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Erzählungen

Louise von François: Erzählungen - Kapitel 17
Quellenangabe
authorLouise von François
titleErzählungen
publisherVerlag von George Westermann
year1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Sechstes Capitel.
Luitgard.

Alle diese Kämpfe waren unbemerkt an Der vorübergegangen, welche, ohne es zu ahnen, der erste Anlaß derselben gewesen war. Luitgard hatte den Winter in jenen großen Verhältnissen zugebracht, welchen ihr Vater sie bekannt zu machen wünschte, um ihren Geist von einer ihm gefahrvoll abschüssig dünkenden Bahn abzulenken; sie hatte die Welt von einer ihrer verführerischsten Seiten kennen lernen in dem bequemen, sicheren Sichgehenlassen, welchem der große, grundbesitzende Adel sich vorzugsweise hinzugeben versteht, und wie unter den schlichten Nachbarn des Vorwerks von Bodeninnen, so war sie auch der Liebling ihres gegenwärtigen Kreises geworden. Wo weibliche Schönheit von so einfacher Güte begleitet ist, wird sie wohl überall sicher sein, eine Freistatt zu finden, doch übte Luitgardens Erscheinung noch einen Zauber, der, allseitig empfunden, als ein geheimnißvolles Vorrecht auserlesener Naturen angenommen wird, wenngleich es nicht schwer sein möchte, sich die harmonischen Gesetze desselben klar zu machen.

Georgs Mißgeschick war ihr unbekannt geblieben; sie stand in keiner Verbindung mit ihrer heimathlichen Gegend; Thassilo reiste im Süden und hatte allen Verkehr mit ihrer Familie unterbrochen; die Güter des Grafen Hefelingen lagen in einer der alten Provinzen des Landes, die mit unserer Gegend damals noch wenig Zusammenhang hatten. Nur ein einziges Mal erhielt sie einige Zeilen der guten Müllerfrau als Quittung über eine kleine Summe, durch welche Luitgard auch in der Ferne ihre heimischen Armen zu unterstützen fortfuhr. Frau Rösner erwähnte in einem Postscriptum des jungen Herrn Saldeck und seines abendlichen Besuches, bei dem sie sich viel über das liebe, gnädige Fräulein mit einander unterhalten hätten. Luitgard nahm diesen späten, winterlichen Besuch in der Gegend ihres Hauses als ein Zeichen seiner treuen Erinnerung und freute sich der Zeit, wo sie wieder in seiner Nähe sein und ungehindert mit ihm verkehren durfte. Für den Augenblick aber, und in ihren gegenwärtigen Umgebungen, hielt sie sich verpflichtet, jede Annäherung durch einen Briefwechsel zu vermeiden, dessen Bekanntwerden zu den peinlichsten Erörterungen führen konnte. – Auch ihr Vater sehnte sich nach seinem unbemerkten Landaufenthalte zurück; der grelle Abstich des Lebenszustandes seiner Verwandten mit dem seinigen drückte ihn; er fühlte je mehr und mehr, daß zu einem angenehmen Miteinandersein nicht nur der Stand, sondern auch der Wohlstand eine gewisse Uebereinstimmung voraussetze, und daß, wer den schätzenden Mantel des letzteren verloren habe, das Auge der Menschen meiden müsse. Die Schonung selber, deren man sich gegen ihn von Seiten der Seinigen befleißigte, mahnte ihn, daß er nicht mehr zu ihnen gehöre, denn gegen seines Gleichen hat man einen freieren Ton. Er hörte hier unablässig von Dingen als von selbstverständlichen, unentbehrlichen sprechen, welche als überflüssige, ja ungebührliche längst aus seiner Lebensweise verbannt waren und so gab er nur widerstrebend der durch die Verzögerung der Stiftsangelegenheit gebotenen Nöthigung, wie dem freundlichen Drängen der Verwandten nach, seinen Besuch bis in den Spätsommer auszudehnen.

Um diese Zeit rüstete sich die Familie von Hefelingen zu einer Reise in die Residenz, welcher Luitgard sich anschließen sollte, um, nachdem man das Anrecht auf eine Stiftsstelle erwirkt hatte, die junge Expectantin der fürstlichen Patronin des Capitels vorzustellen, und durch persönlichen Eindruck die weitaussehende Einreihung in dasselbe zu beschleunigen. Dem Domherrn war der Aufenthalt in der Residenz noch von der Zeit her vergällt, wo er sich gezwungen sah, für die Gewährung seiner Ansprüche und zwar vergeblich zu petitioniren. Jetzt von neuem zu erbitten, zu erschmeicheln, was er als ein unveräußerliches Familienrecht ansah, dünkte ihm unerträglich. Er erklärte daher eines Tages mit Entschiedenheit, zur Heimkehr gezwungen zu sein, und der Gräfin die Präsentation seiner Tochter an hoher Stelle überlassen zu müssen. Allen Bitten und Vorstellungen der besorgten Luitgard widerstehend, reiste er mit dem alten Andreas ab, in der Absicht, nach Erledigung der Stiftsangelegenheit sie zu sich zurückzuholen.

Die Familie Hefelingen war in der Hauptstadt angekommen und für einen der nächsten Tage zu der Prinzessin befohlen worden; in der Zwischenzeit bemühte sich die Gräfin, ihrer Schutzbefohlenen möglichst reiche gesellige und künstlerische Eindrücke zu verschaffen, und lassen wir es dahingestellt, ob bei der heutnachmittägigen Excursion die Begegnung ihres gemeinschaftlichen Vetters von Bodeninnen, wirklich, wie es den Anschein hatte, eine rein zufällige gewesen war. Unzweifelhaft ist es, daß die Dame über die Zweckmäßigkeit einer neuen Verschmelzung der beiden untadeligen Geschlechter von Saldeck und Bodeninnen, mit ihrem Vetter, dem Domherrn, eine Ansicht hegten, daß sie den jungen Cavalier daher sichtlich erfreut zum Begleiter während ihres residenzlichen Aufenthalts erkohr, und daß Luitgard sich bemühte, mit möglichster Unbefangenheit, so als ob derselbe keine ihr bewußte Störung erlitten, den Verkehr mit dem Freunde und Liebling ihres Vaters aufzunehmen.

So war sie, auf der Spazierfahrt verspätet, an seinem Arme in das Theater getreten und hatte bei dem ersten Blicke über das mäßig gefüllte Hans durch den unwillkürlichen Ausruf: »Georg!« dem verwunderten Blicke der Gräfin, dem spöttischen ihres Begleiters gegenüber, sich zu einer Erklärung genöthigt gesehen, die sie ihre Uebereilung schnell bereuen ließ. Indessen faßte sie sich und sagte ruhig:

»Verzeihen Sie, liebe Tante, aber ich bemerkte einen Verwandten, den ich hier nicht vermuthen durfte.

»Einen Verwandten? Welchen?« fragte die Gräfin, den angedeuteten Gegenstand lorgnirend.

»Georg Saldeck,« antwortete Luitgard.

»Wie kommst Du in Deines Vaters Verhältnissen zu dieser Bekanntschaft, Luitgard?«

»Durch einen Zufall, liebe Tante, dessen Mittheilung Sie mir zu gelegenerer Stunde gestatten mögen.«

»Und Du wußtest nicht um seinen, hiesigen Aufenthalt?«

»Nein, als wir nach Hefelingen abreisten, war er in N. am Gerichte beschäftigt, und ich habe seitdem nichts wieder von ihm gehört.«

Die Gräfin war gutmüthig, sie befleißigte sich zeitgemäßer Ideen und die gentile Erscheinung des schönen jungen Mannes hatte ihren Beifall.

»Ein interessantes Gesicht!« sagte sie, »er gleicht seinem Vater, wie ich mich desselben noch dunkel erinnere, aber auch die Mutter soll eine hübsche Person gewesen sein; er scheint Dich erkannt zu haben, Luitgard, gewiß kommt er im Zwischenacte herauf, Dich zu begrüßen.«

»Ich zweifle, daß Herr Saldeck es wagen wird, meinen gnädigen Cousinen unter die Augen zu treten,« wendete Herr von Bodeninnen ein, mit einem Ausdruck von Hohn, der Luitgarden empörte, der Gräfin aber entging, da sie noch immer beschäftigt war, den neuen Bekannten und quasi Verwandten zu studiren. Die Augen am Opernglase sagte sie:

»So bitte ich Sie, Cousin, während der Pause hinunter zu gehen, und ihn in meinem Namen dazu einzuladen.«

»Meine verehrte Cousine,« entgegnete Thassilo mit dem verächtlichsten Lachen, »wird die Gnade haben, mich dieses Ritterdienstes zu entbinden, da es ihr so wenig anständig sein würde, sich mit diesem Menschen in der Oeffentlichkeit zu zeigen, als mir persönlich möglich, ihn dazu aufzufordern.«

»Ich begreife Sie nicht, Thassilo,« sagte die Gräfin verwundert.

»Es handelt sich auch um eine Angelegenheit, die schwer zu begreifen ist, Gräfin, und deren Commentator zu werden, vor allen ich nicht die geeignete Person sein würde,« versetzte der junge Mann.

Zum ersten Male erkannte Luitgard nicht blos aus Thassilo's Worten, nein in ihrem eignen Herzen, was Haß sei, und der Ausdruck desselben malte sich in dem Blicke, den sie auf ihren Nachbar warf. Aber eben diese Regung machte ihr auch plötzlich klar, wie werth ihr Einer sei, gegen dessen Beleidiger sie eine so tödtliche Empfindung zu hegen vermochte. Indessen suchte sie sich zu fassen und sagte zu der Gräfin gewendet:

»Herr von Bodeninnen spricht in Räthseln, um deren Lösung ich morgen meinen Vetter Georg persönlich bitten werde, wenn Sie mir gestatten wollen, liebe Tante, ihn in Ihrem Hause Ihnen, und dem Grafen Hefelingen vorzustellen.«

Sie sprach von da an kein Wort weiter, sondern schien ihre Aufmerksamkeit auf die beginnende Vorstellung gerichtet zu haben; in Wahrheit aber bemerkte sie nichts von den Fertigkeiten einer gefeierten Tänzerin, sah und hörte sie nichts von allen Vorgängen um sich her.

Georg hatte sie bemerkt und sich entfernt, ohne ihr zu nahen. Was war geschehen, das eine so offenbare Verachtung Thassilo's rechtfertigen oder einigermaßen begreiflich machen konnte? Sie nahm sich vor, ihm noch in dieser Nacht zu schreiben, und überdachte die Möglichkeit, seine Adresse in der fremden, großen Stadt, in der sie ihn nur als Gast vermuthen durfte, aufzufinden. Stumm nahm sie nach der Ausführung Thassilo's Arm, um sich zum Wagen führen zu lassen und langte in tiefster, gespanntester Bewegung in dem Gasthause an.

Das Schicksal verzögerte die Lösung des unerklärlichen Geheimnisses. Kaum in ihr Zimmer getreten, übergab man ihr einen eilig recommandirten Brief, in dessen zitternder Aufschrift sie die Hand des alten Andreas erkannte. Sie ahnte den Inhalt, noch ehe sie las. Ein Schlagfluß hatte ihren Vater unmittelbar nach seiner Heimkehr gelähmt!

Noch in derselben Nacht reiste sie ab, ohne Georg geschrieben zu haben; in der Heimath konnte ihr ja die bang ersehnte Aufklärung nicht vorenthalten bleiben. Das einsame Vorwerk, das sie am nächsten Abend erreichte, war noch lautloser und öder als sonst, sein ernster Bewohner lag im Sterben. Zu derselben Stunde, wo der Sohn seines Bruders, der einzige Erbe seines Namens, sich zu einem schweren Kampfe rüstete, um dem Blute, der Ehre seines Namens gerecht zu werden, schloß sich der unfruchtbare Lebenskampf des letzten Freiherrn Dietrich Erasmus von Saldeck. Er starb den geahnten, raschen Tod seines Geschlechtes, ohne in einem lichten Augenblicke die Kräfte des Geistes und Körpers zu einem letzten Segen für sein einsames Kind wieder zu gewinnen. Luitgard allein mit dem alten Diener folgte seinem Sarge; die Bauern des Kirchspiels blickten aus der Ferne auf das stille Grabgeleite des Mannes, der so lange unter ihnen gelebt hatte, und ihnen ein Fremder geblieben war. Der Prediger sprach ein kurzes Gebet und die letzte Spur von einem Menschen war verschwunden.

Luitgard war seit einer Stunde in ihr verödetes Haus zurückgekehrt, und saß nach den Tagen der Unruhe still versunken in den Schmerz der Verwaisung, als der Major von Bodeninnen in den Hof sprengte, zu spät, um seinem Verwandten das letzte Zeichen der Ehrerbietung zu erweisen, aber erfüllt von dem Wunsche, seiner Pflicht gegen dessen Tochter in vollem Umfange zu genügen. Er bot dem vereinsamten Mädchen seinen Schutz mit der Offenheit und Zartheit eines edlen Mannes.

»Sie sind jetzt zu wenig gesammelt, liebe Luitgard,« sagte er im Laufe des Tages, »um einen bestimmten Plan über ihre Zukunft zu fassen. Aber ich bitte Sie, mich als Ihren ältesten, wahrsten Freund zu betrachten und in ruhigerer Stunde darüber nachzudenken, unter welchem Verhältnis es Ihnen möglich sein würde, sich mir gegenüber zu fühlen. Lasten Sie mich daher schon heute Ihnen aussprechen, mit der Anspruchslosigkeit eines nahen Verwandten und mit der Offenheit eines alten Soldaten, daß ich hinfort kein größeres Glück kennen würde, als mich dem Dienste der schönsten und edelsten Frau zu widmen, die mir im Leben begegnet ist.«

»Ich danke Ihnen, mein großmüthiger Freund,« antwortete Luitgard, ihm die Hand reichend, mit Thränen aufrichtiger Rührung, »und glauben Sie mir, daß es keinen Menschen giebt, gegen welchen Dankbarkeit und Vertrauen mir so leicht zu üben werden, als gegen Sie. – Aber« – fügte sie nach einem kurzen Sinnen leicht errröthend hinzu – »aber das Schicksal hat mich einem Anderen näher gestellt, als Ihnen – einem Verwandten – –«

»Georg Saldeck?« fiel der Major ein, mit gefurchter Stirn.

»Georg Saldeck, ja, lieber Vetter,« sagte sie ruhig.

»Sie lieben ihn; Luitgard?«

»Er hat der Liebe, unter den nächsten Menschen, auf welche die Natur ihn hingewiesen, entbehrt – ja, ich liebe ihn.«

»Und denken ihm anzugehören, Luitgard?«

»Zunächst als Schwester mich unter seinen Schutz zu stellen, lieber Oheim.«

Der Major ging in lebhafter Bewegung im Zimmer auf und nieder; endlich blieb er vor seiner Cousine stehen und fragte von neuem:

»Haben Sie Georg in der Kürze gesehen, gesprochen, Luitgard?«

»Seit unserer Abreise nach Hefelingen niemals.«

»Keinen Brief mit ihm gewechselt?«

»Nein.«

»Nichts von ihm gehört, gar nichts Luitgard?«

»Nichts,« antwortete sie mit zitternder Ahnung.

»Nun, so mögen Gott und Sie es mir verzeihen, wenn ich Ihnen heute noch einen großen Schmerz bereite und Ihnen mittheile, was Ihnen nicht länger verborgen werden kann.«

»Er ist todt!« rief sie sich entfärbend.

»Nein, er lebt,« antwortete der Major, »aber schwerlich ein anderes, als das erbärmlichste Leben.« Er erzählte ihr hierauf den Hergang jener schmählichen Angelegenheit, ohne ihr den Antheil, welchen sie selber unbewußt an derselben gehabt hatte, zu verhehlen. Luitgard hörte ihn ruhig an, ohne das Auge von ihm zu wenden. Nur einmal sagte sie: »Um meinetwillen, um meinetwillen!« Und dann mit freudig glänzendem Blick:

»Braver Georg, ja, du hast den Muth, gut zu sein!«

Nachdem der Major geendet, saß sie eine Weile in tiefem Sinnen. Endlich aber sagte sie:

»Wenn ich vorhin noch schwanken konnte, mein gütiger Freund, dieses Mißgeschick entscheidet jeden Zweifel.«

»Mißgeschick, Luitgard?« entgegnen der Major, »ich will nicht hart sein, aber nennen Sie es mindestens Ungeschick, wenn ein junger Phantast sich unlösliche Conflicte bereitet, die ihm jede Wirksamkeit unter seines Gleichen paralysiren.«

»Die Conflicte zwischen Ideal und Welt löset die Liebe,« dachte Luitgard, doch sprach sie es nicht aus, sie schüttelte nur leise den schönen Kopf und sagte: »Ich kenne ihn! Er hat niemand als mich, ich muß ihm bleiben.« Und zum Abschiede dem Major die Hand reichend, fügte sie hinzu:

»Noch einmal, mein Freund: ich danke Ihnen. Lassen Sie mir einige Tage Zeit, und Sie sollen erfahren, wie mein Leben sich gestalten muß.«

*

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