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Erzählungen

Anton Tschechow: Erzählungen - Kapitel 7
Quellenangabe
titleErzählungen
authorAnton Tschechow
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typenarrative
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Plappertasche

Natalja Michajlowna, eine junge Frau, die am Morgen aus Jalta heimgekehrt war, aß zu Mittag und erzählte ihrem Mann, ohne ihr Zünglein auch nur eine Sekunde stillstehen zu lassen, von den Herrlichkeiten der Krim. Der Mann blickte ihr begeistertes Gesicht voll Entzücken und Freude an und stellte nur ab und zu ein paar Fragen . . .

»Aber man sagt, das Leben soll dort furchtbar teuer sein?«

»Ja, wie soll ich Dir sagen, Papachen? Meiner Ansicht nach wird darin stark übertrieben. Der Teufel ist nicht so schlimm, wie man ihn an die Wand malt. Ich, zum Beispiel, hatte mit Julija Petrowna ein sehr bequemes und anständiges Logis für zwanzig Rubel täglich. Alles, mein Schatz, hängt von der Kunst ab, sein Leben einzurichten. Natürlich, wenn man Ausflüge in die Berge macht . . . zum Beispiel aus den Aj-Petri . . . sich ein Pferd, einen Führer nimmt – ja, dann natürlich wird es teuer. Schrecklich teuer! Aber Wassitschka, was sind dort für Be–erge! Stell Dir vor, so hohe, hohe Berge, tausendmal höher als die Kirche . . . Oben ist nur Nebel, Nebel und Nebel . . . Unten riesige Felsen, Felsen und Felsen . . . Und die Pinien . . . Ach, ich mag nicht daran denken!«

»Aber was ich sagen wollte . . . Unter anderem las ich hier in einer Zeitschrift von den dortigen Führern, den Tataren . . . So eine Schweinerei! Ist an ihnen denn wirklich was Besonderes d'ran?«

Natalja Michajlowna rümpfte verächtlich das Näschen und schüttelte mit dem Kopf.

»Gewöhnliche Tataren, nichts Besonderes . . .« sagte sie. »Übrigens habe ich sie nur flüchtig, von weitem gesehen . . . Man zeigte sie mir, aber ich gab nicht acht darauf. Ich habe, Papachen, immer ein Vorurteil gegen alle diese Tscherkessen, Griechen . . . Mauren gehabt! . . .«

»Man sagt, daß sie furchtbare Don Juans sein sollen.«

»Vielleicht! Es giebt ja Frauenzimmer, die . . .«

Natalja Michajlowna sprang plötzlich auf, als wäre ihr etwas Schreckliches eingefallen, blickte eine halbe Minute lang den Mann mit erschrockenen Augen an und sagte, indem sie jedes Wort dehnte.

»Wassitschka, ich will Dir nur sagen, was es für un–mo–ra–lische Frauen giebt! Ach, was für unmoralische! Und nicht etwa, weißt Du, aus den unteren oder mittleren Ständen, nein, Aristokratinnen, diese anfgeblasenen bonton-Damen! Geradezu fürchterlich, ich traute meinen Augen nicht! So lang ich lebe, vergesse ich es nicht! Wie ist es nur möglich, sich so zu vergessen, daß . . . Ach, Wassitschka, ich will davon gar nicht sprechen. Nehmen wir zum Beispiel meine Reisegefährtin, Julija Petrowna . . . So einen guten Mann hat sie, zwei Kinder . . . gehört zur guten Gesellschaft, spielt sich immer als Heilige auf, und plötzlich, kannst Du Dir denken . . .? Aber, Papachen, das bleibt natürlich entre nous. – Giebst Du Dein Ehrenwort, daß Du es niemandem erzählen wirst?«

»Na, so etwas! Natürlich erzähle ich das niemandem.«

»Ehrenwort? Hörst Du! Ich glaube Dir . . .«

Die junge Frau legte die Gabel hin, machte ein geheimnisvolles Gesicht und begann im Flüsterton.

»Stell Dir so etwas vor . . . Einmal reitet diese Julija Petrowna in die Berge . . . Es war ein wundervolles Wetter! Sie ritt mit ihrem Führer voraus, etwas weiter zurück folgte ich. Wir waren vielleicht so drei, vier Werst geritten, als plötzlich, verstehst Du, Wassitschka, Julija aufschreit und sich nach der Brust faßt. Ihr Tatare greift sie um die Taille, sonst wäre sie aus dem Sattel gefallen . . . Ich reite mit meinem Führer zu ihr heran . . . Was ist? Was ist passiert? ›Ach‹, schreit sie, ›ich sterbe! Es wird mir schlecht! Ich kann nicht weiter!‹ Stell Dir meinen Schreck vor! – Dann reiten wir zurück, sage ich. ›Nein‹, sagt sie, ›Natalie, ich kann nicht zurückreiten! Wenn ich noch einen Schritt mache, so sterbe ich vor Schmerzen! Ich habe Krämpfe!‹ Und sie bittet und fleht mich und meinen Sulejman um Gotteswillen an, daß wir in die Stadt zurückreiten und ihr Hoffmann-Tropfen holen, die ihr helfen.«

»Wart 'mal . . . Ich verstehe Dich nicht ganz . . .« murmelte der Mann, sich die Stirn reibend. »Du sagtest doch zuerst, daß Du diese Tataren nur von weitem gesehen hättest, und jetzt erzählst Du mir von irgend einem Sulejman?«

»Du fängst wieder mit Deinen Wortklaubereien an!« sagte die Frau mit einer Grimasse, ohne auch nur im geringsten verlegen zu werden. »Ich kann so ein mißtrauisches Wesen nicht vertragen! Nein, das kann ich nicht leiden.«

»Ich sage ja nichts, aber . . . wozu die Unwahrheit reden? Bist Du mit dem Tataren geritten, so bist Du geritten, und damit basta. Aber . . . wozu solche Ausflüchte?«

»Hm! . . . So komisch zu sein!« empörte sich die junge Frau. »Auf Sulejman eifersüchtig! Ich möchte doch wissen, wie Du ohne Führer in die Berge geritten wärst! Ich kann es mir vorstellen! Wenn Du die dortigen Verhältnisse nicht kennst und das nicht begreifst, so schweig lieber. Sei still und schweig! Ohne Führer kann man dort nicht einen Schritt machen.«

»Natürlich!«

»Bitte dieses dumme Lächeln zu unterlassen. Ich bin nicht etwa irgend eine Julija . . . Ich verteidige sie auch nicht, aber ich . . . hm! Wenn ich mich auch nicht als Heilige aufspiele, so habe ich mich doch noch nicht so weit vergessen. Mein Sulejman durfte die Grenze nicht überschreiten . . . Ne–ein! Julijas Mametkul pflegte bei ihr die ganze Zeit zu sitzen, bei mir aber hieß es, wenn des Abends die Uhr elf schlug, sofort: ›Sulejman, marsch! Gehen Sie!‹ Und mein dummes Tatarchen geht auch. Ich hielt ihn streng, Papachen . . . Sobald er 'mal wegen des Geldes oder wegen sonst irgend was zu knurren begann, kam ich ihm gleich: ›Wie? Wa–as? Wa–a–as?‹ Gleich fiel ihm das Herz in die Hosen . . . Ha–ha–ha . . . Augen hatte er, schwarz, pechschwarz, wie eine Kohle, verstehst Du, Wassitschka, ein tatarisches Fratzchen, so dumm und komisch . . . Ich hielt ihn stramm! So!«

»Ich kann es mir vorstellen . . .« brummte der Gatte, während er Brodkügelchen rollte.

»Dumm, Wassitschka! Ich weiß ja, was Du für Gedanken hast! Ich weiß, was Du denkst . . . Aber ich versichere Dich, daß er bei mir sogar während der Ausflüge die Grenzen nicht überschreiten durfte. Wir reiten zum Beispiel in die Berge oder zum Wasserfall U-tschau-Su, und ich sage ihm stets: ›Sulejman, hinten reiten! Na!‹ Und immer ritt er hinten nach, der Ärmste . . . Sogar während . . . sogar an den allerpathetischsten Stellen pflegte ich ihm zu sagen: ›Und trotzdem darfst Du nicht vergessen, daß Du nur ein Tatar bist, während ich die Frau eines Staatsrats bin!‹ Ha–ha . . .«

Die junge Frau begann zu lachen, sah sich dann schnell um, machte ein erschrockenes Gesicht und fuhr fort zu flüstern:

»Aber Julija! Ach diese Julija! Ich verstehe, Wassitschka, warum soll man nicht etwas Spaß machen, warum soll man sich nicht eine Erholung nach der Leere des gesellschaftlichen Lebens gönnen? Das geht ja alles . . . spaße und erhole Dich, soviel Du willst, niemand wird es verurteilen. Aber so etwas ernst zu nehmen, Scenen zu machen . . . nein, sag' was Du willst, das verstehe ich nicht! Stell Dir vor, sie war eifersüchtig! Na, ist so etwas nicht dumm? Einmal kommt zu ihr der Mametkul, ihre Passion . . . Sie war nicht zu Hause . . . Nun, ich rief ihn zu mir herein . . . wir kamen ins Gespräch, dies und jenes . . . sie sind ja, weißt Du, zu komisch! So verging ganz unvermerkt der Abend . . . Plötzlich stürzt Julija herein . . . überfällt mich und Mametkul . . . macht uns eine Scene . . . Pfui! So etwas verstehe ich nicht, Wassitschka!«

Wassitschka räusperte sich, runzelte die Stirn und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Ein lustiges Leben führtet Ihr dort, das muß man sagen!« brummte er mit einem verächtlichen Lächeln.

»Na, wie das du–umm ist!« sagte Natalja Michajlowna gekränkt. »Ich weiß, woran Du denkst! Du hast immer solche schmutzige Gedanken! Nun, dann werde ich Dir eben nichts erzählen. Nein!«

Die junge Frau warf schmollend die Lippen auf und verstummte.

 


 

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