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Erzählungen an Bord

Alfons Paquet: Erzählungen an Bord - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
authorAlfons Paquet
titleErzählungen an Bord
publisherDrei Masken Verlag
printrunZehnte Auflage
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150716
projectid42dc1654
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Das gestohlene Bäumchen

 

Emmerich war nach Mittag nicht mehr ins Kontor der Fabrik zurückgekehrt, in deren Nähe er weit draußen vor der Stadt ein neuerbautes kleines Haus bewohnte. Das erste Weihnachtsfest unter dem eigenen Dache stand ihm bevor. Er bewahrte schon in seinem Schreibtisch das zierliche Meißener Besteck, das er seiner jungen Frau zugedacht hatte, die feinen Spitzen, die er von einer Reise aus Belgien mitgebracht, und einen Satz schöngeformter Kämme aus bernsteinblondem Schildpatt für ihr Haar. Die Welt schien ihm auf das freundlichste verwandelt. Er hatte nach der Hochzeit vor einigen Monaten in dem großen Unternehmen jene Stellung angetreten, die seiner Befähigung die besten Aussichten bot und seiner Lebenshaltung ein Behagen gewährte, das ihm Karoline durch ihre fröhliche Natur und durch die schönen Gaben der Musik weit über das Alltägliche hinaushob. Sein Leben war mit einem Male frei von allen früheren Verwickelungen. In den Grund dieses Lebens war eine an Entbehrungen und Anstrengungen reiche Jugend wie ein Steinfundament unsichtbar eingemauert, er freute sich, sein Mannesalter begann unter günstigen Vorzeichen. Als der jugendliche Hausherr, der er war, nahm er es mit Entzücken für sich in Anspruch, alle die kleinen Dinge selber zu beschaffen, die zum Glanz der Feiertage nötig schienen. Sein Ausgang heute galt diesen Besorgungen; als er nun das Haus verließ, warf ihm Karoline eine Kußhand nach, und er winkte ihr munter zurück, ehe er seinen Weg durch den Wald einschlug.

Die Stadt war keineswegs bequem zu erreichen. Die kleine Ortschaft mit der Fabrik lag im Rücken eines Hügels; man mußte fast eine Stunde durch den Wald und auf der Landstraße gehen, ehe man auf einer elektrischen Bahn den Rest des Weges zurücklegen konnte. Bei diesem Gang durch die winterlichen Buchen musizierte in ihm die Vorfreude auf das Fest; das Glück war ihm Gegenwart, und der Glanz der Weihnachtslichter machte ihn himmelsgläubig wie einst den Knaben. Als er die Stadt erreicht hatte, besorgte er von Laden zu Laden seine Einkäufe und wählte endlich aus einem der kleinen Tannenwälder an einer Straßenecke ein kräftiges, wohlgewachsenes Bäumchen. Wäre Karoline nun bei ihm gewesen, so würde er weiter freigebig gewesen sein und nicht gezaudert haben, den Heimweg auf das angenehmste in einem Wagen zurückzulegen. So aber sagte er sich, daß er für sein Wohl genug getan habe und bestieg mit seiner Bürde einen Stehplatz der Elektrischen. Von der Endstelle machte er sich, beladen wie er war, auf die Wanderung.

Viele Leute, die zu den Dörfern hinausstrebten, gingen um ihn her seinen Weg; Arbeiter, die von draußen zur Stadt gingen, grüßten. Er trug die in Papier eingeschlagenen Pakete in der einen Hand und das Bäumchen bald auf der Schulter, bald unterm Arm oder wie eine grüne Fahne aufrecht. Seine Hände wurden schwarz von dem Harz des frischen Stammes und klamm vor Kälte, und die Nadeln stachen ihn. Als er schließlich in den Wald einbog, wo ihm Leute seltener begegneten, setzte er das Bäumchen nieder und ruhte ein wenig aus. Aber kaum hatte er es wieder auf der Schulter, so begann es ihn zu drücken, fast empfindlicher als vorher. Der Weg begann sauer zu werden; Emmerich verglich sich unwillkürlich mit Christophorus, kürzlich hatte er das Bild des Heiligen gesehen: einen starken Schergen, durch einen seichten Fluß watend, auf der Schulter das Kind, in seinen Mienen ein Ausdruck der verwunderten Anstrengung, fast der Angst. Diese Betrachtung tröstete ihn ein gutes Stück über die Mühseligkeit des Weges; er ersann sich dann eine Geschichte, die moderner war, nämlich von einem Fabrikdirektor, der aus Gefälligkeit für eine ihm gleichgültige Dame es unternimmt, ein solches Bäumchen, genau wie er es jetzt tat, durch den Wald zu tragen, wo es plötzlich anfängt, ihn zu peinigen. Arbeiterleute, Weiber und Kinder gehen vorüber und richten den Spott ihrer Augen auf den reichen Mann, der sich aus Geiz mit feiner Last abschleppt; noch im Rücken spürt er, wie sie sich nach ihm umdrehen. Das Bäumchen fängt mit den anderen Bäumen des Waldes zu reden an, es macht sich über den Träger lustig. Der Direktor setzt das Bäumchen mitten im Walde ab, geht weiter, kehrt beschämt um und lädt es sich von neuem auf; schließlich bringt er es der Dame mit einem höflichen Lächeln, in dem die Abwehr alles Dankes liegt. Es war sozusagen der Ritter in Schillers ›Handschuh‹. Wieviel mehr als solch ein Mann in seiner Selbstbeherrschung müßte ich mein Bäumchen unverdrossen tragen, redete der Wanderer sich zu und schritt, während ihm die Hände schmerzten, mit starken Schritten vorwärts. Nun erreichte er den Rand des Waldes und sah zwischen den kleinen Gärten sein Haus bei den anderen, weiß mit rotem Dach. In der Fabrik waren die Lichter schon angezündet, die Fenster glitzerten in die beginnende Dämmerung, als schiene die Sonne hinein. Drinnen wird noch gearbeitet, sagte sich Emmerich. Es fiel ihm ein, daß er im Vorbeigehen wohl ein paar Minuten in das Kontor hineinsehen könnte, um auf die Briefe, die mit der Nachmittagspost gekommen sein mußten, einen Blick zu werfen. Das Weihnachtsbäumchen samt den anderen Einkäufen gedachte er solange beim Pförtner niederzustellen. Noch vor dem Fabriktor aber begegneten ihm drei Knaben, sie schienen in den Ort zu gehören; der größte von ihnen zog die Mütze und fragte artig, ob er die Sachen tragen dürfe. »Ein paar Groschen sollt ihr euch verdienen«, sagte Emmerich gutmütig, händigte ihnen alles aus, was er trug, wies ihnen auch das nahe Haus, wohin sie es zu bringen hätten, und fügte hinzu, sie sollten einen Gruß sagen und sich ein Butterbrot geben lassen, er käme gleich nach.

 

Eine Viertelstunde später stand Emmerich vor der eigenen Haustür. An Stelle des Mädchens öffnet ihm Karoline die Tür; da aber zugleich mit ihm ein Bauernweib gekommen war, um die Weihnachtsgans abzugeben, lief die junge Frau weg, um ihr Geldtäschlein zu holen, und achtete nicht auf ihres Mannes Fragen. Er suchte die Knaben in der Küche, aber dort war niemand, es war nur kalt und dunkel, und als er Licht machen wollte, stach ihm der blaue Funke in die Finger, denn die porzellanene Kapsel war durch Fahrlässigkeit des noch im neuen Hause beschäftigten Handwerkers zerbrochen worden. Emmerich mußte warten, bis die Bäuerin gegangen war; jetzt fragte er endlich Karoline nach dem Baum und den anderen von den Buben gebrachten Sachen. »Vor einer Stunde sind drei Buben aus der Stadt hier gewesen, aber einen Weihnachtsbaum haben sie nicht gebracht, sondern unseren armen kleinen Spitz, den wir am Morgen dem Mädchen in die Stadt mitgegeben«, antwortete Karoline. Emmerich hörte sie mit offenem Munde an, er wußte nicht, ob sie scherze oder welches Mißverständnis dieser unerwarteten Antwort zugrunde lag.

Aber Karoline zeigte ihm das Hündchen, dem auf seiner Matte wie früher im Treppenwinkel sein Lager bereitet war, und Emmerich hielt vergeblich nach seinem Weihnachtsbaume Umschau. Mit dem kleinen Hund hatte es folgende Bewandtnis: Die Eheleute hatten vor kurzem ein braunes Spitzhündchen erstanden, das ihnen durch feine Possierlichkeit viel Freude gemacht hatte, bis es eines Tages, offenbar infolge eines Angstsprunges vor dem drohenden Stock seines Herrn, verunglückte. Es war mit einem für seine Kleinheit erstaunlichen Satz aufs Fensterbrett gesprungen; seitdem hinkte es und verdrehte bei der Annäherung von Menschen in einer solchen Wut seine Augen, daß auch die nachsichtigste Pflege es nicht mehr zu besänftigen vermochte. So kam zu dem Mitleid, das beide Gatten ihm bewiesen, bei Emmerich auch noch das Bedauern über sein Ungeschick, das an dem Leiden der unschuldigen Kreatur die eigentliche Ursache war, und die Ratlosigkeit, den beklagenswerten Unfall an dem ärmsten Wesen wiedergutzumachen. Als der Zustand des Tieres schlimmer wurde, hatten die Gatten beschlossen, es einer tierärztlichen Klinik zu übergeben; das Dienstmädchen, das am Morgen zur Stadt geschickt worden war, hatte es mitgenommen. Zu Karolinens Erstaunen aber erschienen am Nachmittag, angeblich von dem Mädchen gesandt, drei Knaben, die den Spitz auf ihren Armen wiederbrachten. Das Mädchen selbst sollte längst zurück sein, aber es blieb aus, und bis zu seiner Rückkehr fehlte über das unerwartete Wiedereintreffen des Tieres jede Aufklärung. Karoline hatte im übrigen den Knaben, die nach ihrem weiten Weg aus der Stadt über Hunger klagten, Butterbrote und jedem eine halbe Mark auf den Heimweg gegeben. Was Emmerich bestürzte, das war, daß Karolinens Beschreibung auf jene Buben stimmte, die ihn vor dem Fabriktor angesprochen hatten. Ihre Dienstbereitschaft erklärte sich nun sehr einfach: Karoline hatte sie darauf aufmerksam gemacht, daß sie wohl unterwegs ihrem Mann begegnen würden. Dann sollten sie ihm fleißig helfen, die Sachen, die er trage, nach Haus zu bringen. Daß die Knaben mit der Beute, die ihnen so leicht in die Hände gefallen war, das Weite gesucht haben mußten, war nun keine Frage mehr. Der flüchtige Ärger über die zerbrochene Schaltkapsel an der Küchenwand, das neuerwachte Mitleid mit dem Hündchen, das wieder knurrend auf seinem Krankenbette lag, die bittere Enttäuschung über den Verlust des Bäumchens und all der anderen kleinen Sachen, die er mit so frommer Mühe heimwärts getragen, alles das berührte Emmerich nach der schwärmerischen Stimmung des Nachmittags plötzlich wie eine hämische Mahnung von ungefähr, es war nicht weit davon, daß ihm Tränen in die Augen traten. Nur Karolinens Nähe und Stille hielt einen lauten Ausbruch seiner Wut zurück; ihre Mahnung, daß es jetzt dunkel geworden sei, daß er die Knaben im Walde nicht mehr einholen werde, vermochte ihn aber nicht abzuhalten, einen Versuch zu unternehmen, mit Hilfe einiger Leute Jagd auf sie zu machen.

Freilich, es war Nacht geworden und Emmerich mußte sich draußen bei ruhigerem Nachdenken sagen, wie wenig Aussicht noch bestehe, der Diebe habhaft zu werden. Der Pförtner der Fabrik gab an, die Bürschchen vor einer halben Stunde gesehen zu haben. Der älteste ist ein hochaufgeschossener Bub gewesen, vielleicht vierzehn Jahre alt, und trug Holzlatschen, sagte der alte Mann; es war so die Sorte, die besonders im elften Bezirk zu Hause ist. Emmerich telephonierte an die Polizei. So kam es, daß der Verfolger sich alsbald in die Telephonzelle des Fabrikkontors verfing und nach einigen verkehrten Anschlüssen seinen rasch gehenden Atem zu einem peinlichen Bericht bequemen mußte, der als die trockenste Sache von der Welt von irgendeiner fernen, undeutlich schnarrenden Stimme entgegengenommen wurde. Sein heller Zorn war rasch zu einem schwelenden Häufchen Asche verbrannt, und damit machte er sich traurig auf den Weg nach Hause.

Karoline saß am Flügel und sang. Die Klänge dröhnten wie eine Glocke durch das Haus. Leise trat Emmerich in das Zimmer. Nie war ihm die Macht ihrer Stimme so groß, so beglückend erschienen. Nie hatte die Zauberstimme der Geliebten ihn so aus den grauen Gespinsten des Augenblicks emporgehoben. Es war, als ob sich in den Tönen eines kleinen Liedes die kindliche und gottgeborene Seele in holder Wehmut einem gütigen Vater anvertraute. Als der Gesang zu Ende war, trat Emmerich zu Karoline, legte den Arm in den schönen runden Einschnitt in der Mitte des Frauenkörpers und führte sie an den gedeckten Tisch. Nie war ihnen beiden ihr kleines Haus, ihr junger Bund so fest erschienen wie jetzt, nachdem sie ohne Hilfe des Mädchens, das noch immer nicht aus der Stadt zurück war, zusammen den Abendtisch geräumt hatten. Nachher saßen sie und lasen, während die rote Decke des Tisches wie ein Granat unter der Lampe leuchtete, in jenen munteren Märchen aus Tausendundeiner Nacht, die gute Menschen vor so langer Zeit den anderen wie zum Trost geschrieben, damit die Bitternisse des Alltags ihnen nichts anhaben könnten.

Erst spät, als Karoline schon zur Ruhe gegangen war, kam das Dienstmädchen aus der Stadt zurück, bestrebt, ihr überlanges Ausbleiben, an dem ihr Zusammentreffen mit Freunden und ihr Umherstreifen in den glänzenden Warenhäusern der Stadt die Schuld trug, durch ein paar leichtgezimmerte Lügen zu verdecken. Der Weg sei schwer zu finden gewesen, lange habe sie an einer Stelle im Walde stocksteif gestanden, es war hinter den Bäumen nicht geheuer. »Und der Spitz?« fragte Emmerich. »Der ist doch tot«, flunkerte sie unverfroren; »die Ärzte haben ihn gleich hingemacht.« Da faßte sie der Herr am Ärmel und wies auf das Hündchen, das an seiner alten Stelle im Winkel der Treppe lag und schlief. Nun erzählte sie kleinlaut, daß sie ja das Tier zur Klinik besorgt habe, wie es ihr aufgetragen war; man habe es aber nicht aufgenommen, und da sie doch in der Stadt Besorgungen machen wollte, so habe sie das Tierchen ein paar Straßenknaben übergeben mit dem Auftrag, es ihrer Herrschaft hinauszubringen. Hinterher wären ihr Zweifel gekommen, ob denn die Buben so dumm wären, mit dem Hündchen in der Winterkälte einen so weiten Weg zu machen, wo sie es doch ebensogut für sich behalten oder ins Wasser werfen konnten. Da stand es ihr fest, es sei nun weg und verloren, so sicher, als ob der Arzt ihm ein Pülverchen gegeben hätte. Was liegt denn auch an einem solchen kleinen, schmutzigen Geschöpf?

Emmerich besann sich, seine Frau hatte ihm beschrieben, wie zärtlich der große Junge das Tier in seiner Jacke hergebracht hatte, um es zuletzt behutsam auf sein Lager zu betten. »Armes Vieh«, dachte Emmerich schließlich, als er mit dem winselnden Hündchen allein geblieben war. »Was kannst du Besseres tun als zu verenden. Ich bin schuld an deiner Verletzung, nun fällst du allen zur Last; jeder schiebt dich fort, und keiner wagt es doch, deinen Lebensfunken vollends auszulöschen. Es ist, als solle ich nicht so leichten Kaufes von der Verpflichtung loskommen, dich zu pflegen, wie ja auch keiner sich besinnt, von mir und Karoline, als den Glücklicheren, zu nehmen, was ihm fehlt, sei es durch Lüge oder List.«

 

Am anderen Tage ging Emmerich um die Zeit wie gestern abermals zur Stadt. Karoline ging mit. Sie brachten das Hündchen zu einem Tierarzt, der es verband und ihnen auf seine Wiederherstellung Aussicht machte, obwohl sich die Mühe wegen seines geringen Werts kaum lohne. Da der Heiligabend bevorstand und Ersatz für die gestohlenen Dinge beschafft werden mußte, machten sie einen letzten Versuch, ihr Bäumchen wiederzuerlangen. Sie fragten auf dem Polizeirevier der von blassen Kindern wimmelnden Vorstadtstraße, ob etwa jene drei Knaben entdeckt worden seien; aber außer einer umständlichen Beschreibung der Gegenstände, die samt genauen Angaben über Alter, Wohnung und Beruf der Bestohlenen ihnen abverlangt und zu Protokoll genommen wurde, kam dabei nichts zustande. Und durch einen großen Auflauf wegen eines betrunkenen Handwerksgesellen, der zwischen zwei Polizisten in das Wachtlokal hereinplatzte und auf der Bank, wo man ihn hinsetzte, nach seinem Namen gefragt, einen Bieruntersatz zu seiner Legitimation vorwies, durch diese lärmende Versammlung verwilderter, rotnasiger Bubengesichter vor dem Polizeihause, die das aus dem Hausgang tretende Paar mit Hallo empfingen, zeigte ihnen das Schicksal gleichsam eine ganze beträchtliche Musterkarte solcher Vorstadtknaben und schlug dann diese Musterkarte höhnisch vor ihrer Nase zu, als das lärmende Gedränge sie hindurchließ. Sie mußten die Einkäufe von gestern wiederholen; auf dem fast geräumten Markt erstanden sie ein dürftiges Bäumchen und fuhren samt dem kleinen Spitz, der sich sein weiches Fell wieder streicheln ließ, nach Hause.

Als am Abend dann die Kerzen in den rauhen grünen Zweigen mit goldenem Sternenglanze und vielen schwanken, zierlichen und dünnen Schatten von der hellen Decke, vom schimmernden Holz der Möbel, von den Wänden der Stube widerstrahlten und ihnen ihr erster Weihnachtsabend in Duft und Wärme zu Ende ging, da schenkten sie von Herzen den Knaben, die nach dem kurzen Auftauchen so flüchtig in das Dunkel verschwunden waren, jenes andere erste Bäumchen samt den Wachslichtern und dem Flitter, der Schokolade, den Zigarren und dem teuern Briefpapier, das dazu gehörte, und wünschten nur, daß die Bangigkeit des unerhörten Genusses ihnen nicht zum Anreiz für gefährliche Wege werden möchte. Das Glück in ihrem kleinen Hause schien ihnen nur tiefer noch von innen leuchtend, seitdem in den Ereignissen von gestern und heute das Schicksal gleichsam einen Zoll davon erhoben hatte. Und in den Jahren, die dem Tage folgten, blieb das Gefühl lebendig wie eine zarte innerliche Melodie. Dinge widerfuhren ihnen, die gröber oder feiner den Ärger des ersten Tages wieder auferstehen ließen; Menschen begegneten ihnen, unverbesserliche oder von ungesagter Schuld bedrückte, doch auch solche, denen durch Geduld und Nachsicht alles wiedergeschenkt werden konnte, was sie in den Augen strengerer Richter bereits verloren hatten. So schien sich das Wesen jener drei Knaben noch in mancherlei Menschen fortzusetzen und offen vor Emmerich zu liegen, als ob er sie damals als Verfolger erreicht und zur Rechenschaft gezogen hätte. Daß aber Emmerich an ihnen kein Rächer war, das war der Schatz in seinem Herzen. Er war ein Mensch wie andere, und daß trotzdem aus fremden Menschen zuweilen Spuren von Liebe ihm entgegenglänzten, das ging auf jene Zeit zurück, wo er des Morgens in der weißen Landschaft des Kissens das Angesicht der geliebten Frau eingebettet fand: wenn sein Blick über ihre Nase spazierte wie über ein helles Vorgebirge und plötzlich vor einem tiefen blauen Weiher stand: vor ihrem Auge, das sich groß und lächelnd unversehens ihm geöffnet hatte.

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