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Erzählungen

Louise von François: Erzählungen - Kapitel 18
Quellenangabe
authorLouise von François
titleErzählungen
publisherVerlag von George Westermann
year1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Siebentes Capitel.
Das Erbe von Saldeck.

Der röthliche Sandsteinfelsen von Saldeck senkt sich steil ab nach dem Flusse, der, sich in Bogen windend, zwischen seinen Ufern und den rebenbewachsenen Höhen ein üppiges, mit Fruchtbäumen bepflanztes Wiesenland frei läßt. Oben dehnt sich in jährlich steigender Cultur und meilenbreiter Ausbreitung der fruchtbarste Getreideboden. Gesundheit, Fülle und ein eigentümlich frischer Reiz wehen über keiner Gegend unserer Provinz so anmuthig wie über dieser. Vater Oberweg sah mit Stolz und Dank diesen Segen Gottes und seines Fleißes, als er an einem Augustnachmittage während der Grummeternte durch die Reihen der Schnitter dem kleinen Hause des Fährmannes, seines Pächters, zuschritt, das am Ende der Wiese gelegen ist. Der alte Herr fühlte seit einiger Zeit, daß seine Kräfte nachließen. Wenn er von Tagwerden an auf den Beinen gewesen war, mußte er Mittags ein Weilchen ruhen und während der Ernte konnte er nicht mehr, ohne schwach zu werden, bis zur Abendstunde auf seine warme Schüssel warten.

»Des Menschen Leben währt siebenzig,« sagte er, nachdem er sich auf der Bank vor dem Fährhause niedergelassen hatte; »'s geht sachte schlafen mit dem alten Oberweg! Und der Jürgen noch immer beim Studiren! Was soll aus der Wirthschaft werden?« Er versank eine Weile in stummes Brüten, dann rief er energisch, indem er mit der geballten Faust in der Luft eine Bewegung machte, als schlüge er gewohntermaßen zur Bekräftigung auf den Tisch:

»Er muß zurück, er muß!«

In diesem Augenblicke hörte er den Knall einer Peitsche, den kräftigen Ruf: »Hol' über!« vom jenseitigen Ufer; während der Fährmann den Kahn losband und hinüber ruderte, sah der Alte ein Frauenzimmer aus einem leichten Korbwagen steigen, der, gelenkt von einem Bauer, mit einem alten Manne und einigem Gepäck beladen, den Weg nach der Stadt weiter fuhr.

Das Frauenzimmer war indessen gelandet, hatte unseren alten Freund mit einem prüfenden Blicke gemessen und sagte nach ernsthaftem Gruße:

»Wenn Sie es erlauben, setze ich mich neben Sie, bis die Sonne etwas tiefer steht, um dann nach Saldeck hinaufzusteigen.«

Simson Oberweg war von Natur nicht neugierig, er hatte in seinem Leben wenig nach Menschen und Dingen gefragt, die ihm nichts angingen. Aber in diesem Augenblicke fühlte er eine Anwandlung staunender Theilnahme. Das Frauenzimmer war jung und schloßenweiß, sie trug einfache, aber strenge Trauerkleider. Er mußte an seine selige Margarete denken, als er ihrer ansichtig ward.

»Mit Verlaub!« fragte er, nachdem er ihr auf der Bank Platz gemacht und seinen breitränderigen Strohhut ein wenig gelüftet hatte, »nach Saldeck wollen Sie, Madame? Ohne Zweifel zum neuen Herrn Pastor? Aber der ist noch gar nicht eingeführt.«

»Nein,« antwortete die Fremde, »ich will zu dem Gutsherrn.«

»Zum alten Oberweg?« rief Simson höchst erstaunt, »alle Wetter; wie kommt denn der zu der Ehre?«

»Ich will ihn um die Erlaubniß bitten, in dem Gerichtshause zu wohnen, dessen Benutzung er der Tochter des früheren Besitzers zugesagt hatte.«

»Um Vergebung,« fiel Herr Oberweg der Trauernden in's Wort, »die Mühe können Sie sich sparen, Madame. Der alte Oberweg hat gar nichts zu erlauben und gar nichts zuzusagen gehabt. Das Haus mit dem ganzen Auszuge ist dem Herrn Domherrn von Saldeck gerichtlich verklausulirt und kann kein Strohhalm davon anderweitig vergeben werden. Das steht alles fest wie Amen in der Kirche, und muß ich es wohl am besten wissen, Madame, denn ich selber bin der alte Oberweg von Saldeck.«

»So bitte ich Sie um Ihren väterlichen Beistand, Herr Oberweg,« sagte das junge Mädchen, seine Hand ergreifend, »und um Vergessen der Vergangenheit.«

Hatte der Alte auch vorhin eine Abnahme seiner Kräfte gespürt, so war er beileibe doch kein nervenschwacher Mann; er wußte selber nicht, wie es kam, daß es ihm bei dem Klange dieser Stimme eiskalt überrieselte, und ihm war, als werde sein Auge feucht.

»Mit Verlaub,« sagte er, »da sind Sie am Ende gar – –«

»Die Tochter des Domherrn von Saldeck,« entgegnete Luitgard sanft.

Er warf einen theilnehmenden Blick auf ihre dunkeln Kleider, und Luitgard setzte, diesen Blick verstehend, hinzu:

»Ich habe vor wenig Tagen meinen Vater begraben.«

»Sie hätten ihn hinauf in die Gruft bringen sollen, Fräulein,« fiel der Alte gutmüthig ein, »zu seinen Vorfahren und zu seiner Frau Gemahlin. Wahrlichen Gott! ich hätte nichts dawider gehabt.«

»Ich danke Ihnen, großmüthiger Mann,« entgegnete Luitgard, gerührt seine Hand drückend, »aber mein Vater war sehr einsam unter den Menschen geworden und ich glaube, daß es in seinem Sinn gewesen ist, ihm auch ein einsames Grab zu geben.«

Wieder fühlte Herr Oberweg eine Gänsehaut über seinen Körper laufen; er sah seine Nachbarin eine Weile ernsthaft von der Seite an und sagte endlich treuherzig:

»Kommen Sie getrost hinaus Fräulein; es ist kein Finger an Ihr Recht gelegt worden, seitdem Sie fort sind. Freilich, so lange der vorige Pastor noch oben war, hat er alle Jahre den Garten bestellen lassen und hernach Obst und Gemüse, wie auch den ganzen Auszug unter die Gemeindearmen vertheilt, er wollte das Recht dazu von dem seligen Herrn erhalten haben.«

»So werden mich Ihre Armen nicht gerne sehen, Herr Oberweg,« versetzte Luitgard lächelnd, »wenn ich nun selber die Wohlthaten in Anspruch nehme, an welche sie sich seit vielen Jahren gewöhnt haben.«

»Prosit die Mahlzeit,« rief der Alte halb unwirrsch, »sie mögen sich das Maul wischen, die Armen. 's war mir von jeher zuwider, dies Schmarotziren von Fremder Tisch. In Saldeck braucht Keiner zu hungern, der arbeiten will, und die Alten und Kranken werden verpflegt nach unseres Herrgotts Gebot. Aber Sie kommen so allein, Fräulein, ohne Sachen, ohne Ihr Gesinde?«

»Der Wagen, der mich hierherbrachte, fährt über die Brücke in der Stadt; mit ihm kommt ein alter Diener, meines Vaters treuer Pfleger bis zu seinem Tode. Andere Dienstboten habe ich nicht. Meinen Hausrath dachte ich mir nachschicken zu lassen, sobald ich mich Ihrer freundlichen Aufnahme versichert hatte, Herr Oberweg.«

Herr Oberweg unterließ es heute, seinen neuen Lachsfang am Mühlwehr zu untersuchen, wie es seine Absicht gewesen war. Nachdem er noch einen prüfenden Blick auf die Schnitter geworfen, stieg er mit seiner neuen Insassin den Schloßberg hinauf. Sie ging schweigend an seiner Seite, und auch er hatte seine wunderlichen Gedanken über den Wechsel in den menschlichen Dingen, der diese schöne, vornehme Dame jetzt gleichsam unter den Schutz seines Daches führte. Als sie an eine Biegung des Weges kamen, standen sie unwillkürlich Beide still und blickten einander an.

»An dieser Stelle bin ich schon einmal mit Ihnen, zusammengetroffen, lieber Herr,« sagte Luitgard.

»Wahrlichen Gott! eine neckische Schickung,« entgegnete der Alte kopfschüttelnd, »daß just Sie es waren, Fräulein, die den Leichenzug meiner Tochter anführen mußten!«

»Ja, eine ernste, bedeutsame Fügung, Herr Oberweg,« versetzte Luitgard. »Ich lernte an jenem Tage auch Ihren Enkelsohn kennen. Haben Sie gute Nachrichten von ihm, lieber Herr?«

»Kennen Sie meinen Jürgen, Fräulein?« fragte der Alte, sie mit einem raschen, schlauen Seitenblick betrachtend.

»Ich habe ihn einige Male gesehen, als er noch beim Gericht in der Stadt arbeitete, aber seit der Zeit nicht wieder,« antwortete Luitgard ruhig. »Wo hält er sich denn gegenwärtig auf?«

»Er studirt in der Hauptstadt noch immer auf den Advocaten,« sagte Vater Oberweg verdrießlich. »Eine verdammt langweilige Geschichte! Ich könnte ihn jetzunder so nothwendig brauchen. Seitdem der alte Pastor fort ist, habe ich keinen Menschen mehr, der mir meine Schreibereien ordentlich besorgt, und seit der Zeit höre ich auch nur wenig mehr von meinem Enkelsohn. Er schreibt in seine Briefe nichts Herzhaftes hinein; ganz natürlich, weil er weiß, daß der Schulmeister sie mir vorliest, und er nicht alles an die große Glocke schlagen will. Es war ein Unglück, daß er hier aus der Gegend fortmußte, Fräulein.«

»Er mußte, Herr Oberweg?«

»Er dachte wenigstens, daß er müßte,« versetzte der Alte, und erzählte ihr hierauf den Hergang des Ehrenhandels, wie er denselben aufgefaßt. »Die ganze Verwirrung kommt daher,« so schloß er, »daß der Jürgen ein Mittelding ist zwischen einem gemeinen Mann und vornehmen Herrn. Ich hab's von jeher gesagt, es kommt beim Studiren nichts Richtiges für ihn heraus. Nun schämt er sich wie ein Adliger, weil er gehandelt hat wie Unsereiner.«

»Er hat gehandelt, scheint mir, wie ein edler Mann und wie ein Christ, lieber Herr,« entgegnete Luitgard, »und ich glaube nicht, daß Ihr Enkel sich dessen schämt. Lassen Sie uns hoffen, daß er bald zu Ihrem Beistande in die Heimath zurückkehrt, um ein tüchtiger Verwalter des Schatzes zu werden, den sein fleißiger Großvater für ihn angelegt hat.«

Das Fuhrwerk des Müllers, das gegen Abend den alten Andreas nach Saldeck brachte, kam am anderen Tage von neuem mit dem Hausrathe des Fräuleins. Ihr alter Schutzherr drückte ihr mit möglichster Galanterie sein Bedauern aus, ihr bei der neuen Einrichtung in keinem Stücke behülflich sein zu können, da alle Hände dermaßen mit der Ernte zu thun hätten, daß selber der heutige Sonntag nicht gebührendlich in Ehren gehalten werden könne. Und in der That fand Luitgard, als sie in der Dämmerstunde aus dem kleinen Gerichtshause trat, um Jungfer Marchristinen ihren nachbarlichen Besuch zu machen, dieselbe ganz allein in der Wirtschaft und vollauf beschäftigt, eine großartige »Biermerte« für den gesammten Hausstand einzurühren. Luitgard wußte, wie vorsichtig und Schritt für Schritt man mit Bauern umgehen muß, die gegen Vornehmere schwer ein Mißtrauen überwinden lernen; sie bot daher heute der unwirrschen Muhme ihre Hülfe nicht an, sondern, einsehend daß sie ihr ungelegen kam, entfernte sie sich bald, setzte sich in ihren eignen, kleinen, wildwuchernden Garten und blickte über die grüne, liebliche Landschaft, auf welche sie von nun an ihr Leben eingeschränkt hatte. Dann stützte sie die Arme auf den Steintisch unter dem rothbeerigen Ebereschenbaume, und drückte die Hände fest über die geschlossenen Augen, als ob sie durch keinen äußeren Eindruck die aufsteigenden Gedanken stören wolle.

Vielgestaltige Bilder, helle und düstere, zogen an ihrem inneren Sinne vorüber. Sie sah ein neues, breites Feld vor sich, das ihre stille Geduld erobern mußte, denn nicht nur für sich, auch für ihren Freund und Bruder Georg, ja für ihn zumeist, hatte sie eine Heimath zu bereiten. Sie fühlte sich beunruhigt, noch nicht ein Wort der Erwiderung von ihm auf die Nachricht vom Tode ihres Vaters erhalten zu haben. Wie wenig ahnte sie, daß diese Nachricht ihn niemals erreichen würde, daß er schon die blauen Wogen des mittelländischen Meeres durchsegelte, als sie, durch des Predigers Vermittlung, in der Hauptstadt anlangte.

Luitgard sagte sich, daß es nur eine Weise giebt, die Bewegungen einer mannigfach aufgeregten Seele zu bewältigen, das ist ein starker Entschluß und eine bis in's Kleinste gehende Vorschrift, denselben durchzuführen. Sie hatte diesen Entschluß gefaßt, sie strengte sich jetzt an, diese Vorschrift für sich selber zu entwerfen und die Sonne war schon lange gesunken, der Mond stand hell über den Buchenwipfeln der gegenüberliegenden Höhen, als sie zwischen hochaufgeschossenen Ranken und Rasen, zwischen dem wildwuchernden Mohn und Rittersporn des Gartens nach ihrem neuen Hause zurückging.

Das herrliche Mädchen folgte ihrem entworfenen Plane Schritt für Schritt; sie fing mit allmäligen, vorsichtigen Näherungen an die Bauernfamilie an, ging dann in kleine Dienstleistungen über, die sie annahm und erwies, und endigte damit, sich als eine Angehörige in das Leben der zurückhaltenden, fleißigen Menschen zu verweben.

Nachdem der alte Andreas seiner jungen Herrin das Haus säubern und einrichten helfen, vertauschte er, ach, schweren Herzens! die kurzen Sammethosen und den Tressenrock besserer Tage mit einem einfachen, bürgerlichen Anzuge, und da er wenig mehr zu bedienen hatte, dienen aber, dem Hause Saldeck zu dienen, sein Lebensnerv war, so fing er mit großem Eifer an, sich zum Gärtner auszubilden, und den kleinen verwilderten Gerichtsgarten zu cultiviren. Er that das nach vornehmem Muster. Am liebsten hätte er freilich alle Gemüsebeete beseitigt und sich unumschränkt einem edlen Luxus hingegeben; indessen, seine Dame wie auch er selber mußten leben und so begnügte er sich damit, Kohlrabi, und Mohrrüben hinter das Hans zu verlegen, wo sie wenig bemerkt wurden. Auf der Terrasse vor dem Hause aber ließ er seiner adligen Gemüthsart in freien Kunstschöpfungen ihren Lauf und hätte mit nicht geringerem Rechte als ein Anderer von sich sagen können: »wer in meinen Garten sieht, sieht in mein Herz.« Er stellte die alten Hecken und Pyramiden von Taxus gewissenhaft wieder her, beschor mit musterhafter Sorgfalt die Buxbaumeinfassungen der kreis-, stern-, halbmondförmigen, drei- und viereckigen Beete, bepflanzte dieselben mit edlen Gewächsen. Lack, Mohn und Federnelken wurden als gemeine Naturen verbannt; Rittersporn und Kaiserkronen, wenngleich auch Allerweltspflanzen, um ihrer Namen willen, geduldet, die höchste Aufmerksamkeit neben Rosen und Georginen, den Gartenköniginnen des Sommers und Herbstes, einer Hortensiaanlage gewidmet, welche nicht ohne ungeheuren Mühaufwand dem heißen, felsigen Boden abgewonnen werden konnte. Mit einer geheimnißvollen Freude aber behandelte der sinnige Autodidakt im nächsten Frühjahre zwei Rundtheile unter den Fenstern seiner Gebieterin, und wurde dieselbige eines Morgens durch ein über Nacht aufgesproßtes hieroglyphisch gewundenes Grün überrascht, das sich nach einigen meisterlichen Winken auf dem einen Erdmedaillon als ihr Namenszug, Luitgard von Saldeck, mit der siebenperligen Freiherrnkrone darüber, auf dem anderen gar als das Familienwappen nicht verkennen ließ. Die Unangemessenheit, daß der heraldische Bär statt in zottigem Braun, sich in einem zartgrünen Kressenfelle präsentiren mußte, war leider nicht zu umgehen gewesen; dahingegen hatte der erfinderische Naturkünstler die Augen der Bestie recht ansprechend durch ein Paar schwarz angelaufene Brillengläser und den Goldgrund, auf welchem sie sich erhebt, durch fein geseihten, hochgelben Kiessand darzustellen gewußt.

Der alte Mann lebte auf diese Weise still und con amore vor sich hin; mit dem bäurischen Tone des Herrenhofes hätte er doch niemals zusammenklingen können. Seine Dame aber ging nach etlichen Tagen noch einmal hinüber in Muhme Marchristinens Bereich, klagte über Langeweile in ihrem einsamen Hanse und bat, zum Zeitvertreib in die Praxis der großen Wirthschaftskunst, des Milchkellers und des Butterfasses eingeführt zu werden. Mit der Zeit wurde sie der Muhme tägliche Gehülfin, oft ihre Stellvertreterin, ja bald fühlte Muhme Marchristine sich gedrungen, ihrem Vetter Hans Simson zu erklären: »das Fräulein hantiere wie eine Alte, man könne sich auf sie verlassen wie auf sich selbst.« Und ein Glück für Muhme Marchristinen, daß sie das konnte, denn sie spürte ihre Kräfte noch rascher abnehmen, als ihr alter Verwandter die seinen. Die Hände zitterten, und die Augen versagten ihr beim Abrahmen der Milchäsche und manches kostbare Tröpfchen glitt daneben, wenn sie die Kruken zum Verkauf in der Stadt aus- und einfüllte.

Aber auch ihres Schutzherrn Vertrauen wußte sich das kluge Fräulein zu gewinnen; einfach, ohne Schmeichelei und Dringlichkeit eroberte sie Schritt für Schritt ihr Terrain. Indem sie gelegentlich und gelegentlich wieder erwähnte, wie sie daheim ihres Vaters geschäftliche Correspondenz, die Haushaltungsbücher und das Rechnungswesen geführt, streute sie den zündenden Stoff in sein Gemüth und lockte schließlich die Bitte auf seine Lippen, auch ihm zu gleichem Zwecke als Secretair zu dienen.

So wohl war es Vater Oberweg in seinem Leben noch nicht geworden, einen Schreiber immer bei der Hand zu haben. Zu Zeiten des alten Pastors hatte er die Gelegenheit doch immer abpassen müssen; was sich aber mit dem neuen Pastor aufstellen ließe, das war noch gar nicht vorauszusehen.

Zwar begegnen wir in ihm einem alten Bekannten, dem Predigerssohne aus Mittwerben, Georgs erstem Schulkameraden, seinem Castor; aber welche Mühe hatte er, nach einem solchen Vorgänger, sich in seine Gemeinde einzuleben, obendrein als glücklicher Ehemann mit einer jungen Frau! Denn gleich am ersten Sonntage nach seiner Ordination, da führte er sie heim, die Traute, Holde, welche er sich schon als Untergesell erkohren, und als Mittelgesell erworben hatte. Und so löst sich uns das Räthsel der Neuzeit, auf das wir schon einmal gedeutet haben, als es dem antiken Freundschaftsbunde den Weg vertrat: Liebe hieß es! Liebe zu Terpsichore Charitas Walker, dem Töchterlein des gelehrten chorographischen Professors der Anstalt. Liebe, auf deren Entfaltung Relegation aus den classischen Hallen gesetzt war, die aber dennoch alle Hindernisse besiegte und nach zehnjährigem Harren aus der hüpfenden Muse eine ehrsame Frau Pastorin machte.

War nun Luitgard die Teilnehmerin der Arbeit des alten Verwandtenpaares geworden, so kam sie nur dessen Wünschen zuvor, als sie eines Tages die Bitte aussprach, gegen Verlust der stipulirten Naturalien, die eigne Haushaltung auszugeben, und mit dem alten Andreas die allgemeine Tischgenossenschaft zu theilen. Aber während sie auf diese Weise die letzten Spuren des einstigen Herrenlebens auf Schloß Saldeck verlöschte, und sich vollständig mit dessen neuem Zustand verwebte, hatte sie in der Tiefe des Herzens einen Kampf zu überwinden, dessen Zeuge nur Gott war. Um Georgs willen lebte sie sich hinein in das Leben, der Seinen, um seinetwillen war sie an Margaretens Stelle getreten und des alten Bauern Tochter geworden. Hatte eines Tags der Edelherr die Bäuerin aus ihrem Erbe vertrieben, weil nicht seines Gleichen, so sollte nun der Bauer das Edelfräulein mit Freuden in das seinige aufnehmen, weil seines Gleichen. Sie hatte, wenn nicht ohne Ueberwindung, so doch aus Liebe und mit Liebe gehandelt – wo aber war der, für den sie gehandelt, wo war Georg?

Als sie wenige Wochen nach ihrer Uebersiedlung in seine Heimath seinen Abschiedsgruß vom Bord des Schiffes erhielt, da rang das bangende weibliche Herz nicht nur mit der Begeisterung für eine heilige Sache, sondern auch mit der Erkenntniß der Nothwendigkeit einer befreienden That für ihn selbst! Denn sie erkannte es jetzt, daß er nicht reif genug gewesen wäre, im stillen Dienste der Natur aus sich heraus und in sich hinein zu erstarken, und die der Welt gegenüber verlorene Sicherheit in seinen eignen Augen wieder zu erlangen, wie sie es damals gehofft hatte, als sie ihr Heimwesen verließ, um ihm den Reiz ländlicher Abgeschiedenheit und Wirksamkeit kennen zu lernen; sie unterwarf sich der Ueberzeugung von einem unveräußerlichen Drange der männlichen Natur, verlor ihr eignes Ziel auch keinen Augenblick aus dem Sinne: – zweifeln wir aber an den Kämpfen, an den Schmerzen und Sorgen, mit welchen es geschah?

Noch schwankte sie, wie sie dem Großvater die schwere Botschaft verkünden sollte, als eines Tages ihr alter Lehrer, der Prediger, in ihrem Kreise erschien, die peinliche Aufgabe mit ihr zu theilen. Zu beider Verwunderung nahm Vater Oberweg die Kunde mit weit weniger Schrecken auf, lag die Sache ihm gar nicht so fern, als sie geahnt hatten. Von Alters her ist, oder war in jenen Tagen noch, die Vorstellung eines Türkenkrieges unserem Volke eine geläufige geblieben; du Traditionen längst vergangener Zeiten haben sich weit zäher seiner Phantasie eingeprägt, als manche näherliegende Waffenthat. Ja es giebt wohl kaum eine Gegend in unserem Vaterlande, in welcher irgend eine Prophezeiung nicht Ströme von Türkenblut fließen läßt.

Von der räumlichen Entfernung, von lokalen, politischen, strategischen Schwierigkeiten machte sich unser alter Freund keine allzubeängstende Vorstellung. Christenmenschen kämpften, sich zu befreien von dem Joche heidnischer Unmenschen, und sein Enkelsohn war ausgezogen, ihnen in diesem Kampfe beizustehen. Das genügte ihm, und wenn Luitgard ihm aus der Zeitung vorlas, welche Opfer dieser heiligen Sache fallen mußten, so dürfen wir zur Ehre des alten Bauern nicht verschweigen, daß keine kleinmüthige Auffassung seinen Lippen entfloh und daß sein einziger Enkel und Erbe um ein Großes in seiner Achtung gestiegen war, seit er ihn von den Gefahren eines Helden bedroht sah. Aber seine Kräfte nahmen von dem Tage an immer merklicher ab; er setzte sich oft, war bisweilen zerstreut und schlief mehr als einmal über seiner Winterarbeit ein. Regelmäßig nach dem Sonntagsgottesdienste schloß er die Gruft unter der Kirche zum Besuche seiner Margarete auf, und oftmals, wenn er gedankenvoll vor seiner Hausthür saß, las Luitgard in seinen ernsten blauen Augen die Frage: »Für wen habe ich geschafft, wenn Er nicht wiederkehrt?«

Fast ein Jahr stillen Kampfes war ihnen Allen auf diese Weise verflossen, ehe sie wieder eine Kunde von dem Entfernten erhielten. Die Sache der griechischen Freiheit, die während dessen eine europäische geworden, neigte sich zur Waffenruhe. Auch Georg sah seine Aufgabe beendet, und seine Freunde, der Prediger wie Luitgard, erkannten mit stolzer Freude, wie sein Wesen sich in Kampf und Gefahr gestählt hatte. Dennoch, zu einem reinen Abschlusse mit sich selber war er auch jetzt noch nicht gekommen, und keine Kunde aus der Heimath hatte ihn erreicht, um das gesunkene Vertrauen, um die Liebe zum Dasein in ihm wieder anzufachen. Am Schlusse jenes Briefes an den Prediger sagte er:

»Ich hatte gehofft, mich unter dem Himmel von Griechenland einzubürgern. Hier, dachte ich, muß Raum sein für Kräfte, welche ihrem Vaterlande nicht nützen können. Aber ich sehe schon jetzt: das ist nicht der Boden für deutsche Colonisation, und ich ahne, daß früher die tausendjährigen Unbilden der äußeren Natur sich herstellen, früher diese gelben Felsen sich neu bewalden und quellenreich strömen werden, ehe die Schäden einer tausendjährigen Barbarei unter den Menschen einem sittlichen Zustande Platz machen, wie wir ihn begreifen. Nein, hier ist kein Weilen für uns, und wer eine Heimath verloren hat, der suche sie unter einem strengeren Himmel. Auch mich zieht es nach Westen, sobald der Kampf hier im Osten geschlossen sein wird, und so endige ich heute mit einer Strophe, die ich einem Liede dieses unglücklichen Landes als Echo meiner eignen Stimmung entlehne:

›Ich hör' des Meeres Brausen, der Stürme wildes Sausen, weiß daß kein Glück mir bleibt.
Den Wanderstab in Händen, muß mich weiter wenden, wohin mein Loos mich treibt.‹«

Bange schlichen die Tage, die Wochen und Monate nach Empfang dieses Briefes für das treue Mädchen hin. Sie wußte keine Gelegenheit, ihm sicher ein Zeichen ihrer unvergänglichen Erinnerung zuzuführen, sie harrte vergebens auf ein Wort von ihm. Als der Winter kam, war sie noch bleicher als gewöhnlich, und ein dunkler Schatten lagerte sich unter ihren sanften, braunen Augen. Sie erfüllte ihr übernommenes Tagewerk, als ob eben nur das Mechanische des Lebens sie aufrecht erhalten könne; oft aber brach sie in der Einsamkeit ihres Hauses zusammen, rang die Hände und rief: »Wozu? Für wen? Nicht für ihn, nicht für mich, es war Alles vergebens!« Ihr ernster, feiner Sinn hatte seit dem Beginn ihres Saldecker Lebens dahin gestrebt, ihre Umgebungen zu veredlen. Nicht allein, daß sie die Kinder und jüngeren Mädchen häufig um sich versammelte, die ersteren beaufsichtigte, wenn die Eltern auf dem Felde arbeiteten, den letzteren weibliche Hantirungen beibrachte und den Keim besserer Zucht und Sitte in ihnen anzubahnen suchte, sondern sie bemühte sich auch, den rohen Ton allmälig umzustimmen, der die Gespräche und Scherze bei den winterlichen Zusammenkünften der Knechte und Mägde beherrschte; sie setzte sich daher oft mit ihrer Arbeit unter die Spinnerinnen, veranlaßte die junge Frau des Predigers ein Gleiches zu thun und nöthigte ihre Umgebungen, indem sie dieselben wie ihres Gleichen behandelte, auch zu einem anständigeren und würdigeren Tone unter sich. Sie führte die alte Sitte des Märchenerzählens der Reihe rund wieder ein, Räthsel wurden aufgegeben, kleine Gedankenspiele lösten sich ab, und wenn von Anfang die Spinnerinnen sich nur widerwillig dem indirecten moralischen Zwange gefügt, so hatte das Fräulein die Genugthuung, daß schon vor Ablauf des ersten Winters die Spinnabende auf dem Edelhofe Feststunden wurden, nicht nur für die ursprünglichen Theilnehmerinnen, sondern daß manche Bäuerin aus dem Dorfe mit ihrem Rade kam und um die Erlaubniß bat, an ihnen Theil zu nehmen.

Heute aber, am ersten Advent, war nicht Spinnabend sondern Federnschließen. Jungfer Marchristine, sämmtliche weibliche Dienstboten des Hofes und alle alten Mütterchen aus dem Dorfe saßen in der großen Gesindestube hinter Bergen von weißen Federn, um die im Hufeisen gestellten Speisetafeln. Sorgfältig wurden alle Kiele abgerupft und die Federn nach ihrer Rangordnung sortirt. Es war viel Hitze und Staub in der Gesellschaft, aber auch viel Eifer und Vergnügen; das Fräulein war Gastgeberin; sie hatte große Napfkuchen backen und ein vortreffliches Warmbier bereiten lassen, die Stimmung konnte für eine gehobene gelten, leiblich und geistig. Die wunderbarsten Erzählungen jagten sich von Munde zu Munde und eben wagte sogar die Mutter Webern den Versuch, ihre eignen, unter des Fräuleins Regiment mit dem Index belegten Erfahrungen von dem »Kobold« wieder einmal zu veröffentlichen. Wie oft hatte dieses Regiment schon gegen den bösen Dämon unserer Gegend angekämpft, der bald in Gestalt eines schwarzen Katers die Milchäsche aussäuft, bald als Ziegenbock, als Hahn, als menschliches Gespenst, je nach seiner Laune droht, ängstigt, vexirt, dem Vieh schlimme Krankheiten anhext, verderbliche Lohen über Feld- und Gartenfrüchte ergießt, Menschen mit bösem Gewissen in ihrer letzten Stunde das Herz abdrückt und nicht ersterben läßt. Aller Schabernack und Schaden, alles Mißlingen kommt durch den »Kobbelt,« diesen Fundamentalsatz unserer alten Weiber, ja, es war ein Schweres für die Aufklärerin Luitgard, ihn mit handgreiflichen Gegengründen umzuwerfen, zumal der Mutter Webern gegenüber, die dabei blieb: »Was man gesehen hat, hat man gesehen.«

Die Mutter Webern war dermaßen in die Mittheilungen aus ihrer metaphysischen Welt vertieft, daß sie sogar des eintretenden Gutsherrn: »Gott grüß Euch,« überhörte oder es wenigstens zu erwidern vergaß. Vater Oberweg hatte sich heute Morgen nach dem Sonntagsbesuche bei seiner seligen Margarete zu einem Gange nach der Stadt aufgemacht, dessen Ungewohnheit und nächtliche Verspätung die gute Luitgard lebhaft beunruhigte. Sie ging ihm daher jetzt sichtlich erfreut entgegen, nahm Hut und Stock aus seiner Hand, um sie an den gewohnten Platz zu stellen und sagte mit freundlichem Scherz:

»Ei, Vater Oberweg, ist Ihnen was Gutes begegnet auf dem Wege? Sie sehen ja so stolz und froh aus wie ein König!«

»Ich bin auch stolz und froh, wie ein König,« entgegnete der alte Mann mit leuchtenden Augen, indem er ihre Hand schüttelte, »und Gott hat mich auf diesem Wege mit seiner Gnade gesegnet, mein Kind.« Ueberwältigt von dem feierlich heiteren Tone des Greises, wie von dem traulichen Namen, den er ihr heute zum ersten Male gab, senkte Luitgard den Kopf an seine Brust und fragte leise mit zitternder Stimme: »Georg?«

Simson Oberweg schüttelte den Kopf.

»Ein Brief?« fragte sie von neuem.

»Auch nicht,« antwortete der Alte. »Nichts von meinem Jungen. Aber gute Gedanken sind auch wie Kinder, die unser Herz erfreuen, wenn sie nach einem herzhaften Kampfe an das Tageslicht kommen, und mit solch einer Entschließung hat der Herr mich heute gesegnet, meine Tochter.«

Luitgard mochte nicht weiter fragen, sie ging traurig an ihre Arbeit zurück. Die Mutter Webern hatte während dessen ihr Glaubensbekenntniß vollendet und Aller Augen richteten sich auf das Fräulein in der Erwartung, daß sie mit der Gewalt ihrer klaren, seelenvollen Stimme, deren musikalischer Zauber ihrem alten Freunde schon bei ihrem ersten Begegnen eine Gänsehaut erregt hatte, dem bösen Spukgeiste des Landes entgegentreten werde. Denn keine körperliche Schönheit macht unserem Volke den Eindruck eines weichen und klangvollen Organs, vielleicht weil es unter den norddeutschen Stämmen ein so seltener Vorzug ist. Aber die Sirene von Saldeck schien heute nicht zu einer Controverse, oder, wie wohl sonst, zu einer improvisirten Erzählung aufgelegt, die den Beweis eines gütig waltenden höchsten Geistes in sich trug; sie machte freundlich, aber schweigend, die Wirthin unter ihren federlesenden Gästen; ein weißes Tuch, das sie dreizipflig nach Bäuerinnenart übergebunden, um ihr schönes, blondes Haar vor dem Staube zu schützen, gab ihr ein nonnenhaftes Ansehen.

Fast schien es daher, als ob heute am ersten Advent der Kobold das Feld auf Schloß Saldeck behaupten sollte, als sich plötzlich Vater Oberweg aus seinem Winkel in der »Hölle« (hinter dem Ofen) erhob, die Sprossen der Leiter, welche er eben zu schnitzen begonnen hatte, ungestüm bei Seite warf und mit einigen gewaltigen Kernworten zu Ehren seines allmächtigen Herrgotts dem heidnischen Beelzebub in die Parade fuhr, um ihm, für heute wenigstens, auf den Lippen der Mutter Webern gründlich den Garaus zu machen. So hatte ihn noch Keiner reden hören, seine Worte klangen wie ein Donner; er stand hochaufgerichtet und seine blauen Augen funkelten gleich denen eines Jünglings. Niemand wagte zu athmen, die alten Weiberchen ließen die Federn aus ihren Händen sinken und blickten betroffen zu Boden; Luitgard aber fühlte nach einer langen Pause, daß sie, um die gute Laune wieder herzustellen, ihre traurigen Träumereien und den Widerwillen zu sprechen, überwinden müsse. Da sie indessen nicht in der Stimmung war, zu erfinden so lenkte, sie, einen sanften Uebergang suchend, von dem bösen Geiste der Mutter Webern und dem zürnenden Herrn Vater Oberwegs den Blick zurück auf den, dessen Nahen sie heute feierten und erzählte ganz einfach die Legende von dem Hufeisen und den Kirschen, die sich so wohl für arbeitsame Menschen schickt. Denn, wer nicht ermüden darf, sich um eines Hellers Werth zehnmal, ja hundertmal zu bücken, der muß auch immer von neuem daran erinnert werden, welch still erquickender Segen aus dieser Mühe seinen Mitmenschen erfließt.

Vater Oberwegs Hände feierten, während das Fräulein sprach, und seine Blicke ruhten unverwendet auf ihrem guten Gesicht.

»Ja, sie versteht's,« sagte er still für sich hin, »sie verdient's und es ist Gottes Wille!«

Er faßte bei diesen Worten nach einem Papier, das er sorgfältig in seinem Brustlatze verborgen hatte, betrachtete es aufmerksam von allen Seiten, wie um sich zu versichern, daß es noch unversehrt sei und steckte es dann wieder zu sich. Luitgard hatte ihre Erzählung beendet, und es verhallte ihr letztes, melodisches: »sagte der Herr,« als sie bemerkte, wie aller Augen ihrer Gäste durch den dichten Federstaub und Lampenqualm nach der Thür zu dringen suchten, die hinter ihrem Rücken leise geöffnet worden war. Sie wendete sich um, ihr Auge traf zwei eintretende Gestalten – sie sprang vom Stuhle in die Höhe – die Arme weit ausgebreitet stürzte sie nach der Thür. Aber die im Kampfe bewährte Kraft verließ sie im Augenblicke des Sieges; mit dem zitternden Rufe »Georg!« glitt sie bewußtlos zu Füßen des Mannes nieder, der mit stockendem Athem, auf die wunderbare Scene als auf ein täuschendes Nebelbild blickend, am Eingange des Zimmers wie eingewurzelt stand.

Ziehen wir einen Schleier über die seligen Abendstunden des ersten Advent. Die Mutter Webern ist die letzte von den dörflichen Gästen, welche das Haus verläßt, dem sein Erbe wiedergegeben ist. Während Muhme Marchristine ihr den Rest des festlichen Warmbiers in den Henkeltopf füllte, sagte sie geheimnisvoll und mit vielbedeutendem Blick:

»Kobbelt bleibt Kobbelt, Jungfer! Die Mutter Webern wird er nicht 'rum kriegen, Ihr Alter. Und weiß Sie was noch, Jungfer? Das waren Brautfedern, die wir hinte (heute Abend) schließen thaten. Denk' Sie, die alte Webern hat's gesagt, und mach' Sie sich an's Stopfen!«

Ach, Muhme Marchristine stopfte schon den ganzen Abend in Gedanken und die Kisten schwollen häuserhoch vor ihren Augen, während sie ihre Küche wieder in Ordnung brachte.

Vater Oberweg aber saß noch immer mit seinem alten Pastor vor der Tafel, an welcher er heute Abend das Edelste von seinem Gewächse zum besten gegeben, und ward nicht müde, sich von den Thaten und Leiden seines braven Jürgen auf dem fernen, heißen, mörderischen Boden erzählen zu lassen. Wie viel des Wunderbaren hat der treue Freund während des kurzen Wiedersehens dem Heimkehrenden ahgelauscht, und wie herzlich rühmend giebt er es wieder! Nur Eines verschweigt der bescheidene Mann, was aber der scharfsinnige Leser so gut wie die liebende Luitgard lange schon errathen haben wird: das ist die Mühe, die er selber gehabt, die Briefe, die er geschrieben, die Schritte, die er gethan, die Reisen, die er gemacht, um den Flüchtigen von Ost nach West auf die Spur zu kommen und ihn zum Verweilen in der Heimath, an das angebliche Krankenbett seines alten Herren, statt dessen, aber, alle Kämpfe lohnend, für immer in die Arme des Glücks und der Liebe zu führen. Vater Oberweg merkte nichts von dieser Freundesmühe und List, er glaubte an eine freie, fröhliche Heimkehr seines Helden. Vater Oberweg hatte überhaupt heute keine klaren, nüchternen Gedanken, er fühlte sich wie berauscht. Auf das Fräulein deutend, das in diesem Augenblicke an des Wiedergefundenen Seite das Zimmer verließ, um sich nach ihrem eignen Hause zu begeben, sagte er mit geheimnißvollem Lächeln:

»Was meinen Sie, Herr Pastor, wie steht es mit den Zweien?«

»Daß sie eins sind, lieber Herr,« antwortete der geistliche Freund, ebenfalls lächelnd, »daß sie des väterlichen Segens warten, der ihnen das Haus in der Heimath gründen soll.«

Der Alte schwieg eine Weile; dann zog er das Blatt hervor, das er vorhin so aufmerksam betrachtet hatte und mit einem schelmischen Ausdrucke, der sich aber mit jedem Worte zu einem fast feierlichen Ernste steigerte, sagte er:

»Alle Wetter! Da hätt' ich mir den Goldfuchs heute sparen können; das Schreiben paßt ja nunmehr nicht hin und nicht her. Lesen Sie, Herr Pastor, lesen Sie, was heute in der Stadt vor Gericht und Zeugen verhandelt worden ist. Sie sollen's wissen, sonsten Keiner als Sie, so lange meine Augen offen stehen; denn seine Gültigkeit soll's behalten, um des Lebens und Sterbens willen, auch wenn's mit Ihrer Meinung von den Beiden seine Richtigkeit hat.«

Der Prediger staunte; das Blatt trug die Aufschrift: »Letztwillige Verfügung des Hans Simson Oberweg, Erb, Lehn und Gerichtsherrn auf und zu Saldeck.« Der Alte fuhr fort:

»Lesen Sie's laut, Herr Pastor, daß ich's noch einmal vernehme. Es klingt in meinen Ohren wie Gottes Wort, wenngleich ich es selber zu Protokoll gegeben habe nach meinen eignen schlechten und rechten Gedanken. Die Urkunde nämlich; das hier ist eine Abschrift, die mir der Schreiber extra gemacht hat für mein Geld. Die Urkunde liegt beglaubigt und versiegelt vor Gericht. Lesen Sie, Herr Pastor, lesen Sie laut!«

Der Prediger las:

»Im Namen Gottes. Ich, Hans Simson Oberweg, verordne hiermit für den Fall meines zeitlichen Ablebens wie folgt:

»Erstens: So lange mein Enkel und einziger Leibeserbe, Hans Georg Salden, ohne Nachricht von sich zu geben, gegen die Ungläubigen kämpft, soll das Fräulein Marie Luitgard von Saldeck Verwalterin und Nutznießerin sein von meiner gesammten beweglichen und unbeweglichen Habe und zwar lediglich nach ihrem Ermessen, so weit irgend das Landesgesetz es ihr gestattet.

»Zweitens: Wenn mein Enkel und Leibeserbe, Hans Georg Saldeck, oder einer seiner Nachkommen, mich überlebt, und in sein Vaterland zurückkehrt, soll er gehalten sein, das Fräulein Marie Luitgard von Saldeck zu ehren und zu verpflegen bis an ihr Ende, so, als ob sie seine leibliche Schwester wäre, so wahr er ein Christ und redlicher Mann ist.

»Und endlich drittens: Wenn aber besagter einziger, rechtmäßiger Erbe vor meiner Zeit und ohne Nachkommenschaft zu hinterlassen dahingegangen sein sollte, so will ich, daß das Fräulein Marie Luitgard von Saldeck meine alleinige Erbin sei, just so, als ob sie meine eigne Tochter wäre. Und zwar aus dem Grunde, weil das Fräulein an dem Vater der Bäuerin aus freiem Herzen wieder gut gemacht, was der Vater des Fräuleins an des Bauern Tochter verschuldet hat.

»Und dieses ist mein freier und letzter Wille, so wahr Gott mir helfe. Amen.«

»Großmüthiger Mann!« rief der Prediger mit von Thränen zitternder Stimme, »Großmüthiger Mann, Gott, der Herr, hat das Opfer nicht gewollt und die Kinder Ihres Blutes und Herzens vereint; Irrthum, durch Liebe gesühnt. Aber verwahren Sie dieses Document als das Zeugniß eines wahrhaft christlichen Herzens, das dem neuen Stamme von Saldeck als Grundlage dienen möge.«

Nun aber werfen wir noch einen letzten Blick auf unsere schöne Freundin, wie sie an des Heimgekehrten Arme schweigend durch den winterlich stillen Garten ihrem Hause entgegenschritt. Es ist eine milde Decembernacht, der Mond steht voll am Himmel und spiegelt sich unten im leise dahinrauschenden Flusse.

»O, gehe noch nicht von mir,« ruft der glückliche, junge Mann, sie an ihrer Schwelle zurückhaltend; »bleibe nur noch einen Augenblick. Ich kann es ja noch nicht fassen, und mir ist es wie ein Traum, der beim Erwachen verschwinden muß: Du hier, Luitgard, und Du mein!«

»Zweifler!« antwortete sie mit sanftem Vorwurf, »siehe, so sicher war ich meiner Heimath in Deinem Herzen und in Deinem Hause – und Du möchtest noch immer kleinmüthig in die Irre schweifen!«

»Kennst Du das Märchen vom Manne, der seinen Schatten verloren hat, Luitgard?« fragte Georg.

»Schatten für Licht!« fiel sie ein. »Und wenn Du so stolz warst zu meinen, daß Dein Licht meine Augen blenden müsse, Georg, ahnetest Du denn so wenig die Macht, welche einem Weibe den Sinn giebt, über die Grenzen seiner väterlichen Welt hinauszublicken? An dem Sarge Deiner Mutter bin ich die Deine, bin ich einer Bäuerin Tochter geworden, und Treue, Treue giebt Schatten, Georg.«

»O großes Herz!« rief er, sie entzückt an seine Brust ziehend, »o reiches Herz, das eine Wüste lebendig macht. Ja, wie Du schon einmal an Deiner Hand mich aus einer Gruft emporgezogen hast an das Licht, so giebst Du mir heute ein neues Leben und ein unsägliches Glück. Wehe mir, Luitgard, wenn Du je meinen Schatten entbehren solltest!«

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