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Erzählungen

Louise von François: Erzählungen - Kapitel 2
Quellenangabe
authorLouise von François
titleErzählungen
publisherVerlag von George Westermann
year1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Geschichte einer Häßlichen.

Erstes Capitel.
Laurentia am Heerd.

Laß sie mit uns fahren, lieber Vater,« bat das junge Fräulein von Kettenburg mit schmeichelnder Geberde, aber ernstem Gesichtsausdruck einen stattlichen Herrn, schwerlich über die Vierzig hinaus, der mit unruhigen, ja unmuthigen Bewegungen im Zimmer auf und niederschritt. Er antwortete ihr nicht, über der hohen, schmalen Stirn lagerte eine Furche, die Lippen waren wie in einer widerwärtigen Vorstellung über einander gepreßt. Die Tochter fuhr fort: »Der Gedanke an die arme Laura verbittert mir jede Freude.«

»Nenne sie nicht Laura!« fiel der Vater unfreundlich ein.

»Laurentia ist allzulang und ungewöhnlich,« erwiederte das Fräulein lächelnd; »sie hört die Abkürzung gern und was könntest Du gegen dieselbe einzuwenden haben, lieber Vater?«

»Sie klingt wie Hohn; sie macht sie lächerlich!« versetzte Herr von Kettenburg gereizt. »Wer denkt nicht an das Traumbild eines Dichters, wenn er Laura hört?«

»O nicht doch Vater. Es ist ein einfacher wohllautender Name, wie viele andere. Aber Dein ›Renzel‹ hört sich kränkend und lieblos an. Es liegt viel darin, wie ein Mensch von den Seinigen gerufen wird.«

»Eben darum, liebe Tochter. Der Name ist gleichsam der Anfang der Erziehung und könnte man eines Menschen Schicksal voraussehen, man müßte ihn demselben entsprechend zu wählen suchen. So, wie sie ist, paßt das Renzel für sie, es kennzeichnet ihre Persönlichkeit und bewahrt sie vor Spott.«

»Im Gegentheil, Vater, es erregt den Spott.«

Herr von Kettenburg schüttelte den Kopf und rief: »O, daß ich ihre Zukunft geahnt und getauscht hätte, als ich die Namen meiner Schwester zwischen euch beiden theilte, Sybille!« Die Schmeichelei für ihre Person, welche in den Worten lag, machte dem jungen Mädchen augenscheinlich weniger Freude als die gleichzeitige Kränkung der Zwillingsschwester ihr wehe that. Um indessen den Vater nicht noch mehr zu reizen, ließ sie den Gegenstand fallen und wiederholte nur nach einer kleinen Pause ihre frühere Bitte um die Begleitung Laurentia's bei der bevorstehenden Partie.

»Sie denkt nicht daran,« wendete Herr von Kettenburg ein. »Sie ist noch nie in Gesellschaft gewesen; es müßte sie verlegen machen.«

»Gewiß nicht, lieber Vater, sie ist so arglos und unbefangen. Und wir fahren ja auch nicht in Gesellschaft, – eine Landpartie bei Gelegenheit einer Blumenausstellung, – sie hat die Blumen so gern.«

»Ihre Toilette ist nicht danach eingerichtet – –«

»Ich helfe ihr aus, Papa, ich habe so Vieles.«

»Du, Sybille! Was Du trägst, wie paßte es für sie?«

»Verlaß Dich auf mich, lieber Vater; ich weiß schon was ihr kleidsam ist. Du sagst ja, Papa? Ich darf ihr die Freude verkünden?«

Herr von Kettenburg zuckte schweigend die Achseln; die Tochter ließ ihn aber nicht zu Worte kommen, sie umarmte ihn hastig und eilte nach dem Stübchen der Schwester im oberen Stock; da sie dieselbe hier nicht fand, flog sie die Treppe wieder hinab in die Küche, in welcher denn auch wirklich Fräulein Renzel, eine große, weiße Schürze vorgebunden, Gesicht und Arme hochgeröthet, vor dem offenen Heerdfeuer stand, eifrig beschäftigt, eine schwere Kaffeetrommel zu drehen und zu schwenken.

»Wie erhitzt Du bist, liebe Laura!« sagte Sybille. »Ueberlasse doch der Köchin dieses anstrengende Geschäft.«

»Ich habe es ja von jeher gethan,« entgegnen Laurentia lachend.

»Aber warum, Liebe?«

»Warum? das weiß ich nicht, Sybille. Die selige Mutter wird es gewollt haben. Und ich bin es gewohnt und es ist so hübsch.«

»Hübsch, Laura? In wie fern denn hübsch?«

»Hübsch, hübsch!« rief Laurentia kichernd und mit dem Kopfe nickend. »Sieh nur, Sybille, wie die hellen Funken durch den dunkeln Rauchfang fliegen; so fliegen die guten Geister durch die Hölle und gerade hinaus in den Himmel!«

»Arme Schwester!« murmelte Sybille. »Du hast bei Allem Deine eigenen Vorstellungen. Aber wie ertrügst Du es auch sonst?«

Laurentia hatte sie nicht verstanden, sie lachte in sich hinein, während sie ihre Trommel drehte und schwenkte.

»Und höre nur, Sybille,« fuhr sie fort, »wie das knistert und prasselt in dem heißen schwarzen Bauch. So ist es am Ende inwendig in unserer Erde auch, die wird auch – –«

»Nun laß für heute Deine grönländischen Phantasien, liebe Schwester,« unterbrach sie Sybille lächelnd, »und verdirb Dir nicht länger Augen und Teint. Komm hinein zum Vater; er wünscht Dich zu sprechen.«

»Mich zu sprechen? Ist er böse auf mich?« fragte Laurentia erschrocken, indem sie eilig die Trommel in die Hand der Köchin gab.

Sybille beruhigte und bat sie, erst in ihr eigenes Zimmer zu treten um sich Gesicht und Hände zu kühlen; das gute Kind aber weigerte sich, diesem Rathe zu folgen, so eifrig war sie, des Vaters Befehle nachzukommen. Die Schwestern debattirten noch unten im Flur, als der ungeduldige Ruf ihres Namens aus des Vaters Munde zu ihnen drang. Nun war kein Halten mehr für die folgsam Gewöhnte; in keuchender Hast stürzte oder stolperte sie in das Wohnzimmer.

Die Schwester folgte ihr ruhig und leise nach ihrer Art. Sie sah, wie des Vaters Blick sich unwillig von der erhitzten Tochter abwendete, sie wußte, daß ihr Plan gescheitert sei und schlug traurig, beschämt in der Anderen Seele, das Auge zu Boden.

Laurentia wartete eine Weile demüthig, aber unbefangen auf des Vaters Befehl und Herr von Kettenburg sagte, nicht ohne eine gewisse Verlegenheit, einem begegnenden Blicke seiner Lieblingstochter ausweichend: »Ich fahre aus mit Sybillen, Renzel, und werde vor Abend nicht wiederkommen. Möglich, daß ich Gäste mitbringe. Richte Dich mit dem Abendessen danach ein.«

Die junge Wirthschaftsführerin schien eine genauere Instruction zu erwarten, da ihr bisheriges Leben wenig nach Gastlichkeit zugeschnitten gewesen war. Sie starrte eine Weile verlegen aus den Vater und stammelte endlich: »Ja – was soll ich denn aber –?« – Herr von Kettenburg wendete sich nach dem Fenster mit der verdrießlichen Bemerkung: »Sie weiß sich doch nicht im Kleinsten zu helfen!«

Sybille kam der Rathlosen zu Hülfe, indem sie dieselbe mit den Worten aus der Thür zog: »Laß uns mit Justinen überlegen, liebe Laura.« Draußen aber fiel sie ihr um den Hals und rief unter hervorbrechenden Thränen: »Arme Laura! Ich hoffte, Du werdest mit uns fahren.«

»Ach nein, das erlaubt er nicht,« versetzte Laurentia unbefangen.

»Hätte es Dir denn aber nicht Freude gemacht, liebe Schwester?«

»Freude? Ich weiß nicht, Sybille. Ich glaube es nicht; ich kenne ja keinen Menschen.«

»Auch ich bin noch fremd in der Gegend, aber man sieht sich und lernt sich kennen.«

»Ich nicht, Sybille,« entgegnete die Schwester kopfschüttelnd, aber ohne jede Beimischung von Bedauern oder Verdruß; »ich lerne Niemand kennen.«

»Uebrigens,« meinte Sybille, welche die Hoffnung nicht aufgeben mochte, die Einsame allmälig mit einem geselligen Verkehr in Berührung zu bringen, »übrigens hättest Du Dich an Hohenheims halten können, die jedenfalls da sein werden.«

»Levin?« fragte Laura mit flammendem Blick.

»Vielleicht auch er, wenn sein Dienst es erlaubt, gewiß aber sein Vater und Felix.«

Justine, die alte Köchin, Laurentia's einstige Amme und seit zwanzig Jahren dem Hause Kettenburg dienend, hatte dieses Gespräch mit angehört. Beide Arme in die Seite gestemmt und mit ärgerlicher Miene machte sie sich jetzt die Freiheit zu Nutze, welche ihre junge Herrschaft, Fräulein Laurentia, ihr gestattet hatte und erlaubte sich die Bemerkung: »Nichts für ungut, Fräulein, aber ich sehe nicht ein, warum der gnädige Herr Sie immer zu Hause lassen, wenn sie mit Fräulein Sybillen eine Lustfahrt unternehmen. Man ist doch nur einmal jung, und – und – –«

Laurentia blickte verwundert in das zornige Gesicht der Alten, die sich aber durch diesen Blick nicht beirren ließ und ziemlich giftig also fortfuhr: »Sonst, in Kirchberg, nun ja, da war es etwas Anderes. Da saßen wir wie auf einer wüsten Insel und kriegten keinen Menschen zu hören noch zu sehen. Aber nun wir hier sind und der Herr für gewöhnlich nicht mehr auf eigene Faust in der Stadt leben will, seitdem Fräulein Sybille da sind, und alles in Saus und Braus hergeht, da sollte ich meinen – –«

Sybille schnitt diese Betrachtung ab, indem sie, nachdem die erforderlichen Anordnungen für den Abend getroffen worden waren, die Schwester in ihr eigenes Zimmer nöthigte und in ihrer Gegenwart Toilette zu der bevorstehenden Landpartie machte. Das weiße, luftige Gewand mit den lichtblauen Schleifen stand gar trefflich zu der zarten, schlanken und doch schön gerundeten Gestalt, zu den feinen Formen und Farben des Gesichts. Laurentia bezeigte die ausgelassenste Freude beim Anblick dieser Kleiderherrlichkeit.

»Wie das hübsch ist!« rief sie ein über das andere Mal. »Solch einen Anzug möchte ich haben!«

»Die Arbeit ist leicht, liebe Schwester,« erwiederte Sybille, »sticke Dir ein Kleid nach diesem Muster.«

»Ich sticken? Ach lieber gar.«

»Warum nicht, Laura? Du bist so geschickt und fleißig.«

»Ich kann aber nur stricken und ein wenig Filet.«

»So lernst Du das Nähen, Liebe, ich werde es Dir zeigen.«

»Nein, Sybille, ich lerne nichts, ich kann nur was ich kann.«

»Aber was Du kannst, hast Du doch auch erst gelernt.«

»Gelernt freilich, aber als ich noch klein war und von der seligen Mutter, und das Nähen hat sie mir nicht gelehrt.«

Sybille blickte verwundert zu ihr hinüber. »Sie ist wirklich sehr seltsam,« dachte sie bei sich selbst. »Stetig auf einen Punkt, nie eine Regung nach rechts oder links!«

»Deine Augen sind wohl schwach, Laura?« fragte sie nach einer Pause.

»Ich weiß nicht, Sybille, ich habe es nie bemerkt,« antwortete sie, die Blicke noch immer bewunderungsvoll auf den Anzug gerichtet.

»Ich werde Dir ein solches Kleid sticken, da das Muster Dir gefällt, liebe Schwester,« sagte Sybille freundlich.

Laurentia empfing dieses Versprechen wie ein jauchzendes Kind. Sie sprang in die Höhe, klatschte in die Hände, hielt das Kleid der Schwester an ihre eigne Gestalt und lächelte, wohlgefällig nickend und knixend, in den Spiegel; dann küßte sie wieder Sybillens Hände und streichelte dankbar ihre Wangen. Sybillens Herz zog sich zusammen in peinvoller Verlegenheit. Der Eindruck dieses ausgelassenen Entzückens bei dieser Persönlichkeit und bei dem nichtigsten Anlaß machte ihr einen Moment des Vaters Abwendung fast verständlich. Aber nur einen Moment. Im nächsten sagte sie sich schon wieder, wie arm ein Leben gewesen sein müsse, welches das kleinste Liebeszeichen auf diese Weise zu beglücken vermöge und wie unverdient reich dagegen ihr eignes. Mit feuchtem Blicke verließ sie das Zimmer, ging zum Vater zurück und nahm schweigend ihre Handarbeit wieder auf.

Auch Herr von Kettenburg verharrte eine Weile stumm und in sich gekehrt, ehe er sich von seinem Platze erhob und, der Tochter die Hand reichend, fragte: »Du zürnst mir, Sybille?«

»Nein, aber ich bin traurig, Vater,« antwortete sie.

»Du mußt Dich daran gewöhnen lernen, liebes Kind. Es ist nicht zu ändern. Laß sie in der Verborgenheit und in der einzigen Sphäre, welche Kränkungen nicht zu ihr dringen läßt.«

»Aber jeder Mensch hat das Bedürfniß der Jugend, das Bedürfniß der Freude, lieber Vater.«

»Jeder Mensch muß sich mit seinem Schicksale abfinden lernen, Sybille. Deine vortreffliche Mutter hat mit großer Weisheit das Richtige für sie getroffen, indem sie durch praktische Thätigkeit ihrer leidenschaftlich phantastischen Natur einen Damm zu setzen suchte.«

»Phantastisch und leidenschaftlich, lieber Vater?«

»Oder nenne sie romantisch, überspannt.«

»Ich würde sie innerlich nennen, Vater.«

»Nun, wie Du willst, Kind. Die Eigenschaften, welche am grellsten mit ihrer Erscheinung contrastiren, die hat die Natur ihrer Seele eingebunden. Du kennst sie noch nicht, Sybille, ihr seid von Kind auf nicht bei einander gewesen. Auch mir fällt es schwer, sie zu fassen. Aber Deine Mutter hat das Studium dieses unharmonischen Wesens zu ihrer Lebensaufgabe gemacht und mühsam Schritt für Schritt eine Ausgleichung seiner Widersprüche angebahnt. Störe diese Ausgleichung nicht; wecke nicht einen Sinn, welchen das Leben ewig ungestillt lassen muß.«

»Das Leben wird diesen Sinn wecken ohne unser Zuthun, Vater,« erwiederte Sybille ernst, »auch sie wird Wünsche kennen lernen – –«

Der Vater unterbrach sie; unruhig im Zimmer auf und niederschreitend hatte er nicht auf ihren Einwand gehört. Ein Bekenntniß arbeitete sichtlich schwer in seiner Brust. »Du hältst mich für hart, Sybille,« sagte er mit gepreßter Stimme, indem er ihre Hand in die seine zog, »aber Du sollst mich verstehen lernen. Denke Dir Deiner Schwester Zukunft als die eines armen Mädchens, und Du wirst begreifen – –«

»Eines armen Mädchens?« unterbrach ihn die Tochter überrascht.

»Du bist einsichtig über Deine Jahre, mein Kind, höre mich ruhig an. Was ich Dir zu sagen habe, ist auf die Dauer nicht mehr zu verbergen; mögest Du es denn erfahren vor den Anderen.«

»Auch vor ihr?« fragte Sybille mit ahnungsvoller Spannung und sehr bleich.

»Was würde es nützen, sie mit Verhältnissen vertraut zu machen, die sie niemals begreifen und überschauen kann. Ihr ganzes Schicksal, ihre Erscheinung, ihre Führung, ihre Lage sind ihr unbewußt und mögen es bleiben.«

»Wie lange noch?« fragte Sybille leise und traurig den Kopf schüttelnd. »Aber fahre fort, ich unterbrach Dich; was hattest Du mir zu sagen, Vater?« bat sie nach einer Pause, während welcher sie seinen innerlichen Kampf, seine Aufregung mit wachsender Theilnahme beobachtet hatte.

»Sybille,« so faßte er sich endlich zusammen, »Sybille, Du hältst mich für reich, für wohlhabend mindestens, nicht wahr?«

Sie neigte schweigend den Kopf; er fuhr hastig fort: »Ich bin es nicht, Sybille; unglückliche Conjuncturen, Verhältnisse – vielleicht, daß ich Dir es eines Tages näher bezeichne – für heute genüge es, wenn ich Dir sage, daß ich Kirchheim verkauft habe. Einem Eclat ist vorgebeugt, aber ohne das Erbe meiner Schwester wäre ich – ein Bettler!«

»Und bist Du dieses Erbes so sicher, Vater?« fragte Sybille schüchtern nach einer schweren Pause.

Herr von Kettenburg hatte, das peinliche Wort einmal über seine Lippen, seine sanguinische Zuversicht wiedergefunden. »Wie sollte ich nicht?« antwortete er ruhig. »Ich bin ihr einziger Bruder, ihr einziger naher Verwandter. Unsere Beziehungen haben, trotz manchen Widerspruchs, keine ernstliche Störung erlitten. Deine Nähe schloß ein dauerndes Band zwischen ihr und mir. Ihr letzter Wille, dessen Eröffnung sie um Jahre hinausgeschoben, bescheidet keine anderen Expectanten als mich und meine Töchter zum Zweck dieser Publication hier nach ihrem Gute. So unbegreiflich diese Verzögerung ist, eine von den unberechenbaren Wunderlichkeiten meiner Schwester, ihre Hinterlassenschaft hat sich durch die jahrelang aufgehäuften und zur Erweiterung dieser schönen Besitzung verwendeten Zinsen beträchtlich vermehrt; ich werde in wenigen Wochen reicher sein, als ich jemals gewesen.«

»Und Laura ist Deine Tochter, der Dein Wohlstand mit gleichem, ja mit größerem Rechte zu Gute kommen würde als mir,« versetzte Sybille sehr ernst.

»Glaubst Du, daß ich das vergessen könnte, Sybille?« erwiederte Herr von Kettenburg. »Glaubst Du, daß es mir nicht jeden Augenblick vor der Seele steht, wenn auch mit Schmerz und zu Zeiten mit Bitterkeit vor der Seele steht? Glaubst Du, daß ich das glückliche Kind auf Kosten des unglücklichen bevorzugen würde? Aber ich habe Ursache zu vermuthen, daß mir in diesem Punkte die Hände gebunden sind. Gewisse Andeutungen meiner Schwester lassen sich kaum mißverstehen. Ich werde nur der Nutznießer ihres Vermögens sein, die Erbin bist – Du Sybille.«

»Ich, Vater, ich allein?«

»Du, Sybille, Du allein. Dich hat sie erzogen und geliebt wie ein eigenes Kind. Um Deine Schwester hat sie sich niemals gekümmert; fast schien sie einen Widerwillen gegen sie zu empfinden. Leider nur allzu erklärlich!«

»Ich kann es nicht glauben, nein, ich kann es nicht glauben, Vater. War ich gleich noch sehr jung als sie, meine zweite Mutter, kurz nach der ersten starb, kaum funfzehn Jahre, sie steht vor meiner Erinnerung als das Bild unerschütterlicher Gerechtigkeit.«

»Denke an die Scene vor ihrem Tode, meine Tochter, wie sie all ihr bewegliches Eigenthum durch freie Schenkung vergab; Verwandte, Freunde, Dienstboten, Arme, Leidende fürsorglich bedachte, Dir und Sophien eine reichliche Aussteuer hinterließ, – nur Deine Schwester hatte sie vergessen.«

»Aber es ist unmöglich, Vater! Diese Frau, welche mich mit Wohlthaten überhäuft, mir die glänzendste Erziehung nicht nur gegeben, sondern über ihren Tod hinaus gesichert hat, diese Frau, die keinen vergaß, der Anspruch auf ihren Schutz zu haben schien, die wie Du selber, Vater, mitunter spottend behauptest, es liebte, hin und wieder die Vorsehung zu spielen – –«

»Und sie zu rectificiren,« unterbrach sie der Vater lächelnd.

»Diese Frau sollte so unbedacht, oder so grausam gewesen sein, von Allen nur die zu übergehen, welche ihres Schutzes am dringendsten bedürftig schien?«

»Sie glaubte nicht grausam zu handeln, Sybille, sie glaubte Deine Schwester nicht ihres Schutzes bedürftig. Wie die Welt, hielt sie mich für einen reichen Mann und die Zukunft meiner Kinder geborgen. Es handelte sich um einen Ueberfluß, und selbstverständlich wendete sie ihn derjenigen zu, welche sie dafür erzogen hatte, und welche sie liebte und verstand, trotz ihrer Bizarrerien.«

»Bizarrerien,« rief Sybille warm, »Bizarrerien, Vater, nennst Du den Verein seltenster Eigenschaften in dieser Frau? Ihre Geradheit und Folgerichtigkeit in allem Denken und Thun – –«

»Auf die Spitze gestellt wurden sie zur Kleinlichkeit, ja zur Härte. Man sagt, der Mensch habe die Fehler seiner Tugenden; nun, an dem Beispiele meiner Schwester läßt sich erkennen, wie die besten Eigenschaften in ihrer äußersten Consequenz Andern zur Qual und fast zur Sünde werden können. Bangte mir doch immer vor ihrem Einflusse auf Deine Entwicklung, liebes Kind. Aber, dem Himmel sei Dank! Deine anmuthige Natur und ihr früher Tod haben diese Besorgnisse zu unserem Glücke vereitelt.«

»Wollte Gott, daß ich ihr gliche!« flüsterte Sybille, in deren Seele die Beobachtung von der Unfähigkeit der Menschen, sich selber zu erkennen, einen schmerzlichen Beleg gewonnen hatte. Wie zeigte ihr Vater in seinem harten Urtheil, daß er der Bruder dieser getadelten Schwester sei.

»Noch einmal: dem Himmel sei Dank, der Dich vor dieser Aehnlichkeit behütet, mein Kind und die schöne Biegsamkeit Deines Wesens durch Erziehung und Beispiel unbeeinträchtigt gelassen hat,« fuhr Herr von Kettenburg fort, indem er seinem Lieblinge zärtlich die Wange streichelte. »Sieh, wie diese Einflüsse so widerwärtig bei Sophien in die Augen springen!«

»An Sophien, Vater, an unserer klugen, treuen Freundin Sophie?« fragte Sybille fast unwillig.

»Eben an ihr und an ihr vor Allen auf die unleidlichste Weise. Mochte man die scharfe, rücksichtslose Gewohnheit des Richtens und Kritisirens aller Personen und Zustände allenfalls der schönen, reichen, angesehenen Gräfin Hochberg zu Gute halten, so erscheint der superkluge, doctrinaire Ton der armen, häßlichen Pastorin Zeise eine unerträgliche Taktlosigkeit. Man wittert aus hundert Schritte die Gouvernante!«

»Ich wüßte wenige Menschen, zu welchen ich gleiches Vertrauen fühlte wie zu Sophien,« entgegnete Sybille sanft, aber bestimmt, »und mich dünkt, daß ihr klar vernünftiges Wesen auf unsre Laura den günstigsten Einfluß hätte üben müssen.«

»Ihre Nähe wurde mir unerträglich, Kind, ich mußte auf ihre Entfernung dringen, auf die Gefahr hin, meine Schwester dadurch empfindlich zu reizen. Nach wenigen Wochen wußte keiner mehr, wer Herr im Hause sei, ob die übermüthige Gouvernante oder ich. Aber lassen wir das dahingestellt, liebes Kind. Unter allen Umständen muß es einleuchten, daß die Gräfin keine Andere als ihre Adoptivtochter zu ihrer Erbin berufen konnte.«

»Sie hat mich aber niemals adoptirt, lieber Vater.«

»Das gesetzliche Alter fehlte ihr dazu. Aber was thut ein Name? Du warst ihr Kind, vielleicht das einzige Wesen, das sie im Leben wirklich lieb gehabt. Dein Erbe wird das einer Tochter sein. Laurentia dahingegen hat nicht die entfernteste Aussicht einer Berücksichtigung; ihr Loos ist das der Abhängigkeit – –«

»Die Abhängigkeit von einem Vater, von einer Schwester schlimmsten Falls.«

»Immerhin der Abhängigkeit und immerhin drückend, sobald wir uns einmal an einen freien, selbständigen Aufflug gewöhnt haben. Bei ihrer unelastischen Art doppelt drückend. Unternimm es also nicht, liebe Sybille, durch wohlgemeinte Erweiterungen das Gleichgewicht zu stören, in welches die bescheidene Regelmäßigkeit ihrer Lebensweise sie nothdürftig setzt, wecke nicht die Dämonen, welche in der Brust eines Unglücklichen schlummern, so lange er sich seines Unglücks nicht bewußt wird!«

»Unsere Liebe möge die Widersprüche vermitteln und die Dämonen bannen, ehe sie erwachen.« Mit diesen Worten, tiefen Ernstes voll, schloß Sybille die Unterredung, da der Diener das Vorfahren des Wagens meldete. Innerlichst bewegt, wie sie sich fühlen mußte, hätte sie der nachmittägigen Zerstreuungsfahrt wohl gern entsagt, doch kannte sie den Vater seit der kurzen Zeit ihrer Wiedervereinigung schon zu gut, um ohne dringenden Anlaß seine Projecte zu kreuzen. Sie eilte noch einmal nach dem Zimmer der Schwester, ihr für einige Stunden Lebewohl zu sagen, fand die Thür verschlossen, hörte von unten den Vater ungeduldig rufen und sah sich gezwungen, sich ohne Abschied zu entfernen.

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