Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Anton Tschechow >

Erzählungen

Anton Tschechow: Erzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
titleErzählungen
authorAnton Tschechow
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typenarrative
Schließen

Navigation:

Einmal im Jahr

Das kleine, drei Fenster breite Hôtel der Fürstin hat heute ein feierliches Aussehen, als wenn es sich verjüngt hätte. Ringsherum ist alles sauber gefegt, das Thor ist geöffnet und die gitterartigen Jalousien sind von den Fenstern herabgenommen. Die hell gescheuerten Scheiben kokettieren schüchtern mit der Frühlingssonne . . . Im Eingang steht der alte und hinfällige Portier Mark in seiner von Motten zerfressenen Livree. Er ist heute nicht umsonst aus seiner Kammer hervorgekrochen. Heute ist der Namenstag der Fürstin und er muß den Gratulanten die Thüre öffnen und ihre Namen ausrufen. Im Vorzimmer riecht es heute nicht wie gewöhnlich nach Kaffee und Kohlsuppe, sondern nach Parfüm. Die Zimmer sind sorgfältig aufgeräumt. Von den Bildern sind die Gazehüllen herabgenommen und die ausgetretenen Dielen sind frisch gewichst.

Die Fürstin selbst, eine gebeugte und runzelige Greisin, sitzt in einem großen Lehnstuhl und streicht immerfort die Falten ihres weißen Tüllkleides zurecht. Nur die an ihre dürre Brust geheftete Rose erinnert daran, daß es in dieser Welt auch eine Jugend giebt! Die Fürstin erwartet ihre Gratulanten. Es müssen heute kommen: Baron Tramb nebst Sohn, Fürst Halahadze. Kammerherr Burlastow, ihr Kousin General Bittkow und noch viele andere . . an zwanzig Menschen! Sie werden kommen und ihren Salon mit Geplauder erfüllen. Der Fürst Halahadze wird etwas vorsingen und der General Bittkow wird sie zwei Stunden lang um ihre Rose bitten . . . Sie aber weiß recht wohl, wie sie sich in Gegenwart dieser Herrschaften zu halten hat! Vornehmheit, Würde und Erziehung werden aus allen ihren Bewegungen sprechen.

Es werden unter anderem auch die Kaufleute Htulkin und Pereulkow kommen: für diese Herren liegen im Vorzimmer Papier und Feder auf. »Jedes Heimchen soll bei seinem Herde bleiben.« Sie können ihre Namen einzeichnen und dann gehen . . .

Es ist zwölf Uhr. Die Fürstin rückt ihr Kleid und die Rose zurecht. Sie horcht, ob nicht jemand läutet? Ein Wagen kommt lärmend angefahren und hält. Es vergehen fünf Minuten.

»Nicht zu uns!« denkt die Fürstin.

Ja, meine Fürstin, nicht zu Ihnen! Es wiederholt sich die Geschichte der vorigen Jahre. Eine erbarmungslose Geschichte! Um 2 Uhr geht die Fürstin, wie im vorigen Jahre, in ihr Schlafzimmer, greift nach dem Riechfläschchen und fängt an zu weinen.

»Es ist niemand gekommen! O, diese Barbaren!«

Um die Fürstin macht sich der alte Mark zu schaffen. Er ist nicht weniger gekränkt: die Leute sind schlimm geworden. Früher summten sie im Salon wie Fliegen umher, und jetzt . . .

»Niemand ist gekommen!« weint die Fürstin. »Weder der Baron, noch Fürst Halahadze, noch George Buwizkij . . . Sie haben mich alle verlassen. Und doch, wenn ich nicht wäre, was wäre aus ihnen geworden? Mir verdanken sie ihr Glück, ihre Carrière – nur mir! Ohne mich hätten sie es zu nichts gebracht.«

»Zu gar nichts!« bestätigte Mark.

»Ich bitte ja nicht um Dankbarkeit . . . Die brauche ich nicht! Nur Gefühl will ich haben! Mein Gott, wie das kränkend ist! Sogar mein Neffe Jean ist nicht gekommen. Und warum nicht, was habe ich ihm denn Schlechtes gethan? Ich habe alle seine Wechsel bezahlt, habe für seine Schwester Tanja eine gute Partie gefunden. Teuer kommt mir dieser Jean zu stehen! Ich habe das Wort, welches ich meinem Bruder und seinem Vater gegeben, gehalten . . . Ich habe für ihn verausgabt . . . Du weißt es ja selbst . . .«

»Und seinen Eltern waren Ew. Durchlaucht, man kann wirklich sagen, wie eine Mutter.«

»Siehst Du . . . und jetzt die Dankbarkeit! O, diese Menschen!«

Um drei Uhr bekommt die Fürstin, wie auch im vorigen Jahr, einen hysterischen Anfall. Der betrübte Mark setzt seinen Tressenhut auf, feilscht lange mit dem Droschkenkutscher und fährt zum Neffen Jean. Zum Glück sind die Chambres garnies, in denen Fürst Jean haust, nicht zu weit entfernt . . . Mark findet den Fürsten im Bette liegend. Er ist eben erst vom gestrigen Trinkgelage heimgekehrt. Sein verlebtes, feistes Gesicht ist knallrot und die Stirn mit Schweiß bedeckt. In seinem Kopf hämmert es und im Magen tobt eine Revolution. Er möchte gern einschlafen und kann es vor Übelkeit nicht. Seine trüben Augen stieren die Waschschüssel an, die bis oben mit Seifenwasser gefüllt ist.

Mark tritt, nicht ohne Widerwillen, in die verwahrloste Stube ein und nähert sich dem Bette.

»Das ist nicht hübsch, Iwan Michailowitsch!« sagt er vorwurfsvoll.

»Was ist nicht hübsch?«

»Warum haben Sie Ihrem Fräulein Tante heute nicht gratuliert? Ist denn das nett?«

»Pack' Dich zum Teufel!« ruft Jean, ohne den Blick vom Seifenwasser zu wenden.

»Als wenn das die Tante nicht kränken müßte? Wie? Ach, Iwan Michailowitsch, Ew. Durchlaucht! Haben Sie denn gar kein Gefühl? Sagen Sie, wozu wollen Sie sie denn beleidigen?«

»Ich mache keine Visiten . . . Sag' ihr das einfach . . . Diese Sitte ist schon lange veraltet . . . Ich hab' auch keine Zeit. herumzufahren. Fahrt, wenn Ihr nichts zu thun habt, selbst umher und laßt mich in Ruhe . . . Nun mach, daß Du fortkommst! Ich will schlafen . . .«

»Schlafen . . . Und in die Augen können Sie mir nicht vor Schande sehen . . .«

»Na . . . Kusch . . . So ein frecher Kerl! Ein Luder!«

Mark zwinkert heftig mit den Augen. Eine längere Pause.

»Nun, Ew. Durchlaucht, sei'n Sie schon so gut, fahren Sie hin und gratulieren Sie. Die Fürstin weinen und liegen zu Bett . . . Sei'n Sie doch so gut und erweisen Sie ihr die Ehre . . . Fahren Sie nur hin, Ew. Durchlaucht!«

»Nein, fällt mir nicht ein. Es hat keinen Zweck und ich hab' auch zu thun . . . Und was soll ich denn auch bei der alten Jungfer machen? . . .«

»Fahren Sie doch, Ew. Durchlaucht, erweisen Sie uns die Gnade! Ich kann gar nicht sagen, wie Durchlaucht durch Ihre Undankbarkeit, mit Verlaub, und Gefühllosigkeit betrübt sind!«

Mark fährt mit dem Ärmel über die Augen.

»Sei'n Sie doch so gut!«

»Hm . . . Giebt's denn bei Euch Cognak?« fragt Jean.

»Jawohl, Ew. Durchlaucht, jawohl!«

»So, hm, hm . . .«

Der Fürst zwinkert mit dem linken Auge.

»So, so, und auch hundert Rubel?«

»Nein, das ist unmöglich . . . Sie wissen's selbst, daß wir unsere früheren Kapitalien nicht mehr haben . . . daß uns unsere Verwandten zu Grunde gerichtet . . . Wie wir Geld hatten, kamen alle zu uns, und jetzt . . . Es ist wohl Gottes Wille . . .«

»Im vorigen Jahr hab' ich von Euch für die Visite wieviel . . . 200 Rubel genommen, nicht? Und jetzt habt Ihr nicht 'mal hundert? Jawohl, alter Fuchs, Dich kennen wir! Such 'mal bei der Alten nach, 's wird sich schon finden . . . Übrigens kannst Du Dich auch packen, ich möchte nämlich schlafen.«

»Sei'n Sie doch so großmütig, Ew. Durchlaucht! Die Fürstin sind doch alt und schwach . . . haben Sie doch Mitleid mit ihr, Ew. Durchlaucht!«

Jean ist unerbittlich. Mark beginnt mit ihm zu feilschen. Gegen fünf Uhr ergiebt sich Jean, zieht seinen Frack an und fährt zur Fürstin . . .

»Ma tante«, sagt er, seine Lippen auf ihre Hand pressend, und die Augen gehen ihm über . . .

Und sich in den Lehnstuhl werfend, beginnt er dasselbe Gespräch, wie im vorigen Jahr.

»Marie Kriskin, ma tante, hat aus Nizza einen Brief . . . Ihr Mann – wie gefällt Ihnen das? – beschreibt ganz harmlos ein Duell, welches er wegen irgend einer Sängerin mit einem Engländer gehabt hat . . . wegen der Dingsda, den Namen hab' ich vergessen . . .«

»Ach, wirklich!«

Die Fürstin himmelt mit den Augen. schlägt die Hände zusammen und wiederholt mit Staunen und nicht ohne erschrocken zu thun:

»Ach, wirklich?«

»Jawohl . . . Duelliert sich und läuft Sängerinnen nach, während hier seine Frau hinsiecht und zu Grunde geht . . . Ich begreife solche Leute nicht, ma tante

Die überglückliche Fürstin setzt sich näher an Jean heran und das Gespräch zieht sich in die Länge . . . Es wird Thee mit Kognak gereicht.

Und während die glückliche Fürstin, ihrem Neffen lauschend, lacht und staunt und erschrickt, sucht der alte Mark in allen seinen Geheimfächern herum und liest die Papierscheine zusammen.

Fürst Jean hat sich unglaublich nachgiebig gezeigt. Man braucht ihm nur fünfzig Rubel zu zahlen. Aber um diese fünfzig Rubel zusammenzubringen, muß der alte Mark mehr als ein Fach durchstöbern!

 


 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.