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Erzählungen an Bord

Alfons Paquet: Erzählungen an Bord - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorAlfons Paquet
titleErzählungen an Bord
publisherDrei Masken Verlag
printrunZehnte Auflage
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150716
projectid42dc1654
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Reisekameraden

Nämlich, nach Mitternacht, als der Zug an einer Weiche in einer waldigen Gegend hielt, weckte uns der Konduktor. Soeben sei mit dem begegneten Zug die Kontrolle gekommen, wir möchten gefälligst aufstehen und uns verstecken. Den Juden brachte er im Postwagen auf der Westinghousebremse unter. Mit mir aber ging er weiter bis zur Lokomotive und rief da gedämpft hinauf: ›Robert Karlowitsch! Hier ist Besuch auf ein Stündchen, sei so gut.‹

Zwei bärtige Kerle sahen aus dem Kasten herunter, das Feuer aus dem Kessel beleuchtete sie. Ich kletterte zu ihnen herauf, der Konduktor zeigte mir den Tritt. Die Glocke wurde schon angeschlagen, der eine drückte auf einen Hebel, das Ventil trompetete schrecklich wie ein Ozeandampfer durch den Wald; die Maschine machte einen Ruck, daß der Zug wie altes Eisen klirrte, und die Bremsen klangen wie Baßgeigen. Dann langsam, langsam fingen wir wieder an zu fahren. ›Setz dich dort hinten hin‹, sagte der jüngere von den beiden, ein großgewachsener mit einem blonden Bart und zeigte in den Tender, wo etwas Platz im Holz war. – ›Erlaubt, ich stünde lieber vorn‹, sagte ich. Und während die beiden Männer mit dem Fahren zu tun hatten, ging ich hinter ihnen herum, auf dem schmalen Weg aus Eisenblech am Kesselrumpf entlang. Ich hielt mich dabei an der Seitenstange fest, bis ich neben dem großen Laternenauge an der Kesselstirn stand, auf der Plattform über den Vorderrädern. Das eiserne Biest stampfte und rüttelte und schob mich mit seiner Stirn tief in den kalten Nachtwind hinein, aber ich hätte so in die Hölle fahren mögen. Das starke Licht, das auf die stracks ins Finstere blitzenden Schienen hinaussah, leuchtete über meinen Schultern; zu beiden Seiten stand der hohe schwarze Wald; manchmal schossen Vögel wie Kugeln durch den Lichtkreis. Die klare Nacht über uns hing voller Sterne, und hinter mir her kam das schallende Rollen, als wäre ich der vorderste in einem unheimlichen Wettrennen. Auf einmal packte mich der Maschinist am Arm. ›Was tun Sie da?‹ – ›Was, darf ich nicht hier bleiben?‹ Ich zerrte Zigaretten aus der Tasche und reichte sie ihm hin. – ›Nun ja, bis zur nächsten Station‹, sagte er, ›aber halten Sie sich fest. Ich rauche nicht. Reisen Sie weit?‹ – ›Noch fünfzehn Tage.‹ – ›Sie sind kein Russe.‹ – ›Deutscher.‹ – ›Weiß der Teufel, ein Deutscher‹, schrie er auf deutsch. ›Ich muß aber nach hinten. Kommen Sie mit, kommen Sie!‹ – Ich tastete mich hinter ihm her, wurde ihm fast auf den Rücken geweht und taumelte dann hinter die eiserne Wand, wo der andere, grau im Gesicht von Aschenstaub, neben den blanken Hebeln auf seinem Klappsitz hockte und kaute und durch sein Fensterchen vorausspähte; er hielt sein Teeglas in der einen Faust, einen letzten Bissen Kohlkuchen in der andern. Ich fragte den Blonden, ob er denn auch ein Deutscher sei? Er riß die Ofentür auf, schmiß ein paar Klötze Birkenholz hinein, daß die Funken herausflogen, dann antwortete er: er sei leider kein richtiger Deutscher, aber von deutschen Eltern, in Trapezunt geboren, türkischer Untertan, jetzt aber auf der chinesischen Ostbahn in russischen Diensten und wohne in Harbin. Seit vier Jahren habe er kein deutsches Wort mehr gesprochen, nun solle ich mal von Deutschland erzählen, wenn ich nicht ein Deutschrusse wäre. Wie sind denn die Eisenbahnen dort? Wohl viel besser als in Rußland? Was Sie sagen: die Züge fahren da 80 Kilometer in der Stunde? – wieviel Werst ist ein Kilometer? Wie sehen die Häuser und die Straßen aus? Steppe gibt es nicht? Wohl nur riesig große Städte? Jedes Kind lernt Lesen und Schreiben? Es ist dort wohl eine sehr feine Regierung, wird wahrscheinlich alles viel besser gemacht als in Rußland? Und was sagt man dort über die Russen? Ha! – Der Mann lauschte aufmerksam auf das, was ich ihm, da alles um uns herum klirrte und zischte, hinschrie: und sein Gesicht dazu war sonderbar voll Befriedigung, Enttäuschung und Nachdenklichkeit mit Seitenblicken auf den feurigen Kessel und den Kameraden, der bald durch seine Lücke spähte, bald mit offenem Mund uns ansah. Dann kam eine Station mit langem Aufenthalt. Wir alle drei kletterten von der Maschine hinunter; die beiden gingen mit ihren Ölkännchen an die Räder, ich sah ihnen zu. Der Graue stieg bald wieder hinauf, der Blonde blieb bei mir draußen, und wir gingen vor dem Zuge auf und ab. Kein Mensch sonst war zu sehen, der Zug lag an dem erhöhten Bahnsteig wie ein niederes und langgestrecktes Haus mit dunkeln Fenstern. Von einem Ende des Bahnhofs, aus einem offenen Schuppen, der mit einem unbestimmbaren Durcheinander vollgehäuft war, kam ein ruhiges, gleichmäßiges Geräusch. Man konnte erst ganz aus der Nähe erkennen, daß das Soldaten waren, die da, in ihre Mäntel gewickelt, auf Koffern und Bündeln lagen und schnarchten.

Der Mann neben mir war am Erzählen. Er hieß Geinz oder Heinz; das wußte er selbst nicht genau. Sein Vater war in den siebziger Jahren in die Türkei ausgewandert und später in ein südrussisches Dorf gezogen. Sie waren neun Brüder gewesen. Er war als Lehrling in eine mechanische Fabrik gekommen und dann eines Mädchens wegen nach Sibirien durchgegangen. Er war bei der Bahn angestellt worden und hatte mit zweiundzwanzig Jahren geheiratet. Jetzt gerade habe er seine Frau nach Wladiwostok gebracht, sie sei auf ein paar Wochen zu Freunden nach Japan hinüber. Übrigens gehe in seinem Haushalt alles drunter und drüber, wie das ihm seine Mutter vorausgesagt habe, wenn er eine Russin heiraten werde. Die Mutter sei jetzt tot. Eine Heimat habe er nirgends. Deutschland kannte er nicht, russischer Untertan war er auch noch nicht; er warte jetzt auf die Fertigstellung der Bahn nach Peking, um sich zum Dienst auf der ersten Lokomotive zu melden, da sei etwas zu verdienen.

Er mußte nun wieder auf seine Lokomotive und ich in meinen Wagen. ›Wir wollen uns bei der Ankunft in Harbin wieder treffen‹, sagte er und lud mich ein, während der nächsten Tage, die er frei hatte, sein Gast zu sein. Aber ich berichtete, daß ich einen Kameraden bei mir hätte, und daß wir mit dem nächsten Zug weiter wollten. ›So kommt nur beide zum Frühstück in meine Wohnung; ich werde euch nachher die Stadt zeigen; ich muß noch all mein Deutsch mit euch reden, das ich kann.‹

Ich fand Ziferblatt an unserm alten Platz. Er lag schon, mit den Beinen über den beiden großmächtigen Koffern, zum Schlaf ausgestreckt, ich weckte ihn und berichtete meine Begegnung. Da kniff er sehr vergnügt das linke Auge zusammen, schlug mir mit der flachen Hand aufs Knie und sagte: Schan-go, Schan-go! Dieser Kuliausdruck bedeutete bei ihm die höchste Zufriedenheit, und damit schlief er wieder ein. Von den vielen Menschen, die hier im Wagen, in sich gekrümmt, unter ihren Mänteln oder Decken vergraben, auf den Bänken lagen, war eine dumpfe Luft, und es war düster wie in einem Bergwerksschacht. Ich sah noch eine Weile durchs Fenster. Wir fuhren jetzt zwischen breiten kahlen Hügeln hin, auf denen der Mond glänzte. Als ich ausgeschlafen hatte, zogen wir in einem nebligen Morgen über eine grüne sumpfige Ebene. Um acht Uhr, bei schönstem Sonnenschein, waren wir in Harbin.

Ich lief zur Lokomotive und wartete auf Robert Karlowitsch, der gleich kam. Er gab mir und Ziferblatt die Hand und führte uns aus dem Bahnhof, an einer Menge Neubauten vorbei, an den frei liegenden Geleisen entlang, dann seitwärts über einen Platz, wo die niedrigen von Schimmel überzogenen Erdwohnungen chinesischer Arbeiter lagen. Wir kamen in ein Viertel kleiner roter Backsteingebäude, die alle noch im Rohbau standen. Kein Mensch war zu sehen. Die Straßen waren einförmig wie Londoner Vorstadtstraßen, nur die Häuserfirste waren nach chinesischer Art aufwärts gebogen. Als wir nun in ein Vorgärtchen eintraten, stand ein schmutziger Chinese auf, der da im Sonnenschein auf dem Boden gelegen hatte, und lief fort. Er hatte eine lange Stange über den Schultern mit Körben zu beiden Seiten und schrie mit gellender Stimme Eier zum Verkauf aus.

Wir kletterten über die Balken, die vor der Haustür lagen; im Hausflur drinnen, der noch nicht getüncht war, schob er einen dünnen wollenen Vorhang beiseite und rief: ›Anastasia!‹ Es klapperte irgendwo wie aus einer Küche, und er mußte noch ein paarmal rufen, bis Anastasia erschien. Es war ein halberwachsenes, nachlässig gekleidetes Mädchen; da sie vielleicht an Zahnweh litt, hatte sie um ihr bleichsüchtiges Gesicht einen zerfetzten Schal gebunden, der ihren schwarzen und lebhaften Augen etwas Drolliges gab. Sie starrte uns verwundert an. ›Begrüße meine Gäste‹, sagte Robert Karlowitsch; ›es ist ein Herr aus dem Ausland, und hier Mosjö Ziferblatt; sie wollen leider schon am Nachmittag nach Rußland weiter reisen. Mach uns Tee. Ich werde dir gleich sagen, was du zum Frühstück bringst‹. Sie verschwand wieder in die Küche. Uns führte Robert durch das Schlafzimmer, einen schmalen Raum, in dem sich nichts fand als ein Bett und zwei Stühle mit einer Waschschüssel und einem Haufen Kleider, die auf dem Boden lagen, in eine Stube mit geweißten Wänden. Sie diente als Wohnzimmer. Ein japanischer Schirm hing an der Decke. An der Wand stand eine Kommode mit einem chinesischen Deckchen darauf und zwei Vasen mit Pfauenfedern. Drei Rohrstühle waren im Zimmer vorhanden, eine Kiste am Fenster diente als Tisch. Robert Karlowitsch führte mich an die Kommode. Zwischen den Pfauenfedern standen, von einem großen Damenhut halb zugedeckt, eine Petroleumlampe und zwei mit rotem Plüsch bezogene Photographieständer. Es waren Bilder der abwesenden Frau; das eine zeigte sie in Winterkleidung, im Pelz, mit Schneeflocken darauf. Das andere in kleinstädtischem Aufputz. Sie sah hübsch und herausfordernd aus. Robert Karlowitsch sagte trocken: ›Anastasia ist ihre Schwester.‹

Das Mädchen brachte zuerst einen Eimer Wasser, damit wir uns waschen konnten, und eine alte Kleiderbürste, mit der wir uns vergeblich bemühten, den Staub von unsern Anzügen zu entfernen. Nach einer Weile trug sie drei große Schüsseln herein; die eine war vollgehäuft mit gekochten Eiern, die andere mit zerschnittenen und mit Pfeffer bestreuten Tomaten, die dritte mit gelben Mohnplätzchen, wie sie die Chinesen backen. Außerdem brachte sie, auf eine Schnur gereiht, ebenfalls mit Mohn gebackene Kringel und eine Karaffe mit Schnaps dazu, der von ein paar langen, braungrünen Grashalmen, die hineingesteckt waren, einen grünlichen Schimmer hatte.

Wir fingen an zu essen. Unser Wirt ließ uns gar nicht zu Atem kommen; er sagte immer wieder: ihr eßt ja gar nicht, schob uns die Schüsseln hin und schenkte Schnäpse ein, die angenehm nach dem Grase schmeckten. Die meisten Eier waren schlecht, aber die faulen legten wir einfach nebenhin und nahmen neue. Als schließlich etwa acht harte Eier, ebensoviel Tomaten, ein halbes Dutzend Schnäpse und eine Menge Gebäck auf den einzelnen gekommen waren, brachte Anastasia den Samowar, eine elende Maschine, die nicht mehr recht funktionierte, schließlich aber gab es doch für jeden ein Glas heißen, starken Tees, und als wir schweigend ausgetrunken hatten, stand Robert Karlowitsch auf, um uns die Stadt zu zeigen.

Wir gingen auf einer breiten, durch Pfähle mitten im Feld abgesteckten Straße, kamen an den hohen, hölzernen Zäunen des chinesischen Polizeihofs vorbei und befanden uns endlich auf einem Markt, der bestand aus ein paar Reihen niederer Buden mit chinesisch bemalten Schildern, mit hohen, weißen Wimpelstangen und im staubigen Wind geschaukelten Kleidungsstücken. Ein Chinese bot uns einen Käfig mit einer großen grünen Heuschrecke an; ein anderer ein paar Tuschebildchen mit nackten Szenen. Aber bald waren wir zwischen den zweistöckigen, neu gebauten Ziegelsteinhäusern des russischen Handelsviertels. Möbel und Bettstellen standen bis auf die Mitte der Straße, Reiter und Karren drängten sich hindurch. Ziferblatt wurde plötzlich von einem wildfremden Menschen, einem Glaubensgenossen, angeredet und verließ uns, indem er versprach, uns nach zwei Stunden am Bahnhof wieder zu treffen. Seide, Tee und Elfenbein waren in Harbin ungeheuer billig, und er hatte vor, allerhand zu kaufen, um es in Rußland mit Gewinn wieder los zu werden. Mich führte Robert Karlowitsch in das Geschäft des Chinesen Jun-Chu-Schan. Das ganze Haus war angefüllt mit Tuchstapeln, Seidenstoffen, Bambuswaren und lackierten Gegenständen. Man legte uns rohe Seide vor, die so derb war wie Sackleinen, und glänzende farbige Seidentücher so dünn wie Papier. Aber wir beide kauften nichts. Nebenan war ein Teeladen, ein schmaler Raum, wo in schönen Porzellangefäßen, in Reihen rot beklebter Büchsen und grell bemalter Holzschachteln die Teesorten standen wie die Klassiker in einer ordentlichen Bibliothek. In einem benachbarten Geschäfte zeigte uns ein Japaner gestickte seidene Sachen, Kostüme und Schuhe, Kästchen aus Ebenholz und aus Bambus, Dolche, bemalte Fächer und geschnitzte Spazierstöcke; von einem dieser Stöcke schraubte er den Griff ab und zog eine scharfe gerade Klinge hervor; und als er auch den Knopf der Waffe abhob, fand sich im Griff versteckt eine sehr kunstvolle Schnitzerei aus Elfenbein. Wir stiegen in den Kellerladen eines Polen hinunter. Hier standen Körbe und Kisten voller Weintrauben, Melonen, Nüsse, Zederzapfen und kalifornischen Äpfeln umher; wir tranken aber nur eine Flasche Kwaß und ließen uns von den andern guten Dingen die Preise sagen. Es gab hier echten Jamaika-Rum und Whisky, die Flasche für 80 Kopeken, Zigarren aus Manila für einen halben Rubel die Blechschachtel. Robert Karlowitsch behauptete, das alles sei gestohlen.

Wir kletterten dann den steilen Damm hinauf, der das Geleis einer Güterbahn am Ufer des Sungaristromes entlangführt. Ein paar Dampferchen lagen auf dem gelben Wasser, Dschunken fuhren zwischen den Ufern hin und her. Oben begegnete uns ein in Lumpen gekleideter Chinese, der von weitem grinste, als er uns sah. Er trug eine grüne Schachtel unterm Arm. Als wir kamen, hockte er zwischen den Schienen nieder, nahm aus der Schachtel einen Pack weißer gewobener Hemden, alle schön zusammengefaltet, breitete sie auf der Erde aus und bot alles zusammen erst für zwei und schließlich, mit Jammergeheul, für einen Rubel an. Wir sahen von hier oben auf die Stadt hinunter. Die metallenen Dächer schienen zu sieden in der Mittagshitze; alle die vielen unfertigen Häuser, die noch ohne Fenster dastanden und an denen um diese Zeit kein Mensch arbeitete, sahen aus wie Ruinen. Als wir in dieses Viertel hinabgestiegen waren, kamen wir uns vor wie ein Spuk. Alle die kleinen Gärten waren noch öde, und nur einer, wie eine Insel in der Mitte, zeigte einen dicken, von Wassertropfen funkelnden grünen Rasen. Er war üppig mit gelben Astern und großblättrigen Sträuchern umgeben, und in diesen Sträuchern schlich ein Chinese, der sie still aus einem Schlauch begoß. Über Steine und Gruben stiegen wir nun über freies Feld einen Hügel empor. Oben stand ein Blockhaus mit hölzernen Türmchen, die mit Ketten aneinander befestigt waren und russische Kreuze trugen. Ringsum war ein eiserner Zaun; chinesische Kanonen, die im Boxerkrieg erobert worden waren, standen vor dem Gittertor. Erst hier oben sahen wir wieder Leute. Sie kamen von allen Seiten, zu Fuß und zu Wagen. Die Glocken der kleinen Kirche klingelten unaufhörlich in Absätzen von kurz aufeinanderfolgenden Schlägen. Aus einer Droschke, die da hielt, stiegen zwei Männer; der eine hielt einen kleinen, in himmelblauen Flor gehüllten Sarg auf den Armen. Von der andern Seite näherte sich singend eine Schar von Kindern, ein paar Erwachsene hinterher. Vier hell gekleidete Mädchen trugen einen kleinen offenen Sarg aus rosa angestrichenem Holz, und in dem Sarge lag, mit welken chinesischen Astern in der Hand, die Leiche eines Mädchens. Ein Kind ging dem Zuge voraus und trug den Deckel des Sarges über seinen Kopf gehoben. Wir betraten mit ihnen die Kirche. Trotz der Hitze des Mittags war sie voll von Menschen. Durch die bunten Scheiben in den Balkenwänden stach die Sonne, der Weihrauch und der Glanz der Kerzen und der goldenen Wände, vor denen der Pope sang, betäubte mich fast. Es war ein Trauergottesdienst. Ein Chor fing laut zu singen an, die Leute knieten nieder, bekreuzigten sich und weinten. In einer Ecke, vor goldenen Heiligenbildern, standen Totenopfer auf einem gedeckten kleinen Tische: kostbare Schalen voller Nüsse und Süßigkeiten, aber auch bescheidene Teller mit Reis und Pflaumen und Mandeln in Tüten aus Papier. Mitten in der Menge aber waren vier kleine offene Särge auf Schemeln aufgebaut. Aber Robert Karlowitsch nahm mich an der Hand und zog mich aus der Kirche.

Wir waren wieder draußen in dem grellen Mittagslicht. Der gute Kerl wollte, daß ich noch eine Flasche Bier mit ihm trinke, ehe wir zum Bahnhof zurückkehrten, und so führte er mich ans Ende einer Straße in ein Haus mit einem großen, erst zur Hälfte tapezierten Saal. Hier, einem mächtigen, nach chinesischem Geschmack geschnitzten Büfett gegenüber, das voll von bunten Likörflaschen stand, mauerte man den Unterbau zu einer Bühne. Ein schmaler Glasschrank, angefüllt mit einer Menge Nippsachen, Fächer und Bonbonschachteln, stand in der Ecke. Sonst gab es nur einige weiß gedeckte Tische in dem großen Raum. Zwei Gäste saßen an einem: ein alter magerer Armenier mit scharfem Gesicht und in einem mit Seide ausgeschlagenen Gehrock, und ein kurzer dicker Mann, den man für einen Schauspieler halten konnte. An einem andern Tisch am Ende des Saales saßen drei Fräulein in Reisekleidern. Sie schienen erst angekommen zu sein; ihre Handkoffer, Bündel und Schachteln mit den Hüten darauf, die sie abgelegt hatten, lagen vor ihnen auf dem Boden. Eines der Mädchen saß mit gesenktem Kopf, der in die linke Hand gestützt war, und aß zu Mittag. Die zweite lag mit dem ganzen Oberkörper und mit ausgestreckten Armen über dem Tisch und schien zu schlafen. Die dritte aber saß zurückgelehnt, mit frechem und trotzigem Ausdruck und rauchte eine Zigarette. Sie schien abzuwarten, was die beiden Männer, die leise miteinander sprachen, ihr mitteilen würden, und ihr gereiztes Gesicht versprach nichts Gutes. Wir beiden setzten uns abseits und bestellten zwei Flaschen Bier. Da ich nun Robert Karlowitsch beim Bezahlen zuvorkommen wollte, ging ich ans Büfett, und man forderte dort zu meinem Schreck zwei Rubel. Als ich zurückkam, wurde Robert Karlowitsch mir böse, daß ich bezahlt hatte, und ich schämte mich doppelt meines Fehlers. Wir tranken rasch unsere Gläser aus, und erst draußen, wo die Hitze uns fast wie ein Gewicht zu Boden schlug, vergaßen wir die Verstimmung und bummelten zum Bahnhof zurück.

Dort lagerten Horden von Arbeitern im Freien; ihr Handwerkszeug lag in der Mitte auf einem großen Haufen. Vor den Buden drängten sich die Leute, um für die Reise Brot und Gurken einzukaufen. Alle Eingänge des Zuges waren mit Menschen verstopft; außen drückten Chinesen ihre Nasen an die Fenster. Aber Ziferblatt lehnte aus einem Fenster und winkte uns. Robert setzte sich noch eine Weile zu uns; er war ganz still geworden, und ich begriff, warum er jetzt so schweigsam war; wir hatten einander lieb gewonnen und sahen uns wohl nie im Leben wieder. Der Jude hatte seine beiden Koffer auf unserm Platze stehen und zeigte seine Einkäufe. Es waren ein paar Stücke Seide und ein Dutzend Etuis aus Elfenbein mit eingelegten Blumen aus Perlmutter, das Stück zu zwölf Rubel. Übrigens, sagte er, bei der Zollrevision müsse ich ihm zu Gefallen drei von diesen Etuis in meinen Taschen unterbringen. Er war im Wagen schon mit zwei Soldaten bekannt geworden, denen werde er ebenfalls je drei Stück anvertrauen, sie würden sie in ihren Brotsäcken verstecken. Die letzten werde er in seinen eignen Taschen unterbringen. Wie es ihm nachher mit diesen beiden Soldaten erging, das wäre eine Geschichte besonders zu erzählen. Freilich taten sie ihm den Gefallen und brachten unbemerkt die Etuis in ihren Brotsäcken durch den Zoll; als wir die Kerle aber nachher im Zuge suchten, da waren sie nicht zu finden, und Ziferblatt mußte auf einer kleinen sibirischen Station aussteigen und warten, ob sie vielleicht mit dem nächsten Zug vierundzwanzig Stunden später hinter uns drein kämen, nur so bestand eine Möglichkeit, sie wieder zu erwischen. Ich sollte also auch diesen Reisekameraden früher wieder verlieren, als ich gedacht hatte; und wer weiß, ob schließlich die beiden Soldaten in die Falle gingen. Das Ereignis war auch in anderer Beziehung schlimm für ihn, denn er hatte seine ganze Reise nach dem Kalender so eingerichtet, daß er am jüdischen Versöhnungsfest, das bevorstand, seine Reise in einer sibirischen Stadt auf einen Tag unterbrechen konnte. Durch das Warten auf die Soldaten war nun seine ganze Berechnung umgeworfen. Aber seine Gier, die Elfenbeinkästchen wiederzuerlangen, die er von seinem Ersparten am Ende einer langen Leidenszeit gekauft hatte, war größer als sein Gehorsam vorm Gesetz. Ob Gott ihm das so hingehen lassen konnte, weiß ich nicht; umsonst hat er seinen Juden doch die strengen Vorschriften nicht gegeben.«

»Aber was wurde denn aus Ihrem Freund, dem Lokomotivführer?« fragte der Leutnant.

»Gar nichts weiter«, meinte der Fremde. »Die letzte Viertelstunde ging ich mit Robert Karlowitsch vor dem Zuge auf und ab. Ich schenkte ihm zum Andenken meinen kleinen Kompaß; da zog er sein seidenes Schnupftuch hervor und steckte es mir in die Tasche. Dann läutete die Glocke dreimal. Wir drückten einander die Hand, ich stieg in den Zug, und wir winkten uns noch, solange wir uns sahen. Das ist alles.

Bald waren wir Reisenden auf der langen Eisenbogenbrücke, die hoch über den Strom hinüberführt, und drangen wieder in die Steppe. Als ich nachher mit Ziferblatt den Tee bereitete und wir über Robert Karlowitsch sprachen, – der Jude hielt ihn eigentlich für einen dummen Kerl, der sich von der halben Welt, einschließlich der Leute im eigenen Hause, gründlich betrügen lasse, ich aber verteidigte ihn als einen Menschen, den man in seiner Ruhe bewundern und wegen der Möglichkeiten, die er dort draußen fand, beneiden müsse, – da entdeckten wir eine Tüte auf meinem Platz. Sie enthielt einen Vorrat Zucker, Safrangebäck und Kringel und einen Zettel mit der Aufschrift: Gruß an das Ausland.«

 

»Er meinte Deutschland,« fügte der Fremde hinzu, denn der Leutnant schien ein wenig enttäuscht über diese Wendung. Da lachten sie beide. Der Besucher reichte nun dem Offizier die Hand und wollte gehen, aber der Leutnant hielt seine Hand fest und sagte:

»Nein, nun müssen Sie mir sagen, wie Sie nach Wladiwostok gekommen sind! Wenn Sie vor dem Kriege dort waren, so ist es doch schon eine ganze Weile her! Ich war damals vielleicht jüngster Jahrgang auf der Marineschule, wir sind doch ungefähr vom gleichen Alter. – Wissen Sie was? Wenn Sie in der Stadt nichts Besonderes vorhaben, so wäre es sehr nett, wenn Sie mir noch ein wenig Gesellschaft leisten wollten. Wir setzen uns hinunter in die Messe.«

»Es war, was man in der Familie eine Krise nennt«, erklärte der Fremde bereitwillig und zuckte die Achseln. »Man hatte mich wegen einiger Streiche aus dem Gymnasium genommen, ich kam in Berlin zu einer Exportfirma in die Lehre. Eltern hatte ich nicht mehr, ich tat, was ich wollte, las ganze Nächte lang und wurde davon so leibarm und so eigensinnig, daß ich schließlich zu verstehen bekam, man werde mich nächstens davonjagen. So blieb ich eines Tages von selber fort, ohne zu wissen, was aus mir werden sollte, trieb mich ohne Obdach umher und ging schließlich zu Fuß nach Hamburg, um Schiffsjunge zu werden.«

Sie gingen in die Messe hinunter und zündeten Zigarren an. Dort setzten sie sich auf die schmale Lederbank. Der Fremde erzählte jetzt die folgende Geschichte.

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