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Erzählungen

Louise von François: Erzählungen - Kapitel 11
Quellenangabe
authorLouise von François
titleErzählungen
publisherVerlag von George Westermann
year1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
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Glück.

Das Glück ist ein Windhauch, der hierhin und dorthin weht und seinen Namen wechselt, weil er die Richtung wechselt.

»Fräulein Katharine, gestatten Sie mir, Ihnen meinen unterthänigsten Glückwunsch zu Füßen zu legen.«

»Herzens-Ina, Glück und Freude, heute und alle Zeit.«

Mit diesen Worten begrüßten fast gleichzeitig ein junger Gardeoffizier und ein sechzehnjähriges schönes Mädchen ihre Freundin, Katharine Peterson, am Abend ihres vierundzwanzigsten Geburtstages. Sie umarmte die kleine, muntere Rosa und reichte dem Lieutenant die Hand, welche dieser ehrerbietig an seine Lippen führte und sich darauf einer Anderen zuwendete, der Nichte des Hauses, durch des großmüthigen Onkels Vermittlung seit kurzer Zeit seiner glücklichen Braut.

Man ordnete sich um den Theetisch in der weinumrankten, blumenduftenden Veranda vor dem Sommerhause und Katharine machte mit herzlicher Heiterkeit die Wirthin unter dem kleinen befreundeten Kreise, in dessen Mitte ihr Vater, der reiche Banquier Peterson, neben seinem alten Freunde, dem Doctor Bastian, Platz genommen hatte. Seit einer Viertelstunde hatte der Letztere mit geschlossenen Augen, die goldene Dose zwischen den gefaltenen Händen, tiefsinnend in die Consultation seines rothwangigen Patienten versunken geschienen, jetzt plötzlich brach er dieselbe ohne Weiteres ab und dem Vater die gewünschte diätetische Auskunft schuldig bleibend, sagte er zu der Tochter gewendet:

»Aus dem wievielten Munde wird Ihnen heute Glück gewünscht, Katharine? Und welch einen curioses Compositum würde es geben, wenn alle diese Wünsche an Ihnen in Erfüllung gehen und Sie das verschiedentliche Glück consumiren sollten, das ein Jeder unter uns als das Wünschenswerteste vor Augen hat? Ich zweifle, daß selber eine Natur wie die Ihre mit dieser Verdauung zu Stande käme. Sie zum Exempel, kleine Rosa, was verstehen Sie unter Glück?«

»Glück ist Gesundheit,« fiel der wohlgenährte Banquier seufzend ein, noch ehe sich die Gefragte auf eine Antwort besonnen hatte.

»Gesundheit ist freilich ein Glück,« entgegnete der Doctor, »und eines das leider mit jedem Tage rarer unter uns zu werden beginnt, aber sicherlich nicht das, an welches ein Jüngferchen denkt, das gestern seinen ersten Ball gestiert hat. Also, Fräulein Rosa?«

»Je nun« – antwortete die Kleine – »Glück mag es genau genommen nicht sein, aber die größte Freude auf der Welt, die deucht mich solch ein Ball. Und was ist Glück im Grunde anderes als Freude? Hätte ich am Tage noch so viel Noth und dafür jeden Abend ein fröhliches Fest, ich verlachte und vertanzte die Noth – –«

»Und ertanzte mir Schwindsucht und Tod!« wendete Herr Peterson mit trauriger Miene ein.

»Wer denkt an so leidige Dinge auf einem Ball?« versetzte Doctor Bastian lachend.,

»Doctor, Doctor!« rief der Hausherr kopfschüttelnd, »Du wirst dieses junge Blut auf Dein Gewissen laden! Anstatt zu warnen, spottest Du und weißt doch am besten, wie schnell es geschehen ist um eines Menschen Kraft und Glück. Spreche ich nicht etwa aus Erfahrung? Wie war ich gesund! Und nun!«

Auf den Lippen aller Anwesenden, selber auf denen der Tochter, schwebte ein gutmüthiges Lächeln, die kleine Rosa aber lachte hell auf, mit in die Seite gestemmten Armen die blühende Figur des Kranken von oben bis unten musternd. Unser Freund ließ sich durch diesen Uebermuth nicht in seinen habituellen Leidensgedanken irre machen, sondern fuhr, zu dem Arzte gewendet, mit großem Ernste fort:

»Dieser Geruch wie von Kalbsfüßen, Bastian, der seit Wochen keine Minute mehr von mir weicht! Erkläre mir den wunderbaren, pathologischen Zusammenhang der Geruchsnerven mit den Athmungsorgane.«

»Lieber Vater,« fiel Katharine rasch ein, das vorige kleine Lächeln wieder gut zu machen, und vielleicht einem lauteren Ausbruche der Gesellschaft vorzubeugen, »lieber Vater, ich habe die wollene Weste, welche Dir neulich unser Doctor zu tragen anrieth, in Dein Zimmer gelegt. Die gute Beate hat sie gestrickt.«

»Beate!« rief Herr Peterson sichtbar erfreut und seine rosigen Wangen färbten sich eine Schattirung höher, »hatte ich doch an die Weste gar nicht mehr gedacht, aber Fräulein Beate vergißt niemals wo sie helfen kann.«

Er stand auf und ging zu der also Gerühmten am entgegengesetzten Ende des Tisches.

Die »gute« Beate, wie sie von Kind auf hieß, eine von den blassen Gestalten, die niemals zur Blüthe gekommen sind, deren Herz aber reif geworden ist in der nebelnden Atmosphäre, in welcher das Schicksal sie aufwachsen ließ, lebte seit etlichen Jahren im Peterson'schen Hause als Katharinens Gesellschafterin, richtiger als deren Freundin. Obwohl zehn Jahr älter als diese, trugen ihre feingeschnittenen Züge keine Spuren der Zerstörung: weder der Langeweile, noch der Leidenschaft, noch selber der Zeit; und wenn sie erregt ward – doch nur ihr Herz wurde erregt, Verstand und Sinne wurden es nie – dann breitete sich die Röthe eines sechzehnjährigen Mädchens über ihre blassen Wangen und ihre sanften, grauen Augen färbten sich dunkel. So sah man sie jederzeit freundlich und niemals fröhlich, immer thätig, selten wechselnd, selber in der Kleidung. Ein unscheinbarer Anzug, fest am Halse schließend, ein schmal überschlagender Batiststreifen, ein Häubchen von der äußersten Sauberkeit, und, da sie häufig an Zahnweh litt, ein weißes Tuch um das Gesicht gebunden, so war sie auch heute, und als der gerührte Herr Peterson sich jetzt zu ihr wendete, ihre Hand faßte und dankbar sagte: »Sie verwöhnen uns durch Ihre Güte, liebe Beate,« da flog jene jugendliche Röthe über ihre Wangen und sie erwiederte mit rascherer Stimme als gewöhnlich:

»O, warum bemerken Sie die kleinste Gefälligkeit, die Andere zu leisten vermögen und der eignen Großmuth gedenken Sie nie?«

Und Beate hatte Recht. Vater Peterson galt für das Musterbild eines guthmüthigen Mannes, der außer seiner schwindsüchtigen Disposition kein Leiden kannte, als das, eine Bitte abschlagen zu müssen. Auch ersparte er sich dasselbe so viel er vermochte, »kurirte sich und Andere mit demselben Recept,« wie sein Freund Bastian zu sagen pflegte. Frage man uns nicht, wie er dabei so reich geworden und geblieben ist.

Die Weste wurde geholt, gemustert und für gelungen erklärt; die gute Beate beschäftigte sich rastlos mit derlei Handarbeiten, durch welche sie sich früher zeitweise erhalten und ihre Familie unterstützt hatte.

»Nun, diese warme, weiche Umhüllung soll Dir vortreffliche Dienste thun, alter Freund,« sagte abschließend der Doctor. »Fräulein Beate versteht sich auf Deinen Zustand wie Keiner sonst, und so wird sie, will's Gott, noch die Vermittlerin werden zu Deinem Glück.«

Der Doctor blinzelte mit seinen grünen Augen hinter der blauen Brille wie aus einem Hinterhalte ziemlich schelmisch erst zu seinem Patienten, dann zu dessen Tochter hinüber, deren rasch erwiedernder Blick auszudrücken schien, er habe zu viel gesagt. Er ließ sich indessen durch denselben nicht irre machen und fuhr mit Gelassenheit fort:

»Wir aber wären unvermerkt zu unserem vorigen Capitel zurückgekehrt und nun wir unseren Kranken versorgt hätten, ließe sich überlegen, was für das Wohlbefinden von Einem oder dem Anderen auch unter uns Gesunden zu wünschen übrig bleibe. Denn was wir für Glück halten ist gewöhnlich ein Zustand, der uns selber gebricht.«

»Mit Ausnahmen, Doctor,« unterbrach ihn, das Zeitungsblatt aus der Hand legend, ein gegenübersitzender Herr, den wir ebenfalls noch jung nennen dürfen, wenngleich seine krausen, schwarzen Haare sich weiß zu durchziehen beginnen. Es ist der Neffe und Geschäftsgenosse des Hausherrn, das emsige Triebrad der großen Firma Peterson und Compagnie.

»Ich lasse Ausnahmen gelten,« versetzte der Doctor, »zum Beispiel Sie, Heinrich.«

»Er will niemals was Anderes, nur immer mehr als er hat,« rief die kleine Rosa lebhaft, »der Nimmersatt!«

»Der Arbeitsnimmersatt!« ergänzte der Doctor.

»Und wüßten Sie eine Befriedigung, welche der einer gelungenen Arbeit gleich käme?« fragte der Heros des Contobuchs.

»Schwerlich eine, die uns gleicherweise das Glück vergessen, wohl auch versäumen ließe,« antwortete der Doctor.

»Glück ist Arbeit,« beharrte Heinrich, »das heißt lohnende Arbeit. Sie steht an der Spitze jedweden anderen Bedürfnisses, und da alle menschliche Ordnung darauf gegründet ist, sie also jedem Individuum zugänglich erscheint, so folgt daraus, daß das wahrhaftige Glück nicht ein uns versagter, sondern ein nur nicht immer unseren Kräften entsprechender Zustand ist, dessen Natur weniger als sein Maß über unser Wohlbefinden entscheidet.«

»Für Freund Heinrich demnach ein Plus,« versetzte Bastian, »wer möchte mit Adam Riesen disputiren? Sie vielleicht, gute Beate?«

»Mein Glück bist Du, Waldemar,« sagte jetzt flüsternd die Braut, sich an Herrn von Heiser schmiegend. »Aber Du, Geliebtester, Du siehst mitunter so unruhig aus, ist denn auch Dir die Liebe Alles, Alles? Bist auch Du glücklich, Waldemar?«

»Ja, Adele, ich bin's, ich bin's,« versicherte der junge Mann. Sie blickte beseligt zu ihm empor und er fuhr fort:

»Ehe ich Dich kannte, freilich, da schien mir die Welt, meine Welt, so eng, daß ich oftmals zu ersticken fürchtete. Ich sehnte mich ins Weite, fühlte, daß ich in andern Zeiten hätte leben müssen: kämpfend gegen Riesen und Ritter, in den Jahrhunderten der Kreuzzüge für einen heiligen Glauben; auf Entdeckungen ausziehend mit den Eroberern einer neuen Welt, oder auch selber auf Heldenzüge unter Napoleons aufsteigendem Stern. Ich darf das sagen, erschrick nicht, Adele; er war der Feind meines Vaterlandes, und ich würde nach dessen Erhebung mit gleicher Begeisterung gegen ihn gestanden haben, wie als Franzose unter ihm bei Lodi und Arcole! Nur sich regen, begeistern, kämpfen! Nur nicht im Schlendrian versiechen! Auch war ich entschlossen, unserem tödtenden Einerlei zu entfliehen und mir einen lebendigeren Schauplatz für meinen Drang zu suchen: Spanien, den Kaukasus, Algier – gleichviel wohin, nur fort, fort! Denn Glück ist Bewegung, ist Wechsel, ist Kampf! Da sah ich Dich, Adele und blieb, fand in der Liebe zu Dir Ruhe und Bewegung zugleich!«

Der einundzwanzigjährige Held in spe hatte geglaubt, diese feurige Tirade nur an seine Braut zu richten, welche derselben mit andachtsvoller Unbefangenheit lauschte und mit Wonne die sprühenden Blicke ihres thatendurstigen Ritters in sich zog. Beide bemerkten nicht, daß die ganze Gesellschaft geschwiegen und mit den verschiedenartigsten Empfindungen dem jugendlichen Ergusse gelauscht hatte. Beate blickte traurig auf die harmlose Braut, Vater Peterson aber flüsterte bedenklich dem Doctor ins Ohr:

»Ich fürchte, ich fürchte, der Mann ist zu jung für den Ehestand. Ich hätte nicht so schnell Ja sagen sollen.«

»Ein Dosis Zärtlichkeit und drei Dosen Langeweile,« entgegnete Bastian ebenfalls leise, »dahin zersetzt sich am Ende das Ferment der Heirathslust, das gegenwärtig in unseren Kriegshelden unter dreißig Jahren so bedenklich grassirt. Sieh Dich vor, alter Freund, mit diesen beiden Kinderchen.«

Wir brauchen wohl kaum zu bemerken, daß diese Abendunterhaltung mehr als zwanzig Jahre zurückdatirt, und daß die Analyse des Doctor Bastian weniger spiritualistisch ausfallen würde, wenn sie in heutiger Zeit überhaupt angebracht wäre.

Alle waren unwillkürlich nachdenklich, ja ein wenig verlegen geworden, daher denn Katharine nach einer Weile begann, die stockende Unterhaltung aufzufrischen:

»Sie sondiren uns Alle, Doctor, sich selber aber wollen Sie uns entziehen,« sagte sie, »das ist nicht billig, denn seine Wünsche zeichnen den Menschen. Sagen Sie uns daher auch, was Sie von dem Glücke erwarten würden.«

»Eine schwierige Zumuthung das,« antwortete der Doctor, »denn ich erwarte nichts, mindestens nichts, was sich herstellen ließe. Ich wollte, wie jener elastische Serenissimus, ich wäre ein Zahnarzt und könnte der Zeit einen Zahn ausziehen.«

»Und ihr einen falschen einsetzen,« fiel Heinrich lachend ein.

»Keineswegs, nur ihr die harten Nüsse vorenthalten, bis ihr ein neuer gewachsen ist. Und warum sollte nicht gegenwärtig ein solcher Moment des Zahnens für die Zeit gekommen sein, wenn Doctor Bastian geschickt genug wäre, ihr die kranke Wurzel auszuschneiden?«

Man lachte, das Gespräch wendete sich hin und her. Nur der Hausherr und die gute Beate nahmen nicht daran Theil; er setzte ihr die Zweifel auseinander, die über des Brautpaars zukünftiges Glück in ihm aufgestiegen waren und so sagte sie eben jetzt, als die Gesellschaft eine Pause machte, im Verlaufe ihrer bisher leise geführten Unterhaltung:

»Ich glaube nicht an unbedingtes Glück, Herr Peterson; der Mensch ist nicht bestimmt glücklich zu sein.«

»Und welche Bestimmung hätte die Natur wohl sonst dem Menschen gegeben, den sie mit allen Fähigkeiten des Genusses auf diese Erde gestellt?« wendete Bastian ein. »Sind Krankheit, Armuth, Knechtschaft, Krieg und wie unsere Plagen alle heißen mögen, etwa göttliche Einrichtungen?«

»Vielleicht nicht,« antwortete Beate, »mindestens nicht alle; vielleicht sind sie die Folgen unserer Entartung. Aber eben dieser Trieb der Entartung in der Menschennatur neben dem Vernichtungskampfe zwischen allen Geschöpfen, neben dem unüberwindlichen Tod! Wer lernte nicht an einem Sterbebette, daß das Leben voll schmerzlicher Bedingungen und volles Glück undenkbar sei? Und dann diese heimliche Sehnsucht, dieses dumpfe Ahnen eines besseren Zustandes in jeder Brust, eines Zustandes, den wir nicht begreifen und der uns doch nicht ruhen läßt, dieses Haschen nach unvereinbaren Gegensätzen! Ja, das Glück existirt, aber nicht unter uns und ich sah noch nie einen glücklichen Menschen.«

»Vielleicht, daß diese Sehnsucht ein überreizter, überkommener Zustand ist, wie unsere übrigen Leiden auch,« wendete Bastian ein, »und so wenig wie diese, in den Absichten der Natur gelegen hat. Mögen Sie Recht haben, daß eine Summe von Resignation im großen Ganzen, gleichsam en bloc, unentbehrlich ist, wenn der Mensch sich nicht alle Tage mit partiellen Entsagungen herumquälen soll: im Einzelnen gehen Sie zu weit, Beate. Hat Katharinens Nähe nicht überzeugend auf Sie gewirkt, vom Gegentheil überzeugend? Ist Katharine nicht glücklich?«

Alle blickten theilnehmend auf die also Berufene, die freundlich und dankbar lächelnd vor sich nieder sah. »So blühend und gesund!« rief ihr Vater.

»So schön!« der Lieutenant.

»So frei und unabhängig!« ein junges Mädchen, das bis dahin geschwiegen hatte, der Unterhaltung aber mit wachsender Theilnahme gefolgt war.

»So reich!« die kleine Rosa, deren Eltern und sieben Geschwister von einem kleinen Beamtengehalte lebten.

»So begabt und gebildet,« Adele und Heinrich zu gleicher Zeit.

»Und diese Ruhe der Seele, diese einfache Harmonie, diese Wahrheit und Freiheit der ganzen Organisation!« ergänzte der alte Doctor mit einem Anflug von Enthusiasmus und seine kleinen Augen funkelten bei der Schilderung dieses bewunderten Lieblings des Glücks.

»Ja, Du bist glücklich, Katharine,« sagte Beate mit feuchtem Blick, »schütze Dich Gott, daß Du es bleibest!«

»Ja, sie ist glücklich!« rief die Gesellschaft im Chor.

»Ja, ich bin glücklich!« bestätigte jetzt Katharine selbst, und ihre etwas tiefe, aber weiche und glockenhelle Stimme zitterte in freudiger Rührung. »Ja, ich bin glücklich! So glücklich, daß ich oft beschämt die Augen niederschlage vor den vielen Anderen, die es nicht sind; ja, daß mir ein Zustand unausdenkbar scheint, der mir die innere Ruhe stören könnte.«

»Den Frieden, den Born alles Glückes!« sagte Beate leise, indem sie herzlich ihre Wange streichelte.

»Und doch, Katharine,« hob jetzt Adele an, schüchtern und selig zugleich zu ihr hinüberblickend, »und doch, das höchste, das einzige Glück, das kennst Du nicht. Du hast noch niemals geliebt. Sehntest Du Dich denn nicht danach, Katharine?«

»Ja, Adele,« antwortete sie lächelnd, »ja, auf Momente. Welches Mädchen thäte es nicht? Auch habe ich, wie Ihr wißt, einige mißlungene Versuche gemacht, diesen Anwandlungen genug zu thun. Als sie scheiterten, bin ich aber just nicht unglücklich geworden und da ich heute vierundzwanzig Jahr alt werde, muß ich wohl annehmen, daß die Anlage zu diesem Zustande in meiner Natur nicht liegt – –«

»Gott sei Dank!« schaltete der Doctor ein.

»Und daß ich nicht bestimmt bin, zu Zweien zu leben,« fuhr Katharine fort. »Aber auch nicht allein, sondern mit Euch, meine theuern Freunde, mit allen Guten, die mir nahe treten, ja in Zukunft vielleicht noch in einem Kreise, der auch einem Familienleben gleichen soll, auf welches alle Liebe doch schließlich zielt, und der auch auf Liebe gegründet sein wird, aber auf eine Liebe, welche ich zu empfinden und zu begreifen im Stande bin.«

Das junge Mädchen, das sich bisher so schweigsam verhalten hatte, und dessen starke, aber interessante Züge eine ungewöhnliche Erregbarkeit ausdrückten, die Tochter eines erlauchten, aber verarmten Grafen und Katharinens nächststehende Freundin, wendete sich jetzt lebhaft, ja leidenschaftlich zu ihr und rief:

»Ja, glücklich, wer wie Du, Katharine, seine Natur erkennt und ihren Weisungen folgen darf. Aber mit jedem Tage deutlicher zu sehen, was man sollte und könnte und jeden Tag von neuem gegen das Vernünftige ankämpfen müssen, o es ist schwer, es ist unerträglich. Und so ist es mein Loos – –«

»Ich fürchte Sie täuschen sich, Gräfin Ulrike,« unterbrach sie Beate sanft, »wie bald würden Sie entzaubert sein. Alle Schwierigkeiten und Hemmnisse abgerechnet, giebt es Unlauterkeiten, dem Künstlerleben anklebend, welche Ihnen bald das ganze Dasein verleiden würden. Schützen Sie Ihr schönes Talent vor dem Handwerke und vor dem Publikum, dem Ihre gesellschaftliche Stellung widerstrebt, schätzen Sie das Glück, eine solche Gabe nur zur Freude weniger Verstehenden verwenden zu dürfen.«

»Nein, nein, ich brauche mehr, mehr Raum, ein lauteres Echo, eine andere Welt!« rief die Gräfin leidenschaftlich.

»Gewiß, liebe Gräfin, Sie verkennen Ihren Beruf,« beharrte Beate mit wehmüthigem Blick.

»Ich kenne ihn,« sagte Ulrike stark. »Ich kenne ihn. Schon als Kind habe ich ihn gefühlt, bewußtlos zwar, aber tief und deutlich. O, lassen Sie es mich einmal an den Tag bringen, was die Qual meiner ganzen Jugend gewesen ist, was mir noch heute die Brust zu sprengen droht. Ich hatte niemals ein Schauspiel gesehen, kleine Darstellungen selbst, wie sie bei festlichen Anlässen in heiteren Familienkreisen statt zu haben pflegen, waren mir fremd geblieben in unserem großen einsamen Schlosse, in welchem die Dürftigkeit eingezogen war und ein Schatten herkömmlichen Glanzes nicht weichen sollte. Ich hatte keinen Musikunterricht gehabt und niemand anders singen hören als die Gemeinde in unserer Dorfkirche und die Knechte und Mägde auf dem Wirthschaftshofe unseres Pächters – richtiger unseres Herrn. Aber ich sang. Ich sang, wie andere Kinder plaudern und spielen, alle meine Stimmungen wurden Gesang. Als ich lesen gelernt, schwer genug und spät genug – denn mein Vater war der Ansicht, eine Gräfin brauche wenig mehr zu lernen als französisch sprechen und Anstand – da las ich mit Leidenschaft. Gierig verschlang ich ohne Wahl, was der Zufall mir in die Hände würfelte. Ich fühlte mich als die Gestalt, die mich in meinen Büchern am lebhaftesten interessirte, ergänzte Gespräche und Schicksale aus meiner Phantasie, sang sie nach selbstgeschaffenen Melodien und stellte sie dar in meinem einsamen Zimmer. Ich sang als Robinson und Virginie, als Andromache und Dornenröschen, sang die Heldinnen aller alten Romane, die ich in der Schloßbibliothek fand, wie der neuen, mit denen die Frau Pächterin mich gefällig aus der Stadt versorgte, immer ohne Zeugen natürlich, in meinem Zimmer, oder auf Streifereien in Garten und Wald. Meine arme Mutter war fortwährend siech, ich gänzlich ohne Aufsicht. Hatte ich kein anderes Buch, nahm ich unserer Wirthschafterin alte Postille, wählte mir Scenen und führte sie auf. Ja, diese am liebsten, denn es giebt kein die Phantasie anregenderes und gestaltenreicheres Buch als das alte Testament. Von regelmäßigem Unterricht war wenig die Rede; was unser alter Pfarrer wußte, lernte ich trotz meines glücklichen Gedächtnisses langsam, weil er meine Einbildungskraft nicht zu beschäftigen verstand. Von der Welt hatte ich kaum eine Vorstellung; Freunde, Kameraden fehlten mir gänzlich und doch fühlte ich kaum einen Wunsch, kaum ein Verlangen, denn ich konnte singen, singen wie der Vogel singen mag, wie die Blume duftet und die Quelle rauscht. So wurde ich sechzehn Jahr. Mein Vater entschloß sich um diese Zeit zu einer Reise nach Paris, sich mit einem Lehnsvetter zu verständigen, der dort seit seiner Jugend lebte. Er nahm mich mit sich, um mich dem einzigen Verwandten bekannt zu machen, auf dessen Schutz ich nach seinem Tode etwa hätte rechnen können. Alle Eindrücke der Reise waren mir neu, der Contrast mit meiner stillen Vergangenheit schneidend; doch hatte ich mehr Pein davon als Genuß: denn meinem Vater im geschlossenen Wagen gegenüber konnte ich die neuen Eindrücke nicht singen, und nur das wurde mir klar, was ich besang. Der Empfang der Verwandten war freundlicher, als die unangenehme Geschäftsveranlassung zu erwarten gab, meine Einfalt lauter neuen Gegenständen gegenüber interessirte meine Tante, eine kinderlose Französin des ancien regime; sie nannte mich »Sauvage« und belustigte sich damit, mich zu civilisiren. Eines Abends führte sie mich zu den Italienern. Allen ihren Erläuterungen zum Trotz hatte ich keine deutliche Vorstellung von einer Oper, ich wußte nur, daß man singen werde und mein Herz klopfte in stürmischer Erwartung. Man spielte den Othello und ich hörte die Malibran. Was soll ich sagen? Ich war dem Wahnsinn nahe, mußte, in den Wagen getragen werden und wieder heraus; ich fiel in ein heftiges Fieber. Es sind mir wenig Erinnerungen aus jener Zeit geblieben, nur daß ich mich unaussprechlich glücklich, ja selig fühlte. Meine Tante war außer sich; die Aerzte schüttelten den Kopf; ich hatte keinen Schmerz, keine Klage – ich sang nur, sang bei Tage, sang des Nachts in meinen Träumen und zehrte mich ab zu einem Schatten, bis endlich der Arzt, da ein physischer Grund für meinen Zustand nicht aufzuspüren war, den wahren in der Aufregung jenes Opernabends zu vermuthen begann und meiner Tante den Rath gab, homöopatisch Gleiches mit Gleichem zu vertreiben. So fuhren wir denn noch einmal zu den Italienern; die Malibran sang die Norma. Wie mir war, mag es den Seligen zu Muthe sein, denen der Himmel sich öffnet. Ich wußte nicht, daß ich im Schauspiel sei, unter der ersten Gesellschaft von Paris; ich merkte nicht, daß alle Blicke, alle Lorgnetten sich auf die exaltirte Fremde richteten, deren Zustand nicht unbekannt geblieben war, der man sogar den Namen l'Allemande chantante, gegeben hatte – –«

»Entschuldigen Sie, Gräfin,« unterbrach sie der Doctor, »wir lasen in der Presse: l'Allemande enchantante!«

Ulrike fuhr, ohne sich durch den schmeichelnden Spötter stören zu lassen, fort:

»Ich sah nur die Malibran, hörte nur die Töne, die mir neu waren und ach so bekannt schienen, wie eine Heimathssprache. Mitten im Schauspiel fühlte ich mich zum ersten Mal in der wirklichen Welt. Mein Fieberzustand wich; ich wurde still und nachdenklich, lauschte unablässig einer Stimme, die in meinem Herzen rief: »Du mußt werden wie die Malibran!« So trat ich endlich vor meinen Vater mit einem festen Entschluß. Ich hatte ihn noch nie um etwas gebeten; ich bat auch heute nicht, ich erklärte ihm rund heraus: ich werde Sängerin werden. Ich will die Scene nicht schildern, welche dieser Erklärung folgte; mein Vater hielt mich für toll und in der That, er litt entsetzlich: eine Reichsgräfin Komödiantin! Da sein Geschäft erledigt war und die Aerzte mich für gesund erklärten, packte er mich in seine altmodische Kutsche und fuhr mit mir heim. Die pariser Luft schien ihm gefährlich. Zu Hause angekommen, wendete ich mich mit der gleichen Forderung an meine Mutter. Sie war nicht weniger entsetzt als der Vater, da sie sah, daß ich vollständig bei Sinnen sei und sie die schwierige Aufgabe übernehmen mußte, mich über die Bedingungen und Forderungen meines Standes aufzuklären. Anfänglich verstand ich sie kaum, begriff nicht, daß die Malibran nicht vom höchsten Adel wäre. Sie suchte mir die Schmach zu verdeutlichen, die nach ihrem Ausdruck in dem Handel mit den Gaben der Natur liegen solle. Edelleute schachern nicht, hieß es. Ich wurde auf einmal klug, fand nicht allein, daß mein Vater seine Güter verpachte, Holz und Wild verkaufe, sondern auch, daß sein bester Freund Minister sei, eine weitläufige Cousine schlechte Romane schreibe und daß sich Beide von Staat und Publikum für ihre geistigen Thaten und Werke so gut als möglich bezahlen ließen. Ich stellte ihr vor, daß ich durch mein Talent ihr, und dem Vater eine freiere Existenz bereiten, die meinige nach ihrem Tode sichern würde, ich weinte, bat, drohte heimlich und eigenmächtig meine Sehnsucht zu stillen, ich war zum Aeußersten gereizt und geneigt und – meine arme Mutter fiel in Krämpfe, schwebte wochenlang am Rande des Grabes. An ihrem Krankenbette, unter den Paroxismen, in welchen die mächtige Mutterliebe mit dem allmächtigen Vorurtheile rang, in der Oede dieses Schlosses, dessen Scheinbesitz wir fremder Großmuth zu danken hatten, brachte ich einem Wahne das Opfer meiner Empfindung. Einem Wahne, den ich verachtete, einem Stande, dem ich niemals mit Bewußtsein oder Vortheil angehört hatte, meinen Eltern, die ich hätte frei machen können und deren Abhängigkeit mich zu Boden drückte, opferte ich diese Fülle von Träumen und Hoffnungen, den Grundton meiner Bildung, Beruf, Freiheit, opferte ich die Kraft meines ganzen Lebens.«

Ulrike stand rasch auf, ihre Stimme zitterte und die sonst gelblich bleichen Wangen glühten in Purpur. So rückhaltslos hatte sie sich, außer etwa gegen Katharinen, noch niemals ausgesprochen. Sie fühlte, daß sie zu weit gegangen war und winkte mit der Hand, sie allein zu lassen. Bald hörte man aus dem Nebenzimmer die mächtigen Töne einer Gluck'schen Arie, durch welche die Aufgeregte das immer sturmvolle Wogen ins Gleichgewicht zu bringen suchte.

Die Freunde lauschten eine Weile schweigend, Katharina gedankenvoll, Bastian mit einem Ausdruck von Grimm. So bitter haßte er ja keine Tyrannei als die »wohlmeinender Absurdität.«

Doctor Bastian war es gewesen, der während jener Krankheit der Gräfin ihrer unglücklichen Tochter in Katharinen eine erste, einzige Freundin geworben hatte. Beide waren seitdem nicht müde geworden den grellen Mißklang zwischen dem äußeren und inneren Loose ihres Schützlings zu mildern; auf Katharinens Bitte hatte ihr Vater die Ordnung des langwierigen Beßdorf'schen Concurses in die Hand genommen. Der Graf blieb, wie seine Tochter es richtig bezeichnet hatte, in einer Art Scheinbesitz seiner verwitterten Herrlichkeit; er bewohnte im Sommer die Herrschaft Beß, welche nach seinem Tode an Peterson fiel, und eine stipulirte Rente gestattete Vater und Tochter – die Mutter war vor Jahr und Tag gestorben – den Winter in der Residenz zu verbringen.

Hier war es nun, wo Ulrike den ersten und besten Unterricht in der Musik erhielt, sich wunderschnell ausbildete und immer von neuem sehnsüchtige Blicke in ein Gebiet schweifen ließ, dessen treueste, wenn nicht glänzendste Bürgerin sie sich zu werden getraute.

Das Schicksal des interessanten Mädchens wurde nun heute nach dem leidenschaftlichen Erguß mit allseitigem Antheil in Betracht gezogen. Man suchte nach Mitteln der Hülfe, mußte sie aber sämmtlich als unzureichende Palliativen von dem Doctor verworfen sehen.

Endlich sagte Katharine: »Und Reisen. Mein guter Vater hat mir so oft den Vorschlag gemacht, Italien zu sehen; wie wär's, wenn ich ihn jetzt annähme und Ulrike uns begleitete?«

Indessen auch hierzu schüttelte der Doctor den Kopf. Der alte Graf wäre zu hinfällig, um gegenwärtig von seiner Tochter verlassen zu werden. Auch gab er unverblümt zu verstehen, daß der Reichsgraf Beßdorf-Beß seine Tochter nicht als Schützling eines getauften Juden in der Welt umher ziehen lassen werde.

Katharine, am Ende alles Raths, schwieg betrübt. Die kleine Rosa aber sprang in die Höhe wie elektrisirt und rief:

»Wie, Ina, Du dürftest reisen und sitzest stille? Aus freiem Willen zu Hause still? Die Welt sehen, die Welt durchfliegen, hältst Du denn das nicht für ein Glück?«

»Nein, liebes Kind,« antwortete Katharine lächelnd, »höchstens für eine Zerstreuung, und das Glück nach meinem Sinne braucht, ja es verträgt keine Zerstreuung. Es muß gleichförmig sein, wie Zettel und Einschlag des Leinenwebers. Es geht mir mit den Reisen, wie es mir mit der Liebe gegangen ist; ich habe mich zu Zeiten danach gesehnt, aber bald gefunden, daß ich auf Reisen nicht zu Hause sei. An dem schönsten Orte der Welt würde mich nach dem kleinen heimischen verlangen, in welchem die Menschen leben, die ich kenne und liebe, durch die ich auf mich wirken lasse und auf die ich wirke. Mit Ulriken wäre ich gern gereist; allein will ich es mir auf langweiligere Zeiten ersparen. Ihr wißt es ja, mein Traum von Glück war immer ein ländliches Heimwesen in einer baumigen Gegend, unter einer Summe von Menschen, für welche meine Wirksamkeit eben ausreicht. Da möchte ich ein Häuflein Kinder heranziehen nach meiner Sinnesart, mit so viel Freiheit als mein guter Vater meiner eigenen Entwicklung gegönnt hat, und zu so glücklichen Menschen, als ich selber mich einer fühle. Wie oft bin ich schon jetzt im Geiste in meinem Thale geschäftig! Ich richte Arbeitsstuben ein, Krankenstuben, Kinderstuben, Volksbibliotheken, die ich in aller Eile erst selber schreibe, ich pflanze Bäume für die Enkel meiner Waisen, mein heimisches Thal soll ein Garten sein und meine Menschen – nun eben Menschen!«

Katharine hatte gegen ihre Art ihre Schilderung in die Breite gezogen, um die wiedereingetretene Ulrike zu zerstreuen. Jetzt kehrte auch ihr Vater, der vor einigen Minuten das Zimmer verlassen hatte, in dasselbe zurück. Seine Augen strahlten von einem ganz besonders freudigen Ausdrucke, und seiner Tochter ein Papier überreichend, sagte er mit bewegter Stimme:

»Ich bin Dir noch das heutige Angebinde schuldig, liebe Katharine, mich dünkt, daß ich das Rechte getroffen habe. Möge es Dir Glück und Freude bringen, mein gutes Kind.«

Unter den gespannten Blicken ihrer Gäste entfaltete die Beschenkte das Blatt, hatte aber kaum den Blick darauf geworfen, als sie es fast erschrocken auf den Schooß fallen ließ und mit von Thränen zitternder Stimme nichts weiter hervorbringen konnte als: »Mein Vater.«

»Du wirst heute mündig nach dem Gesetz, liebe Tochter,« sagte der gütige Mann, gerührt über den Ausdruck innigster Freude, die er hervorgerufen; nimm dies Document als Rechnungsablegung für das Erbe Deiner seligen Mutter, das ich bis heute verwaltet habe.«

»Vater!« rief Katharine, seine Hand an ihr Herz drückend, »Vater, welche Großmuth!«

»Großmuth gegen mein einziges Kind?« entgegnete lächelnd Herr Peterson. »Mich soll nur freuen, wenn meine Wahl Deinen Beifall hat. Ich glaube ein vortheilhaftes Geschäft mit dem Kaufe gemacht zu haben, bei meiner Hinfälligkeit mußte mir daran liegen, Dich je eher je lieber Deiner Neigung angemessen etablirt zu sehen. Du würdest nach meinem Tode nur Verlegenheiten gehabt haben, denn auch die klügsten Frauen verstehen sich schlecht auf derlei Unterhandlungen. Laß mich hoffen, daß ich die vorliegende wie zu Deinem Vortheil so nach Deinem Geschmacke abgeschlossen habe.«

Der Doctor unterbrach die erwartungsvolle Pause, welche nach diesen Worten im Kreise entstanden war, indem er auf einen Wink seines Freundes das Document aus Katharinens Hand nahm und den ersten Artikel desselben vorlas, nach welchem der Besitztitel des freiherrlich Redau'schen Allodialgutes Redau auf Fräulein Katharine Peterson übertragen worden war. Die Freunde brachen in lauten Jubel aus; einige kannten die Besitzung, andere hatten von ihr gehört. Man rühmte die angenehme Lage, die geschmackvollen Baulichkeiten, die hohe Rentabilität. Man gratulirte dem Verleiher wie der Empfängerin eines so fürstlichen Geschenks.

»Und einen Schatz birgt es noch obendrein,« nahm schließlich die gute Beate das Wort.

»Einen Schatz?« unterbrach sie die kleine Rosa neugierig.

»Einen Schatz in einem Menschenherzen, einen Prediger –«

»Einen Magister!« meinte die Kleine, enttäuscht das Näschen rümpfend.

»Ein edler und gebildeter Mensch in einer kleinen, ländlichen Gemeinschaft ist ein Segen, den unsere Katharine wohl zu schätzen wissen wird,« entgegnete Beate sanft verweisend, und setzte nach einer Pause lebhaft hinzu, »und welch ein Mensch ist Erasmus Lorenz?«

»Erasmus Lorenz?« fragte der Doctor überrascht, »doch wohl nicht gar der Verfasser des Johanneischen Lebens?«

»Derselbe,« antwortete Beate. »Hat sich der von seinem himmelstürmenden Fluge in einer Landpfarre niedergelassen?«

»Auch ich vernahm es mit Staunen. Ließ sich doch diese freiwillige Beschränkung keineswegs voraussehen.«

»Aber woher kennst Du ihn, Beate?« fragte Katharine.

»Wir sind Landsleute, waren Jugendgespielen,« antwortete sie.

»Und hast doch seiner niemals gegen uns erwähnt?«

»That ich es nicht? Das wundert mich, denn sein Lebensgang hat mich vielfach beschäftigt. Schon als Kind zeigte sich seine ungewöhnliche Natur, wechselnd zwar in ihren Richtungen, leidenschaftlich selbst, aber immer ernst, gleichsam mit eingehegter Flamme nach dem Ziele strebend, das ihm eben vor Augen leuchtete. Sein Vater, der Präsident Lorenz, hatte den einzigen Sohn für seine eigene richterliche Laufbahn bestimmt; aber kaum daß derselbe das letzte staatliche Examen glänzend zurückgelegt hatte, und im Begriffe stand ein angemessenes Amt anzutreten, als plötzlich, wenngleich vielleicht längst vorbereitet, das Licht von Damaskus über dem jungen geistreichen Weltmann aufging und ihn zu einer in seinem Kreise vielbesprochenen Umkehr bewegte.

Als Student der Theologie bezog er noch einmal die Universität. Da sein Vater indessen mittellos gestorben war, wie man sagte unversöhnt über den ihm widerstrebenden Entschluß des Sohnes, so hatte dieser hart selber um das Notwendigste zu kämpfen.

»Ein Kitzel für alle Schwärmer!« fiel Bastian ein.

Beate aber fuhr warmen Eifers in ihrer Mittheilung fort:

»Doch drang er durch. Es hieß damals, daß er Missionär zu werden beabsichtige. Indessen sahen wir ihn bald nach zurückgelegten Studien sich als Docent in H. habilitiren. Seine Aufsehen erregenden Schriften, das Johanneische Leben vor allen, erschienen in jener Zeit, die glänzendste akademische und literarische Laufbahn zeigte sich ihm geöffnet. Wie sehr mußte es daher Wunder nehmen, ihn plötzlich dieselbe verlassen und sich in den demütigsten Beruf zurückziehen zu sehen. Ach, er mochte erkannt haben, daß je enger unsere Welt, desto sicherer Glück und Heil in ihr gegründet sind.«

»Nun, sehen wir, wie die Burgfrau von Redau mit diesem neumodischen Säulenheiligen fertig wird,« meinte der Doctor, und der Gegenstand war damit abgethan, da die bekannte Richtung des Freundes der guten Beate in diesem Kreise wenig Anklang fand. Man kehrte zurück zu dem glücklichen Geburtstagskinde, dessen kaum ausgesprochener Wunsch auf die überraschendste und angemessenste Weise erfüllt worden war.

»Ja, fast möchte mir bange werden vor dem Neide der Götter,« sagte Katharine lächelnd.

»Wir glauben nicht mehr an neidische Götter im Himmel,« entgegnete Bastian. »Die Quelle von Glück und Unglück strömt in uns selbst.«

»Aber aus Gott!« flüsterte Beate der Freundin zu.

Man lachte und scherzte, baute Lustschlösser und Pläne; der Abend ging in der heitersten Stimmung zu Ende und so trennte man sich spät mit dem Versprechen, sich am nächsten Sonntag zur Uebergabe des Gutes an die neue Herrin auf Schloß Redau wieder zusammen zu finden.

*

Herr Peterson und Fräulein Beate waren schon mehrere Tage auf dem Gute beschäftigt gewesen, um es vollständig eingerichtet und festlich geschmückt der geliebten Eigenthümerin zu übergeben, als der Morgenzug der kürzlich errichteten Eisenbahn jene mit ihren Gästen herbeiführte. Die goldenste Maisonne lachte über dem anmuthigen Thale; keine der üblichen Empfangsfeierlichkeiten war zur Begrüßung gespart; die Straße des Dorfes mit Birken bepflanzt und mit Blumen bestreut. Die Schuljugend bildete Spalier unter Führung ihres Hirten, eine Ehrenpforte prangte mit einem blumigen »Willkommen,« Bauern und Hofgesinde drängten sich, Vivat rufend, um die neue Herrin und just als dieselbe die Schwelle ihres Hauses überschritt, ertönten die sonntägigen Glocken, die Gemeinde zu gewohnter Stunde in die Kirche rufend. Der Prediger hatte, in Wartung seines Amtes, unter den Begrüßenden gefehlt.

Da der Gottesdienst bereits seinen Anfang genommen hatte, drängte Beate eiligst zu einer vorherigen Collation. Keiner mochte im Grunde an einen Kirchgang gedacht haben, doch erlaubte man sich nicht zu widersprechen und verschob die Betrachtnahme der irdischen Güter, bis man dem himmlischen Gute die Ehre erzeigt. Man betrat die herrschaftliche Kapelle, der Kanzel gegenüber, noch zu rechter Zeit, als eben der Prediger auf derselben erschien.

Katharine, welche schon während der Herfahrt, ja, wie ihre Freunde bemerkt, seit ihrem Geburtstagsabend auffällig ernst und innerlich beschäftigt gewesen war, vermochte während des stummen Eintrittsgebetes ihre Gefühle nicht in die gültige Formel zu fassen, welche alle Bedürfnisse der Menschennatur in so göttlicher Einfachheit zusammendrängt. Ihr Herz war voll von besonderem Segensflehen für die geliebtesten Menschen. Alles hatte schon Platz genommen, als ihr Blick auf die Kanzel fiel, auf welcher der Prediger sich eben von seinen Knien erhob. Sein Blick begegnete dem ihrigen und vielleicht, so gewagt diese verbrauchte Behauptung erscheinen mag, vielleicht entschied dieser erste Blick über Beider ganze Zukunft.

Aber wie eindrucksvoll war auch die Erscheinung des Mannes, dessen tiefer Lebenszweck seinem äußerlichen Wesen in edelster Schönheit eingeprägt erschien! Ein apostolischer Eifer sprühte auch aus seiner Rede, die, formenreich aber schmucklos, Bilder nur zur Verdeutlichung des Inhalts, so wie die Gleichnisse der Evangelien es thun, verwendete. Er nahm keinen Bezug auf das Tagesereigniß der Gemeinde, doch enthielt die Durchführung des unterlegten Textwortes manche deutliche Mahnung: »Viel thut Noth, sagt die Welt, Eins thut Noth, sagt unser Held!«

Katharine war nicht im Stande, dem Vortrage mit ungetheilter Aufmerksamkeit zu folgen; ihre beschäftigenden Gedanken und des Redners Persönlichkeit ließen sie nicht zu der erforderlichen Ruhe kommen.

Auch war der Eindruck dieser Persönlichkeit unter den Hörern ein allseitig empfundener, Beatens anregender Schilderung entsprechend. Nur Bastian sagte, nachdem der Gottesdienst zu Ende war:

»Ich hüte mich vor den Menschen, die im Eifer blaß werden wie dieser Lorenz.«

Katharine hatte keine Lust, auf die Paradoxe ihres alten Freundes einzugehen. Während ihre Gäste sich dem Hause zuwendeten, nahm sie den Arm der guten Beate und schlug mit dieser einen absondernden Weg nach dem Garten ein.

Eine Stunde mochte vergangen sein, als sie jetzt wieder zu der Gesellschaft trat, unter welcher sich jetzt auch der Prediger befand. Beate sah noch bleicher aus als gewöhnlich, sie hatte geweint, Katharinens Wangen aber waren wie von einer großen innerlichen Freude durchglüht. Sie warf sich in ihres Vater Arme und man bemerkte, daß sie mit einem einzigen zugeflüsterten Worte ein rasches, fast jugendliches Feuer auf seinem Angesichte entzündete. Sein alter Freund Bastian zwickerte bedeutungsvoll mit den Augen, als er ihn gleich darauf auf Beaten zuschreiten und mit ihr in der Thür eines Seitencabinets verschwinden sah.

Katharine begrüßte nunmehr den Prediger mit einigen herzlichen Worten, welche die Hoffnung gemeinschaftlichen Handinhandgehens im Interesse der schutzbefohlenen Gemeinde ausdrückten. Er erwiederte dieselben nur mit einer stummen Verbeugung. Ein Diener meldete bald darauf das bereitstehende Mittagsmahl und die neue Wirthin lud mit einer freundlichen Handbewegung ihre Gäste ein, ihr in den Speisesaal zu folgen. Sie schwankte einen Augenblick, wem sie den Arm geben solle. Da der Prediger ihr aber keinen Schritt entgegen that, nahm sie den des Doctor Bastian.

Vater und Freundin traten gleichzeitig von der entgegengesetzten Seite in den Saal und waren im Begriffe, ihr gegenüber an der Tafel Platz zu nehmen, als der Prediger hinter seinem Stuhle die Hände faltete und ein kurzes Tischgebet zu sprechen begann. Man schlug einigermaßen überrascht die Augen nieder, indem man sich dieser frommen Sitte fügte, dann setzte man sich und das Mahl begann.

Aber es wollte in dem sonst so regsamen Kreise heute zu keiner unbefangenen Mittheilung gelangen; Jeder schien eine Ueberraschung zu ahnen; man flüsterte halbe Worte, man tauschte verfängliche Blicke, bis sich denn endlich der Doctor erhob, sein Glas klingen ließ und mit feierlicher Stimme verkündigte:

»Das Burgfräulein von Redau bittet um Aufmerksamkeit für einen Toast.«

Und in der That stand Katharine leise erröthend auf und sagte nach einigem Besinnen mit freundlichem Lächeln und eine Thräne im Auge zurückdrängend: »Ja, sie rechnet auf einen freudigen Zuruf ihrer lieben Freunde, da sie die Erfüllung ihres theuersten Wunsches zu verkündigen hat. Als der beste Vater sie mündig sprach und ihr ein eigenes Heimwesen bereitete, da wußte sie keinen schöneren Dank, als für ihn um ein treues Herz zu werben und ihn mit dessen Ja zu beglücken. Trinken wir auf das Wohlergehen meines guten Vaters und unserer Freundin Beate als eines verlobten Paares!«

Ein jubelnder Beifall folgte dieser Erklärung, die keinen der alten Freunde überraschte. Die Braut lag schluchzend in den Armen der neuen Tochter, der Bräutigam drückte in heiterer Verlegenheit nach allen Seiten die Hände, der Doctor aber rief seelenvergnügt:

»So wäre denn wieder zweien Menschen auf den Weg des Wohlbefindens verholfen; der Eine hat einen Arzt, die Andere einen Patienten gefunden, ein Jeder just was er am besten gebraucht.«

Damit war alles in ein schönes Gleichgewicht zurückgekehrt; es herrschte die heiterste Stimmung. Katharine jedoch und der Prediger blieben ernst und gedankenvoll.

Der Abend führte alle Gäste nach der Stadt zurück, nur Beate, die bis zu ihrer Verheirathung bei der Freundin still auf dem Lande zu leben gedachte, saß mit dieser und dem wiedergefundenen Jugendgespielen allein in der duftenden Geisblattlaube vor dem Hause. Natürlich war es die Veränderung ihres Zustandes, um welches das Gespräch sich eingehend wendete; sie äußerte manche Zweifel, manche Bedenklichkeiten in Betracht ihrer Persönlichkeit und ihrer neuen Aufgabe; Katharine mußte aufklären, ermuthigen. Unmerklich aber und von Lorenz beherrscht, zog sich die Unterhaltung in eine allgemeine, höhere, ja in die geweihteste Sphäre, in Gebiete hinüber, welche in Katharinens bisherigem Kreise wenig zur Berührung gekommen waren. Kunst, Literatur, Politik, in gewissem Sinne Philosophie selbst, hatten denselben neben den Tagesdarbietungen ausgefüllt; das eigentlich Religiöse überließ man ohne Erörterung der stillen inneren Befriedigung. Der Mann, der den größten Einfluß auf diesen Kreis, wie auf Katharinens besondere Entwicklung ausgeübt, Bastian, war ein Jude. So hatten sie sich gewöhnt, das Unbegreifliche zu verehren, aber nur dem Begreiflichen Kraft und Thätigkeit zuzuwenden.

Und nun aus diesem frei in die Runde blickenden Vereine, der alle Wege überschauen möchte, die durch das Leben und wohl gar über dasselbe hinausführen, aus dem Kreise der rücksichtsvoll und duldsam Allen gerecht werden Wollenden – wie sie selber sich bezeichnen, – der Halben und Lauen – wie die Gegner sie schelten – trat Katharine jetzt unerwartet einem Manne gegenüber, der alle jene Gebiete durchlaufen und ihnen den Rücken gewendet hatte, der seine Kräfte nur nach einer einzigen geheimnißvollen Richtung concentrirte, einem Manne, der alles, was ihr bisher als Schmuck, ja als Zweck des Lebens gegolten, nur noch vorübergehend streifte, der seines Gleichen, vielleicht mit wenigen Ausnahmen, nicht wie fertige Menschen, sondern – und zwar im glücklichsten Falle – wie Kinder betrachtete, deren Spielzeug ihn langweilt, ja der zu Zeiten, wenn auch gegen seinen Vorsatz, aus Ungeduld hart und lieblos werden konnte. Getragen von einer auszeichnenden Persönlichkeit wurde diese concentrische Natur in ihrer freiwilligen Beschränkung und in der Schärfe und Knappheit aller Aeußerungen Katharinen von bedeutungsvollem Interesse, und indem die nächstfolgende Zeit, in welcher Beate viel in sich und außer sich mit Ordnen ihres neuen Zustandes beschäftigt war, sie näher auf einander anwies, er sie unter ihren künftigen Heimathsgenossen einführte, sie ihre hnmanistischen Pläne mit ihm besprach, wurde er unmerklich der Gegenstand aller ihrer Gedanken.

Sie hatte sich entschlossen, nach des Vaters Verheirathung den größten Theil des Jahres auf ihrer Besitzung zu leben, um der neuen Mutter den erforderlichen Raum zum festen Fußfassen im väterlichen Hause zu gewähren. Aber wohl erkannte sie den Umfang des Opfers, von nun an aufzuhören der Mittelpunkt eines glücklichen, harmonischen Kreises zu sein, fühlte sie die Nothwendigkeit eines Ersatzes und glaubte denselben in thätiger Durchführung ihrer Jugendträume zu finden.

Indessen, wir wissen es ja, Handeln und Schaffen, und wäre es das Richtigste und Beste, vermögen ein weibliches Herz nicht auszufüllen, es fordert Anschluß, den Einfluß einer Person, es will sein, dem Besonderen besonderes sein; und so könnten wir es wohl erklären, daß die Erscheinung des Predigers Lorenz, vor Katharinen aufsteigend, in dem Augenblicke, wo gewohnte, theure Bande sich lockerten, ihr so vielbedeutend werden mußte. Aber warum sollten wir umständlich zu deuten suchen, was ewig unergründlich bleiben wird! Mögen die Gelegenheiten noch so verführerisch zusammenfallen, der Funken, der beim ersten Begegnen eines Menschen plötzlich im Herzen zündet und oft die Gegensätzlichsten mit electrischer Strömung verbindet, der wird und soll ein Geheimniß bleiben. Und ein Geheimniß konnte es ja auch nur sein, das einen Mann, dessen ausschließliches Streben auf das höchste Geheimniß gerichtet war, jählings mit allmächtigem Zauber umfing; das in einer, Entsagung als hohes Gebot, ja als eine Art von Genuß empfindenden Brust die Sehnsucht nach Befriedigung anfachte, eine Leidenschaft entzündete, die auch im Nerve des Märtyrers auf Augenblicke noch rege wird.

Wohl könnten wir auch diesen Zustand vernunftgemäß zu entziffern suchen, könnten behaupten, daß ein ehemals aufgeregtes, heute einsames und durch äußere Thätigkeit ungenügend ausgefülltes Leben, daß Katharinens Schönheit im Verein der reichen Gaben mit welchen Bildung und Glück sie bedacht hatten, ihn für denselben empfänglich machen mußten; aber wir würden mit dieser Behauptung nur wenig bewiesen haben. Erasmus Lorenz war sich des anziehenden Zaubers des schönen Mädchens fast in denselben Augenblicke bewußt geworden, als ihr großes, dunkles Auge zum ersten Male dem seinigen begegnete; aber er hatte auch eben so schnell in ihrer Erziehung, ihren Verbindungen, ihrer selbständigen, gesellschaftlichen Stellung, ja in den Zügen ihrer Race, erkannt, was sie trennen müsse. Nein, das war nicht das Weib, das er sich oftmals im Geiste zuzugesellen gewünscht, um es in demüthiger Beschränkung zu gemeinsamen Heilandsdienst in ein christliches Pfarrhaus einzuführen.

Während daher Katharine mit der vollen vertrauenden Unbefangenheit ihres Wesens seine Gegenwart suchte, floh er die ihre – wollte sie fliehen – und kehrte doch immer von neuem in die verlockende Nähe zurück.

Die mannigfaltigen Beziehungen, die ihre äußere Stellung zu einander herbeiführte, konnten diese Nachgiebigkeit in seinen eignen Augen nur schwach entschuldigen, denn gerade in dem Grundzwecke der verbessernden Anlagen that sich, wenn auch anfänglich nur leise angedeutet, die tiefe Kluft ihrer Anschauungen kund; sie wollte die Existenzen erweitern, er sie in eine Mitte ziehen.

Eine der ersten dieser eingeleiteten Anlagen sollte eine Pflegstätte für kranke, der Elternsorge entbehrende Kinder sein, denen in ländlicher Freiheit sorgfältige Abwartung, und wo Genesung unmöglich war, eine lebenslängliche, liebreiche Versorgung zugedacht wurde, und sehen wir bei Ausführung dieses Planes auch den Doctor Bastian mit einem gemächlichen Eifer thätig, der außer dem allgemeinen menschlichen, noch ein besonderes, persönliches Interesse zu bekunden schien. Er kam häufig nach Redau, die getroffenen Einrichtungen zu prüfen und wir dürfen nicht verschweigen, daß seine Gegenwart den Prediger mit einem unheimlichen, nicht immer glücklich verhehlten Gefühl der Abneigung erfüllte. Nicht als ob der ältliche, unschöne Mann mit der hochstehenden Schulter und frühgebeugten Haltung durch seine Person jene Mißstimmung hätte hervorrufen können, die wir am liebsten Eifersucht nennen möchten, sein geistiger Einfluß auf Katharinen war es, der ihn beeinträchtigend verletzte, mehr verletzte vielleicht als ein glücklicher Nebenbuhler es vermocht haben würde.

Unter diesen innerlichen Bewegungen kam der zu der Verbindung Vater Petersons mit der guten Beate bestimmte Tag heran, welcher die uns beim Beginn dieser Erzählung bekannt gewordene Gesellschaft zu einer stillen Feier auf Schloß Redau versammeln sollte. Am Vorabend desselben standen das Fräulein, die bangbewegte Braut und der Prediger am Eingange des Parks, der Wagen wartend, welche die Hochzeitsgäste von der nahen Eisenbahnstation herbeiführten. Jetzt wurde der erste derselben sichtbar und, noch ehe er stille hielt, von innen geöffnet; die kleine Rosa hüpfte heraus und jubelnd der Freundin in die Arme.

»Ina,« rief sie, »Ina, ich bin Braut!«

»Braut?« fragte Katharine verwundert.

»Braut, seit vierundzwanzig Stunden Braut! O sieh nur das kostbare Armband, das er mir gestern zur Verlobung geschenkt, sieh nur den Shawl in den er mich vorhin im Wagen gewickelt hat! Nehme ich mich nicht aus wie eine Prinzessin? Alles, alles habe ich von ihm!«

»Von wem aber, Kind, von wem hast Du es?«

»Von ihm, von meinem Bräutigam, von dem liebsten, besten Menschen auf der ganzen Welt. In vier Wochen haben wir Hochzeit, und dann geht es fort mit ihm, hinaus in die weite Welt!«

»Du vergißt die Hauptsache, Kleine! Mit wem hältst Du Hochzeit, mit wem fliegst Du hinaus in die weite Welt?«

»Nun, mit wem denn wohl anders als mit meinem Heinrich, mit Eurem Heinrich, Du närrische Ina!«

»Heinrich Dein Bräutigam, Rosa?«

»Seit gestern Abend ja, Gott sei Dank. Wir sind nun Cousinen, Ina, und Du giebst uns einen Ball, einen Ball zum Polterabend, nicht wahr? Mir schwindelt der Kopf, wenn ich daran denke, wie ich mit einem einzigen Worte vom Glück überschüttet worden bin!«

Die Gesellschaft war indessen ausgestiegen und näher getreten. Katharine legte die Hand des Vaters in die von Beaten. Er drückte sie herzlich und Beide gingen langsam den Weg zum Schlosse voran. Katharine aber fragte, den befreundeten Kreis überblickend, unruhig:

»Wo ist Ulrike, Doctor?«

»In einem Trauerhause, liebe Katharine, ihr Vater ist diese Nacht gestorben.«

Alles schwieg eine Weile, selber die kleine Rosa schien den Contrast von Lust und Ernst, so nahe zusammengedrängt, zu empfinden. Endlich sagte Bastian:

»Es war eine Erlösung für Vater und Tochter. Das ist ja das Leben; hier giebt Vereinigung, dort Scheidung Raum für Bewegung und Freiheit.«

Auch Katharine mußte sich eingestehen, daß über den ersten Schmerz der Verwaisung hinaus dieser Verlust nur eine wohlthätige Wendung im Schicksale ihrer Freundin hervorbringen könne.

Unwillkürlich aber ließ sie ihr Auge auf Lorenz fallen und begegnete einem so strengen, fast zürnenden Blicke, daß sich der ihrige beschämt zu Boden senkte. Die tiefsten Geheimnisse des Menschenlebens, Ehe und Tod, wurden unter ihren Freunden gar leichthin, nach den weltlichsten Gesichtspunkten in Betracht gezogen, um ihre ewige Bedeutung sich wenig gekümmert! Sie konnte dieser Stimmung indessen nicht nachhängen, denn ihre Theilnahme wurde schnell nach einer anderen Seite hin in Anspruch genommen, da sie Waldemar und seine Verlobte, aus dem letzten Wagen steigend, auf sich zu kommen sah. Adele weinte, er schien vergeblich bemüht, sie zu trösten.

»Ach, Katharine,« rief sie schluchzend, »er geht fort, fort von mir, und siehe nur, siehe, wie er sich freut!«

»Und habe ich nicht Ursache zur Freude, mein lieber Engel?« entgegnete der Lieutenant lebhaft. »Welche Auszeichnung, welche Aussicht, welches Glück! Denken Sie, Fräulein Katharine, daß ich dazu designirt bin, unseren Prinzen als Adjutant auf seiner Reise nach Indien zu begleiten. Es ist mir wie ein Traum, wie ein Märchen. Nach Indien, halb um die Welt, in das Land der Wunder, der Kämpfe und der Abenteuer!«

»Und der Gefahren!« jammerte die Braut.

»Den Glücklichen flieht die Gefahr, Adele. Mit welchen Erinnerungen werde ich zu Dir zurückkehren, welchen Stoff wird unsere ganze Zukunft gewonnen haben!«

»Und meine Sehnsucht, meine Aengste, gelten sie Dir nichts, Waldemar?«

Katharine schloß sie mit tiefem Antheil in ihre Arme; Bastian aber, der Lamentationen nicht liebte, rief dazwischen:

»Geben Sie sich zur Ruhe, Kind! Sie haben einen Kriegsmann erwählt, Sie müssen sein Schicksal auf sich nehmen. Glauben Sie mir, er wäre kein vernünftiger Eheherr geworden, bevor das Leben ihn ein wenig durchgeschüttelt.«

»Ach, warum liebt er mich nicht, wie ich ihn liebe?« klagte das arme Mädchen unter strömenden Thränen.

»Ich bin ein Mann, Adele!« rief der Lieutenant stolz; »ich liebe Dich, ich werde Dich ewig lieben, aber ich habe noch einen anderen Beruf. Und es handelt sich ja nur um einen Aufschub unseres Glücks.«

»Unseres Glücks? O, wir werden es niemals erreichen. Und ich glaubte mich ihm schon so nahe, sah im Geiste unser kleines Haus schon aufgerichtet, blank und heimlich, traulich und still. – Man braucht ja so wenig, wenn man sich liebt, und nun – nun –«

Katharine hielt es für das Geratenste, die Jammernde ohne Zeugen dem Troste ihres jungen Helden zu überlassen; sie wendete sich daher dem Vetter Rechenmeister zu, dessen Bräutchen eben beschäftigt war, einen Rebenzweig mit Rosen zu durchwinden und ihn sich statt des abgenommenen Hutes auf die blonden, flatternden Locken zu setzen. Von Strauch zu Strauch mit vollen Händen die Blüthen abstreifend, die schönsten für ihren Kranz wählend, die übrigen achtlos von sich werfend, so eröffnete sie den Zug der Gäste wie eine freudestrahlende Hebe und streute Blumen auf seinen Weg.

»Du hast einen überraschenden Entschluß gefaßt, lieber Heinrich,« sagte Katharine, seine Hand drückend; »ich frage Dich nicht, ob Du glücklich bist, denn was hätte Deine Wahl bestimmen können als eine Neigung des Herzens?«

»Ja, liebe Cousine,« antwortete er lächelnd, »ich glaube das Richtige getroffen zu haben. Eine Heirath ist allemal ein Risico; doch wüßte ich für einen Geschäftsmann kaum etwas Wünschenswertheres als in seinem Hause eine fröhliche Frau.«

»Die kleine Rose denkt freilich noch wenig an Haus und Geschäft, sie sehnt sich heraus und rechnet auf Welt und Zerstreuung.«

»Sie wird sich beschränken lernen, Katharine. Sollte es so schwer sein, ein lachendes Herz im Zügel zu halten? Für den Augenblick wollen wir ihm Genüge thun; aber nur eine kleine Geduld und ich will Euch mein Röschen als die handlichste Hausfrau unter die Augen führen.«

Damit eilte er dem munteren Kinde nach, schlang seinen Arm um ihre Schultern und schritt an ihrer Seite der Gesellschaft voran.

Der Doctor hatte sich in einem Seitenwege verloren, welcher zu dem für das Kinderhospital bestimmten Garten hinausführte.

»Welche Eile er hat« – dachte Katharine ihm nachblickend – »sein armes, verkümmertes Kleinod zu bergen!«

Sie trat auf Lorenz zu, der ohne Anschluß schweigend und sichtlich verstimmt hinter allen Andern ging. »Sie sind ernst, mein Freund,« sagte sie, »ja Sie scheinen unzufrieden. Nehmen sie keinen Antheil an dem vielfach veränderten Schicksal eines Kreises, der Ihnen so nahe zu treten wünscht?«

»Ich fühle, wie fremd mir alle diese Anschauungen geworden sind,« antwortete er. »Mir ist, als ob ich eine längst gekannte Sprache reden höre, die ich kaum mehr verstehe.«

»Die Sprache der Glücklichen, der Hoffenden mindestens, lieber Lorenz?«

»Dieses Rennen und Haschen, diese Willkür der Neigungen nennen Sie Glück, Katharine?«

»Sonderbar,« entgegnete sie nach einer Pause gedankenvoll, »sonderbar, daß eben Zweifel ganz entgegengesetzter Natur mich beschäftigen. Wo Sie Willkür sehen, ahne ich Einschränkung. Wie viel werden diese lieben Freunde von ihren Neigungen und Erwartungen aufgeben müssen, um zu einem behaglichen Miteinanderleben zu gelangen! Die kleine Rose soll still sitzen lernen, Heinrich aus sich herausgehen, Woldemar zahm, Adele kühn werden. Können Menschen, die mit eigenthümlicher Fülle den Trieb haben, hier sich einzuschränken, dort auszudehnen, durch Neigung befriedigend verbunden werden?«

»Warum nicht?« antwortete Lorenz. »Noth und Zeit sind gewichtige Zuchtmeister und die Ehe die ausgleichende Macht für Temparement und Neigung. Man streckt sich, man schmiegt sich nach den Forderungen des Tages.«

»Aber der Einklang, das Glück, lieber Freund?«

»Einklang ist des Glückes unbedingte Grundlage nur in dem Gebiete, das von Ihren Freunden, Katharine, nicht in Betracht gezogen wird.«

»Und wie nennen Sie dieses Gebiet?«

»Das Reich Gottes. Hier und hier allein ist ein Compromiß der Erfahrungen ein Unding und jede Einigung zwischen Freiheit und Wahrheit eine Unmöglichkeit.«

»Auch für die Liebe, Lorenz?«

»Auch für die Liebe, Katharine.«

Sie gingen nach diesen Worten schweigend und gedankenvoll neben einander her; bis sie sich im Gartensaal mit der Gesellschaft vereinigten. Lorenz entfernte sich bald, da die morgende Feier seine Betrachtung in Anspruch nahm, Katharine aber wurde in das Schicksal ihrer Freunde hineingezogen. Es gab unvermutet so Vieles zu bedenken, zu beraten: Ulrikens Zukunft wurde fürsorglich erörtert, Heinrichs Einrichtung verabredet; der Doctor drängte nach Ausführung seines Lieblingsplanes vor dem Eintritt der herbstlichen Witterung. »Ich habe keine Ruhe,« sagte er, »bis ich das Kind hier geborgen weiß.«

Am meisten Beschwichtigung bedurfte die arme Adele. Man kam überein, daß sie während der Trennung von ihrem Verlobten unter dem Schutze einer älteren Verwandtin dem Hauswesen des Oheims in der Residenz vorstehen und ihre eigne kleine Häuslichkeit vorbereiten solle; man hoffte durch diese doppelte Beschäftigung sie am wirksamsten von ihrem Kummer abzuziehen. Herr Peterson gedachte den Winter mit seiner jungen Frau in Italien zuzubringen. Vielleicht daß der guten Beate eine baldmöglichste Einkehr in ihren ausgedehnten, neuen Pflichtenkreis anmuthender gewesen wäre; da der Brautstand aber ihren Freund noch nicht völlig – wie so Gott will der Ehestand es wird – von seiner hektischen Disposition befreit hatte, so fügte sie sich ohne Einwand in einen südlichen Aufenthalt. Das hingebende Eingehen in fremde Bedürfnis, der Trieb dienender Liebe war ja das ihr vom Himmel zum Ersatz für viele eigne Entbehrungen zuertheilte, untrügliche Pfand des Glücks. Die guten Dinge des Lebens: der reiche, liebreiche Gemahl, Fülle und Wechsel fielen jetzt nebenher und nachträglich in ihre zu Pflege und Hülfe bereite Hand.

Die Augustsonne strahlte heiter und glückverheißend, als die beiden gütigen Menschen, für das Leben miteinander verbunden, ihre Reise antraten. Am Abend kehrten die Freunde nach der Stadt zurück und Katharine blieb allein in ihrem neuen, stattlichen Schlosse. Ein Etwas, das sie sich nicht völlig klar machte, hielt sie in demselben zurück. Sie nannte es Wehmuth, vielleicht war es Sehnsucht, war es Hoffnung. Daneben freilich auch der Vorsatz, die verwaiste Ulrike in ihre Einsamkeit einzuladen um sie tröstend und ermunternd aus ihren schmerzlichen Erinnerungen in eine ungewohnte freie Existenz hinüber zu führen.

Die Sonne war gesunken, die halbgefüllte Scheibe des Mondes leicht beflort; über dem Rasengrunde des Parks erhob sich jener weiße Dunstschleier, welcher den Dämmerstunden des Spätsommers, wenn die Vögel nicht mehr singen und wenige Blumen noch duften, einen geheimnißvollen Zauber verleiht; einen Zauber, der an die Ahnungen unserer Seele erinnert, ohne welche der Herbst des Menschenlebens, trotz seiner Ernte, kahl und dürftig scheint. Die Luft war weich und warm, sehnsuchterweckend wie im Frühling. Der Duft würziger Harze und Moose drang aus dem Park und mischte sich mit dem der Fruchtbäume an den Spalieren des Gartens, denen entlang unsere Freundin einsam und bewegt auf und niederschritt. Der Wendepunkt, an welchem ihr Leben angekommen war, stand deutlicher vor ihrer Seele als in den vergangenen Wochen unruhiger Neuerung; sie sah sich an der Marke der Jugend, sie, die vielgepriesene Glückliche, die ihren Zustand jederzeit so rein und dankbar zu empfinden gewußt. Das Schicksal hatte ihr alles gegeben, wonach die menschliche Natur ein Verlangen trägt: schon dem Kinde eine gesicherte, friedliche Heimath, freie Entwicklung bei sorgfältigster Bildung, die Erfüllung jeden Wunsches meist noch ehe es denselben als solchen wahr genommen; dem jungen Mädchen: Schönheit, Anerkennung, Huldigung, Zuneigung von allen Seiten und in solchem Maaße, daß die natürliche Forderung der Jugend, sich durch ein anderes Wesen, durch ausschließliche, leidenschaftliche Hingebung zu ergänzen, nur in flüchtigen Momenten in ihrem Herzen aufgestiegen und ohne harten Kampf zurückgewiesen worden war, sobald Vernunft, oder Gewissen sie als eine Täuschung erkannten. Und jetzt, an der Grenze der ersten Jugend, sah sie jedes Begehren derselben für ein reiferes Alter vorzeitig erfüllt, sah sich unabhängig, in einem ansprechenden Wirkungskreise, umgeben voll treumeinenden Freunden; ihre nächststehenden Menschen waren zufrieden, was durfte sie wünschen? Besaß sie doch selbst, was die Grundbedingung ist alles Wohlbefindens: in der Anlage ihrer Natur einen beweglichen Geist und ein gelassenes Herz und wußte sie doch, daß sie das alles besaß – aber dennoch fühlte sie in sich eine Lücke – fast wie einen Schmerz.

»Soll ich anfangen zu hoffen, wo der Anspruch der Hoffnung aufzuhören scheint?« fragte sie sich, »soll ich die Unruhe der Sehnsucht empfinden, nun die Zeit der Ruhe gekommen ist?«

Sie setzte sich in die erhöhte Laube, da wo der Garten in den Park übergeht und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Warme Thränen träufelten von ihren Wangen nieder.

»Ja,« sagte sie sich nach einer langen Stille mit bebendem Herzen, »ja, ich fühle es, noch bin ich nicht über die entscheidende Grenze, noch bin ich jung, denn ich sehne mich nach einem Menschen und ich habe ihn gefunden – ich liebe ihn!«

Hatte sie laut gedacht? Hatte Er ihre Sehnsucht geahnt, sie durch die Thränen in ihrem Auge gelesen, im Schimmer des Mondes der eben jetzt, den weißen Abendhauch zerreißend, voll und klar ihr Antlitz beschien? Sie regte sich nicht, sie wagte nicht, um sich zu blicken, kein Laut der Ueberraschung entrang sich ihren Lippen, aber ein nie gekannter Schauer durchrieselte sie und in demselben Augenblicke ruhte ihr Haupt an dem ersehnten Herzen, ihre Arme umschlangen die geliebte Gestalt. Keines hätte zu sagen vermocht, von wem die Regung ausgegangen, wer zuerst das entscheidende Wort gesprochen. Vielleicht wurde es nicht einmal gesprochen mit vernehmlichen Lauten. Als aber Katharine spät am Abend in ihr einsames Zimmer zurückkehrte, rief sie mit aufgehobenen Händen und strahlendem Blicke:

»Ja, nun erst weiß ich, was glücklich sein ist, mein Gott, ich danke dir!«

Dann schlief sie ein, so sanft und selig, wie sie noch niemals den Schlummer empfunden zu haben glaubte.

Am andern Morgen wandelte sie schon früh an des Geliebten Arme durch die Gegend. In des abgeschlossenen Mannes Innern schien sich die Welt neu belebt zu haben; keinen Augenblick der Ruhe findend, von einer unsichtbaren Macht getrieben, sein ganzes Wesen in Aufruhr, war er im Angesichte ihres Hauses die Nacht hindurch Park und Garten auf und niedergeschritten. Als die Geliebte ihm entgegentrat, dünkte er ihr fast ein Anderer als der, den sie bisher gekannt hatte: er ging hoch aufgerichtet, Schritt und Worte flogen, eine jugendliche Röthe glühte auf den Wangen und seine Augen leuchteten.

»Erasmus!« rief Katharine, sich in seine Arme schmiegend, »Erasmus, wie schön bist Du!«

Die Tage dieser Woche vergingen in ungestörtem Entzücken. Er wich fast nicht von ihrer Seite; sie durchstreiften die anmuthige Gegend Arm in Arm stundenlang, fast ohne Worte. Es war, als ob sie sich nichts zu sagen brauchten, als ob sie schon alles wüßten, wenn sie bei einander waren. So machten sie auch keine Pläne für die Zukunft; Katharine bedurfte derselben nicht: wie hätte sie sich die Zukunft anders denken können als die Gegenwart, ein heiteres Fortwallen aus dem Heute ins Morgen, eine ungestörte Harmonie? Erasmus aber drängte sie zurück; er scheute eine Prüfung, er wollte glücklich sein. Eine lodernde Flamme hatte den Wall durchbrochen, welcher den innern Herd umgab; während Katharine die Strahlen ihres Herzens in einem Brennpunkte gesammelt sah. Darum war sie ruhig und er schien es nur.

Am Sonntage saß sie wieder der Kanzel gegenüber und sein Auge weilte auf dem ihren, als er sich vom Gebete erhob. Er sprach von der Liebe, dem Evangelium das der Tag gebot; aber er hatte den Text geändert, dem Gleichniß vom Samariter die Worte der Ruth an Naemi und damit dem geistlichen Begriffe einen menschlichen untergeschoben. »Rede mir nicht darein, daß ich umkehre und dich verlasse; wo du hingehst, da will ich auch hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch; dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr thue mir dies und das, der Tod muß dich und mich scheiden.«

Gewiß, so hatte er niemals gesprochen! Sein Vortrag war ein Preis der Liebe, als des Mittels zwischen Gott und Welt, zwischen Vergängniß und Ewigkeit.

Es war, als ob er seinen eignen Zustand rechtfertigen wollte, indem er den Zustand eines Herzens schilderte, aus dessen Stamme der hochheiligste Mensch, ein Gott, seinen Ursprung nehmen durfte.

*

Als Erasmus, nachdem er das priesterliche Gewand abgelegt, in das Zimmer seiner Freundin trat, befremdete es ihn, sie im Reisekleide zu finden.

»Wohin gehst Du, Katharine?« fragte er mit einem Ausdruck von Angst.

»Nur auf einen Tag, nur auf wenige Stunden zu der armen Ulrike,« antwortete sie, »morgen bin ich wieder bei Dir, mein Freund.«

»O bleibe, Katharine,« bat er, »dränge nicht so schnell ein Drittes zwischen Dich und mich.«

»Was könnte sich zwischen uns drängen, Liebster?« fragte sie verwundert.

»Die Welt!« sagte er mit gepreßter Stimme, »die Welt, der Du angehörst, Katharine.«

»Ich gehöre Dir, Erasmus,« entgegnete sie innig, »und ich ahne kein Drittes, das sich zwischen uns drängen könnte.«

»Es ist ein Unterschied zwischen Dir und mir, Katharine,« sagte er nach einer Pause gedankenvoll. »Ehe wir uns kannten, waren wir beide glücklich: Du in der Gegenwart, ich in der Hoffnung, wir glaubten nichts zu vermissen. Warst Du nicht glücklich, Katharine?«

»Ja, ich war es,« antwortete sie aufrichtig, »wie Vieles hatte sich vereinigt, um mich glücklich zu machen. Aber Du bist die Krone über meinem Glück, Erasmus.«

»Ein Blick, ein einziger Blick,« fiel dieser in sichtlicher Bewegung ein, »weckte in uns Beiden einen neuen Trieb. Dir, die Du alles hattest, nach einem Letzten, einer Krone, wie Du sagst; mir, der ich alles überwunden zu haben glaubte, zu einem Ersten, einem Keim. Du bist mein Alles, Katharine, gehe nicht von mir, wenigstens heute nicht.«

Sie legte Hut und Shawl bei Seite, beseligt durch den Ausdruck eines Gefühls, dessen Ausschließlichkeit sie vielleicht gar nicht verstand.

»Du hast Recht, Erasmus,« sagte sie, »dieser Tag hat zu schön begonnen, als daß wir ihn nicht mit einander zu Ende leben sollten. Wie hast Du geredet, mein Freund! Ja Du, Du weißt, was Lieben ist.«

Sie war ganz die alte: warm, hingebend und friedlich. Er aber blieb in sich gekehrt. Ein Schleier lag über seinen Augen, welchen ihre Zärtlichkeit nicht zu scheuchen vermochte; er sah blaß aus wie ehemals. Heute bedurften sie der Worte und Katharine sprach unbefangen von ihren Freunden, ihren Zukunftsplänen; sie freute sich der Zeit eines erweiterten, gemeinsamen Wirkens.

»Ich war heute vor der Kirche schon in unserem Asyl,« sagte sie unter anderm. »Das Glück hatte mich selbstsüchtig, alle meine Pflichten vergessen gemacht. Ich fühle es wie einen Vorwurf: die Liebe zu Einem muß ja die Liebe zu Allen erweitern.«

»Die Liebe zu Gott erhöhen,« verbesserte Lorenz.

»Heißt das nicht dasselbe, Erasmus? Oder schließen die beiden sich nicht mindestens ein?«

Er schüttelte schweigend den Kopf, sie aber fuhr, ohne es zu bemerken, fort:

»Darum dachte ich auch gleich an die trauernde Freundin, und schrieb an die Pflegerin, die wir für unsere Waisen bestimmt haben. Drängt doch Bastian täglich, uns seinen kleinen Schatz zu überbringen.«

»Bastian bringt Dir wen, Katharine?« fragte Erasmus stutzend.

»Ein unglückliches Kind, für das er sich interessiert und dem ich Pflege und Liebe versprochen habe,« antwortete sie.

»Wessen Kind?« forschte er von neuem.

»Ich habe diese Frage gescheut, Bester,« erwiederte sie unbefangen. »Sie ist ja auch überflüssig. Er liebt das Kind wie ein eignes, es bedarf der Hülfe, sei sie ihm denn gewährt, so weit unsere Kräfte reichen.«

Der Tag verging in traulicher Hingebung für Katharinen, in einem schwermüthigen Anflug für ihren Freund. Oder sollen wir ihn ahnungsvoll nennen? Als er sich am Abend von ihr trennen mußte, hielt er sie lange stumm an sein Herz gepreßt und eine Thräne zitterte in seinem Auge.

Am andern Morgen war Katharine auf dem Wege nach Beßdorf und in wenigen Stunden reichte sie der Freundin die Hand. Wie öde und kahl kam ihr deren Schicksal vor, wie grell der Contrast gegen ihr eignes, volles Glück! Darum war sie auch ganz Theilnahme, ganz Hingebung für die Arme, die in einem Jahre Vater und Mutter verloren hatte, und keinen hülfreichen Verwandten, keinen Freund besaß, als sie allein. Sie suchte leise Hoffnungs- und Freiheitsträume in ihr anzufachen, um den in Zwang und Leid erschlafften Geist neu zu beleben.

»Du bedarfst der Erholung, Ulrike, willst Du nicht mit mir kommen und einige Zeit still bei mir leben?« sagte sie liebreich, erröthete aber unwillkürlich bei den Worten, denn ihres Freundes Warnung: »Dränge keinen Dritten zwischen Dich und mich,« fiel ihr, wenn auch unverstanden, wieder ein, und als die Gräfin ihre Einladung ablehnte, fühlte sie sich unwillkürlich erleichtert.

»Du bist gut, ja Du bist gut, Katharine,« sagte Ulrike, »was danke ich nicht alles Deiner liebevollen Vermittlung! Jetzt aber laß mich noch einige Zeit allein mit mir selbst. Ich muß ungestört zu einem Entschlusse zu gelangen suchen. Sobald ich ruhig geworden, komme ich zu Dir.«

Kaum eine Woche früher – Katharine fühlte es mit einer Anwandlung von Scham, für welche sie aber nur sich selbst, nicht den Geliebten verantwortlich machte – kaum eine Woche früher und sie würde nicht geruht haben, den Widerstand der Bekümmerten zu brechen und sie ihrer trostlosen Einsamkeit zu entführen; heute, wie gesagt, ließ sie es bei der Ablehnung bewenden. Als sie aber wieder in ihrem Wagen saß, warf sie sich ihre Engherzigkeit vor und empfand es mit Reue, der egoistischen Neigung, mit dem Geliebten allein zu sein, das Wohlbefinden ihrer Freundin geopfert zu haben. Noch konnte, wollte sie nicht eingestehen, daß sie nur um seinetwillen nach einer Abschließung verlange, sie fühlte nur dumpf einen Zwiespalt in ihren Neigungen und einen Stillstand in ihrer regen, hingebenden Natur.

Lorenz kam ihr weit über die Grenze ihres Gebietes hinaus entgegen. Sie ließ halten und stieg aus dem Wagen, um mit ihm zu Fuße nach Hause zurück zu gehen.

»O, daß Du wieder bei mir bist, Katharine,« rief er hastig, »bei mir und allein!«

»Auch mir ist erst wieder wohl, seit ich Dich wiedersehe, Liebster!« entgegnete sie und setzte dann schüchtern hinzu:

»Aber, sage mir, Erasmus, warum scheust Du den Blick der Menschen, treuer, befreundeter Menschen, über unser Glück? Ich würde mich freuen, ihnen zurufen zu können: seht, so reich bin ich geworden! Warum dieses Geheimniß, mein Freund? Laß es uns wenigstens meinem guten Vater mittheilen und ihm dadurch den einzigen Wunsch erfüllen, den er vielleicht noch auf Erden hat. Und auch Du, Erasmus, hast Du keine Freunde, keine Verwandte, die an Deinem Schicksale Antheil nehmen?«

»Nein, Katharine, ich habe Niemand – Niemand als Dich. Auch bedarf ich keines als Deiner. Dich aber möchte ich ganz und tief in mein Leben hineinziehen, möchte eine Mauer um unsere Herzen bauen vor allen störenden Blicken der Welt. Mit Dir meine Seele ausschütten vor Gott, mit Dir allein!«

»Aber Du liebst doch die Menschen, Erasmus,« wendete sie ein, beseligt und beunruhigt zugleich durch die Innerlichkeit seines Gefühls, »Du thust ihnen Gutes. Dein Leben ist ein ununterbrochener Opferdienst für die Armen an Seele und Leib.«

»Das ist Leiden mit Christus, Katharine, mit Dir will ich mich seiner freuen, des Lebens freuen, das Seine Gegenwart geheiligt hat. O bewahre uns nur noch ein kurzes verhülltes Miteinander. Mir graut vor der Profanation der Welt!«

»Heute war es Katharine, welche beängstigt von etwas Unverstandenem und schweigend an seiner Seite ging. Er dahingegen war leidenschaftlich und stürmisch aufgeregt, wie sie ihn noch niemals gesehen hatte.

In ihrem Hause angekommen, fand sie Briefe aus der Stadt. Woldemar kündigte für den nächsten Tag seinen Besuch an, um Abschied zu nehmen auf lange Zeit. Die arme Adele hatte einige Zeilen hinzugefügt, halb von ihren Thränen wieder ausgelöscht. Dahingegen schrieb Rosa recht im Uebermuthe ihres bräutlichen Glücks. Die Hochzeit stand nahe bevor, sie mahnte an den versprochenen Polterabend.

»Was sollen wir warten, Ina?« schrieb sie. »Aussteuer giebts nicht. Ein Glück, daß ich arm bin. Wie hätte ich sticheln und sorgen müssen, dürfte ich meinem lieben, liebsten Heinrich nicht für jede schöne Gabe die Hände küssen. Ich verschenke schon allen meinen bisherigen Plunder, ich bin eine Prinzessin geworden, die mit vollen Händen ausstreut. Nicht einen alten Faden nehme ich mit hinein in mein junges Glück, alles soll neu und frisch sein, nur keinen Ballast, der das Leben beschwert. Noch achtzehn Tage, dann tanzen wir bei Dir, Ina, bis in den grauenden Tag, lassen uns schnell und still zusammengeben und fliegen hinaus in die Welt wie leichte, lustige Vögel. Wie muß ich doch immer über die arme Adele lachen, die mitten unter Thränen stichelt und jeden Flicken sorgfältig zurücklegt, um aus einem alten Ueberrock noch einmal einen neuen Unterrock zu machen. Jetzt denkt sie schon an ihr Traukleid. Heinrich hat ihr vom besten indischen Mull verschreiben müssen, solcher der hundert Wäschen aushält und in dem eine Urenkelin noch Staat machen kann. Sie will ihn mit eignen Händen besticken, das soll ihre Erholung sein, wenn Woldemar fort ist. Das wäre meine Sache! Ich will mein Hochzeitskleid tragen, so lange ich vor dem Altar stehe und mein Andachtsthränchen vergieße, wenn ich es nämlich vor lauter Jubel dazu bringe – dann soll es im Kasten ruhen, bis man mich – hu hu hu, wie mich bei dem Gedanken grauselt – bis man mich in den Sarg legt, Ina. Die Chinesinnen machen es so, oder sind es die Jüdinnen? Ich weiß es nicht. Aber der Brauch gefällt mir, ich will in meinem Hochzeitskleide begraben werden, einst, einst, nach langer, langer Zeit, jetzt will ich leben und glücklich sein. Aber, erkläre es mir, Du kluge Ina, Heinrich sagt immer, Cousine Adele sei das Ideal einer Hausfrau. Warum liebt er nun nicht sie, sondern mich? Und die sanfte Adele, warum hat sie ihr Herz an den wilden Vogel von Lieutenant gehängt und nicht an den soliden Vetter Heinrich, der so ein passendes Gegenstück zu dem idealen Hausmütterchen geben würde? Und die lustige Rosa, warum gefällt ihr der ernsthafte Rechenmann so viel bester als alle Lieutenants, mit denen sie bis dato gelacht und getanzt? Kannst Du's erklären, Ina, das curiose Ding, das da inwendig solche Sprünge macht? »Der ist jünger und schöner« sagen die Augen, »der ist witziger und feiner,« sagt der Kopf, »der paßt besser für Dich,« sagt die Mama, aber, »den liebe ich,« spricht das Herz, und mit dem Herzen mag eine Klügere rechten als Deine kleine glückliche Rosa. –«

Katharine reichte dem Freunde lächelnd diesen Brief und sagte, nachdem er gelesen:

»Du hattest Recht, Erasmus, die Mittheilung unseres Verhältnisses würde die Unruhe nur vermehrt haben, die ich Dir leider in den nächsten Tagen nicht ersparen kann. Lassen wir also den Schleier des Geheimnisses über unserem Glück, sobald die unruhigen Stürme sich gelegt haben, wollen wir ihn lüften.«

Und in der That war es wie ein Sturm, der sich über dem Hause der jungen Herrin erhob: zuerst die Thränenschauer der unglücklichen, dann das wirbelnde Jauchzen der glücklichen Braut, Gäste von allen Seiten zum Abschied, zum Willkommen. Lorenz mied das Haus so viel als möglich, Katharine blickte zaghaft und beklommen, einmal, weil sie den Geliebten vermißte und dann, weil sie ihn verletzte, ohne daß sie es zu ändern wußte. Konnte sie denn anders als zu der in ihrem Jammer fast vergehenden Verwandtin sagen: »Bleibe bei mir, Kind, ich will suchen, Dich aufzurichten, Dich zu zerstreuen?« Und was sollte sie thun gegen das bittende Drängen der munteren Kleinen?

»Herzens-Ina,« sagte sie, »nicht wahr, Du hältst Wort und feierst meinen Polterabend? Du weißt, wie die armen Eltern drei Treppen hoch zusammenhocken. Wenn wir still sitzen wie die Mäuschen und der Heinrich tritt ein, giebts ein Gedränge. Und eine Hochzeit ohne Polterabend, ohne lustigen Abschied von der Mädchenzeit, nein, das giebst Du nicht zu, Du gute Ina, Du! Und die Kleinen, wie sie sich auf den Polterabend freuen! Sie studiren schon ihre Rollen und probiren ihre Masken. Ich muß mir zehnmal am Tage Augen und Ohren zuhalten, aber ich kann nicht anders, ich merke es doch. Denke nur: der Wilhelm kommt als Bär und Hänschen als Schmetterling und Anna als Rose! Und wie sich Marie auf das Tanzen freut! Sie hat ja noch niemals getanzt, nämlich mit einem Mann.«

So plauderte die Kleine, bat und schmeichelte, streichelte ihre Wangen und küßte ihre Hände. Was sollte sie thun? Wie gern hätte sie Ja gesagt. Sie blickte verlegen auf Lorenz, der mit verschränkten Armen und ernstem Blick ihr in einer Fensternische gegenüberstand. »Mache ihr die Freude,« bat jetzt auch Heinrich. »Haben Sie einmal die Rolle der Burgfrau übernommen, werden Sie nicht umhin können, den Papa Peterson in Ihrer Sippe zu vertreten, Katharine,« sagte Bastian und Heinrich, der sich ihr Zögern nur durch an ihr ungewohnte conventionelle Bedenklichkeiten erklären konnte, fügte hinzu:

»Es sind ja nur Verwandte und die nächsten Freunde des Hauses.«

»Bitte, bitte, sage Ja!« schallte es von allen Seiten.

»So sei es denn!« sagte sie endlich rasch, »Ihr sollt mir von Herzen willkommen sein.«

Kaum aber hatte sie diese Zusage ausgesprochen, als eine dunkle Röthe ihr Gesicht überzog, denn sie sah, daß Lorenz rasch das Zimmer verließ. Zum ersten Male empfand sie eine Regung von Unmuth, ja von Unwillen gegen ihn. Er hatte ihren Kampf gesehen und sie mit Spannung ein ermunterndes Wort, mindestens einen zustimmenden Blick von ihm erwartet.– Schnell jedoch war die unfreundliche Stimmung überwunden; sobald sie es ohne Aufsehen zu erregen vermochte, folgte sie ihm in der Hoffnung, ihn noch im Garten einzuholen. Es brannte auf ihren Lippen, ihn um Verzeihung zu bitten, ihm zu sagen: »Es soll das letzte laute Fest in diesem Hause sein, von nun an wird eine stille Pfarrersbraut darin schalten.« Aber sie fand ihn im Garten nicht mehr. Sie wäre ihm gern über die Schwelle des Pfarrhauses gefolgt, allein wie würde er diesen auffälligen Schritt aufgenommen haben? So kehrte sie denn langsam und traurig zurück. Zum ersten Male konnte die Freude der Anderen sie nicht mehr erfreuen, denn zum ersten Male hatte sie einem Menschen wissentlich weh gethan, und ihrem theuersten Menschen.

Die Gäste zerstreuten sich im Laufe des Spätnachmittags und Katharine harrte in peinlicher Beklemmung auf des Freundes Wiederkehr. Vergebens, er kam nicht. Sie sann und sann. Sie arbeitete an sich selbst, um sich die erforderliche Energie zu einer entschiedenen Richtung nach einer Seite hin zu geben, einer Richtung, die ihrer duldsam vermittelnden Natur und frei in die Runde blickenden Gewöhnung so wenig eigen war. Mußte sie doch mit ihrer ganzen Vergangenheit, mit ihrer gesellschaftlichen Stellung, mit der Sinnesart aller Angehörigen brechen, um den Anforderungen der Liebe und ihres künftigen Berufes zu entsprechen. Sie verbrachte eine unruhige Nacht und fand endlich in der Hoffnung, daß sich die störenden, zerstreuenden Beziehungen von selber lösen würden, sobald ihr Verhältniß zu Lorenz erst offen erklärt sei, einen kurzen Morgenschlummer.

Früh war es ihr erstes Geschäft, dem Freunde zu schreiben, was sie ihm gestern nicht sagen konnte. Bald darauf kam er zu ihr. Beide waren so warm und innig wie je, aber über beider Wesen lag ein, durch keine Zärtlichkeit zu bannender, wehmüthiger Hauch. Des gestrigen Zwiespalts wurde nicht erwähnt, auch nicht in den kommenden Tagen. Es war ein Punkt an das Licht getreten, den sie nicht gemeinschaftlich zu überwinden, sondern ängstlich schonend zu umgehen suchten. Wohl ihnen, wenn die trennende Linie zwischen ihren Herzen nicht in eine Kluft ausmündet, über welche, wie einst Lorenz gesagt, es keine Einigung giebt, auch für die Liebe nicht.

Etlichen stillen, friedlichen Wochen, welche sie in den October hinüberführten, folgte der Trouble des Polterabends. Katharine hatte alle Vorbereitungen so geräuschlos als möglich getroffen, um den Freund nicht vorzeitig durch das ihm so Widerwärtige zu behelligen; und so saß sie mit demselben am Morgen, der ihr die Schaar der Gäste zuführen sollte, allein in ihrem Zimmer. Sie hatte Briefe von den Eltern erhalten, die glücklich an ihrem südlichen Winterziel angelangt waren; sie reichte sie Erasmus zur Durchsicht, da sie nicht gern eine Gelegenheit versäumte, ihn in ihrem heimischen Kreise vertraut zu machen und ihn leise daran zu erinnern, daß jetzt mit dem voraussichtlichen Aufhören aller äußerlichen Störungen der Zeitpunkt gekommen sei, den Schleier von ihrem theuren Geheimnisse zu ziehen. Er legte die Briefe auf den Tisch, ohne sie zu lesen und erhob sich zum Gehen.

»Auf morgen, liebe Katharine,« sagte er, »oder wenn wir wieder allein sind.«

»Bleibst Du nicht bei uns, Erasmus?« fragte sie getroffen.

»Laß mich, Liebe« antwortete er, »ich wäre ein verlorener Posten unter diesem Treiben, Dich würde ich nur stören und ich – habe Geschäfte.«

»Zürnst Du mir, Erasmus?« fragte sie, mit Thränen in den Augen seine beiden Hände festhaltend.

»Ich liebe Dich, Katharine!« erwiederte er und verließ mit hastigen Schritten das Zimmer.

Er ging rasch durch Garten und Park einem nachbarlichen Kirchspiele zu, dessen Pfarrer krank darnieder lag, versah die seelsorgerischen Pflichten, die er dort zeitweise übernommen, begab sich dann weiter nach einem Dorfe, wo ein für Katharinens Asyl bestimmtes, krankes Waisenkind vor der Hand ein Unterkommen gefunden hatte, und nachdem er in seiner eignen Gemeinde noch einen ernsten Gang gethan, stand er spät am Abend wieder vor der Pforte, welche von dem, Kirche und Pfarrhaus umgebenden Friedhofe nach dem Parke führt. Ein unwiderstehliches Verlangen trieb ihn, sie noch einmal zu sehen, die ihren Tag in so weit anderer Weise hingebracht hatte. Er ging unbemerkt durch den Garten bis in die Nähe des festlich erleuchteten Schlosses; die Glasthüren des unteren Geschosses standen geöffnet, die milde Herbstluft einzulassen, er hörte das Rauschen der Musik, das laute Lachen und Jubeln der Gäste, er sah die Geliebte – – seine Stirn zog sich in düstere Falten und mit einem schmerzlichen Lächeln ging er nach seinem einsamen Pfarrhause zurück.

Auch Katharine hatte nicht mit unbefangener Freude wie ehedem ihre Gäste bewillkommnet, als sich aber die Fröhlichkeit um sie her in Garten und Haus so unbefangen verbreitete, daß selber Adele die Sorgenseufzer und Sehnsuchtsthränen nach dem fernen Geliebten überwand und lachend mit den Lachenden allerlei Kurzweil trieb, da wurde auch sie von der allgemeinen Stimmung ergriffen und trug als Wirthin von Herzen dazu bei, dieselbige zu erhöhen und ihr Dauer zu verleihen. Bär, Rose und Schmetterling lösten ihre Aufgabe unter allseitigem Beifall, der Kranz der Braut wurde ausgetanzt, aber nicht der ängstlich harrenden Adele wies die blinde Göttin ihn zu, sondern ein allseitiger Jubel erschallte, als das Burgfräulein von den tastenden Händen ergriffen wurde und sich beugen mußte, um sich als nächste Braut in dem Reigen der sie umtanzenden Mädchen krönen zu lassen.

Indessen der laute Beifall, aufrichtig gespendet, selber von Adelen, welche dieser Braut, wenn auch vielleicht nur dieser allein, den Vortritt zu dem ersehnten Altare gönnte, wurde doch bald von dem schallenden Jauchzen aus dem Junggesellenkreise übertönt, aus welchem jetzt Doctor Bastian, einen stattlichen Blumenstrauß vor der Brust, hervortrat und sich mit zierlicher Verbeugung den holden Damen als nächster Bräutigam nach Fortunens Bestimmung zu geneigter Inbetrachtnahme empfahl.

»Der Heinrich hat geblinzelt! er hat geblinzelt!« schrien aus einem Munde Bär und Schmetterling, die mit Argusaugen die wichtige Entscheidung überwacht hatten.«

»Er hat nicht geblinzelt, unverschämte Jungen!« donnerte der Doctor, »das Glück hat blind für den rechten Mann entschieden.«

Damit lud er mit nochmaliger Reverenz seine Mitauserkorene zur Eröffnung des Hochzeitsballs. – Man klatschte in die Hände, der Jubel wollte kein Ende nehmen, als der kleine, hochschulterige Doctor im altmodischen, langsamen Wiener Walzer, mit kunstfertigem Dreischlag der Hacken und aus den Zehenspitzen im Arm des schönen, rosengekrönten Burgfräuleins den Saal durchschwebte. Und just diese laute, ergötzliche Scene war es, welche Erasmus Lorenz vom Garten aus überblickt hatte, ehe er mit dem bitteren Gefühl, eine solche Geschmacklosigkeit von der Geliebten getheilt zu wissen, seinem Hause zuschritt.

Der Abend nahm seinen fröhlichen Verlauf. Auch beim Vertheilen des großen Hochzeitskuchens fiel die versteckt hineingebackene Bohne dem Burgfräulein zu. Jetzt aber, da das Glück zweimal zu Gunsten seines Lieblings entschieden hatte, mußte der letzte Zweifel an seiner Wahrhaftigkeit schwinden und die Erkorene sich entschließen, lächelnd die Gratulationen ihrer Gäste entgegenzunehmen.

»Aber der Bräutigam,« rief die kleine Rosa, »wo hast Du den Bräutigam, Ina? Hier in Redau ist ja kein Mann als der fromme Magister und unter uns kann es doch auch Keiner sein!«

»Allerdings unter uns,« fiel der Doctor rasch ein, auf seinen Blumenstrauß deutend, »der Auserkorene, wie man steht, bin ich!«

Bei dieser Erklärung, die einen neuen Ausbruch des Lachens zur Erwiederung hatte, fiel aber hinter der Brille hervor ein so ernster, fast sorgenvoller Blick in Katharinens Augen, daß sie dieselben mit Erröthen auf den Boden heftete. Ihr alter Freund hatte ihr Geheimniß entdeckt.

Mitternacht war längst vorüber, als ein Jeder sein Kämmerlein suchte. Am andern Morgen fuhr die ganze Gesellschaft in Katharinens Begleitung nach einem Dorfe auf halbem Wege der Stadt, allwo ein Bruder der Brautmutter die stille Trauung in seiner Pfarrkirche vollzog. Die kleine Rosa in ihrem duftigen weißen Kleide, das nach heute nur noch einmal, will's Gott in später, später Zeit, die zierliche Gestalt umhüllen soll, konnte es in der That nicht zu den erforderlichen Andachts- und Anstandszähren bringen; sie stieg mit freudestrahlenden Augen in den Wagen, der sie zum ersten Male in die Welt hinausführte. Desto bitterlicher weinte die arme Adele.

Die sich kreuzenden Bahnzüge sollten bald darauf die Festgenossenschaft nach entgegengesetzten Seiten aus einander führen. Bastian begleitete die Freundin zu ihrem Coupé.

»Daß ich es doch nicht vergesse, Katharine,« sagte er, »Sie haben mit nächstem die Gräfin zu erwarten, die endlich den richtigen Entschluß gefaßt hat.«

»Welchen Entschluß?« fragte Katharine gespannt.

»Sie mag ihn selber mit Ihnen besprechen; ich will ihr nicht vorgreifen, zumal Sie ihn voraussehen müssen wenn Sie anders – –«

»Wenn ich anders? – Warum stocken Sie? Was wollten Sie sagen?« fiel Katharine ein, die sich Bastian gegenüber nicht mehr so frei fühlte wie sonst, seitdem sie ihr Geheimniß von ihm errathen und nicht gebilligt wußte.

»Ein andermal,« sagte Bastian. »Wir sehen uns bald wieder Katharine. Das Haus ist fertig, die Anlage läßt nichts zu wünschen. Frau Weber wartet nur Ihres Rufs. Ich bringe Ihnen ehestens meinen kleinen Schatz. Wie wird das arme Kind sich in der warmen Herbstluft erholen!«

»Es soll ihm auch an warmer Liebe nicht fehlen,« sprach Katharine, ihm die Hand drückend.

»Ich weiß es,« rief dieser ihr noch zu und der Zug brauste davon. Katharine kam spät am Abend zu Hause an, sie war sehr ermüdet und schlief bald ein.

Am Morgen weckte sie das Läuten der Trauerglocke. War Einer aus ihrer Gemeinde gestorben, ohne daß sie es erfahren? Sie kleidete sich rasch an und ging durch den Park, in der Richtung des Kirchhofs, von den immer näher dringenden Tönen eines Trauergesanges geleitet. Unter der Pforte trat ihr Lorenz im priesterlichen Ornate entgegen.

»Du hattest ein so ernstes Geschäft, mein Freund,« sagte sie, ihm die Hand reichend, »und ich wußte es nicht.«

Ein stummer, vorwurfsvoller Blick entgegnete ihr: »Warst Du gestimmt für Bilder des Todes?«

»Wen hast Du begraben?« fragte sie nach einer Pause.

»Den Fischer Walter,« antwortete er.

»Einen einsamen Greis!« sagte Katharine, beruhigt, daß ihrer Gemeinde nicht ein weniger entbehrliches Glied entrissen worden war. »Sterben am Abend, nach mühsamem Tagewerk, das ist wohl schön, Erasmus.«

»Sterben ist immer schön, Katharine,« entgegnete er, »der Tod aber schauervoll, um welche Stunde er zu uns trete.«

Sie gingen schweigend neben einander, bis sie dem Pfarrhause gegenüber standen. Katharine sagte freundlich:

»Wir haben uns zwei Tage nicht gesehen, Lieber, der Morgen ist so schön, hast Du Zeit zu einem Gange ins Freie mit mir?«

Er willigte ein und bat sie, einen Augenblick zu warten, bis er die Kleider gewechselt.

Sie setzte sich auf eine Bank des Friedhofes, dem Pfarrhause gegenüber, das einsam zu Seiten der Kirche mitten unter Gräbern lag und durch Vernachlässigung des früheren Kirchenpatrons ein dunkles, verödetes Ansehen trug. Es war ihr bis heute nicht eingefallen, daß sie als Frau des Pfarrers einmal ihre eignen freien, sonnigen Räume mit diesem traurigen Aufenthalte werde vertauschen müssen. Jetzt kam ihr plötzlich der Gedanke, daß Erasmus verlangen könne, seine Frau dahin zu führen, wohin er selber sich gehörig fühlte und ein Schauder durchbebte sie.

»Du siehst blaß aus, Katharine?« fragte der Rückkehrende besorgt, »fühlst Du Dich unwohl?«

»O nein, ich bin wohl« – antwortete sie.

»Aber Du zitterst?« fuhr er dringender fort.

»Eine vorübergehende Anwandlung,« beruhigte sie lächelnd, die Du vielleicht kindisch nennen wirst und welche diese Umgebungen hervorriefen. Ich finde es eine traurige Sitte, Wohnstätten in der Nähe von Begräbnißplätzen aufzurichten. Der Verkehr der Lebenden wird durch die Eindrücke des Todes unheimlich gestört, und stumpft endlich die Gewöhnung die Schauer ab, scheint mir, daß der heilige Platz durch das Alltagstreiben von seiner Weihe, seinem Adel verlieren müsse. Der Mensch ist nicht immer in der Stimmung das Erhabene zu würdigen.«

»Du irrst Katharine,« entgegnete Erasmus ernst, »es liegt eine hohe Bedeutung in der Wahl dieser Stätte für den Christen, für den Priester wenigstens, der an der Grenze des Vergänglichen seine Heimath hat.«

»Aber mich graute, Erasmus, Dich mir rings umgeben von Eindrücken der Verwesung vorzustellen und ich fühlte den Vorwurf, dieses Haus, Dein Haus, mein Freund, in diesem zerfallenen Zustande gelassen zu haben. Dürfte ich nicht hoffen, daß Du es bald vertauschen werdest – –«

»Daß ich es vertauschen werde?« fiel er mit scharfer Betonung ein, »wie verstehst Du das, Katharine?«

Es war ihr unmöglich, sich in diesem Augenblicke deutlicher zu erklären, hatte sie doch zum ersten Male eine Anspielung auf ihre künftige Lebenseinrichtung gewagt. So erhob sie sich denn schweigend und auch er ließ den Gegenstand fallen. Sie gingen eine Weile stumm neben einander, beiden schien eine Anknüpfung zu fehlen. Endlich aber blieb Katharine vor ihm stehen, faßte seine beiden Hände und sagte mit dem innigsten Ton und Ausdruck:

»Blicke mich freundlich an, lieber Erasmus, die heiteren Jugendfeste liegen hinter uns auf immer.«

»Es wäre Dir ein Opfer, Katharine,« antwortete er gezwungen lächelnd, »welches Recht hätte ich, es von Dir zu verlangen?«

»Du hättest das Recht, jedes Opfer von mir zu verlangen, Erasmus, wehe mir, wenn Du mich so wenig die Deine fühlst, um das zu bezweifeln – ich will dieses Wort zu vergessen suchen, Lieber. Doch es ist mir kein Opfer. Die gewohnten Fäden werden sich allmälig lösen und unser Stillleben nur von gleichgestimmten Freunden unterbrochen werden. Bist Du so zufrieden, mein Freund?«

Er drückte ihr die Hand und suchte das Gespräch abzulenken.

»Wir haben uns zwei Tage nicht gesehen,« sagte er, »Du warst vergnügt, Katharine?«

»Ja, Lieber, ich war es,« antwortete sie aufrichtig, »ich ward es, als ich die Anderen so von Herzen fröhlich sah.«

Sie wollte ihm erzählen, daß sie den prophetischen Kranz der Braut erhalten habe, stockte aber plötzlich in heimlicher Scheu: das Wort Braut war zwischen ihnen noch niemals gefallen. Sie fühlte mit einem unwillkürlichen Erröthen, daß sie die Geliebte dieses Mannes sei, nicht seine Verlobte, nicht seine Braut, und sie sagte sich, daß ihr Verhältniß nicht länger in dieser unbestimmten Gestalt andauern dürfe. Alles das verwirrte, reizte sie aber in einer Weise, die ihr bisher an ihr selber fremd gewesen und so vermied sie es, ein Gespräch wieder anzuknüpfen, dein sie keinen versöhnlichen Ausgang geben konnte.

»Ich habe Dich tanzen sehen, Katharine,« hob Erasmus nach einer Pause an.

»Du hast mich belauscht mit meinem alten Verehrer?« versetzte sie mit einem Versuche zum Scherz. »Es muß ein ergötzliches Bild gegeben haben, nicht wahr?«

»Bastian steht Dir sehr nahe, Katharine?«

»Er ist der älteste Freund meiner Familie und ich danke ihm Vieles. Er hat großen Einfluß auf mich gehabt.«

»Leider!« sagte Lorenz leise; aber sie hatte es gehört.

»Leider?« fragte sie betroffen, »kennst Du Bastian, Erasmus?«

»Nur durch Dich, Katharine.«

»Und sagst doch leider!« rief sie erregt.

»Er ist ein Jude!« entgegnen er mit übelst gewählter Entschuldigung.

»Auch wir waren Juden, Erasmus –«

»Gottlob, daß Ihr es waret

»Als aber sich mein Vater aus voller Ueberzeugung dem christlichen Bekenntnisse zuwendete, ist Bastians treue, anerkennende Freundschaft keinen Augengenblick wankend geworden.«

»Ein Leichtes für Denjenigen, der keinen Standpunkt hat.«

»Keinen Standpunkt? Was verstehst Du darunter, mein Freund? Bastian ist ein Mann strenger Wissenschaft und edelster Humanität.«

»Vielleicht eben deswegen. Manche, die nach dem erkennbar Hohen streben, verlieren das unerkennbar Höchste aus dem Auge.«

»Er ist ein evangelischer Mensch in allem Thun.«

»Nicht unser Thun bestimmt unseren Standpunkt, oder unseren inneren Zusammenhang mit Anderen, aber unsere Erfahrung.«

»Und ist denn diese nicht die Quelle von jenem, Erasmus?«

»In Dingen der Welt, allerdings; selten darüber hinaus; denn Handeln und Thun, wird von irdischen Bedingungen bestimmt oder gehemmt. Die höchste Erfahrung aber duldet keine Schranke.«

Wenngleich Katharine die letzte Behauptung nicht vollständig verstehen mochte, und wenngleich jede Art von Widerspruch und Streit sonst wenig in ihrem Wesen lag, vermochte sie die Sache ihres Freundes nicht so leichthin aufzugeben; sie sah ihre eigne Sache im engsten Zusammenhange mit derselben und so begann sie, nachdem sie einige Minuten sinnend an seiner Seite gegangen:

»Möglich, Erasmus, daß Bastian einer gewissen Erkenntniß näher steht als Du glaubst, und daß er sich nur zu derselben nicht bekennt, nicht weil er sie für unwahr, aber weil er sie für unerweislich hält.«

»Nicht glauben ist hoffnungsloser als zweifeln,« entgegnete Lorenz.

Sie wurden in diesem Augenblicke von einem Diener unterbrochen, der dem Fräulein Gräfin Ulrike's unerwartete Ankunft meldete.

»Wirst Du auch dieser Freundin ausweichen, Erasmus?« fragte Katharine mit einem Anflug von Bitterkeit.«

»Nein, ich komme,« entgegnete er.

Sie ging rasch ihrem Hause zu. Die Ahnung immer schmerzlicherer Verwirrungen kämpfte in ihrer Brust und so begrüßte sie die Freundin tiefer bewegt, als selbst diese sie.

»Was ist Dir, Katharine?« fragte Ulrike betroffen, »Du bist aufgeregt, zitternd, so kenne ich Dich nicht.«

»Nichts, nichts Liebe!« antwortete sie, »über mich später, sprich, mir von Dir. Bastian sagte – –«

»Daß er mir zu einem Abschluß verholfen? Ja, Katharine, ich bin entschieden.«

Sie setzten sich; die Gräfin lehnte jedes Ausruhen, jede Erfrischung ab; es verlangte sie ohne Aufschub nach Mittheilung, nach Billigung. Das Gespräch war aber kaum eingeleitet, als Lorenz eintrat. – Katharinens ungewohnte Erregung hatte ihn nicht unbewegt gelassen, er fühlte, ihr wehe gethan zu haben, sehnte sich, ihr zu beweisen, daß er sich nicht gegen alle ihre Beziehungen ablehnend verhalten wolle, darum war er ihr so schnell gefolgt und begrüßte ihre Freundin, deren blasse, leidvolle Züge und tiefes Trauergewand überdies seine Theilnahme hervorriefen, mit fast herzlichem Entgegenkommen.

Indessen da er inne ward, daß sein Erscheinen einen vertraulichen Erguß unterbrochen hatte, machte er bald genug Miene sich wieder zu entfernen. Die Gräfin rief ihn zurück.

»Bleiben Sie, Herr Pfarrer,« sagte sie, ihm die Hand reichend, Sie sind ein Freund Katharinens, Ihre Billigung würde mir wohl thun und meine Entschließung ist kein Geheimniß.«

So nahm er denn bei den Freundinnen Platz und die Gräfin fuhr ohne weiteres fort:

»Ja, liebe Katharine, es ist etwas spät, aber vielleicht noch nicht zu spät, meine Gaben verwerthen zu lernen. Meine Stimme ist ausgebildet, es gilt nur die Probe, ob sie sich für die Bühne verwenden läßt.«

»Für die Bühne?« rief Lorenz mit einem Ausdruck des Entsetzens.

»Was habe ich denn gesagt, das Sie dermaßen erschreckt?« fragte die Gräfin ruhig, »ist es ein Zweifel an meinem Gelingen, Herr Pfarrer?«

»Ich habe keinen Maaßstab für dasselbe« entgegnete er.

»Also ein Vorurtheil!« rief sie, halb verächtlich die Achsel zuckend.

»Nennen Sie Vorurtheil die Scheu vor der, heute nicht viel weniger als ehedem zügellosen, ja fast privilegirten Unsittlichkeit einer Zunft? Vorurtheil dieser Zunft gegenüber die von Gott geordnete Schranke eines makellosen Stammes? Vorurtheil die Gefahr Ihrer unsterblichen Seele, unter der grassesten Profanation der Welt?«

Wir unterlassen es, den Verlauf eines Zwiestreits wiederzugeben, welcher, obgleich von einer wie der anderen Seite mit schlagfertigem Eifer geführt, keinem unserer Leser einen unbekannten Standpunkt bieten würde. Katharine saß während dieses Kampfes bleich, mit gesenktem Auge, ohne ein Zeichen der Parteinahme, im peinvollen Erkennen der Opfer, die ihr in Zukunft auch in einer bisher so viele reine Freuden gewährenden Sphäre auferlegt sein würden. Ihr Freund sprach ein Verdammungsurtheil aus über alle Bestrebungen der Kunst, seitdem dieselbe sich vom ausschließlichen Dienst der Kirche abgewendet hatte; er leugnete jedweden Fortschritt des modernen Lebens in Dichtung und Wissenschaft, wie in staatlicher und gesellschaftlicher Vereinigung, die Erfahrungskenntnisse abgerechnet, deren Richtung er hinwiederum verflachend und gottentfremdend nannte. Aber er sprach wie ein gebildeter Kenner, der sich von ungenügenden Gegenständen abgewendet hat, nicht wie ein Uneingeweihter, dem eine Erfahrung über dieselben noch vorbehalten ist. Sollte eine Einigung zwischen ihnen ungebahnt werden, so konnte sie auch hierin nur durch eine Beschränkung von ihrer Seite erfolgen, nicht durch eine Erweiterung von der seinigen. Noch niemals hatte er ihr allein gegenüber einen Gegenstand so ausführend besprochen, daher war, von der Liebe gedeckt, die Natur ihres innerlichen Widerspruchs ihr noch niemals so grell in die Augen gesprungen als in dieser Stunde.

»Wie reich ist diese Natur,« sagte sie aber dennoch zu sich selbst, »die alle Lebensquellen nur von Innen zieht, die nur der Strom einer übermenschlichen Liebe noch mit den Menschen verbindet! Aber, wie reich muß sie auch sein, um mich ganz allein für alles zu entschädigen, was mich bis heute beglückte. Seine Liebe allein an die Stelle jedes theueren Zusammenhangs; seine Wahrheit allein an die Stelle aller Heiterkeit und Schönheit meines bisherigen Lebens.«

»Es ist gut für mich,« hörte sie jetzt, in ihrer Betrachtung unterbrochen, Ulriken sagen, »es ist gut für mich, daß Sie nicht vor einigen Wochen in meinen Weg getreten sind, Herr Pfarrer, als ich noch zagend und schwankend nach dem Gebotenen tastete und ehe mich Bastian – –«

»Bastian, wieder Bastian!« bemerkte Lorenz mit einem höhnischen Anflug.

»Ja,« sagte Ulrike sehr bestimmt, »ja diesem gründlichen Beobachter der Natur, der sichtbaren wie der unsichtbaren, diesem wahren Freunde verdanke ich die Festigkeit eines Entschlusses, der, ich leugne es nicht, nach manchen auch von Ihnen, Herr Pfarrer, bloßgestellten Seiten, immerhin schwer ist. Aber nachdem er Muth und Selbstgefühl in mir angefacht hat, ist dieser Freund es auch, der mir uneigennützig die praktische Durchführung meines Vorhabens erleichtern wird. Er begleitet mich nach Paris, um meine Studien einzuleiten und seine Verbindungen für mich geltend zu machen. In kurzer Zeit muß es sich ergeben, ob mein Talent für die Oeffentlichkeit ausreicht; ist es ein Deficit, das sich herausstellt, werde ich auf alle Weise die Mittel gewonnen haben um als Musiklehrerin eine äußere Selbständigkeit zu behaupten.«

»Ulrike!« unterbrach sie die Freundin mit herzlichem Vorwurf.

»Ich weiß, was Du sagen willst, großmüthiges Herz,« versetzte die Gräfin, »ich weiß, was ich Dir schulde, und was ich Dir fernerhin schulden dürfte. Aber noch ist es zu früh, nur von Wohlthaten zu leben, noch bin ich jung und kräftig und das Schicksal, das mir früh die bequemen Stützen und Handhaben auf dem Gange durchs Leben entzog, hat mir zum Ersatz einen Schacht fruchtbringender Arbeit eröffnet, den ich auszubeuten suchen muß. Wenn Sie den inneren Beruf zur Kunst nicht anerkennen wollen, Herr Pfarrer, dem Argumente äußerer Nothwendigkeit werden Sie ja wohl nichts entgegenzusetzen haben. Nur wer arbeitet soll essen, sagt auch Ihr Gebot.«

»Arbeiten, sicherlich, aber an rechter Stätte, Gräfin,« entgegnete er.

»An rechter Stätte – das heißt wo und wie?«

»Ich will mir nicht erlauben, Sie auf das Gebiet hinzuweisen, auf welchem jede Frau am einfachsten und würdigsten alle von Gott verliehenen Gaben ausbreiten wird: das Haus, die Familie; sei es die eigne, sei es eine fremde, in welche sie sich schicklich einzureihen versteht. Es ist schwer für einen dritten, die Hemmnisse zu beurtheilen, die sich oft der natürlichsten Wahl entgegenstellen.«

»Allerdings,« sagte Ulrike mit einem spöttischen Zug.

»Aber Sie sind ja zu Ihrem Glücke nicht auf diese Wahl beschränkt, Gräfin, Sie gehören einer kirchlichen Gemeinschaft an, die vor der unseren Institutionen voraus hat, in welchen jede Gabe zum Heile ihres Eigners und zu Gottes Ehre verwerthet werden kann.«

»Ich soll Nonne werden, meinen Sie?« sagte Ulrike ruhig.

»Nonne!« rief Katharine zusammenschaudernd.

»Und warum nicht Nonne, Gräfin?« versetzte Lorenz, »warum nicht eine geistliche Schulschwester heiliger Musik?«

»Ihr Vorschlag überrascht mich nicht, Herr Prediger,« antwortete Ulrike äußerst gelassen, während Katharine mit gespannten Blicken an ihren Lippen hing, »aber er widersteht mir. Es fehlt mir ein Etwas, das die Nonne macht. Erlassen Sie mir es näher zu bezeichnen, es würde mich weit ab und doch nicht zu einer Einigung mit Ihnen führen. Erst muß ich die Probe machen, ob das freie Leben in und mit der Welt unverträglich ist mit dem Priesterthume der Kunst zu Gottes Ehre, wie Sie es nennen. Bestehe ich die Probe nicht, wird es noch immer Zeit sein, an den Pforten des Klosters anzuklopfen.«

Katharine warf sich sichtbar erleichtert in die Arme der Freundin, die sich erhoben hatte, um dem Gespräche ein Ende zu machen. Als sie aufblickte, hatte Erasmus das Zimmer verlassen.

Schon vor Abend mußten die Freundinnen sich wieder trennen. Die von Natur lebhafte, ja leidenschaftliche Ulrike, einsam und ungewiß einem verwirrenden, wenn auch ersehnten Berufe entgegengehend und sich von allen bisherigen Lebensbeziehungen losreißend, war beim Abschiede weniger erschüttert als die friedliche Katharine, die nur ein liebes Glied aus der Kette ihrer Befreundeten scheiden sah. Aber scheiden für immer! Welche tiefgehenden Berührungen durften die Schauspielerin und die Frau von Erasmus Lorenz in Zukunft mit einander haben?

Ulrike hielt beide Hände der Freundin in den ihren und blickte sie lange und fest in die Augen. »Katharine,« sagte sie, »ich kam zu Dir mit einem Glückwunsche auf den Lippen, soll ich mit einem Warnungsrufe scheiden? Aber nein, nein. Beide sind überflüssig. Es ist unmöglich, daß Du Deiner Natur und Deinem gesammten Schicksal also ungetreu werden solltest, Du, die ruhige, glückliche Katharine! Ich gehe von Dir ohne Sorge.«

Damit sprang sie in den Wagen und ließ die Freundin in banger Beklemmung zurück.

Dennoch rang sie auch heute, nachdem ihr so viele Entsagungen klar geworden waren, sich zu einer vertrauenden Zuversicht hindurch, zu der Hoffnung, daß nach Innen die Fülle des Herzens, nach Außen ein gemeinsamer, ernster Pflichtenkreis sie für Alles, was sie aufgeben müsse, entschädigen werde.

»Jede Vereinigung,« sagte sie sich, »jeder Beruf, und die Ehe zumeist, setzen ja eine Selbstbeschränkung voraus, und eine Frau steht nur sicher auf dem Grunde eines uneigennützigen und erschöpfenden Gefühls.«

So trat sie denn am anderen Tage dem Geliebten mit gewohnter Herzlichkeit, wenn auch unter dem Schleier der Resignation entgegen. Auch er fühlte sich zu Schonung und warmer Liebesbezeigung angetrieben. Es fehlte an störenden Erregungen von Außen: aber eine unüberwindliche Zaghaftigkeit, ein scheues Tasten nach den Gegenständen der Unterhaltung war an die Stelle unbefangener Hingebung getreten und hatte die reinste Blüthe ihres Zusammenlebens zerstört.

Das Gartenhaus, das für die Aufnahme der siechen Waisen bestimmt war, stand vollendet, eine Anzahl Hülfebedürfender erfreute sich seit etlichen Tagen der liebreichsten Fürsorge und Katharine erwartete stündlich ihren alten Freund, der ihr vor seiner Abreise mit der Gräfin seinen kleinen, theuren Schatz zu übergeben beabsichtigte. Sie konnte nicht ohne eine gewisse Befriedigung daran denken, daß diese Reise sie von allen, ihren Verkehr mit dem Geliebten störenden Einflüssen befreien und daß ihr gelockertes Verhältniß in einem ausschließlichen Aufeinanderhingewiesensein erstarken werde. In diesem Betracht war ihr auch bis jetzt die Heimlichkeit desselben noch willkommen.

Bastian kam eines Nachmittags und legte das Kind in ihre Arme. Ein armes, verkümmertes Wesen, mit jüdischen Zügen, weitgeöffneten Augen, bleich, schweigsam und matt.

»Es ist mein Liebstes!« sagte er mit einer Thräne im Auge, und sie reichte ihm die Hand zum stillen Gelöbniß der Treue.

Er konnte nicht verweilen; der nächste Bahnzug sollte ihn schon wieder nach der Hauptstadt zurückführen, wo seine Geschäfte sich vor der bevorstehenden Reife drängten. Katharine begleitete ihn bis zum Ausgange des Parks; das Kind blieb unter Aufsicht einer Dienerin im Garten zurück, sie wollte es bei der Heimkehr selber nach dem Pflegehause führen.

Nachdem sie eine Weile schweigend neben einander gegangen waren, sagte Bastian, plötzlich vor ihr stehen bleibend:

»Warum haben Sie das Vertrauen zu ihren Freunden aufgegeben, Katharine? Warum zwingen Sie mich zu einer Indiscretion, wenn ich Sie nicht ungewarnt an einem Abgrunde verlassen soll?«

»An einem Abgrunde?« fragte sie vorwurfsvoll. »An einem Abgrunde,« wiederholte er, »der mehr als Ihr äußerliches Glück, der Ihren Frieden verschlingen muß nach einem Kampfe, welchem Ihre Natur nicht gewachsen ist, einem Kampfe, den nun und nimmer eine Versöhnung schließen wird.«

»Und worin sehen Sie die Unversöhnlichkeit, Bastian?«

»Ein Mensch, der am Tage in einen Brunnen steigt, um den Sternenhimmel zu schauen, und ein anderer, der frei auf sonniger Höhe die Welt überblickt, können die ein Leben führen, Katharine? Armes Kind, und wenn Sie bis an den Rand des Brunnens hinunterstiegen, er wird Ihnen niemals entgegenkommen.«

»Sie irren, Bastian, Sie irren, denn Sie vergessen die Liebe,« entgegnen Katharine.

»Wer mit einem Gotte Umgang pflegt, liebt keinen Menschen,« versetzte er bitter.

»Sie lästern – was Sie nicht begreifen,« sagte Katharine heftig.

»Und Sie leugnen was sie begreifen,« wendete er ein. »Aber nein, Katharine, ich lästere nicht, wenn ich in der Angst um Sie auch einen zu scharfen Ausdruck wählte. Der Duldsamkeit gegenüber wird Unduldsamkeit ein Gebot. Wahre doch ein Jeder seinen Gott und seine Welt; nur begehre er nicht was des Andern ist, wo er von dem Seinen nichts opfern will.«

Sie standen vor dem Thore, an welchem sie sich trennen sollten; er ergriff ihre Hand.

»Katharine,« sagte er, »denken Sie an uns, wenn Sie gegen sich selber gleichgültig geworden sind. Sie stehen auf dem Punkte Alle aufzugeben, deren Glück Sie bis heute gewesen sind, um Eines willen, welchen Sie niemals beglücken können. Sie haben kein Recht zu dieser – –«

»Und welches Recht,« unterbrach ihn Katharine aufgeregt, »welches Recht haben Sie zu einer Forderung, die meine theuersten Hoffnungen vernichtet?«

»Das Recht der Natur, die keine Sprünge duldet,« erwiederte Bastian ruhig. »Ueber ein gewisses Gebiet hinaus kann nur das Gleichartige sich verbinden. Fragen Sie ihn, den Sie zu beglücken wähnen, ob das eine Wahrheit ist? Ja, fragen Sie sich selber, aufrichtig, unverblendet wie sonst, ob Sie ein Loos mit diesem Manne haben können, ob es einen einzigen Gegenstand giebt, über welchen Ihre Geister in einem Ja, einem Nein unumwunden zusammenklingen?«

»Nein, nein!« rief sie heftig, »Sie kennen mich nur von gestern, wie ich mich selber kannte, ehe ich ihn liebte; Bastian – und ich liebe ihn!«

»Arme Thörin!« sagte er schmerzlich, indem er in den Wagen stieg, »früher oder später wirst Du zu uns zurückkehren, aber Dein Glück wirst Du uns nicht zurück bringen!«

Katharine ging in unaussprechlicher Bewegung ihrem Hause zu. Das Kind saß noch still vor der Thür, sich in den letzten Sonnenstrahlen wärmend. Zu erregt, um es in dieser Stunde nach dem Asyl zu führen, nahm sie es auf den Arm und trug es in ihr Zimmer. Sie zog es auf ihren Schooß und ließ sein müdes Köpfchen an ihrem Herzen ruhen. So saß sie lange in tiefem Sinnen über Bastians Worte, die, so sehr sie sich dagegen sträubte, einen Sturm von Zweifeln in ihr entbunden hatten.

»Aber nein, nein!« rief sie endlich entschlossen. Braucht die Liebe mehr als sich selber zur Einigung zweier Menschenherzen, an Dir, Du armes Kind und Deines Gleichen wollen wir zeigen, daß wir eines Lebens fähig sind.«

In dieser Stimmung traf sie Lorenz. Er war leise eingetreten und hatte sie eine Weile unbemerkt in ihrer mütterlichen Stellung beobachtet. Jetzt kam er näher. Sie erhob sich, legte das Kind vorsichtig in eine Sophaecke und ging dem Geliebten entgegen. Nach dem eben Erfahrenen war sie doppelt einer hingebenden Aeußerung bedürftig. Aber, wie es ihm schon mehr als einmal begegnet war, daß sich sein Gefühl unwillkürlich zusammenzog, wenn sie durch einen äußeren Anlaß, durch einen Zwiespalt in dem ihren gesteigert, ihm gegenübertrat, so auch heute. Er entwand sich ihren Armen und blickte starr auf das Kind, das seine krankhaft unheimlichen Augen eben aufschlug, um sie matt wieder sinken zu lassen.

»Das sind Bastians Züge!« sagte er hart, »es ist sein Kind, Katharine?«

»Möglich,« antwortete auch sie gereizt. »Wenigstens liebt er es wie ein Vater.«

»Und seine Mutter?«

»Ich kenne sie nicht. Aber lebte sie, dürfte sie leben für ihr Kind, würde der Vater es in meine Hände gelegt haben, mein Freund?«

»Das Kind der Sünde in Deinen Armen, Katharine!«

»Und wenn es eine Sünde gewesen wäre, die ihm das Leben gegeben hat, das Kind, das rein und frei ist, darf nicht an ihren Folgen verkümmern.«

»Keiner ist rein und frei, der auf Erden geboren wird,« entgegnen Lorenz streng, »wer aber durch eine Schuld in das Leben tritt, der trägt einen zwiefältigen Fluch und wird ihn zwiefältig büßen.«

»O, halte ein!« rief Katharine entsetzt, sich wie zum Schutz über die Kleine beugend, »halte ein, Erasmus, Du sprichst ein fürchterliches Wort!«

»Das Wort Gottes!« sagte er. »Und dieses Kind willst Du in geschwisterliche Gemeinschaft aufnehmen unter die Kinder der redlich Gestorbenen? Den Keim der Sünde willst Du gleich von Anbeginn in Deine Pflegstätte pflanzen? Wie denkst Du vor den Eltern Deiner Waisen im Himmel diesen Frevel zu verantworten?

»Ich verstehe Dich nicht mehr, Erasmus!« entgegnete sie, leise zitternd.

»Ist dieses Kind getauft?« fragte er nach einer Pause von neuem.

»Ich weiß es nicht. Es heißt Katharine wie ich.«

»Du weißt es nicht? Du willst ein Kind erziehen, das Du nicht einmal beten lehren kannst?

»Lallt das Christenkind anders zu seinem Vater im Himmel, als das des Juden?« fragte sie.

»Ja, denn es hat einen Erlöser, der es vertritt. Willst Du es an einen Erlöser glauben lehren, Katharine?«

»Warum nicht, da ich doch seine Mutter geworden bin?«

»Und Bastian sein Vater – und ohne Taufe? Aber warum nicht? – Du und Er und Eures Gleichen, die Ihr keinen Standpunkt habt –!«

»Du sprachst dieses Urtheil schon einmal über ihn, den ich zu verehren gewohnt war,« unterbrach ihn Katharine fast tonlos, »heute dehnst Du es aus auch über mich. Was nennst Du keinen Standpunkt haben? Meinst Du kein Herz?«

»Nein, das meine ich nicht.«

»Heißt es kein Gewissen?«

»Auch das nicht. Wenigstens nicht in Deinem Sinne, Katharine.«

»Und was heißt es sonst?«

»Es heißt keinen Glauben haben, kein Bekenntniß, kein Verhältniß zu Gott.«

»Glaube und bekenne ich nicht, daß ich ein armes, schwaches Gefäß bin, in welches das ewige Licht einen Strahl seiner Gnade gesenkt hat, und das sich demüthig beugt vor Jedem, vor Dir, Erasmus, wenn es Dich mit einer helleren Erkenntniß gesegnet hat.«

»Das ist Poesie, Philosophie meinetwegen, aber der genaue Gegensatz von Glauben, von jener Erfahrung von Gott, auf deren scharfumgrenzten Grunde der Bau unseres Lebens in die Höhe steigt.«

Katharine saß stumm, das Gesicht in ihre Hände vergraben. Sie erkannte im bittersten Kampfe die Bedeutung dieses Ausspruchs über ihr Geschick. Dennoch erhob sie sich noch einmal zu einer Frage:

»Erasmus,« sagte sie, »eines Tages, ehe wir uns noch angehörten, sprachst Du von einem Gebiete, in welchem Duldung nicht möglich sei.«

»Vom Reiche Gottes, ja, Katharine.«

»Selbst der Liebe nicht?«

»Selbst der Liebe nicht.«

»Und das glaubst Du auch heute noch?«

»Auch heute noch,« antwortete er, hätte aber vielleicht gern das zweischneidige Wort zurückgenommen, denn er sah, wie tief er die Geliebte getroffen hatte, wie todtenbleich sie sich erhob und der Thür zuwankte. Er wollte ihr folgen, aber sie winkte abwehrend mit der Hand; er harrte eine Weile in der Hoffnung ihrer Rückkehr. Vergebens. Endlich entfernte er sich. Wie er diese Nacht verbrachte, möge uns zu schildern erlassen sein. Er kannte die Wucht eines Wortes, das sich nicht vergessen, und nicht widerrufen läßt, weil es die Wahrheit ist. Wer in Einem Alles zu verlieren hat, o wie zittert der während des Opfers!

Es duldete ihn nicht in seinem Hause, er irrte durch Wald und Feld und früh am Morgen stand er schon wieder vor ihrer Thür. Er hörte eine unruhige Bewegung Trepp auf, Trepp ab; doch wagte er nicht einzutreten, entfernte sich und kehrte wieder. Jetzt alles still, wie ausgestorben. Zitternd zog er die Klingel. Ein Diener erschien, aber die beklemmende Frage erstarb auf seinen Lippen.

Er sollte nicht lange im Zweifel bleiben. Der Diener sagte, daß das Fräulein einen Brief für ihn zurückgelassen. Zurückgelassen! Er hatte es ja gewußt, daß sie fort war! Er vermochte nicht zu fragen, wohin. Er trat in ihr Zimmer, das Abschiedswort entgegen zu nehmen. Es lag versiegelt auf dem Schreibtische. Ehe er es erbrach, überblickte er noch einmal den Raum, in welchem er die höchste und die letzte Lebensseligkeit gekostet hatte. Er sah sie wieder in jedem Gegenstande, Sie, die er für immer verloren. Jetzt erst öffnete er das Papier und las.

»So soll denn keine Gemeinschaft zwischen uns möglich sein, und der Strom, der alle Geister verbindet, er soll sich zwischen uns legen wie eine trennende Fluth. O, daß ich es niemals begreifen werde, warum mein Glück Deinem Heile entgegensteht! Rufe mich zurück, Erasmus, wenn Du darfst, denn ich, ich weiß keine Kluft, welche die Liebe nicht ausfüllen könnte.«

So rasch war dieser Traum von Glück entschwunden und so geringfügig scheinen die Anlässe, an welchen der Zwiespalt der Naturen zur Erscheinung kam. Meinungen nur, nicht Schicksale, nicht Handlungen waren es, an welchen ihre Hoffnung zerschellte, und wohl mag uns die Kunst gefehlt haben, in beschränktem Raume diesen Schiffbruch an den ersten besten Klippen deutlich zu machen. Jene Klippen hätten vermieden werden können – vielleicht; würden sie nicht aber bei jeder Bewegung auf neue gestoßen, würden nicht Strudel und Untiefen vor ihnen aufgetaucht und der Hauch warmer Liebe, der ihre Segel beim Auslaufen gebläht hatte, vor dem Landen in rauhe Stürme umgeschlagen sein?

Wir entscheiden es nicht. Wir erzählen, ein Beispiel aus dem Naturreiche der Geister, das wie das physische nach unumstößlichen Gesetzen geordnet ist und wie dieses einen Pol hat, welchem kein Wille, und selber die Liebe nicht, eine andere Richtung zu geben vermag.

Als Erasmus Katharinens Zeilen gelesen hatte, sprang er auf, ihr zu folgen, die Fliehende heimzuholen. An der Thür kehrte er um. Er setzte sich, ihr zu schreiben, aber er vernichtete den Brief. Er bestand jede Versuchung und Katharine harrte vergebens auf das Zeichen einer alles überwindenden Liebe.

Sie war in die Stadt zu ihren alten Freunden gegangen; Keiner ahnte den Kampf, den sie bestand, Keiner, außer Bastian, der ihn vorausgesehen. Getreu ihrer Eigentümlichkeit, in der mächtigsten Bewegung den Blick für ihre Umgebungen offen zu behalten, empfand sie es schmerzlich, die Pflicht gegen des Freundes Liebling aufzugeben, noch ehe sie dieselbe angetreten hatte. Sie machte ihm wiederholt den Vorschlag, ihr die Kleine auf der Reise nach dem Süden anzuvertrauen, wo sie den Winter bei ihren Eltern zuzubringen gedachte. Er lehnte es ab.

»Lassen wir das Kind in Ruhe und freier Luft,« sagte er, »mehr braucht es nicht für den Augenblick. Die Pflegerin ist zuverlässig, und ich bin in der Nähe.«

Katharine zögerte mehrere Wochen in der Stadt, hoffend auf ein Wort von ihrem Freund. Als sie aber eines Tages erfuhr, daß er Schritte gethan, um nach einer andern Gegend versetzt zu werden, ließ sie ihn unter der Hand bitten, die Gemeinde, die seiner bedürfe, nicht zu verlassen, zumal sie selber auf Jahr und Tag von ihr fern zu sein gedenke. Tags darauf reiste sie ab.

*

Zwei Jahre sind vergangen, seit wir den Leser zuerst in den Kreis unserer Freunde eingeführt haben. Es ist ein sonnenheller Maimorgen und wieder Katharine Petersons Geburtstag. Der Banquier und seine Gattin sitzen wie an jenem Abend in der Veranda vor ihrem Sommerhause in der Residenz, ihr alter Freund Bastian ihnen beim Frühstück gegenüber. Vater Peterson fühlt seine hektische Anlage erheblich gemildert, wenngleich wir ihn nicht ganz so rundlich wohlgenährt wiederfinden, als wir ihn an seinem Hochzeitstage verließen, und die Rosen von seinen Wangen auf die der guten Beate geflüchtet scheinen, allda einen späten, aber heiteren Nachfrühling bekundend. Doctor Bastian dahingegen ist um mehr als ein Jahrzehend gealtert. Ein mächtiger Sturm hat seit Jahr und Tag den Welttheil überbraust, alte und neue Ideale, alte und neue Chimären ebenso jählings verschüttet als aufgerüttelt, Doctor Bastian aber und seines Gleichen rath- und thatlos einem nackten Ufer zugespült.

»Wieder kein Brief von Katharinen!« sagte Herr Peterson seufzend, »auch an diesem Tage nicht! Wie mich das unruhig macht! Sollte sie krank geworden sein? Die Strapazen eines zweiten Sommers im Orient – ich begreife die Wanderlust nicht, die über das ruhige Kind gekommen ist.«

»Hast Du ihr die letzten Nachrichten aus Redau mitgetheilt, Freund?« fragte der Doctor.

»Allerdings, und ich hoffte, daß sie ihre Heimkehr beschleunigen würden. Doch können sie noch nicht in ihren Händen sein, und es ist schon über einen Monat, seit ich die letzten Briefe von ihr aus Malta erhalten habe. Woldemar und Adele sind längst verheirathet, seine Wunden heilen allmälig. Zum Dienst wird er freilich immer untauglich bleiben, der arme, übermüthige junge Held, und wir werden auf ein anderweitiges, angemessenes Etablissement für ihn denken müssen. Ich habe Dich lange bitten wollen, Doctor, die Sache einmal ernstlich in Betracht zu ziehen. Was macht aber Katharine noch dort, warum kehrt sie nicht zu uns zurück?«

»Du kennst sie ja, lieber Peterson,« versetzte seine Gattin beschwichtigend, »sie hat Deine Gabe geerbt: wenn man sie bittet, nicht Nein sagen zu können, und ihr Verweilen wird dem unerfahrenen, jungen Paare in dem fremden Lande so wohlthätig sein. Wie war sie ohne Besinnen bereit, auf die erste Nachricht von Woldemars Verwundung ihren anmuthenden Aufenthalt aufzugeben –«

»Aber wie kam sie überhaupt darauf, diesen Aufenthalt zu wählen und nicht mit uns von Venedig aus heimzukehren, sie, die sonst so wenig reiselustig war?«

»Du vergißt, Bester, daß ihre Stellung seit unserer Verheirathung eine veränderte geworden ist.«

»Sollte das Kind sich beeinträchtigt fühlen?« fuhr Herr Peterson erschrocken auf,

»Warum nicht gar,« antwortete Bastian, »Katharine sich beeinträchtigt fühlen durch eines Menschen Glück! Der Winter auf dem Lande schien ihr langweilig.«

»Das begreife ich.«

»Darum reiste sie. L'appétit vient en mangeant. Wer einmal über die Alpen ist, will auch Rom sehen, zumal die Gräfin, durch die Februarereignisse in ihren Pariser Studien gestört, nach Italien drängte. Daß in Rom ihres Bleibens nicht sein konnte, wissen wir, Gott sei's geklagt. Aber auch der Heimweg nach Deutschland war just nicht einladend, so ging sie weiter und weiter, nach Griechenland, Aegypten, Palästina –«

»Ja, sonderbar,« fiel Beate ein, »es glich einer Fügung, daß die friedlichste Seele unstet von einem anmuthenden Ruhepunkte zum anderen getrieben werden mußte, um nur gleich bei der Hand zu sein, als Brautmutter die arme Adele ihrem, auf seinem improvisirten indischen Streifzuge verwundeten Bräutigam zuzuführen. Wir hätten das gute Mädchen nicht bei uns zurückhalten können, als die Nachricht von der Einschiffung ihres kranken Helden zugleich mit der von seiner Ankunft auf Malta bei uns einlief. Und wen findet sie an dem Schmerzenslager des Freundes, wen anders als die treue, hülfreiche Katharine.«

»Wo es auszugleichen, für einen Anderen einzutreten gilt, da ist sie an ihrem Platze,« sagte der Doctor, »ich glaube Katharine heirathet nicht eher, als bis einmal einem Bräutigam die Braut, oder einem Manne die Frau abhanden gekommen ist. Sie wäre zur Stiefmutter geboren.«

»O, wenn doch diese glückliche Chance einmal eintreten wollte!« fiel der Vater mit einem neuen Seufzer ein, »ich weiß nicht, aber sie kam mir in Venedig so verändert vor, gezwungen heiter, da sie einst so natürlich heiter war. Mein Kind, meine liebe Katharine, ach wo bist Du, wo weilst Du in diesem Augenblick?«

»Bei Dir, bei Dir, mein bester, theuerster Vater!« rief eine sanfte, von Thränen zitternde Stimme und die Arme der Ferngewähnten schlangen sich zärtlich um seinen Hals. Alle waren eine Weile sprachlos in freudiger Ueberraschung; dann aber folgte ein lauter Jubel des Wiedersehens und Katharine erklärte endlich ihr unangekündigtes Erscheinen, indem sie sagte:

»Mich überfiel plötzlich eine unerklärbare Unruhe; ich reiste ohne Rast Tag und Nacht, ein Gefühl trieb mich, als ob ein großes Unglück geschehen sein müsse.«

»Seit wann leiden Sie denn an Apprehensionen, Katharine?« fragte der Doctor.

»Ja, spotten Sie nur, alter Freund,« versetzte sie, ich kann diese Aengste nicht ableugnen, sie waren stärker als aller Unglaube. Gottlob, wenn sie keinen Grund gehabt.«

»Gottlob, vor allem, daß wir Dich wiederhaben, mein liebes Kind!« sagte Herr Peterson. »Aber Du bleibst doch nun bei uns? Denkst nicht daran, gleich wieder fort zu gehen, auch nicht nach Redau?«

»Ich habe eine herzliche Sehnsucht, auch Redau wieder zu sehen,« versetzte sie mit niedergeschlagenen Augen, »nur auf einen Tag, nur auf eine Stunde, nicht um dort zu bleiben. Leben will ich bei Dir, Vater, mit Euch, Eure alte Katharine.«

»Und doch wird ein längerer Blick der Herrin auf Redau bald nöthig werden,« sagte Bastian, der in seiner Praxis gelernt hatte, einen unvermeidlich scharfen Schnitt nicht zu scheuen, »da dort der Hirt seine Heerde zu verlassen im Begriffe steht.«

»Ja, liebe Tochter,« ergänzte Herr Peterson, nicht bemerkend, daß diese erbleichend die Hand gegen die Brust drückte und auf ihrem Stuhle zurücksank; »ja, es wird Dich betrüben, den Pfarrer Lorenz nicht wieder zu finden.«

»Todt?« fragte sie kaum hörbar.

»Todt? Behüte,« fiel Bastian ein. »Im Gegend theil muß er sich ja ausnehmend bei Kräften fühlen, da er an der Bekehrung christlicher Heiden noch nicht genug hat und sich rüstet, als Missionär, ich glaube unter die leibhaftigen Menschenfresser zu gehen.«

»Der Jugendplan der Heidenmission ist plötzlich wieder in ihm aufgewacht,« unterbrach Beate milde die spottende Erklärung des Doctors, »wir haben es leider nicht hindern können. Der unberechenbare Mann ist in den zwei Jahren immer zurückhaltender, in sich gekehrter geworden.«

»Eine spröde, unfaßbare Natur, wie mir im Leben noch keine vorgekommen ist,« sagte der Vater kopfschüttelnd.

»Aber so selbstverleugnend und uneigennützig, durch und durch Idealist,« entschuldigte Beate.

»Und doch der härteste Egoist!« sagte Bastian.

»Nein, nein!« rief Katharine rasch, und fragte dann leise: »Ist er schon fort?«

»Er hat Abschied von der Gemeinde genommen, morgen wollte er sie verlassen.«

»Das also trieb mich!« flüsterte Katharine in sich hinein.

»Ohne Ihre Ankunft würden wir Ihren Geburtstagsabend in Redau begangen haben,« sprach Bastian nicht ohne Absicht. »Frau Beate sehnte sich, ihren frommen Freund noch einmal zu sehen, ich wollte einen Blick auf die Kleine thun, die ich neulich ziemlich matt und kopfhängerisch verlassen hatte.«

»Natürlich, daß wir den Plan jetzt aufgeben,« meinte Herr Peterson, und da Katharine schwieg, wendete der Doctor das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Er fragte nach der Gräfin, welche Katharine, kämpfend mit der Ungunst der Zeit, aber mit ungebeugtem Vertrauen, auf der Durchreise flüchtig in Paris gesehen hatte. Die Veränderungen in dem gesammten Familien- und Freundeskreise wurden der Reihe nach durchgegangen und dabei natürlich auch des Vetters Heinrich und seiner kleinen Frau gedacht.

»Wie wirst Du Dich wundern, Katharine,« hieß es, »in dem übermüthigen Kinde das Muster eines Hausmütterchens wieder zu finden, im weißen Küchenschürzchen Trepp auf, Trepp ab, ein Bübchen auf dem Schooße, ein anderes in der Wiege und noch nicht zwei Jahre unter der Haube.«

»Aber wie ist denn das zugegangen?« fragte Katharine lächelnd.

»Lassen Sie sich das von ihr selbst erzählen,« sagte Bastian, denn eben kommt sie mit ihrem kleinen Anhang, dem Papa Peterson einen selbstgebackenen Kuchen zum heutigen Feste zu bescheeren.«

Und in der That, der blumenprangende Kuchen wäre der kleinen Rosa fast aus der Hand gefallen, als sie den Gegenstand, den sie durch denselben zu ehren gedachte, auf einmal leibhaftig vor sich sah. Der Stammhalter Heinrich und selber das noch namenlose Wickelkind in ihrem Gefolge machten große Augen über den hellen Freudenschrei der kleinen Mama, die bei achtzehn Jahren schon einen stattlichen Ansatz hausmütterlicher Fülle entwickelte, aber noch immer so klar und fröhlich aus ihrem blauen Augenpaar schaute, als da Bär und Schmetterling ihren Ehrentag feierten.

Nachdem der erste Sturm der Begrüßung sich gelegt, kam Katharine auf den Ausdruck ihrer Verwunderung über die unerwartete Metamorphose zurück, in welchem die metamorphisirte Gratulantin sie unterbrochen hatte.

»Ei, wie ist denn das aber zugegangen?« fragte sie.

»Wie soll es zugegangen sein?« antwortete Frau Rosa lachend, »der Rechenmeister Heinrich hat es ausgeklügelt und Noth und Zeit haben ihm in die Hände gearbeitet.«

»Die Zeit?« wendete Katharine lächelnd ein, »ein Jahr und neun Monat –«

»Dünken einem Mädchen wie Dir, Ina, ein Traum, und sind für eine Frau mehr als umfassend, für alles was sie erleben kann und wenn sie weiße Haare hätte und mit dem Kopfe wackelte. Die Spanne vom Mädchen zur Mutter wird ja vor einem Jahre durchlaufen; alles Andere sind Wiederholungen.«

»Wie weise sie geworden ist!« sagte Katharine lachend, »aber nicht nur von der Zeit war ja die Rede, sondern auch von der Noth und vom Vetter Heinrich als deus ex machina; beichte nun recht ausführlich, wie diese Gestrengen es angefangen haben, unseren flatternden Schmetterling in ein häusliches Heimchen umzukehren.«

»So hört denn,« begann die kleine Rosa sich räuspernd, »die Geschichte von der Verwandlung des Schmetterlings. Sie hat eine gesunde Moral, wie Doctor Bastian zu sagen pflegt. Also, von Anfang lebten wir herrlich und in Freuden; mein Herzens-Heinrich versagte mir keinen Wunsch, ließ keinen Einfall unbefriedigt, wenn sich auch just nicht sagen läßt, daß er ihn mir an den Augen ablas. Es gefiel ihm nicht alles, aber er ließ es sich gefallen. Apropos, Ina, die Gefälligkeit ist eine Cardinaltugend der Ehe, besonders für die Männer, die von Natur nicht überflüssig damit bedacht sind. Jeder bereitet sich auf Opfer, die alle Jubeljahre einmal gefordert werden und an der stündlich gebotenen Gefälligkeit scheitert unter zehnen neun Mal das häusliche Glück.«

»Dame Weisheit hat wahr gesprochen,« schaltete der Doctor ein; die junge Frau fuhr fort:

»Item, er wollte mich stillen; wie die Zuckerbäcker ihren Lehrlingen das Naschen erlauben, um ihnen das süße Zeug zu verleiden. Nun, bei dem Experiment hätte er noch eine Weile Geduld haben müssen, denn ich war noch lange nicht satt, als es sich von selber erledigte. Ach, Ina, wie war es schön, erst in Paris und dann auch daheim! Von einem Vergnügen ins andere, bedient wie eine Sultanin und die frischesten Moden! Da kündigte Junker Heinrich sich an mit Kopf und Zahnweh und allerlei Verdrießlichkeiten, die ich mir gar gern gefallen ließ, in der Hoffnung auf einen lustigen Spielkameraden. Gleich darauf indeß platzte fast über Nacht jene tolle Zeit über uns los, wo auch bei uns probirt wurde, die Welt ein wenig auf den Kopf zu stellen. Ich habe herzlich gelacht, als ich sah, daß Freund Bastian die verkehrte Wirtschaft so feierlich nahm, und sich schier darüber verzehren wollte, daß die Menschen nicht ein Fünkchen klüger und besser waren als sie eben sind. Auch mein Heinrich machte ein ellenlanges Gesicht, sprach von Gefahren und Verlusten im Geschäft, von der Nothwendigkeit sich einzuschränken und allen auffälligen Luxus zu vermeiden, um den Neid des Pöbels nicht rege zu machen.«

»Ein Meisterstück von einem Erziehungskniff!« schaltete der Doctor ein.

»Ich glaube es auch,« sagte Rosa, »aber was halfs? Waren die zierlichen Kleider in den Schrank gehängt, so wurden nunmehro Roß und Gefährt zum Verkaufe gestellt und wir bewegten uns zu Fuß, oder per Droschke. Jetzt aber that der liebe Gott den großen Zug, der die Hauptaction war und blieb. Mein guter Vater starb unerwartet, für die Mutter war nur nothdürftig gesorgt, die Geschwister mußten noch aus dem Gröbsten erzogen werden. Da sagte mein herzliebster Heinrich, und Gott segne ihn dafür, daß er es gesagt und durchgeführt,« rief die junge Frau mit Thränen in den Augen, »Deine Geschwister sind die meinen, mein Röschen, sagte er, und die kleinen Entsagungen die wir uns Beide auferlegen müssen, um in schwerer Zeit eine starke Familie zu versorgen, sollen eine Freude mehr in unserem Leben werden. Für jedes Brüderchen und Schwesterchen, das wir in unseren Hausstand aufnehmen, geben wir eine Ueberflüssigkeit auf und vertauschen uns ein Glück. An Stelle des Schmetterlings entläßt Du Deine Jungfer und begnügst Dich beim Anzug mit der Hülfe Schwester Annens, für welche hinwiederum der Faullenzer von Kammerdiener aus dem Hause tritt. Sollte einmal ein Besuch gemeldet werden und unser alter Johann just mit Holzspalten, oder ähnlichen Notwendigkeiten beschäftigt sein, wird Bruder Bär ihm schon gefällig die Thür öffnen, höchstwelchen zu einem tüchtigen Studenten vorzubereiten, wir allenfalls nur noch unsere Loge im Opernhause aufzugeben brauchen. Ich fiel meinem Manne um den Hals. Bär, Anne, Schmetterling, und der kleine Wilhelm obendrein, zogen in unser Haus, die gute Mama hatte nur noch für Zwei zu sorgen und Gott weiß, wie leicht ihr mein Heinrich auch diese Sorge werden läßt.«

»Er gesteht aber doch, mit der Großmuth ein rentables Geschäft gemacht zu haben,« fiel der Doctor ein, »und hat berechnet, daß eine häusliche Frau dem Geldbeutel mehr einbringt, als ein halbes Dutzend Schwäger und Schwägerinnen demselben auferlegen.«

»Sollte ich mich ganz und gar von ihm beschämen lassen?« rief Rosa eifrig. So lange er für mich allein zu sorgen hatte, konnte ich Schmuck und Bequemlichkeiten wohl annehmen, denn was er für mich that, that er ja für sich selbst, weil Mann und Frau Eins sind, wenn sie sich lieb haben nämlich. Nun war es aber nicht mehr als billig, daß ich ihm auch die Bürde tragen half, die er um meinetwillen auf sich geladen, und so habe ich mich denn, um vor meinen eignen Augen zu bestehen, in ein Hausmütterchen umgewandelt, ohne jedoch die lustige Mädchenlaune darüber aufzugeben.«

»Und Vetter Heinrich sich in einen genereusen Schutzherrn, ohne den glücklichen Spekulanten verleugnet zu haben,« ergänzte der Doctor.

Katharine mußte lächelnd an ihres Freundes Vorhersagung denken: »Das streckt sich, das schränkt sich ein und findet sich am Ende noch immer leidlich genug zurecht. Beate aber sagte:

»Und so sind wir Alle, die wir uns vor zwei Jahren an diesem Tage über unsere Meinung von Glück zu verständigen suchten, Andere und anders geworden, als wir damals waren und dachten, ohne doch im Grunde unsere Natur geändert zu haben.«

»Die Tochter des stolzen Grafen,« fiel Bastian ein, »darbt und ringt in ihrer Mansarde von Paris; das Häuschen der zärtlichen Adele steht wohleingerichtet, aber leer, der Bewohner harrend, für die es bestimmt, und sie, die sich so herzlich nach einem stillen Heimwesen sehnte, pflegt in fremdem Lande ihren unruhigen Helden, dem damals die Welt zu enge schien und der nun vielleicht lebenslang traurig an Krücken einherschleichen wird.«

»Und Doctor Bastian,« schaltete Rosa scherzend ein, »welcher der Zeit in ihrem Zahnproceß beistehen wollte – –«

»Schweigen wir davon,« unterbrach sie Herr Peterson, »und denken wir daran, daß nicht Alle unter uns nur aufgeben und entsagen oder gar Andere werden mußten. Seht meine gute Beate und mich –«

»Seid Ihr etwa nicht Andere, seid Ihr nicht ein Paar geworden?« rief Rosa muthwillig, »hast Du nicht Deine liebe Schwindsucht aufgeben müssen, Onkel, riecht es Dir noch immer wie Kalbsfüße vor der Nase? Nein, nein, wir sind Alle verändert bis auf Eine. Nur unser Glückskind Katharine allein, ist die Alte geblieben. Sie ist noch dieselbe, sie hat noch dasselbe – –«

»Aber sie nennt es nicht mehr Glück!« flüsterte Katharine nur von Bastian verstanden.

Das Mittagsessen, dem sich Heinrich und einige Bekannte zugesellten, verging unter heiterem Gespräch; aber Katharine vermochte eine trübe, ahnungsvolle Stimmung nicht zu bannen. Nach dem Essen trat sie rasch auf den Vater zu mit den Worten:

»Gieb, ich bitte Dich, den Plan nach Redau zu fahren nicht auf; Bastian sehnt sich, danach das Kind zu sehen, Beate, ihrem Freunde Lebewohl zu sagen. Ich begleite Euch und kehre morgen mit Euch zurück.«

Herr Peterson wollte Einwendungen machen, die Ermüdung der Reise berücksichtigend, aber sie beharrte. Eine unstillbare Sehnsucht trieb sie, obgleich sie kaum zu hoffen wagte, daß ihr Wiedersehen den geliebten Freund erfreuen, oder ihn wohl gar in seinen ernsten Entschlüssen wankend machen werde.

So fuhr sie denn mit den Eltern und langte ehe es dämmerte an der Haltestelle an, von welcher sie zu Fuße nach dem Gute zu gehen gedachten. Sie fanden auf dem Bahnhofe eine unruhige Bewegung. »Es brennt in Redau!« rief man den Wohlbekannten von allen Seiten entgegen.

»Im Dorf – im Schlosse – im Gartenhause – nein, im Asyl!« schrien die Stimmen wirr durcheinander.

Katharine blickte bei dem letzten Worte angstvoll auf den Freund, dessen Liebstes bedroht sein konnte. Er stand einen Augenblick starr wie im Boden gewurzelt, dann sprang er auf eine Feuerspritze, die aus der Stadt gerasselt kam, und jagte davon, ohne ein Wort zu sagen.

Die Anderen folgten zu Fuß so rasch sie konnten. Katharine voran. Eine unsägliche Angst lieh ihr Flügel; ihr war als ob Alles auf dem Spiele stehe, wenngleich sie sich sagen mußte, daß, waren nur die Kinder gerettet, das Feuer am Tage in dem einzelnstehenden Gartenhause und bei der herrschenden Windstille wenig Unheil drohe.

Schon im Park leuchtete die rothe Gluth, qualmte der Rauch ihr entgegen, hörte sie das Läuten der Sturmglocke, das Kreischen und Tosen der Menge. Doch begegnete ihr Niemand, von dem sie Auskunft hätte erhalten können. Sie sah aus der Ferne Kirche und Pfarrhaus still und lautlos zwischen den blühenden Bäumen; sie preßte die Hand gegen das Herz; der Gedanke durchrieselte sie, daß das Unglück, dessen Zeugin sie werden sollte, sie dem Unvergeßlichen gegenüber führen müsse, welchen sie ohne dasselbe vielleicht nicht wiedergesehen haben würde. Bangte ihr? freute sie sich? hoffte sie gar? Sie stand einen Augenblick stille, wie um sich zu prüfen, dann sagte sie zu sich selbst:

»Nein, ich täusche mich nicht, ich würde ihm die Hand reichen können wie einem alten Freunde. Die Wünsche sind verklungen und ich wäre ruhig genug, um ohne Kampf unter seinen Augen zu lebend Aber er?« –

Sie stand am Ausgange des Parks nach dem Garten. Hier war die Terrasse, hier die Laube, wo sie einst die Seine geworden. Jetzt bot sie einen freien Blick über die Stätte des Unheils. Sie stieg die Stufen hinan; noch aber hatte sie die Höhe nicht erreicht, als ein gellender Schrei sie von Kopf zu Füßen erbeben machte.

»Mein Kind! mein Kind!« schrillte der Weheruf aus Bastians Munde zu ihr empor.

Ohne Besinnen eilte sie den Abhang nieder und nach dem Orte der Gefahr. Sie drängte sich durch das Gewühl und stand in wenigen Augenblicken dem von oben bis unten lodernden Hause gegenüber. Bastian stürzte an ihr vorüber, ohne sie zu bemerken. Er trug eine Leiter, auf welcher er in das brennende Haus zu steigen versuchte. Im obersten Stocke mußte sein Kind sein, das einzige, das noch nicht gerettet war. Beim ersten Ansatz wurde die Leiter jäh von den Flammen ergriffen.

»Es ist unmöglich!« schrie man ihm von allen Seiten entgegen und suchte ihn zurückzuhalten. Die letzte Hoffnung schien geschwunden, Der unglückliche Vater stand inmitten der Leiter, konnte nicht vorwärts, wollte nicht zurück.

In diesem grausamen Augenblicke erblickte man oben auf dem wankenden Söller, eine Feuersäule hinter sich, unkenntlich in Rauchwolken gehüllt eine Gestalt und eine mächtige Stimme schrie herunter:

»Das Kind, das Kind! fangt es auf!«

»Erasmus!« rief Katharine und sank halb bewußtlos auf ihre Knie.

Ein durchdringender Schrei der Menge, dem eine augenblickliche Todtenstille folgte, weckte sie aus ihrer Betäubung. Bastian stand vor ihr, das Kind, welches er auf halber Höhe der Leiter in seinen Armen aufgefangen hatte, fest an seine Brust gedrückt. Ob es noch lebte, ob der Rauch es erstickt? Sie fragte nicht, sie drängte vorüber, mit irrem Blick nach einem Anderen suchend.

»Wo ist er?« rief sie verzweifelnd. Aber in demselben Augenblicke entdeckte sie ihn, von der Menge umdrängt auf den Rasenboden gebettet. Sie warf sich über ihn, in Todesangst die leblose Gestalt umklammernd.

Wie mit einem Zauberschlage hatte das unruhige Toben sich gelegt, Keiner kümmerte sich mehr um das brennende Haus, Keiner wagte zu athmen, jeder Blick haftete gespannt auf der Stelle, wo der Unglückliche lag. Man hörte nur das Prasseln der Flamme, das Krachen zusammenstürzender Balken.

Katharine war die Erste, welche die notwendige Fassung wieder gewann. Auf ihren Wink erhob man den Regungslosen und trug ihn nach ihrem Zimmer im Schloß. Sie selber stützte seinen Kopf, der schlaff herabhängend an ihrem Herzen ruhte. Man legte ihn auf ihr eigenes Ruhebett und eilte hülfesuchend nach Bastian.

Er trat bald darauf ein, das Kind noch immer in seinen Armen haltend. Sein Anblick hatte etwas Geisterhaftes, als er den Liebling sorgfältig auf dem Sopha zu betten suchte. Inmitten ihrer Bewegung durchzuckte Katharinen die Erinnerung an jene Entscheidungsstunde, in welcher sie das Kind auf die nämliche Stelle gelegt.

Bastian trat schwankend auf sie zu und sagte mit verhaltenem Zittern: »Zu spät!«

»Todt!« rief Katherine mit stechendem Schmerz, ohne sich von ihren Knien zu den Häupten des Freundes zu erheben, – »todt – und Er?«

Bastian untersuchte den Regungslosen mit der ruhigsten Sorgfalt. Fast mußte es ein Wunder erscheinen: als Keiner es mehr wagte, hatte er suchend nach dem bedrohten Kinde das Haus durchirrt, doch sah man keine Brandwunden, Haar und Kleider waren kaum gesengt!

»Gottes Engel hat seinen Heiligen beschützt!« sagte ein alter Mann, der Empfindung der das Zimmer füllenden, angstvoll harrenden Menge einen Ausdruck gebend.

Katharine wagte hoffnungsbelebt auf Bastian zu blicken. Schnell aber breitete es sich wie ein Todtenschleier über ihr Gesicht, sie hatte ihr Urtheil in seinen Mienen gelesen.

»Sein Schicksal erfüllt sich,« sagte er leise, nach tiefem Schweigen, »er, der nicht leben konnte für den geliebtesten Menschen, stirbt für ein armes, verachtetes, für ein todtes Judenkind!«

Kaum daß er diese Worte gesprochen, als Erasmus die Augen aufschlug. Seine Blicke schweiften einige Minuten in wildem Glanze, wie in unsäglicher Qual im Zimmer umher, dann hafteten sie plötzlich mit verklärtem Ausdruck auf Katharinens vielgeliebter Gestalt und ein rother Strom entquoll seinem Munde. Ein Blutgefäß ward in seiner Brust verletzt, als er, nachdem er das Kind in Bastians Arme geworfen, sich selber durch einen Sprung vom Söller vom Feuertode zu retten gesucht.

Er lebte noch mehrere Tage ohne Schmerzensausdruck und mit sichtbarem Bewußtsein, wenn auch sprachlos. Katharine wich nicht von seinem Lager; ihre Nähe schien ihn zu beglücken, und mehr als einmal suchte er mit letzter Kraft ihre Hand an sein Herz zu ziehen.

Am andern Morgen, als eben die Sonne aufstieg, gewann er noch einmal die Sprache wieder.

»Ich bin elend, mir ist wehe, Herr, schütze mich mit Deiner Kraft!« murmelte er leise vor sich hin. Dann aber richtete er sich plötzlich in die Höhe, sein Antlitz war wie beseligt.

»Ach, Katharine,« rief er laut, »sterben, sterben ist schön!« Ein neuer Blutstrom drang aus seinem Munde; sein Kopf sank zurück, er war nicht mehr. – –

So oft aber Katharine, die ihr geliebtes Thal selten verläßt und in demselben mit warmer Hingebung die Träume ihrer Jugend zu verwirklichen sucht, das weiße Kreuz auf seinem Hügel über die Pforte ihres Gartens ragen sieht, sagt sie zu sich selbst:

»Wir suchen, er hat gefunden; er ist glücklich und er allein!«

*

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