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Erzählungen

Louise von François: Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorLouise von François
titleErzählungen
publisherVerlag von George Westermann
year1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Zweites Capitel.
Laurentia in der Stadt.

Während jenes bedeutungsvollen Zwiegesprächs zwischen Vater und Tochter, das wir, so breit es dem Leser gedünkt haben mag, doch nur im Auszuge mittheilten, war der Gegenstand desselben, Fräulein Laurentia, oder Laura, oder Renzel von Kettenburg, unsere eigentliche Heldin, eilig und seelenvergnügt noch einmal hinunter in die Küche gestiegen und hatte ihrer alten, vertrauten Schaffnerin eine Eröffnung gemacht, welche dieselbe in unaussprechliches Staunen versetzte.

»Sorge hübsch für alles, wie meine Schwester es angeordnet hat, liebe Justine,« – bat sie freundlich – »und thu mir den Gefallen, sei um fünf statt meiner beim Milchen und beim Abliefern der Kübel an den Inspector: ich gehe heute Nachmittag aus.«

»Sie gehen aus, Fräulein?« fragte die Köchin mit offenem Munde.

»Ich gehe aus, ja. In die Stadt, Justine, ich will Sophien besuchen.«

»Sie wollen in die Stadt gehen, Fräulein, Sie ganz allein?«

»Nun, warum denn nicht, Justine? Du gehst ja alle Markttage in die Stadt.«

»I ja, ich, Fräulein!«

»Und Sybille ist auch schon allein in der Stadt gewesen.«

»I ja, Fräulein Sybillen«

»Nun, warum denn nicht ich, Justine?«

»Sie – Sie – Sie sind ja noch niemals in die Stadt gekommen. Sie werden sich verlaufen.«

»Verlaufen? Ist es denn so schwer, sich in der Stadt zu finden?«

»Das justamente nicht, aber für Sie Fräulein, Sie!«

»Nun, warum denn für mich, Justine?«

»Je nun, – ich meine nur, Fräulein. Aber warum bitten Sie denn nicht lieber den gnädigen Herrn, daß er sie Sie hineinfahren lassen?«

»Den Vater bitten? Ach nein, Justine! Und er würde es auch nicht thun.«

»Aber warum würde er es nicht thun, Fräulein?«

»Das weiß ich nicht, Justine; aber er hat es noch nie gethan und er würde es auch nicht thun. Und ich habe solches Bangen nach unserer Sophie. Wir sind nun schon drei Wochen in Hochberg und sie hat noch immer nicht zu uns heraus kommen können. Du weißt ja, sie hat einen kleinen Jungen, liebe Justine, denke Dir nur, einen kleinen Jungen und einen Mann!«

»Freilich, das hätte man sich nicht träumen lassen von der rothköpfigen, dürren Mamsell, daß die sobald unter die Haube kommen würde,« bemerkte Dame Justine giftig; das Fräulein aber fügte unschuldig hinzu:

»Ja, nicht wahr, das hätten wir uns nicht träumen lassen, als ihr Vater, der Pastor, noch lebte und sie Tag für Tag bei uns auf dem Gute war wie unsere Schwester? Und nun haben wir sie so viele Jahre nicht gesehen. Wie lange ist es wohl, Justine?«

»Nun, bald nach dem Tode der seligen Frau Mutter, nächsten Winter gehts ins fünfte Jahr, da die Frau Gräfin sie, wie es hieß, als Gouvernante zu uns schickte.«

»Hi hi, als meine Gouvernante, die Sophie! Eine curiose Idee von der Tante!«

»Nun, gepaßt hätte sie dazu wie Eine, Fräulein. Der Kopf sitzt ihr auf dem richtigen Flecke, und ein Mundstück hat sie und Haare auf den Zähnen, wie man zu sagen pflegt! Aber, hören Sie, Fräuleinchen, warum ging denn eigentlich damals die Mamsell sobald wieder aus dem Hause?«

»Das weiß ich nicht, Justine. Die Tante wollte sie wohl wieder bei sich haben. Sie war ja ihre Pflegemutter nach des Pastors Tode.«

»I behüte! Die Mamsell ging ja nicht zu der Frau Gräfin zurück, sondern in einen andern Gouvernantendienst.«

»Du hast Recht, Justine. Aber das ist so eine von der Tante närrischen Ideen gewesen, daß die Mädchen selbständig werden und eine Stellung haben sollten wie die Männer.«

»Nun, die Stellung hatte die Mamsell ja auch hier im Hause als Gouvernante, und obendrein eine, welche die Frau Gräfin selber für sie ausgesucht. Wissen Sie was, Fräulein? Ich glaube der gnädige Herr konnten die Mamsell nicht leiden. Die rothen Haare – und sie war ihm zu klug.«

»Wie kannst Du nur so etwas denken, Justine? Der Vater ist doch noch viel klüger als die Sophie; und die Sophie ist so gut, und er kannte sie von klein an. Er mußte sie ja lieb haben und er hat sie auch lieb gehabt, aber er mag wohl – – doch da schlägt es drei. Ich muß jetzt gehen und mich anziehen, sonst bin ich nicht zu rechter Zeit wieder da.«

»Aber so nehmen Sie doch wenigstens Jemanden mit, Fräulein.«

»Wen sollte ich denn mitnehmen, Justine? Du hast in der Küche zu thun.«

»Nun, den Johann.«

»Der Johann muß decken und da sein wenn der Vater wieder kommt.«

»Oder die Lisette.«

»Die Lisette muß Sybillens Kleider ausplätten; ach, so schöne Kleider, Du glaubst es nicht, Justine!«

»Alles für die Andere und für sie – nicht so viel!« murmelte die Alte grimmig zwischen den Zähnen, indem sie die Finger zusammen schnippste. Dann stand sie eine Weile nachdenklich und äußerte sich schließlich wie folgt: »Nun, fehlgehen können Sie im Grunde nicht, Fräulein. Sie nehmen den Weg durch den Park, zum Pförtchen hinaus und immer der Nase nach über die Wiese. Ein kleines Viertelstündchen und Sie stehen an der Brücke. Wenn sie hinüber sind, sehen Sie vor sich rechts die Kirche und links die Predigerwohnung gleich daneben.«

»Links die Kirche und rechts die Predigerwohnung gleich daneben,« wiederholte Laurentia, die ihr aufmerksam zugehört hatte.

»Umgekehrt wird ein Schuh draus, Fräulein: rechts die Kirche und links die Predigerwohnung.«

»Gut, gut! jetzt weiß ich's. Sorge nur hübsch für alles im Hause, daß der Vater nicht böse wird. Sobald er fort ist, mache ich mich auf den Weg.«

Damit stieg sie hinauf in ihr Zimmer und begann ihre Toilette zu ordnen, ein Geschäft, das mit sichtbarer Genugthuung und mit allem Reize der Neuheit betrieben ward. Schachtel um Schachtel wurde ausgekramt, Schubfach um Schubfach auf und ihr Inhalt mit so freudiger Hast hervorgezogen, daß manches werthvolle Stück, den zitternden Händen entgleitend, auf den Boden rollte und erst nachdem es sorgfältig abgestäubt und mit den Fingern wieder geglättet worden war, zum festlichen Schmucke verwendet werden konnte. Die Zeit verging unter diesen Bemühungen. Laurentia hörte die Schwester an ihrer Thür klinken und rufen, aber sie hütete sich, Bescheid zu geben: ihr Vorhaben sollte ein Geheimniß sein und von keinem Widerspruche gestört werden. Ueberdies würde es der schamhaften und an ein einsames Zimmer gewöhnten Laurentia unmöglich gewesen sein, sich selber vor einer Schwester, im Deshabillé zu zeigen. Sie plauderte vor sich hin, probirte an sich herum, lächelte und nickte in den kleinen Spiegel zwischen den Fenstern, der ihr zum ersten Male im Leben ein festlich geschmücktes Bild zurückstrahlte. Es wurde ihr schwer, sich von diesem Bilde zu trennen; immer von neuem kehrte sie prüfend, ordnend und bewundernd zu demselben zurück und der Wagen war mit Vater und Schwester schon eine gute Weile aus dem Thore gerollt, als sie endlich die Schwelle ihres Zimmerchens überschritt seelenvergnügt und ahnungslos, daß sie das Paradies einer unschuldigen Kindheit verlasse, um es nach wenigen Stunden, eine Andere, als sie bis heute gewesen, wieder zu betreten.

Sie stieg noch einmal in die Küche hinab, um sich ihrer Vertrauten in ihrer Herrlichkeit zu präsentiren; da sie dieselbe aber nicht in ihrer gewohnten Werkstatt fand und ihr das Herz vor Ungeduld hämmerte, unterdrückte sie das Verlangen nach Bewunderung und ging, ohne einem Menschen zu begegnen, durch den Gartensaal in den Park. In wenigen Minuten stand sie an der kleinen, auf die Wiese führenden Pforte.

Laurentia hatte in den Wochen, seit sie mit ihrem Vater von dem heimischen Gute nach dem ihrer verstorbenen Tante übergesiedelt war, die Mauern des Hofes und Gartens noch nicht überschritten. Jetzt öffnete sich der Blick auf einen weiten, saftigen Wiesenplan, von dem breiten, ruhig wallenden Strome durchschnitten und von laubbewaldeten Uferhöhen anmuthig eingerahmt. Eine nachmittägige Maisonne beglänzte die blühende Gegend, aber Laurentia schien keinen Blick zu haben für den Frühlingszauber einer neuen Landschaft; sie sah nicht rechts und nicht links, sie sah auch just nicht zu Boden, sondern stracks vor sich hin, wie – wir scheuen diesen Vergleich, ohne jedoch einen zierlicheren zu Gebote zu haben – wie ein aufgezäumtes Roß, dem ein Paar mächtige Scheuleder Rück- und Seitenblicke wehren.

Ueberhaupt fühlen wir uns in der Lage, von dem herkömmlichen Vocabularium der Romantik bei unserer Heldin bedenklich abweichen zu müssen. Hätten wir die holde Sybille auf diesem blumigen Wiesenpfade zu schildern, wir dürften sagen: sie schwebte, oder glitt, oder hüpfte dahin. Aber Laurentia's Bewegungen zeigten nichts von der Leichtigkeit des Vogels, oder der Libelle; sie schob sich, müssen wir leider bekennen, sie schob sich mit vorgebeugtem Oberkörper vorwärts, sie schlurfte mit kaum gehobenem Fuß; sie schien sich zu schleppen, oder zu kriechen und wenn sie ihren Schritt beschleunigte, stolperte sie und drohte zu fallen.

Besaß Laurentia aber kein Auge für die Schönheiten der Größe und Ferne, so schien es desto schärfer für die Gegenstände, welche sie liebte und kannte und welche zerstreut an ihrem Pfade lagen. Es entging ihr kein Blümchen rechts noch links, kein Vergißmeinnicht am Bache, längs dessen Rande sie ging, und so eifrig und eilig sie ihr Ziel verfolgte, so ließ sie es sich doch nicht verdrießen, sich hundertmal zu bücken und Sonnenschirm wie Pompadour aus der Hand zu legen, um ihre Lieblinge zu pflücken und sorgsam zum Strauße zu ordnen. So oft sie eine neue Blüthengattung erblickte, brach sie in helle Jubeltöne aus und lachte wie ein Kind. Dazwischen aber schien sie in ununterbrochenem Gespräch mit sich selbst, oder mit Anderen, sie nickte mit dem Kopfe, focht mit den Händen, mit Sonnenschirm und Pompadour in der Luft, declamirte Verse und rief hin und wieder den Namen eines Bekanntem Einmal flüsterte sie leise: »Levin!« und bei dem Worte wurde sie roth wie Scharlach und flüsterte noch einmal und noch leiser »Levin!«

Ihr Strauß war so dick geworden, daß sie ihn hatte theilen müssen. Die eine Hälfte prangte an ihrem Gürtel, die andere war mit Mühe in die Hand zwischen Schirm und Pompadour geklemmt. Siehe, da stand sie unerwartet schon an der Brücke, auf welche der Wiesenpfad mündete. Ein Pfahl trug mit deutlichen Lettern die Vorschrift: »Fußgänger rechts!« aber unsere Freundin bemerkte weder die Schrift, noch selber den Pfahl; sie blieb auf der linken Seite, von welcher sie kam und gerieth auf diese Weise in das Gedränge der von jenseit Herüberspazierenden, ohne ihren Irrthum inne zu werden, ohne daß es ihr auffiel, wie die Begegnenden, bei ihrem Anblicke still stehend, nicht allzu leise flüsterten und lachten. Sie schritt stracks vor sich hin und wendete nur einmal den Blick zur Seite, als der Klang einer bekannten Stimme ihr zu Ohren drang.

Ein Trupp junger militärischer Herren war ihr entgegengekommen, an ihrer Spitze Fähnrich Wilhelm von Hohenheim, ein Sohn des alten Freundes und gegenwärtigen Gutsnachbars ihres Vaters, ein Bruder des schon mehrfach erwähnten Lieutenant Levin. Die jungen Herren hatten beim Gewahrwerden der Dame einen Moment still gestanden, dann unter Wilhelms Chorführung laut gelacht, alles ohne daß Laurentia es bemerkt; sie erregten ihre Aufmerksamkeit erst jetzt, als sie das schmale Trottoir verließen, sich längs desselben der Reihe nach, ihr zugewendet aufstellten, und sie, wie sie erröthend meinte, mit unverdienter Ehrerbietung grüßten. Sie kniete verlegen wieder und immer wieder, trat dabei auf den Saum ihres Kleides, griff mit der Hand, es ein wenig in die Höhe zu heben, ließ dabei die Blumen fallen und trat endlich, ihren Strauß wieder zu ordnen, in eine der mit Bänken besetzten Pfeilernischen der Brücke. Auch hier vernahm sie das Schwatzen und Lachen der jungen Cavaliere, die sich auf dem Fahrwege ihr gegenüber zusammenrotteten, ohne im Entferntesten die Ursache ihrer Belustigung zu vermuthen, und eben war sie im Begriffe, ihren Weg fortzusetzen, als sie den ihr bekannten Fähnrich noch einmal auf sich zukommen, sich mit feierlicher Verbeugung begrüßt sah und folgende Anrede an sich richten hörte:

»Wollen das gnädige Fräulein meine Kühnheit entschuldigen, aber das kostbare Federbarett auf Ihrem Haupte hat ein ebenso plötzliches als unwiderstehliches Verlangen in mir entzündet, daß ich eine Bitte nicht zurückzuhalten vermag. Einige meiner Kameraden und ich selber haben in den nächsten Tagen Gelegenheit zu einem Maskenscherz. Dürfte ich mir die Hoffnung gestatten durch diesen kühnen Federbusch meinen Ritteranzug complettirt zu sehen?«

Ein einstimmiges Kichern des kriegerischen Corps folgte dieser Ansprache, ein blutjunges Junkerchen rief Bravo und klatschte in die Hände, aber der ehrlichen Laurentia fiel es nicht ein, diese Ausgelassenheit etwa auf sich zu beziehen und sich durch dieselbe beleidigt zu fühlen. Im Gegentheil, die ausgesprochene Bitte schmeichelte ihr und sie war von Herzen geneigt ihr zu willfahren, nur daß sie in ihrer Schüchternheit keine Worte finden konnte, ihre Zustimmung auszudrücken und sich wieder mit einer Verneigung begnügen mußte.

Just im Moment dieses verhängnißvollen Knixes aber bebte sie zusammen, denn ihre Augen fielen auf den Bruder des Bittstellers, den Lieutenant Levin von Hohenheim, der allein über die Brücke gegangen kam und die kleine Scene bemerkend, einen raschen, vorwurfsvollen Blick auf seinen Bruder warf. Diesen Blick bemerkte Laurentia so gut wie sie jedes Vergißmeinnicht am Bache bemerkt hatte, und er genügte, sie vollends aus der Fassung zu bringen. Strauß und Pompadour entglitten ihrer zuckenden Hand; indem sie sich gleichzeitig mit den beiden ihr gegenüberstehenden Brüdern bückte, um sie auszuheben, ließ sie auch den Sonnenschirm fallen; beugte sich hastig noch einmal zu Boden, stieß mit dem Fuße an den Stiel des Schirmes, stolperte, verlor das Gleichgewicht und fiel von dem erhöhten Trottoir, wenn auch nicht gerade auf die Nase, aber doch mindestens auf ihre Knie.

Der Fähnrich hatte sich halb verlegen, halb lachend abgewendet, während sein Bruder der Armen so rasch als möglich in die Höhe half, Sonnenschirm und Pompadour aufraffte und, ihre zitternde Hand einen Augenblick in der seinen haltend, mit herzlicher Theilnahme fragte:

»Haben Sie sich weh gethan, mein liebes Fräulein?«

Laurentia's Augen standen voll Thränen, sie schüttelte hastig den Kopf und stürzte, ohne ein Wort zu erwidern, die Brücke entlang. Levin folgte ihr einige Schritte und blickte ihr nach, bis sie seinen Augen entschwunden war. Dann trat er in den Kreis der Kameraden, welche in bester Laune das kleine Abenteuer ausbeuteten.

»Welch ein übler Scherz, Wilhelm!« sprach er ernst und vorwurfsvoll zu seinem Bruder, während dieser ein wenig verlegen und beschämt vor sich niederblickte und zwischen den Kameraden sich ein kleines Gewehrfeuer von Bemerkungen entzündete, das wir im Interesse unserer Heldin mit unserem Stillschweigen decken wollen, das aber schließlich einer der jungen Herrn mit der Frage unterbrach:

»Aber wer in aller Welt ist denn eigentlich dieser Ausbund von Zierlichkeit, zu dessen Ritter Sie sich aufgeworfen haben, Hohenheim?«

»Es ist das Fräulein von Kettenburg,« antwortete Herr von Hohenheim ruhig und ging seines Wegs. Die Kameraden blickten sich bei dem Namen mit äußerster Verwunderung unter einander an und dann dem sich Entfernenden nach. Dann schallte es wie aus Einem Munde: »Das Fräulein von Kettenburg? Die schöne Sybille? Die Erbin, die Rose von Hochberg? Deines Bruders – –?«

»Ganz dieselbige ist es allerdings nicht,« entgegnete der Fähnrich lachend; »aber doch ihre Schwester, ihr Zwilling – Fräulein Laurentia von Kettenburg.«

»So hat der Baron mehr als die eine Tochter?«

»Ihrer zwei, wie Ihr eben gesehen.«

»La belle et la bête! Mit der Erbschaft heißt es demnach halb Part. Aber warum hat man denn nie von dieser Anderen gehört?«

»Der Alte hütet sie wie ein Drache vor dem Tageslicht.«

»Ursach hat er dazu,« meinten die jungen Herren und setzten lachend ihre Straße fort, mit ihren Impromptus noch immer bei Fräulein Laurentia von Kettenburg und ihrem Barett.

Fräulein Laurentia hatte während dessen gleichfalls ihren Weg fortgesetzt, in einer Bewegung, über welche es uns schwer fallen dürfte, einen deutlichen Aufschluß zu geben. Das Hauptmotiv derselben aber hieß Freude, ja es hieß Wonne. Sie war gefallen, es ist wahr, und sie empfand dieses Mißgeschick mit unwillkürlicher schamhafter Verlegenheit. Nicht im entferntesten aber kam es ihr in den Sinn, daß sie sich durch dasselbe lächerlich gemacht habe. Hätte sie selber denn lachen können, wenn einem Anderen ein Unfall zugestoßen? Dahingegen hatte Levin ihr beigestanden, er hatte sie angstvoll angeblickt, ihr ein Wort warmer Theilnahme gesagt, ihre Hand gehalten und leise gedrückt, Levin, ihr Freund! Laurentia's Herz klopfte hörbar, ihr schwindelte, ihr war, als ob ihr Flügel gewachsen wären – als ob – da stand sie plötzlich am Ende der Brücke und hatte ihre Instruction, ja fast den Zweck ihres Ausflugs vergessen. Nachdem sie ein paar Minuten ausruhend und sich besinnend still gestanden, fragte sie einen Vorübergehenden schüchtern nach der Wohnung des Predigers Zeise.

»Links neben der Kirche,« lautete der Bescheid. »Aber wo ist denn die Kirche?« mußte sie von neuem fragen. Der Angeredete sah sie mit großen Augen an: »Sie stoßen ja mit der Nase dran!« sagte er, und indem er sich kopfschüttelnd entfernte, murmelte er: »Gott steh uns bei, mit der ist es nicht richtig!«

In der That hatte Laurentia nur wenige Schritte vom großen Kirchportale gestanden, ohne es zu bemerken; jetzt wendete sie sich der erhaltenen Weisung gemäß links und blickte unschlüssig nach einem kleinen Hanse, bis nach kurzem Harren in seinem Erdgeschosse ein Fensterflügel geöffnet ward und eine wohlbekannte Stimme ihren Namen rief. In wenigen Augenblicken lag sie in den Armen der Freundin ihrer Kinderjahre; sie achtete nicht auf deren seltsam verwunderte Blicke, auf ihre auffällig befangene Begrüßung. Laurentia's Freude glich einer Erschütterung.

Sophie führte sie in ihr kleines, so freundlich als geschmackvoll eingerichtetes Zimmer und sagte mit einer gewissen, ängstlichen Spannung: »Setze Dich, liebe Laura, und ruhe aus. Du bist so aufgeregt, Du zitterst – Deine ganze Erscheinung – was ist mit Dir, liebes Kind?«

»Ich bin gefallen, Sophia,« antwortete Laurentia unbefangen.

»Gefallen? Wann, wo, wie?«

»Eben als ich über die Brücke kam. Aengstige Dich aber nicht, Sophie, es hat mir nicht weh gethan und Levin hat mich aufgehoben.«

»Levin, wer ist Levin?«

»Levin von Hohenheim, mein Freund,« antwortete Laurentia, und ohne sich in eine nähere Erklärung einzulassen, stürzte sie auf eine Wiege zu, welche sie erst jetzt im Zimmer bemerkte, lüftete den Schleier über derselben und rief jauchzend: »Ach das Kind, das Engelskind!«

Die junge Mutter war ihr gefolgt und blickte mit Rührung auf ihr Neu- und Erstgeborenes. Laurentia aber warf sich in ihre Arme mit den Worten: »Solch ein Kind zu haben, Sophie, solch ein Himmelsglück!«

»Ja,« erwiederte Sophie ernst, »ja wohl ist es ein Glück, ein Segen, den Keiner ermißt, bevor er ihm zu Theil geworden. Erst an einer Wiege wird uns das Geheimniß der Familienliebe klar. Wenn Du einmal heirathest, Laura – –«

»Ich – heirathen?« fuhr Laurentia auf, wie von einem Blitze durchzuckt und heftig erröthend, denn diese Vorstellung kam ihr im Leben zum ersten Male. Frau Zeise unterdrückte die angefangene Bemerkung und nach einem kurzen Besinnen sagte sie nicht ohne Bedeutung: »Allerdings ist es ein seltenes Glück, liebe Laura, Vertrauen und Neigung eines Mannes zu erwecken, wenn man so häßlich ist wie – wie ich.«

»Du häßlich?« fragte Laurentia erstaunt.

»Findest Du meine rothen Haare und Sommersprossen etwa hübsch, liebes Kind?« entgegnen Frau Zeise lachend.

Laurentia blickte sie eine Weile mit großen Augen an. Sie hatte sich zwar niemals gefragt, wie Sophie aussehe; hätte sie aber darüber entscheiden sollen, würde sie sich für eine Schönheit entschieden haben, denn sie liebte Sophien, und was sie liebte war ihr schön. Wie sollte sie es aber deuten, daß häßliche Menschen selten Vertrauen und Neigung erregen? Ist es die Gestalt, die Vertrauen und Neigung hervorruft und nicht die Seele? Liebt man mit den Augen und nicht mit dem Herzen?

Lebhaft angeregt durch diese blitzartig in ihr zündenden Zweifel und Fragen, ließ sie sich durch Sophien von der Wiege fort auf den Sophaplatz führen, und als die Freundin, ihre Verwunderung nicht länger bemeisternd, mit gewohnter Aufrichtigkeit ohne Umstände fragte: »Aber nun sage mir, Kind, was bezweckst Du mit dieser wunderlichen Maskerade?« Da sagte sie, wie aus einem Traume erwachend:

»Mit welcher Maskerade, Sophie?«

»Ich meine den Trödel, mit dem Du Dich behängt.«

»Trödel?« fuhr Laurentia beleidigt auf, »welchen Trödel?«

»Nun, zum Exempel diesen antediluvianischen Pompadour.«

»Den Beutel hat die selige Mutter gestickt, als sie noch ein Mädchen war,« sagte Laurentia gerührt, die halbverblichenen Rosen auf weißem Atlasgrunde betrachtend.

»Das ist ein Grund, das werthe Andenken ehrerbietig im Kommodenfach zu wahren, liebes Kind, auf der Straße aber ist es aus der Mode,« erklärte Sophie, während Laurentia sie ungläubig ansah, als wollte sie fragen: »Hat denn ein Heiligthum eine Mode?«

Sophie aber fuhr fort: »Und dann diese chinesische Pagode von einem Sonnenschirm! Wo in aller Welt hast Du die aufgetrieben, Kind?«

»Die Tante Sybille hat den Schirm einmal bei uns stehen lassen,« antwortete Laurentia; »aber er ist noch wie neu, sieh nur, Sophie, kaum gebraucht.«

»Nun, wenn auch, stelle ihn wieder in die Plunderkammer, wo er hingehört. Das Ding ist zum Lachen.«

»Zum Lachen – ein Sonnenschirm, Sophie?«

»Nicht als Sonnenschirm, aber als unmodischer Putzgegenstand allerdings, – wie alles Verkehrte oder Unzulängliche, wie jede durch ungeschickte Mittel vereitelte Prätension.«

»Das verstehe ich nicht, Sophie.«

»Und es ist doch so einfach, Kind. Erstreben sehen, was Einer nicht vermag, wollen, was Einer nicht kann, erscheint uns lächerlich.«

»Mir würde es traurig scheinen, Sophie.«

»Komisch oder tragisch, Laura, je nach dem Gegenstand und dem Resultat. Deine Pagode ist jedenfalls komisch. Keinen Sonnenschirm, keinen Putz haben, gering und arm, häßlich oder alt sein, all das ist an und für sich nichts weniger als lächerlich; aber altmodischen, unechten, unkleidsamen Putz tragen, vornehm und reich scheinen wollen, wenn man gering und arm, jung und schön, wenn man verblüht und häßlich ist, das ist lächerlich. Doch wir sind noch nicht zu Ende, Laura. Vor allen Dingen dieser Turban, dieses Federbarett auf Deinem Kopfe – um des Himmelswillen, Kind!«

Laurentia sprang mit einem zornigen Blicke von ihrem Sitze in die Höhe: »Sophie!« rief sie, »diesen Hut hat die selige Mutter ein einziges Mal aufgehabt, das letzte Mal, als sie mit dem Vater in die Stadt gefahren ist.«

»In Abendtoilette, Laura.«

»Das weiß ich nicht, aber die selige Mutter sah schön und herrlich in dem Hute aus, wie eine Königin,« versetzte Laura stolz und als die Freundin bedenklich schwieg, fuhr sie, um das theure Andenken zu gerechterer Würdigung gelangen zu lassen fort: »Der Hut muß auch wohl jetzt noch hübsch sein und den Leuten gefallen, denn eben auf der Brücke hat ihn Levins Bruder gelobt und mich um die Federn darauf zu einem Polterabend gebeten.«

»Der Fähnrich Hohenheim, der Windbeutel?«

»Levins Bruder, ja.«

»Arme Laura, er hat sich über Dich lustig gemacht,« sagte Sophie, hätte das unbarmherzige Wort aber vielleicht gern zurückgenommen, denn die arme Laurentia fuhr in die Höhe, als hätte sie eine Viper gestochen.

»Ueber mich lustig gemacht!« kreischte sie auf, »nein, nein!«

»Ich kann es Dir nicht ersparen, liebes Kind,« sprach Sophie nach einigem Besinnen, indem sie ihre Hand faßte. »Der Freund wie der Arzt darf eine weh thuende Berührung nicht scheuen, wenn er heilen will. Und Du mußt geheilt werden, Du mußt sehen lernen, Laura; die Welt sehen lernen, wie sie ist, Dich selber sehen lernen, wie Du bist, um sie, um Dich selber begreifen zu lernen. Die Einsamkeit schadet Dir. Warum bleibst Du immer zu Hause, wenn Dein Vater und Sybille in Gesellschaft gehen?«

Laurentia starrte die Freundin einen Augenblick mit offnem Munde an; plötzlich schoß ihr das Blut in die Wangen, sie schlug mit der geballten Faust vor die Stirn, es war, als ob ihr die Schuppen von den Augen fielen. »Er hat mich nicht mitgenommen!« rief sie aufspringend und mit heftigen Bewegungen im Zimmer auf und niederschreitend. Bei dem geringfügigsten Anlaß stand die arme Laurentia an der entscheidenden Krisis ihres Lebens! »Sybille hat ihn gebeten,« murmelte sie vor sich hin, »und er sagte nein – und er sagte nein!«

»Ich mögte ihm seine Weigerung danken, Liebe,« fiel die Freundin beschwichtigend ein, »da sie mir die Freude Deines Wiedersehens verschafft hat. Hättest Du nur einen Hut aufgesetzt, statt des Baretts!«

»Einen Hut? Ich habe keinen Hut!« sagte Laurentia kurz und heftig.

»Du hast keinen Hut, Kind?«

»Nein, nein!«

Sie stand einen Augenblick wie starr, dann stampfte sie plötzlich mit dem Fuße auf den Boden, krampfte die Hände zusammen und rief mit rollenden Augen und gellender Stimme: »Fluch!«

»Ruhig, ruhig Kind!« besänftigte Sophie mit gezwungenem Lächeln. »Du gleichst ja wieder einmal der kleinen, wilden Katze wie damals, weißt Du noch? als der Vater Dir den Roman aus den Händen riß, den Du irgendwo heimlich aufgestöbert hattest. Da stampftest Du auch mit dem Fuße, balltest die Fäuste und riefst das unselige Wort, das eines Vernünftigen Lippen niemals berühren sollte.«

»Das Buch machte mich glücklich und er nahm es mir!« sagte Laurentia mit dumpfem Brüten in einer neubelebten Erinnerung wühlend.

»Er hatte Recht, es Dir zu nehmen,« versetzte Sophie, »die neue Heloise ist keine Lectüre für fünfzehnjährige Mädchen.«

»Er würde es Sybillen nicht genommen haben.«

»Wahrscheinlich doch, liebes Kind, wenngleich es ihr weniger schädlich gewesen wäre als Dir. Für Dich war es Gift, das er Dir entziehen mußte. Er hätte es ein wenig gelassener thun können, aber – Du hast ja den Feuerkopf von ihm.«

»Der Vater ist gut!« rief Laurentia mit drohender Geberde.

»Nun, ich schelte ihn ja nicht, närrisches Kind, im Gegentheil, ich vertheidige ihn gegen Dich,« versetzte Frau Zeise lächelnd. »Aber nun komm, setze Dich zu mir und erzähle mir ruhig und ausführlich, wie es euch geht. Ist es Dir schwer geworden, Kirchheim zu verlassen?«

»Behüte. Ich freute mich auf Sybillen, auf Dich und mir bangte nach dem Grabe meiner seligen Mutter im Garten von Hochberg. Und dann ist es ja nur für kurze Zeit.«

»Für kurze Zeit? Kirchheim ist ja verkauft, wie ich höre.«

»Verkauft? Davon weiß ich nichts.«

»Das wäre freilich kein Grund, daß es nicht wahr sein sollte. Und es ist wahr, liebes Kind. Nun, für mich ist es ein unschätzbarer Gewinn, euch so in der Nachbarschaft zu behalten.«

»Werden wir denn hier in Hochberg bleiben, Sophie? Gehört Hochberg meinem Vater?«

»Das wird das Testament der Tante ausweisen, das am dreizehnten Juni eröffnet wird.«

»Am dreizehnten Juni? Das ist ja mein und Sybillens Geburtstag, Sophie.«

»Euer zwanzigster Geburtstag, allerdings. Sicherlich keine zufällige Bestimmung der außerordentlichen Frau. Ach, daß sie uns so früh genommen werden mußte! Was haben wir Alle an ihr verloren, Laura!«

»Ich nicht, Sophie; ich habe sie nicht lieb gehabt.«

»Du kanntest sie nicht genug um sie zu schätzen, liebes Kind.«

»Sie war kalt wie Eis.«

»Sage stark wie Eisen; man mußte sie verehren.«

»Aber konntest Du sie lieb haben, Sophie?«

»Was nennst Du lieb haben, Kind? Das ist ja das Eigentümliche kräftiger Naturen, daß sie auch die Widerstrebenden magnetisch an sich ziehen. Helden bezaubern auch die, deren Glück sie ihrem Sterne geopfert und Schwächlinge stoßen sogar diejenigen ab, denen sie wohlgethan. Die Gräfin war mir eine Mutter; aber selber ohne ihre Güte und Zuneigung würde ich mich wohl in ihrer Nähe befunden haben; denn ein gerechter und großherziger Mensch, der sich gegen uns gleichgültig verhält, ist uns immerhin werther als einer, der uns liebkost und schmeichelt, während er uns in seinem Betragen gegen Andere keine Achtung einflößt. Schon im Kinde ruht dieser uneigennützige Trieb der Anerkennung, dem in der Erziehung leider allzuwenig Rechnung getragen wird.«

Laurentia, welche Reflexionen immer nur mit Gefühlen zu erwidern pflegte, antwortete, in alte Erinnerungen versunken, den Kopf schüttelnd: »Ich fürchtete mich vor ihr schon als Kind, und wenn sie bei uns in Kirchheim war, flüchtete ich immer in Justinens Stube.«

»Ach, die Justine!« rief Sophie lachend; »wie geht es denn dem alten Drachen?«

»Laß meine Justine in Frieden, Sophie!« versetzte Laurentia aufgebracht. »Justine ist gut!«

»Gegen Dich, Laura, ihr Hätschelkind. Gegen alle Andere ist sie eine böse Sieben.«

»Sie denkt, daß Keiner sie leiden mag, darum scheint sie bös. Wie's in den Wald hineinschallt, schallt es heraus, ist ihr Wort. Für mich ließe sie ihr Leben. Und ich habe sie lieb, aber die Tante, die war mir zuwider.«

»Du kanntest sie nicht,« wiederholte Sophie, wehmüthig durch theure Erinnerungen bewegt. »Du kanntest sie nicht wie Sybille und ich, denen sie Mutter war. O, dieses Sterbebett! Ich werde es niemals vergessen. Diese ruhige Klarheit, diese Fürsorge für Alle; wie sie nicht den kleinsten Gegenstand vergaß, selber den Fernststehenden bedachte, alles mit so vier Umsicht nach eines Jeden Bedürfen vertheilte.«

»Mir hat sie nie etwas geschenkt, mir hat sie nicht das geringste kleine Andenken hinterlassen.«

»Unbegreiflich!« sagte Sophie nachdenklich, »unbegreiflich! Es wäre ein Schatten auf dem Bilde der herrlichen Frau, ein Widerspruch, ein Räthsel – ich kannte sie – mir ahnet, wie die nächsten Wochen es lösen werden! – Indessen erzähle mir von Deiner Schwester, Laura; welch ein Glück ist ihre Nähe für Dich! Sie muß sich herrlich entwickelt haben.«

»Sie ist, wie sie immer war, freundlich und gut. Man merkt gar nicht, was sie alles weiß und kann.«

»Das Kennzeichen wahrer Bildung, liebes Kind, leider das seltenste in unserer aufgeblasenen Zeit. Ja, über Sybillen hat gleichsam eine doppelte Vorsehung gewacht: die Natur, welche sie mit ihren besten Gaben so liebreich ausstattete und die mütterliche Frau, welche diese Gaben so richtig zu verwerthen verstand. Die Vollendung dieser Erziehung auch nach ihrem Scheiden war ihre letzte Erdensorge. Zwei Jahre in der sorgfältigsten deutschen Anstalt, zwei Jahre bei der vortrefflichen Cousine in Rom und fix und fertig, wie nur immer ein Frauenzimmer durch Anderer Zuthun es werden kann, tritt sie in ihren heimatlichen Kreis zurück. Sie ist sehr schön geworden, nicht wahr?«

»Sie sieht aus wie ein Engel, man muß sie lieb haben, Sophie,« antwortete Laurentia, indem sie sich rasch erhob und nach der Thür eilend hinzusetzte: »Aber jetzt muß ich fort!«

»Einen Augenblick Geduld, Kind!« wendete die Freundin, sie zurückhaltend ein. »Erst lege Deinen wunderlichen Staat ab und nimm meinen Hut und Shawl. So! Den Trödel wollen wir in den Plunderkasten werfen.«

»Er ist von meiner Mutter, Sophie!«

»Nun, so verwahre ihn, aber bringe ihn nicht wieder an das Tageslicht. Jetzt komm, das Wetter ist schön, und der Arzt hat mir einen Ausgang gestattet. Ich begleite Dich bis über die Brücke.«

»Ueber die Brücke! Ich gehe nicht wieder über die Brücke,« sagte Laurentia finster.

»So wirst Du bei mir bleiben, oder durch den Fluß schwimmen müssen, einen andern Weg giebt es nicht,« versetzte lachend die junge Frau.

Sie gingen, Laurentia mit gerunzelter Stirn und nicht auf den Zuspruch der Freundin hörend. In der Mitte der Brücke blieb sie plötzlich stehen, deutete auf einige Vergißmeinnicht, die zerstreut am Boden lagen und rief heftig: »Hier – hier haben sie gelacht!«

»Nun, suche es zu vergessen, Kind, da es einmal nicht zu ändern ist.«

»Vergessen? Niemals, nie!Sie haben gelacht!«

»So lache wieder, Liebe. Ein rüstiger Humor bricht jeder Spötterei die Spitze ab. Du hast einen Scherz beabsichtigt und er ist Dir gelungen.«

»Ich habe keinen Scherz beabsichtigt, Sophie.«

»Gleichviel, man wird es dafür nehmen und sich dabei beruhigen. Im Grunde müßten die Menschen in Gold gefaßt werden, die sich heut zu Tage nicht scheuen, uns mit ihrer Persönlichkeit zu unterhalten. Die Originale werden immer rarer in unserer nivellirenden Zeit. Und Du bist ein Original, Laura.«

»Ich will kein Original sein, Sophie; warum wäre ich ein Original?«

»Ein andermal, Kind. Für heute beruhige Dich und nimm Dir vor, in Zukunft etwas vorsichtiger mit Deinen Toiletteneinfällen zu Werke zu gehen. Die Schönheit mag manches wagen. Wenn man aber gestaltet ist wie – wie Unsereiner – – doch hier müssen wir uns trennen. Grüße Sybillen. Ich komme ehestens. Kehr' glücklich heim.«

Sie reichte der Freundin die Hand und ging über die Brücke zurück, mit ihren Gedanken noch immer bei ihrer Besucherin. »Dieselbe Schneckennatur!« sagte sie bei sich selbst. »Immer nur in sich hinein, niemals aus sich heraus! Wie schwer wird die Arme an ihrem Hause zu tragen haben!«

*

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