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Erzählungen

Louise von François: Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
authorLouise von François
titleErzählungen
publisherVerlag von George Westermann
year1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Siebentes Capitel.
Laurentia auf der Hochzeit.

Die wenigen Wochen, welche zwischen dieser Reise und Sybillens Trauungstage lagen, brachten in Laurentia eine sichtliche Verwandlung hervor, und leider waren alle ihr Nahestehenden zu sehr mit sich selber und ihren eignen Angelegenheiten beschäftigt, um diese Veränderung zu beachten. Levin hatte vollauf mit Uebernahme der Pachtung und Einrichtung seines Heimwesens zu thun; einige Male, als er ihr seinen Besuch zudachte, fand er ihre Thür von Innen verriegelt, oder wurde in den Garten gewiesen und hatte keine Zeit ihr dahin zu folgen. Sie floh ihn, ohne daß er es inne wurde, ohne daß es ihm auffiel, daß er sie seit der Begrüßung bei ihrer Heimkehr kaum einen flüchtigen Moment gesehen hatte. Sybille im schwiegerelterlichen Hause war durch Vorbereitungen zur Hochzeit, Sophie durch eine Maserkrankheit ihres Söhnchens in der Stadt gefesselt, Felix weilte noch in der Anstalt. Keiner fragte nach der Armen, welche einsam, ruhelos, ein Raub innerlich nagender Flammen, Haus und Garten durchirrte. Nur die alte Justine blickte kopfschüttelnd und schwer beängstet auf das seltsame Gebahren ihrer jungen Herrin. Ihr Bett war jeden Morgen unberührt oder wirr durchwühlt, sie aß wie ein Vogel, die Nadel ruhte, sogar die Aufsicht über den Milchkeller unterblieb, die hochrothen Wangen färbten sich weiß, die Gestalt magerte ab.

Endlich, am Tage vor der Hochzeit, kam Sophie, um sie am anderen Morgen zu dem Feste nach Hohenheim zu begleiten. Ein Blick enthüllte ihr den Zustand, dessen Ursprung, aber nicht dessen Tiefe sie längst geahnt. Levin war bereits nach dem elterlichen Gute vorausgereist und so beredete sie die Freundin, mit ihr hinüber nach dem Pächterhause zu gehen, und die Einrichtung ihrer Geschwister in Augenschein zu nehmen. Zum ersten Male betrat Laurentia die Räume, welche von der Liebe für die Liebe geschmückt, so traulich und blumenduftend sie anheimelten. Sophie öffnete die letzte Thür und Laurentia blickte in das hochzeitliche Gemach, weiß verhüllt, eine Stätte geheimnißvollen Friedens. Ein Schauder durchrieselte sie von Kopf zur Zeh, sie zitterte und tastete, um sich zu halten, krampfhaft nach der Wand. Sophie schloß hastig die Thür, faßte sie unter den Arm und führte sie in ihre eigne Wohnung zurück. Sie konnte nicht länger schweigen beim Anblick dieses verzehrenden Kampfes, und gälte es ein Erbittern, hier durfte nicht schonend gezögert werden.

»Laura,« sagte sie nach einem nachdenklichen Schweigen, »Laura, ich bin Deine älteste Freundin, ich muß mich in Dein Schicksal drängen und wenn ich Dich erzürnen sollte. Ein nutzloser Kampf reibt Dich auf. Reiße Dich mit Gewalt heraus, armes Kind; gieb Deinem Leben einen ausreichenden Stoff; es fehlt Dir Zerstreuung, Beschäftigung, es fehlt Dir – –«

»Das Glück,« murmelte Laurentia, welche, den Kopf in die Hände vergraben, auf ihrem gewohnten Fensterplatze saß.

»Ein Interesse mindestens, eine Arbeit, eine Pflicht,« versetzte Sophie mit großer Bestimmtheit. »Du solltest heirathen, Laura.«

»Heirathen!« rief Laurentia mit gellendem Lachen.

»Ja, heirathen Kind, Dir eine Heimath, eine Familie, einen Lebenskreis gründen.«

»Und wer liebt mich, Sophie, wer würde mich lieben?« fragte Laurentia traurig.

»Man braucht nicht immer aus Liebe zu heirathen, liebe Laura; Du bist gut und gebildet, bist reich und unabhängig, von geschätzter Familie, es kann Dir an Freiern nicht fehlen. Ueberlasse mir die Wahl eines braven, verständigen Mannes für Dich. Die Liebe ist nicht das Haupterforderniß der Ehe.«

»Nicht die Liebe? Und was denn sonst, Sophie?«

»Die Vernunft und das Vertrauen.«

»Leicht gesagt für Eine, die selber durch die Liebe glücklich geworden ist.«

»Durch die Liebe, ich? nicht im Entferntesten, Kind.«

»Nicht durch die Liebe, Sophie? Und dein Mann –«

»Mein Mann suchte eine Gehülfin, eine Gefährtin, die sein inneres wie äußeres Lebensloos zu tragen im Stande war.«

»Und Du?«

»Ich suchte das nämliche.«

»Und ihr seid glücklich geworden?«

»Sehr glücklich, gewiß.«

»Ich würde elend geworden sein, Sophie.«

»Vielleicht auch nicht. Du würdest Dich anfänglich ein wenig geschüttelt, dann gerührt haben; Pflicht und Gewöhnung würden Dir zu Hülfe gekommen und Du schließlich im mütterlichen Boden festgewurzelt sein. Die Ehe hat eine gar ausgleichende Gewalt; sie ist nicht ein freiwilliger Akt der Natur wie die Liebe, weit eher soll sie ein Kunstwerk sein, durch Religion und Gesittung unserem Fleiß und redlichen Willen anvertraut.«

»Das verstehe ich nicht, Sophie.«

»Ich will Dir ein Pröbchen dieser Weisheit aus meiner eignen Erfahrung geben, liebes Kind. Daran, daß ich es lächelnd und ohne Erröthen zu thun vermag, kannst Du erkennen, daß es stichhaltig ist. Ich war älter als Du, da heftete ich meinen Sinn, oder meinen Eigensinn, an einen Mann, vielleicht nur aus dem Grunde, weil ich einsam war und mich lange vergeblich nach einem Anschlusse gesehnt hatte.«

»Und der Mann wurde Dein Mann,« fiel Laurentia mit Bitterkeit ein.

»Mein Mann? Behüte. Von meinem Mann ist ja gar nicht die Rede.«

»Nicht von Deinem Mann? Und von wem denn sonst?«

»Von einem andern, ehe ich den meinen nur kannte.«

»Und der Andere?«

»Der merkte natürlich nichts davon und hätte er er es gemerkt, er würde weidlich gelacht haben über das Phantasiestück der armen, häßlichen Gouvernante.«

»Gelacht – über die Liebe?« rief Laurentia dunkelroth.

»Freilich, gelacht,« erwiederte Sophie. »Einseitige Liebe ist immer lächerlich, ja sie ist eigentlich gar nichts und heutzutag, Gott sei Dank, selber in Romanen gründlich aus der Mode. Zur Liebe gehören ihrer zwei. Es dauerte eine Weile, ehe ich zu dieser Einsicht und zu dem Entschlusse kam, einen Riegel vor meinen Irrthum zu ziehen und eine Mauer um meine Wünsche zu bauen, ehe beide in Thorheit und Frevel ausarteten. Ich heirathete meinen Mann. Die Traumbilder verschwanden vor dem Lichte der Vernunft und eines redlichen Willens; ein berechtigtes, weil erwiedertes Gefühl erwachte und wurde zur Grundlage eines zufriedenen, gedeihlichen Lebens.«

»Aber ich will keinen Mann, ich will ein Herz!«

»Ich sage Dir ja, daß das sich findet mit der Person. Das Herz ist kein selbständiges Organ, es ist ein Zusammenhang mit vielen anderen. Ehre einen Mann und Dich selber in seinem Verhältnisse zu Dir, wolle ihm helfen und dienen und Du wirst ihn lieben lernen.«

»Nimmermehr! Aus Wasser wird nimmermehr Feuer, aus vernünftiger Absicht nimmermehr Liebe. Frage Sybillen, Sophie, sie weiß es besser.«

»Sybillens Verhältniß ist auch ein anderes als das, von dem ich sprach, gutes Kind. Sie steht einer erwiederten, das heißt einer wahrhaftigen Liebe gegenüber und einer solchen zum Ersatz ist alles andere nur Nothbehelf.«

»Und solch eine Liebe will ich und keine andere,« rief Laurentia ungestüm.

»So warte es ab, bis Dein Genius sie Dir entgegenführt. Einstweilen aber stehe nicht mit müßigen Händen und zerstöre nicht eigenwillig die Fähigkeiten für solches Glück. Um geliebt zu werden, muß man liebenswürdig sein, das heißt ruhig und frei. Werde ruhig, Laura, mache Dich frei; schließe Dich an, ergreife etwas, zerstreue Dich.«

»Zerstreuen? Mit was?«

»Zum Beispiel reise, laß ab von der Scholle, betrachte die Welt; sie ist weit und reich.«

»Sie ist eng und arm ohne die Liebe, Sophie. Nein, nein, ich kann nicht fort; ich bin nicht wie ihr; ich sehe nicht was ihr seht. Ich sehe nur Eines, ich sehe nur, was ich will

Sophie schwieg verstimmt über diese störrische Einseitigkeit. Laurentia ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Sie schien die Gegenwart ihrer Rathgeberin vergessen zu haben, von deren Ermahnungen nur einzelne Vorstellungen sich an eine bereits vorherrschende Gedankenrichtung geschlossen zu haben schienen.

»Baue eine Mauer!« murmelte sie vor sich hin, »schiebe einen Riegel vor! Geh in ein Nonnenkloster! Der Vater hatte Recht, es sollte noch Klöster geben.«

»Wozu Klöster?« unterbrach sie Sophie. »Gutes thun, seinem Gotte dienen, kann man auch mitten in der Welt, ja, da erst recht.«

»Schweigen!« flüsterte Laurentia in sich hinein.

»Es giebt nur wenige Klöster,« versetzte Sophie, »und keine für Frauen, so viel ich weiß, in welchen Schweigen eine Regel ist. Und eine recht überflüssige, schädliche, liebes Kind. Schweigen tödtet, Mittheilung belebt. Wer reinen Herzens ist und nicht die Wahrheit scheut, braucht kein Gelübde für seine Zunge.«

»Schweigen,« murmelte Laurentia, die nicht auf diese Rede gehört hatte, von neuem; »der Rest ist Schweigen!«

»Spukt der unglückliche Dänenprinz noch immer in Deinem Hirn?« rief Sophie lachend. »Aber, Kind, sieh an ihm, wie weit es mit einem Menschen kommt, der nicht will, nicht wollen will, was er soll: wie er sich windet und krümmt, mit Worten klaubt, faselt, wo er schweigen, schweigt, wo er reden, schauspielert, wo er handeln müßte, wie er die Maske der Narrheit vorsteckt, statt mit offnem Visir seinem Schicksal genug zu thun. Sieh, wie unter dieser Maske der Schein zur Wirklichkeit, der Grübler zum Narren, der Feigling zum Verbrecher und endlich in blinder Leidenschaft eine That zum Austrag gebracht wird, die in ihrer Verkehrtheit nur mit dem Untergang gesühnt werden kann.«

Sophie hatte tauben Ohren gepredigt, Laurentia ihrem Vortrage kaum bis zur Hälfte zugehört. Eine neue Idee schien plötzlich in ihr aufzuleuchten: »Die Maske der Narrheit vorstecken!« rief sie mit triumphirendem Blick.

Die Freundin mußte ihre Bemühung aufgeben, für den Augenblick wenigstens. Sie saß eine Weile schweigend, dann erhob sie sich mit den Worten: »Ich will noch einmal nach den Arbeitern im Pfarrhause sehen. Nächste Woche ziehen wir ein. Dann kommt auch Felix und es bildet sich um den Mittelpunkt Deines Hauses ein Freundeskreis, dessen Wohlthäterin Du geworden bist, liebe Laura, und dessen Dankbarkeit Dich beglücken wird.«

An der Thür kehrte sie noch einmal um und fragte: »Was ziehst Du morgen an, Kind?«

»Anziehen?« sagte Laurentia zerstreut.

»Nun ja, wie wirst Du Dich kleiden? Du hast eine Ehrenrolle bei dem Feste; bist Brautführerin, Brautmutter gleichsam, mußt den Bräutigam zum Altar geleiten, ihn der Schwester übergeben.«

»Der Schwester geben – ihn – ich?«

»Möchtest Du es vermeiden, fern bleiben, Laura?«

Laurentia schüttelte den Kopf.

»Du hast Recht. Nur nicht zurück scheuen vor irgend einer Pflicht. Aber mache Dich hübsch, Kind; wer weiß – –? Und dann, es zerstreut Dich ein wenig. Denke darüber nach. Oder laß mich Deine Garderobiere sein. Komm, laß uns wählen. Ich besorge Dir noch das Fehlende aus der Stadt. Recht einfach, aber reich, wie es der Dame von Hochberg ziemt. Zeige mir Deinen Staat, wir wollen probiren.«

»Nein, nein,« rief Laurentia abwehrend; »ich weiß nicht – ich will nicht – laß mich Sophie.«

»Du hast so wenig Erfahrung in diesem Stücke, liebes Kind, folgst Deiner Laune statt der Mode. Ich möchte Dich nicht gern an Dein kleines Brückenabenteuer erinnern, aber – –«

Laurentia fuhr auf, ihr Auge blitzte von neuem wie von einem plötzlichen Einfalle durchzuckt; die Freundin fuhr fort:

»Du thust leicht zu wenig, oder zu viel. Zu wenig aber ist unkleidsam, wenn man nicht schön – –«

»Häßlich, häßlich!« rief Laurentia mit lautem Lachen, »ich bin häßlich, Sophie!«

»Nur wenn Du es sein willst, Laura. Auch in diesem Stücke vermag Einsicht und schicklicher Eingriff viel gegen die Natur. Wolle gefallen und Du wirst gefallen.«

»Ich will nicht gefallen, Keinem, Niemand gefallen! Ich will häßlich sein!« rief Laurentia in triumphirendem Ton.

»Trotzkopf!« erwiederte Sophie ärgerlich. »So vermeide wenigstens das Unpassende und Ueberflüssige, das heißt das Lächerliche, um dererwillen, die es statt Deiner kränkt und verletzt.«

»Wen kränkt es, wenn sie über die Häßliche lachen?« fiel Laurentia mit Bitterkeit ein; »wen verletzt es, wenn sie die Närrin verhöhnen. Euch nicht, denn ihr liebt die häßliche Närrin nicht; sie nicht, denn sie weiß, daß Keiner sie liebt!«

»Deine Anklage ist ungerecht, Laura«, versetzte Sophie gereizt. »Ueber welchen Deiner Nahestehenden hast Du Dich zu beschweren? Sind wir Dir nicht Alle von Herzen zugethan, von Herzen dankbar für das Gute, das Du uns erzeigst?«

Laurentia reichte ihr die Hand und sagte milder, aber bestimmt:

»Ihr seid gut, Ihr meint es gut, ich weiß es, aber – Ihr liebt mich nicht.«

»Was nennst Du lieben, Laura?«

Laurentia schüttelte den Kopf und schwieg.

»Denke einmal darüber nach, so wirst Du billiger werden, Kind; was nennst Du lieben?«

»Wohlbefinden,« antwortete Laurentia.

»Wohlbefinden ist allerdings die Wirkung, wenn auch nicht das Wesen der Liebe,« versetzte Sophie, nicht bedenkend, daß sie sich ihre beste Waffe aus der Hand gab, indem sie in diesem Augenblicke die specielle Frage über der allgemeinen vergaß. »Wenn uns wohl wird in eines Menschen Nähe, wehe, wenn er fern ist, dann lieben wir ihm«

»Und ist einem von Euch Allen wohl wenn ich bei ihm, wehe wenn ich ferne bin?« fragte Laurentia schneidend.

Sophie konnte nicht unbedingt ja sagen und ehe sie sich auf eine schickliche Erwiederung besonnen hatte, fuhr jene in immer steigender Aufregung fort:

»Ob ich bei Euch bin, ob von Euch, Ihr seid glücklich; Ihr braucht mich nicht. Ich könnte sterben, ich könnte gehen ans Ende der Welt – aber ich will nicht gehen! Wenn es ein Kloster gäbe – Mauern – Riegel – eine Narrenmaske – Schweigen – lacht, lacht über die närrische Häßliche, die Keinem wohl thut und wehe – lacht! Lachen – schweigen – –«

So murmelte sie noch lange in sich hinein, als die Freundin, müde der unfruchtbaren Aufgabe und unheimlich angeschauert, sie verlassen hatte. Unwillkürlich mußte Sophie daran denken, daß ihre wohlgemeinte Aufrichtigkeit schon einmal eine Krisis in diesem Herzen vorbereitet hatte. Das Wort fiel ihr ein, das jene ihr einst im Zorne zugerufen: »Du wirst mich wahnsinnig machen mit Deiner Vernunft, Sophie!«

Und als sie am anderen Morgen Laurentia's, bis dahin für sie verschlossenes Zimmer wieder betrat, um sie zur Hochzeitsfeier abzurufen, blieb sie in halb unmuthigem, halb angstvollem Staunen auf seiner Schwelle wie angewurzelt stehen, denn unter gellendem Lachen kam ihr Laurentia entgegen, ungefähr in dem nämlichen Aufputze, dessen Sophie gestern Abend so unzeitig erwähnt hatte. Das mütterliche Federbarett prangte auf ihrem Haupte, der rosengestickte Pompadour an ihrem Arm, ein mächtiger Blumenstrauß steckte im Gürtel des weißen Kleides mit lichtblauen Schleifen, das Sybille ihr an jenem verhängnißvollen Geburtstage verehrt und das sie bis heute nicht getragen hatte.

Das Wort stockte Sophien im Munde. Sie sah an Laurentia's fast trotziger Geberde, daß neuer Widerspruch nutzlos sei. Ueberdies drängte die Zeit. Sie fuhren; keine von Beiden sprach ein Wort auf dem Wege.

Die Hochzeitsgesellschaft war schon harrend versammelt, als sie eintraten, Sophie mit niedergeschlagenen Augen, Laurentia dreist und zuversichtlich. Die Gleichgültigen sahen laut oder leise lachend einander an, das Brautpaar blickte erröthend, erschreckt und traurig zu Boden. In demselben Augenblicke ertönte der Hochzeitsmarsch und der Zug setzte sich in Bewegung. Herr von Hohenheim reichte seiner Mündel, Levin seiner Schwägerin die Hand, man ging zu Fuße nach der Kirche, die nur eine kurze Strecke von dem Edelhofe entfernt lag. Welch seltsamer Contrast in diesem Zwillingspaar!

»Engel und Kobold!« flüsterte Junker Wilhelm von Hohenheim, der im Laufe dieses Jahres zum Lieutenant vorgedrungen war, einem Kameraden zu. Selber die Bauern, die neugierig am Wege standen, hoben mit beifälligem Lächeln und spöttischem Fingerzeichen den auffälligen Gegensatz hervor.

Von der Ceremonie zurückgekehrt, hielt der glückliche junge Mann seine schöne, sanft weinende Gattin lange und innig an seinem Herzen; der Vater entzog sie ihm und Levin trat auf die Schwester zu. Barett und Pompadour waren vergessen, er sah nur die großmüthige Vermittlerin seines Glückes, zog sie in seine Arme und küßte sie mit brüderlicher Herzlichkeit auf den Mund. Laurentia hielt ihn krampfhaft umklammert. »Ach!« seufzte sie mit einem Schauer wonniger Erfüllung. Gleich darauf aber sah man sie tödtlich erbleichen; sie schwankte und sank bewußtlos in Sophiens Arme.

Man trug die Ohnmächtige in das Zimmer der Schwester, auf deren Bett, man reichte ihr belebende Mittel und war ängstlich um sie beschäftigt. Auch erholte sie sich bald, blickte wirr und beklemmt um sich her und wehrte heftig mit der Hand nach allen Seiten. Endlich sprang sie vom Lager und trieb mit ungestümer Geberde, aber ohne einen Laut, die Umstehenden aus dem Zimmer, das sie hastig hinter sich verriegelte.

»Lassen wir sie,« rieth Sophie, die Einzige, welche ihren Zustand annähernd begriff. »Ein wenig Ruhe, und sie wird sich erholt haben.«

Als sie aber nach einer Viertelstunde nicht ohne Besorgniß zurückkehrte, fand sie das Zimmer geöffnet und Laurentia verschwunden. Sie hörte das Rollen eines Wagens, trat zum Fenster und sah, wie sie eben aus dem Thore fuhr. Verstimmt ging sie zu der Festgesellschaft zurück, welche die »häßliche Närrin« nicht vermißte und ihren Unfall bald vergaß. Man tafelte, scherzte und lachte, man war glücklich. Nur der arme Felix blickte betrübt vor sich nieder und berührte keines der leckeren Gerichte, die ihm geboten wurden.

*

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