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Erzählungen an Bord

Alfons Paquet: Erzählungen an Bord - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
authorAlfons Paquet
titleErzählungen an Bord
publisherDrei Masken Verlag
printrunZehnte Auflage
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150716
projectid42dc1654
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Ausblick auf das Meer

 

An einem der heißesten Sommertage war mit dem Zug, der von den Höhen des Libanon in vielen Windungen ans Meer hinabsteigt, ein Fremder in Beirut angekommen, der sich sein Gepäck in eines der am Hafen gelegenen Gasthäuser bringen ließ und in erschöpftem Zustand dort auf der Treppe des kühlen Hauses niedersank. Man gab dem Fremden, dessen Kleidung einen Touristen verriet und der später den Namen Steffarius in das Gästebuch einschrieb, ein dunkles Zimmer, auf dessen Balkon man gerade über dem Ende einer ziemlich belebten Gasse stand. Der Fremde ließ sich Tee und Zwieback bringen und schloß sich ein. Der arabische Diener, der am Abend die Gäste zum Mahl zu rufen hatte, erhielt, als er bei dem Deutschen anklopfte, keine Antwort, hörte aber seine Stimme drinnen im Tonfall einer heftigen Rede. Wie durch das Schlüsselloch zu sehen war, lag der Fremde auf dem Bett und hielt auch, als es nun zum zweiten Male klopfte, in seinem Sprechen nicht inne, worauf der Diener sich entfernte. Der Gast zeigte sich erst am andern Morgen wieder. Er bat, ihm einen Schiffsplatz nach Jaffa zu besorgen; ein Schiff dorthin war aber erst am gestrigen Nachmittag abgegangen, ein anderes stand vor Ablauf einiger Tage nicht zu erwarten. Auf diesen Bescheid schwieg der Fremde einen Augenblick betroffen, dann fragte er, mehr um irgend etwas zu sagen, nach einem Ausflugsziele vor der Stadt. Man nannte ihm die Taubengrotten. Der Wirt, der später auf dem Dach des Hauses ein paar Arbeiter zu beaufsichtigen hatte, sah von seinem Ausguck den Fremden am Meeresstrand hingehen und dann auf einen der Felsenblöcke sich setzen und unbeweglich auf das Meer hinausschauen, das heute wie Blei dalag. Gegen Mittag kehrte der Fremde zurück. Statt des Mittagsmahles begehrte er wiederum nichts anderes als Tee und Zwieback. Man beeilte sich nicht sonderlich mit der Ausführung dieses Wunsches und richtete aus, daß der Preis für die volle Verpflegung bezahlt werden müsse, einerlei ob die Gäste an der Tafel teilnähmen oder nicht.

»Laßt mich ungeschoren«, antwortete der Fremde mit einer matten, kaum hörbaren Stimme. Er hieß den Diener einen Stuhl ans Fenster rücken und sich entfernen. Die Tür des Zimmers lag an der Halle, wo den Gästen aufgetragen wurde; bald verkündete dem drinnen Eingeschlossenen das Klappern der Bestecke, daß das Mahl im Gange war. Wer den Mann gesehen hätte, wie er am Fenster sitzend mit einem stumpfen, abwesenden Ausdruck in die Gasse hinunterschaute und endlich den Kopf auf seine Arme sinken ließ, der würde über seine krankhafte Erschöpfung nicht im Zweifel gewesen sein. Während immerfort das heitere Geschwätz der Essenden zu ihm hereindrang, stand er auf und begann auf und ab zu gehen. »Wir sind in der Hölle, meine Herren Mitverdammten!« flüsterte er. Ein Gelächter, das sich in diesem Augenblick draußen erhob, schürte noch seine Glut. Und er fuhr gleichsam prüfend mit seiner Hand an den Kanten des Tisches und der Stühle entlang, verwundert, daß nicht auch diese leblosen Gegenstände von der Fieberhitze berührt waren, die ihn versengte. Dann sank er wieder auf den Stuhl, und sah, während er seine Augen mit der Hand bedeckte, die Stadt daheim, wo er nach einer schlaflosen Nacht zum Bahnhof und auf diese Reise gegangen war.

 

Er war einige Jahre in jener Stadt ständig gewesen, in einem Berufe, der seiner Begabung für das Zeichnen Raum ließ und ihm durch kleine Erfolge angenehm geworden war. Als ein Junggeselle hatte er seine Freunde von überall her, sie waren ihm aber lau geworden, dem Anschein nach, weil etwa der Ehrgeiz ihn allzusehr in Anspruch nahm, in Wirklichkeit aber, weil seine im Grund schwermütige Natur eines Müßigganges bedurfte, der mit Arbeit sowenig wie mit Freunden zu tun haben mochte. Da war, unvermittelt, in sein Leben eine Frau eingetreten, eine Bekanntschaft von einem Gartenfest. Sie hatte allein dagesessen, er hielt sich für gut versteckt, so daß er fast gedankenlos begann, ihr Gesicht abzuzeichnen; es wurde eine Unterhaltung daraus, und es entstand zwischen ihnen noch am selben Tage eine Vertrautheit, die ihm alles gewährte. Sie gab vor, eine Witwe zu sein und in einem Vorort zu wohnen. Es gehörte aber zu den aus Liebreiz und Gier gemischten Zügen dieser Frau, daß sie ihn nicht wissen lassen wollte, wohin sie von ihm zurückkehrte. Wie groß war seine Bestürzung, als er eines Tages die Geliebte auf der Straße an der Seite eines älteren Mannes sah und sie ihm alsbald gestehen mußte, es sei ihr Mann gewesen, ein Kaufmann, dem seine Reisen kaum einen Monat im Jahre für sie übrig ließen. Sie sah sein entsetztes Gesicht und begann zu weinen; diese Tränen lähmten seinen Zorn, und nun, wo sie ihn schwach werden sah, lockte sie ihm im nächsten Augenblick ein Lachen ab. Aber dieses sein eigenes Lachen konnte er nie mehr vergessen. Dieses Lachen war es, das ihm später Höllenqualen der Scham bereitete: so weit war er gesunken! Und als hätte das Schicksal jetzt seinen Lauf genommen, so verschaffte ihm ein Zufall nach kurzer Zeit die Beweise, daß sie auch ihn nicht anders hinterging als ihren Mann. Da entschloß er sich, komme was da wolle, dem Manne durch einen Brief den Sachverhalt mitzuteilen. Aber die Frau kam ihm zuvor. Die Post brachte ihm seinen von ihrer Hand geöffneten Brief zurück mit einer maßlosen Verwünschung, deren schrillen Ton er in den Ohren zu fühlen meinte, und einer so furchtbaren Drohung, daß er empört den Brief mittendurch riß. Doch sie hatte sich wirklich am selben Tage von einer Brücke in den Fluß gestürzt; man las später von der Landung ihrer Leiche in den Zeitungen.

Dieses Erlebnis, das auch einer härteren Natur als der seinen hätte gefährlich werden können, zermalmte ihn beinahe. Er, der allem, was niederdrücken konnte, ängstlich auswich, – weshalb er sogar seiner Mutter fernblieb, einer bekümmerten und etwas hochmütigen Frau, die in ihren Blicken den ewigen Vorwurf gegen einen Gatten trug, der sie verlassen hatte, um in Amerika zu sterben, – er, der nur deshalb nicht einen Namen in seinem Berufe hatte, weil er sich aus einem festen Geleise nicht herauswagte, – er war nun mit einer jener »Zeiterscheinungen« in Berührung gekommen, über welche die bürgerlichen Kreise sich entrüsteten und die Professoren in den Zeitschriften sich Sorgen machen. Seine Lebensgewöhnung war auf das peinlichste gestört; von jetzt an überließ er sich seinem Hang zum Grübeln. Allmählich ging eine Verwandlung in ihm vor; alle Vorwürfe, die in seiner Seele entstanden, richteten sich zuletzt gegen ihn selbst und steigerten sein Mißbehagen ins Unerträgliche. Er wühlte in den Erinnerungen; wie ein Kind betrachtete er auf einmal alles von einer neuen Seite, er bestaunte, ja er bewunderte den Leichtsinn, den süßen Mut jener Frau, fühlte sich grausam und dennoch gerecht bestraft durch die launenhafte wiehernde Verachtung, mit der sie von ihm Abschied genommen hatte. Sie verachtet mich, sagte er, aber an irgendeinem Punkte der Ewigkeit muß sie mir ohne Verachtung wiederbegegnen können; denn selbst der Augenblick des Entsetzens zwischen dem Mörder und dem Gemordeten, das jähe ungeheuere Wagnis des Mordes bei dem einen und der Genuß der Rache bei dem anderen ist doch nur ein Strohfeuer im Vergleich zu der langen und mit wichtigeren Dingen ausgefüllten Ewigkeit. Unter Zehntausenden werden sie einander mit einem Lächeln wiedererkennen. Was hatte ihn auch gerade zu dieser Frau gezogen, da es doch unzählige auf den Straßen und in den Familien gab? War es nicht irgendeine innere Verwandtschaft? War er denn übrigens im geringsten besser oder klüger als sie? Nein, sie war sogar durchaus die Klügere gewesen, er aber ein Mensch, mit dem sie Nachsicht hatte. Sie hatte es verstanden, Glück zu geben und Ärgernis zu vermeiden. Sie war rücksichtsvoll wie eine wahre Gattin, anhänglicher als eine Verwandte gewesen. An ihm allein hatte es gelegen, daß sie selbst in den vertrauten Augenblicken eine letzte Fremdheit niemals aufgeben konnte, und sich nie verschwatzte, um das köstliche Netz, das sie beide umfangen hielt, nicht zu zerreißen. Was aber waren ihre wohlgehegten Geheimnisse denn weiter, als Schuldbewußtsein. Ohne Schuldbewußtsein, und wenn sie ihm ruhig alles gestanden hätte, wäre alles anders gewesen. Durfte es denn Schuldbewußtsein geben, wenn sie einander wirklich liebten? Er hatte ja ebenfalls immer eine gewisse Zurückhaltung gegen sie geübt, aber diese war egoistischer Art. Nochmals: wer kann ein Wesen, das er einmal, und sei es nur in Gedanken, auf die Fingerspitzen geküßt hat, jemals wieder eine Fremde nennen? Daß sie einen andern ebenso wie ihn betrog, das allerdings war das unendlich Häßliche; hier hört alles Maß auf. Aber er hatte sie ja niemals ermutigt, schrankenloses Vertrauen zu ihm zu haben; sie hätte es ruhig haben können, denn sie waren nun einmal Spießgesellen. Da er aber noch in jener Blindheit gegen das Böse in ihm selber lebte, jener Blindheit, auf die sie Rücksicht nahm, so fanden sie beide das Wort nicht. Nicht die Liebe, nein, nur das Böse hatte in ihnen Wurzel geschlagen, das wußte sie viel deutlicher als er; sie stand schon mit offenen Augen mitten im Untergang und vergeudete das Letzte ... er aber nahm es mit Habgier, ohne zu fragen. O, nun konnte er begreifen, welche Verachtung sich in ihr angesammelt haben mußte; wahrhaftig, seine Verderbnis war schlimmer als die ihre. Und er blieb bis zum Grund verdorben, solange er das Bild dieser Frau nur als einen Rohstoff in sich trug und nicht lernte, es in jenem Lichte aufzulösen, in dem er das Gute und das Böse unterschied und deutlich begriff, warum sie dem Gericht des Gewissens anheim gefallen war, aber auch, warum er bis zum Tode ihr ergeben und ihrer Vergebung bedürftig bleiben mußte.

Sein Leben führte er nur noch wie vorläufig. Er hatte das Gefühl, es auf die Dauer so nicht weiter ertragen zu können; seine Gedanken waren wie ein Geflecht aus schwarzen und weißen Fäden geworden. Was sollte er tun? Er hatte gehört, daß Männer von Welt, Offiziere, Kaufleute, aber auch Künstler und Arbeiter, plötzlich Mönche geworden waren.

Häufiger als je fuhr er ins Gebirge, um sich auf einsamen Wanderungen klar zu werden. Aber in den Nächten quälte ihn die Schlaflosigkeit. So war er an jenem Tage beim ersten Morgendämmern aufgestanden und war fortgegangen mit nichts als einer Summe Geldes in der Tasche; vielleicht, daß er den Mut fand, sie zu verschenken und sich von einem Felsen hinabzustürzen. Der Weg zum Bahnhof führte ihn durch die leeren, stillen, schon taghellen Straßen, es war vier Uhr früh. Da strahlte, bei Sonnenaufgang, ein Stern in der Luft über den Dächern, wie er es nie gesehen hatte. Es war der goldene Stern über der mit Sternen besäten Kuppel einer Synagoge. Fremd und herzbeklemmend sieht eine Synagoge zwischen unsern Häusern aus. Sie ist das Gotteshaus fremdartiger Leute, die in unsern Städten leben und vielleicht in stillen Stunden dem Heimweh nachhängen. Er faßte sich an den Kopf, – so mächtig erklang dieses Gebäude wie eine fremde breite, schwellende Melodie, und der Stern, der goldene da oben, funkelte wie der Gruß einer unendlich schönen Nacht in den deutschen Tag. »Jerusalem«, sagte er leise. »Wenn ich dein vergesse, Jerusalem!« Er hatte Christus in seiner Kindheit kennen gelernt, aber schon die Schule hatte er in vollkommener Gleichgültigkeit verlassen. Aus Gewohnheit liebte er noch das Kreuz der Kirchtürme, aber die Zeit stand unter dem Einfluß von Denkern, die an diesem Zeichen Anstoß nahmen. Dieser Stern der Juden hatte schon geleuchtet, als noch Christus nicht geboren war. Christus war gekommen, dieser Stern aber leuchtete trotzig immer noch. Es gab kein helleres Zeichen der Hoffnung über seinem jetzigen verzweifelten und unschlüssigen Zustande. Wenn für ihn eine Zeit kommen sollte, daß er wieder an Christus glaubte, – niemals wieder hätte er das alles glauben können, – wenn er jemals an ihn glaubte, und daß ... Sünden ... vergeben werden ... dann stand dieser Stern für ihn über einer Schwelle.

Solche merkwürdigen Gedanken, die deutlich zeigen, bis zu welcher Grenze der Verzweiflung hier ein Mensch gekommen war, werden es weniger merkwürdig erscheinen lassen, daß Herr Steffarius an jenem Morgen, statt in das Gebirge zu fahren, einen Schnellzug bestieg und fortan vermißt wurde, worüber einige Leute sogar eine Bekanntmachung in den Blättern erließen. Er reiste unterdessen und wechselte die Züge mit der Sicherheit eines Menschen, der den Fahrplan kennt. Die Kette der Fahrten brachte ihn nach Konstantinopel, wo er zum erstenmal in einem Bette wieder schlief und am andern Morgen über die Meerenge und weiterfuhr. Eine zuversichtliche Stimmung hatte von ihm Besitz genommen, er war keineswegs ein winselnder Hund auf der Fährte, und er zweifelte nicht, daß er nur als ein erhobener Mensch wiederkommen werde. Als die Eisenbahn zu Ende war, nahm er Pferde und überschritt auf der alten Römerstraße das Gebirge. Ein landeskundiger, abenteuernder Mensch, ein Grieche von Geburt, der früher als Apfelsinenverkäufer eine Zeit in Deutschland gewesen und Herrn Steffarius in einem Augenblick, als er keinen Rat des Weiterkommens wußte, wie ein Bote Gottes zugeflogen war, um ihn in einer kleinen Stadt jenseits des Gebirges ebenso plötzlich wieder zu verlassen, begleitete ihn. In den heißen Quellen des Gebirges hatte er gebadet gleich den Pilgern, zu deren Gunsten jene Bäder von ungenannten Wohltätern mit schützenden Gebäuden umgeben sind. Er hatte in Ställen und auf Tennen übernachtet, über ihm die Sterne des Nachthimmels zwischen löcherigen Dächern. Er war eingekehrt in spitzen Lehmhütten arabischer Bauern und in den Ruinen der Kreuzfahrerburgen, die jetzt den Karawanen zur Herberge dienen. Er sah die Wüste, in goldene Himmel eingetaucht, und sah an schwarzgrauen Abenden die Feuersäule in den Wolken des südlichen Horizontes. Seine Erregung, seine Erwartungen nahmen zu. Es zog ihn wie zu dem brennenden Dornbusch. Von den Entbehrungen begann er abzuzehren; allmählich spürte er, wie eine Glut ihn erfaßte; je hinfälliger er wurde, desto stärker wurde sein Glaube. Endlich war er nicht mehr fähig, die Reise im Sattel fortzusetzen. So war er nach Beirut gekommen, um von hier die letzte kurze Strecke an Bord eines Schiffes zurückzulegen.

 

Nachdem Herr Steffarius den Diener hinausgewiesen hatte, saß er unbeweglich am Fenster und sah in die Gasse hinab. Er hatte sich dem Warten stumpf ergeben; sein Denken war ganz abgestorben. Der Tag war sehr heiß, Staub, der von der Straße emporstieg, legte sich auf seine Lippen. Menschen mit finsteren braunen Gesichtern, eckige Gestalten in dünnen, engen, buntgestreiften Kleidern und schwarz vermummte Frauen gingen dort unten. Die Messingschalen der Wasserverkäufer klirrten, Hunde bellten außer sich vor Wut und Hunger, die Rufe der Früchteverkäufer gellten wie Klagelaute. Im Halbschlummer saß er bis gegen Abend, dann kam ihm der Gedanke, auszugehen, und er ging in die Gasse hinab. Aber er brach fast in den Knien zusammen. Die Menschen schienen ihn absichtlich zu stoßen, der Anblick eines Fleischerladens, besonders der an kleinen Holzspießen aufgesteckten Tieraugen, machte ihm ein so elendes Gefühl, daß er umkehrte. Tief aufatmend fand er die Tür seines Zimmers offen. Es war jetzt die Stunde, wo das Meer seine reine Luft landeinwärts blies, es war der erste frische Hauch des Tages. Ohne sich auszukleiden und ohne die Tür zu schließen, stieg Herr Steffarius auf das hohe, hinter der Tür verborgene Bett. Er hatte das todmatte Verlangen, sich auszustrecken und die Last seines Körpers loszuwerden wie ein Kind, das sich tragen läßt.

In diesem Zustand des Dämmerns hörte er, daß das Haus sich allmählich belebte. Kleider wehten draußen über den Flur, Schritte kamen vorüber, plötzlich öffnete er die Augen; jemand war in sein Zimmer getreten. Eine Frau in einem Kleid aus rosenfarbenem Musselin, mit einem weißen, silberblinkenden Schleier über den Schultern stand vor dem Spiegel und öffnete ein wenig ihr Haar, um es zu ordnen. Herr Steffarius sah im Spiegelglas nur eine Hälfte ihres Gesichts; es war das scharfgeschnittene Gesicht einer älteren Frau, sie mußte zu jener Gesellschaft gehören, die jetzt das ganze Gasthaus einzunehmen schien. Der im Bette Liegende machte sich bemerkbar: mit einem ängstlichen Schrei fuhr sie auf und entfloh. Im übrigen ging es draußen immer lauter zu. Ein Wagen war vorgefahren, ein Schwall von Schritten und Stimmen näherte sich von der Treppe her der Halle. Herr Steffarius stand auf und schloß seine Tür. Nun schien es, als ob gerade vor der Tür die Menschen sich versammelten. Es wurde mit einem Male still, dann vernahm man den Gesang einer einzelnen tiefen Stimme. Der Lauschende glaubte das Opfer einer Sinnestäuschung zu sein. Sein Gesicht war übermäßig heiß; er steckte es tief in das Waschbecken. Doch er täuschte sich nicht mehr. Als jetzt draußen ein unverständliches Gemurmel begann, zögerte er nur noch einen Augenblick und öffnete neugierig und beunruhigt einen Spalt seiner Tür. Jemand winkte ihm, ganz herauszukommen: plötzlich befand sich Herr Steffarius mitten in einer Anzahl ihm unbekannter, festlich gekleideter Menschen, die als Zeugen einer Trauung versammelt waren. Der Wirt war dabei und wies eifrig auf einen der leeren Stühle.

Durch die hohen Fenster der Halle schien der Abendhimmel mit dem tiefen, schweren Blau einer Deckfarbe. Kerzen brannten auf dem Tisch, der mit einem dunkelroten Tuch belegt war; die Petroleumlampe, die von der Decke herunterhing, war angezündet. Das Brautpaar stand vor dem Tisch, Herr Steffarius sah nur die Rücken: die Braut eine weißgekleidete zarte Gestalt, der Bräutigam im Gehrock und dunkelrotem Fes. Zwei Priester, ihnen am Tisch gegenüber, beide mit langen Bärten und in altertümliche Gewänder von Silberbrokat gekleidet, lasen Kirchengebete. Jetzt ergriff ein Knabe, der in der Nähe des Bräutigams gestanden hatte, ein Kruzifix und hielt es zwischen die Brautleute; der jüngere und am stolzesten gekleidete von beiden Priestern kam um den Tisch herumgeschritten, ergriff zwei silberne Kronen, stülpte die eine über das schwarze Haar der Braut, die andere über den Fes des Bräutigams, nahm dann ein Glas mit Rotwein und gab beiden daraus zu trinken. Als sie getrunken hatten, machte er das Kreuzeszeichen, nahm die Kronen wieder von den Stirnen ab und ging an seinen Platz zurück. Nochmals erhoben dann die beiden Priester ihren mißtönenden Gesang und verließen, nach einem oftmaligen Halleluja Amen! den Saal durch eine kleine Tür, die zur Küche führte.

Sogleich war das Paar von Freunden umringt und empfing von allen Seiten Glückwünsche. Herr Steffarius wollte sich entfernen, der Wirt aber lud alle die geehrten Zeugen ein, als Gäste der Hochzeitsgesellschaft im Garten einige Erfrischungen einzunehmen. Gerührt, und auch neugierig auf den Garten, folgte Herr Steffarius dem Zuge, der sich die Treppe hinab bewegte. Der Garten war zwar nichts als ein mit Steinplatten belegter, mäßig großer Hofraum, der an eine Gartenmauer grenzte, so daß man wohl den Anblick einigen Laubes hatte, aber nicht einmal die Bäume selber sah. Doch enthielt der Hof ein rundes steinernes Brunnenbecken, mit Ziersträuchern ringsherum. Man brachte Stühle. Die Gäste setzten sich im Kreise. Die glänzende Wasserscheibe spiegelte ein paar Zweige und die ersten Sterne. Zwei Gemächer, offen und hell erleuchtet, lagen im Seitengebäude zu ebener Erde. In dem einen sah man den gedeckten Tisch, an dem jetzt die Verwandten des jungen Paares ihre Plätze einnahmen; in dem anderen rüsteten Frauen mit bunten Decken und Teppichen ein Lager. Seewind wehte in den Hof. Das Rufen und das Klirren von den Straßen drang nur leise über die Mauer; nun schwebte, wie eine blinkende Erscheinung, das Hornsignal von irgendeinem der fremden Kriegsschiffe, die im Hafen lagen, vorüber. Die Frau, die Herr Steffarius vorhin in seinem Zimmer erschreckt hatte, kam, um als Abgesandte der Brauteltern die Gäste willkommen zu heißen, und ein Diener folgte ihr, der mit silbernen Zangen Früchte und Süßigkeiten anbot.

Es waren außer Herrn Steffarius eine Gruppe Kalabresen da, die nach einem der Bahnbauten im Innern Syriens unterwegs sein mochten, und ein Deutscher. Der gewandte Wirt mochte mit der eigentümlichen Zurückhaltung der Deutschen schon seine Erfahrungen gemacht haben: er hatte diesem Deutschen seinen Stuhl neben Herrn Steffarius angewiesen und sich beeilt, die beiden Landsleute miteinander bekannt zu machen. Der Name des Mannes war Kölble. Er war ein Seidenhändler, in Aleppo zu Hause, aber er kam jährlich mehrmals nach Beirut.

»Eine richtige Armenierhochzeit«, begann Herr Kölble. »Der neugebackene Ehemann ist aus einem Städtchen, das eigentlich näher zu Damaskus als zu Beirut liegt. Als ein gänzlich Unbekannter ist er dieser Tage, bloß mit der löblichen Absicht zu heiraten, hergekommen, und hat sich, mit ein wenig Geld in der Hand, zuerst an einen Geistlichen gewendet. Wozu sind auch sonst die Pfaffen da? In ihrer Hand haben sie den Zugang zu den Familien, die über heiratsfähige Töchter verfügen. Der Mann ist Beamter der Tabakregie und hat ein Einkommen. Nach zwei Tagen war die Brautschau beendet. Mindestens zwei Dutzend Mädchen hatte er gesehen. Er verlobte sich mit dieser Kleinen. Sechzehn Jahre ist sie alt, das Fraule. Und morgen früh wird sie mit dem Ehemann die Reise nach ihrem neuen Wohnsitz antreten. Die Eltern sind sehr zufrieden. Bei diesen Leuten gelten Liebesheiraten als das albernste Ding der Welt.«

Es war das erstemal auf seiner Reise, daß Herr Steffarius mit einem Menschen in ein längeres Gespräch kam. Das heißt auch nur, er ließ den andern sprechen. Er hatte die Augen geschlossen und gab sich Mühe, den Worten zu folgen; seine Ohren waren wie verstopft, die Worte drangen hinein, mit einem scharfen Summen vermischt. Sein Kopf schmerzte, aber er begann mit einer gewissen Hartnäckigkeit über das Für und Wider von Liebesheiraten nachzudenken. Jeder Mensch macht sich einmal über diesen Punkt seine Gedanken, warum nicht auch er ... Er öffnete seine Augen erst, als nach einer Pause Herr Kölble auf die Frage übersprang: woher er denn komme? und ob er geschäftlich hier sei?

Da antwortete er mit seinem trockenen und widerstrebenden Gaumen: »Nach Jerusalem.« – »Geschäftlich, natürlich!« meinte Herr Kölble in feststellendem Ton. – »Ich habe keine Geschäfte«, gab Herr Steffarius etwas gereizt zurück. – »Ein Jerusalemer!« lachte der Schwabe. »Nichts für ungut, – so heißt man die Handwerksburschen, die hier im Land herumstreifen. Ich bin auch ein Jerusalemer. Meine Eltern sind vor vierzig Jahren eingewandert. In Jerusalem ist nichts los. Ewig der alte Humbug, immer derselbe Fanatismus. Und geschäftlich ist es zu still dort, darum sind von den jüngeren Leuten manche nach anderen Städten verzogen. Von den deutschen Bauern sind schon etliche nach Ostafrika ausgewandert.« Herr Steffarius lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er sah eine Weile zu den Sternen hinauf und überlegte. Schließlich fragte er ruhig: »Welchem Volke wird einmal Jerusalem gehören?«

Herr Kölble zog an seiner Zigarette und zuckte mit den Achseln.

»Wollten nicht einmal wir Deutschen Palästina besitzen?« fragte Herr Steffarius weiter.

»Palästina wird dem Volk gehören, das am meisten Verlangen danach hat«, meinte Herr Kölble zögernd. »Aber die einzigen, die jetzt in Palästina wirklich miteinander konkurrieren, sind die Russen und die Juden.«

»Konkurrieren!« sagte Herr Steffarius verstimmt. »Sie halten die Juden nicht für das auserwählte Volk.«

»Gott kann dem Abraham auch aus Steinen Kinder erwecken,« antwortete der Deutsche mit einer fast spöttischen Lehrhaftigkeit. »Wenn Sie nach Jerusalem kommen, werden Sie ja hören, was man sagt. Die jetzige Generation unter den Deutschen hat nicht mehr dieselben Ansichten wie die vorige.«

Herr Steffarius schwieg. Er fand, daß der Schwabe da ihm eigentlich ein sehr schönes Wort gesagt hatte. Der Schwabe hatte eine neue Zigarette angezündet und wendete jetzt seinen Kopf den Kalabresen zu, die sich mit Lachen und lebhaften Gesten, wenn auch mit gedämpften Stimmen, unterhielten. Unwillkürlich dämpfte man die Stimme in der kühlen stillen Nacht. Drinnen an der Hochzeitstafel klang Saitenmusik und halblautes Singen.

Man bemerkte kaum; daß ein fremder junger Mensch jetzt aus dem Hause in den Hof trat und sich umsah. Er konnte einer der Diener sein, er trug die gelben spitzen Lederpantoffeln, ein gestreiftes Gewand und eine Jacke darüber nach Art der Eingeborenen. Aber alle erstaunten, als man ihn nun in den Lichtschein und an den Rand des Brunnenbeckens treten und mit einer jähen Bewegung seine Arme erheben sah. Laut und langgezogen mit beschwörendem Ausdruck rief er das Wort: »Siranüsch!« und wiederholte diesen Ausruf dreimal, wobei er jedesmal lauschend einige Augenblicke innehielt. Drinnen antwortete jetzt ein Schrei. Man sah wie die Lichter über der Hochzeitstafel in Bewegung gerieten, die Tür wurde zugeschlagen und öffnete sich wieder, ein Mann erschien mit drohend erhobener Hand, Frauen drängten sich neben ihm heraus. Die Kalabresen waren aufgesprungen, aber sie wichen zurück, denn eine Klinge blinkte in der Hand des verwegenen Menschen, aber sie fuhr in einem weit geschwungenen Stoße gegen seine eigene Brust, und er fiel sofort am Rand des Brunnenbeckens hin. Herr Kölble war der erste, der sich zu ihm niederbeugte. Als er sich wieder aufrichtete, wies er nur auf das Blut, das sich mit dem Wasser eines umgestürzten Kruges auf den Steinplatten verbreitete und sagte: »Ins Herz gestochen!«

Die Wirkung dieses Ereignisses auf alle war unbeschreiblich. Herr Steffarius war aufgesprungen, aber er zitterte so stark an Händen und Füßen, daß er sich sofort gegen die Mauer lehnen mußte. Die hellen, umherwehenden Frauen, die verzerrten Gesichter der Männer, Laternen und Geschrei, fremde Männer mit Uniformkragen und Pelzmützen, die plötzlich dabei waren, alles das verschwomm ihm zu einer undeutlichen Furchtbarkeit und ließ ihn dann allein. Ja, plötzlich fand er sich allein im Dunkeln an der Mauer stehen, und ihn fror. War die Nacht so kalt geworden? Er versuchte sich aufrecht zu halten und taumelte in das Haus. Im Gange begegnete ihm Herr Kölble. »Es sind doch Liebesgeschichten«, sagte er und streckte ihm mit einem mühsamen Lächeln die Hand entgegen. »Der Bursche ist tot«, sagte Herr Kölble. »Eine schöne Geschichte. Offenbar ein Liebhaber. – Aber Sie sind ja krank!« setzte er hinzu, als er das Gesicht des Herrn Steffarius sah und die heiße Hand verspürte. »Meinen Sie«, wollte Herr Steffarius sagen, im selben Augenblick aber fühlte er sich, gerade noch vor dem Sturz, von dem Arm des Schwaben umfangen, der ihn mit Hilfe eines Dieners in sein Zimmer brachte, auskleidete und aufs Bett hob. Das Fieber war im höchsten Maße ausgebrochen, der Kranke begann zu phantasieren. Man brachte Wasser an seinen Mund, aber er schlug es mit allen Zeichen des Entsetzens zurück. Man zerdrückte saure Trauben auf seinen Lippen. Herr Kölble blieb die ganze Nacht an seinem Lager.

 

Herr Steffarius erwachte nach zwei Tagen in einem großen kahlen Zimmer. Er lag hinter weißen Vorhängen, das Bett stand in der Nähe eines verhangenen Fensters, der Raum hatte noch ein anderes Fenster, dieses war vergittert und offen. Dort auf dem Stuhl lagen seine Kleider, ein Milchkrug und eine Schüssel mit Eisstückchen stand auf einem zweiten. Herr Steffarius versuchte sich umzusehen. Aber sein Kopf war wie angeschmiedet. Sein Kissen feuchtete sich von den Tropfen, die aus den lauen Tüchern von seiner Stirn kühl herabschmolzen. Seine Hände lagen auf der Decke, er wollte sie bewegen, aber sie bewegten sich nicht im geringsten. Er erstaunte über seine vollkommene Unbeweglichkeit. Erinnerungen wachten auf: er lief über eine unendliche, graue, sanfte Ebene. Ein Mann mit einem Krug voll Wasser rannte vor ihm her. Er flehte: ›Gib mir zu trinken‹ und rannte, immer rascher, hinter ihm drein. Plötzlich, höchstes Unbehagen, waren ihm die Schuhe aufgegangen, und er stürzte, doch da sprang seine Seele aus dem Körper und jagte dem Manne nach, der schon weit in der Ferne war. Aber eine rauschende Musik antwortete ihm, bekannte Gesichter, die er doch vergebens zu nennen suchte, sahen ihn mit ernstem Ausdruck an, es war in einer von Hunden wimmelnden, Hitze brütenden Gasse. Hier stand, wie aufgelöst in Leichtigkeit, die Synagoge mit dem goldenen Stern. Drinnen saßen Leute in der tiefblauen Abenddämmerung und tranken aus roten Gläsern. Er wartete, ob man auch ihm zu trinken reiche, eine Frau brachte ihm zu trinken, er wehrte ab, und sein Unbehagen wurde doppelt groß: ihm waren die Schuhe aufgegangen, seine Füße staken wie im Wasser.

Der Wärter stand am Bett. Herr Steffarius empfand dankbar den frischen kalten Umschlag auf der Stirn, der ihn weckte. Dann stand derselbe Diener mit dem Wirt vor ihm, und nun war er wieder vollkommen bei Besinnung. Diesen Mann hatte er ja bei jener Hochzeit gesehen; er mußte ihn nach den Armeniern fragen. »Sind sie abgereist?« – Der Wirt aber verstand nicht, was er meinte und lächelte beschwichtigend. »Freilich«, sagte er. »Bleiben Sie ganz still liegen, diesen Brief sendet Ihnen Herr Kölble.« Damit legte er einen Zettel auf das Kopfkissen und ging. Der Wärter blieb noch zurück. »Werde ich bald gesund?« fragte Herr Steffarius. Der Diener kreuzte die Hände über der Brust und sagte mit einem unbestimmten Lächeln: »Inschallah!« Ja, der Diener kreuzte wirklich die Hände über der Brust und ging dann hinaus.

Der Arzt kam am Abend und las den Zettel des Herrn Kölble vor. Darin stand, daß für gute Pflege gesorgt sei, und daß er sich nach einer auf dem Tisch vorgefundenen Briefadresse erlaubt habe, der Mutter des Herrn Steffarius von seinem Befinden eine kurze briefliche Nachricht zu geben. Er wünsche vollkommene Besserung und bedauere nur, wegen notwendiger Abreise, nicht weiter für ihn sorgen zu können.

Es beunruhigte den Kranken, daß der Arzt nichts von einem Besserwerden sprach. Lange lag er nachher mit offenen Augen im Dunkeln. War dies heiße Bett sein letzter Aufenthalt? War der Lichtstrahl der letzte, der sich hier, sehr schmal und matt in der Nacht, durch das Fenster hereinstahl? Durfte er in solcher Verlassenheit und auf einem solchen Wege auslöschen wie ein Licht? Es war, als wehrte sich auch sein Körper wie ein fremder Mensch, der Gefahr wittert, gegen den ungeheuerlichen Gedanken. Dieser unbeschreiblich scheußliche Gedanke der Verwesung trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; da war es doch besser, die matten Schenkel, die kläglich bewegungslos gewordenen Unterarme nahmen sich zusammen und gaben die lahmen verzagten Muskeln wieder frei. Wirklich, sie bewegten sich ein wenig. Mit einem Male hob er ganz, ganz wenig den Kopf; seufzend vor Schmerz ließ er ihn zurückfallen. Auch die Hände gehorchten willig und ließen sich übereinander legen. Diese übereinandergelegten Hände! Als ob sie sich wer weiß wie lange nicht berührt hätten, und sich nun freuten, daß sie wieder beieinander liegen durften wie liebe Freunde. So voller Frieden waren sie, und mit so angenehmer Lindigkeit floß durch ihre Berührung wieder der Lebensstrom der beiden Arme. So lebendig waren sie in der Dunkelheit, so groß und vernünftig wie erwachsene Menschen.

Er erwachte am Morgen von der Tageshelle und von der frischen Luft, die ins Fenster wehte. Er zauderte ein wenig, dann erhob er sich, um an das Fenster zu gehen. Seine Beine waren sehr schwach. An die Eisenstäbe geklammert, sah er vor sich die weite blaue Meeresfläche. Doch dann nebelte es vor seinen Augen. Der Diener fand ihn am Boden liegen. Trotz des Verbots wiederholte er am nächsten Morgen diesen Gang zum Fenster und kam ohne Hilfe ins Bett zurück. Die vom Wind geblähten Vorhänge trugen ihn wie Segel über ein glänzendes Wasser den ganzen Tag. Er hatte jene langgezogene einzige Welle gesehen, die das Meer in seinem unablässigen Atmen gegen das Land führt, diese schmale weiße Welle, die wie ein lebendiges Wesen aus der unermeßlichen Kühle des Wassers gegen das trockenheiße, fest verschlossene Land hindrängt, um einen Augenblick diesen Sand und Fels zu streicheln und zu vergehen. Es stand ihm ja frei, sich vorzustellen, daß alle diese Wellen einmal von tief unten kamen, auf Oberflächenurlaub, so wie Menschen Oberflächenurlaub haben. Man sieht, wie sie schnappen und sich wieder schließen; das Geräusch davon dringt in alle Muscheln des Meeres und wird sie nie wieder verlassen.

Auch hatte er einen Dampfer gesehen. Das schwarze kurze Schiff mit seinem breiten roten Streifen über der Wasserlinie fuhr schräg hinaus durch den brennenden Glanz des Meeres. Die Schlote entließen keine Spur von Rauch, an Bord war alles ruhig, nur aus den Luken der Schiffswand unten fiel Asche ins Meer. Wie unendlich langsam sank diese Asche, bis sie den Grund erreichte. Das Schiff war schon viel weiter, in halber Tiefe durchstreiften die fallenden Aschenstückchen einen Nebel von allerfeinstem Sand. Das war der afrikanische Sand, den der Riesenmund des Nils in das südliche Mittelmeer hineinhaucht und der sich nach geisterhaften Wirbeln endlich auf dem Meeresboden niederläßt, oder auch an einer fernen Küste wieder emporsteigt, der Sand, der Tyrus und Sidon verschüttet und mit gewaltigen Dünen zwischen Land und Meer sich bettet.

 

An dem Tage, als der Arzt Herrn Steffarius wieder aufzustehen erlaubte, brachte man ihm ein Telegramm: Komm heim, Mutter. Er las diesen Gruß in einer zärtlichen Bitternis. Sie ahnte seinen Zustand, die alte graue Frau; er sah sie in diesem Augenblick durch ihr mit Photographien und Blattpflanzen geschmücktes Zimmer gehen und die Teekanne auf den Balkon hinaustragen und sich zum Frühstück niedersetzen an einem kühlen deutschen Sommermorgen mit Lindenbäumen in der Nähe. Man hatte ihm gesagt, daß er einige Wochen noch hier bleiben müsse, um sich ganz wiederherzustellen, ehe er die Reise fortsetzte. Er war erstaunt darüber gewesen; jetzt mochte er diesen Gedanken nicht ausdenken. Er empfand auf einmal eine unbestimmte Furcht vor dem wirklichen Jerusalem; die Gassen und die Gesichter konnten dort nicht anders sein als hier: Gewimmel einer fremdartigen, feindseligen Menge und gellende Schreie in den Straßen, fremdartige Gebräuche, Entsetzen erregende Zwischenfälle und die vom Fieber tückisch bereiteten Qualen. Dankbar war er der Mutter. Aber er sah sich bei ihr eintreten und mit müdem, ein wenig verbissenem Gesicht neben ihr auf dem Sofa sitzen ... Er besann sich noch.

Er lag nun oben auf dem Dach, in einem Stuhle ausgestreckt. Man ließ ihn allein, und er schaute mit der Seligkeit eines Schwebenden über die vielen erdfarbenen flachen Dächer mit einzelnen Palmen dazwischen, sah den mit Schiffen gefüllten Hafen und das dunkelgrüne Gebirge dahinten mit seinen kahlen Stellen und dem oft im Dunst nur weißlichen, doch zuweilen wie Schnee glänzenden Kamm. Seegelboote kreuzten draußen im Meer, eines der im Hafen liegenden löste sich los, von einem kleinen Ruderboot bis an den Ausgang des Hafens gezogen, dann hob es seine Segel auf und flog dahin. Am Horizont tauchte ein Dampfer auf und kam. Vielleicht war es der Franzose, der morgen nach Europa weiterfahren sollte? Nun sah man schon deutlicher den starken Rumpf, und die Masten, die hell und schmiegsam schienen wie Bambus. Am Heck wehte die Flagge. »Mit diesem Schiff kann ich morgen heimwärts fahren«, flüsterte der Einsame. Sein Herz schlug heftig.

In diesem Augenblick trat der Rufer auf die Brüstung des Minarets, ganz nah dem Dach vor seinen Augen. Und noch vier Männer folgten ihm, die in ihren langen gelblichen, silbergrauen und blauen Gewändern sich von dem leuchtend blauen Hintergrund des Meeres abhoben und zu singen begannen. Einer faßte mit leichter Hand die Stange, die das hölzerne Dach des Turmes trug, ein anderer stand vorgebeugt. Sie alle wiegten sich in ihrem eintönigen, nicht lauten Singen, und nun riefen sie zu ihm hinüber. Ihre abwechselnden und wiedervereinigten Stimmen flochten ein Lautband in die Luft, das ruhig über ihm stand wie mit einer krausen Inschrift: dem Namen Allahs, des Allbarmherzigen, des Allerbarmers. Sie verstummten und wandten sich zur andern Seite; ihre undeutlicheren Rufe wehten jetzt dem großen Schiff entgegen, das in den Hafen einlief. Herr Steffarius wollte sich wehren gegen seine Bestürzung über diesen feierlichen Gruß, die Mundwinkel zuckten ihm; er wandte sich ab. Aber die ganze Stadt schien zu Füßen der Türme im Gebet zu liegen. Es war Freitag mittag, und auch auf jenen anderen Türmen standen die Gestalten der Rufer, wenn auch farblos in der Ferne. Er hörte ihre Stimmen wie ein Knistern in der Mittagsstille. Unten in den Hof, den er sehen konnte, kamen Männer, die ihre Schuhe ablegten und in die Pforte der Moschee verschwanden.

 

Früh am andern Morgen trug man Herrn Steffarius hinunter zu den Booten. Sein Körper war ohne Fieber, er schien ihm so schlackenlos glücklich in einer ätherischen Leichtigkeit. Nun stand er oben an Bord, spürte die saubernassen Planken unter seinen Füßen, stieg, noch vorsichtig, doch mit klappernden Schritten die mit Messing beschlagenen Treppen hinunter, stand, als das Schiff aus dem lärmenden Hafen hinausglitt, wieder oben und umklammerte entzückt das Geländer. Die Stadt schien sich auseinanderzufalten; grüne Abhänge standen hinter ihr, Gärten faßten sie ein; der Libanon schimmerte in die blaue Luft. Dort, gerade über dem Hafen, stieg ein Wäldchen empor mit verstreuten Grabsteinen; zwei davon standen aufrecht vorn wie schneeweißgekleidete Gestalten und wurden immer kleiner; nun konnten es auch zwei Damen im Tenniskleide sein. Er winkte ihnen mit der Hand, diesen beiden Damen, die ja Grabsteine waren! Der Wind dudelte vergnügt durch die Rahen. Das Schiff knarrte, und die Wellen schwappten behaglich gegen seine Wände.

Eine Glocke läutete, die Passagiere verschwanden in den Speisesaal. Zögernd setzte sich Herr Steffarius auf einen der festgeschraubten Stühle und knabberte ein wenig an der festen Kost. Noch wären ihm Milch und leichtes Brot lieber gewesen. Neben ihm saß ein Mensch in geistlicher Kleidung. Es war ein Priesterzögling, aus einer kleinen, von christlichen Arabern bewohnten Stadt im Libanon; er befand sich auf der Reise nach Rom, dort sollte er in einem Kloster das Malen von Heiligenbildern lernen. Der Nachbar auf der anderen Seite schien ein gewiegter und sehr gesprächiger Herr zu sein; es war ein Herr Siegmund Nascher aus Wien, der für eine Weltfirma der Spazier- und Schirmstockbranche reiste. Seine Gestalt hatte etwas von der erdrückenden Breite der Frösche, sein Kinn war gespalten wie ein Weck. Das dunkle Gesicht des jungen Arabers, auf dem schon mit dem tief in die Stirn gewachsenen Haar der Anflug einer stupiden Strenge sich bemerkbar machte, war ein großer Gegensatz dazu, und doch hätte Herr Steffarius, der im Nu zwischen diesen beiden Menschen eine Menge von Vergleichen zog, nicht sagen können, warum er in der Mitte diese beiden empfand wie die gleichen Gewichte an einer Wage. Worin er mit ihnen sich traf, das war jene gewisse, noch ungeklärte Munterkeit des Genießens dieser Seereise. Sie gingen nachher zu dritt an Deck spazieren. Zwar fühlte sich Herr Steffarius bald müde werden; er spürte auf einmal, daß er ja krank gewesen war. Aber die beiden anderen, denen er gleichsam zur Vermittelung diente, ließen ihn nicht los. Da schlief er auf seinem Stuhle ein, und als er nach einigen Minuten wieder auffuhr und erwachte, weil Herr Nascher irgendeine Frage an ihn gerichtet hatte, begann er sich über diese Gesellschaft zu ärgern und seine Heimreise zu bereuen.

Das Schiff lag am folgenden Nachmittag in einer tief eingeschnittenen Bucht. Ein Städtchen dehnte sich am Ufer; dahinter erhob sich das Gebirge der Insel mit verschränkten Tälern und vielen Spitzen. Einige Passagiere ließen sich an Land bringen. Das Pfäffchen sagte, daß man ihm anbefohlen habe, eine kleine griechische Kirche da drüben zu besuchen, um die alten Bilder zu betrachten. Herr Steffarius fuhr mit ihm. Auch Herr Nascher schloß sich an, ging aber, als sie gelandet waren, seine eigenen Wege.

Bei Handwerkern, die in ihren Lädchen an der Gasse saßen, fragten sie sich zurecht. Wie ein Gruftgebäude stand die alte Kirche mit ihren blau getünchten Mauern zwischen Büschen, Grabkreuzen und hohem Gras. Sie klopften an, ein Greis in Priestertracht kam aus einem Nachbarhaus und führte sie in den ärmlichen Raum, wo die Bilder in dem hellen kalten Lichte hingen. Das eine zeigte den Propheten Jona mit dem Walfisch, der eine Wassersäule emporstößt; das andere die Auferstehung Christi. Die Gestalten in ihrer steifen Haltung, in ihrem etwas leeren Gesichtsausdruck, dem trockenen grauen und grünen Ton des gemalten Wassers und des gemalten Steines waren keine Meisterwerke, aber Herrn Steffarius fesselte diese fromme und schickliche Darstellung der wunderbaren Begebenheiten. Er selber fühlte sich wie ein Erretteter. Je länger er die Bilder betrachtete, desto mehr gaben sie ihm zu denken. Plötzlich, da er die verklärte Gestalt des Christus ansah und sich klar machte, daß sie dem Grab erstanden war, um in Herrlichkeit gen Himmel zu fahren, kamen ihm Tränen in die Augen von einer tiefen glückstrunkenen Erschütterung.

In Voraussicht eines Geschenkes hatte der Pförtner auch die Kirchengewänder aus der Sakristei hervorgeholt und ihre altertümliche Pracht ausgebreitet. Herr Steffarius gab ihm einen kleinen Lohn, gern hätte er mit ihm gesprochen. Da er aber dem alten Manne nicht ein Wort verständlich zu machen wußte, so stand er bald mit seinem Begleiter wieder auf der Straße, und sie gingen zum Strand zurück.

»Ich rieche neuen Wein«, sagte das Pfäffchen. Sie standen vor einer Weinschenke, einer hinten durch eine Wand von Brettern abgeschlossenen Torfahrt in einem zerfallenen, blauen Hause mit kühn geschwungenen Balkonen. Landleute oder auch Lastträger vom Hafen saßen hier an den breiten roten Fässern und spießten mit dem Messer die kleinen Stücke Käses, die vor ihnen auf den mit klebrigen Pfützen besudelten Faßscheiben lagen. Die beiden Fremden nahmen Platz auf den niederen Schemeln und streckten die Beine aus. Vor ihnen glänzte herrlich die Bucht in der Nachmittagssonne. Sie beide tranken durstig von dem süßen, goldbraunen Feuer, das in unsauberen groben Gläsern vor ihnen stand. Herr Steffarius sah in den Gedanken, die ihm heiter aufstiegen, den Jonas und die Auferstehung wieder, beide vor dem Hintergrund dieser glänzenden, stillen Seelandschaft. Wenn er einmal Heiligenbilder malen sollte, – und warum sollte er es nicht wagen? – er würde ihnen um das Gesicht einen anderen, neuen Zug einfältigen Schmerzes geben, wie die Menschen der Gegenwart ihn haben. Er sah um diese Köpfe die feurigen Scheine, die dem von Bogenlampen ausgesandten feinstrahligen Lichte glichen. Vielleicht würde er, ein frommer Künstler, es wagen, mit solchem heiligen Glanz der Dankbarkeit Ausdruck zu geben, von der sein Herz ganz voll war. Und fast mit einem Bedauern für sich selbst wegen der besonderen Schwere dieser Aufgabe beneidete er den Lehrling da an seiner Seite um sein geistliches Gewand und um seinen Auftrag, in einem Kloster zu Rom das Malen zu erlernen. »Ich werde es in meiner Weise tun«, sagte er sich in Hoffnung. »Es wird ein neues Leben werden.«

Der Kleine zupfte ihn am Ärmel. Herr Nascher stand vor ihnen und nahm an dem Fasse Platz. »Kein Kaffeehaus«, schimpfte er, »keine Konzertkapelle weit und breit, kein einziges fesches Gsichtl kann man vorfinden in einem so traurigen Nest wie diesem hier! Da schaun Sie, das einzige, was ich gefunden hab' in einer Handlung in der Seitengassen.« Und er zog aus der Brusttasche ein Päckchen Photographien, die er, mit der Zigarette im Munde, wohlgefällig wie Karten mischte. Dann reichte er die eine Hälfte dem jungen Menschen, die andere Herrn Steffarius hinüber. »Ansichten aus Smyrna!« erklärte er. »Wir werden morgen alles in natura haben.«

Das Pfäffchen gab sich Mühe, gleichgültig zu erscheinen, aber sein Gesicht verzog sich in Bestürzung, in seine Augen kam ein Glanz. Herr Steffarius warf einen Blick auf die kleinen Bilder und sah Herrn Nascher verwundert ins Gesicht. Herr Nascher zwickerte mit den Augen. »Sie täuschen sich«, sagte Herr Steffarius ruhig. »Aber gehen Sie!« lachte Herr Nascher; »Sie werden doch nicht anständiger sein als unser hochwürdiger Freund. Hier sind noch andere.« Herr Steffarius sah hin, und es schien ihm plötzlich, als lodere ihm das Feuer des Weines ins Gesicht. Zaudernd ließ er die kleinen Bilder durch seine Hände gehen. Er, der im vorigen Augenblick noch von einer frommen und reinen Kunst erhoben war, daß er sich vermaß, es ihr gleich tun zu können, betrachtete nun, verwirrt und lüstern, diese Bilderchen, an denen sich der Pöbel in den Hafenstädten ergötzt. Mit einem plötzlichen Widerwillen warf er sie hin. Es war der Schreck vor ihm selbst. War er ein Gezeichneter, daß dieser Mensch sofort wußte, wo das Tier in ihm steckte? Wie war es möglich, daß dieser Unbekannte da, dieser niedrige Mensch, der über seine Seelenkenntnis triumphierend ihm gegenübersaß, mit einer wahrhaft teuflischen Geschicklichkeit dieses Tier plötzlich hervorlockte? War all das Leid, das er darum hatte erdulden müssen, nichts gewesen? Seine Gedanken, sein Blut waren endlich zum Schweigen gebracht worden in dem verzweifelten Kampf, und trotzdem verriet ihn noch immer sein Gesicht? Irgendein Lächeln um die Lippe, vielleicht das Kinn, oder ein Glanz der Augen, so wie damals, als er und jene Frau sich fanden mit der Sicherheit der Nachtschmetterlinge, die von den entgegengesetzten Enden einer Großstadt einander wittern und durch den Staub und den Dunst hindurch aufeinander zutreiben. Er ballte die Fäuste, sein Gesicht nahm einen harten Ausdruck an, und mit einer jähen, unwidersprechlichen Bewegung riß er dem Zögling, dem jungen Menschen da die Bilder aus der Hand und streute sie alle in hundert Fetzen ringsherum.

Entrüstet war Herr Nascher aufgesprungen. »Was fällt Ihnen ein, Herr!« schrie er, »das ist mein Eigentum, bitte! Fünf Franken habe ich bezahlt!«

»Fünf Franken!« schrie Herr Steffarius. »Viel zu wenig!« – Er hatte das Weinglas zur Hand, und ehe der Wiener, der bleich wie ein Schellfisch geworden war, sich zurückziehen konnte, schlug er ihm dieses Glas von oben herunter auf die Glatze. Er spürte die Kraft des Schlages an seiner Hand, spürte, daß Blut herabquoll und sah dann voll Verwunderung, daß der Mann nicht auf der Stelle am Boden lag, sondern nur mit rotem Gesicht und um Hilfe schreiend die Flucht ergriff.

Es war für alle Beteiligten ein Glück, daß die Polizei auf dieser kleinen Insel sich in einem so einfältigen Zustande befand, daß niemand daran dachte, den Täter zu verhaften. Die Leute, die nebenan beim Weine saßen, waren sofort wie ein Mann zwischen die Streitenden getreten und machten, selber vom Weine erhitzt, nicht übel Miene, an Herrn Steffarius tätlich zu werden; nur das mutige Eintreten des jungen Menschen, dessen geistliches Kleid die Leute erstaunte, schützte ihn davor. Man hatte rasch den Agenten der Schiffskompanie gerufen, der sich dann auch ohne weiteres für das Betragen der Gäste an Land verantwortlich bekannte und im Handumdrehen dafür sorgte, daß Herr Nascher und die beiden anderen in getrennten Booten zum Schiffe hinübergebracht wurden. Der junge Mensch trennte sich nicht von Herrn Steffarius, der selber teilnahmlos sich gefallen ließ, daß man ihn auch im Boote noch am Rockärmel festhielt, damit eine Flucht nicht möglich sei. An Bord übergab der Agent die drei Beteiligten dem Kapitän, der sogleich an unauffälligem Ort ein Verhör anstellte. Die Verletzungen des Herrn Nascher erwiesen sich nicht als gefährlich. Und da merkwürdigerweise dieser Herr ebensowenig wie der andere Zeuge und der Täter selbst zu bewegen war, über die Einzelheiten des Vorfalles genauere Auskunft zu geben – man vermutete schließlich, daß sie dem Weine etwas zu fleißig zugesprochen hätten – so begnügte sich der Kapitän mit dem Protokoll und einem ernsten Hinweis darauf, daß in Fällen wie dieser, wenn sie sich an Bord ereignen sollten, strengere Gesetze zur Anwendung kämen als in der weltverlassenen Inselstadt da drüben.

Nur Herr Steffarius war oben, als sich das Schiff sanft hinaus ins Meer bewegte. Die Passagiere waren unter Deck; das Meer lag dunkel, in schwarzen Nachtwolken zuckte ein Wetterleuchten. Die Insel schien zu versinken, aber das Schiff blieb noch lange durch das breite glimmende Band des Kielwassers mit ihr verbunden. Nun klaffte am Horizont ein Spalt grellen Glanzes auf: da bemerkte Herr Steffarius eine Frau, die dort am Ende des Schiffs wie versteinert stand und nach der fernen Insel wie nach etwas Verlorenem zurücksah. Dunkel und in dunklen Umrissen stand sie da; ein Vogel saß auf ihrer Schulter, der bewegte zuweilen die Flügel und kreischte. Sie schien zwei Häupter zu tragen.

Schweigend saß Herr Steffarius in seinem Versteck. Er war aufgewühlt bis ins Innerste. »Gestalt der Witwe, die zum Grabe des Gatten zurückblickt«, flüsterte er. »Gestalt der Braut, die geopfert wird; Gestalt der Sünderin, die von der Welt sich abwendet. Leidende Schwester Christi ... Wesen, an dessen Knien die Einsamkeit der Welt zerbricht ...« Er sah sich daheim die Straße wieder hinaufgehen, stillstehen und mit einem leisen, leisen Schütteln des Kopfes den Stern über der mit Sternen besetzten Kuppel betrachten. Warum leuchtete er nicht mehr? Er sah sich, nach langer Abwesenheit, in seine Wohnung eintreten und sich zu Bett legen; warum ist hier alles ein Raub der Einsamkeit geworden? Und am Morgen sah er sich wieder in die Werkstatt treten, und die andern dort begrüßten ihn gutmütig und etwas spöttisch. Er sah sich die Bluse überstreifen, die mit ihren Flecken und verschabten Ärmeln geduldig hinter der Tür auf ihn gewartet hatte; warum brachte sie ihm keine Arbeitsstimmung mehr, diese Bluse, wie sonst? Dann sah er sich, nach einem zögernden Entschluß, zu ihr zu gehen, der Mutter sehr still gegenübersitzen und dabei dunkel an seinen Vater denken. Er suchte in ihrem Gesicht den Zug von Leid und Hochmut, der von dem Vater, dem Unbekannten, sprach. Warum ist dieser Zug in ihrem Gesicht zugleich der Zug des Schweigens? ... Doch nun tröstete ihn ein Vorüberwehen, der warme wonnevolle Atem einer Frau. Er wollte mit den Händen nach diesem Wesen fassen, sie beugte sich aus Güte über ihn ... Da erwachte er. An seinen Schläfen war ein Gefühl der Kälte, wie damals, als das Eiswasser von seinem Gesichte in das Kissen niederrann.

Es war der Wind. Der Mond war aufgegangen und schien hell in sein Gesicht. Die Wolken waren fort. Seinen Stuhl trennte nur eine dünne eiserne Stange von der Tiefe da draußen, in der das Wasser gleichmäßig und unstillbar gegen das Schiff anschlug.

Er stand auf und lauschte. Ja, er stand ganz am Ende und allein wie vor einer Tür. In einem unbestimmten Gefühl des Grauens und der Hoffnung beugte er sich über das Geländer und lauschte angestrengt. Deutlich sah er da die Frau, die ihn verlassen hatte, ihr Gesicht hatte sich nicht verändert; die Mischung von Liebreiz und Gier lebte darin noch immer. Er wollte widerstehen, aber ein unsichtbarer Arm zog ihn. Und er sehnte sich so sehr, daß er ohne einen Schrei hinunterschlug in das von Gischt bedeckte Wasser, in die bleiche Finsternis.

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