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Erzählungen

Louise von François: Erzählungen - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLouise von François
titleErzählungen
publisherVerlag von George Westermann
year1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Sechstes Capitel.
Laurentia auf Reisen.

Wir sind im Winter, in einem neuen Jahr und im Stande, ein kurzes friedlicheres Blatt aus dem Leben unserer Heldin zu verzeichnen. Der leidenschaftliche Schmerz um den Vater hatte sich eben durch seine Heftigkeit abgestumpft; das, was sein schärfster Stachel gewesen, wurde ihm zur Ausgleichung; der Mann, dessen Liebe sie niemals empfunden, und von dessen Nähe sie sich während eines langen Krankenlagers entwöhnt hatte, fehlte ihrem Leben im Grunde wenig.

Es war alles so geworden, wie Herr von Kettenburg es sterbend mit seinen Freunden vereinbart: Sybille übergesiedelt in ihres Vormunds und künftigen Schwiegervaters Haus, das Felix gleichzeitig mit dem Pensionate vertauschte; Levin mit Lust und Liebe in seinem neuen Berufe lebend und wirkend. Sophie, die, ein wenig verstimmt über des alten Predigers bedenkliches Zurückzucken vor dem letzten Entschlusse des Ausscheidens, die Heimkehr angetreten hatte, wurde durch ihr kränkelndes Kind während der rauhen Jahreszeit in der Stadt gefesselt, und so finden wir Laurentia allein und einsam mit dem Geliebten ihrer Schwester in dem Erbe der Tante.

Es fiel ihr nicht ein, eine Gefahr für sich, oder gar einen Verstoß gegen die Schicklichkeit in diesem Beieinandersein zweier jungen Leute zu ahnen. Aber auch die Welt würde aus diesem Beieinandersein wenig Gift gesogen haben, selber wenn der junge Mann nicht der erklärte Verlobte der Schwester gewesen wäre. Ihre sonderbare Häßlichkeit gab der noch nicht zwanzigjährigen Gutsherrin die Stellung einer Matrone. Levin wohnte dem Schlosse gegenüber in der Pächterei, arbeitete unter Leitung, und aß am Mittagstische des Inspectors; Laurentia hauste in ihrem stattlichen Schlosse ganz in der Weise und nach der Regel, zu welcher ihre selige Mutter sie genöthigt hatte. Sie stand vor Tagwerden auf, versorgte den Milchkeller, dessen Oberaufsicht sie sich vorbehalten, strickte und knüpfte Filet, las und spielte ihre einfachen Weisen. Sie ging jeden Morgen mit frischen, selbstgewundenen Kränzen nach dem Grabe der Eltern, den schwarzen Amor und den zahmen Kanarienvogel als einzige unzertrennliche Begleiter, sie aß allein einen Tag wie den anderen in ihrem Zimmer, das sie mit keinem der stattlichen Räume des Hauses vertauscht.

Aber wenn der Abend kam, da trat auch täglich mit dem nämlichen Gaste eine neue Freude in ihr kleines, einsames Gemach, da kam ihr Freund. Dankbar und herzlich, wie ein Bruder, plauderte er mit ihr in ihrer Weise, ließ sich von ihr bedienen beim Abendthee, las ihr vor, während sie ihm gegenüber, ihr Strickzeug vergessend, mit seligem Lächeln an seinem schönen Gesichte hing, und schloß regelmäßig seinen Besuch mit einer Schachpartie, die ihr von Kindheit auf zu einer angenehmen Erholung geworden war.

Denn die verständige Mutter hatte auch durch die Berechnungen dieses Spiels ihrer excentrischen Natur einen Damm zu ziehen versucht und, so widerspruchsvoll es klingen mag, es war ihr gelungen, der Unüberlegten die Spielregeln einzuprägen, so gut wie die Ordnung des Milchkellers und die Gesetze der Strickkunst, ja diese Zerstreuung ihrem zwischen Erregtheit und Methodicität hin und her schwankenden Wesen zu einer Art von Bedürfniß werden zu lassen, das sie mit Unbehagen entbehrte. Laurentia brach jedesmal in einen kindlichen Jubel aus, wenn früher auf dem heimischen Gute der Vater, jetzt der Freund sich eine Partie von ihr abgewinnen ließen.

Denn ihren Freund nannte sie Levin auch jetzt; sie hatte fast vergessen, daß er der Bräutigam ihrer Schwester war und vor Jahresablauf ihr Mann sein werde. Er sprach niemals von seiner Braut, immer nur von Sybillen, und das in so leidenschaftsloser Weise, daß Laurentia nicht durch die Erwähnung verletzt wurde, und mit einer natürlichen Anerkennung, in welche sie jederzeit von Herzen einstimmen konnte.

Nur die Sonntage brachten Stunden der Pein; da wußte sie ihn drüben auf dem väterlichen Gute und bei der Geliebten, da nahm der Abend kein Ende, da zog das Herz sich ihr zusammen in einem Krampf, dessen eigentliche Natur sie sich nicht klar machen konnte, noch wollte. Und wenn von Zeit zu Zeit die Schwester nach Hochberg kam, in ihrer Gegenwart mit dem theuren Manne zusammentraf, ungeachtet ihrer mäßig zurückhaltenden Art das Glück sicheren Angehörens aus Beider ganzem Wesen leuchtete, wenn sie gemeinschaftlich Pläne für ihr künftiges Leben entwarfen, häusliche Einrichtungen besprachen, die innerlichste Vertrautheit bekundeten, da freilich tobte ein Sturm durch der armen Laurentia Brust, da schwoll die Ader auf ihrer hohen Stirn, das Weiß des kranken Auges äderte sich purpurn, ja es schien, als ob das dunkle Haar sich der künstlichen Dressur entwinden und hinab zu den zusammengezogenen Brauen rollen wollte. Aber dieser Sturm glich den Schmerzen der Kinder; er verwehte, sobald die Wolke weggezogen war, die ihn heraufbeschworen. Laurentia lebte nicht hinaus über den heutigen Tag, und fragte nicht, was morgen aus ihr werden sollte.

Das war im Winter. Laurentia hatte bewußtlos bis in die volle Jugend hinein ihre Kindheit verträumt, die strenge Liebe einer Mutter durch methodische Thätigkeit das lodernde Seelenfeuer gebannt, die erste Berührung mit der Welt aber diesen Bann gestört und gefahrdrohende Geister entfesselt. Dem sommerlichen Orkane war eine Winterstille gefolgt, in welchem die Unholde eingeschlummert schienen, um nur von Zeit zu Zeit ihre Locken zu schütteln und ihre Glieder zu recken. Jetzt wurde es Frühling, und mit dem aufsteigenden Jahre, da war es, als ob auch der gewaltigste jener Dämonen, der, welcher am tiefsten in ihrer Seele genistet, aus seiner Ruhe zu erwachen beginne. Mit dem wärmenden Sonnenstrahl, mit den sprossenden Kräften in Blüthe und Baum belebte sich auch in ihrem Herzen ein neuer Trieb, verhüllt allerdings, unverstanden und unbewußt vielleicht, aber unvermeidlich sie neuen Qualen entgegen führend.

Und zu diesen unruhigen Bedürfen eine immer zunehmende Leere! Mehr und mehr fühlte sie sich den Freund durch seine ländlichen Beschäftigungen entzogen, sie hörte, wie er gern und immer tiefer von der Herrichtung seines Heimwesens redete, sie sah, wie der Schmuck desselben ihm am Herzen lag, wie er Rosen und Geisblatt pflanzte, um sein Haus, der Geliebten Haus, zu beranken, wie er das umhegende Gärtchen mit eigenen Händen bestellte, wie all sein Dichten und Schaffen auf eine Andere gerichtet waren. Für Laurentia sorgte Keiner, pflanzte Keiner. Wohin sie sich wendete mit ihrem vollen Herzen, sie war und blieb allein.

Für Ende August war die Hochzeit auf Hohenheim anberaumt, und im Juli berief eine kirchliche Conferenz den Prediger Zeise nach der Hauptstadt. Sybille hatte Freunde in derselben, sie liebte die Anregungen großstädtischen Verkehrs, und da Sybille zum Zweck ihrer Ausstattungseinkäufe eine Reise dahin beabsichtigte, entschloß sie sich gern, sie dorthin zu begleiten. Die junge Frau war wiederholt, wenn auch nur als flüchtiger Gast, auf Hochberg gewesen, jetzt wurden diese Besuche häufiger. Auch sie hatte häusliche Vorrichtungen dort zu treffen, da der alte Prediger, durch der Gutsdame offenen Seckel zeitlicher Sorgen enthoben, sich endlich entschlossen hatte, ihrem Gatten Platz zu machen. Fast gleichzeitig mit dem jungen Paare des Pächterhauses dachten sie in der Pfarre einzuziehen.

Sophiens scharfem Blicke konnten die wechselnden Strömungen in Laurentia's Wesen nicht entgehen, und so sehr sie an die Unberechenbarkeiten desselben gewöhnt war, bemerkte sie doch, daß diese neue Färbung, auf eine bedenkliche Untiefe deutete. Um sie abzulenken, zu zerstreuen, bis sie selber Muße zu andauerndem Einschreiten gewonnen haben werde, machte sie ihr daher zu wiederholten Malen den Vorschlag, an ihrem Ausfluge Theil zu nehmen, stieß aber auf beharrlichen, ja leidenschaftlichen Widerstand. So oft sie ihr die Neuheit, die Reize und Interessen großstädtischer Verhältnisse zu schildern versuchte, erhielt sie nie eine andere Antwort als die:

»Was kümmert das mich

Am Tage vor der Abreise kam Sybille nach Hochberg. Schöner, heiterer, glücklicher denn je, warf sie sich bei der Ankunft zärtlich in die Arme ihres harrenden Verlobten. Laurentia hatte sie niemals in so vertraulicher Hingebung gesehen. Sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen, wendete sich hastig zur Seite und floh in den Garten, nach dem elterlichen Grabe.

Beneidete das unschöne, ungeliebte Mädchen die schöne, von Allen geliebte Schwester? haßte sie wohl gar? O, wie unrecht thun wir unserer Heldin nur mit dieser Frage! Sehnte sie sich auch nach Liebe und Schönheit wie selten eine Andere, mit dem Opfer einer Anderen hätte sie ihr Glück nicht einen Augenblick zu fassen vermocht, und haben wir oben die Meinung ausgesprochen, daß ihr Herz so des Hasses wie der Liebe fähig war, ihr einsames Leben hatte es vor dieser bösesten Erfahrung bewahrt, und in der That ist sie nie einem Menschen feind gewesen. Die Tante hatte sie abgestoßen, ihr aber in jedem Sinne zu fern gestanden, als daß sich ein widriges Verhältniß hätte bilden können; auch Sophiens Natur war der ihren antipathisch, und wäre sie nicht von früher Kindheit an in ihre Nähe gewöhnt gewesen, so würde sie ihr vielleicht feindselig gegenüber getreten sein. Wie wir aber gesehen haben, daß eine angewöhnte Befestigung allmälig mit ihrem Leben verwuchs, so ergriff ihre bedürftige Natur auch abstoßende Persönlichkeiten, sobald dieselben beharrlich in ihren Kreis gestellt waren. Niemals würde sie gelernt haben, Menschen und Zustände im Lichte von Sophiens ruhiger Vernunft zu betrachten, aber sie vertraute ohne Bedenken Sophiens einsichtiger Freundschaft und unterwarf sich ihrer Weisung leichter als der der meisten übrigen Menschen. Und nun gar die sanfte Sybille, die ihr nie mit rücksichtsloser Aufrichtigkeit entgegengetreten war wie jene, deren holde Gestalt die mildest vermittelnde Seele regierte, Laurentia würde ihren Zauber empfunden haben, auch wenn sie nicht ihre Schwester gewesen wäre. Und Sybille war ihre Schwester, mit ihr in gleicher Stunde von einer Mutter geboren. Was aber zu Laurentia's Blute gehörte, dem fühlte sie sich angeschmiedet wie mit ehernen Ketten. Hätte ihr Vater sie mit Füßen getreten, hätte ihre Schwester sie zur Bettlerin gemacht an Ehre und Glück, Laurentia würde sie dennoch geliebt und sich in ihrer Nähe wohler befunden haben als in der ihr achtungs- und rücksichtsvoll begegnender, aber fremder Menschen.

Indessen, einen Menschen lieben heißt freilich noch nicht, kein Verlangen haben außer dem seinen, sondern bestenfalls das eigne Verlangen ihm unterordnen nach heißem Kampf. Und diesen Kampf hatte unsere Heldin jetzt zu bestehen gegen den mächtigsten Dämon, der unsere Welt erhält und regiert, der unsere Eltern aus dem Paradiese vertrieben und ihrem Geschlechte als kümmerlichen Ersatz die weite, unwillig widerstrebende Erde erobert und dienstbar gemacht hat.

Wilde Wünsche, heißes Verlangen tobten durch der armen Laurentia Brust, als sie an jenem Juliusabend in ihrem Parke umherirrte. Und nun machte der Zufall im Dämmerlichte einer Laube sie auch noch zur heimlichen Zeugin der Zärtlichkeit des liebenden Paares, aus dessen Nähe sie vor Stunden sich geflüchtet hatte. Es war eine Scene, in prunkloseren Worten zwar, aber ähnlich der, die sie damals aus dem Schauspiel verscheuchte. Unbemerkt rettete sie sich auch heute vor derselben in ihr einsames Zimmer; heute wie damals folgte ihr eine ruhelose Nacht, und wie damals die Erkenntniß entschwundener Kindheitsträume so heute die, daß der Traum ihrer Winterfreuden entschwunden sei und daß Frevel und Sünde an ihre Thür klopften.

Als am anderen Morgen der Wagen im Hofe hielt, der Schwester und Freundin entführen sollte, stand sie unerwartet an ihrer Seite mit der kurzen Erklärung, sie auf der Reise begleiten zu wollen.

Aber welche Marter wurde ihr diese Reise! Schon das Eisenbahnfahren mit seiner Hast und seinem Lärm, dem Treiben und Drängen wechselnder Gestalten! Laurentia hatte sich mit dem Ueberflüssigsten beladen und das Unentbehrlichste vergessen. Da gab es keinen Haltepunkt, auf welchem sie nicht etwas liegen, oder fallen ließ, etwas Wünschenswertes vermißte. Ein Glück, daß das reiche Fräulein den Verlust seiner Börse verschmerzen konnte, daß zwei umsichtige Begleiterinnen für sie eintraten und sorgten, daß sie das spöttische Lächeln ihrer wechselnden Reisegenossen nicht bemerkte.

Und nun gar die große Stadt mit ihrem Jagen und Rennen, dem Stoßen und Stolpern auf den überfüllten Trottoirs. Sie fühlte sich in einer Wüste unter dem wimmelnden Gewühl. Daß Hunderttausende fremd und gleichgültig an einander vorüberschnellen, nur von eigenen Interessen gehetzt; daß Bewohner eines Hauses sich nicht grüßen und kennen; daß jeder Schritt zur Warnung wird vor Verbrechen und Gefahr – so hätte Laurentia sich die Hölle vorstellen mögen. Was kümmerten sie die glänzenden Schauläden, der Luxus von Bedürfnissen, die sie weder theilte noch verstand? Was galten ihr die Kunstwerke in Museen und Galerien, in denen sie nur ein einziges Stück mit dem Rufe: »Das möchte ich haben!« ins Auge faßte, und ohne Acht auf die übrigen davor weilte, weil es ihr just zu Herzen ging? Aber vor Allem die antiken Gestalten der öffentlichen Plätze und Brücken! Sie hielt die Hände vor die Augen wie ein Kind, das sich fürchtet, oder schämt, sie rannte aus ihrer Nähe, declamirte mit heftigen Geberden ihre Brust von dem Aergernisse frei und wäre um keinen Preis wieder in die Gegend zu bringen gewesen, in welcher es sich ihr aufgedrängt hatte.

Eines residenzlichen Eindrucks müssen wir jedoch noch erwähnen, weil er auf das spätere Leben unserer Heldin möglicherweise von Einfluß gewesen ist. Eingedenk ihrer vorigjährigen Erfahrung hatte Sybille Anstand genommen, ihr einen Theaterbesuch zuzumuthen; da indessen Sophie der durch das Gastspiel eines gerühmten Künstlers vielversprechenden Vorstellung des Hamlet beizuwohnen wünschte, wagte man den Vorschlag, wurde nicht zurückgewiesen und schien keine Ursache zu haben, denselben zu bereuen. Laurentia saß von der ersten Scene an regungslos in starrem Staunen, mit dem Blick auf die Bühne gebannt. Nach ihrem Hôtel zurückgekehrt, verharrte sie in Stillschweigen und ließ nicht ahnen, welcher Natur der empfangene Eindruck gewesen war. Indessen schienen es einige Schlagwörter zu sein, die sie am innerlichsten beschäftigten, denn mitten in der Nacht hörten ihre Begleiterinnen wie sie dieselben, sei es wachend, sei es im Traume, wiederholte.

»Geh' in ein Nonnenkloster!« murmelte sie halblaut, und »Brich, mein Herz, denn schweigen muß mein Mund.«

Auch am anderen Tage, dem letzten ihres Aufenthalts in der Hauptstadt, sprach sie nur das Nothwendige, blickte träumerisch vor sich hin, bemerkte aber unwillkürlich an einem Bilderladen einen Kupferstich, Hamlet und Ophelia darstellend, kaufte ihn und folgte, noch immer in ihre Gedanken versunken, ihren Gefährtinnen in ein großes Concert.

Die Musik würde Laurentia ohne Zweifel entzückt haben, wenn sie derselben allein oder mit den Ihrigen in ihrem Zimmer hätte lauschen können. Hier, in diesem flimmernden Saale, unter dieser bunten, drängenden Gesellschaft, die nur gekommen schien, um sich zu beäugeln und unter dem Schutze von Trompeten und Pauken eifrig zu unterhalten, wurde ihr wirr und schwindlich zu Sinn, und während der Triller einer hochgefeierten Sängerin sehnte sie sich nach des armen Felix kunstlos herzinnigen Weisen. Endlich aber gelang es den mächtigen Tönen der Symphonie über die Eindrücke des Publikums in ihr zu siegen. Es war die erste große Instrumentalmusik die sie hörte; sie schloß unwillkürlich die Augen, und nahm das Tongebilde auf, wie sie gewaltige Naturlaute, das Brausen des Meeres, einen Gewittersturm in den Alpen, aufgenommen haben würde, die innersten Gefühle entfesselnd. Ihre Lippen bewegten sich, sie erhob die Hände, trat mit den Füßen den Boden, und als nach einem raschen Fortissimo die Musik plötzlich inne hielt und einen Takt lang pausirte, schallte ihre Stimme durch den Saal: »Der Rest ist Schweigen!« – Alle Blicke und Gläser richteten sich nach der auffälligen Erscheinung, die allgemeine Lachlust ließ den Schluß des Satzes nicht mehr zur Geltung kommen, bei dessen Ende verließen ihre Begleiterinnen, in nicht geringerer Verwirrung als sie selbst, den Saal.

So endete unserer Heldin erster und einziger Ausflug in die große Welt. Ein Stein wälzte sich von ihrer Brust, als sie am anderen Morgen im Coupé saß und ihrer stillen Heimath entgegen dampfte.

Auf der Mitte des Weges machte man Halt, den guten Felix in seiner Anstalt zu besuchen und im Auftrage des Vaters persönlich Erkundigungen über seine Entwicklung einzuziehen. Und kaum daß der Jüngling ihrer ansichtig geworden war, so stürzte er auch, fast ohne ihre Begleiterinnen zu bemerken, auf seine Gönnerin zu, ihre Hände mit Küsten und Thränen bedeckend.

»Fräulein Laurentia,« rief er aus, »Fräulein Laurentia, Sie sind da, Sie holen mich heim! Ach, nun ist Alles gut, Alles!« Als aber Sophie ihn rasch aus dem Irrthum zog, daß sie gekommen seien, ihn mit sich zu nehmen, da senkte er traurig den Kopf und folgte seiner Freundin in den einsamen Garten, während die beiden Anderen in das Haus gingen, sich mit dem Prediger zu besprechen.

Für Laurentia erneuerte sich jetzt die Scene in ihrem heimischen Garten, welche dem Tode ihres Vaters voranging. An ihrer Seite gehend, klagte der Jüngling ihr sein Leid, nicht lernen zu können wie die Uebrigen und unter denen zu sein, zu welchen er nicht gehörte.

»Aber wo möchten Sie denn sein, Herr von Hohenheim?« fragte Laurentia, die jede seiner Klagen wie ein eigenes Schicksal empfand.

»Ich möchte zu Hause sein, oder bei Ihnen, Fräulein Laurentia,« antwortete Felix treuherzig.

»Würden Sie gern bei mir sein, Herr von Hohenheim?« fragte Laurentia, einer raschen Eingebung folgend.

»O, Fräulein Laurentia,« rief er entzückt, »ich wäre glücklich und froh; bei Ihnen würde ich lernen, was immer ich kann; würde Ihnen gehorchen und dienen Tag und Nacht!«

»So kommen Sie zu mir und bleiben bei mir, Herr von Hohenheim,« sagte Laurentia entschlossen.

Er fiel auf seine Knie vor ihr nieder, und faltete seine Hände wie zum Gebet. »Fräulein Laurentia!« rief er mit freudestrahlendem Gesicht, »Fräulein Laurentia, Sie sind gut wie der liebe Gott!«

Es war der erste als wahr empfundene Dank, und vielleicht der froheste Moment in Laurentia's bisherigem Leben.

Während dessen hatten die beiden Freundinnen eine weit weniger tröstliche Unterredung mit dem alten Pädagogen gehabt.

»Rufen Sie ihn zurück,« hatte dieser gesagt, »unsere Bemühungen führen zu keinem Resultat; es fehlen ihm Gedächtniß und Urtheil für jede Arbeit des Kopfes.«

»Und welche Wahl würden Sie in Bezug auf sein äußeres Fortkommen treffen, lieber Herr?« fragte Sophie.

»Die Verhältnisse seiner Familie müssen darüber entscheiden,« antwortete der Prediger. »In materiell sorgloser Lage würde er mit seiner unergründlichen Demuth und Herzensreinheit, mit seinem, lassen Sie mich immerhin sagen evangelischen Liebestrieb, ein wohlthuender, ja nützlicher Lebensgenosse werden. Bei jeder planmäßigen Arbeit, nicht nur des Kopfes, sondern selbst der Hände, müßte er verkümmern.«

Mit diesem nicht unerwarteten, aber doch gründlich entmutigenden Bescheid und unter ernsten Betrachtungen über des guten Jünglings Zukunft, setzten unsere Reisenden den Heimweg fort, immer von neuem zu der Frage zurückkehrend: »Was soll aus ihm werden?«

»Er soll zu mir kommen und bei mir leben,« sagte Laurentia plötzlich barsch, nachdem sie diesen Erörterungen eine Weile schweigend zugehört hatte.

»Bei Dir, Laura?« riefen die Beiden mit verwundertem Lächeln wie aus einem Munde, »bei Dir, als was?«

»Als was er will,« erwiederte sie gereizt und setzte nach einer Pause mit Emphase hinzu: »Ist der Mensch eine Maschine, die nur nach äußeren Notwendigkeiten wirkt und lebt?«

»Nein, Laura, das ist er nicht,« versetzte Sophie, »so wenig als ein Sclave seiner inneren ursprünglichen Einrichtung, denn wozu hätte er Vernunft und Willen?«

»Die Liebe ist mehr als Vernunft und Wille,« sagte Laurentia.

Sophie schwieg auf diesen Einwand. Mit Blitzesschnelle überflogen ihre Gedanken diese neue Situation. Ein zwanzigjähriger Jüngling, schön wie ein Engel, unter einem Dache und in engster Gemeinschaft mit einem Mädchen, das kaum ein Jahr älter war als er! Aber sie war so häßlich, und er ein – Tropf und arm. Was sollte aus ihm werden?

Wir wissen, daß die kluge Frau Pastorin selten zögerte, und sich nicht scheute, kitzliche Erörterungen von Haus aus gründlich zu erledigen, daher sagte sie denn auch jetzt nach einer nachdenklichen Pause: »Das wäre schon gut, Laura, und ich zweifle nicht, daß Papa Hohenheim Dir mit Freuden seinen armen Jungen überlassen, und ihn sich als Intendanten Deiner Gärten und Vogelhäuser etabliren sehen würde. Aber welche Garantien böte dieser Posten für seine Zukunft? Du würdest Verbindlichkeiten übernehmen müssen, welche über Deine Lebenszeit hinaufreichten.«

»Düftelt es aus und richtet es ein wie Ihr wollt, ihr Rechenmeister,« versetzte Laurentia mit ihr sonst fremder Ironie; »aber den Felix, den laßt mir.«

*

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