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Erzählungen

Louise von François: Erzählungen - Kapitel 14
Quellenangabe
authorLouise von François
titleErzählungen
publisherVerlag von George Westermann
year1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Drittes Capitel.
Der Führer des Werdetags.

Georg ging nach dem Marktplatze, auf welchem sich die Studentenschaft zu ihrer alljährlichen Pfingstfahrt versammelte, um zum letzten Male an derselben Theil zu nehmen. Der Platz stand gefüllt von Fuhrwerk aller Art: Korbwagen, Leiterwagen, hin und wieder ein Omnibus, bekränzt, beflaggt, mit Maienbäumen überschattet. Von allen Seiten sammelte sich die gelehrte Jugend, mit klirrenden Sporen an den hohen Kanonen, mit Rappieren und Säbeln, in weißen Lederhosen und bunten Schärpen, zum Zeichen der Landsmannschaften oder wie anders sie sich bezeichnen mochten, die zwei und dreifarbigen, bierfreundlichen Verbindungen. Auch der Werdetag kam an, in einfachen Schnurenröcken, die Haare noch etwas länger im Nacken als die Anderen und eine Rose an der grünen Mütze.

Und nun fuhren sie dahin auf der geradlinigen, pappelgesäumten, staubigen Landstraße, trafen auf derselben mit den Jüngern der Wissenschaft von anderen Hochschulen in ähnlichem Aufzuge zusammen und wiederholten, wo in einem Städtchen, in einem Dorfe, die Bewohner neugierig hinter Fenstern und Thüren ihrer harrten, unverdrossen die Humoresken vergangener Jahre. Kußhändchen wurden den jungen, Schelmenworte den alten Frauengesichtern zugeworfen, manchem Wirth seine Tonnen geleert, irgend einer wirklichen oder imaginären örtlichen Größe ein Vivat gebracht, eine halsbrechende Balgerei um Kupfermünzen unter der wohllöblichen Straßenjugend veranstaltet und dergleichen Feinheiten und Freiheiten mehr. Zwei Meilen etwa von seinem Ziele bog der Zug von der großen Landstraße ab, um in dem anmuthigen Thale weiter zu fahren und rechts und links die alten Burgruinen am Ufer zu begrüßen, auf deren höchster und schönster alljährlich das akademische Rendezvous gefeiert ward. Sobald man die weißen Felsen von Saldeck ragen sah, jubelten unsere Musensöhne, schwenkten ihre Fahnen, rasselten mit Säbeln und Sporen und donnerten ein Hoch auf ihren Freund und Mitfahrer, den Junker und Erben von Saldeck!

Georg suchte vergebens nach einem heiteren Impromptu als dankende Erwiederung des kameradschaftlichen Zurufs; aber er war befangen; er sah im Geiste den alten Großvater seine Kornhaufen umschippen in dem Rittersaale seiner Ahnen, sah ihn Kartoffeln hacken und Bohnen stängeln in dem Raume, in welchem sich jene einst zum Kampfe gerüstet und stattlich ihre Gäste empfangen hatten. Das Sonst und Jetzt schwamm verwirrend vor seinem Auge durcheinander, er konnte seine Vorstellungen nicht aus dieser unfreiwilligen Richtung bannen und während er noch immer nach einem Medium suchte, um die Blüthen, welche die Ehre getrieben auf dem neuen Boden des Gewissens fortleben zu lassen, langte die Karawane an ihrem Ziele an. Das war ein tolles, fröhliches Treiben und Drängen in der grauen Ruine, in welcher sich ein halbes Dutzend mitteldeutscher Universitäten ihr Rendezvous gab. Ohne Schutz als den blauen Himmel über sich, lagerten die Burschen auf dem Rasenboden des alten Burghofes, kletterten über Zinnen und Mauerreste, lugten durch Schießscharten und blickten von kleinen Altanen, wie aus Vogelnestern über dem steilen Ufer hängend, hinunter in das grüne blühende Thal; das Gaudeamus und der Landesvater mischten sich mit den Pfingstglocken der umliegenden Dörfer; bald klang es wie ein Choral, bald wie ein Schlachtlied oder wie ein Gassenhauer. Die oftgehörten Späße und Witzworte des alten Burgwirths wurden von neuem belacht und verhöhnt; die hölzernen Bierkrüge klapperten, die Sporen und Säbel rasselten, es war ein Heidenlärm, der in das Thal herunterdrang. Der arme, kleine Finke im Fliederbusche hatte sich heiser geschrien, um doch auch einmal zum Vortrag zu kommen, und sich endlich ermattet in sein Nest zurückgezogen; die Krähen und Dohlen fuhren aufgescheucht aus dem alten Gemäuer und schwärmten mit mißmuthigem Gekrächz hinüber auf das Feld, bis die lauten, unholden Eindringe ihre stillen Mauern wieder geräumt haben würden.

Unserem Freunde ging es wie den Finken und Dohlen; der Lärm wurde ihm unerträglich. Er schlich sich unbemerkt von dannen und stieg auf dem steilen Felsenpfade nach dem Thale hinab. Die friedliche Stille dort unten that ihm wohl; er schlenderte eine Weile längs des Uferrandes und ward unvermuthet auf diesem Wege durch die Begegnung seines alten Freundes, des Pfarrers, angenehm überrascht, der, nachdem er seine morgendliche Pfingstpredigt abgehalten, sich zu einer kleinen Fußtour in das Gebirge aufgemacht und Lust hatte, sich das Treiben der Jugend in den alten Burgmauern einmal wieder mit anzusehen. Georg lächelte mißmuthig.

»Sie werden sich wenig an diesem Treiben erbauen, lieber Freund,« sagte er, »wir trinken Bier und singen Chorus mit rauhen Kehlen; warum wir das nicht mit Bequemlichkeit und ohne Umstände in unseren täglichen Kneipen thun, sondern meilenweit dazu zusammenkommen, wird Ihnen ein Anderer vielleicht besser zu erklären wissen als ich. Da ist keine Idee, kein Gefühl der Verbrüderung, das nur einen Augenblick zum Ausdruck käme.«

»Sie haben Anlage zum Hypochonder, Georg,« entgegnete der Prediger scheltend, »der Werdetag verdirbt Sie. Immer zu reflectiren, immer nach Bedeutungen zu suchen! Gerade das Absichtslose macht ein Vergnügen. Eine Freude, die ich will, eine Lust, mit der ich einen Zweck verbinde, sind keine. Daß Hunderte von Jünglingen eine Tagesfahrt nicht scheuen, einfach, um bei einander zu sein; daß sie in glücklichem Instinct den schönsten Vereinigungspunkt wählen, sie, die Kinder von heute, die Mauern der Vergangenheit, daß sie keines Aufwandes zur Freude bedürfen als ihre Jugend und frischen Kehlen, das ist ein Zug deutscher Gemüthlichkeit, den Sie mir nicht bekritteln sollen, Sie junger Philister!«

»Es ist Pfingsten,« sagte Georg, freundlich des würdigen Mannes Hand fastend, »nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich mich nach einem Funken heiligen Geistes sehnte.«

»Und dieser Funken, der die Natur wieder einmal belebt hat,« wendete der Prediger ein, »dieser unsterbliche Pfingsthauch ist es, zweifeln Sie nicht, Georg, der auch diese Jugend innerlich treibt und bewegt, wenn er auch nicht jeden Augenblick in aparten Gedankenblitzen zuckt und zündet. Hören Sie ihr »vom hohen Olymp,« bis hier herunter schallt die helle Lust, daß mir das alte Herz wieder jung wird unter ihren Tönen.«

Sie hatten sich während dieses Gesprächs auf einer erhöhten Steinplatte niedergelassen, welche einen anmuthigen Ruheplatz bot; vor ihnen das freundliche Thal, über ihnen die Ruine, zu ihren Füßen der Fluß, dessen Weidensaum entlang sich ein schmaler Fußpfad zu ihrem Platze hinanschlängelte. Die Unterredung wurde in diesem Augenblicke durch die Stimmen zweier Fußgänger unterbrochen, deren Gestalten das Ufergebüsch noch verdeckt hielt.

»Sie hatten mir nicht zu viel verheißen, lieber Oheim,« hörten sie die eine derselben sagen; »sie ist ein Juwel! der reinste Adel in der ganzen Erscheinung.«

»Das will ich meinen,« gab eine kräftig lachende Stimme zur Antwort; »so süße Früchte pflegen heut zu Tage nur noch selten auf Bäumen zu wachsen, die schon zweiunddreißig runzlige Ahnfrauen getragen haben.«

»Das ist mein Major! Der Commandeur unseres Landwehrbataillons!« rief Georg, als in dem Augenblicke die Sprechenden, den Fußpfad in die Höhe steigend, auf dem kleinen, freien Platze erschienen. Der eine von ihnen, in besten Jahren, war ein Militär, dem das Leben und Lebenlassen in heiteren Zügen aus dem sonngebräunten Angesicht und den gutmüthigen, grauen Augen blickte, einer von denen, welche die Sicherheit und Unbefangenheit des Wesens, die Elasticität der vornehm ruhigen Bewegungen zu einer der angenehmsten Typen ihres Standes machen. Die ersten Jugendjahre des Majors von Bodeninnen fielen noch in die Befreiungskriege; später gab eine nicht unbedeutende Apanage dem jüngeren Sohne eines begüterten Hauses Gelegenheit, durch Reisen und freieren Verkehr, als er den meisten seines Gleichen in Friedenszeiten gestattet ist, sich zu jener sicheren, weltmännischen Urbanität auszubilden, die ihn als die geeignete Persönlichkeit zu der damals mehr als jetzt schwierigen Stellung des Landwehrführers in einer Universitätsstadt erscheinen ließ. Sein Begleiter war sein Neffe und ehemaliger Mündel, ein junger Referendarius des höheren Gerichtshofs in der benachbarten Stadt. Georg kannte ihn flüchtig von der Schule her, wo jener, einige Jahre älter als er, und als Kostgänger in einem befreiten Verhältnisse zu dem Gesellenverbande der übrigen Schüler, in gelegentliche Berührung mit ihm gekommen war. Ein jüngerer Bruder des Referendars befand sich unter den Pfingstfahrern auf der Burg und war Georgs Mitverbündeter im Werdetag.

»Ah, sieh da, mein junger Held!« rief der Major unserem Freunde, der ihn respectvoll begrüßte, die Hand reichend. »Mein Neffe, Herr von Bodeninnen, Herr Studiosus Saldeck.«

»Habe das Vergnügen,« murmelte der Referendar, während Georg sich stumm verbeugte und darauf den beiden Herren den Prediger vorstellte.

Der Major sagte darauf: »Geh Du allein hinauf, mein Junge, den Heinrich zu holen; ich werde indessen hier unten verweilen, wenn die Herren so freundlich sein wollen, mir ein Plätzchen an ihrer Seite einzuräumen. Sie sehen, ich habe, was den Umfang anbelangt, einige Anlage zum Fallstaff, und das Bergklettern fängt nachgerade an, mir etwas unbequem zu werden.«

Der Neffe entfernte sich, während der Major sich an der Seite unserer Freunde niederließ und heiter gewandt mit ihnen scherzte und plauderte. Dem Prediger brannte eine Frage auf den Lippen, die er jedoch in Georgs Gegenwart vorsichtig zurück hielt. Er wußte, daß die Gemahlin des Domherrn von Saldeck ein Fräulein von Bodeninnen gewesen war; er selber hatte sie noch flüchtig gekannt und eine gewisse Aehnlichkeit zwischen ihr und dem jüngeren Manne zu entdecken geglaubt. Ohne Zweifel hatte er nahe Verwandte seiner unvergessenen jungen Schülerin sich gegenüber und konnte Nachrichten über deren ferneres Schicksal und gegenwärtigen Aufenthaltsort erhalten. Indessen, so fein er es einzufädeln versuchte, es wollte sich kein schicklicher Anknüpfungspunkt für seine Frage finden und im gelegentlichen Gespräch erfuhr er nichts weiter, als daß die beiden Herren ihren Wagen an dem jenseitigen Fährhause auf sich warten ließen, während sie sich auf einer kleinen Fußtour zu einem Verwandtenbesuche in der Gegend befänden.

Eine halbe Stunde mochte unter des Majors Plaudereien vergangen sein, als der Neffe, begleitet von seinem Bruder, wieder zu ihnen trat.

»Sie hatten recht, Oheim,« sagte der erstere, »sich nicht dem wüsten Spectakel dort oben auszusetzen. Die Ohren gellen mir davon. Ich begreife nicht, Heinrich, wie Du an dem plebejen Unfug Gefallen finden kannst?«

»An Heinrichs Stelle,« entgegnete der Major, des Neffen undelicate Aeußerung begütigend, »würde ich mich bei so heiterem Unfug immer wohl genug befunden haben, wenngleich es für einen Soldaten gerathen sein mag, diesen Banketten freier Akademiker aus dem Wege zu gehen.«

»Conflicte sind unvermeidlich bei solchen Gelegenheiten,« versetzte der Referendar; »es herrscht, Gottlob! ein anderer Ton unter den Studirenden der Hauptstadt als unter den Stimmführern der Provinz; dennoch bin ich nie ohne Händel einer derartigen Berührung entkommen.«

»Percy Heißsporn!« spottete lächelnd sein Bruder, der im Dichterkränzchen und in der »Mnemosyne« unter dem Namen »Freiherz« auftrat. Eine tiefe Schmare, die sich auf dem schönen Gesicht vom Mund zum Ohre zog und ein merkliches Nachschleppen des linken Fußes in Folge einer Schußwunde bekundeten, daß der Vergleich mit dem hitzköpfigen Ritter nicht uneben sein mochte. »Ja, Gottlob!« rief derselbe aus, den Kopf stolz zurückwerfend, »Gottlob, daß uns eine letzte unveräußerliche Wehr gegen gemeine Berührungen geblieben ist!«

»Pardon, junger Freund,« fiel der Major ihm ins Wort, »man sollte etwas vorsichtiger sein als Du, von dieser Wehr Gebrauch zu machen. Kein Raufbold hat noch je seinem Standpunkte genützt, und die wahre Ehre ist häufig bei dergleichen Ehrenpünkteleien verloren gegangen.«

»Höre ich recht, Oheim?« rief der Referendar entrüstet, »Sie, ein Soldat, Johanniter und Ritter des eisernen Kreuzes, Sie, ein Bodeninnen, der Gegner der einzigen Institution, die unserer zerfahrenden Zeit zur Wahrung ihres Standpunktes geblieben ist?«

»Eben als Soldat, der das Zeichen trägt, daß er dem Tode ins Auge gesehen und als Nachkomme eines ehrenhaften Geschlechtes habe ich nicht nöthig, jeden Augenblick auf dem Anstand gegen Muthwillen und abweichende Meinungen zu sein,« entgegnete der Oheim gelassen. »Indessen weiß der Offizier allerdings, daß er seine Ohren nicht willkürlich verstopfen darf, und daß sein Stand ein noli me tangere ist, welches in Ehrenpunkten seinen Vertretern ein Gemeingefühl auferlegt, dem sich die freiere, individuelle Ansicht unterordnen muß. Er thut daher gut, an stürmischen Tagen Scylla und Charibdis zu vermeiden,« setzte er lächelnd und dem Prediger auf die Schulter klopfend hinzu, »und ruhig im sicheren Hafen zu verweilen.«

Das Gespräch hätte mit dieser Wendung abgebrochen sein sollen; der junge Freiherz griff es aber nach einer allseitigen momentanen Pause wieder auf, indem er sagte:

»Sie haben da einen Punkt berührt, lieber Onkel, über den ich nicht fortzukommen vermag. Sie wissen, daß ich nicht übel Lust habe, Ihrem Beispiele zu folgen und Soldat zu werden. Die drei Examina im Civildienst sind keine lockende Perspective und die unvermeidlichen Wolken von Actenstaub machen mich im voraus wirbelig. Nun widersteht mir aber beim Militär das Opfer jeder persönlichen Meinung über die wichtigsten Fragen und es scheint mir unerträglich, mir statt meiner Ueberzeugung ein Gemeingewissen, wie Sie es nennen, aufoctroiren zu lassen.«

»Sie sind ja ein gewaltiger Jakobiner geworden, Herr Heinrich Freiherz,« fiel spottend der Bruder ein, »sind diese nagelneuen Bedenken etwa die ersten Strahlen des großen Werdetags?« Unser Doctrinär ließ sich aber in seinem Ideengange nicht irre machen.

»Um bei unserem Gegenstande zu bleiben,« fuhr er fort,»so sehe ich ein, daß das Duell nicht völlig zu beseitigen ist, wenngleich ich es als einen barbarischen Rest der Vergangenheit betrachten muß. Wie sollte ich zum Beispiel anders die Ehre einer beleidigten Dame vertheidigen, als indem ich mein Leben für sie in die Schanze schlage? Aber mich um einer von der meinen abweichenden, politischen Ansicht, um einer Meinung willen –«

»Spare Deine Scrupel, wenn ich bitten darf,« unterbrach ihn der Bruder von neuem. »Es ist eine Schmach, selber die letzten reinen Erben ritterlicher Sitte den gemeinen Gesinnungen des Tages fröhnen und dem Adel ihrer Väter schamlos ins Gesicht schlagen zu sehen. Ich für mein Theil erkläre Dir hiermit ein für allemal, daß ich jederzeit und gegen Jeden, den ich für meines Gleichen achten darf, nicht nur meine eigne Ehre, sondern auch das Princip der Ehre, wie unser Stand es uns eingeimpft hat, mit den Waffen in der Hand vertheidigen und sie gegen blutigen Einsatz dem Markte des täglichen Lebens entziehen werde.«

Der junge Dichter war während dieser brüderlichen Ehrenerklärung blaß und stumm geworden; Georg aber, der einen seiner theuersten Grundsätze angegriffen sah und bis jetzt mühsam eine heftige Wallung unterdrückt hatte, fühlte sich gedrungen, dem Lehrlinge des Werdetags gegen dieses feudale Gewaltsystem mit einem Blitze der Gegenwart zu Hülfe zu kommen.

»Und ich,« nahm er daher jetzt das Wort, »ich erkläre, daß ich unter allen und jeden Umständen den, wie mich dünkt, nicht geringeren Muth haben werde, dem Vorurtheile zu trotzen und einen Act roher Selbsthülfe zu verweigern wie zu verschmähen, einen Act, der nach göttlichen und menschlichen Gesetzen nichts anderes ist als ein Mord, welchen der Unsinn patentirt hat.«

Der Major und Prediger erhoben sich bei diesen Worten gleichzeitig, um fernere Expectorationen abzuschneiden, denn der junge Heißsporn sah gar nicht übel danach aus, diesen modernen Heroismus auf eine augenblickliche Probe zu setzen. Er stand gleichsam schon wieder schußfertig und es war räthlich, das Lager abzubrechen, ehe der Kampf sich entzündet hatte. So empfahlen sich denn die drei Ritter von Bodeninnen den zwei friedlichen Männern von Saldeck und waren bald aus ihren Augen verschwunden; während diese, langsam den Burgweg emporsteigend noch bei dem vorigen Gegenstande verweilten.

»Ich werde an Sie denken, mein junger Freund,« sagte endlich der Prediger abschließend, »so oft ich bete: ›Herr, führe mich nicht in Versuchung!‹ denn kein christliches Gebot ist so schwer durchzuführen, weil so sehr der menschlichen Natur zuwider, als das, eine, Beleidigung ungerücht zu lassen. Ja, mißverstehen Sie mich nicht, Georg, aber es liegt bei dem Zustande unserer gesellschaftlichen Sitten sogar eine bedenkliche Versuchung darin, das Recht des Lebens unter allen Umständen über das der, wenn auch falsch verstandenen Ehre zu setzen. Und so werden auch in diesem Punkte Convenienz und Vorurtheil als Nothbehelf gegen Feigheit und Gemeinheit dienen mästen, so lange der Adel eines erleuchteten Gewissens, die Blüthe des Christenthums, ein von der Menge unbegriffener ist.«

Georg blieb den ganzen Abend gedankenvoll und unruhig; ihm war, er habe sein Schicksal herausgefordert und stehe an einem Entscheidunspunkte seines Lebens. Der Prediger aber lebte heiter auf unter der Jugend. Manche der muthwilligen Studenten waren die Söhne seiner Commilitonen; die Wangen des blassen Mannes rötheten sich, als auf diese Weise plötzlich eine Generation vor seiner Erinnerung schwand und er so herzhaft wie vor fast dreißig Jahren unter dem goldgestirnten Juniushimmel mit den Jünglingen zechte und sang. Ohne eine Spur von Müdigkeit zog er sich endlich für einige Stunden in des Kellermeisters Burgverließ zurück, um auf der Bank hinter dem hohen Kachelofen in wachen Träumen eine Vergangenheit an seinem Geiste vorüberziehen zu lassen, die, im Moment so entbehrungsvoll und mühselig, in der Erinnerung so reich und blühend war.

Der Morgen dämmerte, als er mit Georg die Ruine verließ, um seine Wanderung fortzusetzen; mit wehmüthigen Blicken nahm er Abschied von den jungen Gesellen, welche laut durcheinander auf gemeinsamer Streu, wie auf Tischen und Bänken, auf Altanen und Vorsprüngen eine Ruhestätte gesucht und den gesunden Schlaf der Jugend gefunden hatten, dem jedes Lager das rechte ist.

Georg hätte den Freund gern auf der Tour durch das frische, grüne Gebirge begleitet, da er aber seinem Großvater in Saldeck noch einen Festbesuch zugedacht, mußte er sich nach wenigen Stunden von ihm trennen. Er schlug einen Seitenweg ein, der ihn nicht wieder an der Burg vorüber und seinem heimatlichen Ziele etwas näher entgegenführte.

Es war zweiter Pfingsttag; kein Menschentritt, kein Menschenlaut hörbar; die festliche Stille erquickte ihn; seine Seele dehnte sich in unbegrenzte Weite und Ferne, alle Zweifel und Fragen entwichen, er dachte nichts, er wollte nichts, ihm war so wohl wie den Lerchen, die hoch über ihm im sonnigen Blau ihre Morgenlieder sangen. Jeder Käfer regte, jede Blüthe öffnete sich dem heiter stillen Lichte entgegen und sein Herz that es auch.

In dieser glücklichen Stimmung kam er in die Nähe eines Dorfes, das sich in einem schmalen Thale malerisch an zwei grünen Bergen hinanzieht. Ein Bächelchen fließt in der Mitte und treibt am Ausgang der Schlucht eine Mühle, vor welcher der Weg vorüberführt. Eine blühende Fliederlaube ladete zur Ruhe; im kleinen eingezäunten Hausgarten prangte der Goldlack, die Lieblingsblume des Bauern; Lavendel und Thymian säumten die Beete ein, es duftete pfingstlich um das anmuthige Plätzchen; der Finke zwitscherte, das Mühlrad rauschte in der Nähe. Georg bat eine Magd, die seitab vom Brunnen kam, der Landessitte gemäß die schwere Wasserbutte auf dem Rücken, um ein Glas Milch, setzte sich, dasselbe erwartend, in die Laube und blickte durch das offenstehende Thor in den Hof. Denn der praktische Landmann will, auch wenn er sich ausruht, sein Geschäft nicht aus den Augen verlieren und Georg sagte sich lächelnd, daß sein Großvater, wenn er überhaupt Lauben angelegt, sie wie diese nach der freiesten, lieblichsten Aussichtsseite geschlossen und ihnen nur den Blick auf den Hof gestattet haben würde. Nach kurzem Verweilen sah unser Freund über die Schwelle des Mühlhauses zwei weibliche Gestalten treten, von denen eine unzweifelhaft die Frau Müllerin selber war. Der gute Sonntagsrock unten, die weißen Hemdsärmel oben unter dem eilig umgeworfenen Tuche zeigten, daß sie in der Kirchgangstoilette gestört worden war.

»Sie wollen doch den schweren Korb nicht selber heim tragen?« sagte sie zu ihrer Begleiterin. »Bei Leibe nicht! Die Mieke soll ihn Ihnen bringen.«

»Lassen Sie die Mieke bei ihrer Arbeit, Frau Rösner,« versetzte die Angeredete, »der Korb ist nicht schwer. Aber sputen Sie sich, man wird bald läuten.«

Damit nickte sie der Müllerin zu und entfernte sich rasch, einen großen Korb in der Hand tragend. Ein breitränderiger Strohhut verdeckte ihr Gesicht; aber Georg saß mit angehaltenem Athem und zitterndem Herzen, seit er die ersten Laute einer Stimme vernommen, die er nur einmal gehört, aber niemals vergessen hatte; er sprang von seinem Sitze in die Höhe und als die große, schlanke Gestalt an der Laube vorüberschritt, rief er unwillkürlich:

»Luitgard! Luitgard von Saldeck!«

Sie wendete den Kopf nach seiner Seite, ein rother Schimmer überflog ihr Gesicht; sie setzte den Korb an den Boden, beide Hände ihm entgegenstreckend ging sie rasch auf ihn zu und sagte:

»Mein Vetter, mein lieber Bruder, Georg!«

So standen sie sich, die Hände ineinandergelegt, gegenüber und blickten sich mit sprachlosem Erstaunen in die Augen, bis die Magd, die Milch bringend, ihre stumme Freude unterbrach. Nun setzten sie sich in die Laube und der junge Mann fragte endlich:

»Sie hier? So lange verschwunden und nun hier?«

»Ich lebe hier schon seit Jahren,« antwortete sie.

Wie ein Blitz durchzuckte es ihn. Sie lebte hier, aber mit wem? mit ihrem Vater – oder war sie – –? Er zog seine Hand aus der ihren und fragte halblaut: »Allein?«

»Mit meinem Vater,« antwortete sie und wurde sehr blaß bei den Worten; nach einer Pause aber fuhr sie, ihm von neuem die Hand entgegenreichend fort:

»Hassest Du uns, Georg?«

»Hassen, Sie, Sie Luitgard?« entgegnete er vorwurfsvoll.

»Den Bruder Deines Vaters und seine Tochter?« fragte sie leise mit niedergeschlagenen Augen.

Er konnte nicht sprechen, er fiel vor ihr nieder, beugte sein Gesicht auf ihre Hand und ließ eine warme Thräne darauf fallen.

In diesem Augenblicke begannen die Glocken zu läuten; er erhob sich; die Familie des Müllers trat aus der Thür, um nach der Kirche zu gehen; die beiden Verwandten erwiederten ihren freundlichen Gruß und Luitgard sagte, nachdem jene vorüber:

»Ich sehe meinen Vater nicht vor Mittag; der Morgen ist mein, Georg, hast Du ihn frei für mich?«

»Ich war auf der Wanderung,« antwortete er, »und mir ist, als wäre ich am Ziele angekommen.«

»So folge mir,« sagte sie, »nach einem freieren, ungestörteren Ruheplatze als diesem.«

Sie legte ihren Arm in den seinen und stieg mit ihm eine Weile den Thalrand hinan bis zu einer kleinen Plattform auf mittler Höhe. Ein frisches Wasser quillt hier aus dem Berge und sammelt sich in einem steinernen Becken, von alten, herrlichen Nußbäumen überschattet. Leise fließt der Ueberschuß die Anhöhe hernieder; ein sammtig grüner Streifen mit blauen Vergißmeinnicht faßt das kleine Gerinne ein; es ist ein lieblicher Punkt mit der Aussicht über maifrische, von waldigen Höhen umhegte Wiesenflächen. Unsere jungen Freunde ließen sich auf der Mauerbrüstung nieder, die zum Absetzen der schweren Gefäße und Ausruhen der Trägerinnen dient und Luitgard sagte, nach einem kleinen Hause deutend, das einige hundert Schritte abseit einsam im Grunde lag:

»Hier wohnen wir. Ein ehemaliges Vorwerk der Familie von Bodeninnen.«

»Der Familie von Bodeninnen?« fragte Georg, dem das Juwel mit den zweiunddreißig Ahnen beängstigend einfiel; »ich traf gestern mit mehreren Herren dieses Namens zusammen, welche ein Verwandtenbesuch in diese Gegend führte.«

»Es waren Vettern meiner seligen Mutter,« antwortete Luitgard, wie ihm schien, mit einiger Verlegenheit. »Daß ich aber über der Freude des Wiedersehens unser Mittagsessen nicht vergesse,« setzte sie ablenkend hinzu, indem sie den Korb öffnete und die Erbsen auszukrüllen begann, welche sie heute Morgen im Mühlgarten gepflückt hatte.

Georg half ihr bei dem Geschäft, aber seine Hände feierten oft und seine Blicke ruhten auf der schönen Gestalt seiner Verwandtin. Dichte, aschblonde Flechten legten sich um das blasse, reine Oval des Gesichtes, die kindlich ernsten, langgewimperten, hellbraunen Augen, wenn sie sich von der Arbeit zu ihm erhoben, schienen noch immer, wie damals am Sarge seiner Mutter, und sicher nicht vergebens! zu ihm zu sagen: »Habe mich lieb, Georg!«

»Und in dieser Abgeschiedenheit leben Sie?« fragte er nach einer Weile.

»Sie?« wendete Luitgard mit freundlichem Vorwurf ein. »Geschwister, Georg, und Sie?«

Er ergriff ihre Hand und führte sie mit dankbarer Innigkeit an seine Lippen. Luitgard fuhr fort:

»Ja, Bester, in dieser Abgeschiedenheit leben wir. Die Nähe der Menschen drückte meinen armen Vater so schwer, daß auch ich mich von ihnen beengt fühlte und in die Verborgenheit sehnte.«

»Und so vergehen die Tage Deiner Jugend ohne Freude, ohne Wechsel, ohne Umgang und Thätigkeit, arme Luitgard?«

»Ohne Wechsel allerdings und fast ohne Umgang, aber nicht ohne Thätigkeit und nicht ohne Freude. Die Gegend ist angenehm, ich arbeite, lese und die Nähe des Dorfes gewährt einen gewissen Verkehr, der die Einseitigkeit abwehrt.«

»Aber es giebt doch einen Nerv in uns, Luitgard,« rief Georg, »der sich nicht abtödten läßt, einen Sinn –«

»Den wir auch nicht abtödten sollen, nur beherrschen, lieber Freund,« erwiederte sie. »Ist nicht der Kampf unseres Wollens mit dem Sinn der Verlangens die Aufgabe jedes redlichen Menschenlebens?«

»Wohl dem, dessen Verlangen seinem Willen den Weg zeigen darf!« sagte Georg.

Die Sonne stieg während ihrer Gespräche immer höher; der junge Mann fühlte eine Rinde sich vom Herzen lösen; da war kein geheimster Gedanke, den er sich vor der neugefundenen Schwester auszusprechen gescheut hätte. Noch nie war ihm so wohl in eines Menschen Nähe gewesen. Sie sahen die Leute von der Kirche aus der gegenüberliegenden Höhe niedersteigen und Luitgard erhob sich, indem sie sagte:

»Es ist hohe Zeit, wenn meine Erbsen noch gahr werden sollen.«

»Werde ich Dich wiedersehen, Luitgard?« fragte Georg mit sichtlicher Angst.

»Es thut mir weh, Dich nicht in unser Haus einladen zu dürfen, mein guter Georg,« antwortete sie nach kurzem Sinnen, – »Dein Anblick würde meinem Vater ein Stachel sein, der eine, wenn auch sorgfältig verborgene, ewig wunde Stelle berührt. Indessen gehören alle Morgenstunden ausschließlich mir und können wir, so lange Du hier in der Gegend bist, ungestört mit einander spazieren gehen oder auf diesem Platze mit einander plaudern. Laß es mir durch die Kinder der Müllerin sagen, sobald Du kommst.«

»Wird aber Dein Vater, Luitgard – –«

»Glaube nicht, mich durch diese Heimlichkeit zu einer Untreue gegen ihn zu verleiten,« unterbrach sie sein Bedenken; »die Abgeschlossenheit seiner Natur und unserer Lebensweise hat mir eine Ausnahmstellung ihm gegenüber gegeben. Er legt mir keinerlei Zwang auf, und ich dürfte sicher sein, von ihm in meinem Umgange mit Dir nicht gehindert zu werden, wenn ich denselben aus Schonung seiner selbst nicht lieber unberührt lassen möchte.«

Sie waren während dieses Gesprächs in der Nähe des kleinen, einstöckigen Hauses angekommen, das wie in eine Schlucht gekeilt, im Hintergrunde eines dicht mit Bäumen bepflanzten Hofes lag, nach der, selten von einem Wanderer betretenen Straßenseite durch eine hohe Mauer abgeschlossen. Angeschauert durch diese traurige Lage rief Georg:

»Welche klösterliche Einsiedelei!«

»Mein Zimmer liegt im Giebel und hat einen weiten, heiteren Blick über die Gegend. Auf Wiedersehen, Georg!« sagte Luitgard, ihm zum Abschiede die Hand reichend.

Die kleine Pforte öffnete sich langsam und während das schwere Gewicht sie ebenso langsam wieder in die Angel zog, sah unser Freund zwischen den alten Bäumen des Hofes die Gestalt des Mannes auf und niederschreiten, in besten ausschließlicher, trüber Nähe das holdeste Leben verduftete.

»O, jammervolles Loos der Jugend!« sagte er zu sich selbst, »Ruinen zu stützen und zu schmücken, die niemals wieder erstehen, und diesen Schmuck nicht freudig empfinden können. Glücklich nur der, welcher seine Kraft an ein werdendes Leben zu setzen hat!«

Zu andrer Zeit würden seine Vorstellungen ohne Zweifel schwer aus dieser Richtung gewichen und die Lehrlinge des Werdetags durch irgend ein poetisches Zeichen seiner Gefühlsvertiefung erfreut worden sein. Heute aber war es die Erinnerung an Luitgardens lebendige Erscheinung, die ihn von so allgemeinen Betrachtungen losriß, ihre Schönheit, die ruhige, sichere Grazie, der Adel jeder Bewegung, selbst bei den einfachsten Verrichtungen und bei der Freiheit ihres geistigen Aufschwungs. Er stellte in Gedanken alle seine bisherigen weiblichen Bekanntschaften an ihre Seite; aber wie verschwanden sie sämmtlich neben dem Stern Luitgard, die kleinen, freundlichen Flämmchen, die ihm bis dahin so anmuthig geschienen hatten! Die häuslichen, fleißigen Wirthinnen, sie kamen ihm kleinlich beschränkt, die gebildeten Professorenfrauen und Töchter gespreizt und manierirt vor, nachdem er so unerwartet sein Ideal verwirklicht gefunden. Er sah nicht ihres Gleichen in der Gegenwart; zurück in eine mehrtausendjährige Vergangenheit mußte er greifen, um ihr Urbild zu finden in einer Penelope, einer Andromache, ja in dem lieblich ernsten idyllischen Leben einer Ruth, die bestimmt war, dem heiligsten Geschlechte als Ahnfrau zu dienen. Und dieses einzige Wesen war seine nächste Verwandte, hatte ihn zu ihrem Freunde, ihrem Bruder erkoren! Er fühlte sich in seinen eignen Augen gehoben; fühlte, daß er Großes, Ungewöhnliches leisten müsse, um solchem Adel zu entsprechen, und war in dieser geweihten Stimmung weniger als je geneigt, den engen Zustand in Saldeck mit liebevollem Humor zu erfassen.

Muhme Marchristinens schnarrendes Kauderwälsch und bissiges Hausregiment dünkten ihm unerträglich, die lauten Späße und handgreiflichen Neckereien der Knechte und Mägde unter der Pfingstmaie fast eine Blasphemie auf ein Geschlecht, welchem Wesen wie Luitgard angehörten. Kein Wunder, daß er in dieser Stimmung auch bei dem Examen, welchen sein Großvater über verschiedene landräthliche und gerichtliche Verordnungen mit ihm anstellte, weit weniger, nicht Sachkenntniß, denn die konnte er allerdings nicht haben, aber weit weniger gesunden Menschenverstand an den Tag legte, als der Alte in ihm vorausgesetzt hatte. Hans Simson schüttelte bedenklich den Kopf. Nach achtjährigem Studiren auf gelehrten und hohen Schulen so wenig den Nagel auf den Kopf zu treffen! Aber Hans Simson hatte es ja von jeher gesagt: »Im Oberstübchen sitzt der Witz, nicht auf dem Papier!«

Nachdem der Student sich von seinem alten Herrn verabschiedet hatte, um für die letzten Sommermonate nach der Universität zurückzukehren, schlug er einen gewaltigen Bogen hinüber nach den jenseitigen Bergen, um seine schöne Freundin noch einmal zu sehen. Er war mit Tagwerden aufgebrochen, aber die Sonne stand doch schon hoch am Himmel, als er unter der Mauer des stillen Vorwerkes anlangte; er ging jenseit des Weges, mitten auf der Wiese, in der Hoffnung, Luitgard über den Bäumen des Hofes in ihrem Giebelzimmer zu erspähen. Und siehe, da stand sie, den schönen Oberkörper weit herausgebeugt und die Geisblattzweige festbindend, die ihr Fenster umrankten. Die Vögel aus den alten Nußbäumen schienen ihre guten Bekannten, sie umflatterten ihr Haupt ohne Scheu und ein Rothkelchen saß ungestört auf ihrer Schulter während sie die Arme hierhin und dorthin bewegte.

»Sie schafft sich Genossen und Freunde in einer Wüste!« sagte Georg, gerührt von dem anmuthigen Bilde.

Luitgard wurde ihn gewahr, winkte freundlich grüßend mit der Hand und stand bald an seiner Seite, ihn zu einem Spaziergange in den nahen Wald einladend. Sie hatte ein kleines Frühstück mitgebracht, das sie unter einer Buche sitzend verzehrten; allmälig lenkte Luitgard von heiteren Plaudereien das Gespräch auf ernstere Gegenstände, den Aussichten und Plänen, die ihn für seine Zukunft durchkreuzten, eine schwesterliche Aufmerksamkeit schenkend. Er sprach mit Vorliebe von literarischen Beschäftigungen, sie aber ermunterte ihn zum Festhalten der von seinem Großvater gewünschten richterlichen Laufbahn.

»Mich dünkt,« sagte sie bei der Gelegenheit, »daß ein junger Mann gegen keine Neigung vorsichtiger und strenger sein sollte, als gegen die der schriftstellerischen Production, denn wenn seine Gaben nicht sehr hervorragende sind, treten sie einer nützlichen Berufsthätigkeit in den Weg, auf welche, je nach ihrer Sphäre, die Menschheit unter allen Verhältnissen einen Anspruch hat.«

Georg bewunderte den ernsten Bildungsgang des jungen Mädchens. Bei ihrer einsamen Erziehung und abgeschiedenen Lebensweise waren ihr die Eindrücke eitlen, kleinlichen Frauentreibens fremd geblieben; früher ihren Unterricht, später jeden anregenden Verkehr erhielt sie durch Männer, und selbst der Umgang mit dem abgeschlossenen Vater gewöhnte sie an eine sinnende Richtung, denn der Freiherr sprach niemals oberflächlich oder über Unbedeutendes. Wohl mochte sie einer heiteren, vertraulichen Kindheit entbehrt haben, und ein allzu früher Ernst würde ihrer weiblichen Entwicklung Eintrag gethan haben, wenn nicht in den knappen Verhältnissen des Hauses ihre Thätigkeit so sehr in Anspruch genommen worden, alles heimische Behagen, die Möglichkeit, aus ihrem engen Zustande heraus auch noch Anderen nützlich zu werden nur auf ihrer Sorge, ihrem Fleiß, ihrer gewissenhaften Verwaltung beruhend gewesen wäre. Und so entfalteten sich in freier, stiller Natur, gefördert durch ein seltsames, widerstrebend scheinendes Schicksal die beiden stärksten Triebe, die ihrem Wesen eingeboren schienen, der Trieb des Lernens und des Helfens zu einer schönen Harmonie.

Auffällig war dem jungen Manne auch noch das lebhafte Interesse, das die Freundin an seinem Großvater zu nehmen, wie herzlich sie sich seiner tüchtigen Natur zu erfreuen schien. Er sollte ihr mehr und immer mehr von seiner Eigentümlichkeit erzählen, und bei jeder charakteristischen Mittheilung lächelte sie, nickte mit dem Kopfe, oder sagte etwa: »Brav, wohlgesprochen, recht so, Vater Oberweg!«

Georg glaubte auch in dieser Theilnahme ein Zeichen des Zartsinns zu erkennen, der sein natürlichstes Band zu schonen und ihn in demselben zu befestigen beabsichtigte. Daß die hoch und feingebildete Luitgard wirklich eine Sympathie für den fleißigen, beschränkten Bauer empfinden könnte, fiel ihm nicht ein.

Nach einigen Stunden mußten sie sich trennen. Ein Strauß Waldblumen, von ihrer Hand gepflückt, prangte an seinem Hute; die Erinnerung an ihre Blicke, ihre Worte, ihre liebevolle Nähe gab ihm Flügel.

Fleißiger und gewissenhafter als bisher besuchte er in den letzten Universitätsmonaten die juristischen Collegien. Seine dichterische Muse kam nicht zum Wort, er gab die Führung des Werdetags auf, der trockene Philister fing an verspottet zu werden, Luitgardens Briefe aber befestigten ihn in einem regelmäßigen Streben, und so kam es denn, daß er mit leichterem Herzen als er früher gedacht, von der akademischen Freiheit Abschied nahm, um werdetaglich ausgedrückt, »ein Sklave des Schlendrians zu werden.« Sein Entschluß war gefaßt; er ging nach der Stadt, die auf halbem Wege zwischen Schloß Saldeck und dem stillen Vorwerke von Bodeninnen lag und trat als Auscultator in das dortige Landgericht.

Freilich, Vater Oberweg machte gewaltige Augen, als der treue Pfarrer ihm zu erklären suchte, daß mit diesem Schritt die eigentliche Advocatenlehrzeit erst ihren Anfang nehme; desgleichen war es ihm unbegreiflich, daß das Stipendium von Saldeck nicht mehr seinem, nun erst recht in der Lehre befindlichen Enkel zu Gute kommen, sondern auf einen wildfremden Menschen übergehen solle. Er glaubte es auch weder dem geistlichen Herrn, noch dem Gerichtshalter so ohne Weiteres, sondern ging zu seinem Advocaten in der Stadt, Erkundigung einzuziehen, ob wirklich alle der Aufwand an Geld und Zeit unerläßlich sei, um einen gehörigen Proceßhahn aus dem Ei der Wissenschaft kriechen zu lassen. Und als man ihn von dieser Nothwendigkeit überzeugt hatte, bestand er allen Ernstes darauf, daß der Jürgen das weitläufige Bücherstudiren, bei welchem in acht Jahren noch nichts Gescheites für ihn herausgekommen sei, an den Nagel hänge, und nunmehr anfange in Saldeck unter seinen Augen tüchtig die Landwirtschaft zu betreiben. Schließlich aber gab er den allseitigen Bitten und Vorstellungen, den Heraufbeschwörungen seiner seligen Margarete von Seiten des Predigers und der Hoffnung nach, daß, was lange währe, gut werde, und da er sich einmal daran gewöhnt hatte, einen gewissen Antheil von dem Ertrage seiner Schafschur jährlich für die Ausbildung seines Erben anzulegen, die Schafzucht aber neuerdings in Saldeck den erfreulichsten Fortschritt gemacht hatte, so willigte er in eine Rente für die Dauer von Georgs unbesoldeter Beamtenzeit. Diese Rente war bescheiden genug; indessen hoffte Georg durch Hülfsarbeiten bei einem Justizcommissarius zugleich seine juristische Ausbildung zu beschleunigen und sein knappes Budget zu verstärken. Dem literarischen Treiben hatte er auf Luitgardens Rath Valet gesagt.

»Dein Talent strömt nicht reich genug, um Deine strebende Seele auszufüllen,« so hatte sie ihm nach einem Durchblick seiner poetischen Versuche aufrichtig geschrieben.

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