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Erzählungen

Anton Tschechow: Erzählungen - Kapitel 26
Quellenangabe
titleErzählungen
authorAnton Tschechow
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typenarrative
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In den Chambregarnies

»Hören Sie mal, Verehrtester!« stürzte sich die puterrote und schäumende Mieterin aus Nr. 47, die Frau Oberst Naschatirina, auf den Wirt. »Entweder geben Sie mir andere Zimmer, oder ich ziehe überhaupt aus Ihren verdammten Garnies aus! Das ist ja eine Spelunke! Begreifen Sie doch, ich habe erwachsene Töchter, und hier hört man Tag und Nacht nichts anderes als Gemeinheiten! Das ist ja garnicht zum aushalten . . . Tag und Nacht! Zuweilen läßt er so etwas vom Stapel, daß es einem einfach übel wird! Wie ein Droschkenkutscher! Es ist noch ein Glück, daß meine armen Mädchen nichts davon verstehen, sonst müßte man einfach auf die Straße hinauslaufen . . . Da redet er ja eben wieder! Hören Sie nur!«

»Ich kenne, mein Bester, noch einen ganz anderen Fall,« ließ sich aus dem Nebenzimmer ein heiserer Baß vernehmen. »Erinnerst Du Dich des Leutnants Drushkow? Also dieser selbe Drushkow jagt einmal den Gelben in die Ecke und hebt, weißt Du, wie gewöhnlich das eine Bein dabei in die Höhe . . . Plötzlich geht etwas: trach! Zuerst glaubte man, daß er das Billardtuch eingerissen habe, als man aber näher hinschaute, da war bei ihm das Kleidungsstück, das Adam noch nicht kannte, in allen Nähten geplatzt! So'ne Kanaille, hatte mit dem Bein so stark nach hinten ausgeschlagen, daß nicht eine Naht heil blieb . . . Ha-ha-ha. Nun waren aber dabei Damen zugegen . . . unter anderen die Frau dieser Schlafmütze, des Sekondeleutnants Okurin . . . Okurin wurde wütend . . . Wie dürfe er sich in Gegenwart seiner Frau so unanständig betragen? Ein Wort gab das andere . . . Du kennst ja unsere Leute! . . . Okurin schickt zu Drushkow seine Sekundanten, Drushkow aber ist nicht dumm und sagt . . . ha-ha-ha . . . und sagt: ›Er soll seine Sekundanten nicht zu mir, sondern zu dem Schneider schicken, der diese Hosen genäht hat, denn dieser ist doch daran schuld!‹ Ha-ha-ha . . . Ha-ha-ha!«

Lilja und Mila, die Töchter der Frau Oberst, die am Fenster saßen, die drallen Wangen auf die Fäuste stützend, wurden rot und sahen mit ihren verschwommenen Äuglein zu Boden.

»Haben Sie jetzt gehört?« fuhr Frau Naschatirina fort, sich an den Wirt wendend. »Und das ist, Ihrer Ansicht nach, nichts? Ich bin die Frau eines Obersten, mein Herr! Mein Mann ist Bezirkskommandeur! Ich werde es nicht dulden, daß fast in meiner Gegenwart so ein Droschkenkutscher derartige Gemeinheiten spricht!«

»Er ist kein Droschkenkutscher, gnädige Frau, sondern Stabskapitän, Stabskapitän Kikin . . . Vom Adel . . .«

»Wenn er seinen Adel so vergessen hat, daß er sich wie ein Droschkenkutscher ausdrückt, so muß man ihn um so mehr verachten! Mit einem Wort, reden Sie nicht, sondern ergreifen Sie gefälligst Maßregeln!«

»Aber was kann ich denn thun, gnädige Frau? Nicht Sie allein klagen, alle klagen – aber was kann ich denn mit ihm anfangen? Komme ich zu ihm ins Zimmer und will ihm ins Gewissen reden: ›Gannibal Iwanitsch! Das ist doch peinlich!‹ rennt er gleich mit den Fäusten auf mich los mit so allerlei Worten: ›willst Du was schmecken?‹ u. s. w. Ein Skandal. Wenn er am Morgen aufsteht, fängt er an, auf dem Korridor, verzeihen Sie, blos in der Leibwäsche umherzuspazieren. Oder er nimmt in betrunkenem Zustande einen Revolver und pfeffert eine Kugel nach der andern in die Wand. Am Tage säuft er und in der Nacht spielt er Karten . . . Und nach den Karten giebt's Keilerei . . . Man schämt sich geradezu vor den Mietern!«

»Warum kündigen Sie denn diesem Scheusal nicht?«

»Ja, so einen räuchert man nicht so leicht aus . . . Für drei Monate schuldet er uns, wir wollen schon garnicht das Geld haben und bitten nur, daß er uns die Gnade erweist und auszieht . . . Der Friedensrichter hat ihn zur Räumung des Zimmers verurteilt, er reichte aber Kassations- und Appellationsklagen ein und zieht es so in die Länge . . . So ein Malheur! Ja, und was für ein Mensch dabei! Jung, schön, gebildet . . . Wenn er nicht angeheitert ist, kann man sich einen besseren Menschen garnicht wünschen. Neulich war er mal nüchtern und schrieb den ganzen Tag Briefe an seine Eltern.«

»Die armen Eltern!« seufzte die Frau Oberst.

»Natürlich! Es ist doch kein Vergnügen, so einen verlotterten Sohn zu haben? Aus den Garnies wird er gejagt und kein Tag vergeht, ohne daß er wegen irgend eines Skandals vor Gericht müßte. Ein Malheur!«

»Die arme, unglückliche Frau!« seufzte die Frau Oberst.

»Er ist nicht verheiratet, gnädige Frau. Wie soll er's denn auch! Er kann Gott danken, wenn sein Kopf allein heil bleibt . . .«

Die Frau Oberst ging aus einer Ecke in die andere und zurück.

»Also nicht verheiratet, sagen Sie?« fragte sie.

»Nein, gnädige Frau.«

Die Frau Oberst machte wieder dieselbe Tour und überlegte sich etwas.

»Hm! . . . Nicht verheiratet . . .« sprach sie nachdenklich. »Hm! . . . Lilja und Mila, sitzt nicht am Fenster – es zieht! Wie schade! Ein junger Mensch und so verkommen. Und woher kommt das alles? Es fehlt ihm ein guter Einfluß, eine Mutter, die ihn . . . Nicht verheiratet? Na ja . . . natürlich . . . Also bitte, seien Sie so freundlich«, fuhr die Frau Oberst nach einigem Nachdenken milder fort, »gehen Sie zu ihm hin und bitten Sie ihn in meinem Namen, daß er . . . sich der Ausdrücke enthalten soll . . . Sagen Sie ihm: die Frau Oberst Naschatirina bittet darum . . . Sie lebt mit ihren Töchtern, sagen Sie ihm, in N. 47 . . . ist von ihrem Landgut zur Stadt gekommen . . .«

»Jawohl.«

»Also sagen Sie nur so: die Frau Oberst mit Fräulein Töchtern. Er soll sich doch wenigstens entschuldigen . . . Wir sind am Nachmittag immer zu Hause. Ach, Mila, schließe doch das Fenster!«

»Nun, sagen Sie doch, Mama, wozu brauchen Sie diesen Radaubruder?« sagte Lilja gedehnt, als der Wirt gegangen war. »So einen einzuladen! Ein Trunkenbold, Skandalist und Lump!«

»Ach, sprich doch nicht, ma chère! . . . Ihr redet immer so und . . . und bleibt eben sitzen! Was ist denn dabei? Mag er sein, wie er ist, aber er ist immerhin nicht zu verachten . . . Jedes Ding kann seinen Nutzen haben. Wer weiß?« seufzte die Frau Oberst, ihre Töchter mit einem sorgenvollen Blick streifend. »Vielleicht ist das Euer Schicksal. Kleidet Euch also für alle Fälle etwas an . . .«

 


 

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