

Dienstmädchen und Nähmamsellen saßen auf der vordersten Bank in grellen Tüllkleidern und albernen Frisuren. Hinter ihnen der Prediger, abgespannt, mit gesenktem Kopf; neben ihm seine Frau, eine dicke, ewig ruhige, schwarzgekleidete Friesin. In den nächsten Bänken saßen ärmlich gekleidete Frauen; unter ihnen Johanna, die alte Dienerin meiner toten Eltern, ganz eingesunken in ihren altmodischen türkischen Schal. Von den Frauen flüsterten einige miteinander. Man hörte es kaum; man sah nur die Köpfe sich bewegen und die Schultern sich wenig neigen.

Etwa halb so viel Männer waren da, als Weiber. Alles waren ältere Leute mit ernsten und stumpfen Gesichtern. Die einzigen Jungen außer mir waren drei Burschen, die für sich allein auf der letzten Bank saßen. Die drei sollten heute wegen unchristlichen Wandels ausgeschlossen werden.

Als Kinder waren wir Spielkameraden gewesen; wir hatten nebeneinander in der Bibelklasse gesessen und waren vor fünf Jahren gemeinsam »erweckt« worden. Man hatte uns dann in die Gemeinschaft aufgenommen. Peter hatte schon ausgelernt als Schuster, Ferdinand als Tapezierer; Karl verdiente als Schreinerlehrling zehn Mark wöchentlich. Ich war noch im Gymnasium.

Über die Schulter sah ich zu den dreien hin mit einem gleichgültigen Gesicht, während mein Herz unruhig klopfte. In ihren Mienen las ich, daß sie mich heut verraten würden.

Mein Großvater hob die Hand: ein Bruder schloß die Fenster, ein anderer stellte sich an die Tür.

Bruder Schachzabel, der Artilleriesergeant, verlas das Protokoll der vorigen Gemeindestunde. ›Ich habe bekannt zu geben‹ – fing dann mein Großvater an, – ›zwei Seelen haben sich zur Aufnahme gemeldet und sind bereit, Zeugnis abzulegen.‹

Der Mann, der an der Tür stand, ging hinaus und führte ein ärmliches blasses Weib herein. Sie hielt die Augen fast geschlossen. Auf den Fußspitzen ging sie nach vorn. Das Holz knarrte leise unter dem Kokosteppich. Dem Sergeanten gegenüber nahm sie, mit zusammengerafften Röcken, auf dem Stuhle Platz. Großvater stellte in seiner milden Art die Fragen. Die Frau antwortete schüchtern: als ihr Gustävchen gestorben sei – ›Ihr Kind?‹ –

›Ja, unser zweites, was gestorben ist‹ –, da habe sie eingesehen, daß ihr der Kummer von Gott auferlegt sei und daß Gott sie trösten werde, wenn sie in die Kirche gehe. Aber was der Herr Pfarrer sagte, das verstand sie nicht. Da nahm eine Nachbarin sie zufällig mit in die Versammlung hier.

Zwei Bänke vor mir stand der dicke Koch Wendhorst auf: ›Sie entschuldigen, liebe Frau! Aber Sie wissen doch, daß das gar kein Zufall, sondern eine Fügung Gottes war?‹

›Ja, gewiß das‹, antwortete die Frau. ›Ich bringe auch meinen Mann noch so weit, daß er mit mir zu euch kommt.‹

›Nicht Sie, sondern Gott‹, murmelte Bruder Wendhorst, der noch nicht ganz wieder saß, und sah sich um. Ein paar Leute nickten.

›Nein, ich‹, – meinte die Frau.

›Nun weiter‹, fragte Großvater.

›Also, am selben Nachmittag hat der Herr Prediger über die Bergpredigt gepredigt. Darnach bin ich heimgelaufen und konnt' die Nacht nicht schlafen. Ich wollt' beten, aber mein Mann hat geschimpft, das sei dumm Geschirr. Am nächsten Morgen bin ich auf einmal beim Stubenkehren mit dem Schrubber in der Hand hingekniet. Es war mir grad', als wenn der Herr Jesus zu mir gekommen wär.‹

Da die Frau hier anhielt, so fragte mein Großvater, ob sie auch ihrem Mann davon erzählt habe.

›Doch, gewiß. Mein Mann, wie er zum Essen nach Haus gekommen ist, da hat ers mir angemerkt. Seitdem läßt er mich in die Versammlung, soviel als ich will. Ich weiß auch, daß der liebe Gott mit ihm was vorhat.‹

›Sie haben also nun den Wunsch, unserer Gemeinde beizutreten. Wir nehmen an, daß Sie sich über unsere Auffassung der Heiligen Schrift und der Feier des Sonntags und über unsere Stellung gegenüber der Landeskirche klar sind?‹

Die Frau nickte.

›Dann wollen wir aus unserm Kreise zwei Frauen wählen, die näher darüber mit Ihnen sprechen. So Gott will, sehen wir Sie bald wieder vor uns, um Sie aufzunehmen.‹

Er stand auf und reichte der Frau die Hand. Ein Bruder begleitete sie hinaus und brachte Kätchen Säger.

Kätchen war auch ein Gemeindekind, fast im selben Alter wie ich und die drei Kumpane da hinten. Als ich sie jetzt mit kleinen hastigen Schritten hereinkommen sah, dies frische, kugelrunde, rosa Gesicht mit den knallroten Backen und dem straff gescheitelten braunen Haar, da fiel mir ein, wie ich sie manches Mal an Mittwochnachmittagen aus der Religionsstunde zwischen den Gartenzäunen nach Haus begleitet und geküßt hatte. Jetzt war sie Näherin. Ich sah sie nur noch Sonntags.

Sie benahm sich recht geziert. ›Nun komm und setz dich doch, Kätchen‹, sagte mein Großvater. ›Erzähl' uns, wie es dir ergangen ist.‹

Sie nickte, konnte aber nichts sagen.

›War es denn nicht in der Betstunde, Montag vor vierzehn Tagen –‹

›Ja, die Onkel Wendhorst abgehalten hat.‹

›Da hast du Erfahrungen gemacht, die du bisher noch nicht kanntest; ist es nicht so? So erzähle uns etwas davon?‹

›Onkel Wendhorst hat damals gesagt, wie alle Menschen die Hölle verdienen. Das hat mir so leid getan?‹

Der alte bucklige Kienenbaum in der Bank vor mir streckte seine Hand in die Höhe und schnaufte ärgerlich: ›Was hat dir leid getan! Daß du geweint hast?‹

Kätchen wurde feuerrot und konnte wieder nicht antworten.

›Du fühltest, daß du eine Sünderin bist‹, sagte mein Großvater freundlich.

›Ja‹, sagte sie, worauf der Bucklige seinen Kopf wieder in die Schultern zurückzog.

›Daß du nicht gestohlen oder gemordet hast, wissen wir ja. Aber man braucht nicht besonders Schlimmes zu tun und kann dennoch einsehen, daß man der Gnade Gottes nicht wert ist. Erzähle nur weiter, Kätchen.‹

›Ja, es wurde mir auf einmal so schrecklich. Wie ich später nach Hause ging, und die Wagen fuhren auf der Straße so wild daher, wovor ich mich sonst immer so gefürchtet hab', da hatte ich auf einmal garkeine Angst mehr. Sie hätten alle über mich hinweg fahren können. Ich wär in den Himmel gekommen. Jesus hat gesagt: Heute noch sollst du mit mir im Paradiese sein.‹

Hinter mir stand der rothaarige Dachdecker Kappes auf. Er beugte sich fast bis auf mich herunter und sagte: ›Bitte etwas lauter. Man versteht hier hinten kein Wort.‹

Kätchen wiederholte errötend, was sie gesagt hatte. Großvater reichte ihr dann die Hand; er sah wohl, daß sie vor Verlegenheit nicht mehr imstande war, etwas zu sagen. Sie ging mit strahlendem Gesicht hinaus. Ihre Mutter, die vorn gesessen hatte, stand auf und ging ihr nach mit ähnlich strahlendem Gesicht.

Nun war die Tür wieder zu. Niemand rührte sich minutenlang. Ein schräger Balken Sonnenschein teilte den Saal; er war wie ein Finger, der Schweigen gebot. Er war so bannend, so leicht und golden anzusehen, daß mir war, als säßen wir alle hier im Dunkeln. Dann stand jemand auf und öffnete ein Fenster. Etwas Straßenlärm brauste von fern herein.

Großvater erhob sich und sagte: ›Liebe Geschwister. Wir kommen jetzt zu Dingen, die uns viel Sorge und Trauer gemacht haben. Wir müssen leider sehen, wie gerade die jungen Leute, auf die wir unsere Hoffnung setzten, die Welt mehr liebgewinnen als Gott. Es handelt sich um Söhne unserer ältesten Mitglieder, das schmerzt uns am meisten. Sind die Brüder Peter Leineweber, Ferdinand Kröck und Karl Gugler anwesend?‹

Die drei Burschen sprangen zugleich auf. Jeder sagte laut: ›Hier!‹ Peter, der älteste und längste von den dreien, hob die Hand: ›Ich bitte ums Wort.‹

Schon stand hinter mir der Dachdecker Kappes wieder auf mit seinem Kopf wie ein verwitterter Ziegel: ›Beantrage, daß das Wort nicht gewährt wird! Menschen, die sich in einer so gottlosen Lage befinden wie der Peter und die zwei andern, da bin ich dafür, daß wir die ohne weiteres ausschließen.‹

Es gab ein Gemurmel. Großvater sagte nichts. Der Sergeant neben ihm stand stramm auf und sagte: ›Ich unterstütze den Antrag.‹

›Wenn wir den jungen Leuten das Wort abschneiden, bilden sie sich am Ende noch etwas drauf ein‹, sagte Großvater bedächtig. ›Nun, Peter, wie wollt ihr euch rechtfertigen?‹

Peter grinste den Sergeanten an. ›Ich werde schon keine langen Reden halten. Vor allen Dingen ist bei uns von Ausschluß keine Rede. Wir wollen hinaus. Wir sind ja schon draußen. Wir wollen uns auch unsern schönen Sonntag nicht stehlen lassen.‹

Peters Vater, ein großer gebückter Mann mit schwarzem Bart und einer roten Narbe am Hals, erhob sich und sagte, seine Stimme bebte: ›Da hört ihrs, Geschwister. Der Peter hat nicht den kleinsten Zweifel an der neuen Wahrheit, die er uns da vorträgt. Da kann dein eigener Vater nichts mehr dazu sagen, wenn ihr euer Wirtshaustreiben auf die Art gutheißt.‹

›Ach was,‹ antwortete Peter; ›wir können jedem hier seinen Topf aufdecken. Wer zum Beispiel seine Frau verhaut, seine Arbeit schwänzt und kein Geld nach Haus bringt, das ist der Bruder Kappes. Und wer sich besaufen tut und sich sogar nicht geniert zu tanzen, das ist niemand anders als der Herr Sergeant Schachzabel. Und wenn's auch auf Kaisers Geburtstag war: vorgekommen ist es.‹

Der Sergeant stand auf und zog seine Uniform glatt. Hinter mir stand Kappes. Seine Hände rüttelten an der Banklehne. Großvater sagte: ›Das gehört nicht hierher. Wir alle haben unsere Mängel. Aber mit dem Unterschied gegen die Welt, daß Gott uns von unsern Fehlern befreien kann, weil wir bereit sind, Buße zu tun.‹

Ein paar Leute rückten aufgeregt hin und her. Ein paar Weiber steckten die Köpfe zusammen.

›Meinetwegen‹, sagte Peter ungerührt. ›Dann will ich nur noch eins nennen und möchte bloß wissen, ob das von Gott auch schon vergeben ist.‹

Und nun wies er mit dem Arm auf mich; ich hatte mich umgewandt und sah ihm in sein Schustergesicht. ›Ich meine den Enkelsohn vom Herrn Ältesten der Gemeinde, der seit Jahr und Tag in der Versammlung das Harmonium spielt und dem gar nichts drüber einfällt, sich auch hier in die Gemeindestunde zu setzen. Da könnt ihr ihn ja sitzen sehen! Aber das will ich euch sagen: der gehört noch weniger hierher, als wir drei miteinander. Er glaubt an keinen Gott, an kein Nichts und gar nichts, an kein Wort, was hier gepredigt und gesungen wird. Warum bleibt er immer hinter dem Harmonium? Damit er während der Versammlung ein Büchelchen oder die Zeitung aus der Tasche holen kann! Das hat er mir selber gesagt.‹

Ich stand auf, als habe mich jemand gerufen. Alle sahen mich an, jeder anders. Aber ich lachte nicht, sondern trat aus der Bank, um in diesem Augenblick nicht den fuchsroten Menschen hinter mir zu fühlen. Was sollte ich sagen! Ich legte die Hände auf den Rücken und schwieg.

Peter redete weiter: ›Und der nimmt hier alle Monat das Abendmahl. Jawohl, den Wein, den spuckt er wieder aus, und das Brot, das steckt er in die Tasche und wirft es nachher den Spatzen hin.‹

Ich sah das Entsetzen ringsumher. Die Luft im Saal war sehr schlecht. Mir wurde heiß und kalt. Meine Hände auf dem Rücken klammerten sich ineinander, feucht und warm.

›Ist das wahr, Junge?‹ fragte mein Großvater. Es lag nichts in der Stimme, was mir eine Hoffnung gegeben hätte, aber auch nichts, was ich fürchtete. So antwortete ich das Einzige, was hier richtig war, und kein Wort mehr: ›Es ist gelogen.‹

Ich sah ruhig die drei dabei an. Sie rissen den Mund auf vor Entrüstung.

Ferdinand sprang neben Peter auf: ›Pfuitausend! Ich bin ja selbst dabei gewesen, wie du das Brot aus der Tasche genommen hast und hast es mitten in das Geraniumbeet hineingeschmissen.‹

›Es haben vielleicht schon viele gesehen, wie ich Brot aus der Tasche genommen habe, aber es ist bis jetzt noch keinem eingefallen zu sagen, das Brot sei vom Abendmahl gewesen‹, erwiderte ich und setzte mich in die Bank zurück. Ich begriff es selbst nicht mehr, wie ich das hatte tun können, dessen sie mich jetzt beschuldigten, und noch vieles andere, das sie zu sagen vergaßen: durch was für Gassen ich sie des Sonntagsabends geführt hatte, und in die schmutzigen Kneipen, wo ich Schnaps und Tartarbeefsteaks kommen ließ und wir mit unsern Gesprächen einen Kreis von Gaffern um uns sammelten. Es war so verlockend gewesen, vor diesen drei Kameraden dazustehen, als ob ich mich dem Satan mit roter Tinte verschrieben hätte. Jetzt aber war es, als riete mir eine Stimme zu schweigen wie ein Siegel, vor niemandem, vor keinem Menschen jemals mehr den Mund aufzutun, mich ewig stumm und lahm zu wünschen. Denn diese Menschen werden in Ewigkeit nicht wissen, was in mir vorgeht.

Ich hörte Großvater sagen: ›Peter, was solche Gegenstände in dieser Versammlung sollen, das wißt Ihr wohl selber nicht. Wer dafür ist, daß wir Peter Leineweber ausschließen, der erhebe die Hand?‹ Ich sah viele Hände; sie blieben erhoben bis sie gezählt waren, diese vielen häßlichen, verarbeiteten Hände neben den Köpfen.

›Dank auch schön. Mehr wollt' ich gar nicht. Adjes.‹ – Die Stimme sollte munter klingen, aber sie war rauh vor Wut. Peter schlug sich den Hut auf den Kopf, stieß seinen Stock auf die Bank und marschierte zur Tür. ›Vorwärts marsch‹, sagte er zu den andern. Auch die beiden gingen zur Tür.

›Ich bin vollständig mit dem Peter einverstanden. Wir bleiben zusammen‹, stotterte Ferdinand, um auch etwas zu sagen.

›Nichts wie hinaus!‹ rief Karl, und stieß die Tür auf. Peter folgte, Ferdinand machte die Tür ganz leise von draußen zu. Sie polterten die Treppe hinunter; im Hof fing einer an zu pfeifen.

Niemand sprach ein Wort. Die Fenster blieben geschlossen. Nur noch ein kleiner Streifen Sonne stand im Raum. Man merkte es kaum, daß in einer der vorderen Reihen die Schwester Sophie Klos einen Anfall bekam. Sie wurde hinausgeführt. Die irren Augen, das Lächeln in dem spitzen Gesicht dieses Mädchens verstörten alle noch mehr.

Großvater erhob sich langsam; alles atmete auf. Er sagte mit müder Stimme: ›Diese jungen Leute werden einmal wiederkommen. Sie wären nicht die ersten. Wer weit fortgeht, muß weit zurück. – Laßt uns noch nicht auseinandergehen. Ich mache den Vorschlag, daß alle, die das Bedürfnis dazu haben, noch im Gebet beisammen bleiben.‹

Ich fühlte, es war etwas wie ein Bann, der uns jetzt zusammenhielt. Der Prediger betete zuerst seltsam, ich hörte nicht seine Worte, ich hörte nur seinen zuversichtlichen Ton, der begierig machte, auch mit solcher Stimme gen Himmel sprechen zu können. Dann betete Peters Vater, der Mann mit dem schwarzen Bart und der roten Narbe; es war, als ob er in großer Qual sich selbst verhöhnte. Dann Ferdinands ältere Schwester, eine knurrende, bettelnde Hundestimme, die plötzlich verstummte. Dann ein täppischer, weißhaariger Mann, dessen Sohn ihn hungern ließ, weil er Mitglied der Gemeinde geworden war. Dann ein greises Ehepaar, das drei Töchter lebendig verloren hatte. Man mußte das wissen; der Mann erwähnte seine Töchter nicht, aber er flehte Gott an, ihn sterben zu lassen; und die Frau seufzte dazu: Lieber Herr, mach du alles wieder gut. Dann Kappes, der Dachdecker; vor einem Jahr war ihm ein Kind überfahren worden; er betete für das Seelenheil seines sechsjährigen einzigen Söhnchens, daß es mich überlief, wie heißer Regen. Dann ein Dienstmädchen vom Lande, das weinend für ihre unglücklichen Eltern und Brüder betete. Dann Braß, ein Hausdiener, ein Mensch, vor dem ich immer eine geheime Furcht hatte; er klagte sich selbst unverzeihlicher Sünden an. Ich lag wie eine Last auf meinen schmerzenden Knien und war matt zum Sterben von diesem Taumel des Jammers und der Zerknirschung.

Zwischen stummen Menschen trat ich endlich wieder auf die Straße. Der klare Abend leuchtete über den Dächern und flammte in den Fenstern. Mir war als gehörten wir, die aus dem Hause traten, mit unserem trüben Ernst in der Seele und dem sonderbaren Verlangen, das sich so dumpf bekannte, in jenes herrlich Schöne hinauf, und dann sei alles gut. Oder es sei notwendig, daß ein großer Wind käme und uns auf Nimmerwiedersehen verstreue.

Ich schritt allein neben dem Großvater. Wir gingen in den Stadtgarten. Alle die vielen Leute, die wir dort sahen, waren heiterer als wir, doch nicht so feierlich. Fern zitterte Musik von Geigen, Schellen und Bässen. Lichter blitzten durch die Bäume. Wir gingen bis zum Wald. Ein Fackelzug begegnete uns mit Trommeln und Pfeifen und mit Fahnen über dem Gedränge. Es war schön und feurig anzusehen, aber ich mochte doch nicht dazwischen sein; es war auch roh, niedrig und ungeordnet.

Wir gingen allein über die Felder zurück. ›Was hast du nur, mein Junge?‹ sprach der alte Mann zu mir nach einem langen Schweigen.

Ich sah die niederen Berge mit den Laubwäldern und die Stadt im Tal mit ihren Dächern und Türmen und den ersten Lichtern. ›Heimweh vielleicht, wo anders hin‹, sagte ich. ›Ach, Ihr laßt einen ja nicht froh in die Welt‹.«

 

Das Abendessen war aufgetragen worden. Es war in der Tat bescheiden; die einzige Auszeichnung für den Gast bestand darin, daß der Leutnant, nachdem sie während des Essens Bier getrunken hatten, wieder Schaumwein kommen ließ. Der Fremde verstand es, das Gespräch unbefangen auf das politische Gebiet zurückzuführen. Sie plauderten über England, über Landesverteidigung und auswärtige Politik; es war, als bedecke der Fremde sorgsam das, was von seinem Verborgenen bloßgelegt war, in diesem gewöhnlichen Austausch von Meinungen und biete in der Gemeinsamkeit der Wißbegierde und der Gesinnung dem Leutnant, der so vertraut noch nie einem unbekannten Menschen gegenüber gesessen hatte, eine feste kühle Hand, und der Leutnant, indem er Haltung des Offiziers zu wahren, als Mensch aber ähnliches nicht zu erzählen wußte, schien hier der Überlegene. Bei jenen Erörterungen geschah es, daß der Besucher, ehe er auf des Leutnants Zukunft sein Glas austrank und sich verabschiedete, noch einmal eine kleine Geschichte, die folgende, in seinem Erzählertone einflocht.

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