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Erzählungen

Louise von François: Erzählungen - Kapitel 16
Quellenangabe
authorLouise von François
titleErzählungen
publisherVerlag von George Westermann
year1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Fünftes Capitel.
Kampf und Sieg.

Der Major kam am anderen Morgen und fand des Unglücklichen Zimmer noch von Innen verschlossen. Der Aufwärter berichtete, daß er schon mehrmals vergeblich gerufen und geklopft; man vernahm von Innen unverständliche Laute, wie angstvolles Stöhnen. Man öffnete die Thür mit Gewalt. Ein eisiger Luftzug strömte durch die weitgeöffneten Fenster, die weißen Gardinen wehten hin und wider über das Haupt des jungen Mannes, der unentkleidet, ohne Bewußtsein, unter qualvollem Aechzen auf seinem Bette lag. Wild drängten und jagten sich die Phantasien in seinem Hirn, der herbeigerufene Arzt erklärte ihn an der Grenze des Lebens.

Aber die Jugendkraft siegte. Wochenlang saß der treue Pfarrer von Saldeck sorgend und pflegend an seinem Bette; der Major ging theilnehmend ab und zu, Freunde und Bekannte gaben ihm Zeichen des Mitleidens. Auch der alte Großvater machte mehr als einmal den Weg nach der Stadt, um den kranken Enkel zu sehen. Als er ihn eines Morgens, schon wieder in der Genesung aber matt und bleich, auf seinem Bette liegend gefunden hatte, sagte er zu dem geistlichen Herrn:

»Die Bücher sind meinem armen Jungen zu Kopfe gestiegen, Herr Pastor; was ein Mensch nicht mit seinen Gliedmaßen verarbeitet, verschlägt ihm aufs Geblüt. Ich selber bin mein Lebtage nicht krank gewesen, hab's aber oftmalen beobachtet an Anderen. Auch meine selige Tochter wäre nicht über ihr Herzeleid hinweggekommen, wenn sie nicht meinem Rathe gefolgt und rechtschaffen hantirt hätte. Der Jürgen soll tüchtig ackern und pflügen wenn der Frühling kommt, da wird er schon wieder heil und munter werden, wie ein Fisch im Wasser.«

Vater Oberweg zog nach diesen Worten aus jeder seiner großen Rocktaschen eine Flasche von seinem besten Gewächs, Zweiundzwanziger, zur Stärkung für den Patienten, und entfernte sich, da der eben aufgerichtete Strohwisch ihm anzeigte, daß der Getreidemarkt seinen Anfang genommen habe; denn, um die Zeit bei dem Krankenbesuche nicht für die lange Weile anzuwenden, hatte er seine Kornsäcke heute hierher gefahren, statt wie gewöhnlich nach dem entgegengesetzten Städtchen, das seinem Gute näher lag.

Der Prediger hatte aus Georgs Fieberbildern den schweren Seelenkampf errathen, welchen die Krankheit wohl verwirren, aber nicht unterbrechen konnte; gelegentliche Winke des Majors ergänzten den traurigen Zusammenhang, und so sah er mit schwerer Sorge dem Bewußtwerden des jungen Mannes entgegen. War er doch in einer jener Krisen, in welcher kein Rath eines Befreundeten, keine vermittelnde Hand ihm zu Hülfe kommen konnte, welche tief aus der innersten Individualität entschieden werden müssen.

Allmälig kehrten denn auch die entfesselten Geister in ihre Ordnung zurück; Georg zeigte eine ungetrübte Erinnerung seiner ganzen Vergangenheit und nur jenes heillosen Ereignisses erwähnte er niemals. Aber wenn er eine Weile stumm in sich versunken gesessen hatte, bemerkte der Freund, daß er plötzlich die Hände zusammenballte, und eine Purpurröthe seine blasse Stirn überzog.

In einem dieser Augenblicke, an dem Tage, wo er zum erstenmale das Bett verlassen, trat es zum Schreibtische und blätterte in den aufgehäuften Papieren. Er bemerkte und griff hastig nach einem Briefe von Luitgardens Hand. Es war derselbe, dessen sie bei ihrer letzten Begegnung erwähnt, und den er noch nicht gelesen hatte. Ein kurzes, herzliches Lebewohl. In überwältigenden Erinnerungen ließ er den Kopf auf den Tisch sinken und lag lange regungslos im bittersten Kampfe. Ahnte sie, wußte sie was geschehen war? Durfte er ihr jemals wieder unter die Augen treten, er, der Beschimpfte, der reinen, edlen Luitgard? Die Stimme des Predigers unterbrach endlich diese qualvollen Fragen.

»Schonen Sie sich, Georg,« bat er; »noch müssen Sie Ruhe haben.«

Der Kranke erhob sich und fragte mit leise zitternder Stimme:

»Haben Sie – sie gesehen – von ihr gehört?«

»Nichts, als daß sie seit den ersten Tagen Ihrer Krankheit die Gegend verlassen hat.«

Georg schwieg, und Jener griff nach Hut und Mantel, um für heute nach Saldeck zurückzukehren. Als er das Zimmer verlassen wollte, faßte der junge Mann seine Hand, die Stimme stockte, die Wangen waren hochgeröthet.

»Täuschen Sie mich nicht, mein Freund,« sagte er, »Sie kennen meine Lage – was erwarten Sie von mir?«

»Legen Sie diese Frage zurück, bis Sie kräftiger sind, lieber Georg,« bat der Freund.

»Nein, nein, ich bin kräftig vollauf; antworten Sie mir aufrichtig. Haben Sie Herrn – Herrn von Bodeninnen gesprochen?«

»Nicht ihn, aber seinen Oheim, den Major, der sich voller Theilnahme gezeigt und während Ihrer Krankheit die Stadt nicht verlassen hat.«

»Und – was sagte er Ihnen?«

»Ich bitte Sie, lieber Freund –«

»Nur keine Schonung, antworten Sie mir, was sagte er Ihnen?«

»Daß sein Neffe einen großen Reiseplan verschiebt, bis Sie hinlänglich kräftig sind, Genugthuung von ihm zu fordern –« antwortete der Prediger mit gesenkten Augen.

»Und nun noch einmal, mein Freund,« wiederholte der Kranke dringend, »was erwarten Sie von mir?«

»Fragen Sie mich nicht, Georg,« rief der Prediger nach einer kleinen Pause entschlossen. – »Fragen Sie nicht einen Soldaten wie den Major, aber fragen Sie auch nicht einen Diener des Evangeliums; fragen Sie Ihr Herz, mein Sohn, und folgen ihm. Kräftigen Sie Ihren Körper, werden Sie Ihrer Meinung gewiß, denn Lagen wie die Ihre vertragen keine Schwankung.«

Er ging, um mit banger Sorge am nächsten Morgen wiederzukehren. Durfte er rathen nach Gottes Wort, er, der die Wirklichkeit kannte und wußte, welcher Kampf desjenigen wartet, der, sei es im Bösen, sei es im Guten, ihren Satzungen zu trotzen wagt? War sein gefühlvoller, ungestählter Freund der Held, der diesem Kampfe gewachsen war?

Georg trat ihm sehr blaß, aber entschieden gekräftigt entgegen, und lenkte nach flüchtiger Begrüßung das Gespräch in die gestrige Bahn.

»Noch eine Frage, mein Freund,« sagte er, »weiß Luitgard?« – –

»Ich glaube es nicht,« antwortete der Prediger; »keiner ihrer Verwandten hat sie vor ihrer Abreise gesehen, und sicherlich würde sie auf die Nachricht von Ihrer Erkrankung ein Wort der Theilnahme nicht zurückgehalten haben.«

»Es ist gut so,« versetzte Georg, »es hätte sie schmerzen müssen, wir werden uns niemals, niemals wiedersehen. – Und nun meinen festen Entschluß, Sie treuer, einziger Freund,« fuhr er nach einer Pause fort. »Sie kennen mich. Ich bin meiner Meinung gewiß geworden, wie Ihr großer Apostel es will. Sagen Sie dem Major von Bodeninnen, sein Neffe solle in Frieden reisen; er kann mir keine Genugthuung geben!« Des Predigers Augen füllten sich mit Thränen, er zog schweigend den Kopf seines Lieblings an das Herz.

»Ich ahne,« fuhr Georg fort, »welcher Art nach diesem mein Leben sich gestalten wird. Wohl mir, wenn es in dieser Krankheit zu Ende gegangen wäre! Ich muß es ertragen lernen.«

Der Prediger theilte dem Referendar von Bodeninnen in Gegenwart seines Oheims den erhaltenen Auftrag mit.

»Die Schwäche eines Kranken spricht aus Ihren Worten, Herr Prediger,« sagte Thassilo; »ich werde nicht daran denken, mich aus der Stadt zu entfernen, bis Herr Saldeck wieder genesen ist.«

Als aber nach Verlauf zweier Wochen keine andere Entschließung erfolgte, dahingegen sich die Nachricht bestätigte, daß der Reconvalescent sich zu seinem Großvater auf das Land begeben habe, da führte Thassilo von Bodeninnen seinen italienischen Reiseplan aus und verließ die Stadt, begleitet von der theilnehmenden Anerkennung nicht nur der Jüngeren, nicht nur seiner eigentlichen Standes und Gesinnungsgenossen, sondern des gesammten Frauen- und Männerkreises seiner Bekanntschaft; er hatte gehandelt wie ein Cavalier!

Es waren die ödesten Tage seines bisherigen Lebens, welche der arme Georg in Saldeck verbrachte. Krankheit und Jahreszeit bannten ihn in das Zimmer; zu regelmäßiger Thätigkeit fehlte ihm Kraft und Ruhe, Bücher widerstanden ihm. Eine wunde Stelle in seiner Seele wollte nicht heilen; hatte er sich mühsam zu einem würdigen, consequenten Standpunkte erhoben, so bedurfte es nur einer Vorstellung, eines aufschießenden Gedankenblitzes, um ihn von seiner Höhe herabzustürzen.

Eine unruhige Langeweile trieb ihn von Unten nach Oben und von Oben nach Unten; die langen Winterabende waren unerträglich; der Großvater hinter der Hobelbank, die Muhme hinter dem Spinnrade, niemals ein Wort wechselnd als über die Wirtschaft, über Verbrauch und Ertrag, nein, er konnte dieses Leben nicht theilen lernen. Den Prediger sah er wenig. Die Wochen, welche der treue Mann seiner Pflege geopfert, hatten ihn in seinen Berufsgeschäften zurückgebracht; Weihnachten nahte, so und so viele Predigten mußten überdacht, mancherlei Amtsverrichtungen, Angelegenheiten der Seelsorge und gewohnter Hülfsleistung erledigt werden.

Mitten in dieser vermehrten Thätigkeit traf ihn unerwartet der Antrag des geistlichen Consistoriums, die Leitung eines in dem nördlichen Theile der Provinz neu zu gründenden Schullehrerseminars zu übernehmen. Der Prediger schwankte. Durch eine lange Reihe von Jahren in Freude und Leid mit seiner Gemeinde verwachsen, schmerzte es ihn, dieselbe zu verlassen; er hatte keine näheren Menschen als diese. Auf der anderen Seite lockte ihn die, seinem innersten Bedürfnisse entsprechende väterliche Wirksamkeit als Bildner junger Männer meist aus dem ihm so wohlbekannten Bauernstande zu dem schwersten und wichtigsten Berufe, den das Gemeinleben kennt. Er sprach darüber mit seinen Freunden auf dem Gutshofe und Vater Oberweg fragte:

»Wie hoch beläuft sich Ihre Anstellung in der Stadt, Herr Pastor?«

»Etwa neunhundert Thaler,« antwortete der Prediger.

»So bleiben Sie bei uns,« entschied der Alte; »Sie stehen sich hier eben so gut und haben weniger Plack.«

»Da ich geringe Bedürfnisse und keine Familie habe,« entgegnen der Prediger lächelnd, »brauche ich auf zeitlichen Vortheil nicht allzugroße Rücksicht zu nehmen.«

Aber Simson Oberweg blieb bei seiner Meinung.

»Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth,« sagte er, »und ein Mensch will wissen, wofür er sich rührt. Das steckt ihm im Geblüte. Der Pachtcontract ihrer Aecker läuft mit nächstem zu Ende, Herr Pastor, bei den Kornpreisen jetztunter müssen Sie beinahe das doppelte dafür kriegen. Wissen Sie was? Geben Sie die Felder mir, ich pachte Sie Ihnen ab. Und noch Eins: lassen Sie mich hinfüro auch ihren Zins einsammeln; 's giebt mir allemal einen Stich, wenn ich sehe, wie die Hallunken Sie über das Ohr hauen. Die Hähne pure Haut und Knochen, die Brode halb so groß wie sie sein sollten, und das Getreide gemessen wie die Wucherer. Es ist eine Schande, wie die Menschheit sich's zu Nutze macht, wenn Einer ihr nicht immer auf dem Dache sitzt wie ein Stoßvogel. Ich will Ihr Verwalter werden, Herr Pastor, mir ist's ein Kleines, und Sie sollen sich ums Doppelte besser stehen wie alleweile. Bleiben Sie bei uns, lieber Herr.«

»Nehmen Sie die Stelle an,« sagte dagegen Georg, als er den Freund nach dem Pfarrhause zurückbegleitete. »Sie kommen in eine Stadt, in welcher Ihnen der Umgang gebildeter Menschen nicht fehlen kann. Ich rathe uneigennützig, denn ich verliere mit Ihnen jeden Trost, jede Zuflucht in Saldeck, aber Sie müssen auf die Dauer in dieser Wüste zu Grunde gehen.«

»Sie irren, Georg,« antwortete der Prediger lächelnd. »Ich habe mich fünfundzwanzig Jahre hier wohl gefühlt, trotz dürrer Zinshähne und unliterarischer Bauern. Wo der Mensch eine Werkstatt hat, wird er auch bald eine Heimath haben.«

Indessen nahm der Prediger die Stelle an, und an einem kalten Wintermorgen fuhr er mit Georg auf dem nunmehr recht bequemen und stattlichen Wege hernieder ins Thal. Tiefbewegt trennte er sich dort unten von seinem Schüler, dem Erben von Saldeck, der, körperlich genesen, zu Fuße nach der Stadt zurückging, um seine juristische Laufbahn fortzusetzen, während der Andere die Straße nach der neuen Heimath weiterfuhr.

Am vorhergehenden Abend hatte er indessen noch eine Unterredung mit seinem alten Patron gehabt, die wir nicht übergehen wollen. Durch die Frau Schulmeisterin, deren Sohn in der Stadt unter den Soldaten diente, war eine Munkelei über Georgs unritterliches Abenteuer in der Gemeinde entstanden und schließlich auch zu des Alten Ohren gedrungen. Der geistliche Herr erklärte ihm, welche Bewandtniß es mit der Sache habe.

»Also ein Hieb von einem Betrunkenen!« sagte Vater Oberweg bedächtig. »Nun, der Jürgen war ja zu jener Zeit noch nicht krank und hatte seine kräftigen Gliedmaßen, da wird er wohl tüchtig wieder drauf losgebläut haben, denk ich und damit basta.«

»Er hat das, gottlob, nicht gethan, Herr Oberweg, wenngleich er im ersten Zorn vielleicht dazu versucht gewesen sein mag. Ein Dritter hinderte ihn daran.«

»Mit Verlaub, das hätte der Dritte bleiben lassen können, so wäre die Sache auf dem Platze abgemacht gewesen. Wie du mir, so ich dir! – Ich weiß, was Sie sagen wollen, Herr Pastor. Unser Heiland hat's anders gewollt und gethan; aber, nichts für ungut, unser Heiland war auch kein Mensch, und in dem Stücke hat er nicht gewußt, wie's einem Menschen zu Muthe ist. Schwere Angst! Den will ich sehen, dem ein Schlingel eine Backpfeife giebt und der ihn angeht, ihm auf der Stelle noch eine zweite zu versetzen. Wenn er ein richtiger Kerl ist, giebt er sie ihm wieder und zehnfach! – Aber wie die Sache nunmehr steht, wird mein Enkel den betrunkenen Baron belangen müssen vor Gericht.«

»Was würde ihm das helfen, lieber Freund? Eine Geldbuße, ein paar Wochen Gefängniß, überhaupt, eine Strafe giebt einem Gekränkten seine Ehre nicht wieder.«

»Sie giebt ihm sein Recht wieder, Herr Pastor. Wenn der Landesherr sagt durch sein Gericht: Du hast Unrecht gelitten mein Sohn, und Jener Unrecht gethan, und der wird gebüßt nach dem Gesetz, so kann sich ein ehrbarer Mensch mit dem Spruche zufrieden geben.«

»Es ist dies gegen den Brauch der höheren Stände, Herr Oberweg.«

»Und was ist denn der Brauch bei den höheren Ständen, Herr Pastor?«

»Ein Mann kann seine Ehre unter ihnen nur behaupten, oder wenn sie verloren ist, wiedererobern, wenn er seinen Beleidiger zum Zweikampfe auffordert und sein Leben in die Schanze schlägt.«

»Um eines erbärmlichen Ruthenstreiches willen sich morden lassen oder zum Mörder werden und als der erbärmlichste Sünder vor seines Herrgotts Gerichte treten? Alle Hagel, wenn das Gerechtigkeit ist unter den höheren Ständen, da soll mein Enkelsohn getrost den Advocaten fahren lassen und wieder ein Bauer werden, da vergißt er diese Schnurrpfeifereien.« –

Nun, Georg wurde vor der Hand kein Bauer, aber allerdings konnte er auch so bald nicht damit fertig werden, diese Schnurrpfeifereien zu vergessen. Er fand einen gewaltigen Umschlag in der Meinung des Kreises, dessen Liebling er gewesen war; jetzt war er ein Geächteter in demselben. Er hatte nur die unvermeidlichsten geschäftlichen Berührungen, selbst seine nächsten Bekannten zogen sich geringschätzig von ihm zurück. Zwar, Schloß Saldeck winkte noch immer romantisch von der Höhe, und einige großsinnige Frauen nahmen einen Anlauf, ihren ehemaligen Schützling zu vertheidigen, aber sie unterlagen der Uebermacht. Er hatte vor einiger Zeit das Examen zum Landwehroffizier zurückgelegt, jetzt wurde seine Wahl von den Kameraden einstimmig abgelehnt. Er fühlte sich wie ein Gezeichneter. Vielleicht, daß ein kecker, rüstiger Humor ihm das verlorene Terrain allmälig wiedererobert haben würde; die Gesellschaft nimmt gern Dreistigkeit für Muth, und ein Grad von Unverschämtheit imponirt der Menge. Aber unser Freund war zu stolz, um dreist zu sein, er zog sich mit krankhafter Reizbarkeit von allem Verkehr zurück, arbeitete ohne Freude und ging auf einsamen Wegen. Hätte er in jener Zeit nur einer einzigen verstehenden Seele begegnet, er würde diesen Hohn der Kleinen als eine Art von Märtyrerthum ertragen haben. Aber ganz allein, ganz unbegriffen, in Aller Augen ein Feigling, oder ein Narr – er war auf harten Kampf vorbereitet gewesen, aber er hatte seine Kraft, überschätzt. Dazu kam, daß die juristischen Arbeiten, durch welche er auf einen kleinen Nebenverdienst gerechnet, sich nicht wiederfinden wollten. Der Notar, in dessen Bureau er früher beschäftigt gewesen war, hatte die Stelle während seiner Krankheit und unter den veränderten Conjuncturen anderweitig vergeben; Georg war zu reizbar, um zu suchen, was man ihm verächtlich verweigern konnte, sein alter Großvater aber, ohne die Vermittlung des unermüdlichen Predigers und seit des Enkels Krankheit und gesellschaftlichem Mißgeschick mehr denn je dessen Studien abhold, war nicht geneigt, die knappe Apanage zu erhöhen, und so sah sich denn unser armer Freund auch in dieser Beziehung in den beengendsten, verdrießlichsten Verhältnissen.

»Ihre Situation hier am Ort ist aufreibend, Herr Saldeck,« sagte der Präsident eines Tages zu ihm, als er ihm auf dem Wege zur Sitzung begegnete, »Sie sollten an ein anderes Gericht gehen.«

Georg sah ein, daß er Recht hatte; die Hauptstadt mußte Gelegenheit auch zu irgend welchem beiläufigen Erwerbe bieten. Er beschloß, nach der Hauptstadt zu gehen.

Seit seiner Krankheit war Luitgard wie für ihn verschwunden; auch scheute er die Erinnerung an sie, und vermied selbst auf seinen Spaziergängen die Gegend zu berühren, in welcher er die glücklichsten Stunden seines Lebens verbracht hatte. Er glaubte abgeschlossen zu haben mit aller Schönheit des Daseins; »wer seinen eignen Weg geht, muß gefaßt sein, allein zu gehen,« sagte er sich.

Am Vorabend seines Abschiedes von der Stadt trieb es ihn aber mit Macht nach der geliebten Gegend. Es dunkelte, als er aus dem Thore trat, der Fluß war noch immer gefroren, Wald und Feld lagen winterlich verhüllt, der Mond schimmerte weiß auf Weiß. So kühl und bleich fühlte er es auch in seinem Herzen!

Er klopfte an die Mühle, als seine alten Freunde eben im Begriffe waren zu Bett zu steigen, fabelte eine unglaubliche Verirrungsgeschichte und bat, einen Vorwand suchend, um ein Abendbrod. Er hatte gehofft, eine Andeutung über den gegenwärtigen Aufenthalt und das Ergehen seiner Freundin zu erhalten; aber die guten Leute wußten so wenig von ihr als er selbst. Und doch, wie wohl that es ihm, nur ihren Namen nennen zu hören, von Menschen, die sie gekannt hatten, sich an ihrer treuherzigen Bewunderung und Liebe zu weiden! Als er heimwärts an dem kleinen, verödeten Hause vorüber in der stillen Nacht über die weißen Felder schritt, da durchlebte er noch einmal mit unsäglicher Wonne und unsäglichem Schmerz jeden Augenblick an der Seite des geliebten Wesens, von ihrer ersten Begegnung an der Gruft ihrer Mütter, bis zu dem letzten Trosteswort, das ihn so tief beseligt hatte und nun für immer verklungen war. –

In der Hauptstadt hatte er ähnliche Erfahrungen zu machen wie in der Provinz. Sein Ruf war ihm in seinen neuen Tätigkeitskreis gefolgt; die besseren seiner jungen Collegen hielten sich fern von ihm, die rohen waren ihm zuwider. Indessen reizte ihn die Neuheit größerer Verhältnisse und mannigfaltige Genüsse. Um dieselben zu befriedigen, brauchte er Geld, und da dieses ihm knapp zugemessen war, sah er sich genöthigt, wieder zu den ihm am geläufigsten literarischen Arbeiten zu greifen; bald genug wurde er von denselben so absorbirt, daß er seine Berufsarbeiten versäumte. In der That sah er auch keinen Grund mehr, sich mit denselben zu plagen, seit er die Aussicht auf eine Stellung in der Welt für sich selber, und die peinliche Hoffnung, der Geliebten eine ehrenvolle Sicherheit in derselben vorzubereiten, verloren hatte. Er lebte für den Tag; arbeitete und faullenzte, erwarb und entbehrte, je nach momentanem Bedürfen, es war eine ewige Ebbe und Fluth in seinen Zuständen. Daß er es in diesem Dilettantismus nirgend zu einem Abschluß bringen konnte, brauchen wir nicht zu erwähnen. Er sagte sich oftmals, daß ein gründliches Studium, eine ausfüllende Arbeit zu eignem und fremdem Nutzen, ihm Noth thäten, aber den rettenden Entschluß vermochte er nicht zu fassen. Seine gegenwärtigen Belästigungen verlangten Erregung mehr als Befestigung; die Beziehungen zu den Menschen waren ihm verleidet, er glaubte nie wieder als ein thätiges Glied in ihre Mitte treten, Einfluß von ihnen empfangen, oder auf sie üben zu können, und war nahe daran, sich selber in dem Maße zu verachten, als er seines Gleichen verächtlich erschien.

In dieser Stimmung blätterte er eines Nachmittags in den Erinnerungszeichen einer kaum entschwundenen und, ach, so fernliegenden Zeit, las mit Wehmuth die Briefe, welche Luitgard ihm vor einem Jahre nach der Universitätsstadt geschrieben hatte. Jene Worte: »Dein Talent strömt nicht reich genug, um Deine strebende Seele auszufüllen,« überkamen ihn von neuem wie ein vernichtender Richterspruch. Ja, sie sagte die Wahrheit, sie, die Einzige, die ihn gekannt, die ihn lieb gehabt. Er mußte diesem entnervenden Treiben ein Ende machen. In ernsten Gedanken verließ er das Haus. Es war ein heißer Augusttag; er ging in das Theater, ein neues Stück zu sehen, dessen Recension ein Journal von ihm forderte.

Schwüle, Langeweile und sein eigener Unmuth wurden ihm aber bald unerträglich, und er war eben im Begriff nach dem Schlusse des Lustspiels und vor Beginn des Ballets das Haus zu verlassen, als er seinen Nachbar im Parquet ausrufen hörte: »Welch ein classischer Kopf!« und bemerkte, daß alle, Blicke und Gläser sich nach einem Punkte der Balconplätze wendeten. Er folgte der Richtung der Anderen, wie aber möchten wir seine Erschütterung beschreiben, als er unter einer Gruppe eintretender Damen und Herren den Gegenstand seiner Gedanken, seine unvergeßliche Freundin erblickte. Sie war einfach in Weiß gekleidet, die vollen Flechten des blonden Haares ohne jeden Schmuck um den herrlichen Kopf geordnet, Hals und Arme, die er niemals entblößt gesehen, zeigten eine makellose Weiße und Form.

Georg stand eine Weile regungslos und wie geblendet bei ihrem Anblick, und erst durch ihre Bewegungen im Gespräche aufmerksam gemacht, wendete er endlich das Auge auch ihren Umgebungen zu. Er sah eine stattliche Dame in mittleren Jahren und zwei Herren, zu deren Einem, an ihrer Seite Platz Nehmenden sie sich in diesem Augenblicke mit anmuthigem Lächeln wendete. Ein schwarzer Schleier breitete sich vor unseres armen Freundes Gesicht – es war Thassilo von Bodeninnen! Georg faßte krampfhaft nach einer Säule neben ihm, sein klopfendes Herz drohte die Brust zu zersprengen. Als er nach einigen Minuten scheu den Blick wieder nach der Gruppe oben zu erheben wagte, konnte er sich nicht täuschen, daß er der Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit geworden war; er glaubte einem höhnischen Blicke seines Gegners, einem mitleidigen Luitgardens, zu begegnen; er ertrug es nicht länger und verließ den Saal. Unruhig ging er vor dem Hause auf und ab, bis das Stück zu Ende war, mischte sich dann unter das Gedränge, welches am Fuße der Treppe die Zuschauer der oberen Räume die Revue passiren ließ. Einmal, einen Augenblick noch wollte er sie sehen! Und nach kurzem Harren erschien sie denn auch am Arme ihres Vetters, um in dem bereithaltenden Wagen Platz zu nehmen, an der Seite der älteren Dame, die, sich herausbiegend, dem jungen Cavalier zurief:

»Ich erwarte Sie morgen, Thassilo.

»Nach der Stadt Petersburg!« bedeutete der Diener den Kutscher, und der Wagen rollte davon.

Georg ging mit hastigen Schritten eine Weile unter den Fenstern des Gasthauses auf und ab, das, wie er vernommen, die Geliebte beherbergte, doch hoffte er vergebens darauf, ihren flüchtigen Schatten noch an einem der erleuchteten Fenster zu erblicken. Es wurde ihm zu eng in der Stadt, er ging aus dem Thore und irrte im Park, der den Bewohnern als Erholungsort dient.

Mit aller Macht fühlte er ein lange unterdrücktes Bedürfniß in seiner Seele hervorbrechen, ein Bedürfniß, das er in den Hintergrund seines Wesens gebannt hatte, das der ideale Mensch sich nicht eingestehen mochte, und dessen Befriedigung der wirkliche Mensch wie ein Heißhungernder forderte. Dieses Bedürfniß hieß Kampf ja, es hieß Blut; und um dies Bedürfniß zu stillen, würde der junge Mann, der in gewissenhaftem Hochsinn sich geweigert hatte, die gröbste Beleidigung zu rächen, mit Befriedigung die halbe Welt in Flammen haben stehen sehen. Aber es war just wenig Gelegenheit in der Welt, einen Schwärmer zum Helden zu machen. Nur an einer Stelle floß noch Blut, und zwar an der schönsten, und das edelste, wie Georg mit der Jugend seiner Zeit erachtete. Dieses Blut sollte auch ihn frei und rein, sollte ihn heil waschen, sagte er sich. Oft schon war die Sehnsucht danach in seiner Seele gedämmert, in dieser Stunde ward sie zum Entschluß.

Mit geflügelten Schritten, gehoben in sich selbst, kehrte er in seine Wohnung zurück und schlief ein, als die Sonne schon hoch am Himmel stand; gestärkt, erheitert, frohen Muthes wachte er nach einigen Stunden auf, traf die notwendigsten Vorkehrungen und schritt gegen Mittag dem Gasthause zu, in welchem Luitgard weilte. Er wollte ihr Lebewohl sagen. Mochte sie gehören wem es auch sei und wäre es Thassilo von Bodeninnen, er fühlte sich fähig und würdig ihr Freund und Bruder zu sein!

»Fräulein von Saldeck ist in dieser Nacht abgereist,« sagte der Portier, den er nach ihrem Zimmer fragte. Der herbeigerufene Kellner bestätigte den Bescheid. Luitgard hatte mitten in der Nacht die Stadt verlassen; Graf und Gräfin Hefelingen waren ihr gegen Morgen gefolgt.

»Verschwunden, versunken auf ewig du schöner Stern!« rief der junge Mann, und »Lebewohl, Luitgard!« schrieb er nach Ablauf einer Woche vom Bord des französischen Segelschiffes, das ihn der Heimath entführte. –

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