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Erzählungen

Louise von François: Erzählungen - Kapitel 19
Quellenangabe
authorLouise von François
titleErzählungen
publisherVerlag von George Westermann
year1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Florentine Kaiser.

Diese unerschütterlichen Einrichtungen sind es, welche unserem Staate seine Größe gegeben haben,« sagte der Doctor bedeutend. Der Graf unterbrach ihn mit einer kaum merklichen Geberde, die aber deutlich genug ausdrückte, daß er Gemeinplätze noch weniger liebe als überflüssige Worte.

»Die Bestimmungen sind also klar, Doctor?« fragte er, »der Rechtsweg würde vergeblich sein?«

»Vergeblich.«

»Dem letzten männlichen Familiengliede bleibt wirklich das freie Verfügungsrecht nicht?«

»Nicht, Ezcellenz.«

»Die Güter fallen der weiblichen Linie zu?«

»Von Mann auf Weib, Excellenz.«

»Und so gäbe es in der That keinen Weg als–«

»Per subsequens matrimonium –«

»Ich danke Ihnen,« unterbrach ihn der Graf, stand auf, klingelte einem Diener und befahl, daß die Wagen vorfahren sollten. Der Doctor empfahl sich, um sich zur Abreise zur rüsten, und der Graf blieb allein. Er überblickte noch einmal die vergelbten Papiere, welche der Rechtsgelehrte mit ihm geprüft hatte, legte sie wieder nieder und saß eine Weile – sinnend möchten wir sagen, wenn seine durchdringende, Ideen und Pläne scharf ausschneidende Art dieser Bezeichnung entsprechen wollte. Dann ergriff er das Zeitungsblatt, welches der Diener auf dem Tische niedergelegt hatte. Er überschlug die Gegenstände seines Landes und weilte bei einem kurzen Artikel, der die bevorstehende Vermählung einer vielgenannten hohen Fürstin behandelte. Der Graf war Repräsentant seines Staates bei dem Hofe, dessen Herrscher sich jener Fürstin verbinden sollte, er stand im Begriffe, nach dessen Residenz zurückzukehren, um, ehe er eine neue, entfernte diplomatische Mission übernahm, das hohe Paar im Namen seines Souverains zu beglückwünschen. Jener Artikel sagte ihm daher nichts Unbekanntes und seine Züge drückten – wenn sie dessen überhaupt fähig waren – keine Ueberraschung aus; aber ein Schatten von Ironie überzog sie fast wie eine Farbe, die ihrer eigensten Natur entsprach.

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und ein Knabe trat rasch herein, hell, offen, heiter wie der Tag, recht ein Gegenstück des strengen Mannes, den er begrüßte, und doch in seiner kindlichen Art schon das stolze, unerschrockene, selbstgewiegte Gepräge offenbarend, das ihn zu seinem Sohne stempelte.

»Wir reisen schon heute wieder, Vater?« rief er.

»Du reisest, Erast,« antwortete der Graf, »ich bleibe noch; der Doctor fährt mit Dir bis zur Stadt, und Frank begleitet Dich nach der Anstalt.«

»Ich brauche keinen Begleiter, Vater, ich bin groß genug; ich kann allein reisen.«

»Du könntest vielleicht, Erast, aber Du sollst nicht,« sagte der Vater. Der Knabe wurde roth und trat zum Fenster; man hörte das Rollen der Räder.

»Zwei Wagen, Papa?« fragte er.

»Ich werde Dich bis zur Landstraße begleiten,« antwortete der Graf.

»So laß mich selbst fahren, Vater, es macht mir Vergnügen.«

Der Vater lächelte zustimmend und sie gingen in den Hof. Ein Reisewagen mit Postpferden nahm den Doctor und den alten Diener auf; Vater und Sohn bestiegen einen leichten Gig und Erast lenkte selbst. Das Schloß, über dessen Zugbrücke sie rollten, lag eine Stunde etwa vom Meere und von der großen Straße, eine wohlerhaltene Burg des Mittelalters auf seinem weißen Kreidefelsen. Die nächsten Vorfahren des Grafen hatten es niemals bewohnst selten berührt; ein neuerer Wohnsitz war ihnen behagender; ehrfürchtig aber wahrten sie die Wiege und Gruft ihres Geschlechts.

Auch der Graf war bei seinem gegenwärtigen Besuche in der Heimath nur hierhergekommen, um mit jenem berühmten Rechtskundigen in dem alten Archive die Statuten des großen Familienfideicommisses zu prüfen, deren genaue Kenntniß ihm so wichtig war.

Sie fuhren auf einsamen Park und Waldwegen in fußhohem Laube. An den Bäumen zitterte hin und wieder noch ein braungrünes Blatt, das her November verschont hatte. Ein trüber Nebel dunstete über der Gegend. Des Vaters Auge ruhte auf dem Sohne. Er war eine jener concentrischen Naturen, deren ganzes Wesen nach einem Punkte strebt; ein Gefühl wird zur Idee, die Idee zur That; sie schwanken nicht, sie weichen nicht und erreichen ihr Ziel um so sicherer, wenn, aus derselben verborgenen Herzensquelle fließend, zugleich ein Gutes und ein Böses in unmerklich geschiedenen Strömungen sie diesem Ziele entgegentreiben. Denn selten macht Liebe, selten Haß allein, beide vereinigt machen den Helden.

Was Hingebung hieß in dem Herzen dieses ehernen Mannes, das, man sah es, war für das schöne Kind, das er sich entschlossen hatte, in jedem Sinne zu seinem Eigenthum zu machen, und auf welchem jetzt sein Auge mit Wohlgefallen weilte. Er freute sich des Knaben Gelenkigkeit. Wie ein Pfeil fuhren sie dahin; der schwere Reisewagen folgte in weiter Ferne.

Plötzlich, an einer Stelle, wo der Park in die große Straße einmündet, hielt Erast mit einem lauten Rufe des Schreckens still. Ein Kind, bei dem Geräusch des Wagens diesem entgegeneilend, fiel im raschen Einbiegen desselben von dem Waldwege vor des Pferdes Füßen nieder; sie wußten nicht, war es nur durch die jähe Begegnung überrascht, oder schon vom Huf getroffen niedergesunken.

Erast sprang schnell von seinem Sitz und gab dem Vater die Zügel. Das Mädchen war unbeschädigt und rief unter leidenschaftlichen Thränen:

»O helft! helft! meine Mutter stirbt!«

Vater und Sohn waren betroffen; das Kind redete nicht die Sprache ihres Landes, sondern die dem jenseit erzogenen Knaben vertrautere deutsche. Erast hob es in die Höhe und lief mit ihm der Gegend zu, nach welcher es unablässig seine kleinen Hände streckte. Hier, im Graben der Straße, an einen Baum gelehnt, lag eine Frau halb bewußtlos, unter schweren, erschöpfenden Leiden; Spuren von Blut, ihrem Munde entquollen, bedeckten ihre Kleider, die dünn und unzulänglich gegen Frost und Wetter, doch von einem Glanz, ja von Flitter zeugten, der zu ihrem gegenwärtigen Zustande wenig stimmte. Bei den nahenden Schritten starrte sie auf und versuchte zu sprechen. Aber ihre Stimme versagte; das Kind warf sich weinend über sie; sie drückte es an sich, mit einer verzweifelnden Geberde, blickte dann wie prüfend auf den fremden schönen Knaben, faltete bittend ihre Hände und machte unruhig eine Anstrengung, wie um die Kleine ihm zuzudrängen.

»Ich will meinen Vater holen, Frau!« rief Erast, und lief die wenigen Schritte zurück, wo der Graf seiner harrte. Das kleine Mädchen folgte ihm, als ob sie ihn zurückhalten wollte.

»Vater,« rief er athemlos, »dort im Graben stirbt eine Frau, schnell sieh zu, ob wir ihr noch helfen können.«

Der Graf ging nach der Seite der Unglücklichen. Während Erast die Zügel des Pferdes an einen Baum befestigte, fragte er das Kind, das sich angstvoll an ihn klammerte:

»Wie heißt Du, Kleine?«

»Angela.«

»Was macht Ihr hier auf der Straße? Wo wollt Ihr hin?«

»Nach Hause, über das große Wasser.«

»Wer seid Ihr denn, wie heißt Deine Mutter?«

»Meine Mutter heißt die schöne Flora.«

»Aber warum seid Ihr ganz allein, wo ist Dein Vater, Kind?«

Die Kleine sah ihn an, als hörte sie das Wort zum ersten Male. Erast wiederholte die Frage: »Dein Vater, Dein Vater, Kind?«

Da faltete sie ihre Händchen, zog einen kleinen Rosenkranz hervor, der an ihrem Gürtel hing, und als hätte sie sich jetzt besonnen, betete sie:

»Mein Vater im Himmel« –

Erast unterbrach sie, sein Geschäft war vollendet; er nahm sie bei der Hand und folgte dem Grafen. Noch niemals hatte ihn ein Anblick so bewegt, als der dieses unglücklichen Kindes mit den großen, ernsten Augen und dem feierlichen Klange seiner Stimme. In durchlöcherten Schuhen, im leichten, bunt gestickten Seidenröckchen, blaß und zitternd, ging sie an seiner Seite. Er fragte von neuem:

»Aber wer seid Ihr denn, Ihr armen Menschen? Was treibt Deine Mutter?«

»Meine Mutter? Meine Mutter tanzt auf ihrem Pferde in einem großen goldnen Hause. Und die ganze Welt sitzt darin, und macht so« – die Kleine klatschte in ihre Hände – »und schreit und wirft mit Blumen nach meiner Mutter – aber jetzt ist sie krank, meine Mutter, ach Gott, sie stirbt, Herr, helft ihr, helft!«

Da standen sie wieder vor der Unglücklichen; das Kind warf sich von neuem über sie; die Mutter wiederholte ihre bittende Geberde gegen den Grafen; mit äußerster Anstrengung kroch sie an ihn heran und umklammerte seine Knie. Er stand gedankenvoll; die sterbenden Züge schienen ihm nicht fremd; sie sprachen von einstiger Schönheit. Erast rief:

»Vater, kennst Du die Frau? Sie heißt die schöne Flora«!

Der Graf neigte den Kopf wie Einer der sich besinnt, aber er schwieg.

»Willst Du ihr helfen, Vater?« drängte Erast.

»Wenn ich kann, ja,« antwortete der Graf.

»Gieb mir die Hand darauf, Papa.«

»Glaubst Du mir nicht ohne das, mein Sohn?«

Der Knabe sah ihm rasch und prüfend in's Gesicht, dann sagte er zuversichtlich:

»Was Du mir versprichst, glaube ich, Vater.«

In diesem Augenblicke langte der Reisewagen auf der Straße an, indem der Graf mit dem Sohne ihm entgegenging, sagte er:

»Reise ruhig, mein Kind, ich werde für die Unglücklichen sorgen.«

Das kleine Mädchen war ihnen angstvoll gefolgt; Erast suchte vergeblich nach seiner Börse. Rasch nestelte er die goldene Kette von seiner Uhr, warf sie dem Mädchen über den Hals, und küßte sie auf die Stirn, sie lief zurück zu ihrer Mutter; der Knabe umarmte den Vater und sprang in den Wagen.

Bis dessen letzte Spur ihm entschwunden war, stand der Graf und starrte ihm nach, dann wendete er sich zu der Stelle zurück, wo die Sterbende lag. Er war noch blässer als gewöhnlich, seine Züge schienen noch fester und schärfer; ein großer Entschluß war ihnen aufgeprägt.

Ohne eine Wort zu sagen, nahm, er die unglückliche Frau auf seinen Arm und trug sie in den Wagen; mit äußerster Vorsicht bereitete er ihr einen Platz, setzte die Kleine neben sie, ergriff die Zügel, und zu Fuße neben hergehend lenkte er langsam dem Schlosse zu.

*

Kaum zwei Wochen nach dieser Begegnung erschien der Graf noch einmal flüchtig auf seinem Gesandtschaftsposten, um, wie schon erwähnt, ehe er sich seiner neuen Stellung im Süden zuwendete, das neuvermählte hohe Paar im Namen seines Souverains zu beglückwünschen. Er und sein Hausstand trugen tiefe Trauerkleider. Die Zeitungen der Residenz deuteten in ihrer heutigen Abendausgabe schüchtern und vorsichtig auf ein Familienschicksal, das in jenseitigen Blättern eben begann vielfach besprochen, ja zu einer Rechts- und Parteifrage erhoben zu werden. Die neugierig dem Leben ihrer Großen folgende, aufregungs- und ärgernißsüchtige Menge jenes Landes ging einen Augenblick so weit, einen Civil-, wohl gar Criminalproceß größten Styles vorauszusehen. Wir dürfen indessen vorgreifend bemerken, daß sie sich bald genug zur Ruhe geben mußte, indem weder die Nächstbetheiligten, noch der hohe Areopag der Gleichgestellten des Grafen einen inneren Grund oder einen schicklichen äußeren Angriffspunkt, sei es zu suchen, sei es zu finden schienen. Wie gesagt, unsere Blätter schwiegen über alle diese Lästerungen, sie erwähnten nur, daß der diesseitige Gesandte von Graf Servan, während eines kurzen Aufenthaltes im Vaterlande seine Gattin verloren habe, und das war mehr als genug gesagt, um auch in seinem bisherigen Lebenskreise seltsame Voraussetzungen anzuregen, denn der Graf hatte bisher für unverheiratet gegolten.

Noch waren diese Voraussetzungen indessen nicht rege geworden; während des großen Empfanges, der dem Einzuge des fürstlichen Paares folgte, war es ein Interesse anderer Art, welches dem Grafen von Seiten der harrenden Versammlung zugewendet wurde. Man wußte, daß er in früherer Zeit eine diplomatische Sendung an dem heimischen Hofe der Fürstin eingenommen, daß er mancherlei persönliche Beziehungen mit demselben unterhalten hatte; man mutmaßte ihn nicht ohne Anteil beim Schließen dieses Bündnisses, und vielfach waren daher die Fragen und Andeutungen, die nach dieser Seite hin an ihn gerichtet wurden; indessen, wie wir es von seiner Natur erwarten dürfen, kurz und ablehnend seine Antworten. Alles blickte gespannt nach der Frau, deren hohe Eigenschaften ihrem künftigen Lande zum Segelt gereichen sollten. Endlich erschien sie. Eine erhabene Gestalt, über die erste Jugend hinaus; undurchdringlichen, ruhigen Blickes, mit großen Bewegungen und Formen; ein lebendig gewordenes, elastisches Marmorbild, schien sie zum Ordnen, ja, zum Herrschen geboren; und man hatte Ursache, sich dieses ihres Berufes zu freuen, da an der Seite des mark- und geistlosen Gatten ihren Gaben ein weiter Kreis der Entfaltung bevorstand.

Als sie in der Reihe der Huldigenden den Grafen erreichte, konnte den Aufmerksameren ein Schatten von Bewegung nicht unbemerkt bleiben, der ihre Züge überflog.

»Ich habe in meinem neuen Leben auf Ihre Begegnung gerechnet, Herr Gras, wie auf die eines Freundes,« sagte sie leise, den Umstehenden nur halb verständlich.

»Wie unglücklich bin ich,« hörte man den Grafen nach einer tiefen Verbeugung laut erwiedern, »Ihro Hoheit für diese Huld nur an dem heutigen Abend meinen ehrfurchtsvollen Dank aussprechen zu dürfen und gezwungen zu sein, zu gleicher Zeit mein Lebewohl zu den Füßen Ihrer Hoheit niederzulegen.«

»Wir beklagen von Herzen,« fiel hier der fürstliche Gemahl ein, »des Grafen so schleunige Abberufung aus unserer Nähe, wenngleich seiner Kunst in jenem Lande reichere Lorbeeren zu blühen versprechen als in unseren, gottlob friedlichen Verhältnissen.«

Der alte Fürst wendete sich zu den Nächststehenden. Die Prinzessin hatte einen Stuhl gefaßt, um sich darauf zu stützen, sie schien noch einen Schimmer bleicher als gewöhnlich. Indem sie ihr Auge langsam vom Boden an der hohen Gestalt des Grafen hinauf zu dem seinen erhob, haftete es auf einem schmalen, schwarzen Streifen an seinem Arm, den derselbe, gegen seine Art die Sitte verletzend und allerlei Mißdeutung herausfordernd, bei dieser feierlichen Gelegenheit nicht abgelegt hatte; sie sagte mit einem leisen Zittern der Stimme:

»Dieses Trauerzeichen –?«

»Ich habe vor einer Woche die Gräfin Servan begraben, Hoheit,« antwortete der Graf.

»Ich wußte nicht, daß Ihre Mutter noch lebte.

»Nicht meine Mutter, Hoheit, meine Gattin ist es, die ich verlor.«

Ein Hauch, ein Strahl, war es Schreck, Schmerz, Spott, fast wie ein Lächeln spielte um ihren geschlossenen Mund; man sah, daß sie eine bedeutende Erwiderung unterdrückte. Der Graf schwieg, seine Augen ruhig auf die ihren geheftet. Endlich entglitten zwei Worte ihren kaum geöffneten Lippen:

»Ihr Sohn?«

»Ich danke Ihro Hoheit ehrfurchtsvoll für die Huld, sich seiner zu erinnern,« antwortete der Gesandte, »ich stehe im Begriffe, meinen Sohn der heiteren Anstalt zu entführen, in welcher er nach Wunsch seiner Mutter seine Kindheit bisher vertändelt hat; indem ich ihn auf eine veränderte Lebensstellung vorbereite, glaube ich den Pflichten und Rechten zu entsprechen, welche nach dem unvorhergesehenen, unwiderruflichen Verluste der Mutter ausschließlich dem Vater anheim fallen.«

Dem überwältigend Anstrengenden eines großen Scheidens und Neueintretens schien sich auch die starke Natur der Fürstin nicht gänzlich entziehen zu können. Ein Anfall von Schwindel oder Krampf überkam sie; sie war einige Augenblicke verwirrt. Bald jedoch hatte sie das plötzliche Leiden überwunden und mit vollständiger Sicherheit und Aufmerksamkeit erwiederte sie die Begrüßungen ihres künftigen Lebenskreises.

*

Der Graf verließ noch in dieser Nacht die Residenz; am nächsten Abend erreichte er die Anstalt, wo in ländlich freier Waldgegend, unter zahlreichen Gespielen, kräftig und fröhlich wie er selbst, Erast seine Kindheit vertändelt hatte. Als er in einiger Entfernung die jugendliche Schaar in ihrer leichten, heiter bunten Kleidung, an dem rauhen Herbsttage sich mit Sommerlust auf einem Wiesenplane tummeln sah, da überkam es den strengen Mann fast wie ein Weh, seinem Kinde die Zeit unbefangenen und ungemischten Jugendglücks so plötzlich abbrechen zu sollen. Der Graf war aus katholischem Hause; von den Seinigen laxer Gesinnungen beschuldigt, hatte es bisher geschienen, als denke er den Sohn durch seine gegenwärtige Erziehung dem in seinem Vaterlande vorherrschenden protestantischen Bekenntnisse anzuschließen, und so ahnte er jetzt des Knaben tiefe Ueberraschung, sich unvorbereitet auf eine ihm gänzlich fern liegende Bahn getrieben zu sehen.

Als daher am andern Morgen Erast, unter tausend heißen Thränen sich von den väterlichen Erziehern, von den brüderlich geliebten Genossen losreißend, wie von einem bösen Traume umfangen zum ersten Male etwas von jenem »Wahnsinn« empfand, den eine große Trennung in sich birgt, da sagte der Vater, während sie nebeneinander auf der, auch in ihrem weißen bereiften Winterschmucke lieblichen, waldeinsamen Straße dahinrollten:

»Fasse Dich, Erast; diese Trennung ist nothwendig; der Verlust Deiner Mutter führt Dich jetzt an die Grenze eines neuen Lebens.«

Der Knabe fuhr auf.

»Der Verlust meiner Mutter, welcher Mutter?«

»Deiner Mutter, meiner Gattin, Erast.«

»Ich habe ja längst keine Mutter mehr gehabt.«

»Doch, mein Sohn, Du hast sie noch gehabt, aber Du hast sie vor kurzem verloren.«

»Meine Mutter verloren? Erst jetzt? Wer war sie? Wo war sie? Habt Ihr mir nicht von jeher gesagt, meine Mutter sei todt?«

»Du hast das vorausgesetzt, Erast, weil Du sie nicht sahst, aber sie lebte.«

Der Knabe war sprachlos.

»Es ist dies ein Verhältniß, mein Kind,« fuhr der Vater fort, »das Du jetzt noch nicht verstehst, verstehen darfst; genüge es Dir, zu wissen, daß der einzige Sohn eine hohe Aufgabe vor sich hat, um dem Werthe seines Geschlechtes gerecht zu werden, und sich anzueignen, was dem Erben eines großen Hauses in unserem Vaterlande ziemt.«

»Ich werde lernen, und thun lernen, was einem Manne ziemt, Papa; ich habe das auch schon in der Anstalt gelernt, und unser Vater dort sagte, daß es nichts Höheres zu lernen gäbe.«

»Genug, Erast! Diese bürgerliche Erziehungsweise genügt nicht mehr für Dich, Du mußt andere Begriffe fassen, andere Zustände kennen lernen. Zunächst ist es hohe Zeit für Dich, in die Religion Deiner Väter eingeweiht zu werden.«

»In die Religion meiner Väter? Sind wir nicht Christen, Papa?«

»Aber katholische Christen, Erast.«

Der Knabe starrte betroffen vor dieser neuen Entdeckung; in der Gegend, in der Gemeinschaft, in welcher er bisher sein Leben verbracht, hatte er niemals einen Katholiken gesehen, und nur das allgemeinste von diesem Cultus gehört.

»Glauben denn die etwas Anderes, Vater?« fragte er.

»Nicht eigentlich etwas Anderes, aber etwas mehr.«

»Ich werde glauben, was wahr ist!« rief der Knabe entschieden nach einem kurzen Bedenken.

»Du wirst glauben, was Du kannst, mein Sohn,« versetzte der Graf – »aber Du wirst Dich zu der Gemeinschaft bekennen, welcher Deine Väter angehörten und in welcher auch Deine Schwester erzogen wird.«

Ein neues Wunder überstürzte den Knaben.

»Meine Schwester? Eine Schwester?« fragte er ungläubig, »scherzest Du, Vater? Aber nein, Du scherzest wohl niemals.«

»Niemals über solche Gegenstände, Erast.«

»So habe ich wirklich eine Schwester?«

»Allerdings, mein Sohn, nur daß Du sie bis jetzt nicht kennen konntest, denn sie lebte mit ihrer Mutter.«

»Mit meiner Mutter, die jetzt erst gestorben ist?«

»Ja.«

»Wie heißt meine Schwester?«

»Ella.«

»Wie alt ist sie?«

»Einige Jahre jünger als Du.«

»Und wo ist sie jetzt? Ich will zu ihr, will sie sehen, Vater, o ich habe sie schon so lieb, meine Schwester.«

»Du kannst sie jetzt nicht sehen, Erast, denn sie wird fern von hier, von denselben würdigen Geistlichen erzogen, der auch Deine erste Pflege geleitet hat.«

»Der ist ja aber auch Protestant, Vater?«

»Ella ist noch so jung, daß es nicht schadet; später wird sie einer anderen Anstalt übergeben werden.«

»So will ich meiner Schwester einen Brief schreiben, Papa.«

»Das würde vergebliche Mühe sein, mein Sohn, denn sie kann noch nicht lesen.«

»Nicht lesen, und ist nur einige Jahre jünger als ich?«

»Ihre Erziehung ist etwas verspätet; bei einem Mädchen schadet das nichts.«

Erast saß eine Weile schweigend, dann fragte er mit einem hastigen Gedankensprunge:

»Vater, was ist aus der unglücklichen Frau geworden, die auf der Straße zu unserem Schlosse lag?«

Der Graf fuhr unwillkürlich bei dieser unerwarteten Frage ein wenig zusammen, er blickte dem Sohne scharf und prüfend ins Gesicht; als er aber dessen Unbefangenheit erkannte, sagte er ruhig:

»Sie ist gestorben, Erast.«

»Aber das arme, kleine Mädchen, Papa?«

»Für die sorgt ihr Vater.«

»Ihr Vater? Ich kann ihren Vater nicht leiden, warum war er nicht bei ihnen, als die Frau so elend war?«

»Thu' nicht so viel unnütze Fragen, mein Sohn.«

»Ich will aber wissen, wie es der kleinen Angela geht. Sorgt ihr Vater gut für sie?

»Ich glaube es.«

»Kennst Du den Vater?«

»Ja.«

Taufend fernere Fragen wurden dem Knaben nicht weniger knapp beantwortet als diese, und er blieb unbefriedigt über alle Einzelheiten seines neuen Zustandes. Aber dieser Tag mit seinem Abschluß, mit seinem überraschenden Aufschluß hatte eine tiefe Wirkung auf ihn. Gereift um Jahre, ließ ihn nach Verlauf einer Woche der Vater in dem ernsten klösterlichen Schulhause zurück.

*

Alles in diesem neuen Leben war gegen des Knaben Natur und bisherige Weise. Strenges Lernen möchte ihm nicht unangemessen gewesen sein; aber die Art widerstand ihm, in welcher es hier getrieben wurde. Natur und Freiheit lockten, Beschränkung und Aufsicht drückten ihn. Hier war kein kräftiges, körperliches Regen und Bewegen, kein Klettern und Schwimmen, kein fröhliches Fest; er schwankte zwischen Schwermuth und wilden Entschlüssen; in seinen Briefen an den fernen Vater klagte er nicht, aber er bat, ja er forderte, befreit zu werden. Der Graf antwortete mit der kurzen entschiedenen Gegenforderung heilsamen Ausharrens.

Eines Mittags im Sommer kehrte er von einem einsamen Gange aus dem klösterlichen Garten zurück. Sein Herz war voller denn je von wirren, traurigen Bildern; sehnsüchtiger denn je hatte er über die Mauern auf die umgebenden, hohen Berge geblickt, blauer denn je hatte der stille See zu Füßen des Gartens ihn zum kühlenden Bade gelockt. Auf der Schwelle des Schulhauses fand er die ganze Gemeinschaft von Lehrern und Schülern in ungewohnter Bewegung. Jene schon erwähnte Fürstin berührte auf einer Reise nach dem Süden auch diesen Ort, und wie jede Anstalt der Bildung und des Gemeinwohls wichtig war für ihren hohen, mit großen Plänen für ihr Volk sich nährenden Sinn, so wollte sie, wenngleich anderer Confession, doch auch an dieser vielgenannten Anstalt nicht vorübergehen, ohne sie kennen zu lernen.

Eben trat sie ein, nur gefolgt von einem namhaften Gelehrten, ihrem Reisebegleiter. Erast war wie geblendet, wie bezaubert von ihrem Anblick, nie hatte ein Mensch ihm diesen Eindruck gemacht, es überkam ihn ein Gefühl, als müsse er sich ihr nahen, ihre Hand küssen, ihre Knie umfassen. Ihre Hoheit, ihre Schönheit bewunderten Alle, aber was den Anderen in ihrem Blicke, ihrem Lächeln Verschleierung, Fremdheit schien, ihm war es Offenbarung und Erkennen. Sie ließ sich von den Vorstehern in die Gesetze und Einrichtungen der Anstalt einweihen, sie hörte, fragte und erwiederte mit Einsicht; ihr Auge überblickte die versammelten Zöglinge, auf jedem einzelnen von ihnen ruhte es forschend; auf ihm am längsten und lieblichsten, fühlte Erast. Endlich wünschte sie, daß die Knaben ihr genannt würden. Sein Name war der letzte; wie sie so dicht vor ihm stand, zitterte er fast, ja ihm dünkte, sie zitterte auch, als sie ihm mit einer ihn fast überwältigenden Empfindung die Hand reichte und sagte:

»Ich kenne Deinen Vater, mein Kind, und auch – Deine Mutter.«

»Meine Mutter, gnädige Frau?« rief Erast, »ach, meine Mutter ist ja todt!«

Sie strich mit der Hand über ihre Stirn, wie um sich zu besinnen; sah ihn dann lange forschend an und fragte:

»Hast Du Deine Mutter gekannt?«

»Nein, gnädige Frau, niemals gekannt, niemals gesehen; darum bin ich traurig, wenn ich an sie denke.«

»Denke an Deine Mutter als an eine Lebende, mein Kind – denn die Menschen leben uns wirklich, die wir noch treu in unserem Herzen tragen.«

Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort:

»Bist Du zufrieden hier?«

Er wollte antworten, ihr sein Herz offenbaren; aber die Vorsteher nahten sich; sie sagte zum Abschied: »Solltest Du einmal einen Wunsch haben, mein Kind, einer Hülfe bedürfen, und Dein Vater Dir zu ferne scheinen und Deine Mutter noch ferner,« setzte sie etwas leiser hinzu,»so denke daran, daß beider Freundin in Deiner Nähe lebt, und wende Dich zu ihr mit Vertrauen.«

Von neuem drängte die Bitte um Befreiung sich auf seine Lippen; aber schon hatte die hohe Frau sich von ihm entfernt; umringt von Lehrern und Vorstehern wendete sie sich auf der Schwelle des Hauses noch einmal um und neigte langsam den schönen, blassen Kopf gegen den Knaben mit einem Blicke, der diesem durchs Herz ging.

Von diesem Tage an wurde ihm der Aufenthalt in der Anstalt immer unleidlicher; dagegen bildete sich in seinem von Natur wenig zur Schwärmerei, sondern zu klarem Durchdringen und liebreichem Erfassen neigenden Gemüthe eine Art Cultus für jenes schönste und edelste Menschenbild. Ja, während der Gebete und, Huldigungen an eine ihm fremde Himmelskönigin und Gottesmutter mischten sich seine Vorstellungen von einer lebenden Erdenmutter geheimnißvoll mit dem Bilde dieser unvergeßlichen irdischen Königin.

Er faßte den Plan zur Flucht. Sie hatte ihm ihren Schutz versprochen, sie sollte ihm seine Lebensbahn anweisen, ihrem Fingerzeige wollte er folgen. Im Begriffe jedoch, diesen Plan auszuführen, ja, mit einem Fuße schon über der Schwelle des Hauses, das ihm ein Kerker schien, erschrak sein offener kräftiger Sinn vor dieser heimlichen That; er fühlte sein Herz klopfen, kehrte um und besann sich. Er wollte nicht bleiben, aber er wollte auch nicht fliehen, nicht seinen Vater hintergehen; mit dessen Wissen wollte er thun, wozu er ein Recht zu haben glaubte. Es lag im Auge und Wesen dieses Knaben ein königlicher Freimuth, wie nur wenige Glückliche ihn als Erbtheil empfangen, noch Wenigere die Kraft haben, ihn ungebrochen durchs Leben zu führen.

Er schrieb demnach seinem Vater liebreich, aber entschieden, daß er nicht länger in dieser Anstalt bleiben werde, weil er fühle, in ihr nicht kenntnißreich und gehorsam, sondern beschränkt und hartnäckig zu werden, erklärte, daß, wenn der Vater ferner verweigere, ihn in ein anderes Verhältniß zu bringen, er sich unter den Schutz jener hohen Fürstin stellen werde, welche, als Freundin seiner seligen Mutter, ihm Rath und Hülfe zugesichert habe.

Unerwartet und ohne daß Erast erfahren konnte, ob in Folge jenes Briefes, erschien nach einiger Zeit der Graf und entfernte ihn aus der Anstalt. Es folgten weder unmuthige, noch liebreiche Erörterungen. Er sollte unter persönlicher Führung eines würdigen Gelehrten seine Ausbildung in einem Collegium der großen Hauptstadt des Nachbarlandes erhalten. Er war dankbar und froh. Während der Reise erzählte er dem Vater jene ihm so überaus wichtige Begegnung mit seiner fürstlichen Gönnerin und fügte hinzu:

»Vater, wie beschämte es mich, dieser hohen Frau bekennen zu müssen, daß ich meine selige Mutter niemals gesehen, niemals von ihr gehört hatte. Ja, wie drückte mich das Gefühl, nicht einmal ihren Namen zu wissen. Nenne mir ihn, Vater, wer war, wie hieß meine Mutter?«

»Versprich mir, Erast,« entgegnete der Vater, »aus mir wichtigen Gründen nicht ferner über dieses Verhältniß zu grübeln und zu fragen. Es wird Dir zur rechten Zeit klar werden. Der Name meiner verstorbenen Frau ist indessen kein Geheimniß,«

»Nun, wie hieß sie, Vater?«

»Sie hieß Florentine Kaiser,«

»Ein deutscher Bürgername; mehrere Kaiser waren mit mir in der Anstalt.«

»Sie war auch eine Deutsche, bürgerlicher Abkunft; aber in unserem Vaterlande, Erast, trägt eine Frau und vererbt auf ihre Kinder den Adel und die Würde ihres Gatten.«

»Nur in unserem Lande, Vater? Thut sie das nicht in jedem Lande?«

»Nicht in jedem Lande darf sie es ohne eine Mitgift eigner Ahnen.«

»So werde ich niemals eine Frau aus solch einem Lande heirathen,« sagte der Sohn, und der Vater lächelte.

*

Wir dürfen nun eine Reihe von Jahren überspringen und dem Leser unseren kindlichen Freund zuerst als jungen Mann wieder vorführen, ohne uns einer allzubreiten Lücke in dieser Skizze seines Lebens schuldig zu machen; denn es verfloß in harmonischer Bereicherung und Entfaltung. Er lernte gern und schnell, ja mit einer Gründlichkeit, welche seinen neuen Lehrmeistern und Genossen bisweilen pedantisch schien; auch stimmte der wechselnde, wir möchten sagen kosmopolitische Bildungsgang wohl zu des Knaben frei um und aufblickender Art, während ein unzerstörbar heiterer, reiner Instinkt ihn vor gefährlich ansteckenden Berührungen in der großen Metropole des Vergnügens bewahrte.

Jährlich, während den Ferien, besuchte er den Vater in der fernen südlichen Stadt, wo er als Gesandter seines Landes in hohem Ansehen stand, oder machte mit ihm eine Reise nach irgend einem schönen und wichtigen Punkte der Welt. Sollten wir den Grafen vielleicht eng und einseitig geschildert haben, so dürfte dieses Bild doch nur von seinem Gemüthsleben gültig sein, denn seine Kenntnisse und Erfahrungen waren reich umfassend, und die knappe, präcise Art, mit welcher er dieselben gelegentlich äußerte, wirkte bedeutsam, bildend auf den empfänglichen, aufmerkenden Sohn. Ein innig vertrauliches Verhältniß konnte nicht zwischen ihnen entstehen, keiner schien es indessen zu beanspruchen; auch hatte Erast Zartgefühl genug, nicht mehr nach des Vaters Vergangenheit und besonders nach einer gewissen Periode derselben zu forschen. Das Bild jener interessanten Frau, obgleich deutlich in seiner Erinnerung erhalten, trat, ungenährt von wiederkehrenden Beziehungen, in den Hintergrund und nur nach der fernen, ungekannten Schwester trug der junge Mann ein wohlerklärliches Verlangen, vermehrt durch schmerzliche Vorstellungen von der einsamen Lage des lieben Kindes. Er wußte, daß Ella, nach einiger Zeit von ihren ersten Erziehern entfernt, bis zu ihrem Eintritt in die Welt in einem klösterlichen Pensionate ausgebildet werde, doch reiste der Vater niemals mit ihm weder zu ihr noch in sein Vaterland, und ein schriftlicher brüderlicher Gruß, mehr als einmal ihr zugesendet, blieb ohne Erwiederung. – War der Graf über dieses nächststehende Wesen sehr zurückhaltend, so sprach er mit desto größerer Wärme von einem anderen Familienverhältnisse, und je älter der Sohn ward, desto öfter erwähnte, desto stärker betonte er dessen einstige Verbindung mit seines Vaters Mündel, der einzigen Tochter seines verstorbenen älteren Bruders; er nannte diese Verbindung ein feststehendes Familienübereinkommen, ja als eine heilige Pflicht, da ihrer jungen Verwandtin durch dieselbe ein Besitz zugewendet werden müsse, der nach dem Erlöschen des männlichen Stammes ihr, als einziger Erbin, zugefallen sein würde. Wohl fiel dem jungen Manne der Widerspruch auf, daß seine Cousine, gleichen Alters mit ihm selbst, mit solcher Zuversichtlichkeit, ja mit einem Schein des Rechtes auf diese Erbfolge habe rechnen können. Indessen lag die Angelegenheit ihm noch zu fern, um sich ernstlich in Gedanken mit ihr zu beschäftigen. Jung, frei und lebenslustig, wie er sich fühlte, hätte die Pflicht einer Heirath, und gar einer Convenienzheirath, ihn nur einen Augenblick beunruhigen können?

Er hatte seine Studienzeit vollendet; nach den Gesetzen seines Landes war er volljährig und sollte nun, so wollte es der Graf, ein selbständiger Bürger jenes Landes werden und in den Mitgenuß des väterlichen Besitzes treten. Indessen erschien an diesem großen Wendepunkte seines Lebens die Verbindung mit seiner Cousine gleichsam als die conditio sine qua non.

Ein Schreiben des Vaters lud ihn zu einer Familienzusammenkunft in einem großen Badeorte ein, bei welcher Gelegenheit er seine Verlobte und die Schwester kennen lernen sollte, deren klösterliche Erziehung vollendet war. Der Gedanke an Ella beglückte ihn; er war in heiterster Aufregung; es war ihm, als ob endlich der Nebel sich senken müsse, der seine sonst so wolkenlose Jugend umschleiert hatte, als ob er nun erst frei und kühn das Leben nach allen Richtungen überblicken dürfe. In liebevollster Erwartung beschleunigte er seine Reise und langte einen Abend früher, als er erwartet wurde, in dem glänzend belebten Badeorte an. Im Hotel seines Vaters erfuhr er, daß die Familie zum Ball im Cursaale versammelt sei; er wechselte schnell die Kleider und ging zur Gesellschaft. Derartiges Treiben war ihm nicht neu; er war schon vielfach, wenn auch mehr Zeuge als Theilnehmer desselben gewesen; aber die häufig so rasch überschrittene Grenze solcher Lust lag ihm noch verhüllt, frisch und fröhlich, wie selten ein junger Mann seines Standes, blickte er in das ihm Schönheit und Freude strahlende Getümmel.

Er kannte keinen Menschen in dieser bunten Menge. Da er den Vater nicht allsobald herausfand, gefiel er sich wohl eine Viertelstunde lang während einer Pause des Tanzes, seine Augen auf dem blumengeschmückten Frauenkreise weilen zu lassen, der ihm zwei so liebe Erscheinungen umschloß. Bei jeder neuen, anmuthigen Erscheinung fragte er sich mit gespannter, halb froher, halb ängstlicher Neugier:

»Ist es diese? Ist es Ella? Leonore?« und sein Blick schweifte weiter. Endlich sah er aus einem Cabinete ein Paar treten, bei dessen erstem Anblick sein Herz ihm zurief: »Sie sind es!« Die Eine eine große, schön gerundete Gestalt in lichtblauem, wogendem Gewande, mit der unverkennbaren, fast goldigen Lockenfülle und dem Farbenschmelze ihres heimischen Landes. Der heiterstrahlende Blick der blauen Augen, der volle Blüthenkranz im Haar vollendeten das Bild einer unvergleichlichen Hebe. Sie konnte Aehnlichkeit mit Erast selber haben, ja, es schien ihm fast, als ob etwas in ihr ihn an ihn selbst erinnere – wer war sie? War sie die Schwester? die Braut?

Ihre Erscheinung zog so im voraus alle Blicke auf sich, daß Erast erst allmälig sie prüfend auch auf der zweiten ruhen ließ. Leise und schüchtern an jener Arme hängend, unscheinbar in Weiß gekleidet, das dunkle Haar ohne Blumenschmuck einfach geordnet, kleiner, zarter, wohl auch jünger als jene, etwas nach vorn geneigt den Kopf, und die langgewimperten Lider fast immer gesenkt, mit dem Ausdruck kindlich ernster Demuth erschien sie fast wie ein Mond neben dieser hell und heiter überstrahlenden Sonne; als sie aber jetzt im Gespräch den Blick zu ihrer Begleiterin emporhob, da durchleuchtete es den jungen Mann wie ein Blitz: er kannte diese Augen, kannte dieses Wesen – wer war sie? War sie die Schwester – sein Herz bebte – war sie die bestimmte Braut? Er sah jetzt den Vater aus dem Spielzimmer treten und begrüßte ihn in großer Bewegung.

»Wo sind sie?« fragte er hastig.

Der Vater lächelte, als er mit ihm den Saal durchschritt, »um ihn seiner Cousine bekannt zu machen.«

»Und meiner Schwester,« drängte Erast.

»Und Ella, natürlich,« ergänzte der Graf. Wirklich geleitete er ihn zu der Gruppe, welche der junge Mann soeben als ein Zweigestirn bewundert hatte.

»Erast ist ungeduldig gewesen und schneller gekommen, als wir vermutheten,« sagte der Graf, »ich hoffe, liebe Nichte, daß er Dir willkommen ist.«

Die im blauen Dufte, die große, heitere, sonnenhelle, die, welche ihn an ihn selbst erinnert hatte, streckte dem jungen Manne ihre beiden Hände entgegen und sagte mit einem Lächeln, so offen und golden wie der Klang ihrer Stimme:

»Von Herzen willkommen, lieber Vetter!«

Ehe aber noch der Vater den unruhig fragenden Blick des jungen Mannes beantwortet hatte, entzog sie ihm rasch wieder die eine Hand, legte sie auf das dunkle Haar, das sich so fein und ebenmäßig über der Stirn des jungen Mädchens an ihrer Seite scheitelte, und setzte schnell hinzu:

»Und das ist Ella!«

»Meine liebe Schwester!« rief Erast. Er scheute sich, sie vor den Augen der Gesellschaft zu umarmen; zog nur innig ihre Hand an seinen Mund und wiederholte:

»Meine liebe Schwester!«

Wie eine weiße Blüthe der erste Strahl der aufsteigenden Sonne, so überhauchte ein rosiger Schein das liebe stille Gesicht, als sie ohne ein Wort zu sagen die großen, feuchtschimmernden Augen zu ihm erhob.

»Der Tanz beginnt,« sagte der Graf. Sie traten zur Seite.

»Du bist ja halb ein Deutscher, Erast,« fragte Leonore, »Du walzest doch?«

»Ich tanze alle Tänze gern, liebe Cousine, und Walzer besonders.«

»So walzen wir wohl jetzt mit einander, nicht wahr?«

»Mit Freuden!« rief er und sie traten in die Reihe.

Das schöne Paar durchflog den Saal zum Entzücken selbst dieser durch ephemere Reize so verwöhnten Gesellschaft. Denn das Kommen und Gehen, das Drängen und Verdrängen, Rauschen und Verrauschen, das Glänzen und Verglänzen eines Tages zeigt kein Zustand mehr als der solch eines Badelebens. Sie scherzten und plauderten mit einander unbefangen, als hätten sie sich Jahre lang gekannt, ja als wären sie Geschwister.

»Wenn wir so gut mit einander leben als tanzen lernen, Erast,« sagte Leonore lachend, »so geben wir ein vorschriftsmäßiges Paar.«

»Und was nennt meine schöne Cousine mit einander leben lernen?«

»Wir müssen uns gefallen lernen, Erast.«

»So gefalle ich Dir bis jetzt nicht, Cousinchen?«

»Junger, eingebildeter Herr,« scherzte sie, »meinen Sie, die Bekanntschaft während eines Tanzes hinreichend, um sich länger als einen Tanz mit einander zu amüsiren?«

Er lachte und führte sie aus der Reihe. Ein Schwarm junger Männer umringte sie huldigend. Leicht wie ein Zephir schwebte sie bald mit dem Einen, bald mit dem Anderen durch den Saal. Der Vater war zu seinem Spieltisch zurückgegangen; Erast trat zur Schwester, die einsam in einer Fensternische saß: »Willst Du nicht auch einmal mit mir tanzen, liebe Ella?« fragte er.

»Ich danke Ihnen,« antwortete sie.

»Sie, Ella? Einen Bruder, Sie?«

»Verzeihung!« flüsterte sie. »Ich bin so wenig gewohnt, Dich Bruder zu nennen.«

Und von neuem überwehte sie wie ein rosiger Schleier bei dem Du.

»Tanzest Du denn nie, liebe Schwester?«

»Ich habe noch niemals getanzt.«

»So wollen wir es Dich lehren, Leonore und ich; wollen fleißig mit Dir üben, und bald wird es Dir eine Freude sein wie uns.«

Sie schüttelte lächelnd den Kopf, sie erschien ihm in dieser Bewegung hold und heilig wie ein Engel.

»Ella,« sagte er plötzlich ernst und bewegt, »das große Stück Leben, das wir ohne einander verbracht haben, müssen wir jetzt nachholen, müssen uns doppelt aneinander halten, weil wir uns so lange entbehrten, – wirst Du mich lieb haben können, Schwester?«

Wieder sah er, nicht eine Thräne, aber einen feuchten Glanz über ihren unbeschreiblichen Augen. Sie waren nicht blau, nicht braun, nicht schwarz, sie schimmerten in allen Farben des Meeres und wechselten ihren Schatten unter jeder Strömung des Herzens. Erast faßte ihre Hand, sie zitterte.

»Du kennst auch unseren Vater noch so wenig,« sagte er, »Dir ist recht unheimisch zu Sinne, armes Kind, nicht wahr?«

»O nein,« antwortete sie, »der Vater ist gütig und Leonore ist die Güte selbst.«

Eben schwebte die schöne gütige Leonore an ihnen vorüber; einen Augenblick im Tanze still haltend, rief sie ihrem Verwandten zu:

»Wecke sie auf zum Leben, Erast, Deine kleine, liebliche Nonne! Sie fühlt sich noch immer im Kloster unter uns.«

Erast gedachte der Zeit, wo er sich selbst in einer klösterlichen Anstalt so elend gefühlt hatte, er sagte mitleidig:

»Arme Ella! Wie unglücklich mußt Du in diesem beschränkten, einförmigen Leben gewesen sein?«

»Unglücklich?« rief sie, »o nein, ruhig und froh!«

»Froh, Ella?«

»Ja, froh. Dort hatte ich meinen festen Platz und wußte immer, was recht war.«

»Aber so verlassen, Schwester, ohne einen liebenden Menschen?«

»Wen hätte ich haben können?« fragte sie traurig, weniger ihn als sich selbst.

*

Am andern Morgen versammelte sich die Familie zum Frühstück auf der Terrasse des Hauses. Der Blick von hier in das Thal ist einer der lieblichsten. Hohe Alleen von Kastanien und Nußbäumen breiten ihren Schatten, Rebengelände ziehen sich die schön geschnittenen Berge hinan, deren Gipfel von dichten Waldungen gekrönt sind; alte Burgen mit hochklingenden Namen blicken mahnend und lockend in das bunte Gewoge der Neuzeit.

Der Graf lustwandelte auf der Terrasse, Leonorens einstige Erzieherin, jetzt ihre Duenna, studirte die Zeitung, Ella war beschäftigt, den Thee zu bereiten, als Leonore an Erasts Arme daher schwebte. Der ernste Vater hatte bei dem Anblick eine sichtliche Freude, als wäre es das Ziel seines Strebens, dem er sich näherte; die Duenna sagte gefällig:

»Das nenne ich ein Paar! Wie aus einem Gusse!«

»Ja, Oheim!« rief Leonore, die diese Bemerkung gehört hatte, lächelnd, »Geschwisterkinder, als wären es Geschwister!«

Der Graf war sichtlich verstimmt über diese Wendung; aber er erwiederte nichts. Man setzte sich zum Frühstück und sprach von Diesem und Jenem. Endlich sagte der Vater zu Ella gewendet:

»Du warst gestern wieder allzu einfach gekleidet, Ella; erscheinst Du in der Gesellschaft, so wünsche ich, daß Dein Auftreten Deinem Stande entspreche.«

»Lassen Sie das Kind, Oheim!« begütigte Leonore, ihre Cousine umarmend; »wenn sie eitel wäre, könnte sie nicht glücklicher berechnen. Sie überstrahlt uns Alle mit einem Blick aus ihren grünen Julienaugen.«

»Ich werde Ihnen gehorchen, mein Vater,« flüsterte Ella. Das Wort »Vater« verhallte fast wie ein Hauch, oder wie ein Seufzer auf ihren Lippen. Erast sah sie an; sie war während des Vaters Rede noch blässer geworden als gewöhnlich; ihre seltsame Schönheit wurde ihm erst in diesem reinen Morgenlichte völlig klar. Das Auge war wirklich grün, wie Leonore sagte, und die Haut so durchsichtig, als hätte man durch das feine Gewebe über den bläulichen Adern wie durch einen Schleier in den Aether ihres Wesens blicken sollen. Erast sagte sich entzückt, daß, wenn der erste Blick von seiner schönen Verwandtin gefesselt werden müsse, der zweite, der letzte, immer auf diesem himmlischen Bilde ruhen werde; wenn Leonore in ihrer heiteren Formen- und Farbenschöne einen Künstler begeistern könne, Ella's stiller, unwiderstehlicher Zauber einen Jeden locken müsse wie die blaue Wunderblume der Poesie. Immer wieder blickte er auf sie, auf einen Jeden im Kreise; sie glich Keinem von ihnen, keiner seiner Erinnerungen; warum war sie ihm doch so bekannt, so bewußt?

Eine kleine Verstimmung blieb, selbst Leonorens anregenden Bemühungen widerstehend, unter ihnen zurück. Erast war gedankenvoll, Ella verschüchtert, der Graf einsilbig; die Duenna blickte verlegen noch immer in die Morning Post. Nach dem Frühstück sagte Leonore:

»Jetzt müssen wir spazieren reiten, Erast; Ella kennt die Gegend noch so wenig.«

»Reiten!« rief Ella mit einem Schauder.

»Scheut sich unsere kleine Landsmännin vor Pferden?« scherzte Leonore.

»Komm mit uns, Ella,« bat Erast, »wir schützen Dich.«

»Ich kann nicht, ich kann nicht reiten.«

»So lernst Du's, Schwester.«

»Bitte, liebe Leonore,« flehte das junge Mädchen, ängstlich ihre Händel über der Brust faltend, »bitte, laß mich nicht reiten! Heute nicht, vielleicht ein andermal.«

»Warum heute nicht, Schwesterchen?«

»Ich habe heute zu thun.«

»Lassen wir sie!« sprach Leonore, sich besinnend und ernst.

Ella ging in das Haus zurück, die Beiden rüsteten sich zum Ritt. Als sie langsam den Höhen zulenkten, fragte der junge Mann:

»Ich begreife Ella nicht, was hat sie zu thun?«

»Ich weiß es nicht,« lächelte Leonore, »aber lassen wir das liebe Kind, sie beschäftigt sich gern nach ihrer Art.«

So zauberisch der Morgen, so duftend Linden und Rosen, so lockend Natur und Kunst, ja so anmuthig belebt das schöne Mädchen an seiner Seite, Erast konnte kein Behagen an dem Wege finden, seine Gedanken schweiften unwillkürlich nach dem Hause zurück.

Was beängstete Ella; was hatte das Kind zu thun? So verkürzten sie denn ihren Weg vor dem anfänglich gesetzten Ziele und nach einer Stunde klopften beide wieder an der Schwester Thür.

Sie saß noch im Morgenkleide vor ihrer Staffelei; man sah an ihren gerötheten Wangen, daß sie fleißig gemalt hatte. Die Geschwister betrachteten die kleine Studie.

»Wie würde Papa schelten, Kleine, wenn er diese Strichelchen sähe!« rief Leonore. »Skizzirt so eine Comtesse? Das heißt ja gearbeitet wie um Brod?«

»Es soll auch eine Arbeit sein, Leonore.«

»Sonderbares Kind, warum?«

Ella senkte den Kopf und schwieg.

»Reiche Leute,« fuhr Leonore fort, »beschäftigen sich, um die Zeit los zu werden; arme erwerben durch ihre Arbeit. Ich weiß nicht, ob es ihnen saurer wird als uns Dilettanten, denn ihr Impuls mag stärker sein; aber sich quälen ohne diesen Impuls, ist thöricht.«

»Für mich ist es Pflicht,« sagte Ella ernst.

»Pflicht, Närrchen? Willst Du Dich emancipiren und als Künstlerin berühmt zu werden suchen?«

»Ich will arbeiten lernen, Leonore, um arm sein zu können,« sagte Ella erröthend.

»Kleine Pedantin, aber Du bist ja reich.«

»Reiche können arm werden, Leonore.«

»O über die Philosophin! Aber was sagst Du, Erast?«

»Ich weiß nicht, was für Euch Frauen gilt,« antwortete Erast, zwischen Ernst und Scherz. »Wäre Ella ein Mann, hätte sie Recht.«

»Zwei Schulmeister für einen!« lachte Leonore. »Doch für heute genug der Lection. Die faule Leonore wird sich von nun an auch nach einem Handwerk umsehen, das sie ernährte, wenn sie eines Tages arm würde und ihre guten Freunde sie von der Thüre wiesen. Aber jetzt ist Promenadenstunde. Wir müssen Toilette machen, Kleine.«

An der Thür kehrte sie noch einmal um.

»Vergiß nicht, was Papa gesagt hat, liebes Herz.«

»Gewiß nicht.«

»Soll ich Dir Dein Mädchen schicken?«

»Ich danke, Leonore, ich bedarf keiner Bedienung.«

»Und dienst doch einem Jeden, kleiner Engel,« sagte Leonore gerührt.

Zu rechter Zeit erschien Ella, in Farbe und Schnitt zwar so wenig ausfällig als möglich, aber mit vollständiger Eleganz gekleidet; man lachte und staunte, sie gleichsam gewachsen und mehrere Jahre älter zu finden als vorher.

*

Die Wochen dieses anmuthigen Lebens vergingen ungefähr in der Weise jenes ersten Tages; nichts schien sich in dem Zustande des kleinen Kreises geändert zu haben: Leonore blieb offen, Ella verschleiert; lag es in jener Natur, zu erheitern, zu erfreuen, so schien diese berufen zu helfen und zu dienen; fehlte ihr hierzu der Anlaß, so zog sie sich am liebsten in die Ferne und still in sich selbst zurück. So war es gewiß auch nicht zufällig, sondern jener Trieb des Behülflichseins, den sie in des Vaters Sinne in Anwendung brachte, wenn sie leise und unbemerkt Bruder und Freundin einander zuzuführen suchte und sich so viel als möglich fern von ihnen Beiden hielt.

So heiter vertraulich sich indessen das Verhältniß der jungen Verwandten gestaltet hatte, so konnte Erast sich doch einer unbehaglichen Spannung nicht erwehren, je dringender des Vaters Forderungen wurden, um eine bedeutsame Näherung zwischen ihnen herbeizuführen. Es war ihm nicht möglich, sich ein Verhältniß auszumalen, für welches die Natur die Gleichartigen nicht bestimmt zu haben schien. Wohl hätte er sie schwesterlich in seiner Nähe haben, sich ihrer anmuthigen Gegenwart erfreuen mögen; wenn er aber sich ihre Beziehungen inniger zu denken versuchte, drängte sich zwischen sie und ihn, ja schmiegte sich dicht an sein Herz ein Bild, ein Schatten, den er in seiner unbestimmten Gestalt nicht als einen Frevel von sich weisen konnte, sondern wie ein zur Lösung drängendes Räthsel in sein Inneres aufnehmen mußte. Dieses Räthsel war Ella, und immer häufiger, immer deutlicher wiederholte unser Freund sich jetzt die Frage: Warum fordert der Vater mit solcher Entschiedenheit jene Verbindung, warum scheint seine Ruhe, seine Zufriedenheit von ihr abzuhängen?

Der ursprüngliche Plan der Familie, vor des Grafen Rückkehr auf seinen Gesandtschaftsposten die Reise nach der Heimath, in welcher Erast nunmehr weilen sollte, gemeinschaftlich zu unternehmen, mußte aufgegeben werden, weil die Aerzte auf eine verlängerte Cur des Grafen gegen ein neuerlich verstärkt auftretendes, eingewurzeltes Herzübel drangen. Leonore dagegen wurde von den Verwandten ihrer seligen Mutter, ihren bisherigen Lebensgenossen, zur gemeinschaftlichen Heimreise in einem großen Hafenplatze erwartet. So war denn der letzte Tag des Miteinanderseins gekommen; morgen sollte Leonore den Ihrigen entgegenreisen, der Graf mit seinen Kindern in einigen Wochen ihr nach der Heimath folgen.

Zum letzten Male saßen sie gegen Abend auf der Terrasse. Das Rosenmärchen war verduftet, hohe Oleander und Granaten zauberten einen künstlichen Süden, und die bunte Pracht der Dahlien mahnte an den Herbst. Erast war befangen, ja beklommen; eine kurze, nicht aufklärende, aber drängende Unterredung mit dem Vater hatte endlich zur Bewilligung einer Frist bis zur allseitigen Vereinigung in der Heimath geführt. Auch Ella schien unruhig im Gefühl der Trennung von der Freundin. Um daher alle von ihren eigenen Empfindungen ab und anderen Zuständen zuzuwenden, lenkte Leonore das Gespräch auf eine vorübergehende Dame, deren Schicksal schon früher in ihrem Kreise nicht ohne Antheil berührt worden war. In einer wichtigen, aus eignen und fremden Eigenthumsverhältnissen entspringenden criminalistischen Proceßangelegenheit war die Entscheidung in ihren Mund gelegt. Von der Betheuerung ihres Wissens oder Nichtwissens sollte die Ehre ihres Gatten, der Wohlstand ihrer Kinder, ihre ganze äußere Existenz abhängig sein. Man zweifelte, wenn auch an ihrer Zeugenschaft, so doch keineswegs an ihrer späteren Kenntnißnahme der erhobenen Beschuldigungen, und war gespannt, was eine zarte, zärtliche Natur über sich gewinnen werde, auf deren Zungenspitze, in deren aufgehobenem Finger der Entscheid lag, hier über Wahrheit und Recht, dort über tödtliches Elend und Schmach ihrer nächsten Angehörigen.

»Gott behüte einen Jeden vor solchem Heldenkampfe,« sagte Leonore bewegt, indem sie diese Verhältnisse sich vergegenwärtigte.

»Du triffst das richtige Wort, Leonore,« entgegnete Erast. »Das Heldenthum unserer Zeit liegt in dem Kampfe des erleuchteten Gewissens, nicht nur gegen Irrthum und Vorurtheil, sondern selbst gegen an sich heilige Forderungen des Gemüthes. Nur die Wahrheit hat Recht! Ich hoffe, die Frau wird den Muth haben, ihrem Gatten jenes reinigende Zeugniß zu verweigern, sobald sie es für eine Lüge hält.«

»So wolle Du niemals ein Staatsmann werden, Erast,« fiel der Graf schneidend ein; »wer nicht die Selbstverleugnung hat, einem höchsten Interesse zu Liebe im letzten Moment auch sein Gewissen unterzuordnen, mag seine Heerde hüten und Kohl pflanzen, aber nicht Menschen lenken, oder irgend ein Großes wirken wollen.

Eine Ciceronische Rede über die Identität des Wahren und Nützlichen brannte auf den Lippen des jungen Studenten; aber ein Blick auf den Vater hielt ihn zurück. Der Graf sah leichenhaft ans, seine schmalen Lippen waren bläulich gefärbt, er faßte krampfhaft nach dem Herzen. Die Erzieherin räusperte sich, um einen anderen Ton gegen diesen gereizten anzuschlagen; Leonore kam ihr zuvor; auf Ella deutend, welche beim Beginn des Gespräches rasch aufgestanden war und jetzt durch den Garten dem Hause zueilte, sagte sie:

»Das Kind ist gar zu fein organisirt; blos die Andeutung eines solchen Conflictes greift sie an. Arme Ella, wie wirst Du das Leben ertragen lernen!«

»Sie wird in das Kloster zurückkehren müssen,« sagte der Graf.

»Ella ins Kloster!« riefen Leonore und Erast entsetzt wie aus einem Munde.

»Bei ihrem Widerwillen gegen das Weltleben wird sie mich nicht in eine Stellung begleiten wollen, welche ihr dieses Leben zur Pflicht macht.«

»So geht sie mit mir und lebt mit mir nach ihrer stillen, friedlichen Weise, Oheim!« sagte Leonore.

Erast aber rief in beleidigtem Stolz, die Existenz dieses theuersten Wesens so in Zweifel gestellt zu sehen: »Die Schwester wird mit Dem leben, zu welchem sie, wenn fern vom Vater, gehörst mit ihrem Bruder, mit mir. – Ella ins Kloster!« fügte er schaudernd gegen sich selbst gewendet hinzu.

»Es kann nicht in meiner Absicht liegen, sie gegen ihre Neigung zu überreden,« versetzte ruhig der Graf. »Mir schien das klösterliche Leben nur für sie selber das angemessenste bei ihrer kühlen Art.«

»Kühl, Ella's Art!« fuhr Erast auf, »welche Seele hätte eine höhere Temperatur als die ihre?«

»Woher weißt Du das?« fragte der Vater.

Woher wußte er es? Konnte er es sagen, sich selbst sagen, wie in der Stille dieser Erscheinung jeder Ton, jedes unwillkürliche Zucken der Gliedes ihm das bewegte, warme Leben des Herzens offenbarten? Alle schwiegen eine Weile, endlich sagte der Graf:

»Wir wollen auch diese Fragen näher in Betracht ziehen, wenn wir drüben wieder beieinander sind. Indessen scheint es mir angemessen, daß Ella Dich morgen begleitet, liebe Leonore, und unter dem Schutze von Miß Pinner uns jenseit erwartet.«

Leonore stimmte dem veränderten Plane freudig bei. Der Graf entfernte sich, um seine Tochter auf denselben vorzubereiten, Miß Pinner, um ihre letzte Haubenschachtel packen zu lassen.

Leonore und Erast blieben allein auf der Terrasse zurück. Zum erstenmale war ihm die Nähe des liebenswürdigen Mädchens peinlich; er wußte nicht klar, in welchem Verhältniß sie sich zu ihm fühle, und wie er das seine zu ihr bezeichnen solle. Er blickte daher stumm vor sich nieder, während sie ihn lange mit Herzlichkeit ansah und nach einer Weile, seine Hand fassend, sagte:

»Du sinnst auf ein Abschiedswort, Erast – laß mich es für Dich sprechen, mein Freund.«

Er fühlte alles Blut in seine Wangen steigen; sie ließ ihn nicht zu Worte kommen, sondern fuhr mit ungewohntem Ernste fort:

»Grübele nicht, Erast, frage nicht nach dem Gestern und Morgen, sondern lebe! In diesem Dasein des Zwangs und mißgönnender Sorge verkürze uns nicht die Freiheit, heiter und wahr unser Leben aus- und einzuathmen. Es ist jetzt kein Augenblick der Entscheidung. Bis uns das Herz drängt, hierhin, dorthin, Gott weiß es! genüge uns unser gegenwärtiger glücklicher Zustand, möge auch Dein Vater –«

»Aber mein Vater, Leonore, warum –«

»Ehre seine Bedenken, Erast, schone sie, aber laß sie Deine Freiheit nicht stören. Noch einmal, forsche nicht, frage nicht. Dieses Rückdrängen und Vordrängen aus der Gegenwart hat von jeher die Geister aus ihrem Paradiese vertrieben. Laß uns Freunde bleiben, Erast, und frei!«

»Großmüthige Leonore!«

»Großmüthig?« fiel sie scherzend ein, indem sie eine Thräne in ihrem Auge unterdrückte, »großmüthig? Ungalanter Vetter! Ich denke ein Opfer zu fordern, nicht zu bringen, indem ich Dir unsere Freiheit anbiete, bis wir sie etwa gelegentlich an einander verlieren sollten.«

Er küßte herzlich ihre Hand, und sie fuhr zwischen Scherz und Ernst, aber mit Weichheit fort:

»Also Freunde und frei! Unabhängig und sorglos! So laß uns scheiden, Erast! Und wenn auf diese Weise der bestimmte Gemahl ihr entschlüpfen, wenn eines Tages auch die glückliche Leonore eine Hülfe brauchen, einen großen Wunsch empfinden sollte, dann, sie verspricht es, wird sie zuerst an Erast, ihren lieben Bruder denken, und mit Freuden von ihm empfangen, was sie glücklich macht.«

Sie war bei den letzten Worten aufgestanden, ein feuchter Thau glänzte über ihrem gütigen Auge, ihre Lippen berührten leise des jungen Freundes Stirn, wie eine Gazelle war sie hinter den Büschen und im Hause verschwunden, ehe er die Kraft gefunden hatte, ihr zu folgen.

Tiefbewegt blieb er zurück. Er mußte sein Schicksal bewundern, das ihn in die Mitte zweier so lieblicher Wesen gestellt hatte wie Leonore und Ella, und doch wieder mußte es ihn verwirren, sich zu Keiner von ihnen in einem entschiedenen Verhältnisse zu fühlen. So oft er sie fassen wollte, entglitt ihm die Schwester, die Braut, wechselten sie den Platz in seinem Herzen, so daß er die Schwester an der Stelle der Braut, die Braut an der Stelle der Schwester fand. Dieses unnatürliche Verhältnis mahnte ihn dringend an das Geheimniß seines Lebens. Er verbrachte die Nacht in lebhafter Unruhe; Leonorens wohlmeinende Worte hatten nur dazu dienen können, seine Zweifel stärker anzuregen; er ahnte, daß der harmlose Frieden seines bisherigen Lebens gewichen sei, daß hinter einem geheimnißvollen Schleier Leiden von ehemals verborgen seien, die er nachleiden, Kämpfe der Zukunft, die er durchkämpfen müsse. Er ahnte, daß diese Trennung etwas Großes, Unwiderrufliches, etwas Ewiges zu bedeuten habe, und ging die ganze Nacht in heftiger Bewegung in seinem Zimmer auf und ab. In wenigen Stunden sollten sie scheiden, Leonore, Ella!

Der Morgen dämmerte. Alles war todtenstill im Hause, als er plötzlich die Pforte des Hauses sich leise öffnen und gleich darauf Ella's weiße Gestalt durch den Garten schweben sah. Sein Entschluß war gefaßt. Von ihr unbemerkt folgte er der Schwester durch die hohen Alleen und traf sie endlich auf einem erhöhten Platze mit dem Blicke gen Osten, wo in diesem Augenblicke die Sonne in königlichem Purpurglanze sich erhob.

Ella saß unverwendet und ungeblendet; rosige Morgenlichter überflogen ihr schönes, blasses Gesicht. Als der herrliche Moment des Steigens vorüber war und die Sonne groß am Horizonte stand, trat Erast hervor. Sie verbarg bei seinem Anblick eilig und ängstlich einen kleinen glänzenden Gegenstand in ihrer Brust. Er setzte sich zu ihr und sagte:

»Schwester, dieses Scheiden von Dir, selbst für kurze Zeit, fällt mir schwer. Es liegt etwas zwischen uns, Du liebst mich nicht, Ella. Fasse ein Herz zu mir, Schwester; sind wir nicht auf einander angewiesen im Leben? Und wenn in unseres Vaters Art etwas Einschränkendes, ja Abstoßendes für Dich liegen sollte, stimmt es Dich denn nicht zum Vertrauen, daß uns eine Mutter geboren hat, eine unglückliche Mutter, Ella.«

Sie schauderte bei den Worten zusammen, Leichenblässe bedeckte ihre Wangen, heftiges Zittern überflog ihre Glieder. Er schlang seinen Arm um sie; sie wollte widerstreben, war aber zu schwach in diesem Augenblicke. Ein unnennbares Gefühl erfaßte auch ihn, er zog ihren Kopf an seine Brust und senkte den seinen so, daß seine braunen, dichten Locken ihre Stirn berührten. Ihr schien wohler zu werden; die Unruhe legte sich, warme Thränen tropften aus ihren Augen auf seine Hand. Nach einer Weile erhob sie sich zum Gehen und sagte mit innigstem Ausdruck:

»Ich danke Dir, Erast.«

Er faßte von neuem ihre Hand und hielt sie zurück.

»Bleibe, Ella,« sprach er ernst, »ich gehe Dir voran im Vertrauen. Ein großes Geheimniß muß sich in dieser Stunde zwischen uns lösen; ich beschwöre Dich, Schwester, sage mir, was wahr ist.«

Ella schwieg, er fuhr fort:

»Seit meiner frühesten Kindheit kannte ich, liebte ich keine Mutter. Ella, sage mir, wer war sie, wer war Florentine Kaiser?«

Sie bebte bei dem Namen zurück und wollte fliehen; er hielt sie fest.

»Die Wahrheit, Ella,« sichte er, »die Wahrheit.«

Sie richtete sich auf, sah ihn lange forschend an und fragte endlich wie beschwörend:

»Du weißt nichts, Erast, nichts?«

»Nichts als ihren Namen, bei Gott.«

»Und warum soll er nicht wissen, warum soll ich ihm nicht sagen, was er jeden Augenblick von Leonoren erfahren kann, beim ersten Schritte in sein Vaterland erfahren wird?« sagte sie zu sich selbst, und sich darauf mit vollem Gesichte zu ihm wendend:

»So höre, Erast, was ich von Florentine Kaiser im Herzen habe.«

Er faßte ihre Hand. In der duftigen, thauigen Stille dieses Sommermorgens erzählte das junge Mädchen anfänglich mit zitternder Stimme, dann aber immer fester und feierlicher in ihrer eigenthümlichen Art.

*

Eine Frau und ein Kind schifften über ein großes Wasser. Das Kind wußte von keinem Vater, es kannte nur seine Mutter, und diese Mutter war ein Engel an Schönheit und Liebe für das Kind. Sie kamen in eine große Stadt mit grünen Plätzen zwischen den hohen Häusern und drängenden Wagen und Menschen in den Straßen. Die Mutter und das Kind trugen schöne, bunte Kleider, sie aßen Confect und süße Früchte, und wenn sie auf den grünen Plätzen spazieren gingen, da lächelten und neigten sich die vornehmen Männer auf ihren Pferden, aber die schönen, lockigen Frauen wendeten ihre Augen von ihnen ab. Sobald es dunkel wurde, fuhr die Mutter mit dem Kinde in ein großes Haus, das glänzte von tausend Lichtern, und Menschen saßen und standen darin so Viele, daß es dem, Kinde dünkte, als wäre es die ganze Welt. Die Mutter führte das Kind in eine kleine, hohe, offene Zelle, zu einer alten Frau, die hielt es an ihrer Hand, und es blickte unverwendet hinunter auf seine Mutter in dem großen, goldenen Saale. Die Mutter saß auf einem weißen Pferde, sie hatte Blumen und Perlen in ihrem Haar, sie wand einen Shawl um ihre Schultern, und um ihren Leib, sie warf einen Schleier über ihr Haupt; sie schwebte von einem Pferde auf das andere, sie hob die Arme, sie tanzte in der Luft, sie sprang über Reifen von Blumen, sie stand, sie lag, sie kniete auf dem Pferde, wie ein Pfeil jagte sie durch die Bahn, und immer, wenn sie an die Stelle kam, wo das Kind oben starrte, da breitete sie ihre Arme aus, drückte die Finger gegen ihre Lippen und blickte mit ihren Liebesaugen auf das Kind. Aber die ganze Welt warf sie mit Blumen, klatschte in die Hände und schrie: »Bravo, bravo, Flora!« –

»Flora!« rief Erast, und seine Hand zuckte.

Das junge Mädchen fuhr ungestört fort:

»Die schöne Flora neigte sich und lächelte, sprang vom Pferde, lächelte und neigte sich wieder. Sie nahm einen Blumenstrauß von der Erde, drückte ihn gegen ihr Herz und verschwand vor den Augen des Kindes. Aber in wenigen Augenblicken stand sie neben demselben, küßte es auf die Stirn und sagte: »Nun schlafe, Angela!«

»Angela?« rief Erast und fuhr mit der Hand über die Stirn.

»Nun schlafe, bis ich Dich wecke, mein Kind!« Das Kind legte seinen Kopf in den Schoos der alten Frau und schlief ein. Und wenn es wieder wach wurde, saß es zu Hause auf den Knien seiner Mutter, die zog ihm die schönen Kleidchen aus, nahm die bunten Bänder aus seinem Haar, trug es in sein Bett, küßte es noch einmal auf die Augen und sagte: »Nun schlafe, Angela!« Und das Kind schlief bis zum Morgen. So ging es viele Tage und viele Abende; aber manchmal in der Nacht wachte das Kind auf von den heißen Thränen der Mutter, und die lag vor ihm auf ihren Knien, schlug an ihre Brust, raufte in ihrem schwarzen Haar und schrie: »Lerne recht thun und arbeiten, Angela, und bitte Deinen Vater im Himmel, daß Du nicht werdest wie Deine unglückliche Mutter.« Das Kind faltete dann seine Hände und sagte laut. »Ich will recht thun und arbeiten, und bitte meinen Vater im Himmel, daß ich nicht werde wie meine unglückliche Mutter.«

Eines Abends, als das Kind wieder in seiner hohen Zelle saß, da, es wußte nicht, hörte es oder that es zuerst, so schnell geschah es, einen Schrei; es sah seine Mutter vom Pferde fallen und wollte hinunterspringen in den hellen Raum. Aber die alte Frau hielt es fest in ihrem Arm und trug es zur Mutter, die lag am Boden und blutete aus dem Munde; ihre Augen waren geschlossen, ihre Lippen weiß, die Leute drängten sich, um ihr zu helfen. Aber das Kind stürzte an ihre Brust und rief: »Mutter, wach auf! Angela ist bei Dir, die kleine Angela!« Da schlug sie die Augen in die Höhe, lächelte dem Kinde zu, und schlang ihre Arme um den Hals. Sie trugen die Mutter und das Kind nach Hause und legten sie Beide auf ein Bett; die Mutter war krank, Blut floß fort und fort aus ihrem Munde. Doctoren kamen mit ernsthaften Gesichtern und wollten ihr helfen. Wagen fuhren den ganzen Tag vor ihrem Hause vor, bunte Leute sprangen vom Sitz und fragten, wie sich die schöne Flora befinde; Briefe wurden geschickt und Goldstücke, köstliche Blumen und Früchte. Aber die Mutter blieb blaß und schwach; sie konnte nicht wieder in dem goldnen Hause auf ihrem weißen Pferde reiten, es kamen keine Wagen mehr, keine Goldstücke, Blumen und Früchte, auch die Doctoren kamen nicht mehr, die helfen wollten; nur die alte Frau war noch da, öffnete die Thür, wenn es klopfte, und brachte der Mutter einen Brief, den las sie, wurde immer trauriger, weinte, rang ihre Hände, und ließ die alte Frau eines von ihren schönen Kleidern nach dem anderen forttragen, bis ihr zuletzt nichts mehr übrig blieb als das, was sie und das Kind auf ihrem Leibe hatten. Von den vielen großen Stuben, in denen sie bis dahin gewohnt hatten, waren sie jetzt nur noch in der einen, in welcher das Kind immer geschlafen, und einmal kam ein Mann mit einem großen weißen Stock und trieb sie auch aus dieser Stube; da gingen sie denn mit der alten Frau weit, weit durch viele Straßen und stiegen hoch auf ein Dach in eine Kammer, die war fast dunkel und sehr kalt; sie krochen in ein einziges armes Bett, tranken Wasser und theilten ein Stück hartes Brod, das die alte Frau ihnen brachte, aber wenn das Stück sehr klein war, da gab es die Mutter dem Kinde allein und sie aß nichts. Viel öfter noch als sonst sagte sie jetzt: »Lerne recht thun und arbeiten, Angela, und bitte Deinen Vater im Himmel, daß Du nicht werdest wie Deine unglückliche Mutter.« Einmal kam wieder ein großer Mann, und redete Worte, welche das Kind nicht verstand, aber sie klangen ihm hart wie von Stein, die Mutter warf sich auf den Boden, wand ihre Arme um die Knie des Mannes, riß das Kind vom Lager und drückte es fest an ihre Brust. Der Mann schüttelte den Kopf und ging fort. Das Kind fragte: »Was wollte der böse Mann, Mutter?« – »Dich mir nehmen!« schrie sie und konnte ihre Glieder nicht stille halten vor Angst, »der Mutter ihr Kind nehmen, und es zu Einer machen, zu Einer – wie sie selbst. Wir müssen fort, fort, Angela!« »Wohin Mutter?« »Uebers Meer nach Hause!« Die Mutter besaß noch zwei glänzende Dinge; am Finger einen Ring und an einer Schnur am Halse einen kleinen goldenen Schrein. Die Beiden waren jetzt das einzige Spielwerk des Kindes. Als nun die alte Frau wieder kam, nahm die Mutter in jede Hand eines von den glänzenden Dingen, blickte bald auf das eine, bald auf das andere, legte bald das eine, bald das andere in den Schoos der alten Frau und nahm es immer wieder zurück. Endlich gab sie ihr den Ring und sagte: »Der soll es sein! Er hält nicht mehr fest an meinem Finger!« Die Frau nahm ihn und trug ihn fort; statt des Ringes brachte sie Geld und schüttete es auf das Bett. Die Mutter nahm ein Stück davon und drückte es in ihre Hand; aber die gute alte Frau gab es zurück, schüttelte, wehrte sich und weinte. Da weinte auch die Mutter, küßte die Hand der alten Frau und hielt sie an des Kindes Mund. Am andern Morgen schlichen sie fort; die Mutter hatte einen Stock in einer Hand, an der andern hielt sie das Kind, das trug ein kleines Bündel. Sie gingen durch lange Reihen von Häusern, die Menschen blieben stehen, sahen die Beiden an und schüttelten den Kopf. Das Kind wurde nicht müde, es hätte noch weit gehen können, aber die Mutter fiel oft zu Boden und lag an der Straße. Mehr als einmal fragte das Kind: »Ist es noch weit nach Hause über das große Wasser?« – »Zu weit für mich,« seufzte die Mutter und raffte sich auf. Zweimal waren sie schon die Nacht in einem Stalle bei warmen Thieren geblieben; der Wind wehte kalt; das Kleid der Mutter war einmal schön gewesen, aber sie fror darin, sie zitterte; Blut floß aus ihrem Munde, sie wurde immer schwächer, fiel an den Boden und sagte: »Ich sterbe!«

Dann konnte sie nichts mehr sagen. Das Kind lag bei ihr an der Erde. Mehr als einmal kam ein Wagen, aber die Menschen, die darinnen saßen, hörten nicht auf des Kindes Rufen, sie fuhren weiter. Da sagte die Mutter noch einmal:

»Ich sterbe, Angela, bete, bete!« Das Kind kniete neben der Mutter und betete, was sie ihm einst gelehrt. In dem Augenblicke hört es wieder einen Wagen, es rafft sich auf, läuft ihm entgegen; er biegt zwischen Bäumen um eine Ecke; das Kind fällt auf seine Knie und schreit: »Helft, helft meiner Mutter, helft!« –

»Nicht weiter, nicht weiter!« rief Erast in Todesangst und schweißbedeckt.

»Still!« sagte Ella ernst, indem sie ihren Finger auf seinen Mund legte; »ein schöner Knabe sprang aus dem Wagen, lief mit dem Kinde zu der Mutter und dann wieder zurück zu dem großen, ernsten Manne, der den Wagen hielt.«

»Nicht weiter, rief Erast von neuem, »nicht weiter, Ella!«

»Noch weiter, Erast!« entgegnete sie fortfahrend. – »Vater,« sagte der Knabe, hilf dieser Frau, dann fragte er das Kind: »Wie heißt Du?« »Angela.« »Und Deine Mutter?« »Die schöne Flora.« Der Vater gab dem Knaben die Hand, der löste eine Kette von seiner Uhr, küßte das Kind, warf ihm die Kette über die Schultern, sprang in einen Wagen zu anderen Menschen, die indessen gekommen waren, und fuhr fort.«

Ella machte eine Pause; sie zog aus den Falten ihres Kleides den Gegenstand, welchen sie vorhin darin verborgen hatte; erhob sich von ihrem Sitze und dicht vor den Bruder tretend ihn mit ihren großen Augen ausdauernd anblickend, sagte sie feierlich:

»Und das ist das goldene Kettchen, das der Knabe dem Kinde über seine Schultern geworfen hat,« und – die Hand betheuernd auf ihr Herz legend, »und das ist das Kind, und das ist die Geschichte von Florentine Kaiser!«

»Von meiner Mutter, von Florentine Kaiser!« stöhnte der junge Mann.

Er war zu Boden gesunken und begrub den Kopf in seinen Händen. Ella wollte sich leise entfernen; er streckte die Arme nach ihr und hielt sie an ihrem Kleide zurück.

»Zu Ende!« bat er, »weiter Angela, weiter!«

»Nicht weiter,« antwortete sie, »ich bin zu Ende, Erast.«

»Zu Ende, Schwester? Und unsere Mutter?«

»Du wolltest die Geschichte von Florentine Kaiser. Das war sie. Die Geschichte der Gräfin Servan ist Deines Vaters, Erast.«

Er griff nach dem Kleinode in ihrer Hand; ihm war, als kannte er das Kettchen aus seiner Kinderzeit wieder. Ein kleines Medaillon war daran befestigt.

»Der kleine, goldene Schrein, den unsere Mutter am Halse trug,« sagte er und wollte es öffnen.

Sie entriß es heftig seinen Händen.

»Nein!« rief sie leichenblaß, »nein! – Wehe, Erast, wenn Du es jemals berührest!«

Wie ein Pfeil war sie hinter den Bäumen des Gartens verschwunden.

*

Des jungen Mannes ganzes Wesen war in Aufruhr; sein Leben verwandelt. Sie, die ihm in seinen kindlichen Träumen im Diadem einer Königin erschienen war, sie, seine Mutter, sah er jetzt einsam, verlassen vom Vater ihrer Kinder, bettelnd und sterbend auf offener Straße. Unwillkürlich ballte sich seine Faust, als er sich endlich vom Boden erhob; er preßte sie gegen sein Herz, das ihm die Brust zu zersprengen drohte, Töne der Angst und Verzweiflung rangen sich von seinen Lippen in die stille Morgenlust. Als er das Haus erreichte, standen die Reisenden schon zum Einsteigen bereit; sein zerstörtes Ansehen verwirrte sie alle.

»Bist Du krank, Erast?« fragte Leonore, ihn zum Abschied umarmend. Er schüttelte den Kopf, faßte krampfhaft nach der Schwester Hand und drückte sie an sein Herz. Sie glitt in den Wagen, der rasch seinen Blicken entschwand.

Die Pferde standen schon für ihn und den Vater gesattelt, denn es war die Stunde ihres gewöhnlichen Morgenritts. Der Graf aber fühlte sich unwohl und ging in sein Zimmer. Erast schwang sich aufs Pferd und jagte in die Gegend. Er sah nicht rechts, nicht links, in ungemessener Eile jagte er durch Feld und Wald, als wollte er mit dieser Hast den Aufruhr in seiner Brust überbieten. Alles Elend des Lebens stand auf einmal in unauslöschlichen Zügen vor ihm: die Nichtigkeit der Menschen, die Unbeständigkeit alles Glücks. Nach stundenlangem Irren kam er zum Flusse. Es ist nicht allzufern, daß er sich durch Felsen gerungen, über Klippen gestürzt hat, aber schon wallt er breit und ruhig, Segen und Schönheit spendend, im weiten Laufe dem Meere zu, dem Meere, nahe dessen Küste das Schloß seiner Väter lag und das Grab seiner unglücklichen Mutter! Vielleicht schon in diesem Augenblicke trieben die Reisenden auf diesem Flusse ihrem Ziele entgegen.

Unser Freund wurde allmälig ruhiger, eine tiefe Wehmuth ergriff ihn, eine innige Sehnsucht nach der geliebten Angela, dieser starken Seele, wie er jetzt wußte, voll feinster Fühlbarkeit. Gedankenvoll ritt er langsamen Schrittes zurück, und so dunkelte es denn schon, als er das Haus und seines Vaters Zimmer betrat. Es mußte jetzt klar werden zwischen ihnen, er fühlte es, er wollte es.

»Vater,« sagte er, ohne weitere Einleitung, »Vater, als ich ein Knabe war, mußte ich Dir versprechen, nicht wieder nach meiner Mutter zu fragen. Du wirst mich heute dieses Versprechens entbinden. Meine Ruhe, mein Glück, ja mein Verhältniß zu Dir hängt ab von der Antwort auf die Frage: Wer war Florentine Kaiser?«

Der Vater schwieg. Erast fuhr fort:

»Jene Bettlerin auf der Straße zu Deinem Schlosse, jene elende, hungernde, sterbende Frau, Vater, sie war –«

»Sie war Florentine Kaiser.«

»Und Florentine Kaiser war –«

»War nicht, aber ward, ward nach wenigen Stunden, wenige Stunden vor ihrem Tode, meine Gattin, Ernst.«

»Vater!« rief der junge Mann und eine dunkle Röthe überflammte sein Gesicht, »Vater!«

Der Graf erhob sich todtenbleich.

»Schweige, mein Sohn!« sagte er, vielleicht zum erstenmale im Leben mit zitternder Stimme, »kein Wort mehr heute! Vielleicht hat das Kind ein Recht, zu erfahren, wessen Blut ihm das Leben gegeben hat. Du sollst es erfahren, Erast, sollst es, aber nicht heute – nicht heute. Sterbe ich,« fuhr er nach einer kleinen Stille fort, »ohne mein Wort gelöst zu haben, so siehe hier ein Portefeuille. Den Schlüssel trage ich bei mir. Wenn ich todt bin, Erast, so öffne es, wirf einen Blick auf das Leben Deiner Mutter, vernichte es dann ohne Spur und lerne mit diesem Blicke Deinen Vater begreifen und Deine Pflicht erfüllen, mein Sohn.«

Es lag etwas Gebietendes in des Grafen Wesen, dessen Größe Erast noch niemals empfunden hatte wie in dieser Stunde.

»Geh nun, mein Sohn, geh, geh!« drängte der Vater.

Ein plötzliches Gefühl, fast des Mitleids, überwältigte den jungen Mann; hatte er vor wenigen Stunden nur mit Gewalt die widerwärtigsten Empfindungen bekämpfen können, so wurde es ihm jetzt schwer, sich von dem sichtlich leidenden Vater zu entfernen. Er ging nur zögernd und auf dessen wiederholtes Winken.

Aber das Chaos in seinem Innern war durch diese Unterredung nicht entwirrt, nur gesteigert; er fand auch heute keine Ruhe auf seinem Lager; eine neue, unbestimmte Angst ergriff ihn; in den fieberhaften Bildern des Traumwachens sah er die hohe, bleiche Gestalt des Vaters wie im Todeskampfe, hörte er die Worte wiederklingen: »Wenn ich sterben sollte, wenn ich todt bin, mein Sohn!« Mehr als einmal sprang er auf und horchte an der Thür, welche nach des Grafen Zimmer führte. Alles war still. Er legte sich wieder; neue Bilder verdrängten die alten, und wurden von diesen verdrängt. Endlich, als der Morgen dämmerte, hielt er sich nicht länger; ihm war, als hätte ihm der Vater eine Schuld, einen frevelnden Gedanken zu vergeben. Leise öffnete er die Thür. Der Graf schlief auf seinem Bette und regte sich nicht; das Portefeuille lag neben ihm auf dem Tische, den kleinen Schlüssel am schwarzen Bande hielt er fest in seiner Hand.

Schon wollte Erast in sein Zimmer zurückgehen, als bei einem näheren Blicke die Blässe des Schlafenden ihn erschreckte. Er trat dicht vor ihn, beugte sich über ihn – eine entsetzliche Gewißheit bemächtigte sich seiner – der Vater war todt.

Alle Hülfe blieb vergebens. Die Aerzte erklärten, daß ein Krampf am Herzen dieses kraftvolle Leben so schnell und lautlos geendet habe.

Groß wie das Entsetzen der letzten Tage gewesen, größer war in dem Herzen des Jünglings der Schmerz um seinen nächsten Menschen, den einzigen, welchen er mit den ersten Empfindungen gekannt und geliebt hatte. Seine harten Gedanken quälten ihn und vor dem gegenwärtigen todten Antlitze des Vaters verbleichte der jammernde Schatten der unglücklichen Mutter.

Dringend machten sich überdies die Forderungen des Außenlebens für ihn geltend, doppelt dringend, da der Vater in vielseitigen großen Beziehungen und der Sohn ein Neuling denselben gegenüberstand. Indessen fand man, wie es von einem so streng geregelten, sich selbst besitzenden Geiste nicht anders zu erwarten war, alle Angelegenheiten für einen unvorbereiteten Fall vorbereitet und in gemessenster Ordnung.

Die Leiche lag einbalsamirt im offnen Sarge; in der Frühe des Morgens sollte der Sohn sie der Heimath zuführen. Das Zimmer war dunkel verhüllt, die Augustnacht lau und still; ein leiser Luftzug, durch das geöffnete Fenster wehend, bewegte die Flammen der hohen Kandelaber. Lange hatte der junge Mann gesessen, die kalte Hand des Todten in der Seinen, tief versunken in das, was hier erloschen war. Mahnend umwehten ihn die Träume dieses ephemerischen Lebens, und wie er so innig und ernst sich in die unverändert festen strengen Züge des Todten vertiefte, da schnitt ihn zum erstenmale mit aller Schärfe die Armuth seines Daseins durchs Herz und er klagte, »daß diesen theuern Schatten kein göttlicher Glanz umwallet habe mit hellem Lichte, zu einem heiteren Leben.«

Ein Blick war noch zu thun, ein letzter, größter. So sehr er vordem nach diesem Blicke verlangt, heute grauste ihn vor demselben, er hätte die Vergangenheit verschütten mögen mit der Gegenwart. Aber »lerne Deinen Vater begreifen und Deine Pflicht erfüllen,« mahnte der stumme Mund des Todten. So ergriff er denn das Portefeuille und den Schlüssel am schwarzen Bande, den des Vaters Hand noch im Tode gehalten hatte, und im Angesichte des Geschiedenen, auf seinen Knien, enthüllte er zitternd das Räthsel seines Lebens.

Das Portefeuille enthielt kein Blatt, kein Wort, nur einen Ring und ein Bild. Die hohen, wehenden Todtenflammen beleuchteten die Züge – der junge Mann sank vernichtet zusammen. Lange, lange lag er unbeweglich am Boden in einem dieser Kämpfe, in einer dieser Krisen, wie sie von Tausenden nur Einen, und sicher nur einmal im Leben durchtoben. Und als er endlich sich erhob, war er ein Anderer, als der er niedergesunken; ein Mann, der an der Grenze eines neuen Lebens steht, einzig auf seine Kraft gestellt und jegliches Band zerrissen. Ja, er hatte nicht nur Vater und Mutter, auch seine Pflicht hatte er erkennen lernen. Anders freilich diese Pflicht, als sie der Vater gefordert, aber klar genug, um sie ohne Wanken zu erfüllen, denn »nur die Wahrheit hat Recht!« Und nun noch Eines! Dieses Zeichen sollte, mußte vernichtet werden. Er legte es zu Häupten des Vaters; aber würde es ihm ein sanftes Kissen gewesen sein? Langsam zog er das Bild wieder hervor, entzündete es an den Todtenfackeln und wie in ein reinigendes Brandopfer blickte er in die lodernde Flamme, bis die letzte Spur zu Asche verwandelt war. Dann küßte er den Ring und verbarg ihn sorgfältig auf seinem Herzen. Die ersten Schimmer des Morgens fielen in das Zimmer. Es wurde rege im Hause, der letzte betäubende Act vollbracht, der Sarg geschlossen; der traurige Zug begann seine weite Fahrt.

Unfern dem Orte, wo die Einschiffung auf dem Strome erfolgte, an dessen Ufer Erast vor wenig Tagen mit soviel Bewegung gestanden hatte, war die Grenze eines fremden Gebietes. Eine unwiderstehliche Sehnsucht trieb den jungen Mann. Er mußte diese Sehnsucht seiner Seele stillen. Während das Schiff mit dem todten Vater den vielgewundenen Strom in langsamer Fahrt hinuntersegelte bis zum Hafen, in welchem sie sich zur Ueberfahrt nach der Heimath wieder zusammenfinden sollten, durcheilte der Sohn ohne Rast und Ruhe das Land, in welchem zum Segen ihres Volkes, zur Bewunderung der Welt, jene hohe, unvergessene Frau unter dem Namen ihres schwachen Gatten waltete. Oft hatte Erast davon gehört, wie unter ihrer ernsten Pflege diese brachliegenden Länder zu einer neuen Cultur erblühten, wie sie, der männlichen Schätzung für das Große den weiblichen Scharfblick für das Kleine verbindend, jede Brauchbarkeit zu entwickeln verstehe, wie das noch kräftige Alte sich belebe, neues Gute erstarke; und sein Herz hatte immer noch geschlagen von unerklärlichem Triumph bei dieser Kunde. Auch jetzt, so flüchtig seine Berührung, so bewegt seine Seele, konnten ihm Zeichen und Zeugnisse jenes großen Wirkens nicht entgehen; ja er hatte einen geschärften Sinn für dieselben: sie erschienen ihm wie ein entsühnender, wie ein ihn selber adelnder Segen.

Vor dem Park der Sommerresidenz ließ er halten, schritt durch die hohen Alleen, überblickte die Spuren ihres schönheitschaffenden Sinnes. Das Gefühl ihrer Nähe durchdrang ihn; einem unwillkürlichen Zuge folgend erstieg er die Terrassen nach einem Belvedere unfern des Schlosses. Der Tag neigte sich, die Sonne war im Sinken, alles einsam und still; nur eine hohe Gestalt schritt allein, in ernsten Gedanken, die obere Terrasse auf und nieder. Er lauschte verborgen, die Hand gegen sein Herz gepreßt. Endlich trat sie in die geschlossene Rotunde. Er folgte ihr; sie sah ihn betroffen an. Er fiel zu ihren Füßen.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie?« fragte sie unsicher und schwankend.

»Diesen Ring in Deine Hand legen, Deine Hand küssen,« flüsterte er, »und dann den letzten Grafen Servan begraben.«

Ein Ruf: »Erast!« entfloh ihren Lippen; sie beugte sich über den Knienden, zog seinen Kopf an ihre Brust; ihre Lippen berührten seine Stirn; »Erast, mein Sohn!« hauchte sie noch einmal. In dem Augenblicke öffnete sich die Thür, und gleich darauf trat der fürstliche Gemahl mit seinen Begleitern in das Zimmer. Erast sah die Fürstin schwanken. Aber in demselben Augenblicke raffte er sich auf, stürzte ungesehen wie ein Pfeil aus dem Zimmer, die Terrassen hernieder, durch den Garten seinem harrenden Wagen zu, und jagte in Windeseile von dannen.

»Das war das Letzte!« sagte er, »vorbei, vorbei, du altes Glück! Nun lächle nur Du mir, Angela, Du Engel meines neuen Lebens i«

*

Erast betrat das väterliche Schloß, das er nur einmal gesehen hatte, an dem Tage, wo Angela ihm als Schwester gegeben wurde. Sie wartete schon seiner und des düsteren Geleites, dem er zuvorgeeilt war; in der Hauptstadt hatte sie Leonoren leidend von der Reise und von der plötzlichen Trauerkunde verlassen, um in anderem Sinne, als es vor wenigen Tagen verabredet worden, Vater und Bruder auf der Schwelle ihres Hauses zu empfangen. Welch ein Wiedersehen für den jungen Mann !

»Angela,« sagte er, »ein großer Augenblick hat mein Leben erhellt und zerstört. Vater und Mutter sind mir verloren, nur Du bist mir geblieben, und in die Hände der Schwester, der rechtmäßigen Tochter lege ich diesen Namen, dieses Erbe, diese Zeichen der Vergangenheit, die mir nicht gebühren.«

Sie sah ihn mit großen Augen an, als ob sie seine Worte nicht allsobald bewältigen könne.

»Du verstehst mich nicht, reines Kind,« fuhr er fort, »Du verstehst mich nicht – Gottlob! so habe ich eine Schwester!«

»Ja, ich verstehe Dich Erast,« rief sie plötzlich mit einer Bewegung, einer Leidenschaft, die er niemals an ihr gesehen, nimmer geahnt hatte, »ja, Erast, die Tochter der schönen unglücklichen Reiterin versteht Dich. O, Du Geliebtester, nicht mehr mein Bruder, niemals mein Bruder, aber mehr als Bruder und Alles, nimm sie von mir diese brennende Lüge, und wie Deine Liebe mich einmal gerettet hat von dem Verschmachten des Leibes, so rette sie heute mich von dem Verschmachten der Seele, denn ich liebe Dich, Erast, und heute darf ich Dir es sagen!«

Sie zog rasch das Medaillon aus ihrer Brust, öffnete es, entfaltete ein Stuck Papier, das darin verborgen war und reichte es ihm mit zitternden Händen.

»Da!« rief sie, »da, Erast! Das ist mein Erbe!«

Halbverlöscht von unendlichen Thränen waren die Worte, welche eine sterbende Hand geschrieben hatte. Der junge Mann las:

»Der Segen einer Elenden kann Dich nicht schützen, Angela! Bete, mein Kind bete! Nenne ihn Vater den fremden Mann, den Deine und meine Augen niemals gesehen haben, nenne ihn Vater und gehorche ihm; aber lerne recht thun, Angela, und bitte Deinen Vater im Himmel, daß Du nicht werdest wie Deine unglückliche Mutter, daß Du nicht dereinst, um Dein geliebtes einziges Kind vom Hungertode zu erretten, auf Deinem Sterbebette eine Lüge beschwören mußt, wie Deine Mutter Florentine Kaiser.«

Er zog sie in seine Arme. Lange hielten sie sich umschlungen, wissend ohne Worte wer sie, was sie einander waren und werden sollten.

Die Glocken der Schloßkapelle begannen zu läuten, ein Trauersang tönte, langsam nahte der feierliche Zug. Erast und Angela folgten ihm in die Gruft. Lange lagen sie zu Füßen derer, welche, im Leben einander fern, sich in einer tödtlichen Stunde, durch einen Meineid vereinigt hatten. Und als sie endlich hinaufstiegen aus dem Gewölbe, das die letzte, karge Spur so vielbewegter Menschenleben umfaßte, seine Pforte sich hinter ihnen schloß, langsam sie die kleine Kirche durchschritten und hinaustraten in den hohen Garten, von welchem aus in meilenweitem Fernblick sich die Gegend vor ihnen breitete, bis dort im Westen, wo in diesem Augenblicke die Sonne purpurn im Meere niedersank, da faßte Erast der Geliebten Hand und, Thränen eines großen Entschlusses in seinem freudigen Auge, sagte er:

»O, Angela, Unschuld tilgt Schuld und Wahrheit sühnt die Lüge! Jedem sein Recht! war der Wahlspruch des Stammes, dessen Name heute erlischt. Uns aber, Geliebte, führen Herz und Schicksal eine Straße; Du und ich müssen verschwinden aus unserer heimischen Welt. Wer eine Erinnerung scheut, wer durch Schuld oder Unheil Namen und Heimath verlor, findet jenseit dieses Meeres eine Freistatt, findet eine Werkstatt und ein Bürgerrecht. Dort soll auch uns erblühen, was hier nicht wurzeln durfte und wahre Liebe soll klären, was irrende Liebe verdunkelt hat.«

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