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Erzählungen

Louise von François: Erzählungen - Kapitel 20
Quellenangabe
authorLouise von François
titleErzählungen
publisherVerlag von George Westermann
year1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Hinter dem Dom.

Der Dom von * ist das schönste mittelalterliche Bauwerk unserer Provinz. Eben weil an Umfang hinter manchen gefeierteren Nebenbuhler zurücktretend, hat die Anlage die Kräfte seiner Zeit nicht überboten und steht er ausgeführt, harmonisch in allen Theilen, wie aus einem Gusse geformt, wo jene Riesengeburten der scharfsinnigsten Gipfelung menschlicher Phantasie, Fragmente geblieben und Ruinen geworden sind, ehe sie ein Ganzes werden durften.

Heute freilich ist auch er der Nachhülfe bedürftig; den beiden Thürmen über dem Hauptportale der freien West- und Wetterseite, diesem herrlichen Portale selber unter seiner ungeheuren Last droht der Einsturz; es zerbröckeln die kunstreichen Ornamente, die fein durchbrochenen Spitzthürmchen seiner Pfeiler, die wunderlichen Schnörkel und Gestalten, Schöpfungen eines bald derben, bald spitzfindigen frommen Humors, für dessen Verständniß unseren Tagen häufig der Schlüssel gebricht; aus den Fugen der bemoosten schwarzgrauen Strebepfeiler und Bogen löst sich Stein um Stein; die romanische Schwesterkirche ihm gegenüber aus dem lindenbeschatteten Platze, die schon verwitterte, ehe er noch in vollem Leben stand, jetzt im Wechsel der Zeiten aber zu jugendfrischem Ansehn und nie besessenem Glanze wiederhergestellt, hat den Alternden aus seiner Oberherrlichkeit verdrängt und seine Freunde harren und hoffen bis heute vergeblich auch für ihn auf eine rettende Hand.

Denn unter seiner morschen Hülle ist der ehrwürdige Innenbau ganz und heil geblieben wie ein schöner, gesunder Menschenleib unter einem zerfallenden Gewande. Gleich verbundenen Stämmen streben die schlanken Pfeiler gen Himmel und wölben sich ineinander zu einem schützenden Wald; zackspitzig, wie aus Stein geklöppelt, zieht sich in halber Höhe die Wand, die statt des Vorhangs das Heilige von dem Allerheiligsten scheidet, dämmernd fällt das Licht durch die farbenglühenden frommen Bilder der Scheiben, kunstvoll in Holz geschnitzt thront die Kanzel, die gewaltige Orgel tönt im gebührenden Raume nach den rechtmäßigen Gesetzen des Schalles und so stehen wir vor diesem Denkmal einer unwiderruflich entschwundenen Cultur-, ja fast möchten wir sagen Naturepoche, mit dem Schauer der Schönheit wie vor einem unaussprechlichen Wesen und fragen uns beschämt nach einem gleichwürdigen, gleichdauernden Zeugniß unserer Zeit.

Der Standpunkt für unser Bauwerk ist wie der der Mehrzahl seiner Gleichen richtig und glücklich ausgewählt: auf einer Höhe, Stadt und Gegend überragend. Aber wie die Mehrzahl seiner Gleichen umhocken auch ihn, nach drei Seiten einen freien Ueberblick hindernd, einst geistliche, jetzt bürgerliche Ansiedlungen groß und klein wie Nester, die unter dem Schatten eines ehrwürdigen Baumes ihren Schutz gesucht haben. Der Wind fängt sich in der Klemme dieser Gebäude, langsam verdunstet die Feuchtigkeit in dem ewigen Düster der schmalen Fahrstraße und nur von der Rückseite der sich nach der Niederstadt absenkenden Gehöfte und kleinen Gärten erquickt ein wärmender Sonnenstrahl die Bewohner und verkündet ihnen, daß noch ein höherer Bau ihnen Licht und Gnade spendet, wenn der Dom, von Menschenhänden errichtet, im Laufe der Zeiten zerbröckelt oder sich nächtig zwischen den Menschen und die belebenden Himmelskräfte drängt. –

In einer dieser Curien, unter solch enger, düsterer Umgebung, suchen wir an einem Spätnachmittage der Woche vor dem Osterfeste, das in diesem Jahre weit in den Frühling hinein und in eine knospende Blüthenwelt fällt, die beiden Menschen, deren Schicksal uns beschäftigen soll. Ein Mann, längst noch kein Greis, aber früh gealtert, das über dem stark und edelgebauten Kopfe kurzgeschorene dunkle Haar, der breite, volle Bart reichlich mit weißen Fäden gemischt, die regelmäßigen Züge bleich, ernst und tiefgefurcht, die einst kräftige Gestalt nur mit Anstrengung, ja wie im Trotz in die Höhe gerichtet – er erhebt sich vom Schreibtisch, als das Dämmerlicht seine Arbeit hindert und tritt in das hintere Zimmer, dessen südliche Lage den Blick frei über die niedere Stadt und Ebene bis zu den begrenzenden Höhenzügen schweifen läßt. In seinen Füßen senkt ein Gärtchen sich ab, zwar nur in der Breite des Hauses, aber, rings von ähnlichen freien Plätzen umgeben, ein wohlthätiger Ruhepunkt für den durch Mauern und Steinmassen beängsteten Sinn. Er öffnet das Fenster, ein Duft von Veilchen und Goldlack, ein weicher Sommerhauch dringen zu ihm in die Höhe, aber ein tiefer erquickter Athemzug erstickt in einem Seufzer, als er im nämlichen Augenblicke eine jugendliche Gestalt den Gang heraufkommen sieht, an dessen einhegenden Spalieren die rosigen Blüthen der Pfirsich und Mandelbäume knospen. Auch in ihren Zügen, in der geneigten Haltung, dem langsam träumerischen Gange ist ein frühreifer Ernst zu lesen; sie schreitet an den ersten Frühlingssprossen ohne ein Zeichen schwesterlicher Jugendfreude vorüber, ohne sich zu bücken, um eine Blume zu brechen oder einem Pflänzchen eine liebende Sorgfalt zuzuwenden. In sich gekehrt wandelt sie mechanisch den Laubengang auf und nieder und bemerkt den trübsinnenden Blick ihres Beobachters nicht eher, bis derselbe, sie im Garten erreichend, mit den Worten anredete:

»Du siehst blaß aus, Marieesther – –«

»Ich bin wohl, Vater,« unterbrach ihn das junge Mädchen hastig und drückte seine Hand.

»Aber immer allein und niemals fröhlich, diese Einsamkeit taugt Dir nicht, mein Kind.«

»Ich bin weit lieber allein als unter Menschen, Vater –«

»Traurig, daß dem so ist, Marie: Natur und Jugend, auch die Vernunft wollen es anders. Einst warst Du heiter wie andere Kinder und auch jetzt fliehst Du nicht die Menschen, Du scheust und meidest nur – –«

»Vater!« rief Marieesther mit einer flehenden Geberde. Rasche Schritte vom Hause her machten der Unterredung ein Ende, die Tochter wendete den Kopf nach dem Eingange und setzte dann eilend und leise erröthend den Weg nach dem entgegengesetzten Ende des Gärtchens fort, während der Vater dem Eintretenden entgegenging. Ein junger Mann kam lebhaft auf ihn zu, drückte mit Wärme seine Hand und rief in sichtlicher Aufregung: »Es ist unerhört, Herr Severin! Ich komme von der Reise und höre es erst in dieser Minute. Solche Frechheit, solcher Hohn! Aber Sie dürfen es nicht dulden, Sie müssen öffentlich dagegen remonstriren, müssen klagbar werden, Severin – –«

»Remonstriren gegen was, lieber Urban? Klagbar werden gegen wen?« fragte Herr Severin ruhig. »Sie wissen es noch nicht, mein Freund, haben es noch nicht gehört? Gestern Abend – im Dom – dieser Fanatiker, nein, dieser Unverschämte, dieser Narr –«

»Lassen wir den Mann,« entgegnete Severin gezwungen lächelnd.

»Mit nichten, lassen wir ihn nicht, – er hat für Sie – gebetet, Severin!«

»Gebetet – und was weiter, junger Freund?«

»Was weiter? Ich sage Ihnen ja, er hat für Sie gebetet: für Sie, nein, gegen Sie; laut, öffentlich, vor der gesammten Gemeinde, auf seinen Knieen!«

»Ein Gebet kann ich mir ja schon gefallen lassen, Urban, was hätte der Mann besseres für mich zu thun gewußt als das?«

»Er hat ihren Namen gebrandmarkt wie den eines Heiden, eines Ketzers!«

»Er nannte es Gebet, und ein Gebet ist keine Injurie, so viel ich weiß.«

»Dieses ist eine Injurie!« rief der junge Mann je mehr und mehr aufgebracht. »Es ist schwerer als eine Injurie, es ist Hohn und Schimpf! Sie sind es Ihrem Namen, sind es Ihrer Tochter schuldig – –«

»Meiner Tochter bin ich schuldig, das Aergerniß meines Namens nicht durch einen weiteren Eclat aufzufrischen,« sagte Severin, und als der Freund von neuem auffahren wollte; »nicht so laut, lieber Urban,« setzte er hinzu mit einem unruhigen Blick auf Marieesther, die abgewendet in einer Laube Platz genommen hatte.

Urban verstand diesen Blick. »Lassen Sie uns einen Spaziergang machen, Herr Severin,« sagte er, »die Sonne ist im Sinken, wir dürfen keine Zeit verlieren.«

»Ich danke Ihnen,« entgegnen Severin, »ich habe Versammlung heute Abend.«

»Nun denn, morgen früh.«

»Ich bin beschäftigt in diesen Tagen, junger Mann.«

Urban schwieg eine Weile, dann fragte er:

»Werden Sie zum Feste einen Weg in's Freie mit Ihren Freunden machen, Herr Severin?«

»Nein,« antwortete der Andere kurz.

»Es thut mir leid. Ich hätte mit meiner Familie daran Theil nehmen mögen. Aber später, hoffe ich.«

»Niemals wieder, Urban.«

»Niemals? Wollen Sie laß und feige werden, Freund, jetzt, wo es gilt, aufzutreten und Trotz dem Trotze entgegenzusetzen?«

Severin faßte des Aufgeregten Hand. »Es hätte schon früher gegolten, den Trotz nicht herauszufordern, auf beiden Seiten vielleicht,« sagte er, »aber – beruhigen Sie sich, Urban, ich weiß, Sie meinen es gut, Ihr Herz hat nicht Theil an dem Eifer, der Sie über Ihre Grenzen führt.«

»Ueber meine Grenzen? Nein, nein, dreimal nein!«

»Mäßigen Sie sich. Wir sind nicht ohne Zeugen! Ueberhaupt – ich hätte es schon längst thun sollen – mißverstehen Sie mich nicht, Urban, – aber, ich bitte Sie, – meiden Sie mein Haus, – zeigen Sie sich seltener als bisher in meiner Gesellschaft –«

»Was wollen Sie damit sagen, Herr Severin?«

»Daß Sie Argwohn erwecken, – daß Sie sich schaden, junger Freund.«

»Pfui! Achten Sie mich so gering, um sich nicht in die Seele eines Mannes dieser feigen Zumuthung zu schämen?«

»Schicket Euch in die Zeit, heißt es, denn es ist eine böse Zeit, lieber Urban. Sie haben einen guten bürgerlichen Namen in dieser Stadt, sind Sohn und Bruder, sind Angesessener, Beamter –«

»Und Ihr Freund, Severin!«

»Ich weiß es und ich danke es Ihnen. Aber Sie theilen nicht meine Ueberzeugungen, haben sie nicht zu vertreten und dürfen ihnen nicht zum Opfer fallen, junger Mann.«

»Sie selber haben mir einst den Pakt vorgeschlagen, gewisse innerliche Punkte gegeneinander nicht zu berühren Wir hegen beide die Religion rechtschaffener Männer; alles darüber hinaus ist Herzenssache, die jeder nur mit sich selber abzumachen hat,« sagte Urban.

»Ebendeswegen, mein Freund. Sie sind keiner der Unseren. Es ist nur persönliche Theilnahme, die Sie an mich bindet, Mitleiden zur Stunde und, wie soll ich sagen? deuten Sie es nicht übel, Urban, aber ein gewisser Reiz, den das Verpönte auf junge, freistrebende Gemüther zu üben pflegt.«

Urban stand eine Weile in nachdenklichem Schweigen, dann sagte er ruhiger als bisher, aber sehr bestimmt, indem er des älteren Mannes Hand drückte: »Es ist ernste, wahre, von meiner Familie überkommene Freundschaft, die mich unverbrüchlich an Ihr Schicksal bindet, Herr Severin, und, Sie wissen es, es ist noch etwas Anderes – –«

»So sei es denn um dieses Anderen willen, junger Mann,« unterbrach ihn Severin bewegt, »daß Sie Ihre Stellung, Ihre Zukunft zu wahren suchen. Es muß sich erst manches lichten, ehe der Augenblick einer Entscheidung gekommen ist. Bleiben Sie uns bis dahin treu, aber fern. Sie haben – lassen Sie mich es bekennen zu Ihrem Glück – innerlich eine gewisse Grenze nicht überschritten, drängen Sie äußerlich nicht über dieselbe hinaus; wir würden Beide dafür büßen müssen. Ich habe schon so manchen Unglücklichen gemacht, der, wie von einem Makel bespritzt, von der Welt gemieden wird, weil er mir angehangen hat, meine Tochter, – mein einziges Kind –«

»Nein, nein!« unterbrach ihn Urban mit warmer Festigkeit, »nun und nimmer kann ich Ihrem Rathe folgen, theurer Mann. Gemüth und Ehre sagen Nein. Ich werde Ihnen angehören mit offenem Visier. Drängt die feige, schnell erschlaffte Zeit uns dahin, das, was wir heute bekannten, morgen zu verschleiern: den Muth der Freundschaft, die Freiheit persönlicher Treue soll und darf sie uns nicht rauben.«

Severin wendete sich in tiefer Bewegung von ihm ab und ging mit hastigen Schritten den Laubengang entlang. Der Andere blickte ihm eine Weile nach, dann wendete er sich langsam dem Hause zu, in welchem er vor wenigen Minuten Marieesther hatte verschwinden sehen. Sie stand dicht am Fenster des vorderen Zimmers, beim letzten, schwachen Dämmerlichte in ein Buch vertieft, so daß sie sein Nahen nicht bemerkte. Erst als er dicht an ihre Seite trat, schreckte sie zusammen und suchte mit eiliger Scheu das kleine Buch zu verbergen, das ihre Gedanken in Anspruch genommen hatte.

»Warum, Marieesther?« fragte Urban, dem ihre Bewegungen nicht entgangen waren. »Die Nachfolge Christi ist kein Gegenstand, den Sie vor irgend einem Menschen zu verleugnen brauchten.«

»Außer vor Einem!« murmelte das junge Mädchen, setzte aber schnell bereuend hinzu: »Nein, nein, Urban, vergessen Sie dieses Wort, ich bitte Sie. Aber, – ich meinte, – es würde ihm wehe thun wie ein Vorwurf, es würde ihn beschämen.«

»Sie irren, Marieesther. Zeigen Sie Ihrem Vater unverhohlen, was Sie bedürfen, beweisen Sie ihm, daß seine Nähe, sein Schicksal dieses Bedürfniß nicht stören – –«

Ihr schmerzlicher Blich ein zweifelhaftes Schütteln des Hauptes drängten den Schlußsatz zurück; er schwieg einen Moment, dann sagte er ablenkend: »Die Meinigen sind betrübt, Marieesther, Sie nur noch so selten zu sehen. Warum ziehen Sie sich auch von Ihren ältesten Freunden zurück, gehen immer allein, da so Viele Sie lieben? Ich weiß, meine Schwestern haben nicht Ihre Bildung, sind dem Geiste nach nicht Ihres Gleichen, aber Sie meinen es herzlich; und ich, Marieesther –«

Sie stand unbeweglich, das Gesicht den Scheiben zugewendet; er ergriff ihre Hand: »Liebe Marieesther!« flüsterte er mit innigem Ton, hielt aber betroffen inne, denn er fühlte, wie sie plötzlich zusammenschreckte. Seine Blicke folgten den ihren, welche auf eine unter dem Fenster vorübergleitende Gestalt geheftet waren. Ein junger Mann in dunkler geistlicher Tracht öffnete dicht neben dem Hause die Pforte des Kreuzgangs und schritt denselben entlang, der den südlichen Arm des Kirchenkreuzes bildenden Sacristeikapelle zu. Urban schwieg, bis er ihren Augen entschwunden war, dann fragte er mit mühsam bewältigter Aufregung: »Kennen Sie diesen Mann, Marieesther?«

»Nein, nein!« versetzte sie mit einer heftig abwehrenden Bewegung. »Aber lassen Sie mich, Urban, um des Heilands willen, kein Wort weiter jetzt. Gehen Sie, ich bitte Sie, lassen Sie mich – lassen Sie mich allein!«

Urban unterdrückte das Bekenntniß, das auf seinen Lippen geschwebt hatte, er verließ Zimmer und Haus, in stürmischer Erregung an dem eben aus dem Garten zurückkehrenden Freunde vorübereilend. Marieesther war auf den Stuhl am Fenster gesunken, das Gesicht mit beiden Händen verhüllend. Sie sah nicht, daß der Vater ihr gegenüberstand und in innerlichem Kampfe zwischen Reden und Schweigen sie eine Weile beobachtete.

»Du bist erschüttert, Marieesther,« so weckte er sie endlich aus ihrer Versunkenheit, »Urban ging von Dir in lebhafter Aufregung, – es ist zu einer Aussprache zwischen Euch gekommen und – Du hast ihn von Dir gewiesen, meine Tochter?«

Sie antwortete nicht, er schüttelte traurig den Kopf.

»Hast Du Dein Nein geprüft, wirst Du es nicht eines Tages bereuen, Marieesther?« fragte er von neuem.

Sie blieb unbeweglich, der Vater fuhr fort: »Ein Mann von Bildung und seltener Wärme des Herzens, begütert und wohlberufen, bietet Dir seinen Schutz, der Tochter eines geächteten Vaters bietet er einen ehrenvollen Wirkungskreis, Wohlstand und beglückende Pflichten. Schon die Dankbarkeit hätte für ihn sprechen sollen, die Achtung vor seiner wandellosen Treue, oder hättest Du, wüßtest Du –«

»Nein, nein,« unterbrach ihn Marie gepreßt, »er meint es gut und treu, ich weiß es, aber – aber –«

»Aber – er ist Deines Vaters – Freund!« ergänzte der Vater mit bitterem Klang und wendete sich nach der Thür.

Ein banger Laut entrang sich der Tochter Brust, sie stand einen Augenblick wie gelähmt, flog dann nach der Thür und warf sich überwältigt in des Vaters Arme: »Vergieb mir, Vater,« rief sie ans, »habe Geduld mit mir. Ich will mich bedenken, morgen – morgen –«

Der Vater hielt sie eine Weile schweigend an seinem Herzen, strich einige Male mit der Hand über ihr braungelocktes Haar und verließ mit einem wehmüthigen Ausdruck das Zimmer. Marieesther folgte ihm bis an die Schwelle und blickte ihm nach, wie er die Treppe hinanstieg nach dem oberen Stockwerk, in welchem die Versammlung stattfinden sollte. Sie schien unschlüssig, ihm zu folgen, that einige Schritte, hielt dann inne, ging von neuem. Die Hausthür öffnete sich, die ersten Theilnehmer traten ein, Andere folgten rasch hintereinander: fremde, gleichgültige Gesichter, laute, aufgeregte Stimmen.

Marieesther wendete sich um, zog die Zimmerthür hinter sich zu und wankte auf ihren Platz am Fenster zurück. Sie drückte das heiße Gesicht gegen die Scheiben und blickte hinüber nach dem Dom.

*

Der Kreuzgang, der die Sacristeikapelle mit Severins Curie verbindet, umschließt den Friedhof der einstmaligen Bischöfe des Domes. Die alten Ulmen, welche im Sommer diesen kleinen, freien Raum überwölben, standen noch unbelaubt, aber der immergrüne Epheu rankte sich an dem grauen Gemäuer in die Höhe und eine frühlingsfrische Rasendecke, von einem schmalen Streifen des Abendgoldes überglänzt, breitete sich zwischen den verfallenen Monumenten. Drinnen wurden die Kirchenlampen angezündet zum letzten abendlichen Gottesdienst in der Passion. Ein Fenster nach dem anderen erhellte sich, ein zauberisches Licht fiel auf die Pfeiler und Gebilde des wunderbaren Baues, der in dieser zweifachen Beleuchtung von Außen und Innen, in dein Contraste nächtiger Schatten und purpurvioletten Glanzes schien lebendig geworden und wie beseelt dem jungen Mädchen gegenüber ragte. Und nun ertönte die Orgel, Menschenchöre und die volle Stimme des Predigers vom Altar in liturgischem Wechsel drangen in ihr Ohr. Sie öffnete das Fenster; durch ihre Seele zog es wie ein Heimweh.

Jahre waren vergangen, seit sie in keinem Gotteshause gebetet, die Feierstunden entbehrt hatte, die ihre Kindheit durchgeistigten. Nicht in einem Tempel wie diesem; in einer kleinen schmucklosen Dorfkirche, unter einfachen Landleuten, an der Seite der frommen Mutter und ihrem Andachtsplatze gegenüber der Vater in seiner Manneskraft, mit der apostolischen Gestalt, mit dem apostolischen Wort, das scheinbar für diese Räume zu hoch und voll, dennoch ergreifend auch auf die beschränkten Zuhörer wirkte. Und später, jenem friedlichen Schauplatze entrückt, hier in dieser Stadt, unter einer Gemeinde, berauscht, gewaltsam in die Höhe getrieben, in immer dichter und dichteren Schaaren sich um den kühnen Redner drängend, der von dem Stachel der Zeit gespornt, lange drückende Fesseln eine nach der anderen sprengt, Schritt für Schritt weiter treibt und getrieben wird, Geistliches mit Weltlichem verwirrend, Schranke für Schranke niederreißt und endlich der äußeren Gewalt einen äußeren Bruch entgegensetzt.

Das junge Mädchen vermochte nur bebend diesen Erinnerungen zu folgen, die Bilder scheuchten sich schwarz in schwarz; sie sah den Vater angeklagt, gemieden, verhöhnt, verfolgt, sah die Mutter sich in ihren Thränen verzehren, sah sich selber dem theuren Sarge folgend, wie er von Friedhof zu Friedhof zurückgewiesen, von einer gaffenden, lärmenden Menge bedroht, von Polizeimannschaften überwacht, eilig und ohne Feier durch die Straßen gekarrt, endlich in einem Winkel zwischen Mördern und Selbstmördern die letzte Ruhe fand. Marieesther schauderte. »Zwischen Nesteln und Disteln blühen meine Rosen!« murmelte sie und stand, sie wußte nicht wie sie hinüber gekommen, in der Pforte des Kirchengangs.

Eine unwiderstehliche Sehnsucht hatte sie getrieben. Sie meinte, ihr müsse wohl werden, wenn sie nur einmal wieder den Blick in das Heiligthum ihrer Kindheit werfen dürfe. Schritt für Schritt wankte sie vorwärts, an dem kleinen, öden Bischofshofe vorüber, zögernd, innehaltend, wieder einen Schritt. Die Stimme des Predigers drang zu ihr heraus, deutlich, jedes Wort vernehmlich. Das war nicht ihres Vaters ruhig fortgleitende, fortwirkende Art: schmucklos, aber vielgestaltig, eines aus dem Anderen entwickelnd, die Zweifel dem Gedanken folgend und die Gedanken dem Zweifel. Das waren wechselnde, glühende Bilder, Worte, gleich Flammen in die Herzen schlagend, bald von Zorne bebend, bald in leise lispelndem Flehen. »Christus oder Barnabas!« dröhnte es in ihr Ohr gleich Posaunenklang, als sie schwankend wie eine Verbrecherin vor der halbgeöffneten Pforte stand und sich zitternd an die kalten, feuchten Steinmauern klammerte, um nicht zu Boden zu sinken.

Da, wo die beiden Kapellen des Kirchenkreuzes das Mittelschiff von dem hohen Chore trennen, ihrer Pforte gegenüber erhob sich die Kanzel. Sie sah die dunkle Gestalt des Predigers schattenartig lebhaft sich bewegen, sich beugen und neigen, seine Arme sich ihr entgegenstrecken wie zum Wink. Sie wagte sich über die Schwelle, einen Fußbreit und noch einen und wieder einen hinunter in das düstere, einsame Seitenschiff. Im Mittelraume Kopf bei Kopf. Die drängende Versammlung, die dem neuen eifrig und strengfordernden Redner zuströmte, wie sie vor kurzem ihrem Vater als einem Befreier zugeströmt war, das bleiche Dämmerlicht, das die Hängelampen zwischen den Pfeilern über die dunkel verhüllten Gestalten warfen, die ernsten Klänge des Bußchorals, alles dieses machte einen überwältigenden Eindruck auf das junge Mädchen, das einsam im Schatten an dem Pfeiler lehnte und von eisigen Schauern geschüttelt, die Knie unter sich wanken fühlte.

Und nun stieg der Prediger von der Kanzel herab, nun trat er an den Altarplatz dicht vor dem Chor, ihr so nahe, daß sie die Gestalt, die Züge selber zu unterscheiden vermochte, die sie schon so oft von ihrem Fensterplatze auf dem Gange über den Bischofshof mit Sehnsucht und heimlichem Herzweh, ja mit dem Neide eines Beeinträchtigten beobachtet hatte. Die hohen Altarkerzen wehten ein blendendes Licht auf das gescheitelt und lockig über das schwarze Gewand niederwallende, goldhelle Haar, – die feinen, jugendlichen Züge, die großen, lichtblauen Augen, die bleichen, von frühem Eifer verzehrten, im Augenblick scharfgerötheten Wangen, – so hatte das Bild des Johannes in fast typischem Ausdruck sich ihrer Vorstellung eingeprägt.

Noch tönte die Orgel und die letzte Strophe des Bußliedes, als der Prediger sich in stummem Gebete vor dem Altare auf die Knie warf. Durch die Gemeinde rauschte eine unruhige Bewegung, gespannte Neugier fesselte die Blicke, man erhob sich von den Sitzen, man flüsterte und wechselte verstohlene Zeichen. Die gottesdienstliche Zerknirschung schien plötzlich vergessen, das Publikum erwartete eine Scene. Eine unheimliche Ahnung bebte durch der Lauscherin Brust, sie hätte fliehen mögen, aber ihre Füße wurzelten im Boden, ein unseliger Krampf hielt ihre Glieder gefesselt. Und nun verhallte die Orgel, nun erhob der Priester, noch immer auf seinen Knien, die Stimme zum Gebet für alle noch nicht Berufenen und für alle abtrünnigen, verlorenen Seelen.

»Ewiger, erbarme Dich,« so flehte er zum Schluß, »an dem Tage, wo Du verrathen wardst, Allerbarmender, erbarme Dich auch über die, so Dich heute schnöder als damals verrathen; über die, so im Angesichte Deines Hauses in dieser Stunde selber Deine Barmherzigkeit verhöhnen; erbarme Dich über die verirrte Heerde und ihren treulosen Hirten – Zacharias Severin!«

Bei diesem Namen zuckte es durch die Glieder des unglücklichen Kindes gleich einem elektrischen Schlag, ein dumpfer Schrei entrang sich ihrer Brust, wie von Dämonen gejagt stürzte sie aus der Kirche; aber kaum daß sie deren Schwelle überschritten, brachen ihre Knie, halb besinnungslos sank sie auf einem Grabstein des Bischofshofes zusammen. Ihr Herz drohte zu zerspringen, sie hörte das Schlagen ihrer Pulse, der kalte Schweiß eines tödtlich Geängsteten tropfte von der Stirn, dumpfes Röcheln drängte sich aus ihrer Brust.

So lag sie lange; sie wußte nicht, wie lange; Thränen lösten endlich ihre Bangigkeit, sie weinte wie ein Kind, das auf einsamen winterlichen Wegen irre gegangen ist und die Spur der Heimath nicht wiederfinden kann. Die Kirchenlichter waren nach und nach verlöscht, ohne daß sie es bemerkt hatte, nur aus dem Fenster der Sakristei fiel noch ein heller Schimmer in das Kreuzgewölbe, rings umher kein Laut, kein Tritt, alles grabesstill; Marieesther lag noch immer in convulsivischem Schluchzen auf dem verfallenen Monument.

»Wer weint hier?« fragte plötzlich eine Stimme dicht an ihrer Seite.

Diese Worte gaben ihr die Besinnung wieder; es war derselbe Klang, der eben alle guten und alle bösen Geister in ihr wach gerüttelt hatte, ohne daß sie in dem chaotischen Kampfe ihre Forderungen zu unterscheiden vermochte.

»Wer weint hier?« fragte der Domprediger Johannes Bertram noch einmal und hinter dem hohen Steine die regungslose Gestalt gewahr werdend, beugte er sich über sie mit den Worten: »Sind Sie krank? Leiden Sie?«

Der Strahl des Vollmondes, der in diesem Augenblicke über den Giebeln der begrenzenden Curien hervorleuchtete, fiel auf ein todtenbleiches, schönes, ihm völlig fremdes Mädchenangesicht. Aber nur ein einziger Strahl, denn mit einer jähen Bewegung riß sich Marieesther empor, und bevor er, eiligen Schrittes folgend, die Kreuzgangspforte erreichte, sah er sie in dem Hause des Abtrünnigen verschwinden, für dessen Begnadigung er vor kurzem gebetet hatte.

Marieesther schloß die Thür, als ob sie sich vor einem Verfolger schützen müsse. Im Flur, allein, athmete sie auf. Von oben herab drang die Stimme ihres Vaters. Sollte sie zu ihm flüchten, bei ihm Beruhigung suchen? Sie lauschte am Fuße der Treppe, sein klangvoll deutliches Wort drang in ihr Ohr. »Natur und Geist,« schwirrte es vor ihrem Sinn, wie es dort drüben »Sünde und Gnade« ihn umschwirrt hatte. Zögernd wendete sie sich um und ging in das untere Zimmer.

Sie war wieder ruhig geworden, sie fühlte, daß sie sich zusammenraffen, ihrem Vater das aufregende Erlebniß verbergen müsse. Hatte sie sich doch seit Jahren an eine innerliche Heimlichkeit gewöhnt, empfand sie doch dieses Verhüllen, dieses Entfremden, unwillkürlich und unüberwindlich, ja schonend und wohlmeinend wie es ihr schien, als die bitterste Pein, als die Pein des Undanks gegen ihren Vater und Lehrer, gegen den milden Führer ihrer Kindheit, ihren geduldigen, nie gekränkten Freund. Sie ging mit hastigen Schritten im dunklen Zimmer auf und, nieder, bis sie oben die Versammlung sich trennen hörte, dann zündete sie eilig Licht, nahm ihre Handarbeit und setzte sich an den Tisch, mit niedergeschlagenen Augen ihren Vater erwartend.

Er trat ein. Auch auf seiner Stirn lagerte eine Wolke. Er hatte gesprochen wie er jetzt immer sprach; weil er nicht mehr schweigen durfte, weil er nicht inne halten durfte in einer Bahn, auf welcher er den äußersten Schritt nicht gescheut hatte, während die Genossen, die ihn rastlos vorwärts gedrängt, weit über sein ursprüngliches Ziel hinaus, täglich um ihn schwanden und nur jene treu verblieben, die ihn niemals verstanden hatten. Die Fackel, die bestimmt war, dem mühsam im Schachte des Gedankens Grabenden zu leuchten, war in die Hände der Krämer gefallen und drohte ihre Buden zu verzehren – oder zu verlöschen. Und zu dieser innerlichen wie äußerlichen Isolirung, zu diesem Unbehagen einer zweideutigen, widerspruchs- und vorwurfsvollen, sprüngigen und brüchigen Existenz nun der quälende Anblick seines einzigen Kindes in dem Kampfe einer zweifältigen Treue und Treulosigkeit, der nagende Eindruck eines friedenlosen, bodenlosen Vaterhauses für Eine, die auf seinen Schutz gewiesen, die Mahnung an ein vielgeliebtes Weib, das im gleichen Kampfe ehrfürchtiger und zärtlicher Gewöhnung unterlegen war, – o, wie gern wollen wir glauben, daß die starke, natürliche Kraft dieses Mannes sich nur noch im Trotze aufrecht erhielt.

Er hatte die Worte »Wahrheit und Freiheit« auf das Panier geschrieben, unter welchem er den Guten gerecht und den Bösen ein Widerstand zu werden geglaubt und sich daher gewissenhaft enthalten, seine Tochter, wie früher deren Mutter, an seine Consequenzen zu fesseln. Sie waren niemals öffentlich aus ihrem Heiligthum getreten, hatten, seitdem er sich mit seinen Freunden von demselben losgerissen, keiner seiner Versammlungen beigewohnt, keine seiner Ceremonien getheilt, hatten sich formell nicht einem Verbande eingereiht, dem er, und das war der Punkt, wo sein Irrthum eine Lüge wurde, die Bezeichnung eines religiösen retten wollte, da er doch kaum die Elemente eines Lehrenden in sich trug und nach dem Bildungsgrade stiller Hörer in sich tragen konnte. Ungeachtet dieser Freiheit aber waren Weib und Kind dem Wesen nach in sein Verhängniß und in eine doppelte Halbheit hinübergerissen worden, hatten sie, da sie den Vater nicht zu lassen, ihn nicht öffentlich zu verleugnen vermochten, ihre ehrfürchtigen Gewöhnungen meiden und deren durch Entbehren gesteigertes Bedürfniß in die Stille des Herzens zusammendrängen müssen. Den Zwang dieses Schicksals, dem die Mutter erlag, den erkannte er heute Abend von neuem, ja heute deutlicher denn je in der Tochter fieberisch leuchtendem Auge, in dem Drucke ihrer kalten, zitternden Hand, in ihrem kargen, mühsam hervorgepreßten Wort. Er sah sie der Ruhe bedürftig und verließ sie nach kurzem Beieinander.

Aber Marieesther fand diese Ruhe in ihrer Kammer nicht und es würden uns die Worte fehlen, den Zustand des armen Kindes zu schildern in jener Nacht, wo wir den bittersten Kampf des Heiligen, den Kampf der Treue gegen die Untreue, mitleidend und reuevoll zu feiern gewohnt sind. Auch in Marieesther war es ein Kampf der Treue, ein Schwanken zwischen Liebe und Abscheu, dem sich, wenn auch in seiner vollen Bedeutung noch nicht hervortretend, ein neuer Stachel angesetzt. Der mächtigen Persönlichkeit des Vaters hatte sich zum erstenmale eine andere persönliche Macht gegenübergestellt, menschlich und priesterlich anziehend, abstoßend zu gleicher Zeit.

Marieesther dachte am folgenden Tage nicht daran, daß sie dem Vater in einer hochwichtigen Angelegenheit eine Erklärung schuldig sei und auch der Vater war ferne davon, diese Erklärung zu fordern, so sichtlich waren die Spuren dieser leidvollen Nacht ihrem Wesen aufgedrückt. Er beschränkte sich auf seine gestrige Mahnung zu einem freieren, geselligen Verkehr. Aber heute lebhafter noch als gestern sträubte sich Marieesther, diesem Rathe zu folgen; es war Charfreitag, sie blieb allein und entschloß sich erst am Spätnachmittage zu einem ernsten, einsamen Gange.

*

Nach Art mehrerer mittelalterlicher, norddeutscher Plätze ziehen sich die Gottesäcker auch bei uns wie ein schmaler Gürtel rings um die Mauer der inneren Stadt. Als die unmittelbare Einfriedigung der Gotteshäuser, die eigentlichen Kirchhöfe, dem räumlichen Bedürfnisse nicht mehr genügte, hatte man die nächste freie Umgebung gewählt, um die Todten in der Nähe der Lebenden und in deren tägliches Treiben hineinragend, zu beherbergen. Wie dann später die Vorstädte sich anreihten, wurde aus der Grenze ein Band, der Sinn gewöhnte sich an die ernste Umgebung, ihre mahnende Bedeutung stumpfte sich ab, der Weiheplatz, der mit der Einsamkeit den besten Theil seines Adels eingebüßt hatte, wurde ein sorgfältig gepflegter Garten, in welchem ein Jeder sein besonderes Plätzchen hegt und schmückt, ihn als nächsten Verbindungsweg zwischen den Thoren benutzt und auf diese Weise, recht eigentlich im Sinne unseres Menschenlebens, an Gräber streift, wenn er Freiheit und Erholung sucht.

Aber im Laufe der Zeiten haben auch diese Räume nicht mehr für das letzte Erdenbedürfniß ausgereicht, und so finden wir jenseit der Vorstädte, mangelhaft oder gar nicht eingehegt, die Friedhöfe der Armen eines jeden der Kirchspiele, zerstreute, schmucklose Parcellen, die als Bleichplätze wirtschaftlichen Zwecken, ja den Heerden als Weide dienen und den umgebenden Gärten eine unheimlich empfundene Nachbarschaft sind.

Nach dem elendesten dieser grünen Winkel, keinem bestimmten Gemeindeverbande angehörig, Obdach- und Heimathlose, Verbrecher und Selbstmörder, alle die Unglücklichen bedeckend, denen keine liebende Sorge, kein Gewohnheitsrecht die letzte Stätte bereitet, dahin lenkte Marieesther jetzt den Schritt, zu dem Grabe ihrer vielbeweinten Mutter.

Die Natur war liebreicher als die Menschen gegen die Gräber der Vergessenen gewesen; ein zartgrüner Rasenteppich, mit Veilchen und Anemonen durchwebt, breitete sich über die eingesunkenen Hügel, Flieder und wilde Rosen, freiwillig dem Boden entwuchernd, sproßten im ersten frischen Laub, Vögelchen bauten im Zaun und lockten mit sehnsüchtigem Laut, wo die Menschenstimmen schwiegen. Am Eingange begegnete Marieesther einem Trupp armer Hospitaliten in gleichförmiger, sauber unscheinbarer Tracht, wie sie einen Mitbruder zur Ruhe getragen hatten und mit dem Todtengräber lachend und plaudernd zurückkehrten.

»So verschwindet ein Leben ohne Spur, ohne letzten Liebesblick, ohne gläubigen Scheidegruß, so schwindet ein Jeder und findet am Ende die ersehnte Ruhe!« sagte Marieesther mit schneidendem Weh, als sie zwischen Gestrüpp und Unkraut dem schmalen Pfade bis in den Winkel der Verbrecher, der die Frau des Renegaten aufgenommen hatte, folgte. Die Sonne war im Verscheiden, ihre letzten Strahlen fielen glänzend auf die Lettern des schwarzen Eisenkreuzes über dem epheuumrankten, umgitterten Grabe. Marie setzte sich auf die Ruhebank, die sie neben demselben hatte errichten lassen, und schloß die Augen in unaussprechlichem Sehnen. Wie oft in den zwei Jahren, seit dem Scheiden des treuesten Herzens, war sie an diese stille, gemiedene Stätte geflüchtet, und mit dem kümmerlichen Troste: »Wie lange noch, und Alles ist im Frieden gleich ihr!« in das friedlose Vaterhaus zurückgekehrt. Heute aber sollte sie nicht zu diesem zeitweisen Abschlusse gelangen, denn kaum daß sie einige Minuten geruht hatte, als leise Menschentritte, von dem weichen Rasenboden gedeckt, sie aus ihrer Versunkenheit aufscheuchten. Mit einem Schrei der Angst fuhr sie in die Höhe, im priesterlichen Ornate, von der Bestattung des Armen zurückkehrend, stand der Mann von gestern Abend ihr gegenüber, dessen Gebet noch immer in ihrem Ohre wiederhallte gleich einem Spruche der Vernichtung.

Auch er schien betroffen und schwankend, da er die bleichen Züge wiedererkannte, die ihm ein flüchtiger Mondesstrahl offenbart hatte, als aber Marieesther an ihm vorüber entweichen wollte, trat er ihr in den Weg, ergriff ihre Hand und sagte mit priesterlicher Autorität: »Bleiben Sie. Es ist kein Zufall, der mich Ihnen zum zweitenmale auf einem Grabe gegenüber führt.«

Von allen Empfindungen, welche bei dieser unerwarteten Begegnung Marieesther's Seele bestürmten, war es das Erbtheil ihres Vaters, der Stolz, der ihr die Kraft gab, aufrecht auszuharren. Sie zog ihre Hand hastig aus der seinen und auf den Namen des Kreuzes »Maria Severin« deutend, sprach sie nichts als: »Meine Mutter!«

Johannes Bertram neigte wie im Verständnis das Haupt.

»Eine Verwaiste an Leib und Seele,« sagte er, »ein unglückliches Kind sucht Frieden an heiliger Stätte heute hier – gestern dort – –«

»Und findet Haß und Hohn,« murmelte Marieesther.

»Sie lästern,« rief der junge Mann mit zornigem Blick.

»Er ist mein Vater und ich war im Dom,« versetzte sie.

»Welches Wunder soll den Irregegangenen zurückführen, als das der Liebe im gläubigen Gebet?«

»Der Liebe sagen Sie? Der Liebe, ja! Ich aber, ich hörte einen Fluch.«

»Noch einmal, Sie lästern! Die Liebe, die Sie meinen, hat allenfalls Macht über das Herz, nicht über den Geist. Die da unten schläft, vermochte ihre Liebe den Geliebten vom Abfall zurückzuhalten? Auch Sie lieben ihn, unglückliches Kind, und Ihre Liebe – –«

»Recht, daß Sie mich mahnen – meine Liebe soll ihn trösten und heilen, wo die Welt ihm neue Wunden schlägt.«

»Und warum zittern Sie denn und zagen? Die Liebe, die hilft, macht stark und beherzt; warum suchen Sie Kraft an der Stätte, deren Weihe er zu verleugnen lehrt?«

Marie sank auf die Bank zurück; die Gegenrede versagte ihr; ihre Schwäche war entlarvt, ihr Stolz gebrochen, ihr ganzes Wesen in Aufruhr. Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Der Prediger stand ihr gegenüber an das Kreuz gelehnt; es war wie eine Stimme aus dem Grabe, oder aus einem höheren Reiche, die mit durchbohrenden Worten in ihre Seele drang. Der Abend war hereingebrochen, der Mond stand voll am Himmel; kein Hauch, kein Laut in dem öden Gehege, nur die Nachtigall im Busch mischte die Lockungen der Erde mit der ernsten Himmelsmahnung.

In diesem Zwiespalt der Seele und der Sinne erhob sie sich endlich und wendete sich stumm dem Ausgange zu. Der Prediger folgte dicht hinter ihr auf dem schmalen Pfaden Auch er schwieg jetzt. Als sie aber die verwilderte Hecke erreichten, welche den Friedhof von der Fahrstraße trennt, faßte er noch einmal nach ihrer Hand und fragte mit dringender Wärme: »Werden wir uns wieder begegnen im Hause der Gnade?«

»Werden Sie wieder für den Abtrünnigen beten?« entgegnete sie rasch.

»Im Geiste – mit Ihnen – will es Gott.«

«Nicht laut, nicht öffentlich?«

»Passion und Buße sind vorüber, wir harren der Auferweckung, – nein.«

Er drang noch einmal in sie, entschlossen und unwiderruflich dem Zuge der Gnade in ihrem Herzen zu folgen, als ein reuiges Kind in die Arme der erbarmenden Mutter zurückzukehren, als er aber sah, daß der Widerspruch ihres natürlichen Gefühls unüberwindlich war, sagte er nach einer sinnenden Stille: »Nun wohlan, so schöpfen Sie mit verhülltem Angesicht an dem Borne des Heils, lauschen Sie dem ewigen Worte, jedem Auge verborgen als dem der erbarmenden Gottesliebe. Eines Tages, der Durst Ihrer Seele gestillt, wiedergeboren, ein neuer Mensch, werden Sie den Muth gefunden haben, die Treue für Ihren ewigen Herrn gegen den zeitlichen Vater zu bekennen. Bis dahin harren wir in Geduld und Gebet. Ein Schritt aus Ihrem Hause und Sie stehen an der Pforte des Kreuzgangs. Ich allein gehe diesen Weg. Ein vergitterter Beichtstuhl hart an der Thür verbirgt Sie jedem Blicke, auch dem meinen. Aber ich werde Ihre Nähe spüren; gleich einem magnetischen Strom wird das Gebet unsere Seelen verbinden, Marieesther, ich erwarte Sie!«

Sie riß sich von ihm los und eilte nach der Stadt wie ein gejagtes Reh. Ein Rausch, ein Fieber, ein ruheloser Geist, wallte und glühte in ihrem Hirn. Den ganzen anderen Tag wandelte sie wie im Traume; der Schritt war hastig, jede Bewegung ein Zittern.

Und am Ostermorgen saß sie in dem dunkelgeschnitzten Gitterstuhle hinter dem Pfeiler und lauschte der Predigt der Auferweckung, die nur für sie gepredigt, zu ihrer Belebung aus der Seele zu strömen schien. Sie wußte, daß Bertram sie nicht sehen konnte, dennoch fühlte sie seinen Blick den ihren suchend durch die Gitter dringen und als er auf dem Wege nach der Sakristei an ihrem Versteck vorüberschritt, begegnete sie seinem Auge und schlug mit heißem Erröthen das ihre zu Boden.

Wenige Schritte und sie stand wieder vor der Thür ihres Hauses. Der Vater war noch nicht aus der Versammlung zurück, er hatte ihre Abwesenheit nicht bemerkt. Aber ein Anderer trat ihr auf ihrer Schwelle entgegen: Hellmuth Urban, mit bleichen Zügen und schmerzlichem Blick. Er fragte nicht, woher sie komme, aber sie wußte, daß sie einen Zeugen gehabt habe.

»Ich mußte, ich mußte!« flüsterte sie, die gefalteten Hände vor ihre Brust gedrückt.

»Die Liebe wird siegen,« antwortete er eben so leise, setzte sich an das Fenster und erwartete des Vaters Rückkehr, ohne weiter ein Wort mit der Tochter zu wechseln.

Als Marieesther in der Dämmerstunde allein in ihrem Zimmer war, empfing sie einen Brief, den sie zitternd erbrach und las. – Mit schlagendem Herzen eilte sie noch am nämlichen Abend aus ihrem Hause und legte die Antwort hinter das Grabmonument des Bischofshofes, aus welchem sie vor kurzem in tödtlichem Kampfe gerungen hatte.

Und so war denn ein Verhältniß eingeleitet, das, göttliches und menschliches Bedürfen, irdisches und überirdisches Hoffen ineinanderziehend, für das einsame nach Hingebung schmachtende Mädchen alle Reize des Heimlichen, Gefährlichen, ja des Wunderbaren in sich verband, und sich ihres ganzen Wesens bemächtigte. Die Mahnungen des priesterlichen Lehrers, nach und nach, halb und halb, vielleicht unbewußt in die Töne menschlicher Liebe hinüberklingend, drängten sich; die demüthig rathlosen, dankbar unterwürfigen, dann wieder zögernden, zagenden, um Aufschub flehenden, immer aber von innerer Bewegung zitternden Antworten der Schülerin folgten ihnen und die regelmäßige Erbauung im vergitterten Beichtstuhl brachte die Kämpfe der Woche zu einem sabbathlichen Abschluß.

*

Wochen waren auf diese Weise vergangen. Der Vater, wenn auch nach Außen und Innen viel beschäftigt und die einsame Muße seiner Tochter selten unterbrechend, bemerkte mit steigender Unruhe eine Veränderung, deren nächste Anlässe er nicht zu beobachten und nicht zu ergründen vermochte. Marieesther's schwärmerisch sinnige Gemüthsanlage bei ihrem Verhältnisse zu ihm selbst, wie bei dem zu der Welt schienen ihm hinlänglich Grund für ihre sich täglich steigernde Reizbarkeit und fieberhafte Bewegung. Ihre Formen verloren an elastischer Rundung, die schlanke Gestalt schien noch höher gewachsen; die matte Blässe der Wangen wechselte mit einem jähen, scharf umgrenzten Roth, die Augen waren weiter geworden und strahlten von innerlichem Feuer, ihr ganzes Wesen durchleuchtete ein seelischer Schimmer, der den Reiz ihrer Schönheit erhöhte, aber nicht mit Unrecht für Kraft und Erhaltung Sorge tragen ließ. Auch ihre Stimmung wechselte in raschen, unberechenbaren Uebergängen. Empfand der Vater in diesem Augenblicke mit Schmerz ihre scheue Entfremdung, so sah er im nächsten in leidenschaftlicher Zärtlichkeit, ja, wie in reuevoller Zerknirschung, seine Hände mit Küssen und Thränen bedeckt, sah sie in dienstbarem Eifer für sein Wohlbefinden sich überbieten. Dann plötzlich ein Fliehen und in sich Zurückkehren, ein eisiges Erstarren. Für den Rath eines Arztes gebrach der Anhalt, Marieesther klagte nicht, im Gegentheil, sie beharrte dabei, sich niemals wohler gefühlt zu haben. Der Vater aber täuschte sich nicht, daß ein Wechsel der Lebensweise, der räumlichen Umgebung mindestens dringend geboten sei, um das Verzehren von Innen nach Außen zu hindern.

Außer dieser höchsten Sorge noch von mancher anderen beschwert, welche sein sich immer widerwärtiger gestaltendes Berufsleben mit sich brachte, war er an einem Nachmittage ausgegangen, um im Freien Beruhigung zu suchen, als er auf dem Markte den Assessor Hellmuth Urban aus seinem Elternhause treten sah. Der junge Mann hatte in den letzten Wochen wohl die alte Curie, nicht aber den Umgang seines Freundes, sobald sich außerhalb Gelegenheit fand, gemieden, weniger gemieden als, wie wir wissen, es Severin lieb war. Auch heute bog er, einer Begegnung ausweichend, in eine Seitengasse ein, hatte aber das Thor noch nicht erreicht, als Urban an seiner Seite stand, und ihm herzlich die Hand bietend, um die Erlaubniß, ihn zu begleiten, bat. Severin schützte Geschäfte vor und machte Miene umzukehren, der Andere aber sagte heiter:

»Wozu diese Ausflüchte, werther Freund? Weiß ich doch, daß Sie zu Ihrer Erholung ausgegangen sind.«

»Und wozu diese Demonstration, junger Mann?« entgegnete Severin ernst. »Weiß ich doch, daß eine Verwarnung von maßgebender Stelle Sie vorsichtiger in Ihrem Umgange machen sollte?«

»Wissen Sie so viel,« versetzte Urban lachend, »ei freilich, so müssen Sie auch mehr, müssen Alles wissen, Verehrtester. Müssen mich mit sich nehmen, um zu erfahren, daß ich keine maßgebende Stelle, nicht Chef noch Collegium mehr anzuerkennen habe, die mich um meines Umgangs willen verwarnen dürften, daß ich um meinen Abschied eingekommen und ein freier Mann geworden bin, lieber Severin.«

Severin stand wie vom Donner getroffen, eine tödtliche Blässe überzog sein Gesicht. »Um meinetwillen, wieder um meinetwillen!« murmelte er nach einer Pause. Urban aber ergriff seinen Arm und indem er ihn in heiterster Stimmung aus dem Thore zog, fuhr er mit folgenden Worten in seiner Aufklärung fort:

»Klagen Sie sich nicht an, mein Freund, im Gegentheil, wünschen Sie mir Glück, daß ein letztes unscheinbares Körnchen des Verdrusses die Schaale sinken ließ und eine lange drängende Entscheidung zum Abschluß brachte. Die Angelegenheiten meines Hauses heischen den Blick und die fördernde Hand eines Mannes. Mein guter Vater willigte nur ungern in meinen Studienplan. Sein plötzlicher Tod hätte mich schon vor Jahr und Tag an die Spitze eines Geschäftswesens berufen sollen, dessen Verzweigung den Händen meiner im übrigen so tüchtigen Mutter zu künstlich geworden war. Ich mochte damals nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Jetzt, da der letzte Examen zurückgelegt ist, scheidet sich's leichter und ehrenvoller. Auch bereue ich die geopferte Zeit nicht als eine vergeudete, sie wird mir bei jedem gemeinbürgerlichen Amte von Nutzen sein, und ich hoffe den Tag zu erleben, wo sie mir auch noch in einem weiteren Forum gute Früchte bringen soll. Was man beurtheilen will, muß man betrieben haben, und Gesetze werden nicht aus der Luft geschnitten. Für den Augenblick aber und bis zu jener erwarteten guten Zeit, denke ich ausschließlich und mit Leib und Seele Landwirth, Fabrikant und mein eigner Herr zu sein.«

Severin drückte schweigend die Hand des jungen Mannes, der seine Rede also zu Ende brachte:

»Die Sache ist also abgemacht. Wir legen gegeneinander, Sie den Beamteten, ich den Prediger zu den Akten, die wir nicht ferner berühren. Wir bleiben uns treu und freund. Sie sehen mich zufrieden und leichten Herzens, meine Mutter weint vor Freude, die Schwestern jubeln, und wenn es meinem braven Vater gegönnt ist, in sein urelterliches Haus am Markte zurückzublicken, wird er den Entschluß segnen, der dessen Bestand aus eine fernere Generation verbürgen soll.«

Sie hatten während dieser Rede den Weg durch die Felder eingeschlagen, welche die Stadt in weiter Ausdehnung bis zu den begrenzenden südwestlichen Höhenzügen umgeben. Von dem Kamme dieser Hügelkette öffnet sich der Blick in das Gebirge, besten Ausläufer sie ist und dessen Spitzen, heute noch mit Schnee gekrönt, sie überragen. Dann und wann erhebt sich ein einzelner Kegel aus der im Halbkreis sich hinziehenden natürlichen Vormauer und nach dem höchsten und freiblickendsten, reichbewaldetsten dieser Berge lenkten die Freunde ihre Schritte. Ein Gasthaus an seinem Fuße, nach seiner vormaligen Bestimmung »der Jägerhof« genannt, der weiteren Entfernung halber von Städtern aber wenig besucht, sollte als Ruhepunkt dienen, ehe der Berg bestiegen wurde; also schlug es der junge Fabrikherr vor, und sein ernster Weggenosse willigte ein.

»Ja, lieber Urban,« sagte dieser nach einer Pause, da er schweigend neben dem Anderen hergegangen war und nur mit halbem Ohr auf dessen ablenkende Unterhaltung gehört haben mochte, »ja, ich preise Sie glücklich zu einem unzweideutigen Abschlusse und mit Ihrem Streben in eine hoffnungsreiche Bahn gelangt zu sein. O, daß ich Ihnen folgen, mich aus einer Lage reißen dürfte, die sich von Tage zu Tage unleidlicher gestaltet. Die ehemaligen Genossen halten Stand nur noch aus Trotz, die Lauen fallen ab, die Neueintretenden erregen mir Ekel. Geschiedene Ehebrecher, weil sie keinen Geistlichen finden, der in ihrer Kirche ein neues Bündniß einsegnen will –«

»Ein Blumennarr, dessen Jungen der Domprediger nicht ›Geranium‹ taufen will,« fiel Urban ein.

»Ja, es wäre zum Lachen,« fuhr Severin fort, »zum Lachen, wenn es nicht so herzbrechend traurig wäre. Und dennoch, mit den Narren und Schurken ließe sich noch fertig werden. Ein jeder Neuerer, der auf die Guten rechnete, hat noch immer den Troß in den Kauf nehmen müssen; mancher seine Sache durch ihn zu Grunde richten sehen. Das aber, was Tag und Nacht die Seele zerfrißt, der Jammer – Urban – Urban –«

»Unglücklicher Freund!« sagte Urban, ehrliche Thränen im Auge, indem er seine Hand drückte und lange in der seinen hielt. Mühsam gefaßt sprach Severin weiter mit tiefem Ernst:

»Aber ein Weib sterben sehen, dem seine Treue das Herz bricht, ein einziges Kind vor seinen Augen verschmachten sehen, in jedem seiner Blicke zu lesen : ›warum hast Du mir das gethan?‹ junger Mann, junger: Mann, hüten Sie sich vor dem Lichte, das den Starken blendet und dem Schwachen das Herz versengt.«

Eine lange Pause folgte diesem Bekenntnisse, dem ersten und einzigen, das der stolze Mann sich bis heute gestattet hatte.

Urban unterbrach sie zuerst. »Sie müssen diesem aufreibenden Zustande ein Ende machen, mein Freund,« sagte er, »müssen eine Stellung aufgeben, die sich nicht mehr mit der Würde der Zuversicht behaupten läßt.«

»Mit eignen Händen ein Werk zerstören –«

»Das keine Basis hat, und keinen Gipfel haben kann, das, leugnen Sie es nicht in dieser Stunde, niemals hätte unternommen werden sollen.«

»Mein Eigenstes verleugnen –«

»Ihr Eigenstes retten, und nur einen Irrthum verleugnen.«

»Zum zweitenmale – ein Renegat!«

»Heute und immer ein redlicher Mann.«

»Und wohin mich wenden, was beginnen? Alt, arm – und sie – – aber ja, ja, Urban, Sie haben Recht und es wird geschehen, denn es muß geschehen.«

Sie waren im Jägerhofe angekommen und hatten auf einer Bank vor dem Hause Platz genommen. Eine freundliche Wirthin, Urban aus früheren dienstlichen Verhältnissen zu seiner Familie bekannt, wartete ihnen auf; eine ländlich einfache, aber städtisch saubere Umgebung gewährte den behaglichsten Eindruck, während der Blick, meilenweit frei über eine fruchtbare, in Frühlingsfrische prangende, mit Städten und Kirchspielen übersäete Ebene schweifend, sich von den Hügeln zu den Kuppen, von den Kuppen zu dem wolkenlosen Himmel erhob, ein erquickender Waldhauch den Athem erleichterte und die Brust befreite.

»Man kann diese Gegend nicht schön nennen,« sagte Urban, um von dem früheren ernsten Gespräche abzulenken. »Es fehlt ihr das Wasser, der Hügelrücken ist nicht malerisch geschnitten, dennoch wird man nicht müde, in ihr zu weilen. Es liegt etwas Gesundes, dem Menschen Zuträgliches in diesen Umgebungen und das Bewußtsein, daß jenseit dieser Begrenzung eine großartigere Region uns gelegentliche Erhebung bietet, übt den Reiz des nur in Weihestunden zu Enthüllenden. Ich freue mich, daß hier meine Heimath ist, daß ich in dieser Nähe meine Werkstätte finden soll, und mir wird immer wohl, wenn ich mich ihrem Gebiete nähere.«

»Ja, die Natur heilt alle Wunden, sogar die, welche wir uns selber geschlagen,« versetzte Severin.

»Ich dachte eben darüber nach,« fügte er nach einer Pause hinzu; »wie heilsam solch ein ländlicher Aufenthalt für meine Tochter sein würde, lieber Urban. Wenn ich den Sommer hindurch hier mit ihr leben, mindestens sie hier unterbringen könnte, bis die letzten unvermeidlichen Kämpfe überstanden sind, vielleicht daß noch alles mit ihr und zwischen uns wieder gut würde.«

Urban ergriff diesen Plan mit Lebhaftigkeit, er schilderte ihn als einen bequem ausführbaren. »Der Raum genügt für die gute Jahreszeit,« sagte er, »Sie gehen morgens Ihren städtischen Angelegenheiten nach, und kehren am Abend regelmäßig zu Ihrer Tochter zurück. Hier wie dort finden Sie nebenbei Zeit und Stille für vorbereitende wissenschaftliche Beschäftigungen.«

Und ohne etwaige Einwende abzuwarten, knüpfte Urban die Unterhandlungen mit der Wirthin an. Zwei freundliche Giebelstübchen wurden in Augenschein genommen, auslänglich erachtet und schnell gemiethet. Bald traten die Freunde in frisch belebter Stimmung den Heimweg an, da Severin es kaum erwarten konnte, seine Tochter durch diesen schnell gefaßten Sommerplan zu erfreuen.

Ein Brief ihres geistlichen Freundes hatte an diesem nämlichen Nachmittage Marieesthers unruhige Zweifel auf das Peinlichste gesteigert; sie las und las immer wieder, sie sann und sann immer tiefer, sie wählte, verwarf, und kam weniger denn je zu einem Abschluß. Unbefriedigt durch ihre zaghaft verborgene Genossenschaft verlangte Johannes Bertram eine unzweideutige Kundgebung ihrer geistlichen Heimkehr, beschwor er sie mit priesterlichen und menschlichen Liebesworten zu einem unwiderruflichen Bruch mit ihrer Gegenwart und deren vernichtender Halbheit. Freiwillig von ihrem Vater sich trennend, sich unter den Schutz der ehrwürdigen Bertram'schen Familie stellend, werde sie von dieser mit offnen Armen als ein eignes Kind, als ein verlorenes, wiedergefundenes empfangen, mit doppelter Liebe in ihr gehegt werden, sagte er. Zum erstenmale bat er um eine Unterredung, in der Hoffnung, durch lebendige Gegenwart für das Heilbringende, Beglückende den Ausschlag zu geben.

Das Verlangen dieses Wiedersehens, und das Zagen vor demselben, der Wunsch nach Aufschub, Vermittlung statt eines unheilvollen, unheilbaren Bruches, und das Bewußtsein einer unerträglichen Dauer dieses gegenwärtigen Schwankens, Sehnsucht und Furcht, Liebe nach zwei entgegengesetzten Polen rangen in des jungen Mädchens Seele, als der Vater ihr mit seinem heiteren Vorschlage gegenüber trat. Hier war ein Wechsel, mindestens eine Frist, die Gelegenheit zu unverfänglicher, verborgener Begegnung wurde auf die unerwartetste Weise geboten. Sie willigte ohne Zögern ein, und so sehen wir unsere Freundin schon vor Ablauf der Woche der ernsten Nachbarschaft des Domes entrückt und in das freundliche, weitschauende Giebelstübchen des Jägerhofes übergesiedelt.

*

Ihre nächste Empfindung war ein längstentwöhntes Behagen, so, als ob einem gefangenen Vogel der Käfig geöffnet wird. Sie schweifte in Feld und Wald, zeigte sich ihrem Vater dankbar und mit gerötheten Wangen. Als aber der Sonntag kam, sie das Läuten der dörflichen Kirchspiele, den Ruf der mächtigen Domglocke selber, bis in ihre Einsamkeit dringen hörte und es ohne Aufsehen nicht wagen durfte, diesem Rufe zu folgen, da begann der Zwiespalt von neuem, und als ein Brief des Freundes, ihre Entfernung wie eine Flucht, ihr Fehlen im Gotteshause als einen Abfall mit Schmerz und Vorwurf bezeichnete, da war sie bänger und ungewisser denn je.

Die nächste Woche verfloß in täglicher, stündlicher Erwartung des Freundes. Sie ging in den Wald, in der Hoffnung, ihm zu begegnen, sie eilte in das Haus zurück, in welchem er sie aufgesucht haben konnte. Aber er kam nicht. Hatte er ihr eine letzte Prüfungs- und Entscheidungsfrist aufgelegt? Hatte er sich verzweifelnd von der Unentschlossenen abgewendet? Er schrieb auch nicht, und sie hatte seit dem Tage, da sie die Stadt verlassen, nicht Mittel und Weg gefunden, ihm ein Wort im Verborgenen zukommen zulassen.

Der Morgen des Pfingstsonntags war angebrochen, Marieesther mit dem Frühroth aufgestanden. Sie kleidete sich an in fieberhafter Hast, irrte aus dem Zimmer ins Freie, aus dem Freien ins Zimmer. Durfte sie den verhängnißvollen Kirchweg einschlagen, auf die Gefahr hin, von dem Vater, den erst eine spätere Stunde in die Versammlung rief, vermißt und entdeckt zu werden? Heute endlich sah sie sich unwiderstehlich gedrängt auf den Scheidepunkt zwischen – Natur und Gnade, sagte der Freund – zwischen den Vater und Geliebten, sagte ihr hochklopfendes Herz, und sie stand im Begriffe dem Rufe des letzteren zu folgen, hatte schon eine Strecke auf dem Wege nach der Stadt zurückgelegt, als der Vater auf dem nämlichen Gange sie überholte.

»Recht so, mein Kind!« rief er mit sichtlicher Freude, »dieser Morgenhauch ist eine erquickende Arznei, ein stiller Frühgang in der Natur, die erhebendste Pfingstfeier.«

Marieesther erröthete und schwieg. Mit niedergeschlagenen Augen schritt sie an des Vaters Seite, ohne den Muth zu dem Bekenntnisse zu finden, das ihr Herz belastete. Sollte sie zurück, sollte sie vorwärts? Die Begegnung des Vaters, war sie eine Warnung; der Klang der mächtig ausholenden Domglocke, war sie eine Mahnung?

In dem Augenblicke dieser äußersten Wahl blieb der Vater vor ihr stehen Er sah bleicher noch als sonst, seine Hand bebte leise, als sie die ihre ergriff, und der bewegte Ton seiner Stimme drang ihr ins innerste Herz. »Marieesther,« fragte er, »würdest Du in ländlicher Abgeschiedenheit wie diese, in großer, äußerlicher Beschränkung gern und zufrieden leben können, würdest Du den Vater in ihr wiederfinden lernen, meine Tochter?«

Ihr betroffener Blick begegnete seinem Auge, es stand voll Thränen. Am Sarge der Mutter hatte er nicht geweint, heute weinte er. Marieesther las die Macht seiner Liebe in diesen Thränen und ohne über die Bedeutung seiner Worte völlig klar zu sein, beugte sie sich überwältigt zu ihm nieder, drückte seine Hand an ihre Lippen, an ihr Herz. Der Vater riß sich von ihr los und setzte mit raschen Schritten seinen Stadtweg fort, sie blickte ihm nach, bis er hinter einer Biegung verschwunden war, die letzten Glockenklänge verhallten im leisen Morgenwinde – sie folgte ihrem Rufe nicht.

Aber heimkehren, ruhen konnte sie auch nicht, ach sie hätte laufen mögen an das Ende der Welt. Achtlos, bog sie zwischen dem Berge und Hügelrücken in eine Schlucht, die sie noch auf keiner ihrer Wanderungen betreten hatte. Sie ging mit heftigen Schritten gleichgültig gegen Zeit und Gegend.

Die Schlucht, sich allmälig zum Thale erweiternd, umzieht im Halbkreise den Berg, an dessen Fuße der Jägerhof liegt, und mündet jenseitig in eine zweite schmälere Ebene, von dem Gebirge begrenzt, von einem rauschenden Waldwasser durchströmt. Marieesther stand am Ausgange des Thales, als, sie wußte nicht, wie lange sie gegangen oder wohin sie gerathen war, von neuem ein Pfingstgeläut sie aus ihrer Versunkenheit weckte. Freilich nicht das der mächtigen Domglocke, aus deren Nähe sie sich Schritt um Schritt entfernte, nur das eines bescheidenen, ländlichen Gotteshauses, auf einer Erhöhung ihr gegenüber stehend. Langgestreckt zu beiden Seiten lag ein Dorf, zwischen dessen auffällig behäbigen Häusern einzelne umfangreiche Baulichkeiten mit in die Lüfte ragenden Schornsteinen gewerbliche Anlagen bekundeten; vor allen Thüren prangte der pfingstliche Maienschmuck, in den umhegenden Gärten dufteten Narcissen und Flieder, die Bewohner gingen still gelassen der Kirche zu. Marieesther folgte ihnen, die Sonne brannte heiß, sie sehnte sich nach Kühle, nach einer Ausruh, leiblich und geistig.

Sie trat in das Gotteshaus nicht mit Zittern und, Zagen wie an jenem Abend und seitdem noch immer in den Dom; dem natürlichsten Zuge folgend, mischte sie sich unter die einfachen Festgenossen, wie unter ihres Gleichen, ihr dünkte, daß sie vor den Augen des Vaters diesem Zuge nicht widerstanden haben werde, daß sie ihm denselben bekennen dürfe ohne Furcht der Kränkung. Auch die Kirche war mit Pfingstlaub geschmückt, von Blumen durchduftet. Die schlichte Rede des Predigers, nicht in kühnen Gedankenfolgerungen wie der Vater, nicht in weltüberwindenden Forderungen wie der Freund, leitete, den einfachen Hörern angemessen, das Jenseitige in das Diesseitige herüber, die feiernde Erhebungsstunde in das mühselige Getriebe aller Tage. Ein unbeschreibliches, kindliches Wohlbefinden senkte sich in Marieesthers Brust; ihre harmlose Vergangenheit lebte auf, die Mutter saß wieder an ihrer Seite, und mit ihr zu des Vaters Füßen, Zweifel und Zwiespalt schienen geschwunden, und als nach der Predigt die Gemeinde sich trennte, der eine Theil still das Gotteshaus verließ, der andere sich zum Genuß des Liebesmahles um den Altarplatz sammelte, da stand sie unter den Letzteren, wie eine zu ihnen Gehörige, sie wußte kaum, wie sie in die Reihe gekommen war.

Nur ein einziges Mal, an der Grenze der Kindheit, noch von des Vaters Hand gereicht, hatte sie an dem frommen Genusse Theil genommen, Jahrelang sich nach ihm gesehnt; heute war es ihr, als ob sie wieder einen Abschluß mit ihm feiere, einen Bund besiegeln dürfe, der alle natürlichen und göttlichen Pflichten in sich vereinigen werde. Wie dies geschehen, welche Opfer es fordern könne, sie wußte es nicht, sie fühlte sich an einer höheren Hand, deren Leitung sie folgte, und fuhr daher wie aus einem Traume empor, als sie auf der Schwelle zum Altarplatze sich plötzlich von befreundeten Gestalten umringt, von bekannten Stimmen angeredet sah.

»Marieesther, liebe Marieesther!« flüsterten Hellmuth Urban und seine Schwestern, als sie von der gutsherrlichen Kapelle an ihr vorüberkamen, um an der frommen Feier Theil zu nehmen.

»Wo bin ich denn?« fragte das junge Mädchen halb betäubt.

»Unter Ihren Freunden,« antwortete Hellmuth, »unter Ihren treuen, aufrichtigen Freunden, Marieesther.«

Im Augenblick war es ihr klar, daß ihre Wanderung sie unbewußt auf die Urban'sche Besitzung geführt hatte, auf welcher die Familie die Sommermonate zu verleben pflegte. Erröthend wollte sie die Reihe der Communicanten verlassen und sich leise entfernen, aber Hellmuth Urban trat ihr mit einem bittenden Blick in den Weg, seine alte Mutter aber faßte sie entschlossen bei der Hand, führte sie zurück und sprach: »Gottesfurcht und Menschenliebe vertragen sich, mein Kind.«

Und so ward denn das jahrelange Sehnen unserer Freundin gestillt, sah sie sich ihrem natürlichen, religiösen Verbande zurückgegeben, in weit anderer Weise und mit weit anderen Genossen, als sie vor wenigen Stunden geahnt hatte. Kaum war ihr klar, wie ihr geschehen, aber ein unsägliches Wohlgefühl erquickte ihre Brust.

Die Ceremonie war beendet, sie ging mit den Freunden durch das Dorf und erklärte ihnen, mittheilsamer als sonst ihre Art war, die absichtslose, ja wunderbare Fügung, die sie in ihre Mitte geführt hatte; aus Hellmuths Zügen leuchtete eine köstliche Freude, und die treumeinende Güte der Seinigen umgab sie mit den aufrichtigsten Zeichen schonender Liebe. Da sie ihren Vater nicht vor dem Abend zurückerwartete, durfte sie es nicht abschlagen, der Mittagsgast der Familie zu sein, und sah sich zum erstenmale seit Jahren wieder in einen häuslichen Kreis versetzt, den die Gesellschaft des Predigers und einiger nachbarlicher Freunde vermehrte und ein herzlicher Ton lebendig machte. Marieesther fühlte sich wie in einer neuen Welt. Sie hatte es fast vergessen, daß außer den Kämpfen des Geistes, noch ein Tummelplatz menschlicher Kräfte vorhanden sei, sie hatte verlernt, wie friedlich sich das Leben zwischen Arbeit, Erholung und Weihe genießen lasse, ein lieblicher Traum schien sie zu umfangen und keine Furcht des Erwachens schlich in ihr Herz.

Am Nachmittage führte ein Spaziergang die Freunde durch die weitläufigen Zier und Nutzgärten des Gutes bis zu dem Pfingsttanze der Bauern und Arbeiter in der Maienlaube auf dem Anger. Die Feier des Morgens hielt die gutsherrliche Familie von lauten Lustbarkeiten fern, doch versprach man und freute sich darauf, andern Tags desto unbefangener sich an Spiel und Tanz der Arbeitsgenossen zu betheiligen.

All dieses heitere, einträchtige, scheinbar äußerliche und doch auf einer herzlichen Grundlage ruhende Treiben machte einen neuen, wohlthätigen Eindruck auf die grübelnde Nachbarin des Bischofhofes. Die Sonne stand schon tief am Himmel, als sie einen unbemerkten Augenblick benutzte, um sich ohne Lebewohl zu entfernen, und auf dem einsamen Heimwege die Erlebnisse dieses Pfingsttages sich selber klar zu machen. Noch aber hatte sie den Ausgang des Dorfes nicht erreicht, als Hellmuth an ihrer Seite stand und um die Erlaubniß bat, sie auf dem nächsten Wege nach Hause zu geleiten. Marieesther fühlte sich befangen, sie wäre gern ausgewichen, denn der Vorsatz einer wichtigen Eröffnung war in seinen Mienen zu lesen, indessen kam er mit den ernstbetonten, ruhigen Worten:

»Ich wollte von Ihrem Vater mit Ihnen sprechen, Marieesther,« ihrem Einwande zuvor. Sie athmete erleichtert auf und blickte zugleich dankbar und fragend in sein Gesicht.

»Nicht der Zufall,« begann der junge Mann, »eine Fügung, die wir verehren müssen, hat es gewollt, daß der Abschluß, zu welchem Sie heute gelangt sind, Marieesther, mit einem wichtigen Entschlusse Ihres Vaters zusammenfällt. Er steht im Begriffe seine Stellung aufzugeben und sich uneingeschränkt in das Privatleben zurückzuziehen.«

»O, Gott sei gelobt!« rief Marieesther mit hervorbrechenden Thränen.

»Ja, Marieesther,« fuhr Urban fort, »er wußte, daß dieser Entschluß Ihnen Glück und Frieden wiederbringen werde, und die Liebe zu Ihnen hat den Ausschlag gegeben, nicht gegen seine Ueberzeugungen, aber gegen Folgerungen, die man nur allzuhäufig Ehre nennt, und gegen die Ungewißheit der äußeren Existenz. Achten wir es nicht gering, Einen inne halten zu sehen auf abschüssiger Bahn, auf welche ihn die Leidenschaft der Wahrheit getrieben hat; und wie es ihn glücklich machen wird, daß Sie Ihre Freiheit wiedergewonnen haben in jenem Gebiete, in welchem Keiner einer Lüge, oder Halbheit Raum geben darf, ohne an sich selber zu Grunde zu gehen, so gewähren Sie ihm durch Ihr Vertrauen den Lohn für das Opfer, das er Ihrer Ruhe und seiner eignen wahrsten Natur zu bringen sich entschlossen hat.

Das wollte ich Ihnen sagen, liebe Marieesther, obgleich es Ihnen überflüssig scheinen wird, von einem Anderen die Richtung bezeichnet zu sehen, welche Ihr Herz nicht verfehlen konnte; über diesen Rath hinaus aber wollte ich Sie bitten, die Hand aufrichtiger Freunde nicht von sich zu weisen, in dem immerhin schweren Kampfe mit dem Außenleben. Bis Ihr Vater für seine Gaben eine würdige Verwendung, bis er einen zusagenden Wirkungskreis gefunden haben wird, reden Sie ihm zu, in den Umgebungen zu leben, die Sie heute kennen lernten. Ein Haus, abgesondert im Garten gelegen, steht zu seiner Aufnahme bereit; eine angenehme Natur, Freiheit, Einsamkeit, die Achtung, und wo er danach verlangt, der Umgang treuergebener Menschen werden ihm helfen, sich zurecht zu finden, wenn er für den Augenblick den Pfad verloren haben sollte.«

In diesem Sinne, mit warmem, eindringlichem Ton hatte der junge Mann gesprochen, und Marieesther manches aus seinen Worten herausgelesen, was er schonend unterdrückte. Jetzt standen sie vor dem Jägerhofe; sie reichte ihm in dankbarer Bewegung die Hand. Er wendete sich rasch und ging auf dem Wege zurück, den sie eben gekommen waren. Marieesther eilte hinauf in ihr Zimmer. Der Vater war noch nicht heimgekehrt, sie setzte sich an das Fenster und blickte in die scheidende Sonne, bemüht, die Eindrücke dieses wichtigen Tages sich aufzuklären; sie fühlte sich muthiger, kräftiger als seit Jahren, wo eine stetig nach Innen wühlende Betrachtung ihr die besten Lebenssäfte verkümmert hatte.

Der Klang einer Stimme im unteren Hausflur unterbrach ihre Prüfung – sie hörte den Namen ihres Vaters aus Johannes Bertrams Munde. Zitternd fuhr sie in die Höhe; und noch hatte die Wirthin den Bescheid der Abwesenheit nicht vollendet, so stand sie mitten auf der Treppe und der langerwartete Freund folgte ihr schweigend in die Räume, die sie mit seinem geistlichen Feinde theilte.

Der ersehnte Augenblick des Wiedersehens war gekommen in einer Stunde, wo Marieesther nach den Wandlungen, welche, lange vorbereitet und doch plötzlich, ihr Leben umgestaltet hatten, auf eine beglückende Einigung auch mit dem Freunde zu hoffen wagte. Als sie aber jetzt in seine ernst verschlossenen Züge blickte, durchbebte ein eisiger Schauer ihre Seele. Sein Auge war durchdringend auf das ihre gerichtet, das sich angstvoll zu Boden senkte, sein Schweigen beklemmte ihre Brust. »Sie fragten nach – nach meinem Vater?« stammelte sie endlich mit bebendem Klang.

»Unsere Heimlichkeit war eine Thorheit, vielleicht eine Sünde,« antwortete er. »Ich bin gekommen, in seiner Gegenwart Ihre Entscheidung zu fordern. Sie haben mein Flehen überhört, wir feiern das Fest des Geistes und Sie waren nicht im Dom.«

»Ich war im Hause, in der Gemeinschaft Gottes – wenn auch nicht unter Ihren Augen, mein Freund,« fiel Marieesther ein, und erzählte mit freudebelebten Wangen, was sie an diesem Morgen erlebt hatte. Ein seliges Bewußtsein gab ihrer Rede Schwingen, denn Wort für Wort sah sie die Schatten auf Bertrams Stirne schwinden, wie Nebel vor dem Sonnenlicht. Er hatte ihre Hände gefaßt, sein Auge strahlte sie an mit triumphirendem Blick und als sie ihre Mittheilung geendet hatte, rief er voll höchster Empfindung:

»Die Gnade hat gesiegt, mein Gebet, ja, das meine, Marieesther, hat Dich frei gerungen. Du standest vor dem Tode, aber die Liebe, die stärker ist als der Tod, hat Dich lebendig gemacht. Du bist die Unsere, Geliebte, nur noch ein Wort und Du bist die Meine, der frömmste Vater nimmt Dich als Kind in seinen Arm, legt Dich als Weib an seines Sohnes Herz.«

»Und mein Vater, Johannes?« fragte Marieesther leise aber fest, indem sie sich seiner Umarmung entzog und langsam an ihm in die Höhe blickte.

»Hast Du noch einen Vater, Geliebte, nach dem, was Du heute erlebt?« entgegnete er.

»Ich habe ihn wiedergefunden, den ich nicht hätte verlieren sollen,« antwortete sie sanft.

»Du träumst, Marieesther!« rief Johannes, unwillkürlich seine Hand aus der ihren ziehend, »Du schwärmst, oder Dein Bekenntniß ist –«

»Hören Sie mich,« unterbrach sie ihn, »hören Sie mich, mein Freund, ehe Sie ein Urtheil sprechen. Mein Vater ist entschlossen, seine Stellung aufzugeben –«

»Weil sie unhaltbar geworden –«

»Sich in die Stille zurückzuziehen –«

»Auch zu der Wahrheit zurückzuwenden, Marieesther?«

»Er sucht die Wahrheit und bekennt einen Irrthum, lassen wir ihm Zeit und vertrauen ihm.«

»Beten wir für ihn, willst Du sagen, Marieesther, aber dem Flehen um Gnade muß die Sehnsucht nach Gnade entgegen kommen.«

»Er ist mein. Vater, laß ihn den Deinen werden,« bat sie, Thränen im Auge, mit sanfter Stimme, indem sie seine Hand an ihre Lippen führte.

Gewiß, er war bewegt, gewiß, weil er es mehr war als er scheinen wollte, darum blickte sein Auge streng und klang die Stimme hart beinahe, mit der er fragte: »Meinen Vater, Marieesther? Welche Gemeinschaft wäre zwischen ihm und mir?«

»Die Gemeinschaft meiner Liebe, Johannes,« antwortete sie.

»Nein, nein, Marieesther, täusche Dich nicht!« rief er aus. »Zwischen ihm und mir giebt es kein Mittel, zwischen ihm und mir giebt es keine Gemeinschaft und hier, hier gilt das Wort: ›Ich bin nicht gekommen Frieden zu bringen, aber das Schwert.‹«

»O halte ein, Johannes!« unterbrach sie ihn, »versuche mich nicht, führe mich zum Frieden an Deiner Hand. Hilf mir thun, was Gott will. Er hat mich ihm gegeben, ihm zuerst. Ich bin sein einziges Kind, er liebt mich, niemand als mich; um meinetwillen thut er den Schritt, der immer ein Opfer bleibt. Und ich sollte ihn lassen, jetzt, wo er einsam ist, wo seine Feinde triumphiren, seine Freunde ihn schmähen werden? Ich sollte nicht an sein Lager eilen dürfen, wenn er krank, nicht an sein Herz, wenn es von Zweifel und Verzweiflung zerrissen ist? Wenn ich es dürfte, ich könnte es nicht, aber ich darf nicht, ich darf nicht, o sage es mir, Johannes, daß ich es nicht darf!«

Er war mit starken Schritten im Zimmer auf und niedergegangen während ihrer Rede. Es entstand eine Pause, ihr Auge hing in angstvoller Erwartung an seinem tödtlich bleichen Gesicht. Endlich trat er gesammelt ihr gegenüber und sagte mit Ruhe: »Ich habe Dich angehört, Marieesther, nun höre auch mich. Mein Leben seit Urväter Zeiten ist eingewiegt in dem Heiligthum dessen, den Zacharias Severin verleugnet. Mein Vater ist ein Diener in diesem Heiligthum, wie ich selber es bin, er, wie ich, hat die Verantwortung für seinen Wandel, für seine Verbindungen nicht nur vor Gott, nicht nur vor seinem Gewissen, aber auch vor der Gemeinde, die uns vertraut und folgt. Er konnte die Tochter des Abtrünnigen an sein Herz nehmen als eine Waise, konnte sie in seinem Heiligthum bergen als ein eigenes Kind, um so theurer, da es um den Preis eines Vaters erkauft werden mußte. Aber kann er ihres Vaters Bruder und sein Sohn, kann er ihm Sohn sein, Marieesther? Ahnest Du, was es heißt, einen Vater nennen? Wo wir beten, kann er mit uns beten? Wie wir wirken, kann er mit uns wirken? Das Land, nach dem wir steuern, kann es seine Heimath sein? Ein Vater gebietet. Darf ich diesem Vater gehorchen? Darfst Du es, Marie, wenn Du mein Weib geworden bist? Die Kinder, die Gott uns ans Herz legt, darf er sie unterweisen und führen? Nimmermehr! Fehlte ihm das, was vor der Welt Ansehen giebt, wäre er ein Tagelöhner, ein Bettler, ja, wäre er ein Verbrecher und Sünder, wir könnten dennoch ein Leben führen. Nur zwischen Religionen giebt es keine Vermittlung; die das Gegentheil behaupten, haben keine Religion. Nun wähle, Marie, zwischen denen, die da glauben, und dem, welcher den Unglauben zu einer Religion erhoben hat.«

»Er ist mein Vater,« sagte Marieesther nach einer langen Stille, indem sie sich von ihm abwendete und das Gesicht mit beiden Händen verbarg, »Er ist mein Vater – ich habe keine Wahl!« Als sie aufblickte, war Bertram verschwunden; sie sank auf ihre Knie.

Lange lag sie in dumpfer Betäubung, es war Nacht geworden. Sie hörte den Schritt ihres Vaters, raffte sich auf und eilte ihm entgegen. Sie wollte sich in seine Arme werfen, aber ihre Knie schwankten und sie stürzte zu seinen Füßen nieder. »Ich will wieder Dein Kind sein, Vater,« rief sie mit fliegender Brust, »vergieb mir, Vater, ich will Dich lieben und ehren. Aber laß uns von hier gehen, fort aus diesem Lande, fort aus Europa. Jenseit, drüben, wo niemand uns kennt, wollen wir ein neues Leben beginnen!«

*

Wir dürften hier schließen, da wir das Schicksal unserer Freunde nach einem zu dem Aeußersten drängenden Kampfe durch die Macht des Gemüthes wieder auf den natürlichen Mittelpunkt gerichtet sehen; doch erzählen wir gern, wie auch nach anderer Seite hin ihr Leben einen harmonischen Abschluß gefunden hat.

Marieesthers Verlangen stimmte im Grunde mit dem ihres Vaters zusammen. Ohne die Rücksicht für seine Tochter würde er am liebsten mit seiner Stellung auch den Schauplatz eines irrtümlichen Wirkens aufgegeben haben und die Bedenken, welche ihn um ihretwillen zagen ließen, suchte ihr leidenschaftliches Drängen zu zerstreuen. Indessen dauerte es eine Weile, ehe er seine alten Verbindlichkeiten zu lösen vermochte, und der Herbst war hereingebrochen, bis er sich als einen freien Mann, aber als einen Anfänger in jeglicher Praxis betrachten durfte. Den Beschwerden der Seereise und ersten Eingewöhnung während der rauhen Jahreszeit glaubte er die Tochter nicht aussetzen zu können, der Aufenthalt im einsamen Jägerhofe war unwirtlich geworden, eine Rückkehr nach der Stadt mußte er um seiner eigenen Beziehungen, wie um Marieesthers willen vermeiden, die Uebersiedelung nach einem entlegenen Orte für kurze Zeit seiner äußeren Beschränkung wegen scheuen, und so nahm er endlich das wiederholt und dringend gebotene Asyl auf Urbans Besitzung für die wenigen Monate, die er noch in Europa zu verbringen gedachte, an.

Urban hatte den Auswanderungsplan seiner Freunde mit großer Betrübniß vernommen und lange vergeblich bekämpft; er sah und zeigte die Hindernisse, die dem Manne dieses Namens, dem Manne reiner Gedankenarbeit in einer Welt entgegen treten mußten, welche wir die neue nennen, und welche die Reste ursprünglicher Rohheit mit einer auf die Spitze getriebenen Civilisation nur durch äußerliches Schaffen in eine hastige Verbindung gebracht hat. Auch täuschte Severin auf die Dauer sich nicht über die Hindernisse eines unangemessenen Terrains und Marieesthers drängende Unruhe entmuthigte ihn mehr, als sie ihn anzufeuern im Stande war.

Indessen durfte er nicht müßig sein, um nutz- und erfolglos verschwendete Jahre wieder einzubringen und eine stille Werkstatt der Zukunft vorzubereiten. Indem er frühgefaßte Pläne wieder aufnahm, Unterbrochenes weiterspann, in der Zeit Gereiftes vom Baume der Erkenntniß schüttelte und es für den geistigen Markt zurecht legte, schien er in das Element zurückgekehrt, aus welchem er sich zu seinem Unheil hatte drängen lassen, lebte er sich stillbehaglich in die neue Umgebung ein, halb vergessend und halb zu vergessen wünschend, daß sie nur einen kurz vorübergehenden Zustand, einen zeitweisen Ruheplatz bezeichnete.

Aber auch Marie lernte allmälig diese Pause als eine wohlthätige empfinden. Was sie sich selber lange nicht gestehen mochte: die Erregungen jener Osterwoche, der schmerzhafte Kampf jenes Pfingstabends waren Erregungen und Schmerzen der Phantasie weit eher als des Herzens; das eingegangene und gelöste Verhältniß hatte keine leibhafte und dauernde Gestalt in ihrem Leben gewonnen; würde unter ihrem früheren schweren Himmel die Wunde vielleicht tödtlich geworden sein, in ihrer gegenwärtigen Atmosphäre mußte sie heilen, rascher heilen, als die Verwundete zu hoffen oder zu fürchten gewagt hatte. Ein frei ländliches Stillleben, förderliche Arbeit, deren Zeugin und Theilnehmerin sie ward, Umgang mit heiteren, teilnehmenden Freunden weckten den Muth und die lange entbehrte Lust der Jugend, sie lernte um sich blicken, freier aus sich heraustreten; im Innersten versöhnt, seit sie ohne Scheu vor dem Vater und einem neugierig höhnenden Publikum ihren religiösen Bedürfnissen genügen durfte, dem Schauplatze leidvoller Kämpfe, dem Schalle der Parteiwörter entrücke, war es, als die Natur wieder Auferstehung feierte, der Schmerz der Trennung von einer liebgewordenen Heimath, der ihren Busen schwellte und ihr die Thräne ins Auge trieb.

Das Reisegepäck war gepackt, der Tag der Abreise festgesetzt, Urban in Geschäften seit Wochen von ihr fern. Seit jenem Tage, daß sie ihn von sich gewiesen, hatte kein Wort aus seinem Munde sie an seine Neigung erinnert, jede Stunde ihr eine Bethätigung seiner Freundschaft gebracht. Sollte sie von ihm scheiden ohne Dank, ohne Lebewohl?

Bittere Thränen rannen unter diesen Vorstellungen in Marieesthers Schooß, als sie am Abend ihrem Vater gegenüber saß. Auch ihm wollte in den letzten schweren Stunden keine Arbeit mehr gelingen, beide schwiegen und sannen still in sich hinein.

Die Thür wurde hastig geöffnet und Hellmuth, von der Reise heimkehrend, trat bei ihnen ein. »Sie blicken düster, mein Freund?« fragte er herzlich, »und Sie weinen, Marieesther?«

»Wir sollen ja Abschied nehmen!« schluchzte sie leise, indem sie ihm die Hand darbot.

Ein Siegeslächeln überflog des jungen Mannes Gesicht. »Abschied!« sagte er mit erhöhter Heiterkeit, die den innerlichsten Ernst nur scheinbar verhüllte, »Abschied, meine Lieben? Nein, so schnell wird man einen Freund nicht los. Keine Widerrede, ich bitte Euch. Meine Einrichtungen sind getroffen, ich geleite Euch hinüber, ich bleibe bei Euch bis – bis –«

Seine Stimme stockte, sein inniger Blick haftete auf Marieesther.

»Urban!« rief der Vater in tiefster Erschütterung, »Urban – nimmermehr«

»Laßt mir meinen Willen,« fuhr Hellmuth fort, »wenn Ihr mich heute von Euch wieset, ich würde Euch morgen auf dem Schiffe entgegen kommen. Könnt Ihr es mir wehren, Euch lieb zu haben? Ihr wollt nicht bleiben: gut; so folge ich Euch und trage meine alte Welt hinüber, da Ihr die neue nicht in meiner Heimath, zu finden glaubt.«

»Marieesther, bleiben wir?« fragte der Vater nach einer Pause.

Sie warf sich an seine Brust und flüsterte: »Wir bleiben!«

»Wir bleiben!« wiederholte der Vater, indem er die Tochter in des Freundes Arme legte und sich leise entfernte, um seiner Bewegung Herr zu werden.

Hellmuth aber sagte, sie mit Inbrunst an das Herz drückend: »Ich wußte es ja, Marieesther, daß Du mich eines Tages wiederlieben müßtest.«

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