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Erzählungen

Anton Tschechow: Erzählungen - Kapitel 21
Quellenangabe
titleErzählungen
authorAnton Tschechow
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typenarrative
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Die Sirene

Nach einer Sitzung des N–schen Friedensrichterplenums hatten sich die Richter in dem Beratungszimmer versammelt, um ihre Uniformröcke abzulegen, einen Augenblick auszuruhen und dann nach Hause zum Mittag zu fahren.

Der Präsident des Plenums, ein stattlicher Herr mit pompösem Backenbart, der bei einem der soeben verhandelten Prozesse ›bei besonderer Meinung‹ geblieben war, saß jetzt am Tisch und beeilte sich, diese seine Meinung schriftlich niederzulegen.

Der Bezirksfriedensrichter Milkin, ein junger Mann mit einem melancholischen, sehnsuchtskranken Gesicht, der für einen mit dem Milieu unzufriedenen und nach einem Lebenszweck suchenden Philosophen galt, stand am Fenster und blickte trübselig auf den Hof hinaus. Der andere Bezirksfriedensrichter und einer der beiden Ehrenfriedensrichter waren schon gegangen.

Der andere Ehrenfriedensrichter, ein schwammiger, schwer atmender dicker Herr, und der Prokureursadjunkt, ein junger Deutscher mit einem katarrhalen Gesicht, saßen auf dem kleinen Divan und warteten, bis der Präsident mit dem Schreiben fertig würde, um dann zusammen zum Essen zu fahren.

Vor ihnen stand der Sekretär des Plenums, Shilin, ein kleines Männchen mit Bartansätzen bei den Ohren und süßem Gesichtsausdruck. Mit halber Stimme und einem honigsüßen Lächeln sprach er, zum Dicken gewandt:

»Wir möchten jetzt freilich alle essen, denn wir sind müde und die Uhr geht schon auf vier, aber das, mein Herzchen, Grigori Ssawwitsch, ist doch nicht der richtige Appetit. Den richtigen Appetit, wahren Wolfshunger, wo man, glaube ich, seinen eigenen Vater auffressen könnte, hat man nur nach physischer Bewegung, zum Beispiel nach einer Parforcejagd, oder wenn man so hundert Werst ohne Unterbrechung mit Postpferden gefahren ist. Auch die Einbildungskraft macht viel aus. Wenn Sie zum Beispiel von der Jagd nach Hause fahren, so dürfen Sie niemals an etwas Kluges denken; das Kluge und Gelehrte verdirbt einem immer den Appetit. Sie wissen ja selbst: die Philosophen und Gelehrten sind, was das Essen anlangt, die allerletzten Leute und schlechter als sie essen – Sie verzeihen – fressen nicht mal die Schweine . . . Wenn man nach Hause fährt, muß man nur an die Karaffe und an die Sakuska denken. Einmal schloß ich unterwegs die Augen und stellte mir in der Phantasie ein Spanferkel mit Meerrettig vor – ich bekam vor lauter Appetit beinahe einen hysterischen Anfall. Ja, und wenn Sie zu sich in den Hof einfahren, muß es gerade nach etwas . . . nach etwas . . . so etwas riechen, wissen Sie . . .«

»Gebratene Gänse haben das Duften los«, sagte der Landfriedensrichter schwer atmend.

»Ach nein, mein verehrtester Grigori Ssawwitsch, eine Ente oder eine Bekassine ist der Gans darin bei weitem voraus. Dem Bouquet der Gans fehlt es an Zartheit und Delikatesse. Am kräftigsten riechen junge Zwiebeln, wenn sie, wissen Sie, etwas anbrennen und durch das ganze Haus zischen, die Kanaillen . . . Nun also, wenn Sie eintreten, muß der Tisch schon gedeckt sein. Sie setzen sich, stecken gleich die Serviette hinter die Binde und langen ohne Eile nach der Schnapskaraffe. Und das Schnäpschen gießen Sie sich nicht in ein Spitzglas ein, sondern in irgend so einen vorsintflutlichen silbernen Familienbecher, oder in so ein dickwanstiges Gläschen mit der Aufschrift: ›Auch ein Mönch, ein krasser, trinkt nicht immer Wasser!‹ Und Sie trinken nicht gleich, sondern seufzen zuerst aus, reiben sich die Hände, werfen einen gleichgiltigen Blick an die Decke, führen dann das Schnäpschen ohne Eile an die Lippen – und sofort fühlen Sie, wie Ihren ganzen Körper vom Magen aus belebende Funken durchzucken . . .«

Der Sekretär verlieh seinem süßen Gesicht den Ausdruck von Glückseligkeit.

»Funken . . .« wiederholte er, die Augen zukneifend. »Sobald Sie getrunken haben, müssen Sie sich gleich an die Sakuska machen.«

»Hören Sie mal«, sagt der Präsident, seine Augen zu dem Sekretär erhebend, »sprechen Sie etwas leiser! Ich verderbe Ihretwegen schon den zweiten Bogen.«

»Ach, entschuldigen Sie, Pjotr Nikolaitsch! Ich werde leiser . . .« sagte der Sekretär und fuhr im Flüsterton fort: »Nun, und die Sakuska, mein verehrtester Grigori Ssawwitsch, muß man sich auch mit Verständnis auswählen. Man muß wissen, was sich dazu eignet. Die beste Sakuska ist, wenn Sie es wissen wollen, der Hering. Haben Sie davon ein Stückchen mit Zwiebeln und Senfsauce gegessen, mein Bester, so nehmen Sie gleich, solange Sie noch die Funken im Magen spüren, etwas Kaviar – allein für sich oder, wenn Sie wollen, mit Citrone – dann gewöhnlichen Rettig mit Salz, dann wieder Hering. Am besten aber, mein Liebster, sind diese rötlichen Pilze, die Brätlinge, gesalzen, ganz fein wie Kaviar geschnitten und mit Zwiebeln und Provenceröl angemacht . . . da kann man sich krank dran essen! Und nun gar Aalquappenleber – das ist schon das reine Epos!«

»Hm, ja . . .« stimmte der Ehrenfriedensrichter, die Augen zukneifend, bei. »Als Sakuska sind auch . . . hm . . . gedünstete Steinpilze gut.«

»Ja, ja, ja – mit Zwiebeln, wissen Sie, mit Lorbeer und verschiedenem Gewürz. Man öffnet die Kasserolle und aus ihr steigt so ein Dampf, so ein Pilzaroma, daß einem zuweilen sogar Thränen in die Augen kommen! Nun also, sobald aus der Küche die Pastete kommt, gleich, ohne Zeit zu verlieren, den zweiten hinter die Binde.«

»Iwan Jurjitsch!« sagte mit weinerlicher Stimme der Präsident. »Ihretwegen verderbe ich jetzt den dritten Bogen!«

»Hol's der Teufel, er denkt nur ans Essen!« brummte der Philosoph Milkin mit einer verächtlichen Grimasse. »Giebt es im Leben denn wirklich keine anderen Interessen als Pilze und Pasteten?«

»Nun, also vor der Pastete muß man eins trinken«, fuhr der Sekretär mit halber Stimme fort. Er war schon so in den Zug gekommen, daß er, wie eine schlagende Nachtigall, nichts mehr außer seiner eigenen Stimme hörte. »Die Pastete muß appetitlich und schamlos in ihrer rosigen Nacktheit sein, damit sie verführerisch wirkt. Man blinzelt ihr zu, schneidet sich ein Stück ab und macht nur so mit den Fingern vor Überfluß an Gefühl. Wenn man sie ißt, träufelt die Butter wie Thränen herunter . . . Die fette, saftige Füllung mit Ei, Gekröse, Zwiebeln . . .«

Dem Sekretär gingen die Augen über und er verzog den Mund bis an das eine Ohr.

Der Ehrenfriedensrichter räusperte sich und machte eine Geste, aus der man ersehen konnte, wie lebhaft er sich die Pastete vorstellte.

»Das ist ja weiß der Teufel was . . .« brummte der Bezirksfriedensrichter, zu dem anderen Fenster hinübergehend.

»Zwei Stück ißt man und das dritte hebt man sich zu der Kohlsuppe auf«, fuhr der Sekretär begeistert fort. »Sobald Sie mit der Pastete fertig sind, lassen Sie gleich, ohne den Appetit einschlafen zu lassen, die Kohlsuppe auftragen . . . Kohlsuppe muß brennend heiß sein . . . Am besten aber, mein Verehrtester, ist ein Borstschok aus Beeten auf kleinrussische Art mit etwas Schinken und Wiener Würsteln. Dazu wird saure Sahne und frische Petersilie mit etwas Dill genommen. Vorzüglich ist auch eine Rassoljnik-Suppe mit Gekröse und jungen Nieren; lieben Sie dagegen Bouillonsuppen, so ist die beste die Julien-Suppe aus Gemüse und Kräutern: Karotten, Blumenkohl und ähnliche Jurisprudenz.«

»Ja, die schmeckt vorzüglich . . .« seufzte der Präsident, den Blick vom Papier losreißend. Aber er kam sogleich wieder zur Besinnung und stöhnte: »Daß Sie sich nicht schämen! Auf diese Weise werde ich mit meiner ›besonderen Meinung‹ vor dem Abend nicht fertig! Den vierten Bogen muß ich wegwerfen!«

»Gut, gut, ich werde nicht mehr . . . Verzeihen Sie!« entschuldigte sich der Sekretär und fuhr fort zu flüstern:

»Sobald Sie den Borstschok oder die Suppe gegessen haben, mein Verehrtester, lassen Sie sofort den Fisch auftragen. Von den Fischen ist der beste – in Sahne gebratene Karausche; nur muß man sie, damit sie fein wird und nicht nach dem Sumpf schmeckt, vorher vierundzwanzig Stunden lebend in Milch halten.«

»Auch ein kleiner Sterlett ist nicht übel«, sagte der Ehrenfriedensrichter, die Augen schließend.

Aber sofort und ganz unerwartet sprang er auf, machte ein wütendes Gesicht und brüllte, nach dem Präsidenten gewandt:

»Pjotr Nikolaitsch, sind Sie bald soweit? Ich kann nicht länger warten! Ich kann nicht!«

»Lassen Sie mich nur zu Ende schreiben!«

»Na, dann fahr ich allein! Hol' Sie der . . .«

Der Dicke machte eine ungeduldige Geste, griff nach dem Hut und lief, ohne sich zu verabschieden, zum Zimmer hinaus.

Der Sekretär seufzte auf, und fuhr, zum Ohr des Prokureursadjunkts gebeugt, mit halber Stimme fort:

»Auch Sandart oder Karpfen mit einer Tunke von Tomaten und Pilzchen ist gut. Aber Fisch macht einen nicht satt, Stepan Franzitsch; das ist kein reelles Essen, und die Hauptsache beim Mittag sind nicht der Fisch, nicht die Saucen, sondern der Braten. Welches Geflügel schätzen Sie am meisten?«

Der Prokureursadjunkt machte ein saures Gesicht und sagte mit einem Seufzer:

»Ich kann Ihre Gefühle leider nicht teilen: ich leide an einem Magenkatarrh.«

»Ach was! Magenkatarrhe haben die Ärzte erfunden! Diese Krankheit kommt mehr vom Freisinn und vom Stolz. Beachten Sie sie garnicht. Sie möchten, wollen wir sagen, nicht essen, oder es ist Ihnen widerwärtig; achten Sie aber nicht darauf und essen Sie ruhig. Wenn zum Beispiel als Braten ein Pärchen Doppelschnepfen aufgetragen wird und dazu ein Rebhühnchen oder ein Pärchen fetter Wachteln, – da vergessen Sie jeden Katarrh, Ehrenwort! Und ein gebratener Truthahn? Weiß, fett, saftig, wissen Sie, wie so 'ne Nymphe . . .«

»Ja, das muß wohl gut schmecken«, sagte mit einem trüben Lächeln der Prokureursadjunkt. »Truthahn würde ich vielleicht auch essen.«

»Mein Gott, und Ente? Wenn Sie eine junge Ente nehmen, so um die ersten Herbstfröste, wenn die Ente vielleicht zum ersten Mal übers Eis gelaufen ist, und sie auf der Pfanne mit Kartoffeln braten und zwar so, daß die Kartoffeln fein zerschnitten sind und schön braun werden und vom Entenfett ordentlich durchzogen sind und . . .«

Der Philosoph Milkin machte ein bestialisches Gesicht und wollte offenbar etwas sagen. Aber plötzlich schmatzte er mit den Lippen, sich wahrscheinlich die gebratene Ente vorstellend, nahm, ohne ein Wort zu sagen, seinen Hut und lief davon, von einer unbekannten Kraft getrieben.

»Ja, vielleicht würde ich auch Ente essen . . .« seufzte der Prokureursadjunkt.

Der Präsident stand auf, ging einmal durch das Zimmer und setzte sich wieder.

»Nach dem Braten beginnt der Mensch ein Gefühl von Sattigkeit zu empfinden und verfällt in einen süßen Dusel«, fuhr der Sekretär fort. »Der Körper fühlt sich dann wohl und das Gemüt schwelgt in Seligkeit. Da werden Sie etwa drei Gläschen im Ofen selbst abgezogenen Likörs nicht ohne innere Befriedigung zu sich nehmen können.«

Der Präsident räusperte sich und durchstrich einen Bogen.

»Ich verderbe den sechsten Bogen«, sagte er ärgerlich. »Das ist doch . . .«

»Schreiben Sie, schreiben Sie nur, Verehrtester«. flüsterte der Sekretär. »Ich werde nicht mehr . . . Ich mach's leise. – Ich muß Ihnen aufrichtig sagen, Stepan Franzitsch«, fuhr er in kaum hörbarem Flüsterton fort, »ein selbst abgezogenes Likörchen ist besser als jeder Champagner. Gleich nach dem ersten Gläschen geht Ihre Seele in Verzückung auf . . . so 'ne Fata Morgana . . . und es kommt Ihnen vor, als säßen Sie nicht bei sich zu Hause im Lehnstuhl, sondern irgendwo in Australien auf einem weichen, sich sanft wiegenden Straußenrücken . . .«

»Ach, fahren wir doch, Pjotr Nikolaitsch!« sagte der Prokureursadjunkt, ungeduldig mit dem Bein zuckend.

»Jawohl«, fuhr der Sekretär fort. »Während des Likörs ist es gut, eine Zigarre zu rauchen und Ringe in die Luft zu blasen. Da kommen einem so phantastische Gedanken in den Kopf . . . als wären Sie Generalfeldmarschall, oder als hätten Sie die erste Schönheit der Welt zur Frau . . . Und diese schöne Frau schwimmt den ganzen Tag über vor Ihren Fenstern in so einem Bassin mit Goldfischen herum. Sie schwimmt so umher, und Sie sagen zu ihr nur: ›Komm, Schätzchen, küß mich! ‹«

»Pjotr Nikolaitsch!« stöhnte der Prokureursadjunkt auf.

»Ja . . .« fuhr der Sekretär fort. »Wenn Sie ausgeraucht haben, nehmen Sie die Schöße Ihres Schlafrockes auf und – ›nur auf ein Viertelstündchen‹! Sie legen sich so auf den Rücken, mit dem Bauch nach oben und nehmen eine Zeitung in die Hand. Wenn die Augen einem zukleben und der ganze Körper sich schläfrig dehnt, ist es ganz angenehm, über Politik zu lesen: hier hat Österreich irgend etwas schlecht gemacht, dort ärgert sich jemand über Frankreich, oder der Pabst kommt jemandem in die Quere – man liest das alles und es wird einem ordentlich wohl dabei . . .«

Der Präsident sprang auf, warf die Feder beiseite und griff mit beiden Händen nach dem Hut.

Der Prokureursgehilfe, der seinen Katarrh vergessen hatte und vor Ungeduld verging, sprang ebenfalls auf.

»Fahren wir!« rief er.

»Pjotr Nikolaitsch! Und Ihre ›besondere Meinung‹ rief der Sekretär erschrocken. »Wann werden Sie die denn aufsetzen? Sie müssen doch um sechs Uhr zur Stadt!«

Der Präsident machte eine abwehrende Geste, und stürzte nach der Thür.

Der Prokureursadjunkt machte ebenfalls eine abwehrende Geste, nahm sein Portefeuille und verschwand mit dem Präsidenten.

Der Sekretär seufzte auf, blickte ihnen vorwurfsvoll nach und begann die Akten zusammenzulegen.

 


 

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